Ibrutinib in Kombination mit einer Immunchemotherapie mit oder ohne autologe Stammzelltransplantation versus einer Immunochemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation bei zuvor unbehandelten Patienten mit Mantelzell-Lymphom Erkrankung: Eine dreiarmige, randomisierte, offene Phase-3-Ćberlegenheitsstudie des EuropƤischen Mantelzell-Lymphom-Netzwerks (TRIANGLE)
Martin Dreyling et al., Lancet. 2024 May 2:S0140-6736(24)00184-3. doi: 10.1016/S0140-6736(24)00184-3. Epub ahead of print. PMID: 38705160.
Hintergrund
Die Hinzunahme von Ibrutinib zur Standard-Immunchemotherapie kƶnnte die Ergebnisse verbessern und den Stellenwert der autologen Stammzelltransplantation (ASCT) bei jüngeren (ā¤65 Jahre) Mantelzell-Lymphom (MCL) Patienten/innen hinterfragen. Mit dieser Studie sollte untersucht werden, ob die zusƤtzliche Gabe von Ibrutinib zu einem besseren klinischen Ergebnis im Vergleich zur Standard-Immunchemotherapie mit ASCT oder einer Ibrutinib-haltigen Behandlung ohne ASCT führt. AuĆerdem wurde untersucht, ob die Standardbehandlung mit ASCT einer Behandlung mit Ibrutinib, aber ohne ASCT, überlegen ist.
Methoden
Die offene, randomisierte, dreiarmige, parallele Studie wurde in 165 klinischen Zentren in 13 europäischen Ländern und Israel durchgeführt. Patienten/innen mit zuvor unbehandeltem, Stadium II-IV Mantelzell-Lymphom im Alter von 18-65 Jahren, die für eine ASCT geeignet waren, wurden nach dem Zufallsprinzip 1:1:1 der Kontrollgruppe A oder den experimentellen Gruppen A+I oder I zugeteilt. Die Behandlung in Gruppe A bestand aus sechs alternierenden Zyklen R-CHOP und R-DHAP (oder R-DHAOx) gefolgt von einer ASCT. In Gruppe A+I wurde zusätzlich Ibrutinib (560 mg täglich oral) an den Tagen 1-19 der R-CHOP-Zyklen und als Erhaltungstherapie mit fester Dosierung (560 mg täglich oral für 2 Jahre) nach ASCT gegeben. In Gruppe I wurde Ibrutinib auf die gleiche Weise verabreicht wie in Gruppe A+I, aber die ASCT weggelassen. Der primäre Endpunkt beruhte auf dem sog. failure-free-survival (FFS) und wurde in einer Intention-to-treat-Analyse erhoben.
Ergebnisse
Zwischen Juli 2016 und Dezember 2020 wurden 870 Patienten/innen (662 MƤnner, 208 Frauen) nach dem Zufallsprinzip der Gruppe A (n=288), Gruppe A+I (n=292) bzw. Gruppe I (n=290) zugeteilt. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 31 Monaten war die Gruppe A+I der Gruppe A mit einem 3-Jahres-FFS von 88% vs. 72% (einseitiges p=0,0008) überlegen. Eine Ćberlegenheit der Gruppe A gegenüber der Gruppe I konnte nicht nachgewiesen werden; das 3-Jahres-FFS betrug 72% vs. 86%. Der Vergleich der Gruppe A+I vs. der Gruppe I ist noch nicht abgeschlossen. Es gab keine relevanten Unterschiede bzgl. unerwünschter Ereignisse Grad 3-5 wƤhrend der Induktion oder der ASCT zwischen Patienten/innen, die mit R-CHOP/R-DHAP bzw. in Kombination mit Ibrutinib behandelt wurden. WƤhrend der Erhaltungstherapie oder der Nachbeobachtung wurden mehr hƤmatologische Nebenwirkungen des Grades 3-5 und Infektionen nach ASCT plus Ibrutinib gemeldet.
Schlussfolgerung
Die Hinzunahme von Ibrutinib zur Erstlinienbehandlung führte bei jüngeren Mantelzell-Lymphom-Patienten/innen zu einer überlegenen Wirksamkeit mit erhöhter Toxizität, wenn sie nach ASCT verabreicht wurde. Die Ibrutinib Therapie sollte während der Induktions- und Erhaltungstherapie Teil der Erstlinienbehandlung jüngerer Mantelzell-Lymphom-Patienten/innen sein. Es ist noch nicht geklärt, ob eine ASCT eine ibrutinibhaltige Therapie ergänzt.
