Würde und Persönlichkeit im Humanforschungs­recht

Im Bereich der Humanforschung ist der Schutz der Würde und Persönlichkeit der beteiligten Personen von höchster Bedeutung. Der vorliegende kurze Beitrag befasst sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz, die die Würde und Persönlichkeit der betroffenen Personen sicherstellen sollen. Dabei werden die relevanten Gesetzesbestimmungen, insbesondere das Humanforschungsgesetz (HFG), erläutert und auf die Rolle der verschiedenen beteiligten Parteien eingegangen.

Würde und Persönlichkeit als rechtliche Grundlagen

Die Würde des Menschen ist in Art. 7 der schweizerischen Bundesverfassung (BV) verankert und besagt, dass die Würde des Menschen zu achten und zu schützen ist. Die Persönlichkeit umfasst hingegen die Gesamtheit der persönlichen, charakteristischen und individuellen Eigenschaften eines Menschen.

Beteiligte Parteien in der Humanforschung

In der Humanforschung sind verschiedene Parteien beteiligt, darunter Forschende, Personen, an denen geforscht wird, Interessenten der Forschung und Angehƶrige der erforschten Personen.

Einwilligung als zentraler Schutzmechanismus

Die Würde und Persönlichkeit der betroffenen Personen werden im Humanforschungsrecht primär durch die Einwilligung geschützt. Grundsätzlich darf nur an Personen geforscht werden, die nach hinreichender Aufklärung eingewilligt haben (Art. 16 HFG). Im Falle von Kindern, Jugendlichen und nicht urteilsfähigen Personen müssen sowohl diese als auch ein gesetzlicher Vertreter der Forschung einwilligen (Art. 21 und 22 HFG).

Forschung an verstorbenen Personen

Auch bei verstorbenen Personen wird ihre Würde primär durch die Sicherstellung einer Einwilligung sichergestellt (Art. 36 HFG). Bei eingewilligten Obduktionen oder Transplantationen dürfen Körpersubstanzen entnommen und anonymisiert erforscht werden, ohne dass eine weitere Einwilligung erforderlich ist (Art. 38 HFG).

Kommerzialisierungsverbot

Das Kommerzialisierungsverbot stellt sicher, dass der menschliche Kƶrper nicht objektifiziert und kommerzialisiert wird. Ein Entgelt oder andere finanzielle Vorteile sind demnach nicht zulƤssig (Art. 9 HFG).

Bewilligung und Registrierung von Forschungsprojekten

Jedes Forschungsprojekt an Menschen, mit gesundheitsbezogenen Personendaten oder biologischem Material muss von einer zustƤndigen kantonalen Ethikkommission bewilligt werden (Art. 45 HFG). Zudem muss die Forschung bei den entsprechenden Ƅmtern gemeldet werden (Art. 46 und 56 HFG).

Verfassungsrechtliche Grundlage: Art. 118b BV «Forschung am Menschen»

Der Verfassungsartikel Art. 118b BV, der 2010 mit 77,2% Zustimmung angenommen wurde, legt die Grundsätze für die Forschung an Menschen und den Schutz ihrer Würde fest. Der Artikel hat zwar inhaltlich nicht viel verändert, aber für mehr Klarheit gesorgt. Lediglich die SVP und die Grünen äusserten Bedenken gegenüber bestimmten Aspekten des Artikels.

Fazit

Die Würde und Persƶnlichkeit von betroffenen Personen in der Humanforschung sind im schweizerischen Rechtssystem durch verschiedene Gesetzesbestimmungen und Verfahren geschützt. Das Humanforschungsgesetz stellt sicher, dass die Selbstbestimmung der beteiligten Personen durch die Einwilligung gewahrt bleibt. Zudem sorgt das Kommerzialisierungsverbot dafür, dass der menschliche Kƶrper nicht zu kommerziellen Zwecken missbraucht wird. Die Bewilligung und Registrierung von Forschungsprojekten durch kantonale Ethikkommissionen und zustƤndige Ƅmter garantieren eine gewisse Kontrolle und Transparenz in der Forschung.

