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Kombination von Stosswellentherapie und plättchenreichem Plasma in der Schmerzmedizin

Der Artikel beschreibt die kombinierte Anwendung von Stosswellentherapie (ESWT) und plättchenreichem Plasma (PRP) in der Schmerzmedizin und Orthopädie als regenerativen, minimal-invasiven Therapieansatz für chronische muskuloskelettale Beschwerden. Die Kombination beider Verfahren schafft eine gute Voraussetzung, indem Stosswellen die Heilung anstossen und PRP diese gezielt verstärkt. Anwendungsgebiete sind vor allem chronische Tendinopathien (z.B. Rotatorenmanschette, Epikondylitis, Achillodynie, Plantarfasziitis) und frühe bis mittelgradige Arthrose und Sportverletzungen. Gegenüber medikamentöser Schmerztherapie und vielen operativen Verfahren werden der geringere Invasivitätsgrad, die gewebeschonende Regeneration, die ambulante Durchführbarkeit und die niedrigere systemische Nebenwirkungsrate hervorgehoben. Als Limitationen nennt der Artikel die noch heterogene Evidenzlage – insbesondere zur Kombination –, fehlende Standardisierung von PRP, zeitverzögerten Wirkungseintritt und das Fehlen langfristiger, hochwertiger Studien im direkten Vergleich zu etablierten invasiven Verfahren. Insgesamt wird die kombinierte ESWT-PRP-Therapie als ein vielversprechender Bestandteil, in ein stufenweises orthopädisch schmerzmedizinisches Behandlungskonzept eingeordnet.



The article describes the combined use of extracorporal shockwave therapy (ESWT) and platelet-rich plasma (PRP) in pain medicine and orthopedics as a regenerative, minimally invasive treatment approach for chronic musculoskeletal disorders. The combination of both procedures is intended to create a biological precondition in which shockwaves initiate healing and PRP specifically amplifies these processes. Main indications include chronic tendinopathies (e.g., rotator cuff disease, epicondylitis, Achilles tendinopathy, plantar fasciitis), early to moderate osteoarthritis, as well as sports injuries. Compared with pharmacological pain therapy and many surgical procedures, the approach is characterized by lower invasiveness, tissue-preserving regeneration, outpatient feasibility, and a lower rate of systemic side effects. As limitations, the article highlights the still heterogeneous evidence base – especially for the combination – lack of standardization of PRP preparations, delayed onset of action, and the absence of long-term, high-quality comparative studies versus established invasive procedures. Overall, combined ESWT–PRP therapy is presented as a promising component within a stepwise orthopedic and pain-medicine treatment concept.
Keywords: Chronische muskuloskelettale Schmerzen, Extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT), Plättchenreiches Plasma (PRP)

Einleitung

Chronische muskuloskelettale Schmerzen stellen eine erhebliche individuelle und volkswirtschaftliche Belastung dar und führen häufig zu wiederholten invasiven Eingriffen oder langandauernder Pharmakotherapie. In den letzten Jahren haben sich die extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT) und plättchenreiches Plasma (PRP) als zentrale Bausteine regenerativer, minimal-invasiver Schmerzmedizin etabliert, wobei deren Kombination das Potenzial hat, additive oder synergistische Effekte zu entfalten.

Wirkmechanismen der Stosswellentherapie

Die ESWT basiert auf der Applikation hochenergetischer Schallwellen, die extrakorporal erzeugt, im Gewebe fokussiert und über Flüssigkeiten sowie muskuläres und bindegewebiges Gewebe weitergeleitet werden. An Gewebegrenzflächen entstehen Scherkräfte, die mechanische Reize in zelluläre Signalwege übersetzen und eine Reihe von Regenerationsprozessen initiieren.

Zu den zentralen Effekten zählen die Stimulation der Mikrozirkulation und die Verbesserung der lokalen Durchblutung mit konsekutiver Aktivierung des Stoffwechsels. Gleichzeitig kommt es zur Freisetzung von Wachstumsfaktoren, zur Induktion von Neovaskularisation sowie zur Förderung von Geweberegeneration und Knochenheilung. Darüber hinaus werden entzündliche Prozesse durch eine vermehrte Ausschüttung entzündungshemmender Mediatoren moduliert. Ein weiterer wichtiger Effekt ist das Lösen myofaszialer Triggerpunkte und fixierter Aktin-Myosin-Filamente in der Muskulatur, was zu einer unmittelbaren Tonus- und Schmerzreduktion führt. Zudem können Kalk- und Verkalkungsherde, etwa bei Kalkschulter oder Fersensporn, durch lokale mechanische Fragmentierung aufgelöst werden.

