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Präkonzeptionsberatung

Die Präkonzeptionsberatung (PCC) ist ein strukturierter, mehrstufiger Prozess zur Optimierung der mütterlichen Gesundheit vor Eintritt einer Schwangerschaft. Ziel ist es, durch frühzeitige Erkennung und Modifikation von Risikofaktoren die mütterliche und fetale Morbidität zu reduzieren. Zentrale Elemente sind die Beurteilung des Gesundheitsstatus, die Optimierung von Lebensstil und Ernährung, das Management von Vorerkrankungen sowie die Überprüfung von Impfungen, Medikamenten und Laborparametern. Evidenzbasiert empfohlen sind die Supplementation von Folsäure, Vitamin D, Jod und – bei Risikokonstellationen – Vitamin B12 sowie ein Screening auf Eisenmangel und Anämie. Adipositas, Untergewicht, Bewegungsmangel und Substanzkonsum beeinflussen Fertilität und Schwangerschaftsausgang wesentlich. Der Impfstatus (MMR, Varizellen, Hepatitis B, COVID-19) sollte präkonzeptionell überprüft werden. Frauen mit chronischen Erkrankungen profitieren von interdisziplinärer Beratung; psychosoziale, genetische und arbeitsplatzbezogene Risiken sind ebenso zu berücksichtigen. PCC ist somit ein zentrales Element präventiver Frauenmedizin und sollte integraler Bestandteil jeder gynäkologischen Betreuung sein.



Preconception care (PCC) is a structured, multi-step process designed to optimize maternal health before conception. Its aim is the early identification and modification of risk factors to reduce maternal and fetal morbidity. Core components include assessment of general health, optimization of lifestyle and nutrition, management of pre-existing conditions, and review of vaccinations and medications. Evidence supports supplementation with folic acid, vitamin D, iodine, and—where indicated—vitamin B12, alongside screening for anemia and iron deficiency. Obesity, underweight, physical inactivity, and substance use substantially affect fertility and pregnancy outcomes. Vaccination status (MMR, varicella, hepatitis B, COVID-19) should be reviewed prior to conception. Women with chronic diseases benefit from interdisciplinary and individualized counseling. Psychosocial, genetic, and occupational risks must be addressed. PCC thus constitutes a cornerstone of preventive women’s health and should be embedded in routine gynecologic care.
Keywords: Präkonzeptionsberatung, maternale und fetale Prävention, reproduktive Risiken, interdisziplinäre Betreuung

Kürzlich erschien der SGGG-Expertenbrief «Präkonzeptionsberatung». Dieser ist deutlich umfangreicher als andere Expertenbriefe, da er sehr viele Gesundheitsthemen umfasst.

Die Präkonzeptionsberatung hat eine hohe Relevanz für die Gesundheit von Mutter und Kind und reicht thematisch über die Gynäkologie und Geburtshilfe hinaus. Erstaunlicherweise gibt es kaum vergleichbare Leitlinien in der Literatur.

Der Erstautor stellt hier den neuen Expertenbrief vor und fasst die wichtigsten Punkte zusammen. Details und eine ausführlichere Literatursammlung finden sich im Original-Expertenbrief.

Bedeutung der Präkonzeptionsberatung

Eine Präkonzeptionsberatung sollte idealerweise beginnen, bevor eine Schwangerschaft konkret geplant oder die Kontrazeption beendet wird. Da rund die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant ist und ungeplante Verläufe mit erhöhter maternaler und fetaler Morbidität assoziiert sind, sollte die Beratung frühzeitig erfolgen. Zahlreiche Interventionen – etwa Ernährungsanpassung, Gewichtsnormalisierung oder Impfungen – benötigen Wochen bis Monate, um wirksam zu werden. Eine einfache Leitfrage («Möchten Sie im kommenden Jahr schwanger werden?») kann den Einstieg in die Beratung erleichtern.

Modifizierbare Risikofaktoren und präventive Massnahmen

Das Alter spielt eine wesentliche Rolle: Ab etwa 30 Jahren nimmt die Fertilität allmählich ab, nach 35 Jahren deutlich stärker. Gleichzeitig steigen die Raten von Aborten und Aneuploidien signifikant. Im Alter von 25–29 Jahren beträgt das Fehlgeburtsrisiko etwa 12 %, mit 40–44 Jahren rund 50 % (1). Auch höheres väterliches Alter ist mit längerer Konzeptionszeit, erhöhter Abortrate und genetischen Mutationen assoziiert. Frauen sollten unabhängig vom aktuellen Kinderwunsch darüber informiert sein, dass sich die Fertilität nach 35 Jahren deutlich verringert und eine Abklärung bei unerfülltem Kinderwunsch nach 12 Monaten (< 35 J.) bzw. 6 Monaten (> 35 J.) empfohlen ist (2). Wenn die Frau unter 40 Jahre alt ist und das Paar regelmässig ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, werden 80 % aller Paare innerhalb eines Jahres schwanger.

