- Hebammengeleitete Geburt im Zentrum
Die hebammengeleitete Geburtshilfe ist ein evidenzbasiertes Versorgungsmodell für Frauen mit einer unkomplizierten Schwangerschaft. Internationale Studien zeigen, dass hebammengeleitete Versorgungsmodelle mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Spontangeburt, weniger geburtshilflichen Interventionen und einer höheren Zufriedenheit der Frauen verbunden sind. Für häufige maternale und neonatale Outcomes zeigen sich keine Hinweise auf ungünstigere Ergebnisse; die Evidenz zu seltenen schwerwiegenden Ereignissen bleibt jedoch begrenzt.
Midwife-led care is an evidence-based model of care for women with uncomplicated pregnancies. International studies show that midwife-led models are associated with a higher likelihood of spontaneous delivery, fewer obstetric interventions, and greater satisfaction among women. There is no evidence of poorer outcomes for common maternal and neonatal outcomes; however, the evidence regarding rare serious events remains limited.
Keywords: Hebammengeleitete Geburtshilfe, Midwife-led Care, Physiologische Geburt, Zentrumsspital, Qualität
Grundlagen der hebammengeleiteten Geburtshilfe
Schwangerschaft und Geburt sind physiologische Lebensereignisse, die durch unterschiedliche Versorgungsmodelle begleitet werden können. Die hebammengeleitete Geburtshilfe (HGGH) richtet sich an gesunde Frauen mit einer physiologischen Schwangerschaft. Hebammen übernehmen dabei eigenverantwortlich die Betreuung und Geburtsleitung im Rahmen ihrer berufsspezifischen Kompetenzen gemäss Art. 5 der GesundheitsberufeÂkompetenzverordnung (GesBKV) (1). Bei Komplikationen, Risiken oder auf Wunsch der Frau wird unverzüglich ärztliches Personal beigezogen.
Evidenz zur hebammengeleiteten Geburtshilfe
Ein aktueller Cochrane-Review (17 Studien, > 18 000 randomisierte Frauen, 5 Länder) zeigte bei hebammengeleiteten Versorgungsmodellen eine höhere Wahrscheinlichkeit für Spontangeburten sowie niedrigere Raten vaginal-operativer Geburten und Sectiones. Darüber hinaus berichten Frauen über eine höhere Zufriedenheit. Zudem wurden in der prä- und intrapartalen Phase Kosteneinsparungen beschrieben (2).
Eine aktuelle Metaanalyse mit rund 1,4 Millionen Geburten bestätigte diese Ergebnisse. Wehenaugmentation, Regionalanästhesie, Intensivstationsaufnahmen, manuelle Plazentalösungen, Infektionen und Bluttransfusionen waren seltener. Zugleich war die Hospitalisationsdauer kürzer. Hinsichtlich postpartaler Hämorrhagien, Apgar-Werten und höhergradiger Dammverletzungen bestanden keine Unterschiede zwischen den Versorgungsmodellen; lediglich die Episiotomierate war in der hebammengeleiteten Versorgung niedriger (3).
Auch für die Neugeborenen wurden günstigere Outcomes beschrieben: Azidosen, Asphyxien und NICU-Aufnahmen traten seltener auf. Die Ergebnisse unterstützen die Implementierung hebammengeleiteter Versorgungsmodelle in integrierten Versorgungssystemen mit durchgehend gewährleisteter interprofessioneller Zusammenarbeit und strukturierten Übernahmeprozessen (3).
Ein zentrales Merkmal hebammengeleiteter Versorgungsmodelle ist die kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt. Die Evidenz zeigt, dass sich diese insgesamt günstig auf den Geburtsverlauf auswirkt und unter anderem mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Spontangeburt und einer niedrigeren Sectiorate sowie einer höheren Zufriedenheit der Frauen verbunden ist (4).
