Fortbildung AIM

Diagnostik mit Augenmass: Vitamin- und Spurenelementbestimmung im Labor

Hausarztpraxen werden häufig mit dem Wunsch nach Bluttests für Vitamine und Spurenelemente konfrontiert. Befeuert wird dieser massiv durch Social Media und den allgegenwärtigen Trend zur Selbstoptimierung. Ein breites Screening bringt bei unspezifischen Beschwerden wie Müdigkeit jedoch selten diagnostische Klarheit und stiftet eher Verunsicherung. Entscheidend ist ein rationaler, ressourcenschonender Einsatz der Labordiagnostik. Das Vorgehen lässt sich auf zwei Leitfragen reduzieren: Ist ein Mangel plausibel? Ändert ein auffälliges Resultat die Therapie? Können diese Fragen nicht mit Ja beantwortet werden, sollte auf die Testung verzichtet werden. Ein echter klinischer Mehrwert entsteht stattdessen durch gezielte Messungen bei definierten Risikogruppen (z. B. vegane Ernährung, bestimmte Medikamente), spezifischen Symptomen oder nach bariatrischen Eingriffen. Bei der Interpretation sind stets Over-the-Counter (OTC)-Supplemente und präanalytische Faktoren (z. B. Hämolyse, Entzündung) zu berücksichtigen.



General practitioners are frequently confronted with requests for vitamin and trace element blood tests, a demand heavily driven by social media and self-optimization. However, broad screening for non-specific symptoms like fatigue rarely provides diagnostic clarity and rather causes uncertainty. A rational, resource-efficient use of laboratory diagnostics is therefore crucial. The approach can be narrowed down to two guiding questions: Is a deficiency plausible? Will an abnormal result alter therapy? If these cannot be answered with „yes“, testing should be avoided. Instead, true clinical value is added by targeted measurements in defined risk groups (e.g., vegan diet, certain medications), specific symptoms, or after bariatric surgery. During interpretation, over-the-counter (OTC) supplements and preanalytical factors (e.g., hemolysis, inflammation) must always be considered.
Keywords: Labordiagnostik, Vitamine, Spurenelemente, Hausarztmedizin, Smarter Medicine

Einleitung

«Könnten wir einmal meine Vitamine durchchecken?» Wer hausärztlich tätig ist, dürfte mit dieser oder einer ähnlich formulierten Bitte fast täglich konfrontiert werden. Viele Patientinnen und Patienten, die beispielsweise an Haarausfall, Müdigkeit oder Ähnlichem leiden, informieren sich vorab bei «Dr. Google», in sozialen Medien oder über KI-Assistenten über mögliche Ursachen. Dabei treffen sie oft auf kommerziell ausgerichtete Influencer, die Nahrungsergänzungsmittel als Allheilmittel und Wunderwaffe bewerben. Hinzu kommen Online-Shops, darunter auch Drogerien und Apotheken, die «zuverlässige» Selbsttests für bspw. Vitamin-D- oder Eisenmangel anbieten. So erscheint vielen Patientinnen und Patienten die Gesundheit als etwas, das allein von Messdaten abhänge und sich auf dieser Basis immer weiter optimieren liesse. Der Wunsch nach einem Laborwert ist daher durchaus nachvollziehbar. Er wirkt objektiv und verspricht eine unkomplizierte Lösung vermeintlicher gesundheitlicher Probleme (1). Ohne Frage sind Laborwerte aus der modernen Medizin nicht wegzudenken, aber im Hinblick auf die Vitamin- und Spurenelementdiagnostik ist ein differenziertes Vorgehen notwendig. Denn bei unspezifischen Beschwerden wie etwa «Müdigkeit» führen breite Vitamin- und Spurenelementpanels nur selten zu der erhofften diagnostischen Klarheit (2). Im Gegenteil: Diesbezügliche Laborwerte können, vor allem wenn sie leicht erniedrigt oder grenzwertig sind, die Patientinnen und Patienten verunsichern (3), und sie ziehen häufig weitere Kontrollmessungen sowie Supplementationen ohne evidenzbasierten medizinischen Nutzen nach sich (1–3). Dass es sich bei neurologischen Symptomen, chronischen Erkrankungen, relevanter Dauermedikation und weiteren definierten Risikokonstellationen anders verhält, ist selbstverständlich.