Die Studie wurde von Janssen und der Leukemia & Lymphoma Society finanziert und ist bei ClinicalTrials.gov (NCT02858258) registriert.
Vorhersage des Fortschreitens einer hochzelligen monoklonalen B-Lymphozytose anhand einer epigenetischen und immunogenetischen Signatur
Die monoklonale B-Zell-Lymphozytose (MBL) entwickelt sich bei Betroffenen mit einer Rate von 1 bis 5% pro Jahr zu einer therapiebedürftigen chronischen lymphatischen LeukƤmie (CLL) . Eine bessere Vorhersage des Fortschreitens der Erkrankung würde für Patienten mit MBL von groĆem Nutzen sein. Generell lassen sich CLL Patienten/innen in drei verschiedene epigenetische Subtypen (Epitypen) einteilen, die eine hohe prognostische Bedeutung haben. Kürzlich wurde gezeigt, dass der intermediƤre Epityp mit der Hochrisiko-Immunglobulin-Lambda-Variable (IGLV) 3-21 angereichert ist, was sich auf die Therapieergebnisse dieser Patienten/innen auswirkt.
Methoden
In der vorliegenden Studie wurde diese kombinierte Analyse eingesetzt, um eine epigenetische und Leichtketten-Immunglobulin-Signatur (ELCLV3-21) zu erstellen und 219 Personen mit MBL zu klassifizieren.
Ergebnisse
Die ELCLV3-21-Hochrisikosignatur unterschied MBL-Patienten mit einer hohen Progressionswahrscheinlichkeit (39,9% und 71,1% nach 5 bzw. 10 Jahren). ELCLV3-21 verbesserte die Genauigkeit der Vorhersage bzgl. der Zeit bis zur Therapieeinleitung bei MBL-Patient/-innen im Vergleich zu anderen etablierten Prognoseindikatoren, einschlieĆlich des internationalen CLL-Prognoseindex. Ein Vergleich der ELCLV3-21-Risikogruppen bei MBL mit einer Kohorte von 226 CLL-Patienten/innen ergab, dass ELCLV3-21-Hochrisiko-Patienten/innen mit MBL im Vergleich zu ELCLV3-21-Niedrigrisiko-Patienten/innen mit CLL eine signifikant kürzere Zeit bis zur Therapieeinleitung (p = 0,003) und ein verkürztes Gesamtüberleben (p = 0,03) aufweisen.
Schlussfolgerung
Die vorliegenden Ergebnisse unterstreichen die Leistungsfähigkeit des ELCLV3-21-Ansatzes zur Identifizierung von Personen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für einen ungünstigen klinischen Ausgang und könnten einen genaueren Ansatz zur Klassifizierung von Personen mit klonalen B-Zell-Erkrankungen darstellen.
Finanziert durch das National Institutes of Health, National Cancer Institute. Fƶrderung R01CA235026 und R01CA258465
Prof. Dr. med. Christoph Renner
Onkozentrum Hirslanden Zürich und Onkozentrum Zürich
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich
Die Ā«St.āGaller Fortbildung Klinische OnkologieĀ» hat zum zweiten Mal in ihrer Geschichte die Fortbildung interprofessionell ausgerichtet. Klassische VortrƤge zum heutigen Stand des Wissens wurden durch Workshops ergƤnzt. Wir berichten über einen Workshop, der sich dem interprofessionellen Ansatz selbst widmete.
Hintergrund
Mit der zunehmenden Verlagerung aus dem stationären in den ambulanten Sektor sind Patient/-innen und ihr Umfeld vermehrt damit konfrontiert, eine länger dauernde Behandlung in das Privat- und Berufsleben zu integrieren. Dies bedeutet für alle Beteiligten eine intensivere und auf die Bedürfnisse der Patient/-innen abgestimmte Koordination entlang des Behandlungspfades (1, 2).
Fachspezialisierung mit Subspezialisierung finden sich nicht nur in der Ćrzteschaft. Auch in der Pflege sind die Anforderungen an Wissen und Fertigkeiten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zunehmend werden Pflegefachpersonen auch in die Entscheidungsfindung über Behandlung und Interventionen einbezogen (shared decision-making) (3).
