Die SGK setzt auf medinfo: ein starkes Zeichen für Qualität und ärztliche Stimmen

Es ist uns eine besondere Freude, bekanntzugeben, dass die Schweizerische Gesellschaft für Kardiologie (SGK) an ihrer Generalversammlung den Aerzteverlag medinfo zu ihrem offiziellen Kommunikationsorgan gewählt hat. Dieses Vertrauen ehrt uns und bestätigt unseren Anspruch, hochwertige medizinische Inhalte von Ärzten für Ärzte zu publizieren.
Unser Fachmagazin «info@herz+gefäss» hat die SGK überzeugt – künftig wird die Gesellschaft darin auch ­gesellschaftspolitische Themen einbringen und so den fachlichen Diskurs weiter bereichern.
In der zweiten Jahreshälfte erscheint das erste Heft unter dem neuen Namen «info@CardioSuisse» – im vertrauten Erscheinungsbild, aber mit erweitertem inhaltlichem Profil.
Der Aerzteverlag medinfo freut sich über diese bedeutende Partnerschaft und darüber, dass sich unser hoher Qualitätsanspruch erneut auszahlt.
 
Eleonore E. Droux
Geschäftsinhaberin & publizistische Leitung

Verstärkung für Hausärzte- und Editorial-Board

Nun sind fast alle Landes-Regionen im Hausärzte-Board vertreten – das freut uns sehr und bringt mehr Vielfallt in unsere Fortbildungszeitschrift.

Neben • Dr. Ahrens, Thun • Dr. Bäbler, Herrliberg • Dr. Lenherr, Lausen • Dr. Stolz von Moos, Cazis • Dr. Stucki, Zürich • Dr. Wicki, Willisau kommt nun neu Verstärkung mit Prof. Dr. med. Andreas Zeller ins Hausärzte-Board.

Prof. Zeller ist neben seiner Tätigkeit als Hausarzt auch Leiter des Hausarztinstitut beider Basel. Nach einem Forschungsaufenthalt an der University of Bristol mit Schwerpunkt Medikamentenadhärenz bei arterieller Hypertonie war er ab 2010 sowohl klinisch in einer Hausarzt-Gruppenpraxis im Kleinbasel als auch wissenschaftlich am Institut für Hausarztmedizin Basel tätig. 2014 wurde er zum klinischen Professor für Hausarztmedizin an der Universität Basel berufen. Seither leitet er das Universitäre Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel und ist weiterhin hausärztlich tätig. Ein besonderer Schwerpunkt seines Engagements liegt in der Nachwuchsförderung.

Anfang dieses Jahres durften wir Ihnen bereits drei neue Mitglieder unseres medizinischen Fachbeirats (Editorial-Board) vorstellen: Prof. Dr. med. Reinhard Dummer, Zürich und Aarau, Dr. med. Andrea Rosemann, Zürich und Prof. Dr. med. Philipp Schütz, Aarau.

Nun freut es uns sehr, diese Runde mit einer weiteren ausgewiesenen Persönlichkeit komplettieren zu dürfen und Prof. Dr. med. Philipp Tarr, in unserem Editorial Board herzlich willkommen zu heissen.

Er ist stellvertretender Chefarzt am Universitären Zentrum für Innere Medizin sowie Leiter der Abteilung für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Baselland. Seine Schwerpunkte liegen in der patientenorientierten Medizin, der praxisrelevanten Fortbildung, der interprofessionellen Zusammenarbeit sowie in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit aktuellen medizinischen Fragestellungen. Unter anderem leitete er im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 74 ein Projekt zur Impfskepsis und ist Forschungsleiter von «Metabolism and Aging» in der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie.

Wir freuen uns sehr, Andreas Zeller und Philipp Tarr in unserem Redaktionsteam begrüssen zu dürfen, und sind überzeugt, dass beide mit ihrer Erfahrung und ihren Perspektiven wertvolle Impulse für die inhaltliche Weiterentwicklung unserer Fortbildungszeitschrift setzen werden.