Ein normales Körpergewicht ist bereits vor Eintritt der Schwangerschaft wünschenswert, da sowohl Adipositas als auch Untergewicht mit einer erhöhten maternalen und fetalen Morbidität assoziiert sind. Übergewichtige und adipöse Frauen (BMI ≥ 25 bzw. ≥ 30 kg/m²) haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Infertilität, Aborte, Gestationsdiabetes, Präeklampsie, Makrosomie und Frühgeburt. Schon eine Gewichtsreduktion um zehn Prozent kann diese Risiken senken. Bei sehr hohem BMI können bariatrische Verfahren oder GLP-1-Rezeptoragonisten erwogen werden, wobei letztere in der Schwangerschaft kontraindiziert sind und daher eine sichere Kontrazeption erfordern. Aufgrund des erhöhten Risikos für unerkannten Diabetes ist ein HbA1c-Screening (Ziel < 5,7 %) sinnvoll. Nach bariatrischer Operation sollte eine Schwangerschaft frühestens nach zwölf Monaten geplant und interdisziplinär betreut werden. Untergewicht (BMI < 18,5 kg/m²) ist ebenfalls mit Mangelzuständen, Infertilität und Fehlgeburten assoziiert; hier sollte gezielt nach Essstörungen gefragt und ein BMI > 18,5 kg/m² angestrebt werden.

Regelmässige körperliche Aktivität wirkt präventiv gegenüber Gestationsdiabetes und trägt zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands bei. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten Bewegung mittlerer Intensität pro Woche, vorzugsweise bereits vor der Schwangerschaft. Sportarten mit hohem Verletzungs- oder Sturzrisiko sowie Tauchen sind in der Schwangerschaft zu vermeiden. Auch die Zahngesundheit sollte überprüft und gegebenenfalls vor der Schwangerschaft optimiert werden, da eine Parodontitis mit Frühgeburt und intrauteriner Wachstumsrestriktion assoziiert ist.
Es wird die tägliche Einnahme von mindestens 400 µg Folsäure ab einem Monat vor Konzeption empfohlen, bei Risikokonstellationen (z. B. nach Neuralrohrdefekt, positiver Familienanamnese, unter Antiepileptika, bei Diabetes oder Adipositas) 5 mg täglich bis zur 12. SSW (3). Nach bariatrischer Operation sind 800 µg/d angezeigt. Zusätzlich sollten Vitamin D (600–800 IE), Jod (250 µg) und – bei vegetarischer oder veganer Ernährung – Vitamin B12 supplementiert werden. Bei Risiko für Eisenmangel sind eine Ferritin- und eine Hb-Bestimmung indiziert; eine generelle Eisensubstitution wird nicht empfohlen. Vegane und vegetarische Kostformen sind grundsätzlich möglich, erfordern jedoch besondere Aufmerksamkeit für die Zufuhr von Folat, Vitamin B12, Eisen, Omega-3-Fettsäuren (DHA), Calcium, Jod und Zink. Von ketogenen Diäten oder intermittierendem Fasten wird abgeraten, da diese zu Nährstoffmängeln und instabiler Blutzuckerregulation führen können.

Substanzkonsum sollte bereits präkonzeptionell thematisiert werden. Rauchen erhöht das Risiko für Aborte, Frühgeburtlichkeit und Plazentakomplikationen; ein Rauchstopp kann das Risiko nahezu auf Basisniveau senken. Alkohol gilt als teratogen, eine sichere Dosis existiert nicht, daher wird völliger Verzicht empfohlen. Cannabiskonsum kann die kindliche Entwicklung beeinträchtigen und sollte vermieden werden. Für Koffein werden bis zu 200 mg täglich – entsprechend etwa ein bis zwei Tassen Kaffee – als unbedenklich angesehen.

Eine präkonzeptionelle Überprüfung des Impfstatus ist obligat. Nach Schweizer Impfplan sollten MMR und Varizellen vollständig dokumentiert (je zwei Dosen bzw. Immunität) und Hepatitis B gemäss Schema oder Serologie gesichert sein; fehlende Impfungen sind vor Konzeption nachzuholen. Je nach aktueller Lage wird auch eine COVID-19-Impfung empfohlen. Bei Frauen mit engem Kontakt zu Kleinkindern sind eine CMV-Serologie bzw. Serothek sinnvoll; zugleich sollten konsequente Hygienemassnahmen zur Transmissionsprophylaxe besprochen werden.