Limitationen
Insgesamt ist die oben genannte Evidenz kritisch zu betrachten. Die aktuelle Cochrane-Analyse weist relevante Limitationen auf (2). Für kein Outcome lag eine hohe Evidenzsicherheit vor. Herabstufungen erfolgten wegen möglicher Bias-Risiken, Inkonsistenz und Impräzision. Da Frauen und Behandelnde nicht verblindet werden können, besteht besonders bei subjektiven Outcomes ein erhöhtes Verzerrungsrisiko. Unterschiede in Populationen, Versorgungskontexten und Ausgestaltung der Betreuungsmodelle schränken die Übertragbarkeit auf andere Gesundheitssysteme und Risikogruppen ein. Für seltene kritische Outcomes war die Aussagekraft wegen geringer Ereigniszahlen begrenzt; zur maternalen Mortalität sind keine belastbaren Aussagen möglich.
Eine zentrale Limitation von Beobachtungsstudien ist das Confounding, da Frauen nicht zufällig einem hebammen- oder ärztlich geleiteten Betreuungsmodell zugewiesen werden. Selbstselektion und risikobedingte Zuweisungen können dazu führen, dass sich die Gruppen bereits zu Beginn systematisch unterscheiden (5–7). Die Selektionsrichtung war nicht einheitlich: In der neuseeländischen Studie von Wernham et al. mit 244 047 Termingeburten wies die Hebammengruppe teilweise ein ungünstigeres Ausgangsprofil auf (5), während sie in der US-amerikanischen Studie von Loewenberg Weisband et al. mit 8779 Frauen tendenziell günstiger selektioniert war (6).
Beide Studien berücksichtigten zahlreiche potenzielle ConÂfounder und führten zusätzliche Sensitivitätsanalysen durch. Dennoch können statistische Verfahren nur gemessene Einflussfaktoren ausgleichen. Residuales Confounding sowie Fehlklassifikationen aufgrund von Routinedaten oder späteren Betreuungswechseln lassen sich nicht ausschliessen. Beobachtete Zusammenhänge dürfen deshalb nicht als kausale Effekte des jeweiligen Betreuungsmodells interpretiert werden.
Hebammengeleitete Geburtshilfe im Kanton Zürich
Die HGGH ist im Kanton Zürich seit mehreren Jahren gesundheitspolitisch verankert. Bereits 2015 forderte ein Vorstoss im Zürcher Kantonsrat die Stärkung hebammengeleiteter Modelle, ausgelöst durch die hohen, zwischen Spitälern stark variierenden Sectioraten sowie die zunehmende Evidenz zu deren Vorteilen. Heute gehört die HGGH zum geburtshilflichen Versorgungsauftrag der Zürcher Listenspitäler und erweitert die Optionen für Frauen mit physiologischer Schwangerschaft. Auch die Nationale Ethikkommission hebt hervor, dass spitalintegrierte Modelle interventionsarme Geburten bei gleichzeitigem Zugang zur klinischen Infrastruktur ermöglichen können (8).
Umsetzung am Beispiel des Kantonsspitals Winterthur (KSW)
Das KSW ist ein Zentrumsspital mit 2117 Neugeborenen im Jahr 2025 und jederzeit verfügbarer geburtshilflicher, neonatologischer und anästhesiologischer Expertise (9). Diese hochspezialisierte Infrastruktur ermöglicht es, eine interventionsarme HGGH-Betreuung mit dem ausgeprägten Sicherheitsnetz eines Perinatalzentrums zu verbinden.
Vor diesem Hintergrund wurde die HGGH am KSW im Mai 2023 eingeführt. Sie richtet sich ausschliesslich an Frauen mit einer physiologischen Schwangerschaft, welche anhand klar definierter Ein- und Ausschlusskriterien sorgfältig selektioniert werden. Solange die Geburt physiologisch verläuft, erfolgt die Betreuung ausschliesslich durch die Hebamme. Bei Komplikationen, Risikokonstellationen oder auf Wunsch der Frau erfolgt jederzeit ein niederschwelliger Wechsel in das interprofessionelle / ärztlich-hebammengestützte Setting.
Ein zentrales Element des Konzepts ist die Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt. Sie ist mit mehr Spontangeburten, weniger Sectiones und einem positiveren Geburtserlebnis verbunden und sollte daher unabhängig vom Versorgungsmodell möglichst allen Gebärenden angeboten werden (4).
Nach der Erfahrung des KSWs stärkte die Einführung der HGGH zudem die interprofessionelle Zusammenarbeit. Klare Verantwortlichkeiten, eine offene Kommunikationskultur, gemeinsam definierte Ein- und Ausschlusskriterien sowie standardisierte Übergabeprozesse fördern das Verständnis für Rollen, Kompetenzen und Sicherheitsbedürfnisse der beteiligten Berufsgruppen.