Dr. med. Christian Häuptle

Otmarweg 8, 9200 Gossau

haeuptle@hin.ch

Eleonore E. Droux

droux@medinfo-verlag.ch

Paul Klee: Seine letzten Bilder waren bestürzender ­Ausdruck seiner Krankheit

Die Krankheiten des weltbekannten Malers und Graphikers Paul Klee haben zahlreich Fachleute, Kunsthistoriker und Mediziner, beschäftigt. Klee ist 1935, in seinem 56. Lebensjahr, an einer progressiven Sklerodermie erkrankt. In den verbleibenden fünf Jahren hat er mit der Krankheit und dem begleitenden Systembefall zunehmend Beschwerden erlitten bis er an den Folgen einer Myokarditis verstarb.

Patient: Paul Klee
Geboren: 18. Dezember 1879, Münchenbuchsee BE
Gestorben: 29. Juni 1940, Muralto TI

Über Paul Klee gibt es keine Krankenakten, keine ärztlichen Aufzeichnungen oder Röntgenbilder: sie sind nach seinem Tod bei einem Feuer im Sanatorium von Muralto TI zerstört worden.

1979 gab die Schweizerische Post zum hundertsten Geburtstag von Paul Klee eine Briefmarke heraus.

Als junger Mann schrieb Klee von 1898 bis 1918 ein Tagebuch. Trotz seines ausgeprägten Konsums von Tabak und Alkohol finden sich darin keine Hinweise auf ernsthafte Gesundheitsstörungen. In seiner privaten Korrespondenz gibt es 1933 erste Hinweise, dass Klee sich in warmem Klima besser fühlte als in kaltem. Dies könnte möglicherweise eines der ersten Anzeichen eines Raynaud-Syndroms sein, das als Frühsymptom der generalisierten Sklerodermie durch rezidivierende akrale vasospastische Attacken, die durch Kältereize provoziert werden, charakterisiert ist. Klee klagte über zunehmende Abgeschlagenheit und Müdigkeit.

Pathographien von Paul Klee stützen sich weitgehend auf Briefe seiner Frau Lily an ihre Freundinnen Nina Kandinsky und Gertrud Grohmann, Ehefrau des Kunsthistorikers Will Grohmann. Dieser veröffentlichte 1954 eine Biographie über seinen langjährigen Freund Paul Klee.

Lily Klee schrieb gern und oft Briefe und dokumentiert den Gesundheitszustand ihres Mannes lückenlos und ausführlich. Aufgrund ihrer Beschreibungen kann Paul Klees Krankheit in drei Phasen rekonstruiert werden.

Anfangs kein pathogenetischer ­Zusammenhang sichtbar

Die erste Phase reichte von etwa August 1935 bis Januar 1938. Der Patient litt unter verschiedenen Krankheiten, die zunächst nicht in einen pathogenetischen Zusammenhang gesehen werden konnten. Er erkrankte 1935 an Masern und erholte sich nur sehr langsam. Es traten Belastungsdyspnoe, Gelenkschmerzen und Schluckbeschwerden auf, typische Symptome von Organmanifestationen der systemischen Sklerose.

Lily Klee berichtete über eine schwere Bronchitis ihres Mannes. Diese entwickelte sich während acht Wochen zu einer doppelseitigen Lungenentzündung mit Pleuritis und begleitender «Herzerweiterung». Klee hatte vier Wochen lang hohes Fieber, seine Haut schälte sich, so seine Frau.

Im April 1936, gut sechs Monate nach Beginn der Krankheit, zeigte ein Röntgenbild des Thorax noch Reste der Lungenentzündung. Im gleichen Jahr wurde erstmals die Diagnose «Sklerodermie» gestellt, nachdem ursprünglich auch eine chronische Vergiftung durch die von Klee verwendeten Farben vermutet wurde. Als Massnahmen wurden Badekuren in warmen Klimazonen empfohlen. Klee wurde angewiesen, das Rauchen einzustellen. Diese unspezifischen Therapien brachten allenfalls geringe Verbesserungen.