Wirkmechanismen der PRP-Therapie

Plättchenreiches Plasma wird aus autologem Vollblut durch Zentrifugation gewonnen und enthält eine hohe Konzentration an Thrombozyten sowie damit assoziierte Wachstumsfaktoren und Zytokine (Abb. 1). Nach Aktivierung setzen Thrombozyten diese Faktoren frei und steuern damit zentrale Aspekte der Gewebereparatur.

Wesentliche Wirkungen von PRP sind die Stimulation von Fibroblasten, Tenocyten und chondrogenen Zellen mit Förderung der Matrixneubildung und Kollagensynthese. Zudem kommt es zur Induktion von Angiogenese und damit zu einer Verbesserung der lokalen Gewebeperfusion.

PRP wird unter Bildgebung (häufig Sonographie) gezielt in das betroffene Gewebe appliziert, etwa an Sehnenansätze, intraartikulär oder in muskulo-tendinöse Übergangsbereiche. Die schmerzreduzierenden Effekte treten typischerweise verzögert über Wochen ein, da es sich um einen klar regenerativen und nicht primär analgetischen Mechanismus handelt.

Rationale der Kombination von ESWT und PRP

Die Kombination aus ESWT und PRP adressiert sowohl die initiale Aktivierung lokaler Heilprozesse als auch deren anhaltende Modulation und Unterstützung. Stosswellen steigern Durchblutung und Gefässpermeabilität, setzen endogene Wachstumsfaktoren frei und schaffen damit ein biologisch aktiviertes Milieu. PRP ergänzt dieses Setting durch eine hohe Konzentration autologer Wachstumsfaktoren und regenerativer Signale direkt am Defekt.

Klinisch wird die Kombination beispielsweise bei Tendinopathien der Rotatorenmanschette eingesetzt, insbesondere bei Teilrupturen oder persistierenden Entzündungen trotz konservativer Therapie. Sie findet zudem Anwendung bei chronischen Sehnenansatzerkrankungen wie Epicondylitis oder Plantarfasziitis, bei denen die Stosswellentherapie bereits etabliert ist und PRP eine zusätzliche regenerative Komponente bereitstellt. Ausserdem wird die Kombination bei degenerativen Gelenkerkrankungen, zum Beispiel bei Kniearthrose, eingesetzt, wobei PRP – mit oder ohne Hyaluronsäure – direkt ins Gelenk injiziert wird.

In der Praxis wird ESWT häufig in mehreren Sitzungen appliziert (z.B. drei bis fünf Behandlungen im Wochenabstand), während PRP gezielt in ein bis wenige Injektionen nach Diagnostik und ggf. nach initialer Stosswellenserie verabreicht wird.

Praktische Einordnung

In der orthopädischen Praxis wird die Kombination ESWT + PRP vor allem bei therapieresistenten Tendinopathien, frühen Arthrosestadien und Sportverletzungen eingesetzt, häufig nach Ausschöpfen von Basismassnahmen wie Physiotherapie, NSAR und Aktivitätsmodifikation. Besonders im Sportbereich gilt sie als wichtiger Baustein, um Heilungszeiten zu verkürzen und Operationen möglichst zu vermeiden.

Sehnen- und Sehnenansatzerkrankungen

• Rotatorenmanschettenläsionen (Teilrupturen, Tendinopathien) und Impingement der Schulter, inkl. Kalkschulter, zur Schmerzreduktion.
• Epikondylitis humeri radialis/ulnaris (Tennis- und Golfer­ellenbogen) mit chronischen Sehnenreizungen am Ellenbogen.
• Patellaspitzensyndrom («Jumper’s knee») und Läuferknie bei sportassoziierten Überlastungstendinopathien.
• Achillodynie und andere Achillessehnenprobleme (Reizung, Teilrupturen) als Ergänzung zu Physiotherapie und Belastungsanpassung.
• Chronische Schmerzzustände an weiteren Sehnen­ansätzen (z.B. Plantarfasziitis/Fersensporn, Patellarsehne, proximaler Tractus iliotibialis)

Arthrose und osteochondrale Läsionen

• Früh- bis mittelgradige Gonarthrose (Kniearthrose) als konservative Option zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung, teils in Kombination von PRP mit Hyaluronsäure.
• Arthrosen anderer Gelenke (Coxarthrose, Sprung­gelenksarthrose, Rhizarthrose) in frühen Stadien zur Verzögerung invasiver Eingriffe.