Dennoch bleibt es eine Herausforderung, die Würde und Persönlichkeit der betroffenen Personen in der Humanforschung in jedem Fall zu wahren, insbesondere bei der Forschung an Kindern, Jugendlichen, nicht urteilsfähigen Personen und verstorbenen Personen. Die schweizerische Rechtsprechung sollte daher weiterhin die Entwicklungen in der Humanforschung beobachten und gegebenenfalls Anpassungen im Rechtsrahmen vornehmen, um den Schutz der Würde und Persönlichkeit der betroffenen Personen bestmöglich zu gewährleisten.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Dr. iur. Thomas D. Szucs

Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen
Pharmazeutische Medizin
Klinik Hirslanden
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

personalisierte.medizin@hirslanden.ch

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im
Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Differenzialdiagnose und medizinische Innovation – Teil 2

Am 4.12.2023 veranstaltete die Zurich Academy of Internal Medicine (ZAIM) ein Symposium zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Walter Siegenthaler am Universitätsspital Zürich. Der von Medworld AG (Steinhausen) hervorragend organisierte Anlass zog ein zahlreiches Publikum bestehend aus ehemaligen Schülern, Kollegen und Freunden von Walter Siegenthaler an den Ort seines ehemaligen Wirkens.

Der erste Teil erschien in der Zeitschrift « die informierte ärztin, der informierte arzt 01, 2024. In diesem 2. Teil gibt Dr. Lorenzo Käser einen Rückblick über 100 Jahre Differenzialdiagnostik Zürich, PD Lukas Zimmerli beschäftigt sich mit Check-up und Differenzialdiagnose und Prof. Lutz Jäncke entführt uns in das Unbewusste und zeigt, wie wir richtige und falsche Entscheidungen treffen und wie unser Gedächtnis funktioniert.

100 Jahre Differentialdiagnose in Zürich

Die Entwicklung der Inneren Medizin in Zürich – die Direktoren der medizinischen Klinik und der medizinischen Poliklinik, Standorte und wichtige Publikationen – Einordnung von Siegenthalers Vita waren Gegenstand er PrƤsentation von Dr. Lorenzo KƤser, Ressort Lehre, Direktion Forschung und Lehre USZ. Der Referent erinnerte zunƤchst an den weltbekannten Botaniker, Internisten und Lehrer Prof. Otto NƤgeli, der von 1918 bis 1921 Direktor der Medizinischen Poliklinik und von1921 bis 1937 Direktor der Medizinischen Klinik am damaligen Kantonsspital Zürich war. Otto NƤgeli verƶffentlichte im Jahre 1917 das Buch Differenzialdiagnose in der Inneren Medizin im Georg Thieme Verlag. Seine Nachfolger waren Wilhelm Lƶffler 1937-1957 und Paul H.Ā  Rossier 1957-1969.

Das Buch zur Differenzialdiagnose innerer Krankheiten wurde 1952 von PD Dr. Robert Hegglin neu herausgegeben. 1972 erfolgte die erste Mehrautoren-Ausgabe unter Prof. Walter Siegenthaler. 2012 wurde die Differenzialdiagnose innerer Krankheiten – vom Symptom zur Diagnose unter Prof. Edouard Battegay und mit Thieme neu herausgegeben – Moderne Didaktik & Gestaltung- Schritte in die Digital- & Online-Zeit.

Von der Situation zur Differenzialdiagnose

Bedeutung, Formen und Elemente der Check-up Untersuchung, Differenzialdiagnose schützt vor Über- und Unterversorgung, Check-ups oder Sprechstunde, dies die Themen, über welche PD Dr. Lukas Zimmerli, Chefarzt Medizinische Klinik Kantonsspital Olten, referierte.

