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Swiss Prevention Summit 2025

«Vorbeugen ist besser als heilen» gilt mehr denn je. Die kardiovaskuläre Prävention konzentriert sich auf die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Nierenversagen, Schlaganfall und frühem Tod. Aufgrund der weltweiten Adipositas-Epidemie und der steigenden Lebenserwartung gewinnen Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Diabetes und in der Folge chronische Nieren- und Herzinsuffizienz zunehmend an Bedeutung. Neben einem gesunden Lebensstil stehen uns heute neue, sehr wirksame und gut verträgliche Arzneimittel zur Verfügung: Glukagon-like-Peptid-1-Agonisten, Hemmer des Natrium-Glukose-Transporters, PCSK9-Hemmer und nichtsteroidale Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten. Die RNA-Interferenz ist zudem eine Revolution in der Pharmakotherapie: Zur Lipidsenkung und bald auch zur Behandlung der Hypertonie sind nur zwei Injektionen pro Jahr nötig – fast wie eine Impfung. So beschrieben es die Organisatoren Prof. T. F. Lüscher, F. Mahfoud, S. Windecker und F. Mach in ihrer Einführung. Im Folgenden wird über einige Referate dieser Veranstaltung berichtet.



Das Mikrobiom und seine Metabolite: Ein verkannter Risikofaktor


Prof. Thomas F. Lüscher, Brompton/London und Zürich, erläuterte die noch wenig bekannte Beziehung zwischen dem Darmmikrobiom, seinen Metaboliten, dem Körpergewicht und dem Risiko kardiovaskulärer Ereignisse.

Welche Rolle einzelne Darmmikroben bei der Regulation der Körperzusammensetzung spielen, ist weiterhin unklar. In einer Studie wurde das Darmmikrobiom erwachsener weiblicher Zwillingspaare, die sich hinsichtlich ihres Adipositas-Status unterschieden, in keimfreie Mäuse transplantiert. Die Tiere erhielten entweder fettarmes Standardfutter oder Diäten mit unterschiedlichen Anteilen gesättigter Fette sowie Obst und Gemüse, wie sie für die US-amerikanische Ernährung typisch sind. Eine Zunahme von Gesamtkörper- und Fettmasse sowie adipositasassoziierte metabolische Phänotypen liessen sich durch unkultivierte fäkale Mikrobengemeinschaften und entsprechende Bakterienkulturen übertragen. Wurden Mäuse, die das Mikrobiom eines adipösen Zwillings (Ob) trugen, gemeinsam mit Mäusen gehalten, die das Mikrobiom des schlanken Zwillings (Ln) trugen, blieb bei den Ob-Tieren eine Zunahme der Körpermasse und die Entwicklung adipositasassoziierter metabolischer Phänotypen aus. Dieser Effekt korrelierte mit der Übertragung spezifischer Bacteroidetes-Mitglieder aus dem Ln-Mikrobiom in das Ob-Mikrobiom und war ernährungsabhängig. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Wechselwirkungen zwischen Ernährung und Mikrobiom rasch eintreten, übertragbar sind und sich modifizieren lassen.

Auch klinisch wird die Modulation des Mikrobioms untersucht: Eine hochdosierte fäkale Mikrobiota-Transplantation aus mehreren Spenden kann bei aktiver Colitis ulcerosa zu klinischer Remission und endoskopischer Besserung führen. Gleichzeitig werden deutliche mikrobielle Veränderungen beobachtet, die mit dem Therapieansprechen zusammenhängen. Künftige Arbeiten sollten insbesondere die optimale Behandlungsintensität sowie die Bedeutung der Spender-Empfänger-Übereinstimmung anhand mikrobieller Profile definieren.

Das Darmmikrobiom steht zudem in einem mechanistischen Zusammenhang mit physiologischen Prozessen, die die Herz-Kreislauf-Gesundheit beeinflussen. Nahrungsbestandteile prägen die Zusammensetzung des Mikrobioms und den Metabolismus des Wirts. Als Beispiel nannte der Referent den Zusammenhang zwischen dem Konsum von rotem und weissem Fleisch und der Bildung von TMAO (Trimethylamin-N-oxid). TMAO entsteht durch mikrobiellen Abbau von Nährstoffen wie Cholin und L-Carnitin. Erhöhte TMAO-Spiegel im Blut wurden mit einem höheren Risiko kardiovaskulärer Ereignisse (z. B. Myokardinfarkt, Schlaganfall) assoziiert und könnten proinflammatorische Prozesse sowie bestehende Erkrankungen wie Arteriosklerose, Hypertonie und Diabetes ungünstig beeinflussen.