Sportverletzungen

• Muskelverletzungen (Muskelfaserrisse, Zerrungen) mit verzögerter Heilung, um die Regeneration zu beschleunigen und die Rückkehr zum Sport zu fördern.
• Bandverletzungen (z.B. laterale Sprunggelenksdistorsion, Innenbandverletzungen am Knie) im Rahmen eines konservativen, funktionsorientierten Rehabilitationskonzepts (1).

Vorteile gegenĂĽber anderen nicht invasiven Verfahren

Im Vergleich zu klassischen physikalischen Therapien und rein symptomorientierter Pharmakotherapie bietet die Kombination aus ESWT und PRP mehrere potenzielle Vorteile: Regenerativer Ansatz statt alleiniger Analgesie: Beide Verfahren zielen auf strukturelle und funktionelle Gewebeheilung (2).

Geringe Systembelastung: Es handelt sich vorwiegend um lokal wirksame Verfahren mit minimaler systemischer Exposition. Dies im Gegensatz zu NSAR oder Opioiden mit potenziellen gastrointestinalen, kardiovaskulären oder zentralnervösen Nebenwirkungen und nur kurzfristiger Schmerzlinderung.

Nachteile und Limitationen der kombinierten Therapie

Zeitverzögerter Wirkungseintritt: PRP entfaltet seine Wirkung typischerweise erst nach Wochen; Patienten müssen über den fehlenden Soforteffekt aufgeklärt werden und begleitend adäquate Schmerztherapie erhalten.

Standardisierung: Es existieren keine einheitlichen Standards zur Herstellung (Leukozytengehalt, Thrombozytenkonzentration) und Applikation von PRP, was die Vergleichbarkeit von Studien und die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen erschwert.

Ausblick

Die Stosswellentherapie in Kombination mit PRP repräsentiert einen vielversprechenden, regenerativ orientierten Ansatz in der Schmerzmedizin, der invasiven Verfahren eine zusätzliche konservative, gewebeschonende Alternative entgegenstellt. Zur endgültigen Bewertung sind jedoch weitere randomisierte, kontrollierte Studien mit klar definierten Protokollen, standardisierten PRP-Präparaten und langzeitiger Nachbeobachtung erforderlich.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med.Patrick Nordmann

Gemeinschaftspraxis Gerbergasse
Gerbergasse 6
8001 ZĂĽrich

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • ESWT und PRP wirken synergistisch: Stosswellen aktivieren lokale Heilungsprozesse und Durchblutung, PRP verstärkt diese Regeneration durch hohe Konzentrationen an Wachstumsfaktoren.
  • Die Kombination ist v. a. bei chronischen Tendinopathien, frĂĽher bis mittlerer Arthrose und sportassoziierten Muskel /Bandverletzungen als konservative, gewebeschonende Alternative zu Operationen sinnvoll.
  • GegenĂĽber konventioneller Schmerzmedikation und vielen operativen Eingriffen bietet die Kombination eine geringere Invasivität, ein geringeres Komplikationsrisiko und keine systemische Pharmakobelastung.

1. A comparative analysis of platelet-rich plasma alone versus combined with extracorporeal shockwave therapy in athletes with patellar tendinopathy and knee pain: a randomized controlled trial ;Knee Surg Relat Res . 2024 Dec 17;36(1):47
2. The Clinical Efficacy of Extracorporeal Shock Wave Therapy Combined With Platelet-Rich Plasma and Exercise for Lateral Epicondylitis: Prospective Randomized Sham-Controlled Ultrasonographic Study.;Arch Phys Med Rehabil 2025 Aug.106(8):1173-1182.

der informierte @rzt

  • Vol. 16
  • Ausgabe 3
  • März 2026