Im Januar 1937 litt Klee an einer Grippe. Zudem hatte er infolge eines Magengeschwürs eine Magenblutung. Schon vor der Magenblutung wurde er mit einem oralen Eisenpräparat gegen Anämie behandelt. Diese Therapie wurde einige Zeit später mit intramuskulären Injektionen weitergeführt. Ende 1937 verboten die behandelnden Ärzte Klee das Geigenspielen, das er bisher als passionierter Hausmusiker betrieben hatte. Möglicherweise lässt sich daraus auf eine Arthritis der Interphalangealgelenke, auf Rattenbissnekrosen oder sogar ein Raynaud-Phänomen schliessen. Art und Ausmass des Befalls können heute nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Seit Beginn der Bronchitis bis zu seinem Tod zog sich der Bericht über die Notwendigkeit einer «Diät» wie ein roter Faden durch die Korrespondenz.

Ringen um fundierte Diagnose

In der zweiten Phase von Januar 1938 bis Mai 1940 war das Allgemeinbefinden Paul Klees besser, nur gelegentlich berichtete seine Frau von Problemen mit Magen oder Verdauung.
Primäres Ziel war die Behandlung des Ulcus ventriculi, da man in den 1940er Jahren keine andere Therapiemöglichkeit kannte. Ausserdem musste der Patient nach langer Krankheitsphase wieder zunehmen. Im Verlauf kann auch auf eine Ösophagussklerose geschlossen werden, die anfangs möglicherweise noch von den Auswirkungen der Bronchitis überlagert gewesen sein mag.

Bei Klees Ärzten ist deutlich ein Ringen um eine fundierte Diagnose zu erkennen. Nachdem feststand, dass die verschiedenen Krankheitsbilder eine gemeinsame Ursache haben mussten, wurde wahrscheinlich zumindest im Kollegenkreis die Diagnose Sklerodermie gestellt. Sicher ist, dass die Ärzte die beiden wesentlichen Theorien ihrer Zeit zur Entstehung der Sklerodermie diskutierten. Sie versuchten, mit allen zur Verfügung stehenden Untersuchungen, die eine oder andere Theorie zu erhärten.

Die Produktivität von Klee ging deutlich zurück. Trotzdem war er nach Umstellung seines Malstils in seinen letzten Lebensjahren noch immer sehr schaffensfreudig. Im Gegensatz zu seinen komplexen filigranen Darstellungen der frühen Jahre waren die Bilder jetzt durch einfache Pinselstriche als Ausdrucksmittel gekennzeichnet. Klee benutzte jetzt grössere Pinsel. Wegen der zunehmenden Sklerodaktylie und Flexionskontrakturen der Fingergelenke konnte er diese besser halten und führen. Klee stellte zunehmend sein eigenes Leiden und seine Empfindungen bildhaft dar. Gegenüber Aussenstehenden sprach er so gut wie nie über seine Krankheit. In seinen Zeichnungen drückte er dagegen immer mehr sein verändertes Körpergefühl aus und seine Empfindungen, dass bestimmte Teile nicht mehr zum eigenen Körper gehörten und ein durch die Sklerodermie bedingtes Eigenleben führten oder schon abgestorben waren. Klees Bilder und Zeichnungen der letzten Jahre sind ein bestürzender Ausdruck eines an einer unheilbaren Krankheit leidenden Individuums, schrieb der Kunsthistoriker G. Wolf 1999 in einem Beitrag «How Paul Klee’s illness influenced his art» in «Lancet».

«Es ist an der Zeit»

Soweit bekannt, hinterliess Klee keine schriftlichen Aufzeichnungen über die subjektiven Empfindungen seiner Erkrankung. Jedoch schrieb er im Januar 1940 an den Kunsthistoriker Will Grohmann: «Natürlich komme ich nicht von ungefähr ins tragische Gleis, viele meiner Blätter weisen darauf hin und sagen: es ist an der Zeit.»
In den letzten acht Wochen beherrschte das Symptom der Herzinsuffizienz das klinische Bild. Laut Totenschein starb Paul Klee am 29. Juni 1940 an einer Myokarditis. Retrospektiv legt die Analyse der Befunde wohl ein Mischkollagenose zwischen Sklerodermie und Lupus erythematosus nahe, also eine «Mixed connective tissue disease» oder ein «Overlap-Syndrom». Es wurde keine Autopsie durchgeführt. Auf dem Grabstein von Paul Klee steht der Spruch «Diesseitig bin ich gar nicht fassbar», den er als sein Programm ansah. Er charakterisiere den Künstler Klee so, wie er gern gesehen werden wollte, schrieb Klees Biografin Susanna Partsch.

