Editorial

Hospitalisiert und schon wieder zurück? Wenn die Drehtür im Spital nicht mehr stoppt



Seit über 15 Jahren bin ich nun Hausärztin in Cazis. Wir sind hier im Bündnerland eine klassische Landarztpraxis und bieten eine gut vernetzte Grundversorgung, das Kantonsspital in Chur ist nah und das Spital Thusis direkt in der Nachbarschaft.

Unsere Leute hier in den Bergen sind zäh. Die kommen nicht wegen einer Kleinigkeit in die Praxis. Wenn ein Patient einer Hospitalisation zustimmt, dann muss es ihm wirklich dreckig gehen. Das Ziel ist für fast alle gleich: ambulant kurieren und so schnell wie möglich wieder heim in die eigenen vier Wände.

Eigentlich ist das genau das, was unser System will: ambulant vor stationär. Und das klappt bei den Ambulatorien unserer Regionalspitäler auch wirklich gut. Man kennt sich, man arbeitet zusammen. Doch sobald ein Patient stationär aufgenommen wird, ändert sich das Bild massiv.

Kurz stabilisieren, schnell entlassen
Was wir momentan im stationären Bereich erleben, gibt mir zu denken. Das Spital scheint oft nur noch ein Ort für die ganz kurze Krisenintervention zu sein. Das Ziel lautet: Den Patienten so kurz wie möglich behalten, ihn ein bisschen stabilisieren und dann mit einer langen Liste an fehlenden Untersuchungen zurück zum Hausarzt schicken. Dort soll es dann im ambulanten Setting irgendwie weitergehen.

Besonders bei meinen hochbetagten Patienten mit mehreren Baustellen sehe ich die Folgen. Nehmen wir ein Beispiel aus meinem Alltag: Ein Patient mit dekompensierter Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern. Innerhalb eines Monats musste ich ihn mehrmals einweisen, weil die Frequenzkontrolle einfach nicht klappte. Ich wählte bewusst das Peripheriespital, weil es dort auch einen kardiologischen Konsiliardienst gibt. Man probierte die ganze Medikamenten-Palette durch, aber erst bei der dritten Hospitalisation gab es endlich die nötige Untersuchung beim Kardiologen und ein Herz-Echo. Mit diesen Infos konnten wir dann die richtige Therapie finden. Erst ein Jahr später musste der Patient wegen einer Pneumonie erneut hospitalisiert werden. Dieses ganze Szenario war für den Patienten und sein Umfeld einfach nur zermürbend und zeitraubend. Kostensparend war dieser Zickzack-Kurs garantiert nicht.

Wo ist der Pflegenotfall geblieben?
Früher gab es ihn noch, den stationären Aufenthalt, der Zeit liess für Abklärungen, für die Anpassung der Therapie und für die ­echte Genesung. Heute habe ich das Gefühl, dass der «Pflegenotfall» schlicht ignoriert wird. Er scheint fast ausgestorben zu sein. Die Zeit für den Menschen hinter der Diagnose fehlt an allen Ecken. Liegt es am Geld? Am fehlenden Personal? An zu wenigen Betten?

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem.
Wir Hausärzte lieben unsere ambulante Arbeit, das ist unser tägliches Brot. Aber wir stossen an Grenzen, wenn die Spitäler ihre Rolle als Partner in der Behandlung aufgeben. Ein schwerkranker Patient mit vielen Leiden lässt sich nicht in zwei Tagen «lösen». Ein instabiler alter Mensch braucht keine Checkliste für den Hausarzt, sondern eine fundierte medizinische Einstellung in einem geschützten Rahmen.

Ein Plädoyer für echte Zusammenarbeit
Wenn wir die Grundversorgung erhalten wollen, dürfen die Spitäler nicht zu reinen Reparaturwerkstätten verkommen. Wir brauchen Partner, die den Patienten nicht nur als Fallnummer mit Entlassungsdatum sehen. Eine ambulante Weiterbehandlung funktioniert nur dann, wenn die Vorarbeit im Spital gründlich war.

Ein Hoch auf die ambulante Medizin, ja! Aber bitte nicht auf dem Rücken derer, die ein paar Tage mehr im Spitalbett bräuchten, um wirklich stabil wieder in den Bergen anzukommen.

Dr. med. Rahel Stolz von Moos

Cazis

der informierte @rzt

  • Vol. 16
  • Ausgabe 6
  • Juni 2026