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Kongress für Hausarztmedizin KHM 2026

Vulvodynie: früh erkennen, Sicherheit vermitteln

Vulvodynie ist für Patientinnen und Behandelnde oft eine diagnostische Herausforderung. Wie hoch der Leidensdruck ist, verdeutlichte die Gynäkologin Dr. med. Christina Schlatter, frauenpraxis55 Zürich, im Seminar am diesjährigen Kongress für Hausarztmedizin KHM 2026: Typisch ist nicht nur der Schmerz selbst, sondern eine lange Vorgeschichte mit rezidivierenden Harnwegsinfekten oder vulvovaginalen Beschwerden, wiederholten Abstrichen und Therapieversuchen.



Die Symptome können nach Geschlechtsverkehr auftreten, brennen, stechen oder diffus sein und den Alltag zunehmend dominieren. Manche Patientinnen können kaum noch Velo fahren, enge Kleidung tragen oder ihre Aufmerksamkeit von der Vulva lösen.

Für die hausärztliche Diagnose ist deshalb die Anamnese zentral. Verdächtig sind persistierende Beschwerden nach behandeltem Harnwegsinfekt, rezidivierende vulvovaginale Infekte, chronisch rezidivierender Soor sowie atopische Vulvitis oder chronischer Pruritus vulvae. Bei der Untersuchung können eine umschriebene Rötung, Transsudat oder eine gestörte Flora auffallen. Die Schmerzen sind dabei nicht nur auf das Vestibulum begrenzt und können auch andere Vulvaareale oder den Analbereich betreffen.

Diagnostik mit Augenmass

Infektionen oder beispielsweise ein Lichen sclerosus gehören zur Differenzialdiagnose. «Entscheidend ist, organische Ursachen gezielt zu prüfen, ohne in eine immer breitere Diagnostikspirale zu geraten», erklärte Dr. Schlatter. Wiederholte PCR-Abstriche, Bildgebung und wechselnde Verdachtsdiagnosen können bei unauffälligen Befunden zusätzliche Unsicherheit erzeugen.

Ein wichtiger diagnostischer Hinweis ist die zunehmende Dominanz des Symptoms selbst: Die Patientin beobachtet die Vulva ständig, beschreibt sie aus einer fast «fremden» Perspektive und erlebt Alltagsreize als zunehmend bedrohlich.

Gerade diese zunehmende Aufmerksamkeit und Alarmbereitschaft gegenüber körperlichen Reizen kann ein Hinweis auf eine Hypersensitivierung sein. Im Sinne des Predictive Brain verarbeitet das Nervensystem Wahrnehmung nicht passiv, sondern bewertet Reize aufgrund von Erwartungen, Erfahrungen und Emotionen. Wird die Region wiederholt als gefährdet erlebt, kann das Alarmsystem immer empfindlicher werden – ähnlich einem Rauchmelder, der bereits bei kleinsten Reizen anschlägt.

Erklären, einordnen, Sicherheit geben

Dr. Schlatter betont: Der Schmerz ist real und nicht eingebildet. Zugrunde liegt eine veränderte sensorische Verarbeitung mit verstärkter Bedrohungsbewertung. Gerade hieraus ergibt sich eine zentrale Aufgabe der Hausärztin oder des Hausarztes. Nach angemessener Abklärung sollte Sicherheit vermittelt werden: «Ihre Schmerzen sind real. Gleichzeitig gibt es keinen Hinweis darauf, dass aktuell ein Infekt oder ein Gewebeschaden dahintersteht. Das bedeutet nicht, dass da nichts ist. Was sie haben, ist eine Vulvodynie. Der Schmerz entsteht durch eine sogenannte Hypersensitivierung. Das bedeutet, das Nervensystem ist empfindlicher geworden, das Warnsystem warnt quasi zu gut. Die gute Nachricht: Vulvodynie ist heilbar.» Diese Rückversicherung ist Therapie. Negative Erwartungen, immer neue Diagnosen und invasive Massnahmen können einen Nocebo-Effekt fördern und die Alarmierung verstärken. Langzeitantibiotika oder -antimykotika ohne klare Indikation, wiederholte Behandlung von Pilzsporen oder Gardnerellen, übertriebene Intimhygiene, häufige Duschbrausen, Vollbäder oder permanentes Fetten sollten vermieden werden. Statt Trigger konsequent zu meiden, geht es um vorsichtige Re-Exposition und ein Umlernen der Körperwahrnehmung. Hilfreich sein können Body Scan, progressive Muskelrelaxation, Lockerung von Kiefer, Gang und Becken sowie Beckenbodenphysiotherapie zur Wahrnehmungsschulung. Interdisziplinäre Angebote können ergänzen, sofern alle Beteiligten dasselbe Erklärungsmodell vertreten und keine neue Katastrophisierung erzeugen.

Fazit für die Praxis

Wichtig ist die frühe Intervention. Persistierende Beschwerden nach Infekten sind ein Warnsignal, bevor sich ein chronisches Schmerzsyndrom verfestigt. Patientinnen mit Vulvodynie brauchen dabei nicht nur diagnostische Sicherheit im Sinne weiterer Ausschlussdiagnostik, sondern auch erlebte Sicherheit: das Wissen, dass der Körper nicht gefährlich oder beschädigt ist. Das Umlernen ist ein Prozess. Regelmässige, verlässliche hausärztliche Begleitung kann das neu erlernte Sicherheitsgefühl mittragen und den Weg aus der Abwärtsspirale zurück in einen normalen, weniger symptomzentrierten Alltag ermöglichen.

red

info@gynäkologie

  • Vol. 16
  • Ausgabe 5
  • Oktober 2026