Aus dem oft ausgeprägten Wunsch nach einem Labortest ergibt sich für die Hausärztinnen und Hausärzte ein schwieriger und anspruchsvoller Balanceakt. Einerseits gilt es, das Anliegen der Patientinnen und Patienten ernst zu nehmen, andererseits sollten Laborbestimmungen medizinisch begründet, klar indiziert und im Sinne einer ressourcenschonenden Medizin vertretbar sein – nur dann entsteht ein echter Mehrwert.

Für die Hausarztpraxis stellt sich damit die zentrale Frage: Wann ist eine Laborbestimmung von Vitaminen und Spurenelementen sinnvoll, wann nicht? Zur Beantwortung helfen zwei Leitfragen:
1. Ist ein Mangel aufgrund von Anamnese, Risikokonstellation oder Klinik plausibel?
2. Würde ein auffälliges Resultat mein weiteres diagnostisches oder therapeutisches Vorgehen verändern?

Dass diese beiden Leitfragen hilfreich sind, zeigt das Beispiel Vitamin D anschaulich. Bei Personen ohne relevante Risikofaktoren führt die Messung meist nicht zu einer besseren Versorgung: Tiefe Spiegel sind in unseren Breitengraden, insbesondere im Winter, häufig und haben isoliert nur begrenzte Aussagekraft. Entsprechend empfehlen smarter medicine und die Endocrine Society, auf ein routinemässiges Screening bei asymptomatischen Personen ohne Risikofaktoren zu verzichten (4–6). Häufig ist eine pragmatische, leitliniengerechte Supplementation sinnvoller als eine vorgängige Laborbestimmung, sofern das Resultat das Vorgehen ohnehin nicht verändern würde.

Eine Messung ist dann angezeigt, wenn ein konkretes Risiko besteht und das Resultat potenziell therapeutische Konsequenzen hat, etwa bei Osteoporose oder bei anderen definierten Risikokonstellationen (4–6).
Wie verhält es sich mit weiteren Vitaminen und Spurenelementen?

Vitamin B12

Vitamin B12 wird in der Praxis häufig bei Müdigkeit, veganer Ernährung oder Konzentrationsproblemen nachgefragt. Sinnvoll ist die Bestimmung vor allem bei Polyneuropathie, Gangunsicherheit, kognitiven Veränderungen, Glossitis, unklarer Makrozytose oder ungeklärter Zytopenie. Wichtig: Ein Mangel kann auch bei unauffälligem Blutbild bestehen (7).

Zu den Risikokonstellationen zählen vegane Ernährung ohne gesicherte B12-Supplementation, höheres Alter, atrophe Gastritis, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Status nach Magen- oder Ileumoperation, längerfristige PPI-Therapie, Metformin sowie der Konsum von Lachgas. Nicht sinnvoll ist eine routinemässige Bestimmung bei asymptomatischen Personen mit Normalkost ohne Risikoprofil (7).

Für die Basisdiagnostik eignen sich Gesamt-Vitamin-B12 oder Holotranscobalamin. Beide Tests haben einen Graubereich. Bei grenzwertigen oder widersprüchlichen Resultaten ist Methylmalonsäure (MMA) der wichtigste Zusatzmarker. Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann MMA allerdings falsch-hoch ausfallen. Homocystein ist weniger spezifisch und ersetzt MMA nicht (7,8).

Folsäure

Folsäure wird häufig zusammen mit Vitamin B12 und Ferritin bestimmt. Sinnvoll ist die Messung bei makrozytärer Anämie, unklarer Zytopenie, chronischem Alkoholabusus, Mangelernährung oder bei Medikamenten, die den Folsäurestoffwechsel beeinflussen, etwa Methotrexat (9).

Nicht sinnvoll ist die Folsäurebestimmung als Screening bei Kinderwunsch. Hier steht die präventive Supplementation im Vordergrund. Bei makrozytärer Anämie sollten Folsäure und Vitamin B12 stets gemeinsam beurteilt werden: Eine isolierte Folsäuregabe kann das Blutbild normalisieren, während gleichzeitig neurologische Schäden eines unerkannten B12-Mangels weiter fortschreiten können (7,9).