Gewichtsverlust und kardiovaskuläres ­Outcome: Was kann mit GLP1 und GIP/GLP1-RA erreicht werden?


«Weltweit ist das Leben der Menschen zwar länger geworden, aber nicht gesünder», sagte Prof. John Deanfield aus London zu Beginn seines Vortrags. Im Jahr 1960 betrug die mittlere Lebenserwartung weltweit 54 Jahre, im Jahr 2019 waren es 73 Jahre – ein Zuwachs von 19 Jahren. Der Anteil des Lebens, der bei schlechter oder mässiger Gesundheit verbracht wird, hat sich jedoch nicht geändert.

Krankheitsprävention – das sich wandelnde Gesicht der Medizin

Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel prägen das Leben in den Industriestaaten. Entsprechend zählen kardiovaskuläre Erkrankungen, Nierenversagen und Typ-2-Diabetes zu den häufigsten Ursachen für eingeschränkte Gesundheit und Todesfälle. Die Prävalenz von Übergewicht hat aus mehreren Gründen zugenommen. Im Jahr 1950 litt weniger als 1 % der britischen Bevölkerung an Adipositas. Heute sind es ca. 30 %.

Ist dies Ausdruck eines kollektiven Verlusts an Willenskraft? Der Referent verneinte: Die Menschen hätten sich nicht verändert, wohl aber das Nahrungsangebot und die Ernährungsumgebung. Übergewicht resultiert aus einer anhaltenden positiven Energiebilanz, und jede Person, die mit Übergewicht lebt, weiss bereits, dass sie weniger essen und sich mehr bewegen sollte. Lebensstiländerungen, beispielsweise Diät und mehr Bewegung, werden zwar immer empfohlen, sind aber selten allein erfolgreich.

Übergewicht gilt inzwischen als chronische, multifaktorielle und rückfällige Krankheit, die mit erhöhter Morbidität und Mortalität einhergeht. Es ist eine Krankheit, bei der die besten verfügbaren Behandlungen ohne Schuldgefühle eingesetzt werden müssen. Wir behandeln LDL, Blutdruck und HbA1c direkt. «Die Adipositas-Biologie verdient denselben Ansatz», so der Referent.

Medikamente würden helfen, das Problem jedoch nicht vollständig lösen. Eine zentrale Stellschraube sei weniger die «Umgebung», sondern die Regulation des Appetits.
Eine wirksame Behandlung der Adipositas wäre ein Wendepunkt für das Gesundheitswesen. Mit GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RAs) gelingt erstmals eine zuverlässig signifikante und nachhaltige Gewichtsabnahme.

SELECT-Studie

Bei Patienten mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht oder Adipositas, jedoch ohne Diabetes, war die wöchentliche subkutane Gabe von 2.4 mg Semaglutid gegenüber Placebo wirksamer, um die Inzidenz von Todesfällen aufgrund kardiovaskulärer Ursachen, nicht tödlichen Myokardinfarkten oder nicht tödlichen Schlaganfällen zu verringern. Dies wurde bei einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 39.8 Monaten festgestellt. Der Nutzen der Therapie mit Semaglutid war grösstenteils unabhängig vom Gewichtsverlust.

Pleiotrope Effekte von GLP-1-RAs bei Typ-2-DM

In einer Studie wurden 215 970 Patienten mit Diabetes, die GLP-1 RAs erhielten, mit einer entsprechenden Kontrollgruppe verglichen. Von 175 Gesundheitsergebnissen war die Verwendung von GLP-1-RAs mit einem verringerten Risiko für Atemversagen, COPD und Suizidgedanken verbunden. Von 175 Gesundheitsergebnissen war die Verwendung von GLP-1-RAs mit einem verringerten Risiko für 34 (19.43 %) Ergebnisse verbunden, darunter Lungenentzündung, Alkoholmissbrauch, Atemversagen, COPD und Suizidgedanken. Ein erhöhtes Risiko wurde für 17 Ergebnisse (9.71 %) gefunden, darunter Übelkeit und Erbrechen, GERD, Bauchschmerzen, Nephrolithiasis und Schlafstörungen.

