Editorial

Plädoyer für mehr Handlungsspielraum



Beim Hören eines kürzlich veröffentlichten Podcasts mit Prof. Hartmut Rosa sind mir zu seiner Feststellung «Wir vollziehen, anstatt zu leben» Parallelen zur aktuellen Situation in der niedergelassenen Praxis aufgefallen.

Bei einem immer komplexer werdenden Regelwerk und immer mehr Vorschriften wird unser Handlungsspielraum als niedergelassene Ärzte vonseiten der Behörden, Kostenträger und eigenen Fachgesellschaften, ja sogar der Netzwerke, immer mehr eingeengt. Selbst in einer kleinen, überschaubaren Praxisgemeinschaft zu zweit müssen zum Beispiel im Raum Zürich der Medikamenteneinkauf und die Lagerung für jeden Arzt mit dem entsprechenden administrativen Aufwand streng separat erfolgen. Bei einem dringenden Hausbesuch am Abend oder Wochenende, der immerhin in manchen Fällen eine Hospitalisation verhindern kann, ist es aufgrund der aktuellen Analysenliste für Laborleistungen nicht vorgesehen, dass die wichtigsten Laborparameter zeitnah durch das eigene Praxislabor analysiert werden. Wir entscheiden nicht mehr, wie ein Organsystem untersucht wird; es wird uns bürokratisch im Detail vorgeschrieben – in welcher TARDOC-Position ist die regelmässige Kontrolle der Diabetikerfüsse/Polyneuropathie enthalten? Braucht es für die sehr fruchtbaren und sinnvollen Qualitätszirkel wirklich auch vom eigenen Netzwerk detaillierte Vorgaben zur Gestaltung des Protokolls? An diesem Punkt möchte ich stoppen. Jeder von uns kennt unzählige wenig sinnvolle Einschränkungen, welche unseren Tagesablauf zäh werden lassen und belasten.

Unserer Urteilskraft und unserem Augenmass, was medizinisch und administrativ in welcher Situation sinnvoll und angemessen erscheint, wird immer weniger vertraut. Die Art und Weise, wie und mit welchem Aufwand wir Patienten betreuen können, wird durch Detailregelungen immer mehr auf die Minute kalibriert und inhaltlich standardisiert.

Das Einholen einer Kostengutsprache wird zum KI-generierten Schlagabtausch. Ein Gespräch mit einem Vertrauensarzt zur gemeinsamen Beratung, wie eine komplexe Situation am besten für alle Parteien sinnvoll gelöst werden kann, ist nicht mehr möglich. Auch aufseiten der Kostenträger wurde der vertrauensärztliche, vernünftige Handlungsspielraum weitgehend abgebaut. Es entwickelt sich zunehmend eine bürokratische Situation, in der beide Seiten ohnmächtig werden.

Die Politiker und Kostenträger bringen regelmässig das Problem des Missbrauchs vor und rechtfertigen damit die Einengung unserer Handlungsspielräume. Es herrscht ein permanenter Generalverdacht, eine Kultur des Misstrauens, dass wir unseren Beruf nicht vernünftig und mit Augenmass ausüben. Eine moralische Verantwortlichkeit für die Kostenproblematik und einen vernünftigen Umgang mit den Ressourcen wird uns per se abgesprochen.

Das heisst nicht, dass alle Regelungen und Kontrollmechanismen zur Prüfung der Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit aufgegeben werden müssen. Aber wieder etwas mehr Spielraum und Vertrauen würden unserer Branche sehr guttun. Ein systematischer Missbrauch lässt sich ohnehin auch mit einem dichten Regelwerk nicht ausschliessen.

Wie soll ich junge, engagierte und sehr gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen für eine selbständige Tätigkeit in einer Praxis begeistern? Anstelle der aktuellen Überlegungen für eine mögliche alternative Ausbildung von 4 Jahren anstatt eines universitären Abschlusses, um den Nachwuchs für die Grundversorgung vermeintlich zu retten, wäre es wohl sinnvoller, den Generalverdacht des Missbrauchs abzulegen und die jungen Kolleginnen und Kollegen mit einem Studium in Humanmedizin als gut ausgebildete, begeisterte und selbständig denkende Ärztinnen und Ärzte anzuerkennen und sie mit Augenmass und Sorgfalt die Patienten ins Zentrum stellen zu lassen. Für ein gutes Gelingen der Hausarztmedizin als wichtigem und kostengünstigem Pfeiler im Gesundheitswesen sind eine Erweiterung des Handlungsspielraums und die Anerkennung der Ärzteschaft als souveräne Akteure mit einem massvollen Umgang mit den Kosten und Ressourcen unabdingbar.

Dr. med.Vera Stucki-Häusler

Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Vera Stucki-Häusler
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  • Vol. 16
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  • Juli 2026