- Journal Watch von unseren Experten
Cannabis bei chronischen Schmerzen und bei neuropathischen Schmerzen
Medicine zu Nutzen und Risiken cannabisbasierter Produkte zur Behandlung chronischer Schmerzen untersuchte 25 Studien mit insgesamt 3376 Patienten und einer Behandlungsdauer von vier Wochen bis sechs Monate. Die Präparate wurden nach ihrem Verhältnis von Tetrahydrocannabinol (THC) zu Cannabidiol (CBD) eingeteilt: hoher THC-Anteil, ähnlicher THC- und CBD-Gehalt sowie niedriger THC- bzw. reiner CBD-Anteil. Für Produkte mit hohem THC-Anteil (z. B. Dronabinol oder Nabilon) zeigte sich eine moderate Evidenz für eine geringe Reduktion der Schmerzintensität im Vergleich zu Placebo. Der Effekt war jedoch klein und klinisch begrenzt. Für funktionelle Verbesserungen (z. B. körperliche Aktivität oder Lebensqualität) fand sich keine klare oder nur sehr geringe Evidenz. Für CBD-dominante oder reine CBD-Produkte konnte kein überzeugender Nutzen hinsichtlich Schmerzreduktion oder funktioneller Verbesserung gezeigt werden. Cannabisbasierte Medikamente waren häufiger mit Nebenwirkungen verbunden als Placebo. Besonders häufig traten Schwindel, Sedierung, Übelkeit und kognitive Beeinträchtigung auf. Das Risiko für Therapieabbrüche wegen unerwünschter Wirkungen war bei THC-haltigen Präparaten erhöht. Die Qualität der Evidenz wurde überwiegend als niedrig bis moderat bewertet. Die meisten Studien untersuchten neuropathische Schmerzen, während andere Schmerzarten wie muskuloskelettale oder viszerale Schmerzen unterrepräsentiert waren.
Eine Cochrane-Übersicht zu neuropathischen Schmerzen schloss zusätzlich zu 15 randomisierten, doppelblinden kontrollierten Studien mit 1737 Patienten (aus dem Review von 2018) 6 neue Studien mit 450 Patienten ein, also insgesamt 21 Studien mit 2187 Patienten. Die Studiendauer betrug 2 bis 26 Wochen. 5 Studien bezogen sich auf zentrale neuropathische Schmerzen, 14 Studien auf periphere neuropathische Schmerzen und 2 Studien auf beide Typen. 7 Studien verabreichten Tetrahydrocannabinol (THC)-dominante Präparate, 9 Studien ausgewogene THC- und Cannabidiol (CBD)- Präparate und 5 Studien CBD-dominante Präparate. 20 Studien verglichen cannabisbasierte Medikamente mit Placebo, und 1 mit Dihydrocodein. – Bei den THC-dominanten Präparaten versus Placebo gab es keine eindeutigen Hinweise auf einen Effekt der Schmerzlinderung von mindestens 50 % (absolute Risikodifferenz [RD] 0.14), Patient Global Impression of Change (PGIC)-Bewertung (Verbesserung: «viel» oder «sehr viel») (RD 0.17), Abbrüche aufgrund unerwünschter Ereignisse (RD 0.03), schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (RD 0.02), Schmerzlinderung von mindestens 30 % (RD 0.16) oder psychiatrische Störungs-bezogene unerwünschte Ereignisse (RD 0.01). Nebenwirkungen im Nervensystem waren häufiger als mit Placebo (RD 0.25). Bei den THC/CBD-ausgewogenen Präparaten versus Placebo gab es keine eindeutigen Hinweise auf eine Schmerzlinderungswirkung von mindestens 50 % (RD 0.04) und schwere unerwünschte Ereignisse (RD 0.01). Die Evidenz bezüglich der Wirkung auf nervensystembezogene (RD 0.39) und psychiatrische Störungsbezogene unerwünschte Ereignisse (RD 0.08) war unsicher. Die leichte Erhöhung bei der PGIC (Verbesserung: «viel» oder «sehr viel») (RD 0.07), die Schmerzlinderung von mindestens 30 % (RD 0.07) und die Abbrüche aufgrund von unerwünschten Ereignissen (RD 0.05) waren klinisch nicht relevant. Bei den CBD-dominanten Präparaten versus Placebo gab es keine eindeutigen Hinweise auf eine Schmerzlinderung von mindestens 50 % (RD –0.08). Ebenso bestand keine Differenz bei der PGIC (Verbesserung: «viel» oder «sehr viel») (RD –0.03), bei Abbrüchen aufgrund von Nebenwirkungen (RD 0.02), bei schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen (RD 0.02), bei Schmerzlinderung von mindestens 30 % (RD –0.04), bei nervensystembezogenen unerwünschten Ereignissen (RD –0.03) und bei psychiatrischen Störungs-bezogenen unerwünschten Ereignissen (RD –0.01).