Seit der Einführung der HGGH steigt die Nachfrage. Bis Mitte 2026 konnten 129 Geburten im hebammengeleiteten Setting begleitet werden. Häufigster Grund für den Wechsel in die interprofessionelle Betreuung war der Wunsch nach einer Periduralanalgesie, gefolgt von einer Geburtseinleitung (9). Klare Auswahlkriterien und die jederzeit verfügbare interprofessionelle Expertise ermöglichen eine interventionsarme Betreuung bei hoher Versorgungsqualität und Sicherheit.
Die Qualitätsdaten stammen aus der prospektiven internen Qualitätssicherung von Mai 2023 bis Dezember 2025 und wurden von den Autorinnen ausgewertet. Die Episiotomierate betrug 1,55 %, die Rate höhergradiger Dammverletzungen (Grad III/IV) 0,78 %. Neonatale Azidosen und postpartale Hämorrhagien traten selten auf; aufgrund der begrenzten Fall- und Ereigniszahl ist jedoch noch keine belastbare Bewertung möglich.
Zur orientierenden Einordnung wurden die Episiotomierate und die Rate höhergradiger Dammverletzungen des HGGH-Low-Risk-Kollektivs mit öffentlich verfügbaren CH-IQI-Daten ausgewählter Zürcher Akutspitäler verglichen (10) (CH-IQI, Bundesamt für Gesundheit, Datenjahre 2023–2024). Die Vergleichsgruppe umfasste das Universitätsspital Zürich, das Kantonsspital
Winterthur, das Stadtspital Zürich, das Spital Uster sowie das GZO Spital Wetzikon (Abb. 1).
Die Rückmeldungen der Frauen weisen auf eine hohe Zufriedenheit mit dem Versorgungsmodell hin. Als Gründe für die Wahl der HGGH werden insbesondere der Wunsch nach natürlicher Geburt, kontinuierlicher Betreuung sowie ruhiger, familiärer Atmosphäre genannt. Viele Frauen beschreiben das Modell als eine gelungene Verbindung der persönlichen Atmosphäre eines Geburtshauses mit der Sicherheit eines Perinatalzentrums (9) (Abb. 2).
Limitationen der KSW-Qualitätsdaten
Die Qualitätsdaten beruhen auf einem selektionierten Low-Risk-Kollektiv mit begrenzter Fallzahl und ohne risikoadjustierte Kontrollgruppe. Auch der Vergleich mit den CH-IQI-Daten dient lediglich der orientierenden Einordnung, da diese die Gesamtkollektive der jeweiligen Spitäler ohne vergleichbare Risikostratifizierung abbilden.
Ausblick
Die ersten Erfahrungen zeigen, dass sich die HGGH gerade in einem Perinatalzentrum erfolgreich implementieren lässt und die Förderung der physiologischen Geburt mit dessen Sicherheitsstrukturen verbindet und dem Wunsch vieler Frauen nach einer selbstbestimmten, evidenzbasierten und sicheren Geburt Rechnung trägt.
Die bisherigen Qualitätsdaten sind vielversprechend, erfordern aber eine sorgfältige Interpretation, da sich die HGGH an ein selektioniertes Low-Risk-Kollektiv richtet und direkte Vergleiche mit der Gesamtpopulation nur eingeschränkt möglich sind. Um künftig eine differenziertere Beurteilung der Outcomes sowie nationale und internationale Vergleiche zu ermöglichen, soll das Qualitätsmonitoring am KSW durch die Einführung der Robson-Klassifikation weiterentwickelt werden. Diese ermöglicht eine standardisierte Einteilung geburtshilflicher Kollektive und verbessert dadurch die Vergleichbarkeit zwischen Institutionen sowie die risikoadjustierte Interpretation geburtshilflicher Outcomes (11).