Ferritin/Eisen

Ferritin ist kein Vitamin oder Spurenelement im engeren Sinn. Da Eisen als Spurenelement jedoch häufig bei Müdigkeit, Haarausfall, Leistungsabfall oder starker Menstruation abgeklärt wird, wird darauf eingegangen.

Ein deutlich erniedrigtes Ferritin ist hochspezifisch und belegt einen absoluten Eisenmangel. Sinnvoll ist die Bestimmung bei Mikrozytose, Anämie, starken oder chronischen Blutungen, Schwangerschaft, Restless-Legs-Syndrom oder passender Klinik. Ohne Symptome oder Risikoprofil ist ein pauschales Screening auf Eisenmangel hingegen wenig zielführend. Sinnvoller ist eine risikoorientierte Abklärung bei klinischem Verdacht. Wird bei Männern oder postmenopausalen Frauen ein Eisenmangel festgestellt, muss die Ursache gezielt gesucht werden (10).

Ferritin ist ein Akute-Phase-Protein und kann bei Entzündung, Adipositas oder Lebererkrankungen trotz Eisenmangel normal oder sogar erhöht sein. Es sollte daher immer zusammen mit Blutbild und CRP beurteilt werden. Bei Entzündung oder chronischen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, chronischen Nierenerkrankungen (CKD) und bei Tumorerkrankungen sollte gemäss Schweizer Konsensus-Empfehlungen zusätzlich die Transferrinsättigung (TSAT) sowie in unklaren Fällen auch der lösliche Transferrinrezeptor (sTfR) hinzugezogen werden (11).

Spurenelemente

Spurenelemente wie Zink, Selen, Jod, Kupfer und Magnesium werden in sozialen Medien häufig als einfache Lösung für komplexe Beschwerden wie Müdigkeit, Infektanfälligkeit oder Haarausfall vermarktet. Biologisch sind diese Spurenelemente zweifellos relevant. Bei ausgewogener Ernährung und fehlenden Risikofaktoren ist ein klinisch bedeutsamer Mangel jedoch selten. Eine Bestimmung empfiehlt sich daher nur bei plausibler Risikokonstellation. Dazu zählen insbesondere Malabsorption, chronische Diarrhoe, intestinales Versagen, bariatrische oder andere gastrointestinal verändernde Eingriffe, schwere Mangelernährung und langfristige parenterale Ernährung (9).

Zink

Zink wird oft bei Infektanfälligkeit, Haarausfall, Müdigkeit oder schlechter Wundheilung gewünscht. Sinnvoll ist eine Bestimmung bei chronischer Diarrhoe, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, nach bariatrischen Eingriffen, bei schlechter Wundheilung, Geschmacksstörungen oder typischen Hautveränderungen. Als pauschales Screening für das Immunsystem ist Zink nicht geeignet (9).

Selen

Eine Selen-Messung ist vor allem bei längerfristiger parenteraler Ernährung, Kurzdarmsyndrom, schwerer Malabsorption, intestinalem Versagen oder sehr restriktiver Ernährung sinnvoll. Bei Müdigkeit oder Haarausfall ohne Risikoprofil besteht keine überzeugende Indikation (9,12).

Kupfer

Kupfer ist kein Screeningparameter. Sinnvoll ist die Bestimmung nur bei Verdacht auf Morbus Wilson im Rahmen einer gezielten Abklärung sowie bei unklarer Anämie, Neutropenie oder neurologischen Symptomen. Besonders wichtig ist dies nach bariatrischen oder gastrointestinalen Operationen, bei Malabsorption und bei langfristiger parenteraler Ernährung (9,13,14).

Jod

Das aktuelle Schweizer Jodmonitoring zeigt einen ausreichenden Jodstatus bei Schulkindern, jedoch eine unzureichende Versorgung schwangerer Frauen (15). Bei Jod ist die Labordiagnostik im Einzelfall in der Regel wenig hilfreich. Die Jodkonzentration im Urin ist ein etablierter Marker für Populationsstudien und Monitoringprogramme, eignet sich aber wegen ausgeprägter Schwankungen nicht zuverlässig zur Beurteilung einzelner Patientinnen und Patienten. Serumjod ist für die Routinediagnostik eines ernährungsbedingten Jodmangels ebenfalls nicht geeignet. Im klinischen Alltag sind Ernährungs- und Expositionsanamnese zielführender, bei Verdacht auf Schilddrüsenfunktionsstörung TSH und freies T4 (16).