Hinweise auf einen breiteren klinischen Nutzen

Zunehmend wird ein potenziell breiterer Nutzen von GLP-1-basierten Therapien diskutiert. Als Beispiele nannte der Referent Publikationen zu unterschiedlichen Indikationen (u. a. kolorektale Neoplasien, Morbus Parkinson, obstruktive Schlafapnoe, MASH sowie chronische Nierenkrankheit).

Beispiellose Akzeptanz in der Öffentlichkeit

Trotz begrenzter Zahl verfügbarer Präparate ist die Akzeptanz in der Bevölkerung hoch. Zum Vergleich: Rund zehn Jahre nach Markteinführung hatten Statine etwa eine Million Anwender; selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer lagen in ähnlicher Grössenordnung. Für Wegovy wurde bereits nach fünf Jahren eine deutlich höhere Nutzerzahl berichtet.
Und was kommt als Nächstes?

Neue Moleküle und Indikationen für GLP-1-basierte Wirkstoffe

Zu den in Entwicklung befindlichen Substanzen zählen:
• Retatrutid: Triple-Agonist (GLP-1-, GIP- und Glukagonrezeptor)
• Survodutid: dualer Agonist (GLP-1- und Glukagonrezeptor)
• Insulin degludec/Liraglutid (Fixkombination)
• Insulin glargin/Lixisenatid: Kombination aus Basalinsulin und GLP-1-RA
• Amycretin: dualer Agonist (GLP-1- und Amylinrezeptor)
• Semaglutid/Cagrilintid: Kombination aus GLP-1-RA und Amylin-Analogon

Bei neue Indikationen wurde folgendes diskutiert:
• metabolisch dysfunktionsassoziierte Steatohepatitis (MASH)
• periphere Erkrankungen
• polyzystisches Ovarialsyndrom
• Arthritis
• Krebs
• neuropsychiatrische Krankheiten (z. B. Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit, Substanzmissbrauch, Depression, Schizophrenie, Migräne, intrakranielle Hypertonie).

Richtlinien

Die GLP-1-RA-Leitlinien betonen die Anwendung von Semaglutid und Cagrilintid bei Typ-2-Diabetes (T2D) und zur chronischen Gewichtsregulierung (BMI ≥30 oder ≥27 mit gewichtsbedingten Problemen wie Bluthochdruck oder einem hohen Cholesterinspiegel) in Verbindung mit Änderungen des Lebensstils. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Vorteilen für Herz und Nieren. Es sind jedoch auch Vorsichtsmassnahmen zu beachten: das Medikament muss vor Operationen abgesetzt werden, es ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, mögliche Pankreatitis-Symptome sind zu überwachen und eine Schwangerschaft ist zu vermeiden. Zu den wichtigsten Aspekten gehören die Aufklärung der Patienten über Nebenwirkungen (Magen-Darm-Probleme), Verhütung und die ordnungsgemässe Entsorgung von Injektionsmaterial.

Arterielle Erkrankungen, die Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen, lassen sich durch eine nachhaltige, frühzeitige Reduktion des Risikofaktors (RF) weitgehend verhindern, mahnte der Referent.

Trennung von Verhaltenseffekten und Gewichtsverlust

Es wurden Hinweise auf zwei unterschiedliche neuronale Mechanismen diskutiert: einerseits Gewichtsverlust durch Appetit- und Stoffwechselregulation, andererseits Nahrungsaversion. Semaglutid reduziert Hunger und fördert den Fettabbau, indem es auf Adcyap1+-Neuronen im dorsalen Vaguskomplex wirkt. Werden diese Zellen blockiert, ist Semaglutid weniger wirksam in der Reduktion von Appetit und Fettmasse. Eine Abneigung gegen Nahrung blieb hingegen bestehen. Dies spricht dafür, dass einzelne Semaglutid-Effekte über unterschiedliche neuronale Bahnen vermittelt werden. Perspektivisch könnte dies die Entwicklung wirksamerer und besser verträglicher Adipositas-Therapien unterstützen.

