Journal Watch von unseren Experten



Salpingektomie bei Abdominaloperation reduziert das Ovarialkarzinomrisiko

Es ist bekannt, dass das Eileiterepithel eine wichtige Quelle für ein tubo-ovariales Karzinom ist. Daher wird seit Jahren diskutiert, ob die Entfernung der Eileiter während einer anderweitig indizierten Becken- oder Bauchchirurgie (opportunistische Salpingektomie) das zukünftige Risiko für Eierstockkrebs senken könnte. Eine internationale Arbeitsgruppe von 14 Personen, darunter ein Patientenvertreter, wurde von der European Society of Gynaecological Oncology beauftragt, eine Konsenserklärung zur opportunistischen Salpingektomie zu entwickeln.

Von 230 gefundenen Studien wurden 129 als relevant angesehen. Als wichtigste Endpunkte wurden das Auftreten eines tubo-ovarialen Karzinoms, das Auftreten einer Ovarialinsuffizienz, kurz- oder langfristige Gesundheitsrisiken und postoperative Komplikationen definiert. Bei 18 Aussagen wurde ein Konsens mit mehr als 75 % Übereinstimmung erzielt, mit Empfehlungsstufen von B bis D und Evidenzwerten von II bis V. Die Datenlage ergab, dass die opportunistische Salpingektomie signifikant mit einem geringeren Risiko für ein anschliessendes tubo-ovariales Karzinom verbunden war, ohne nachteilige kurzfristige Auswirkungen auf die Ovarialfunktion. Der Eingriff erschien sicher und verlängerte die Operationszeit unwesentlich. Die vorhandenen Evidenzen deuteten nicht auf eine Schädigung der Eierstockfunktion oder eine vorzeitige Menopause hin, wofür allerdings langfristige Belege fehlen.

Die Expertengruppe folgerte, dass die Salpingektomie sowohl bei gynäkologischen als auch bei nichtgynäkologischen Eingriffen machbar sei und bei Frauen, die sich einer gynäkologischen Operation unterziehen, und bei ausgewählten nichtgynäkologischen Becken- oder Bauchoperationen in Betracht gezogen werden sollte.
«Prophylaktische» Operationen sind historisch gesehen immer eine Herausforderung für die Behandler. Ist eine Salpingektomie eine verstümmelnde Operation, welche die Patientin – trotz Einverständniserklärung – später einklagen wird? Wird der Patientin etwas vorenthalten, wenn man die Salpingektomie beim Abdominaleingriff nicht durchführt, und kann man diesbezüglich eingeklagt werden? Im Zeitalter der «shared decision» sollte diese Präventionsmassnahme in die präoperative Beratung aufgenommen werden, und das Gespräch mit der Hausärztin des Vertrauens mag für den Entscheid der Patientin wichtiger sein als das fachärztliche.

KD Dr. med. lic. phil. Marcel Weber

Literatur
Piek J.M. Opportunistic Salpingectomy for Prevention of Tubo-Ovarian Carcinoma. The European Society of Gynaecological Oncology Consensus Statements. JAMA 2026;335;(10):894-902. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41627806/

Restless Legs Syndrom: Ein Review

Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) ist eine schlafbezogene Bewegungsstörung, von der etwa 3 % der Erwachsenen in den USA in klinisch signifikanter Weise betroffen sind und die zu erheblichen Schlafstörungen führen kann.

Beobachtungen
Das Restless-Legs-Syndrom ist durch einen überwältigenden Drang gekennzeichnet, die Gliedmassen, typischerweise die Beine, zu bewegen, oft begleitet von unangenehmen Empfindungen in den Gliedmassen (z. B. Schmerzen, Kribbeln). Die durch Bewegungslosigkeit hervorgerufenen Symptome lassen bei Bewegung nach und treten typischerweise abends oder nachts auf oder sind dann am stärksten ausgeprägt. Die Symptome des Restless-Legs-Syndroms können zu Einschlaf-, Durchschlaf- oder Wieder einschlafstörungen führen. Laut bevölkerungsbasierten Studien leiden etwa 8 % der Erwachsenen in den USA jährlich an RLS-Symptomen unterschiedlicher Häufigkeit und 3 % mindestens zweimal pro Woche an mittelschweren oder schweren, belastenden Symptomen. Patienten mit RLS haben eine beeinträchtigte Lebensqualität und erhöhte Raten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (29,6 % mit koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz), Depressionen (30,4 %) und Suizidgedanken oder Selbstverletzung (0,35 Fälle/1000 Personenjahre). Eine Polysomnographie wird zur Diagnose nicht empfohlen. Bei einem Serumferritinspiegel von weniger als oder gleich 100 ng/ml oder einer Transferrinsättigung von weniger als 20 % sollte eine Eisensupplementierung mit Eisensulfat (325–650 mg täglich oder jeden zweiten Tag) oder intravenösem Eisen (1000 mg) begonnen werden.
Wenn möglich, sollten Medikamente, die mit RLS in Verbindung gebracht werden, darunter serotonerge Antidepressiva, Dopaminantagonisten und zentral wirkende H1-Antihistaminika (z. B. Diphenhydramin), abgesetzt werden. Gabapentinoide (z. B. Gabapentin, Gabapentin Enacarbil, Pregabalin) sind die pharmakologische Therapie der ersten Wahl. In randomisierten klinischen Studien zeigten etwa 70 % der mit Gabapentinoiden behandelten Patienten eine deutliche oder sehr deutliche Verbesserung der RLS-Symptome gegenüber etwa 40 % der Patienten, die Placebo erhielten (P < 0,001). Dopaminagonisten (z. B. Ropinirol, Pramipexol, Rotigotin) werden aufgrund des Risikos einer Augmentation, einer iatrogenen Verschlimmerung der RLS-Symptome, die bei diesen Medikamenten mit einer jährlichen Inzidenz von 7 % bis 10 % auftritt, nicht mehr als Medikamente der ersten Wahl empfohlen. Patienten, bei denen sich mit der Erstlinienbehandlung keine Besserung einstellt oder bei denen eine Augmentation des RLS auftritt, profitieren häufig von niedrig dosierten Opioiden (z. B. Methadon 5–10 mg täglich).