Unternehmen ausserhalb des Gesundheitssektors haben deshalb eine «Governance» oder «Führungsstrategie», welche die Zusammenarbeit verschiedener Professionen vorgibt. Im Alltag solcher interprofessionellen Teams spielen allerdings viele zusätzliche Faktoren eine prägende Rolle (4). Die Unterschiede in Ausbildung, fachlichem Verständnis, Fachsprache, sowie unterschiedlichen beruflichen Blickwinkeln, wie Patient/-innen am besten geholfen werden kann, können den interprofessionellen Austausch beeinflussen (5).
Fortbildungsveranstaltungen kƶnnen ein InteraktionsgefƤss zwischen den verschiedenen Berufsgruppen sein. Fortbildungen in der Medizin wenden sich traditionell sehr hƤufig von Ćrzt/-innen an Ćrzte/-innen oder an Pflegefachpersonen. Nur in seltenen FƤllen werden Fortbildungen von Pflegefachpersonen für Ćrzt/-innen gehalten. Einer der Workshops der St. Galler Fortbildungstage widmete sich dem interprofessionellen Teamwork und wurde paritƤtisch von einer Pflegefachfrau und einem Arzt geleitet.
Methodik
Der Workshop wurde an zwei Tagen wiederholt und wurde zahlenmƤssig von mehr Pflegefachpersonen als von Ćrzt/-innen besucht, aber auch Pharmazeut/-innen und Pharmavertreter/-innen nahmen daran teil. Mittels einer Ā«SWOT-AnalyseĀ» (6) nutzten wir die Expertise aller Teilnehmenden, um in multidisziplinƤr zusammengesetzten Arbeitsgruppen die RealitƤten zu beschreiben und in der Diskussion eine Synthese zu mƶglichen Handlungsfeldern zu erarbeiten.
Ergebnisse der SWOT-Analyse
Nachfolgend die Zusammenfassung des Workshops aus den multiprofessionell zusammengesetzten Arbeitsgruppen für die SWOT-Analyse (Tab 1).
Diskussion und Ausblick
Die Diskussion zeigte, dass sich Onkologiepflegefachpersonen, v.a. im ambulanten Setting als Teil eines breiteren multidisziplinären Behandlungsteams wahrnehmen. Eng verzahnte interdisziplinäre und interprofessionelle Betreuungsansätze ermöglichen die unterschiedlichen Bedürfnisse einer Person nahtlos und friktionsärmer anzugehen (8). Für das Gelingen ist aber nicht nur ausreichendes Fachpersonal notwendig, sondern auch die Notwendigkeit, die interprofessionelle Zusammenarbeit und deren Prozesse gemeinsam mitzugestalten (9). Dabei können die beruflichen Rollengrenzen in der Praxis durchaus nicht immer scharf getrennt verlaufen. Denn damit Patient/-innen nicht durch einen «Raster fallen», müssen alle Mitarbeitenden situativ flexibel auf die Anforderungen reagieren können. Informelle soziale Beziehungen, formalisierte Prozesse und institutionelles «Know-how» wirken komplementär. Hinderlich wirken sich hingegen Zeitdruck, Kommunikationsschwierigkeiten und konkurrierende Prioritäten in der Zusammenarbeit und der Patient/-innenversorgung aus (10). Um in einem Behandlungsteam im Gesundheitswesen effektiv zusammenarbeiten zu können, ist es also elementar, dass gemeinsame Ziele entwickelt werden, klare Rollen, Tätigkeitsfelder und Berufskompetenzen definiert sind, gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist, eine effektive Kommunikation gelebt wird und die Prozesse und Ergebnisse transparent gemacht werden (11).
Diskutiert wurden auch AnsƤtze, um die Zufriedenheit und ProduktivitƤt in den interprofessionellen Teams positiv zu beeinflussen, wie die Ā«fish philosophyĀ» oder Ā«management for happinessĀ» (12, 13). Denn Ā«wer zusammen lachen kann, kann auch zusammenarbeitenĀ». Dies fƶrdere die Definition gemeinsamer Zielsetzungen und die Identifikation mit dem Arbeitsumfeld. Auch sei es sehr wertvoll, sich gemeinsam als interprofessionelles Team weiterzubilden und weiterzuentwickeln, wie es beispielsweise in diesen St.āGaller Fortbildungstagen angestrebt werde. Die Integration neuerer pflegerischer Berufsrollen wie Ā«Nurse PractitionerĀ» im klinischen Alltag wird als sinnvolle Weiterentwicklung erachtet, wie auch die vermehrte und gezielte Nutzung der bestehenden technischen Mƶglichkeiten, welche oftmals nicht ausgeschƶpft würden.