Durchbruch und Evidenz bei der Behandlung von Adipositas

Im Kontext der zunehmenden Verfügbarkeit medikamentöser Therapien stellte sich die Frage, welche Rolle Lebensstiländerungen künftig noch spielen. Sind Lebensstiländerungen im Zeitalter der Adipositas-Medikamente notwendig?

Diskutiert wurden mehrere Entwicklungen und Ansätze:
• Weiterbehandlung nach initialem Gewichtsverlust: Tirzepatid kann Patientinnen und Patienten nach bereits erzieltem Gewichtsverlust weiter unterstützen.
• Ultralang wirksame GLP-1-basierte Wirkstoffe: Länger wirksame Präparate könnten gegenüber kürzer wirksamen Substanzen Vorteile bieten.
• Therapie von Nebenwirkungen: Ein neuer Ansatz zielt darauf ab, Nebenwirkungen der Gewichtsabnahme bzw. der Therapie zu lindern.
• Duodenales Mukosa-Resurfacing (DMR): Das Verfahren basiert auf der Hypothese, dass eine fett- und zuckerreiche Ernährung die Funktion der Duodenalschleimhaut beeinträchtigen kann. Dies könnte abnorme metabolische Signale und Insulinresistenz begünstigen. DMR soll diese Signalwege funktionell «zurücksetzen».
• Amylin-Analoga: Eloralintid zeigte in einer Phase-2-Studie eine Gewichtsreduktion.
• Orale Therapieoptionen: Mit dem Abschluss der Phase 3 schreitet die Entwicklung einer Adipositas-Pille (Orforglipron) voran.
• Deeskalation/Erhaltung: Eine Deeskalation von GLP-1-basierten Therapien (z. B. alle zwei Wochen) wurde als mögliche Option zur Erhaltungstherapie diskutiert.

Sind GLP1Ras die bahnbrechendste Veränderung im Gesundheitswesen aller Zeiten?

Provokativ wurde ein Bonmot zitiert: «Die häufigsten Instrumente für Selbstmord sind Messer und Gabel.»
(Dr. Martin Fischer)
Adipositas wurde als eine der grössten Bedrohungen für Gesundheit und Wohlstand beschrieben. Sie verändert die kardiometabolische Landschaft, indem sie Typ-2-Diabetes, chronische Nierenkrankheit und kardiovaskuläre Erkrankungen fördert, mit negativen klinischen Folgen. GLP-1-RAs könnten zwar einen entscheidenden Beitrag zur Behandlung der Adipositas leisten, werden jedoch nicht als alleinige Lösung verstanden. Über die Gewichtsreduktion hinaus könnten sie mehrere altersassoziierte Erkrankungen beeinflussen und langfristig Verhaltensänderungen unterstützen. Damit besteht das Potenzial, das Gesundheitswesen zu verändern, indem Ursachen kardiometabolischer Erkrankungen adressiert werden – mit Konsequenzen nicht nur für Einzelne, sondern auch für Gesellschaft und Wirtschaft. Gleichzeitig wurde betont, dass GLP-1-RAs den Wandel nicht allein bewirken, jedoch das Spektrum ernährungsbedingter Erkrankungen beeinflussen könnten, indem sie Betroffene dabei unterstützen, weniger zu essen und sich gesünder zu ernähren.

Ist Lipoprotein(a) ein Risikofaktor oder ein therapeutisches Ziel?


«Lipoprotein(a) besteht aus einem Molekül Apolipoprotein B, das kovalent an Apolipoprotein(a) gebunden ist. Apolipoprotein(a) ist ein Plasminogen-ähnliches Protein, das aus einer variierenden Anzahl von sogenannten Kringles aufgebaut ist. Diese bestimmen seine Grösse und auch seine biologischen Eigenschaften», erklärte Prof. Arnold von Eckardstein (USZ) einleitend.

Lp(a) weist sowohl proatherosklerotische Eigenschaften wie eine verstärkte Proteoglykanbindung, eine Aufregulation von Adhäsionsmolekülen, eine Proliferation von glatten Muskelzellen, eine Schaumzellbildung, die Bildung eines nekrotischen Kerns oder eine Kalzifizierung von Läsionen auf. Es verfügt jedoch auch über prothrombotische Eigenschaften wie Plasminogen-Aktivierung, Fibrindegradation, PAI-1-Expression, TFPI-Aktivität und Thrombozyten-Reaktivität. Hohe Plasmakonzentrationen von Lp(a) erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Lp(a)-Werte ≥30 mg/dl sagen unabhängig vom Baseline-ASCVD-Status unerwünschte kardiovaskuläre Ergebnisse voraus. Erstgradige Verwandte von Personen mit erhöhten Lp(a)-Werten haben ein erhöhtes Risiko für schwere unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse. Ein hoher Lp(a)-Spiegel erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, unabhängig von traditionellen Risikofaktoren.

