Wandertipp

Monte Bisbino – Über die grüne Grenze der Valle di Muggio

So problemlos zu überschreiten, wie für diese Rundwanderung geplant, war die Landesgrenze in der Valle di Muggio nicht zu allen Zeiten. Während des 1. Weltkrieges wurde sie von beiden Seiten scharf bewacht. Die Italiener hatten sogar einen massiven Sperrriegel zwischen dem Lago di Como (Lario) und dem Lago Maggiore errichtet, die sogenannte Linea Cadorna, um einen befürchteten deutschen Angriff durch die Schweiz zu antizipieren. Zu diesem langgezogenen Festungswerk gehörte auch der Monte Bisbino, der sich nur knappe fünf Kilometer von Como entfernt über dem Lario erhebt. Im 2. Weltkrieg wurde die Grenze in der Valle di Muggio, wie andernorts im Tessin auch, durch Italien mit einem etwa drei Meter hohen Maschendrahtzaun abgeriegelt als Versuch, die Flucht verfolgter Menschen und den Schmuggel zu unterbinden. Das Gebiet um den Monte Bisbino diente aber auch dem italienischen Widerstand als Operations- und Rückzugsgebiet. Dieser bekämpfte nicht nur die Faschisten, sondern verhalf auch vielen Verfolgten zur Flucht in die Schweiz, trotz einer drei Kilometer breiten militärischen Sperrzone, die die deutsche Wehrmacht ab Mitte 1944 entlang der Schweizer Grenze errichtet hatte. Auf dem Monte Bisbino wird noch heute der Widerstandskämpfer der Brigata Garibaldi gedacht, die zu Beginn des Jahres 1945 am Gipfel gefallen sind. An diese Vergangenheit werden wir während der Wanderung immer wieder erinnert.



Wir verlassen Bruzella gegen Nordosten auf dem Stationenweg zum Oratorio della Madonna di Loreto al Zöch hinauf. Dort geniesst man einen herrlichen Blick über die Dörfer der Valle di Muggio. Der Weiterweg bringt uns zum Fahrsträsschen in die einsame Val della Crotta hinunter, das wir im Tälchen nach dem Weiler Brughee gleich wieder verlassen. Der dort abzweigende Alpweg führt uns an den Häusern von Prato di Donaa vorbei und durch die Buchenwälder des Dosso della Pioda sowie des Dosso dell’Alpe nach Loasa hinauf. Diese Alp in ihrer weiten Lichtung erscheint uns jedes Mal von neuem wie eine verwunschene Insel in diesem dichten Waldgebiet (Abb. 1).

Nun wenden wir uns der nahen Landesgrenze im Süden zu. Diese verläuft entlang des zweiten Baches, den wir nach Verlassen der Alp queren. Auf der italienischen Seite erwartet uns ein verrostetes Tor des Grenzzaunes und Reste des Maschendrahtes aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Der geographisch Interessierte möge beachten, dass die eben überschrittenen zwei Bäche zum Quellgebiet jenes Armes der Breggia gehören, der durch das Val della Crotta verläuft. Das andere Quellgebiet liegt weiter nördlich, in der Valle Breggia. Auf italienischem Boden stossen wir überraschend auf einen breiten Weg, der vor Jahren noch nicht bestanden hat, als wir diese Route mit unseren Kindern erkundeten. Dieser breite Weg entwickelt sich bei der Abzweigung zur Alpe Alveggia zu einer veritablen Fahrstrasse, der wir bergwärts folgen, bis wir die betonierte Strasse erreichen, die vom Monte San Bernardo herkommend zur Alpe Piella hinaufführt. Weiter gegen Westen meiden wir die asphaltierte Strasse und queren den Südosthang des Monte Bisbino bis zu dessen Südgrat, über den wir den Gipfel erreichen. Wir geniessen den Weitblick über die norditalienische Tiefebene bis hin zu den Walliser Alpen. Vor Jahren weideten an diesem Berg noch Pferde, die nach dem Tod ihres Besitzers herrenlos umherirrten und im Winter hungernd bis in die Dörfer beidseits der Grenze vordrangen. Nach viel Aufruhr konnte eine Gönnervereinigung gegründet werden, die die Tiere vor dem Schlachthof rettete und ihnen eine neue Heimat in Lanzo d’Intelvi fand. Heute kann man die wachsende Herde halbwilder Pferde den Sommer über an den Osthängen des Monte Generoso antreffen.

Wir kehren zum Kaffee im Ristoro Alpino Vetta Bisbino ein, bevor wir gegen Norden zur Sella Cavázza absteigen. An der Grenze stossen wir erneut auf Reste des Maschendrahtzaunes und die Ruine eines italienischen Grenzwächterhauses (Abb. 2).

Wir wählen den Gratweg über die Höhenquote 1241.3 Meter zum Sattel, da dieser uns mit nur einem kurzen Gegenanstieg einen wunderbaren Rundblick über die Valle di Muggio bietet. In der Sella Cavázza wählen wir jenen Pfad, der nördlich der Höhenquote 1177 Meter zu deren Nordwestgrat führt, über den wir zum Oratorium von Zöch zurückkehren. Beim Erreichen des Waldrandes oberhalb von Bruzella besteht auch die Möglichkeit einer Abkürzung direkt zum Dorf hinunter (Abb. 4).

Leserinnen und Leser, die gerne einmal eine Bergtour mit dem ­Autor der Wandertipps unternehmen möchten, können ihr ­Interesse per E-Mail an christian.besimo@bluewin.ch anmelden und werden darauf über geplante Wanderungen informiert.

Prof. Dr. med. dent. Christian E. Besimo

Riedstrasse 9
6430 Schwyz

christian.besimo@bluewin.ch

der informierte @rzt

  • Vol. 16
  • Ausgabe 6
  • Juni 2026