Check-ups werden häufig verlangt. Die Top 10 Gründe für Visiten in Kanada im Jahre 2019 waren

Pat. Visiten % MƤnner % Frauen % Patientenvisiten mit Arzneimittelempfehlungen
Hypertonie 21’296 54 46 84
Diabetes mellitus 12’651 57 43 78
Depressive Stƶrungen 8’672 34 66 82
AngstzustƤnde 7’879 35 65 72
Gesundheits-Check-up 7’670 50 50 3
Unbekannte/unspezifische
Gründe
5’334 47 53 100
Akute Infektion der oberen Atemwege 5’242 49 51 38
Normale Schwangerschafts-
überwachung
5’090 0 100 12
HyperlipidƤmie 5’019 60 40 89
Hypothyreose 4’989 22 78 93

…über Angebote der Ā«Check-u-IndustrieĀ»

Blut- und Urinanalysen Junior Check-up Business Check-up Executive Check-up
Ausführliches Gespräch mit dem Facharzt zum persönlichen Gesundheitszustand X X X
Ausführliche ärztliche Untersuchung X X X
Impfkontrolle und Beratung X X X
Überprüfung von Herzkreislauffunktion und Risikofaktoren X X X
Ruhe, Belastungs- und Erholungs-EKG mit Blutdruckmessung, optimaler Trainingspulsberechnung (Conconi-Test, ev. mit Laktatmessung X X X
Kƶrpermessungen Gewichtsanamnese, BMI, Waist/Hip -Ratio, Kƶrperfettanteil X X X
Beurteilung der Kraft und der Beweglichkeit X X X
Beweglichkeitsmessung der WirbelsƤule (nicht invasive Methode o. Strahlenbelastung X X X
Lungenfunktionstest X X X
Screening auf HautverƤnderungen X X X
Prostata-Screening X X
Darmkrebs-Screening (Stuhltest) X X

Platinum Check-up
Detaillierte Leistungen

Anamnese-GesprƤch zum persƶnlichen Gesundheitszustand
Umfassende Ƥrztliche Untersuchung
Impfkontrolle
Besprechung der Untersuchungsergebnisse
Ausführliche altersangepasste Laboruntersuchungen (Blut, Urin)
Ruhe-EKG
Belastungs-EKG
Messung der Kƶrperzusammensetzung
Lungenfunktionstest
Kraft- und Beweglichkeitsmessungen, WirbelsƤulen-Check
Überprüfung des Sehvermögens
Augendruckmessung
Prostata bei Männern über 45
Massnahmenplan mit praktischen Übungsbeispielen inkl. Beratung
MRI Ganzkƶrper
Echokardiografie und Carotis-Sonografie
Gastroskopie und Kolonoskopie
Alle Untersuchungen an einem Tag
2 Jahre Premium-Mitgliedschaft

.. zur Selbstoptimierung

Krankheiten früh erkennen und deine Gesundheit optimieren. Buche deinen ersten Health Check-up und profitiere von einer professionellen Beratung sowie personalisierten Empfehlungen on unseren renommierten Ƅrzt:innen und Health Coaches. Gratisberatung.
Der Referent präsentierte anschliessend die häufigsten Todesursachen nach Altersklassen mit wenigen Todesfällen wegen Unfällen oder «übrigen»  bei den 0-24 Jährigen und einem guten Drittel an Herz-Kreislauferkrankungen, gefolgt von Demenz und Krebs bei über 85-Jährigen.

Die Elemente des Check-ups

RegelmƤssige Gesundheitsuntersuchung
Beratung und VerhaltensƤnderung
Impfungen
Screening        Bei symptomfreien Personen Einschätzung des persönlichen Risikoprofils
Case FindingĀ  Spezifisches identifizieren von Risikofaktoren →individuelle Risikofaktorenbeurteilung
Hidden Agenda. Nicht deklarierte Beweggründe für einen Arztbesuch (Ƅngste,Ā Befürchtungen, Erwartungen…)