Die «International Declaration on Lipoprotein(a) Testing and Management» von Brüssel empfiehlt:
• Lp(a)-Werte von über 50 mg/dl (105 nmol/L) sollten bei allen Erwachsenen als kardiovaskulärer Risikofaktor betrachtet werden. Dabei gilt: Je höher der Lp(a)-Wert, desto höher das Risiko (Klasse IIa/Niveau B). Lp(a) sollte einmal im Leben gemessen werden und auch Familienmitglieder (Kinder) sollten getestet werden.

Medikamentöse Senkung von Lp(a)

Statine senken Lp(a) unwesentlich (–0.19 mg/dl, p = 0.58), Bempedoinsäure erhöht Lp(a) um +0.01 mg/dl (p = 0.99), Ezetimib senkt es um –0.21 mg/dl (p = 0.77), Omega-3-Fettsäuren senken Lp(a) um –0.28 mg/dl, Fibrate um –0.61 mg/dl (p = 0.14), Niacin um –706 mg/dl (p < 0.01), CETP-Inhibitoren um –0.77 mg/dl (p = 0.01), Inclisiran um –4.76 mg/dl (p < 0.01) und PCSK9-Antikörper um –6.37 mg/dl.

Take Home Messages

• Lp(a) ist ein LDL-ähnliches Lipoprotein, das als zusätzliches Protein das Apolipoprotein(a) trägt und mit oxidierten Phospholipiden angereichert ist.
• Die Anzahl der Kringle-IV-Domänen ist genetisch determiniert und bestimmt wesentlich die Plasmakonzentration von Lp(a).
• Lp(a) wirkt wegen seiner Ähnlichkeit mit LDL und Plasminogen sowie aufgrund seiner oxidierten Phospholipide atherogen, thrombogen und proinflammatorisch.
• Hohe Plasmaspiegel von Lp(a) und Allele für geringe Anzahlen von Kringle-IV-Repeats erhöhen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit und Aortenklappenverkalkung (genetisch kausaler Risikofaktor!).
• Hohes Lp(a) und traditionelle Risikofaktoren interagieren, weswegen bei hohem Lp(a)-Spiegel das geschätzte Risiko höhergestuft werden sollte. Traditionelle Risikofaktoren sollen konsequent behandelt werden.
• Lp(a) trägt zum residuellen Risiko nach intensiver LDL-Cholesterinsenkung bei.
• Antisense-Oligonukleotide und siRNAs gegen LPA-mRNA senken den Lp(a)-Spiegel um 80–90 %. Ergebnisse klinischer Endpunktstudien werden ab 2026 erwartet.

Was gibt es Neues zum Thema Lipide? Die aktualisierten Leitlinien der ESC/EAS


Die aktualisierten Leitlinien der ESC/EAS wurden von einer Task Force unter dem Vorsitz von Prof. Mach, Prof. Koskinas und Prof. Roeters van Lennep entwickelt. «Alle neuen Empfehlungen, die in der fokussierten Aktualisierung 2025 enthalten sind, ergänzen die Empfehlungen der ESC/EAS-Leitlinien 2019 zur Behandlung von Dyslipidämien. Alle geänderten Empfehlungen ersetzen die entsprechenden Empfehlungen der ESC/EAS-Leitlinien 2019», stellte Prof. François Mach einleitend fest.

Empfehlungen zur kardiovaskulären Risikoabschätzung

Bei scheinbar gesunden Personen unter 70 Jahren ohne etablierte ASCVD oder Diabetes mellitus wird SCORE2 zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliches oder nicht tödliches kardiovaskuläres Risiko bei CKD, genetischen/seltenen Lipid- oder Blutdruckerkrankungen (Klasse I, Evidenzgrad B) empfohlen.