Magnesium

Magnesium wird häufig bei Muskelkrämpfen, Müdigkeit oder «Stress» gewünscht. Bei isolierten, idiopathischen Muskelkrämpfen ohne Hinweise auf eine sekundäre Ursache ist der Nutzen einer routinemässigen Magnesiumbestimmung jedoch nicht klar belegt (17). Dazu passt, dass ein Cochrane-Review bei älteren Erwachsenen keinen klinisch relevanten Nutzen einer Magnesiumsupplementation zur Krampfprophylaxe fand. Für schwangerschaftsassoziierte Krämpfe bleibt die Datenlage uneinheitlich (18).

Sinnvoll ist die Magnesiumbestimmung vor allem bei plausibler Risikokonstellation oder klinischen Hinweisen auf eine relevante Hypomagnesiämie, etwa bei Herzrhythmusstörungen, therapierefraktärer Hypokaliämie oder Hypokalzämie, chronischer Diarrhoe, Malabsorption sowie unter Schleifen- oder Thiaziddiuretika-Therapie oder längerfristiger PPI-Therapie (19,20).

Weitere Vitamine und Spurenelemente

Nicht alle Vitamine und Spurenelemente können aus Platzgründen Inhalt dieses Beitrages sein. Dies bedeutet nicht, dass sie klinisch irrelevant wären. Vitamin B1 (Thiamin) ist beispielsweise bei Alkoholabusus, Mangelernährung, chronischem Erbrechen oder Refeeding-Risiko von grosser Bedeutung (21–23). Für weitere Vitamine und Spurenelemente gilt dasselbe Prinzip: Gemessen wird gezielt, wenn eine Risikokonstellation vorliegt oder eine spezifische Symptomatik für einen Mangel spricht, etwa Nachtblindheit bei Verdacht auf Vitamin-A-Mangel. Selten bestimmte Spurenelemente wie Chrom, Mangan oder Molybdän bleiben speziellen Fragestellungen, etwa langfristiger parenteraler Ernährung oder Expositions- bzw. Toxizitätsabklärungen, vorbehalten (9).

Sonderfall bariatrische Operationen

Während bei unspezifischen Beschwerden (wie oben beschrieben) Laborbestimmungen von Vitaminen und Spurenelementen ohne konkrete Verdachtsmomente oft nicht zielführend sind, sind sie nach bariatrischer Operation zwingender Bestandteil der Langzeitnachsorge. Grund hierfür ist das relevante und dauerhaft erhöhte Risiko für Mikronährstoffmängel (24,25). Welche Mängel besonders wahrscheinlich sind, hängt wesentlich vom Operationsverfahren ab.

Gemäss Swiss Multidisciplinary Obesity Society (SMOB) umfassen die regelmässigen, in der Regel jährlichen Laborkontrollen: Blutbild, INR, Chemie (Elektrolyte, Leberwerte, Nierenfunktion, Albumin, Glukose, HbA1c), Eisenstatus (Eisen, Ferritin), Lipidstatus, Hormone (freies T3, Parathormon) und einen Vitaminstatus. Eine Konkretisierung der zu bestimmenden Vitamine und Spurenelemente erfolgt in den SMOB-Richtlinien nicht. Es heisst lediglich, dass bei nachgewiesenem Mangel von Nährstoffen, Vitaminen oder Spurenelementen der Therapieerfolg überprüft werden soll (24).

Diese Feststellungen sind auch für die Hausarztpraxis von Bedeutung, weil die Nachkontrollen in Ausnahmefällen «auch unter Einbezug des betreuenden Hausarztes» (24) erfolgen können.

OTC-Supplemente und Überdosierungen

Viele Patientinnen und Patienten nehmen vor einer Laborkontrolle bereits Over-the-Counter (OTC)-Präparate oder Supplemente ein – häufig beeinflusst durch Werbung, den gesellschaftlichen Druck und Trends in sozialen Medien. Dies erschwert die Interpretation der Laborresultate deutlich, weil die Einnahme solcher Präparate von Patientinnen und Patienten häufig nicht aktiv angegeben wird. Die gemessenen Werte lassen dann nur eingeschränkt erkennen, ob sie den Ausgangszustand oder bereits den Effekt der Supplementierung widerspiegeln. Zunehmend sind sogar Toxizitäten festzustellen, die auf hohe Dosierungen mancher Präparate zurückzuführen sind, etwa Polyneuropathien unter hochdosiertem Vitamin B6 oder Hyperkalzämien unter hochdosiertem Vitamin D (26,27). Die gezielte Supplementanamnese ist deshalb zentral. Erfragt werden sollten Präparat, Dosis, Einnahmedauer, Einnahmehäufigkeit und Bezugsquelle.