Aus unserer Sicht war der Workshop für uns und die Teilnehmenden eine inspirierende Gelegenheit, sich ausserhalb des eigenen Arbeitsumfelds mit verschiedensten Anspruchsgruppen auszutauschen, sowie neue Aspekte, Mittel und Wege zu einer effektiveren interprofessionellen Zusammenarbeit zu diskutieren. Wir begrüssen die Schaffung von gemeinsamen Fortbildungen sehr. Ein Anfang wurde in St.āGallen gemacht.
Cornelia Kern Fürerā¹, Dr. med. Walter Mingroneā²
¹āSpitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland, Onkologiezentrum, 9472 Grabs
²āKantonspital Olten, Onkologie, 4600 Olten
1. Geese, F., Flieder, M. & Schmitt KU: Die Rolle von interprofessioneller Zusammenarbeit (IPZ) im Schnittstellenmanagement bei Personen in komplexen Situationen. Bundesamt für Gesundheit (BAG) Förderprogramm «Interprofessionalität im Gesundheitswesen (2017-2020)». 2020. Online unter https://arbor.bfh.ch/16536/1/Studie%20M20_Schnittstellenmanagement%20und%20 IPZ_BFH_Schlussbericht.pdf
2. Schmitz, Ch., Atzeni, G. & Berchtold, P.: Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (2020) Interprofessionelle Zusammenarbeit in der Gesundheitsversorgung: erfolgskritische Dimensionen und Fƶrdermassnahmen. Differenzierung, Praxis und Implementierung. Swiss Academies Communications, Vol. 15, No 2, 2020. Online unter
3. Mohile SG et al.: Praktische Beurteilung und Management von Schwachstellen bei älteren Patienten, die eine Chemotherapie erhalten: ASCO-Leitlinie für geriatrische Onkologie.J Clin Oncol 2018; 36: 2326-47.
4. Petrakou, A. (2009). Integrated care in the daily work: Coordination beyond organisational boundaries. International Journal of Integrated Care, 9(July), 1ā8. doi:10.5334/ijic.325
5. Fliedner, M.C., Eychmüller, S. Ansprüche an die interprofessionelle Zusammenarbeit. Onkologe 22, 631ā637 (2016)
6. Teoli D, Sanvictores T, An J. SWOT Analysis. 2023 Sep 4. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2024 Janā. PMID: 30725987.
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9. Tremblay D et al.: Effects of interdisciplinary teamwork on patient-reported experience of cancer care. BMC Health Serv Res 2017; 17(1): 218. Online unter doi:10.1186/s12913-017-2166-7
10. Nic Giolla Easpaig B et al.: The complexities, coordination, culture and capacities that characterise the delivery of oncology services in the common areas of ambulatory settings. BMC Health Serv Res 2022; 22(1): 190. Online unter doi:10.1186/s12913-022-07593-3
11. Rowland P: Core principles and values of effective team-based health care. J Interprof Care 2014;28(1): 79-80. Online unter doi:10.3109/13561820.2013.8209 06
12. Lundin, Stephen C.; Paul, Harry; Christensen, John (2000). Fish!. Hyperion. ISBN 9780340819807
13. Managing for Happiness: Games, Tools, and Practices to Motivate Any Team. Jurgen Appelo; ISBN: 978-1-119-26868-0
Schweizer Experten fassen die ASCO Ergebnisse zusammen, moderiert von Prof. Dr. med. Roger von Moos
Eleonore E. Droux, Verlegerin des Aerzteverlag medinfo AG, und Prof. Dr. med. Roger von Moos, Chefredaktor der info@onco-suisse, waren live am ASCO und trafen die Experten vor Ort, um für unsere Kongress-Zeitung über die aktuellen Ergebnisse zu berichten. Hier die wichtigsten Eindrücke und Zusammenfassungen der Schweizer Experten:
Begrüssung Prof. Roger von Moos, Direktor Tumor- und Forschungszentrum, Kantonsspital Graubünden, Chur und Chefredaktor bei info@ONCO-SUISSE
PD Dr. med. Alexander Siebenhüner, Zürich, zum Thema āNeues zu den Gastrointestinaltumorenā
