- Paul Klee: Seine letzten Bilder waren bestürzender Ausdruck seiner Krankheit
Die Krankheiten des weltbekannten Malers und Graphikers Paul Klee haben zahlreich Fachleute, Kunsthistoriker und Mediziner, beschäftigt. Klee ist 1935, in seinem 56. Lebensjahr, an einer progressiven Sklerodermie erkrankt. In den verbleibenden fünf Jahren hat er mit der Krankheit und dem begleitenden Systembefall zunehmend Beschwerden erlitten bis er an den Folgen einer Myokarditis verstarb.
Patient: Paul Klee
Geboren: 18. Dezember 1879, Münchenbuchsee BE
Gestorben: 29. Juni 1940, Muralto TI
Über Paul Klee gibt es keine Krankenakten, keine ärztlichen Aufzeichnungen oder Röntgenbilder: sie sind nach seinem Tod bei einem Feuer im Sanatorium von Muralto TI zerstört worden.

Als junger Mann schrieb Klee von 1898 bis 1918 ein Tagebuch. Trotz seines ausgeprägten Konsums von Tabak und Alkohol finden sich darin keine Hinweise auf ernsthafte Gesundheitsstörungen. In seiner privaten Korrespondenz gibt es 1933 erste Hinweise, dass Klee sich in warmem Klima besser fühlte als in kaltem. Dies könnte möglicherweise eines der ersten Anzeichen eines Raynaud-Syndroms sein, das als Frühsymptom der generalisierten Sklerodermie durch rezidivierende akrale vasospastische Attacken, die durch Kältereize provoziert werden, charakterisiert ist. Klee klagte über zunehmende Abgeschlagenheit und Müdigkeit.
Pathographien von Paul Klee stützen sich weitgehend auf Briefe seiner Frau Lily an ihre Freundinnen Nina Kandinsky und Gertrud Grohmann, Ehefrau des Kunsthistorikers Will Grohmann. Dieser veröffentlichte 1954 eine Biographie über seinen langjährigen Freund Paul Klee.
Lily Klee schrieb gern und oft Briefe und dokumentiert den Gesundheitszustand ihres Mannes lückenlos und ausführlich. Aufgrund ihrer Beschreibungen kann Paul Klees Krankheit in drei Phasen rekonstruiert werden.
Anfangs kein pathogenetischer Zusammenhang sichtbar
Die erste Phase reichte von etwa August 1935 bis Januar 1938. Der Patient litt unter verschiedenen Krankheiten, die zunächst nicht in einen pathogenetischen Zusammenhang gesehen werden konnten. Er erkrankte 1935 an Masern und erholte sich nur sehr langsam. Es traten Belastungsdyspnoe, Gelenkschmerzen und Schluckbeschwerden auf, typische Symptome von Organmanifestationen der systemischen Sklerose.
Lily Klee berichtete über eine schwere Bronchitis ihres Mannes. Diese entwickelte sich während acht Wochen zu einer doppelseitigen Lungenentzündung mit Pleuritis und begleitender «Herzerweiterung». Klee hatte vier Wochen lang hohes Fieber, seine Haut schälte sich, so seine Frau.
Im April 1936, gut sechs Monate nach Beginn der Krankheit, zeigte ein Röntgenbild des Thorax noch Reste der Lungenentzündung. Im gleichen Jahr wurde erstmals die Diagnose «Sklerodermie» gestellt, nachdem ursprünglich auch eine chronische Vergiftung durch die von Klee verwendeten Farben vermutet wurde. Als Massnahmen wurden Badekuren in warmen Klimazonen empfohlen. Klee wurde angewiesen, das Rauchen einzustellen. Diese unspezifischen Therapien brachten allenfalls geringe Verbesserungen.
Im Januar 1937 litt Klee an einer Grippe. Zudem hatte er infolge eines Magengeschwürs eine Magenblutung. Schon vor der Magenblutung wurde er mit einem oralen Eisenpräparat gegen Anämie behandelt. Diese Therapie wurde einige Zeit später mit intramuskulären Injektionen weitergeführt. Ende 1937 verboten die behandelnden Ärzte Klee das Geigenspielen, das er bisher als passionierter Hausmusiker betrieben hatte. Möglicherweise lässt sich daraus auf eine Arthritis der Interphalangealgelenke, auf Rattenbissnekrosen oder sogar ein Raynaud-Phänomen schliessen. Art und Ausmass des Befalls können heute nicht mehr eindeutig geklärt werden.