Biotin verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Hochdosierte Präparate für «Haare & Nägel» können immunologische Laborassays stören und je nach Testsystem falsch-hohe oder falsch-tiefe Resultate verursachen, etwa bei Schilddrüsenwerten oder Troponin. Bei unplausiblen Befunden ist eine Rücksprache mit dem Labor sinnvoll (28,29).

Präanalytik

Die Aussagekraft eines Laborresultats entscheidet sich oft schon vor dem Eintreffen der Probe im Labor. Ein im Praxisalltag häufig unterschätzter Störfaktor ist die Hämolyse. Durch den Austritt intrazellulärer Bestandteile können nicht nur Kalium, sondern auch Magnesium und Zink im Serum künstlich erhöht erscheinen. Auch weitere Spurenelemente wie Mangan oder Selen können betroffen sein (30).

Die Interpretation von Spurenelementen ist aber nicht nur eine Frage der Probenqualität. Auch der klinische Kontext beeinflusst die gemessenen Konzentrationen wesentlich. Bei Entzündung und Hypoalbuminämie können insbesondere Zink und Selen im Serum erniedrigt erscheinen, ohne dass zwingend ein echter Mangel vorliegt (31). Kupfer kann dagegen im Rahmen der Akut-Phase-Reaktion über seinen Bindungspartner Coeruloplasmin ansteigen. Auffällige Resultate sollten deshalb immer zusammen mit CRP und Albumin beurteilt werden (31).

Fazit

Der Wunsch nach Vitamin- und Spurenelementbestimmungen ist nachvollziehbar. Social Media, Influencer-Marketing und eine Flut an Gesundheits- und Lifestyle-Inhalten in allen Medien vermitteln häufig den Eindruck, dass Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden oder sogar Schönheit durch die Optimierung einzelner Laborwerte verbessert werden können. Laborwerte wirken objektiv, versprechen Orientierung und scheinen komplexe Beschwerden greifbar zu machen. Gleichzeitig stehen Hausärztinnen und Hausärzte zunehmend unter Druck, zwischen Patientenerwartung, medizinischer Indikation und ressourcenschonender Versorgung abzuwägen.

Hier sollte sich eine Entscheidung zwingend an der ärztlichen Kernkompetenz orientieren. Dazu gehören eine sorgfältige Anamnese inklusive Ernährung, Vorerkrankungen, Medikamenten und OTC-Supplementen, sowie die gezielte Einordnung von Symptomen und Risikokonstellationen. Dann lassen sich auch die beiden zentralen Fragen beantworten: Ist ein Mangel klinisch plausibel? Würde ein auffälliges Resultat mein weiteres diagnostisches oder therapeutisches Vorgehen verändern? Erst wenn diese Fragen bejaht werden können, wird aus einem Laborwert eine klinisch relevante Entscheidungshilfe.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Maximilian Zimmer

Oberarzt mbF
Abteilungsleiter Klinische Chemie
Zentrum für Labormedizin St. Gallen
Frohbergstrasse 3
9001 St. Gallen

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Gezielt statt breit: Vitamin- und Spurenelemente nur bestimmen, wenn ein Mangel klinisch plausibel ist und das Resultat das Vorgehen potenziell verändert.
  • Risikogruppen gezielt abklären: Sinnvoll ist Diagnostik bei definierten Risiken, etwa veganer Ernährung ohne Supplementation, relevanter Dauermedikation, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder nach bariatrischer Chirurgie.
  • OTC-Präparate nicht übersehen: Bereits begonnene Supplemente verändern Laborresultate; hochdosierte Präparate können zudem toxisch wirken oder im Fall von Biotin verschiedene Labor-Assays stören.
  • Kontext entscheidet: Laborresultate nie isoliert interpretieren, sondern immer im Zusammenhang mit Klinik, CRP, Albumin, Nierenfunktion und Präanalytik.