PD Dr. med. Ursula Vogl, Bellinzona, zum Thema āNeues zu den Urogenitaltumorenā
PD Dr. med. Michael Mark, Chur, zum Thema āNeues zu den Thoraxmalignomenā
Dr. med. Michael Schwitter, Chur, zum Thema āNeues zu den Mammakarzinomenā
Prof. Dr. med. Olivier Michielin, Genf, zum Thema āNeues zu den Melanomenā
Dr. med. Andreas Müller, Winterthur, zum Thema āNeues zu gynƤkologischen Tumorenā
Prof. Dr. med. Roger von Moos zum Thema āKnochenmetastasenā
Dass der TARMED (eingeführt am 01.01.2004 als national einheitliche Tarifstruktur für ambulante Leistungen) veraltet ist und wegen seiner UnverƤnderbarkeit lƤngst hƤtte abgelƶst werden sollen, wird allgemein akzeptiert. Der Aufwand zur Entwicklung eines neuen Tarifsystems (TARDOC) hat der FMH und vielen Ćrztinnen und Ćrzten manche lange Nachtarbeit beschert, welche im Frühjahr 2019 abgeschlossen werden konnte.
Als es soweit war (Einreichung am 12.07.2019), wurde der Vorschlag vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) schubladisiert ā und viele Monate spƤter zur Ćberarbeitung zurückgewiesen. Die damals letzte Nachreichung erfolgte am 19.12.2021, und nun war es am 01.12.2023 erneut soweit.
Das BAG hat in den 12 Jahren unter Bundesrat (BR) Berset seine Anzahl Mitarbeitende um über einen Drittel aufgestockt (und das Durchschnittseinkommen der BAG-Mitarbeitenden wesentlich angehoben). Ob dies den Steuerzahler teuer zu stehen kommt, steht hier nicht zur Debatte. Uns Ćrztinnen und Ćrzte kostet diese Administrationsflut viel unproduktive Mehrarbeit.
Ist diese Bürokratisierung sogar der Grund, dass der TARDOC bereits seit 5 Jahren beim BAG auf Eis liegt?
Nun ist eine andere BundesrƤtin zustƤndig, und wir sind gespannt, wie sie das Gesundheitswesen weiterentwickeln wird.
In den ersten 10 Wochen ist sie offensichtlich noch nicht dazugekommen, das Dossier, welches von BR Berset verschiedentlich in den Gesamtbundesrat getragen wurde, zu sichten. Eine Einführung des TARDOC auf 2025 dürfte somit vom Tisch sein, und falls TARDOC je eingeführt werden sollte, wird das vor vielen Jahren entwickelte Tarifwerk veraltet sein. Auch das ist eine allseits akzeptierte Feststellung – wirklich schade.
Von den Leistungserbringern, den Versicherungen, allen Tarifpartnern, den Kantonen mit ihrer Hoheit über das Gesundheitswesen bis zum SouverƤn selber sind sich also alle einig, dass es so nicht weitergehen kann ā und dennoch geht es weiter (e pur si muove [1633] wird hier entsprechend dem Parkinson’s law [1955] modifiziert: Nichts bewegt sich, und trotzdem geht es weiter).
Die FMH macht es richtig: sie bleibt zwar an der Tariffront aktiv, aber sie startet eine neue Initiative, eine Kommunikationskampagne und blickt so zuversichtlich in die Zukunft. Die Leute sollen erfahren, mit welchem Enthusiasmus wir uns für unsere Patientinnen und Patienten einsetzen.
Was grämen wir uns über den TARMED, wenn wir doch nach wie vor die schönste aller möglichen Tätigkeiten haben? Die tägliche Arbeit bringt uns viel Befriedigung. Und wir dürfen (noch) täglich dieser schönen Arbeit nachgehen, auch wenn sich am Himmel düstere Kriegswolken zusammenballen und die Klimavorzeichen auf Alarm stehen.
Medizinisch steht die Welt keineswegs still, und damit ihr Ć jour bleibt und die Neuerungen sofort in die Praxis umsetzen kƶnnt, bemühen wir vom medinfo Verlag uns, euch über alle praktischen Neuerungen auf dem Laufenden zu halten ā und danken euch für eure aufmerksame Lektüre und für eure Rückmeldungen.