Differenzialdiagnostisches Denken ist zentral für Case Finding

Case Finding ist das identifizieren von asymptomatischen Erkrankungen resp. deren Risikofaktoren während einer (Routine-)Konsultation. Individuelle Risikobeurteilung der Patient:innen je nach Vorhandensein weiterer Risikofaktoren, Symptomen, Begleiterkrankungen (z.B. chronisch entzündliche Darmerkrankung) und Familienanamnese (z.B. prämature KHK).
→ differenzialdiagnostisches Denken ist zentral für individuelle Risikobeurteilung

Hidden Agenda

Hidden Agenda bezeichnet seitens der Patint:innenĀ  nicht deklarierte Beweggründe für einen Arztbesuch. Hierzu gehƶren auch Erwartungen, Gefühle, Ƅngste, der Patient:innen, welche dem Ƅrzt:innen nicht ohne weiteres preisgegeben werden.

Patient:innen verlangen Check-up nicht nur  wegen Prävention

Prospektive Studie an der Medizinischen Poliklinik Basel: 66 Patient:innen (35% w), mittleres Alter 45±16 Jahre, 66% der Patient:innen in regelmässiger hausärztlicher Kontrolle, Patient:innen hatten 4.7±3.1 Symptome, jede/r 3. Patient:in hatte noch  «versteckte Gründe» für eine Check-up -Untersuchung.

Hidden Agenda bei 23 Patient:innen wƤhrend der zweiten Konsultation:

Psychosoziale Belange der Patient:innenĀ  Ā  8

Krankheitsverständnis der Patient:in   6

Krankheiten im sozialen Umfeld Ā  3

Gesundheitliche Bedenken

  • Krebs Ā  4
  • HIV Ā  3
  • Herzkrankheit Ā  3
  • Lifestyle (Rauchen, DiƤt, Trinksucht) Ā  2
  • Hypertonie Ā  2

Differenzialdiagnose schützt vor Fehl-  und Überversorgung

Patient:innen überschätzen den Nutzen von Interventionen und unterschätzen das Risiko (z.B. Krebs-Früherkennung) Patient:innen dürfen nicht durch unnötige  Interventionen gefährdet werden

→Schutz vor Überdiagnosen

→Subjektives Wohlbefinden muss zentral sein

→Shared Decision Making ist zentral

Check-ups oder Sprechstunde?

…the PHE (Periodic Health Evaluation) may provide clinicians timeĀ  to consider preventiveĀ  care more fully, thusleading to their instituting preventive measures more frequently.

… PHE has a stronger effect on improving the delivery of preventive services that are performed by cliniciansĀ  at the time of the office visit.

Check-up as a vehicle to develop  meanungful long-term relationship with patients:  «Time for the physicican to get to know the patient as a person and vice versa» (Boulware LE et al. Ann Intern Ned 2007;146:289-300/Brett AS. JMA 2021;325:2259-2261).

Check-ups zur Burnout-Prophylaxe von Ƅrzt:innen?

Die American Medical Association hat festgestellt, dass es wichtig ist, die Beziehungen zwischen Patienten und Ƅrzten zu verbessern, um eine qualitative hochwertige Pflege zu gewƤhrleisten und Burnout vorzubeugen. Allgemeinmedizinische Vorsorgeuntersuchungen, die zumindest teilweise darauf ausgerichtet sind, solche Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, kƶnnten jungen ƄrztenĀ Ā  helfen, ihre Berufswünsche zu erfüllen, die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit zu steigern und die Wahrscheinlichkeit eines Burnout zu verringern (Brett AS JAMA 2021;325:2259-2261).

 

Take Home Message

Individuelle Risikokomponenten beachten (Case finding)
Patient:innen verlangen Check-up UntersuchungenĀ  oft wegen Symptomen und Sorgen (Open Agenda)
An mögliche nicht-deklarierte Beweggründe einer Check-up-Untersuchung denken (Hidden Agenda)
PrƤvention, falls mƶglich, in Grundversorgung der Patient:innen einbauen

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Kardiologisches Management in der Schwangerschaft bei Long-QT 2 Syndrom

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Komplikationen der intravesikalen BCG-Therapie

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Einführung: BCG Instillations-Sepsis bei Blasenkarzinom

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