Romana Vogler, MSc, Hebammenexpertin
Tara Weingart, MSc, Fachverantwortliche Hebamme
Dr. med. Jessica Kreienbühl, Oberärztin Gynäkologie und Geburtshilfe
Kantonsspital Winterthur
Brauerstrasse 15
8400 Winterthur
Copyright
Aerzteverlag medinfo AG
Hebammenexpertin
Kantonsspital Winterthur
Brauerstrasse 15
8400 Winterthur
Oberärztin Gynäkologie und Geburtshilfe
Kantonsspital Winterthur
Brauerstrasse 15
8400 Winterthur
Die Autorinnen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
- HGGH erhöht bei Frauen mit einer physiologischen Schwangerschaft die Wahrscheinlichkeit einer spontanen vaginalen Geburt und reduziert geburtshilfliche Interventionen.
- Die kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung ist ein zentrales Qualitätsmerkmal und sollte – unabhängig vom gewählten Versorgungsmodell – nach Möglichkeit allen Gebärenden ermöglicht werden.
- Eine sorgfältige Selektion geeigneter Schwangerer sowie klar definierte Übergabeprozesse bilden die Grundlage für eine sichere Implementierung der HGGH.
- Eine standardisierte Risikostratifizierung, beispielsweise mittels
Robson-Klassifikation, kann die Vergleichbarkeit geburtshilflicher Qualitätsindikatoren künftig weiter verbessern.
1. Bundesrat. Verordnung über die berufsspezifischen Kompetenzen für Gesundheitsberufe nach dem Gesundheitsberufegesetz (Gesundheitsberufekompetenzverordnung, GesBKV; SR 811.212). Vom 13. Dezember 2019. Bern: Schweizerische Eidgenossenschaft. Verfügbar unter: https://www.fedlex.admin.ch
2. Sandall J, Fernandez Turienzo C, Devane D, et al. Midwife continuity of care models versus other models of care for childbearing women. Cochrane Database Syst Rev. 2024;4:CD004667. doi:10.1002/14651858.CD004667.pub6.
3. Sriram S, Almutairi FM, Albadrani M. Midwife-Led Versus Obstetrician-Led Perinatal Care for Low-Risk Pregnancy: A Systematic Review and Meta-Analysis of 1.4 Million Pregnancies. J Clin Med. 2024.
4. Bohren MA, Hofmeyr GJ, Sakala C, Fukuzawa RK, Cuthbert A. Continuous Support for Women During Childbirth. Cochrane Database Syst Rev. 2017.
5. Wernham E, Gurney J, Stanley J, Ellison-Loschmann L, Sarfati D. A comparison of midwife-led and medical-led models of care and their relationship to adverse fetal and neonatal outcomes: a retrospective cohort study in New Zealand. PLoS Med. 2016;13(9):e1002134. doi:10.1371/journal.pmed.1002134.
6. Loewenberg Weisband Y, Klebanoff M, Gallo MF, Shoben A, Norris AH. Birth outcomes of women using a midwife versus women using a physician for prenatal care. J Midwifery Womens Health. 2018;63(4):399-409. doi:10.1111/jmwh.12750.
7. Niessink-Beckers S, Verhoeven CJ, Nahuis MJ, Horvat-Gitsels LA, Gitsels-van der Wal JT. Maternal characteristics associated with referral to obstetrician-led care in low-risk pregnant women in the Netherlands: a retrospective cohort study. PLoS One. 2023;18(3):e0282883. doi:10.1371/journal.pone.0282883.
8. Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK). Stellungnahme Nr. 46/2025: Zwang und Gewalt unter der Geburt – Ethische und rechtliche Erwägungen. Bern: Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin; 2026
9. Kantonsspital Winterthur. Hebammengeleitete Geburtshilfe: Interne Qualitätsdaten 2023–2026. Unveröffentlichte interne Qualitätsauswertung. Winterthur: Frauenklinik KSW; 2026.
10. Bundesamt für Gesundheit (BAG). Qualitätsindikatoren der Schweizer Akutspitäler (CH-IQI) – Datenabfrage [Internet]. Bern: BAG; [cited 2026 Jun 29]. Available from: https://www.bag.admin.ch/de/qualitaetsindikatoren-abfrage
11. Betran AP, Torloni MR, Zhang JJ, Gülmezoglu AM; WHO Working Group on Caesarean Section. WHO Statement on Caesarean Section Rates. BJOG. 2016;123(5):667–70. doi:10.1111/1471-0528.13526.
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- Vol. 16
- Ausgabe 5
- Oktober 2026