1. Hofstede H, van der Burg HAM, Mulder BC, Bohnen AM, Bindels PJE, de Wit NJ, et al. Reducing unnecessary vitamin testing in general practice: barriers and facilitators according to general practitioners and patients. BMJ Open. 2019;9(10):e029760. doi:10.1136/bmjopen-2019-029760.
2. Koch H, van Bokhoven MA, ter Riet G, van Alphen-Jager J, van der Weijden T, Dinant GJ, et al. Ordering blood tests for patients with unexplained fatigue in general practice: what does it yield? Results of the VAMPIRE trial. Br J Gen Pract. 2009;59(561):e93-e100. doi:10.3399/bjgp09X420310.
3. Rolfe A, Burton C. Reassurance after diagnostic testing with a low pretest probability of serious disease: systematic review and meta-analysis. JAMA Intern Med. 2013;173(6):407-416. doi:10.1001/jamainternmed.2013.2762.
4. smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland; Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin. Ambulante Allgemeine Innere Medizin: Top-5-Liste. 2021. Verfügbar auf: https://www.smartermedicine.ch/de/top-5-listen/ambulante-allgemeine-innere-medizin-2021. Abgerufen 01.05.2026.
5. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Vitamin D: Informationen und Kostenübernahme der Vitamin-D-Bestimmung. Bern: BLV; 2023. Verfügbar auf: https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/das-blv/organisation/kommissionen/eek/vitamin-d-mangel.html. Abgerufen 01.05.2026.
6. Demay MB, Pittas AG, Bikle DD, Diab DL, Kiely ME, Lazaretti-Castro M, et al. Vitamin D for the prevention of disease: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2024;109(8):1907-1947. doi:10.1210/clinem/dgae290.
7. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Vitamin B12 deficiency in over 16s: diagnosis and management. NICE guideline NG239. London: NICE; 2024. Verfügbar auf: https://www.nice.org.uk/guidance/ng239. Abgerufen 01.05.2026.
8. Harrington DJ. Laboratory assessment of vitamin B12 status. J Clin Pathol. 2017;70(2):168-173. doi:10.1136/jclinpath-2015-203502.
9. Berger MM, Shenkin A, Schweinlin A, Amrein K, Augsburger M, Biesalski HK, et al. ESPEN micronutrient guideline. Clin Nutr. 2022;41(6):1357-1424. doi:10.1016/j.clnu.2022.02.015.
10. Iolascon A, Andolfo I, Russo R, Sanchez M, Busti F, Swinkels D, et al.; EHA-SWG Red Cell and Iron. Recommendations for diagnosis, treatment, and prevention of iron deficiency and iron deficiency anemia. HemaSphere. 2024;8(7):e108. doi:10.1002/hem3.108.
11. Nowak A, Angelillo-Scherrer A, Betticher D, Dickenmann M, Guessous I, Juillerat P, et al. Swiss Delphi study on iron deficiency. Swiss Med Wkly. 2019;149. doi:10.4414/smw.2019.20097.
12. Ashton K, Hooper L, Harvey LJ, Hurst R, Casgrain A, Fairweather-Tait SJ. Methods of assessment of selenium status in humans: a systematic review. Am J Clin Nutr. 2009;89(6):2025S-2039S. doi:10.3945/ajcn.2009.27230F.
13. Halfdanarson TR, Kumar N, Li CY, Phyliky RL, Hogan WJ. Hematological manifestations of copper deficiency: a retrospective review. Eur J Haematol. 2008;80(6):523-531. doi:10.1111/j.1600-0609.2008.01050.x.
14. European Association for the Study of the Liver; European Reference Network on Hepatological Diseases. EASL-ERN Clinical Practice Guidelines on Wilson‘s disease. J Hepatol. 2025;82(4):690-728. doi:10.1016/j.jhep.2024.11.007.
15. Fischer L, Andersson M, Braegger C, Herter-Aeberli I; Swiss Iodine Study Collaborators. Iodine intake in the Swiss population 100 years after the introduction of iodised salt: a cross-sectional national study in children and pregnant women. Eur J Nutr. 2024;63(2):573-587. doi:10.1007/s00394-023-03287-6.
