Editorial

Förderbeiträge für zuckerarme Getränke



Wir fühlen uns heute fast schuldig, wenn wir uns nicht an die neuesten Trends der Ernährung halten. Neben Vitamin D und Proteinen werden viele selektive Produkte angeboten, und das Geschäft mit der gesunden Ernährung boomt. Eine Hauptrolle für Gesundheit und Lebenserwartung dürfte allerdings der Zuckerkonsum spielen.

In Deutschland werden allein durch Getränke 26 Gramm Zucker pro Kopf und Tag eingenommen (entsprechend einem Viertel des täglichen Gesamtzuckerkonsums von 95 Gramm, ca. 33 Stück Würfelzucker). Ein Glas Cola (250 ml) enthält 27 Gramm Zucker (ca. 9 Stück Würfelzucker). Jährlich konsumieren wir durchschnittlich 40 kg Zucker (30 kg industriell verarbeiteter weisser Zucker, 10 kg als Rohrzucker oder in Honig und Ahornsirup).

Es ist unbestritten, dass übermässiger Zuckerkonsum massgeblich zur Entstehung von Übergewicht und chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes (T2D), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD), Schlaganfälle und Karies beiträgt. Eine Studie mit Daten aus der Global Dietary Database ergab, dass 1 von 10 jährlichen Neuerkrankungen an T2D und 1 von 30 neu auftretenden CVD weltweit durch den Konsum von zuckerhaltigen Getränken verursacht ist (1).

In Grossbritannien gibt es seit 2018 die «Soft Drinks Industry Levy», eine gestaffelte Steuer, die die Hersteller von zuckergesüssten Getränken zahlen müssen. Ab 5 Gramm Zucker pro 100 Millilitern müssen 18 Pence pro Liter gezahlt werden, > 8 g/100 ml 24 Pence. In Mexiko werden seit 2014 zuckergesüsste Getränke um circa 10 % besteuert, sodass die Getränke teurer und dadurch seltener gekauft werden. – Bei Mädchen, nicht aber bei Knaben, hat die Einführung der Zuckersteuer in Grossbritannien seit 2018 zu einer Reduktion der Adipositasrate um 8 % geführt, wobei vor allem Mädchen aus benachteiligten Regionen profitiert haben, welche freilich auch am meisten gefährdet sind (2). – In einer Kohortenstudie mit 6313 Kindern (Durchschnittsalter 7.7 Jahre, 38 % 2–5-jährig) im amerikanischen Seattle führte eine am 01.01.2018 eingeführte Steuer auf gesüsste Getränke zu einer statistisch signifikanten, allerdings geringgradigen Verringerung des Body-Mass-Index (BMI) im Vergleich zu Kindern in nicht besteuerten Vergleichsgebieten (3). – Die Stadt Philadelphia, mit 1.6 Millionen Einwohnern die sechstgrösste Stadt der USA, hat im Januar 2017 eine Verbrauchsteuer von 1.5 Cent pro Unze Zucker eingeführt, einschliesslich künstlich gesüsster Getränke, von denen durchschnittlich 5.4 wöchentlich konsumiert und die für Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen verantwortlich gemacht werden. Die mit der Steuer verbundene Preiserhöhung führte zu einem Rückgang des Verkaufs von Süssgetränken um etwa einen Drittel (4, 5). – In Grossbritannien ist die Zahl der Zahnextraktionen bei Kindern in den ersten fünf Lebensjahren mit Einführung der Zuckersteuer um mehr als ein Viertel gesunken (6). – Auch in Mexiko war die Einführung der Zuckersteuer mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit von Karies, Füllungen und Zahnextraktion (Decayed, Missing and Filled Teeth [DMFT]) verbunden (7). – Eine Modellierungsstudie der TU München ergab 2023, dass mit einer Besteuerung zuckergesüsster Getränke in Deutschland über die nächsten 20 Jahre erwachsene Personen 1 Gramm Zucker pro Tag weniger zu sich nehmen würden, was 132 100 Typ-2-Diabetes-Erkrankungen verhindern, 39 200 CVD-Fälle vermeiden, 1900 Schlaganfälle verhindern, 31 600 Fälle von Adipositas vermeiden und etwa 9.6 Milliarden Euro im Gesundheits- und Sozialwesen einsparen würde; bei der Annahme von 2.34 Gramm weniger Zucker pro Tag wären die Zahlen: 244 100 T2D, 69 800 CVD, 3400 Schlaganfälle, 72 300 Adipositas und circa 16 Milliarden Euro (8).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt weltweit 117 Staaten auf, davon 17 in Europa, welche eine Steuer für Zucker erheben. In Deutschland wird die Zuckersteuer auf Softdrinks politisch heiss diskutiert. In der Schweiz ist dies kein Thema, weil wir nicht wünschen, dass uns der Staat Vorgaben für unsere höchstpersönliche Ernährung macht.

Wir haben nichts dagegen, dass wir mit unseren Krankenkassenprämien teure Medikamente zur Gewichtsreduktion bezahlen. Der Nachsatz, dass deren nachhaltige Wirkung nicht erwiesen ist, sei dem Editorialist verziehen und gehört nicht zum Thema.

Im Hinblick auf unser Klima erachten wir es in der Schweiz als sinnvoll, Förderbeiträge auszurichten, beispielsweise beim Ersatz einer Ölheizung durch eine Wärmepumpe.

Weshalb bewilligen wir – im Hinblick auf unsere Gesundheit – keine Förderbeiträge für zuckerarme Softdrinks?

KD Dr. med. et lic. phil. Marcel Weber

Chefarzt emeritus Rheumaklinik Triemli
8800 Thalwil

marwebdr@gmail.com

der informierte @rzt

  • Vol. 16
  • Ausgabe 4
  • April 2026