Spezielle Risikokonstellationen

Vorbestehende Erkrankungen (kardio-, nephro-, hämatologisch, rheuma-, endokrin-, neuro-, psychologisch) erfordern eine frühe, interdisziplinäre Präkonzeptionsberatung. Ziele sind: Risikoabschätzung der Grunderkrankung für die Schwangerschaft, Bewertung des Einflusses der Schwangerschaft auf den Langzeitverlauf sowie eine medikationsbezogene Nutzen-Risiko-Abwägung mit ggf. Umstellung auf schwangerschaftskompatible Präparate (z. B. Antihypertensiva, Antiepileptika). Spezifische Konstellationen umfassen u. a. Diabetes (strikte Stoffwechselkontrolle), chronische Hypertonie (Wechsel von ACE-Hemmer/Angiotensin-Rezeptor-Blocker), Schilddrüsenerkrankungen (TSH-Zielbereiche), Epilepsie (Valproat vermeiden; Folsäure 5 mg/d), Thrombophilie (peri-/postpartale Prophylaxe), Multiple Sklerose und Organtransplantation (engmaschige Abklärung, Impfstatus). Retinoide sind wegen Teratogenität strikt zu meiden; bei kosmetischer Anwendung ist aktiv nachzufragen und eine sichere Kontrazeption sicherzustellen.

Eine belastete Schwangerschaftsanamnese lenkt die Prävention: Nach Sectio ist ein Intervall von 12–24 Monaten sinnvoll (4). Nach Präeklampsie steigt das Rezidiv- und Langzeitrisiko für kardiovaskuläre Erkrankungen; ein Präeklampsie-Screening nach Empfehlung der Fetal Medicine Foundation und eine Aspirin-Prophylaxe je nach Risiko sind zu erwägen. Nach einem Gestationsdiabetes ist ein frühes Diabetes-Screening in der Folgeschwangerschaft, entsprechend Expertenbrief 81, indiziert. Nach Spätabort/Frühgeburt kommen Progesteron bzw. (situations­abhängig) Cerclage in Betracht. Bei habituellen Aborten ist eine strukturierte Abklärung (genetisch, anatomisch, endokrin, Antiphospholipid-Syndrom (APS)) angezeigt; Heparin/Aspirin nur bei APS. Nach einer Wachstumsrestriktion (FGR) oder einem intrauterinen Fruchttod (IUFT) richtet sich die Prophylaxe nach der Ursache (u. a. Aspirin bei uteriner Perfusionsstörung).

Gynäkologische Besonderheiten wie Uterusmalformationen, submuköse Myome, Endometriose oder Zervixdysplasie können die Fertilität und den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen; Interventionen erfolgen indikations- und risikobasiert, Übertherapie ist zu vermeiden; HPV-Impfstatus prüfen. In der Familienanamnese rechtfertigen Konsanguinität oder spezifische Ethnien u.U. ein Carrierscreening (v. a. Hämoglobinopathien); bei genetischen Risiken lohnt sich eine genetische Beratung vor einer geplanten Schwangerschaft.

Schliesslich sind Arbeitsplatzexpositionen (physisch, chemisch, infektiologisch) individuell zu beurteilen und Schutzmassnahmen umzusetzen. Psychosoziale Risiken (z. B. Gewalt, psychische Erkrankungen, Substanzabusus, prekäre Lebenslagen, Migration) sollen früh erkannt und adressiert werden, um Mutter und Kind bestmöglich zu schützen.

Dr. med. et MPH Benedict Krischer

Oberarzt Geburtshilfe
Luzerner Kantonsspital Frauenklinik
Spitalstrasse
6000 Luzern

Der Autor hat keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Präkonzeptionsberatung ist ein wesentlicher Baustein der reproduktiven Gesundheit. Sie beginnt vor Eintritt der Schwangerschaft, adressiert Lebensstil, Ernährung, Impfungen, chronische Erkrankungen sowie psychosoziale und genetische Risiken. Die Beratung ist kein Einzeltermin, sondern ein fortlaufender Prozess im Rahmen jedes ärztlichen Kontaktes.

1. Andersen AMN. Maternal age and fetal loss: population based register linkage study. BMJ [Internet]. 2000 Jun 24;320(7251):1708–12. Available from: https://www.bmj.com/lookup/doi/10.1136/bmj.320.7251.1708
2. Toth B, Baston-Büst DM, Behre HM, Bielfeld A, Bohlmann M, Bühling K, et al. Diagnosis and Therapy Before Assisted Reproductive Treatments. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k Level, AWMF Register Number 015-085, February 2019) – Part 1, Basic Assessment of the Woman. Geburtshilfe Frauenheilkd. 2019 Dec 11;79(12):1278–92.
3. Hanson MA, Bardsley A, De-Regil LM, Moore SE, Oken E, Poston L, et al. The International Federation of Gynecology and Obstetrics (FIGO) recommendations on adolescent, preconception, and maternal nutrition: “Think Nutrition First” #. International Journal of Gynecology & Obstetrics [Internet]. 2015 Oct 8;131(S4). Available from: https://obgyn.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1016/S0020-7292%2815%2930034-5
4. Hutcheon JA, Nelson HD, Stidd R, Moskosky S, Ahrens KA. Short interpregnancy intervals and adverse maternal outcomes in high‐resource settings: An updated systematic review. Paediatr Perinat Epidemiol [Internet]. 2019 Jan 12;33(1). Available from: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ppe.12518