Jörg Weber

Quellen: Castenholz G.: Der Maler Paul Klee… und seine Krankheit: von der schwierigen
Diagnosestellung einer Mischkollagenose, Schweiz. Ärztezeitung, 2005
Castenholz R.: Die progressive systemische Sklerose. Görich und Weiershhäuser, Marburg, 2000
Wolf G: How Paul How Paul Klee’s illness influenced his art. Lancet, 1999
Brief von Lily Klee vom 2. Dezember 1936, zit. nach Glaesemer J.; Paul Klee – Handzeichnungen III 1937 – 1940. Paul-Klee-Stiftung, Bern, 1979 Et al.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Prof. Thomas D. Szucs: Gen Recht in der Schweiz

Die Anwendung des zentralen Dogmas der Molekularbiologie – das Auslesen von DNA zur Erstellung von RNA und daraus von Proteinen – ist das grosse Privileg des 21. Jahrhunderts.

Sie beschreibt das Programm zum Bau eines Lebewesens, und viele Menschen, also Lebewesen zusammen, schaffen die legale Basis zur Forschung am eigenen Bauplan. Thomas D. Szucs’ «Gen Recht in der Schweiz» greift diese Faszination auf und verbindet sie mit der Frage, wie eine rechtsstaatliche Gesellschaft die Manipulation unseres genetischen Codes reguliert.

Das Buch ist ein interdisziplinärer Leitfaden für Mediziner, Juristen und interessierte Laien.

Der erste Teil widmet sich der Bedeutung der Genomforschung in der modernen Gesellschaft: Der Autor definiert anschaulich Grundlagen der Genetik, erläutert medizinische Anwendungen und zeichnet nach, wie sich genetische Tests und ihre Kosten in der Schweiz über Jahrzehnte drastisch verringert haben. Bereiche wie die Diagnostik seltener Krankheiten, pränatale Untersuchungen und personalisierte Medizin werden behandelt – bis zu den Grenzen des technisch Machbaren. Szucs ordnet diese Entwicklungen historisch ein, erklärt die Rolle der testenden Leistungserbringer und stellt die grossen Fragen nach Krankheitsursache, Akzeptanz und gesellschaftlicher Verantwortung.

Der zweite Teil widmet sich den juristischen Grundlagen. Neben der Darstellung einschlägiger Bundesgesetze wie des Bundesgesetzes über genetische Untersuchungen am Menschen (GUMG), des Heilmittelgesetzes oder des Datenschutzrechts wird erläutert, wie diese Regelwerke miteinander verzahnt sind und wo Lücken bestehen. Der Blick reicht dabei über die Landesgrenzen hinaus und vergleicht europäische und US amerikanische Regelungsansätze.

Die Grenzen der Technik verschieben sich rasant; gleichzeitig bleibt die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, gegenüber Menschen, die auf neue Heilungsmöglichkeiten hoffen, und gegenüber den Grundwerten der Menschheit. Der «One Health»-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt als untrennbar begreift, verdeutlicht diese Verantwortung. Dass das Buch diesen ganzheitlichen Blick aufnimmt, zeigt seine Aktualität und macht es zu einer wichtigen Lektüre für alle, die Genetik nicht nur als medizinische Innovation, sondern als gesellschaftliche Aufgabe verstehen.

Insgesamt besticht «Gen Recht in der Schweiz» durch seinen interdisziplinären Ansatz. Szucs hat den Anspruch, Praktiker, Studierende und eigenverantwortliche Bürgerinnen und Bürger gleichermassen anzusprechen. Das Werk liefert einen Bauplan für die legale Basis der Genmedizin und regt zum Dialog zwischen Wissenschaft, Recht und Gesellschaft an.