Und wenn wir eines Tages den TARDOC ganz vergessen haben werden, wird sich vielleicht eine Bundesrätin daran erinnern und ihn einführen.
Fast 20 Jahre lang konnte ich Ihnen, zusammen mit dem motivierten Verlagsteam von Ellen Droux, über aktuelle altersmedizinische Themen berichten, zuletzt seit über 13 Jahren im «der informierte arzt»! Zu den Themen Kognition, Mobilität und Ernährung habe ich jeweils selbst versucht, das für die Praxis Relevante zusammenzufassen. In vielen anderen Themen haben mich kompetente Autoren unterstützt und ergänzt. Angesichts Ihrer zahlreichen Rückmeldungen hat mir diese Tätigkeit umso mehr Freude bereitet, als diese Plattform des altersmedizinischen Wissensaustauschs mehr Echos und Rückfragen ausgelöst hat als mancher, in grossen internationalen Journals publizierte wissenschaftliche Originalartikel. Es hat mich sehr gefreut, dass gewisse unserer Beiträge sogar Anlass für angeregte Diskussionen in Balint-Gruppen und anderen Hausarzt-Weiterbildungszirkeln wurden.
Altersmedizinische Fort- und Weiterbildung war mir immer ein grosses Anliegen: Findet doch die altersmedizinische Hauptversorgung in der Hausarztpraxis statt! Angesichts der zunehmend in den Ruhestand tretenden Babyboomer-Generation werden in naher Zukunft altersmedizinische Inhalte in der täglichen Hausarzttätigkeit noch wichtiger werden. Hier stehen sicherlich neben präventiven Massnahmen für einen guten Alterungsprozess vor allem die Früherkennung von beginnender Frailty im Vordergrund. Aber auch die am Horizont stehenden neuen Therapien der Alzheimer-Demenz werden im Alltag einzuordnen sein!
Ich gehƶre selbst auch zur Babyboomer-Generation und werde Ende Juni 2025 emeritieren. Die Planung meiner Nachfolge ist bereits in vollem Gang. Nach 38 vollen, interessanten, aber auch sehr dichten Berufsjahren ohne Sabbaticals oder Verschnaufpausen freue ich mich sehr auf die Zeit danach. Viele andere, vor allem auch nichtmedizinische Interessen, werden schon bald meinen Alltag füllen. In dieser Ćbergangszeit ist es für mich entscheidend, meine vielen NebentƤtigkeiten in kompetente HƤnde weiterzugeben.
Ich fühle mich privilegiert, dass PD Dr. Mathias Schlƶgl meine Herausgeberfunktion fürs Geriatrie Forum im Ā«der Āinformierte arztĀ» übernimmt. Vom jungen, hoch motivierten Assistenzarzt in meiner Klinik vor 15 Jahren ā mit Bilderbuchkarriere in Altersmedizin, breiter klinischer Weiterbildung in Basel und Zürich, einem 3-jƤhrigen Forschungsaufenthalt in den USA und vielen Zusatzausbildungen (auch an der Harvard University) ā ist er vor 2 Jahren Chefarzt der Geriatrie und Stv. Leiter des Departements Innere Medizin an der Klinik Barmelweid geworden. An der UniversitƤt Zürich hat er soeben habilitiert. Er ist nicht nur ein Spezialist der Vermittlung von altersmedizinischem Wissen, er ist damit auch Ƥusserst erfolgreich: Zum dritten Mal in Folge wurde er vor kurzem vom Schweizerischen Institut für Ƥrztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) mit dem Ā«SIWF-Award für besonderes Engagement in der WeiterbildungĀ» ausgezeichnet.
Ich danke Mathias von Herzen, dass er sich hier künftig mit all seiner Expertise einsetzen wird, danke aber auch dem Verlag- und Redaktionsteam für die jahrelange grossartige Zusammenarbeit. Letztlich bedanke ich mich aber auch bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Ihre Wertschätzung und Feedbacks waren mir Freude, Motivation und Inspiration zugleich!
Herzlich,
Reto W. Kressig, Basel
Prof. Dr. med. Reto W. Kressig
Ćrztlicher Direktor & Klinischer Professor für Geriatrie
UniversitƤre Altersmedizin FELIX PLATTER & UniversitƤt Basel
Burgfelderstrasse 101
4002 Basel