Seit Beginn der Bronchitis bis zu seinem Tod zog sich der Bericht über die Notwendigkeit einer «Diät» wie ein roter Faden durch die Korrespondenz.
Ringen um fundierte Diagnose
In der zweiten Phase von Januar 1938 bis Mai 1940 war das Allgemeinbefinden Paul Klees besser, nur gelegentlich berichtete seine Frau von Problemen mit Magen oder Verdauung.
Primäres Ziel war die Behandlung des Ulcus ventriculi, da man in den 1940er Jahren keine andere Therapiemöglichkeit kannte. Ausserdem musste der Patient nach langer Krankheitsphase wieder zunehmen. Im Verlauf kann auch auf eine Ösophagussklerose geschlossen werden, die anfangs möglicherweise noch von den Auswirkungen der Bronchitis überlagert gewesen sein mag.
Bei Klees Ärzten ist deutlich ein Ringen um eine fundierte Diagnose zu erkennen. Nachdem feststand, dass die verschiedenen Krankheitsbilder eine gemeinsame Ursache haben mussten, wurde wahrscheinlich zumindest im Kollegenkreis die Diagnose Sklerodermie gestellt. Sicher ist, dass die Ärzte die beiden wesentlichen Theorien ihrer Zeit zur Entstehung der Sklerodermie diskutierten. Sie versuchten, mit allen zur Verfügung stehenden Untersuchungen, die eine oder andere Theorie zu erhärten.
Die Produktivität von Klee ging deutlich zurück. Trotzdem war er nach Umstellung seines Malstils in seinen letzten Lebensjahren noch immer sehr schaffensfreudig. Im Gegensatz zu seinen komplexen filigranen Darstellungen der frühen Jahre waren die Bilder jetzt durch einfache Pinselstriche als Ausdrucksmittel gekennzeichnet. Klee benutzte jetzt grössere Pinsel. Wegen der zunehmenden Sklerodaktylie und Flexionskontrakturen der Fingergelenke konnte er diese besser halten und führen. Klee stellte zunehmend sein eigenes Leiden und seine Empfindungen bildhaft dar. Gegenüber Aussenstehenden sprach er so gut wie nie über seine Krankheit. In seinen Zeichnungen drückte er dagegen immer mehr sein verändertes Körpergefühl aus und seine Empfindungen, dass bestimmte Teile nicht mehr zum eigenen Körper gehörten und ein durch die Sklerodermie bedingtes Eigenleben führten oder schon abgestorben waren. Klees Bilder und Zeichnungen der letzten Jahre sind ein bestürzender Ausdruck eines an einer unheilbaren Krankheit leidenden Individuums, schrieb der Kunsthistoriker G. Wolf 1999 in einem Beitrag «How Paul Klee’s illness influenced his art» in «Lancet».
«Es ist an der Zeit»
Soweit bekannt, hinterliess Klee keine schriftlichen Aufzeichnungen über die subjektiven Empfindungen seiner Erkrankung. Jedoch schrieb er im Januar 1940 an den Kunsthistoriker Will Grohmann: «Natürlich komme ich nicht von ungefähr ins tragische Gleis, viele meiner Blätter weisen darauf hin und sagen: es ist an der Zeit.»
In den letzten acht Wochen beherrschte das Symptom der Herzinsuffizienz das klinische Bild. Laut Totenschein starb Paul Klee am 29. Juni 1940 an einer Myokarditis. Retrospektiv legt die Analyse der Befunde wohl ein Mischkollagenose zwischen Sklerodermie und Lupus erythematosus nahe, also eine «Mixed connective tissue disease» oder ein «Overlap-Syndrom». Es wurde keine Autopsie durchgeführt. Auf dem Grabstein von Paul Klee steht der Spruch «Diesseitig bin ich gar nicht fassbar», den er als sein Programm ansah. Er charakterisiere den Künstler Klee so, wie er gern gesehen werden wollte, schrieb Klees Biografin Susanna Partsch.
Jörg Weber
Quellen: Castenholz G.: Der Maler Paul Klee… und seine Krankheit: von der schwierigen
Diagnosestellung einer Mischkollagenose, Schweiz. Ärztezeitung, 2005
Castenholz R.: Die progressive systemische Sklerose. Görich und Weiershhäuser, Marburg, 2000
Wolf G: How Paul How Paul Klee’s illness influenced his art. Lancet, 1999
Brief von Lily Klee vom 2. Dezember 1936, zit. nach Glaesemer J.; Paul Klee – Handzeichnungen III 1937 – 1940. Paul-Klee-Stiftung, Bern, 1979 Et al.
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