SCORE2-OP wird bei Personen ≥70 Jahren ohne etablierte ASCVD, Diabetes mellitus, chronische Nierenerkrankungen, genetische/seltene Lipid- oder Blutdruckerkrankungen zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliches oder nicht-tödliches kardiovaskuläres Risiko empfohlen (Klasse I/Evidenzgrad B). Es werden drei Risikokategorien unterschieden.

Hohes Risiko
• Personen mit einem der folgenden Befunde: stark erhöhter einzelner Risikofaktor, insbesondere Gesamtcholesterin >8 mmol/l, LDL-C >4,9 mmol/l oder Blutdruck ≥ 180/110 mmHg).
• Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ohne weitere wichtige Risikofaktoren.
• Patienten mit Diabetes mellitus ohne Zielorganschäden mit einer Diabetesdauer von ≥10 Jahren oder einem anderen zusätzlichen Risikofaktor.
• Moderate CKD (eGFR 30–59 ml/min (1.73 m²)).
• Ein kalkuliertes SCORE2- oder SCORE2-OP-Risiko von 10–20 % für das 10-Jahres-Risiko für tödliche oder nicht-tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD).

Mittleres Risiko
Personen mit einem der folgenden Merkmale:
• Junge Patienten mit T1DM (Diagnose vor dem 35. Lebensjahr) oder T2DM (Diagnose vor dem 50. Lebensjahr) mit einer Diabetesdauer von weniger als 10 Jahren ohne andere Risikofaktoren und einem berechneten SCORE2 oder SCORE2 OB ≥2 % und <10 % für das 10-jährige Risiko für tödliche oder nicht tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD).

Niedriges Risiko
• Berechneter SCORE2 oder SCORE2-OP von <2 % für das 10-Jahresrisiko für tödliche oder nicht tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD).

Wichtige Botschaften

Das ESC/EAS Focus Update zu Dyslipidämien betont die Bedeutung einer frühzeitigen, personalisierten und aggressiven lipidsenkenden Therapie. Es werden die Integration von SCORE2/Scores 2-OP, die Berücksichtigung von Lp(a) und der lebenslangen LDL-C-Exposition, die Erweiterung der Behandlungsoptionen (vermehrte Kombination mit Ezetimib und Bempedoinsäure) sowie die Einführung neuer Präventionsstrategien bei HIV und Kardio-Onkologie thematisiert.

Was wissen Patienten über kardiovaskuläre Prävention?


Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mit einer hohen Krankheitslast verbunden und die häufigste Todesursache. Die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Hyperlipidämie und Diabetes, können mit Medikamenten wirksam behandelt werden. Eine gute Therapietreue setzt auch ausreichendes Wissen der Betroffenen voraus. Prof. Thomas Rosemann aus Zürich berichtete über eine Publikumsumfrage zur kardiovaskulären Prävention. Über ein Gesundheitsmagazin wurde ein anonymer Fragebogen an die Leser verteilt, den 3166 Personen beantworteten. Neben demografischen Daten wurden der Gesundheitszustand, die Kenntnis der persönlichen Werte (z. B. Blutdruck, Cholesterin) und die Einschätzung der Risikofaktoren erfasst. Die Ergebnisse wurden ausführlich in der Zeitschrift «PRAXIS» veröffentlicht. Die Mehrheit der Befragten war sich der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Möglichkeit ihrer Behandlung bewusst. Körperliche Bewegung und Ernährung wurden als besonders wichtige Faktoren angesehen. Am bekanntesten waren der Blutdruck und der Body-Mass-Index. Als die stärksten Risikofaktoren wurden Rauchen, Cholesterin, Bluthochdruck und Bewegungsmangel eingeschätzt.

Die Ergebnisse zeigen einerseits erfreuliche Grundkenntnisse, andererseits aber auch Defizite. So unterschätzte ein erheblicher Anteil das mit dem Rauchen verbundene Risiko. Ein grosser Teil der Patientinnen und Patienten erreicht die für ihre Risikokategorie empfohlenen Zielwerte für Blutdruck und Lipide nicht. Ärzte sind in Bezug auf Lipide als Risikofaktor und medikamentöse Therapien teilweise skeptischer als Patienten. Die Mehrheit der Befragten lehnte die Aussage ab, Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien in erster Linie eine Erfindung der Pharmaindustrie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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  • Vol. 16
  • Ausgabe 1
  • Januar 2026