Fazit
Beide Studien kommen zum Schluss, dass es kaum sichere Belege für einen Effekt von Cannabis-Medikamenten auf Schmerzlinderung bei chronischen oder neuropathischen Schmerzen gibt, obwohl langjährige klinische Erfahrungen vorliegen mit vielen guten Studien. Die Übersichtsarbeit zu chronischen Schmerzen konnte zwar für Produkte mit hohem THC-Anteil eine geringe Reduktion der Schmerzintensität mit kleinem und klinisch begrenztem Effekt zeigen, jedoch keine funktionellen Verbesserungen im Vergleich zu Placebo. Die Cochrane-Analyse zu neuropathischen Schmerzen billigt lediglich den THC/CBD-ausgewogenen Medikamenten eine minime, klinisch nicht relevante Differenz zu, allerdings mit häufigeren Symptomen wie Schwindel und Schläfrigkeit. Insgesamt kann festgehalten werden, dass der klinische Nutzen begrenzt ist, während Nebenwirkungen häufig auftreten (siehe auch «der informierte arzt», Editorial Juni 2022). Bekannt ist auch die gehemmte neuronale Vernetzung im Wachstumsalter (JAMA Psychiatry 2021;78(9):1–11), die reduzierte kortikale Dicke im Frontalhirn nach langjährigem Cannabiskonsum (34th European Congress of Psychiatry) sowie das erhöhte Risiko für psychiatrische Störungen bei Jugendlichen mit Cannabiskonsum (https://jamanetwork.com/journals/jama-health-forum/fullarticle/2845356). Vor diesem wissenschaftlichen Hintergrund sind die zunehmenden Verschreibungen unverständlich. Die deutschen Politiker haben sich bei der Teillegalisierung von Cannabis vor zwei Jahren nicht an dieser wissenschaftlich breit abgestützten Kenntnis orientiert. Inzwischen sind in Deutschland bereits 413 Anbauvereinigungen entstanden; Niedersachsen hat mit 83 die meisten genehmigten Anbauvereinigungen entsprechend 1.06 für 100 000 Einwohner. Wird die medial angeheizte Cannabis-Euphorie bald vorüber sein?
KD Dr. med. lic. phil. Marcel Weber
Literatur
Chou R et al. Cannabis-Based Products for Chronic Pain: An Updated Systematic Review. Ann Intern Med 2026;179(2):230-241. doi: 10.7326/ANNALS-25-03152. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41429020/
AteÅŸ G. et al. Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev 2026 Jan 19;1(1):CD012182. doi: 10.1002/14651858.CD012182.pub3. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41429020.
Welche Rolle spielt das zentrale Nervensystem bei Ârefraktären LUTS
Symptome des unteren Harntrakts (LUTS) sind weit verbreitet und stellen eine erhebliche Belastung für Patienten und Gesundheitssysteme dar (1). Viele Symptome lassen sich durch die Behandlung peripherer pathophysiologischer Mechanismen, etwa einer Blasenausflussbehinderung oder Detrusorüberaktivität, erfolgreich behandeln. Dennoch leidet ein relevanter Anteil der Patienten auch nach scheinbar erfolgreicher peripherer Therapie weiterhin unter LUTS. Beim Blasenschmerzsyndrom (BPS) können Schmerzen beispielsweise auch nach einer partiellen oder supratrigonalen Zystektomie bestehen bleiben (3). Mechanismen des Zentralnervensystems (ZNS) könnten daher zu persistierenden Symptomen beitragen, nachdem die ursprüngliche periphere Ursache behandelt wurde. Ziel dieses Artikels ist es, darzustellen, wie maladaptive ZNS-Prozesse refraktären LUTS zugrunde liegen können, und die therapeutischen sowie forschungsbezogenen Implikationen zu betrachten.