Dr. med. Christian V. Eisenring, EMBA

Konsensusempfehlungen für Cancer Survivorship Care in der Schweiz

Mit der wachsenden Zahl von Menschen, die eine Krebserkrankung überleben, rückt die Bedeutung einer strukturierten und qualitativ hochwertigen Survivorship Care zunehmend in den Vordergrund. Während die Primärtherapie in der Regel eng begleitet wird, können nach deren Abschluss Versorgungslücken bestehen. Diese betreffen nicht nur die medizinische Nachsorge, sondern auch psychosoziale, ökonomische und spirituelle Dimensionen des Lebens mit und nach Krebs. Zur systematischen Schliessung dieser Versorgungslücken wurden Konsensusempfehlungen erarbeitet, die eine gemeinsame Grundlage der Survivorship Care bilden. Sie dienen beteiligten Fachpersonen als Orientierungsrahmen und schaffen die Basis für eine koordinierte, interprofessionelle und patientenzentrierte Survivorship Care.

*Die vollständige Fassung der Konsensusempfehlung steht am Ende dieses Artikels zum Download bereit.

Konsensusempfehlungen als Leitlinie für Survivorship Care

Die Konsensusempfehlungen für Cancer Survivorship Care basieren auf internationalen Guidelines, Fachliteratur sowie qualitativen Interviews mit Fachpersonen und Betroffenen. In zwei Konsensuskonferenzen wurden sie mit über 50 Vertreter:innen von Fachgesellschaften, Expert:innen und Patient:innen aus allen relevanten Bereichen der Onkologie entwickelt, auf die Schweizer Versorgungsrealität übertragen und verabschiedet.
Ziel der Empfehlungen ist es, ein gemeinsames Fundament für die Versorgung von Cancer Survivors in der Schweiz zu schaffen. Sie dienen Fachpersonen aus Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialarbeit und weiteren Disziplinen als Orientierungsrahmen und bilden die Grundlage für eine zukunftsorientierte, patientenzentrierte Survivorship Care.

Cancer Survivorship

Das Stadium Cancer Survivorship lässt sich in mehrere Phasen einteilen (Abb. 1). Diese Phasen sind jeweils mit unterschiedlichen Risiken – für bspw. ein Rezidiv – und Bedürfnissen verbunden, die sich auch lange nach Abschluss der Primärtherapie manifestieren können. Spät- und Langzeitfolgen der Erkrankung oder ihrer Therapie können auch Jahre nach Abschluss der Behandlung auftreten. Dies betrifft nicht nur körperliche Komplikationen, sondern auch psychische Belastungen, soziale Herausforderungen und ökonomische Probleme.
Mit dem Ende der Primärtherapie beginnt eine besonders vulnerable Phase. Viele Betroffene erleben ambivalente Gefühle: Freude und Erleichterung über das Therapieende stehen neben Unsicherheit, Erschöpfung und einem Gefühl des Alleingelassenseins. Die konstante Unterstützung während der Behandlung endet abrupt, während gleichzeitig das Risiko für Rezidive oder erste Spätfolgen zunimmt.
Eine vorausschauend geplante, koordinierte und patientenzentrierte Survivorship Care ist deshalb essenziell. Sie soll Betroffenen ermöglichen, nach der Akuttherapie ein Leben mit möglichst hoher Lebensqualität und Teilhabe zu führen.

Versorgungskontext

Survivorship Care kann in unterschiedlichen Kontexten erfolgen: in der hausärztlichen Grundversorgung, in onkologischen Fachstrukturen, spezialisierten Survivorship-Kliniken, akademischen Zentren, kleineren Spitälern oder in pflegebasierten Angeboten der Krebsligen. Entscheidend ist, dass Angebote strukturiert, verbindlich organisiert und regional vernetzt sind.
Die Versorgung muss konsequent an den individuellen Risiken und Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtet sein. Sie darf sich nicht auf die medizinische Nachsorge beschränken, sondern muss alle relevanten Lebensdimensionen einschliessen (Abb. 3).