16. Wainwright P, Cook P. The assessment of iodine status – populations, individuals and limitations. Ann Clin Biochem. 2019;56(1):7-14. doi:10.1177/0004563218774816.
17. Allen RE, Kirby KA. Nocturnal leg cramps. Am Fam Physician. 2012;86(4):350-355. PMID:22963024.
18. Garrison SR, Korownyk CS, Kolber MR, Allan GM, Musini VM, Sekhon RK, et al. Magnesium for skeletal muscle cramps. Cochrane Database Syst Rev. 2020;9(9). doi:10.1002/14651858.CD009402.pub3.
19. Adomako EA, Yu ASL. Magnesium Disorders: Core Curriculum 2024. Am J Kidney Dis. 2024;83(6):803-815. doi:10.1053/j.ajkd.2023.10.017.
20. Toh JWT, Ong E, Wilson R. Hypomagnesaemia associated with long-term use of proton pump inhibitors. Gastroenterol Rep (Oxf). 2015;3(3):243-253. doi:10.1093/gastro/gou054. Epub 2014 Aug 19.
21. Habas E, Farfar K, Errayes N, Rayani A, Elzouki AN. Wernicke Encephalopathy: An Updated Narrative Review. Saudi J Med Med Sci. 2023;11(3):193-200. doi:10.4103/sjmms.sjmms_416_22.
22. National Clinical Guideline Centre (UK). Alcohol Use Disorders: Diagnosis and Clinical Management of Alcohol-Related Physical Complications. London: Royal College of Physicians (UK); 2010. Verfügbar auf: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK553260/. Abgerufen 01.05.2026. PMID:22876380.
23. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Nutrition support for adults: oral nutrition support, enteral tube feeding and parenteral nutrition. London: National Institute for Health and Care Excellence (NICE); 2017 Aug. NICE Clinical Guidelines, No. 32. Verfügbar auf: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK553310/. Abgerufen 01.05.2026.
24. Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders (SMOB). SMOB-Richtlinien zur operativen Behandlung von Übergewicht. Gültig ab 01.07.2023. Verfügbar auf: https://www.smob.ch/wp-content/uploads/2026/04/SMOB-Richtlinien-2023-07-01-Deutsch.pdf. Abgerufen 01.05.2026.
25. O‘Kane M, Parretti HM, Pinkney J, Welbourn R, Hughes CA, Mok J, et al. British Obesity and Metabolic Surgery Society Guidelines on perioperative and postoperative biochemical monitoring and micronutrient replacement for patients undergoing bariatric surgery—2020 update. Obes Rev. 2020;21(11). doi:10.1111/obr.13087.
26. Muhamad R, Akrivaki A, Papagiannopoulou G, Zavridis P, Zis P. The role of vitamin B6 in peripheral neuropathy: a systematic review. Nutrients. 2023;15(13):2823. doi:10.3390/nu15132823.
27. Taylor PN, Davies JS. A review of the growing risk of vitamin D toxicity from inappropriate practice. Br J Clin Pharmacol. 2018;84(6):1121-1127. doi:10.1111/bcp.13573.
28. Li D, Ferguson A, Cervinski MA, Lynch KL, Kyle PB. AACC Guidance Document on Biotin Interference in Laboratory Tests. J Appl Lab Med. 2020;5(3):575-587. doi:10.1093/jalm/jfz010.
29. Vroemen WHM, van Doorn WPTM, Kimenai DM, Wodzig WKWH, de Boer D, Bekers O, et al. Biotin interference in high-sensitivity cardiac troponin T testing: a real-world evaluation in acute cardiac care. Cardiovasc Res. 2019;115(14):1950-1951. doi:10.1093/cvr/cvz277.
30. Simundic AM, Bölenius K, Cadamuro J, Church S, Cornes MP, van Dongen-Lases EC, et al. Joint EFLM-COLABIOCLI Recommendation for venous blood sampling. Clin Chem Lab Med. 2018;56(12):2015-2038. doi:10.1515/cclm-2018-0602.
31. Galloway P, McMillan DC, Sattar N. Effect of the inflammatory response on trace element and vitamin status. Ann Clin Biochem. 2000;37(Pt 3):289-297. doi:10.1258/0004563001899429.

der informierte @rzt

  • Vol. 16
  • Ausgabe 9
  • September 2026