Methoden
Das Manuskript fasst die Diskussionen aus einem Vorschlag zusammen, der auf der Tagung der International Consultation on Incontinence-Research Society (ICI-RS) 2025 vorgestellt wurde. Die Forschungsschwerpunkte wurden zu Konsensfragen formuliert.
Ergebnisse
Es gibt Hinweise darauf, dass zentrale Sensibilisierung und Neuroplastizität auch nach Beseitigung peripherer Auslöser zu Harndrang, erhöhter Häufigkeit oder Schmerzen führen können. Neuroimaging zeigt strukturelle und funktionelle Veränderungen im Gehirn bei Blasenschmerzsyndrom und Rückenmarksverletzungen, während präklinische Studien auf eine Beteiligung von Neurotrophin- und Stickstoffmonoxid-Signalwegen an der LUT-Dysfunktion hindeuten. Nervenstimulation, intravesikale Wirkstoffe und Verhaltensstrategien können bei ausgewählten Patienten von Nutzen sein, allerdings mit unterschiedlich.
Die vorrangigen Fragen konzentrieren sich auf die Kausalität gegenüber den Folgen von Veränderungen des Zentralnervensystems, die Entwicklung von Biomarkern für die Patientenstratifizierung und die Bewertung neuer therapeutischer Ziele.
Schlussfolgerungen
Refraktäre LUTS können mit peripheren und/oder zentralen Fehlanpassungen einhergehen. Um Diagnose und Behandlung voranzubringen, sind verbesserte Instrumente zur Beurteilung der Wechselwirkungen zwischen LUT und ZNS, verfeinerte translationale Modelle und multidisziplinäre Strategien erforderlich, die individualisierte, Mechanismus-basierte Therapien ermöglichen.
Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen
Quelle
de Rijk MM. What Role Does the Central Nervous System Play in Refractory LUTS, and What Are the Therapeutic Implications? ICI-RS 2025 Neurourol Urodyn 2025 Nov 26 doi: 10.1002/nau.70189. Online ahead of print
HIV und Krebs: Einblicke in die virusvermittelte Onkogenese und Immunsuppression
Menschen mit HIV (PLWH) haben ein deutlich erhöhtes Risiko sowohl für AIDS-definierende Krebserkrankungen (ADCs) als auch für nicht-AIDS-definierende Krebserkrankungen (NADCs), die trotz wirksamer antiretroviraler Therapie (ART) nach wie vor eine Hauptursache für Morbidität darstellen; diese Übersichtsarbeit zielt darauf ab, aktuelle epidemiologische, molekulare und klinische Erkenntnisse zur HIV-assoziierten Onkogenese zusammenzufassen.
Methoden
Es wurde eine strukturierte Literaturrecherche in PubMed (2000–2026) unter Verwendung vordefinierter Schlüsselwörter wie «HIV», «Krebs», «Onkogenese» und «Immundysregulation» durchgeführt, wobei Originalstudien, systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen einbezogen wurden, die vordefinierte Qualitätskriterien erfüllten. Ergebnisse: Die verfügbaren Erkenntnisse deuten darauf hin, dass HIV sowohl über direkte als auch indirekte Mechanismen zur Krebsentstehung beiträgt: Virale Proteine wie Tat, Nef und Vpr stören die Apoptose, die DNA-Reparatur und die Zellzyklusregulation, während chronische Immunaktivierung, anhaltende Entzündungen und Immunsuppression die Tumorimmunüberwachung beeinträchtigen und onkogene virale Koinfektionen begünstigen, darunter das Epstein-Barr-Virus, das humane Papillomavirus und das humane Herpesvirus 8. Neue Signalwege wie epigenetische Veränderungen, Dysregulation von microRNA, metabolische Reprogrammierung und der Beitrag von HIV-Reservoirs zu pro-tumorigenen Mikroumgebungen modulieren das Krebsrisiko zusätzlich.
Schlussfolgerungen
HIV könnte als Kofaktor fungieren, der die Wirkungen onkogener Viren verstärkt, indem es die virale Persistenz und die Dysregulation des Immunsystems fördert; obwohl dies biologisch plausibel ist, gibt es nach wie vor nur begrenzte direkte Belege für einen Zusammenhang zwischen HIV und der Verstärkung der Tumorentstehung beim Menschen.
Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen
Literatur
Lasagna A et al. HIV and Cancer: Insights into Viral-Mediated Oncogenesis and Immunosuppression. Pathogens 2026 Apr 12;15(4):416.