Abb. 1: Überblick über die Phasen der Survivorship Care. Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Sperisen, Stoll und Bana (2024) (1)

Interprofessionalität

Die Betreuung von Cancer Survivors erfordert interprofessionelles Vorgehen. Bei Bedarf sind neben Onkolog:innen auch Fachärzt:innen der Allgemeinen Inneren Medizin, Kardiologie, Nephrologie, Endokrinologie und Psychiatrie einzubeziehen. Pflegefachpersonen, Psychoonkolog:innen, Psycholog:innen, Ernährungsberater:innen, Sozialarbeitende sowie Fachpersonen aus Physiotherapie, Ergotherapie, sexueller Gesundheit und Spiritualität tragen wesentlich zur Versorgung bei. Onkologische Patient:innenorganisationen sowie – wo erforderlich – Fachpersonen aus der Rechtsberatung sollen frühzeitig und systematisch in die Betreuung integriert werden.
Im Falle einer gesundheitlichen Belastung oder Erkrankung der Survivor:innen sind gezielte medizinische Interventionen indiziert. Ergänzend dazu umfasst das Versorgungsangebot die Vermittlung psychoedukativer Programme sowie rechtlicher, finanzieller und psychosozialer Beratungsleistungen, spirituelle Begleitung und Massnahmen der onkologischen Rehabilitation.
Alle an der Betreuung von Cancer Survivors beteiligten Fachpersonen sollten für die medizinische Breite und Vielschichtigkeit der damit verbundenen Herausforderungen sensibilisiert und im Umgang entsprechend ausgebildet sein (Abb. 2 und Abb. 3).

Abb. 2: Körperliche Spätfolgen, mit denen Cancer Survivors konfrontiert sein können. Quelle: Darstellung, in Anlehnung an Tinner (2024) (2)

Übergang nach Abschluss der Akuttherapie

Der Übergang von der Akutbehandlung zur Nachsorge kann einen kritischen Moment darstellen. Um diesen strukturiert zu gestalten, wird am Ende der Primärtherapie ein Abschlussgespräch mit dem Cancer Survivor und dessen Angehörigen geführt. Essenziell für dieses Abschlussgespräch ist die Erstellung eines Survivorship-Plans, der die wichtigsten medizinischen Informationen, Risiken und Unterstützungsangebote strukturiert zusammenführt.

Der Survivorship-Plan enthält:

• Diagnose und detaillierte Dokumentation der erhaltenen Therapien (z. B. kumulative Dosierungen, Bestrahlungsfelder, chirurgische Eingriffe)
• Strukturierte Übersicht potenzieller Risiken, die informativ ist, ohne den Cancer Survivor unnötig zu beunruhigen
• Konkrete Nachsorgeziele und -massnahmen
• Hinweise auf Selbstmanagement und Unterstützungsangebote

Der Plan sollte idealerweise digital verfügbar sein und im Verlauf regelmässig aktualisiert werden.

Survivorship-Sprechstunde

Mit der Survivorship-Sprechstunde steht ein strukturiertes Setting zur Verfügung, in dem medizinische, psychosoziale und weitere Bedürfnisse regelmässig erfasst und adressiert werden können.
In der Schweiz ist für alle Cancer Survivors ein flächendeckendes Mindestangebot an Survivorship-Sprechstunden bereitzustellen. Der Zugang soll niederschwellig, individualisiert und an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst erfolgen. Die Inanspruchnahme dieser Leistungen muss auch Jahre nach Abschluss der Primärtherapie gewährleistet sein.

Die Survivorship-Sprechstunde umfasst mindestens:

• Ein standardisiertes Screening gemäss Evidenz oder alle drei bis fünf Jahre
• Zugang zu risikoadaptierter, individualisierter und evidenzbasierter Betreuung
• Systematische Thematisierung typischer Beschwerden
• Führung und Fortschreibung eines Survivorship-Plans

Die koordinative Leitung liegt bei speziell geschulten Fachpersonen, die als Ansprechpersonen für die Survivors fungieren.

Abb.3: Multidimensionale Herausforderungen, denen Cancer Survivors im Verlauf begegnen können

Verantwortlichkeiten und Koordination

Eine effektive Survivorship Care setzt die klare Regelung von Zuständigkeiten voraus. Die zuletzt behandelnde Fachperson trägt die Hauptverantwortung für die Erstellung des initialen Survivorship-Plans und übergibt diesen – im Einvernehmen mit dem Cancer Survivor – koordiniert an die nachsorgenden Strukturen.
Die kontinuierliche Betreuung soll in klar definierten Versorgungspfaden erfolgen, die Übergänge zwischen Fachdisziplinen und Institutionen einschliessen. Regionale Netzwerke mit benannten Zuständigkeiten sind notwendig, um Doppelspurigkeit zu vermeiden und Versorgungslücken zu schliessen.