Schlussfolgerungen und Relevanz
Das Restless-Legs-Syndrom betrifft etwa 3 % der Erwachsenen und kann negative Auswirkungen auf den Schlaf und die Lebensqualität haben. Die Erstbehandlung umfasst das Absetzen von verschlimmernden Medikamenten sowie eine Eisensupplementierung bei Patienten mit niedrigen normalen Eisenwerten. Wenn eine medikamentöse Therapie angezeigt ist, sind Gabapentinoide die Erstlinienbehandlung.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

Literatur
Winkelman JW, Wipper B. Restless legs syndrome: a review. JAMA. 2026;335(8):703–714. doi:10.1001/jama.2025.23247. Published online January 21, 2026.

RSV-Impfung bei älteren Erwachsenen

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse untersuchte die reale Anwendung, Wirksamkeit und Sicherheit der RSV-Impfstoffe bei älteren
Erwachsenen nach Markteinführung.

Methode
Grundlage waren 36 Studien aus neun Ländern, publiziert zwischen Dezember 2023 und Oktober 2025, mit Daten von insgesamt mehr als 121,8 Millionen Personen aus den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Italien, Australien, der Tschechischen Republik, der Schweiz, Frankreich, Kanada und Israel. Die Literaturrecherche erfolgte als «living review» mit 11 monatlichen Suchen in Medline, Embase und Global Health. Eingeschlossen wurden Real-world-Studien zu Impfquote, Effektivität und Sicherheit bei älteren Erwachsenen.

Ergebnisse
Die Impfquote war insgesamt eher niedrig. In den USA lag die gepoolte RSV-Impfquote bei Personen ab 60 Jahren in der Saison 2023/24 bei 18,0 % (95 % KI: 12,2–25,7; zehn Studien). Höhere Raten fanden sich bei älteren Personen ab 75 Jahren, bei Personen mit Komorbiditäten und bei Immunsupprimierten. Gleichzeitig zeigten sich deutliche Unterschiede nach soziodemografischen Merkmalen.

Die Wirksamkeit der Impfung war in den gepoolten Analysen hoch: gegen jede laborbestätigte RSV-Infektion lag sie bei 75,3 % (95 % KI: 73,7–76,9; drei Studien), gegen RSV-bedingte Notfall- oder Urgent-care-Kontakte bei 76,4 % (95 % KI: 74,2–78,5; vier Studien), gegen RSV-bedingte Hospitalisationen bei 74,8 % (95 % KI: 66,8–82,9; sechs Studien) und gegen schwere RSV-Erkrankung bei 79,8 % (95 % KI: 68,1–91,5; vier Studien). Auch bevölkerungsbezogene Analysen aus Schottland und England zeigten nach Einführung der Impfprogramme rückläufige RSV-bedingte Hospitalisationsraten. Das Sicherheitsprofil war insgesamt günstig. Lokale Reaktionen waren häufig, systemische Reaktionen traten ebenfalls auf, meist in mildem bis moderatem Ausmass. Nach der Impfung wurde das Guillain-Barré-Syndrom in zwei Studien mit 5,2 bis 6,5 Fällen pro einer Million Dosen für SVPreF3+AS01-Impfstoffe und 9,0 bis 18,2 Fällen pro einer Million Dosen für RSVpreF-Impfstoffe berichtet. Die Autoren betonen, dass diese Beobachtung weiter überwacht werden sollte.

Schlussfolgerung
Die vorliegende Meta-Analyse spricht für eine hohe Real-world-Wirksamkeit der RSV-Impfung bei älteren Erwachsenen bei insgesamt günstigem Sicherheitsprofil. Gleichzeitig bleibt die Impfquote vielerorts niedrig, und es bestehen relevante Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen. Für die Praxis stützen die Daten den Einsatz der RSV-Impfung bei älteren Risikopersonen, unter fortgesetzter Surveillance seltener unerwünschter Ereignisse.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

Literatur
Trusinska D, Lee B, Ferdous S et al.: Real-world evidence on RSV vaccine uptake, effectiveness, and safety in older adults: a systematic review and meta-analysis. Lancet Reg Health Eur. 2026 Feb 20;64:101623. doi: 10.1016/j.lanepe.2026.101623.

der informierte @rzt

  • Vol. 16
  • Ausgabe 3
  • März 2026