Empowerment

Ein zentrales Prinzip der Survivorship Care ist die aktive Einbindung von Patient:innen in ihre Nachsorge. Survivorship Care umfasst daher nicht allein die medizinische Betreuung, sondern auch die Förderung von Information, Selbstmanagement und Partizipation. Wesentliche Bestandteile sind eine klare und adressatengerechte Kommunikation von Risiken und Nachsorgezielen, der Aufbau von Gesundheitskompetenz, Unterstützung im Umgang mit psychosozialen und ökonomischen Belastungen sowie die aktive Beteiligung an Entscheidungen zu Nachsorge und Therapie. Ziel ist es, die Autonomie von Cancer Survivors zu stärken und ihre Lebensqualität langfristig zu sichern.

Schlussbemerkung

Die Schweizer Konsensusempfehlungen zur Cancer Survivorship Care schaffen erstmals einen verbindlichen Orientierungsrahmen für die Betreuung von Cancer Survivors. Sie verdeutlichen die Notwendigkeit einer interprofessionellen, strukturierten und patientenzentrierten Versorgung, die medizinische, psychische, soziale und ökonomische Aspekte integriert.

Die vollständige und ausführliche Fassung mit allen praxisnahen Empfehlungen und weiterführenden Informationen finden Sie hier auf Deutsch und hier auf Französisch.

Prof. Dr. rer. medic. Manuela Eicher (a,d,1,2,3,4), Dr. med. Eva Maria Tinner (a,d,5,6), Prof. Dr. med. und Dr. phil. nat. Sacha I. Rothschild (a,d,7,8), Dr. Nicolas Sperisen (a,d,9), Sarah Stoll, MAS in onkologischer Pflege (a,b,d,10), Lorenz Tanner (a,d,11), Dr. med. Sacha Plüss (b,c,d,12), Prof. Dr. phil. Marika Bana (c,d,13,14), Noëlle Bender Rizzuti (c,d,15), Advokat Martin Boltshauser (c,d,16), Catherine Dorogi (c,17), Frédéric Fournier (c,d,18), Prof. Dr. med. Claudia E. Kuehni (c,19), Prof. Dr. phil. Gisela Michel (c,d,20), Dr. med. Veronika Nagy (c,d,21,22), Prof. Dr. Simon Peng-Keller (c,23), PD Dr. med. Florian Strasser (c,d,22), Therese Straubhaar (c,d,9,24), Dr. phil. Diana Zwahlen (c,25,26), Jürg Vontobel (c,d,27,28), Aselia Rast (c,27), Fabian Rast (c,27), Dr. med. Christa K. Baumann (d,29), Carina Bobzin (d,30), Clivia Cavallo (d,31), Nicole Corballis (d,32), Miriam Döbeli (d,30), Dr. med. Vérène Dougoud (d,33), Anna Farris (d,30), Dr. Anna Götz, Pflegeexpertin (d,34), Dr. med. Eva Hägler-Laube (d,7), Dr. med. Andreas Jakob (d,35), PD Dr. med. Attila Kollàr (d,6), Dr. med. Patrick Nemeshazy (d,26,36), Annett Noack (d,37), Prof. Dr. med. Adrian Ochsenbein (d,6), Dr. med. Alexandros Papachristofilou (d,25), Prof. Dr. med. Jakob Passweg (d,25), Cindy Quagliariello (d,38), Prof. Dr. phil. Karin Ribi (d,39,40), Lic. iur. Michelle Salathé, MAE (d,41), PD Dr. med. Julian Schardt (d,42), PD Dr. med. Kevin Selby (d,43), Dr. med. Katharina Staehelin MPH (d,44), PD Dr. med. Alix Stern (d,45), Dr. med. Christian Taverna (d,46), Zuzana Tomášiková (d,47), Med. pract. Kathrin Vollmer (d,48), Prof. Dr. med. Roger von Moos (d,49,50), Prof. Dr. med. et phil. Maria Wertli (d,7,51), Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Wicki (d,32), Prof. Dr. phil. Alexander Wünsch (d,6), Nadja Wyrsch MScN (d,52), Samantha Xavier (d,53), Dr. med. Ralph Zachariah (d,54), Prof. Dr. med. Miklos Pless (a,d,e,1,54,55)

a Mitglieder der Projektgruppe, b Autor:innen der Patientenbeispiele, c Interviewte Fachpersonen, d Teilnehmer:innen der Konsensusmeetings, e Projektleiter

1 Mitglied Vorstand Oncosuisse, 2 Institut Universitaire de Formation et de Recherche, Faculté de Biologie et de Médecine, Universität Lausanne, 3 Centre hospitalier universitaire Vaudois CHUV, 4 Präsidentin Onkologiepflege Schweiz, 5 Kantonsspital Baselland, 6 Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, Universitätsklinik für Kinderheilkunde, Inselspital, Universitätsspital Bern, 7 Kantonsspital Baden KSB, 8 Universität Basel, 9 Krebsliga Schweiz,
10 Psychoonkologische Beraterin, Krebsliga Ostschweiz, Fachberaterin Cancer Survivorship, 11 Patientenrat, Swiss Cancer Institute Bern, 12 OAmbF Innere Medizin, Leitung Childhood Cancer Survivor Nachsorge, Luzerner Kantonsspital LUKS, 13 Haute école de santé Fribourg, 14 Akademische Fachgesellschaft Onkologiepflege, 15 Krebsliga Tessin, 16 ehem. ProCap, 17 Fondation Rive-Neuve, 18 Equipe mobile de soins palliatifs Voltigo, Ligue fribourgeoise contre le cancer, Ligue fribourgeoise contre le cancer, 19 Childhood Cancer Research Group, Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern,
20 Faculty of Health Sciences and Medicine, Universität Luzern, 21 Kantonsspital St. Gallen, 22 Zentrum Integrative Medizin, HOCH Health Ostschweiz & Cancer Fatigue Clinic (Schaffhausen, Münsterlingen, Sargans), 23 Theologisches Seminar, Universität Zürich, 24 Schweizerischer Fachverband für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit, 25 Universitätsspital Basel, 26 Schweizerische Gesellschaft für Psychoonkologie, 27 Betroffene, 28 CONCORDIA,
29 Prolindo Lindenhofgruppe Bern, 30 Swiss Cancer Patient’s Alliance (SwissCAPA), 31 Krebsliga beider Basel, 32 Onkologiepflege Schweiz, 33 Kantonsspital Freiburg, 34 Universitätsspital Zürich, 35 Hirslanden Klinik Aarau, 36 Spital SRO Langenthal, 37 Zuger Kantonsspital, 38 Ente Ospedialiero Cantonale (EOC), 39 Careum Hochschule Gesundheit, Teil der Kalaidos Fachhochschule Schweiz, 40 ETOP IBCSG Partner Foundation, 41 Medizin, Ethik, Recht Consulting, 42 Bürgerspital Solothurn, 43 Université de Lausanne, 44 National Insitute for Cancer Epidemiology and Register, 45 Réseau Hospitalier Neuchâtelois, 46 Kantonsspital Münsterlingen, 47 Kinderkrebs Schweiz, 48 Spital Thun, 49 Kantonsspital Graubünden, 50 Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Onkologie, 51 Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, 52 Klinik Gais, 53 Hôpital Riviera-Chablais, 54 Kantonsspital Winterthur, 55 Swiss Cancer Institute, Bern

1. Sperisen, N., Stoll, S., Bana, M. (2024). Survivorship. In: Jahn, P., Gaisser, A., Bana, M., Renner, C. (eds) Onkologische Krankenpflege. Springer, Berlin, Heidelberg.
2 Tinner E. M.: Bedeutung der lebenslangen Nachsorge nach Krebserkrankungen. In: InFo Hämatologie + Onkologie, 2024; 27 (11)