- Wann sind orthopädische Schuheinlagen indiziert – oder eben nicht?
Der Fuss des Menschen stellt ein hochkomplexes, biomechanisches System dar, das im Alltag – etwa beim Gehen oder Stehen – erheblichen Belastungen ausgesetzt ist und häufig ursächlich für Beschwerden im Fuss- und Sprunggelenksbereich ist. Orthopädische Schuheinlagen gelten als bedeutendes konservatives Therapieverfahren zur Korrektur von Fehlstellungen, Schmerzlinderung sowie zur gleichmässigeren Verteilung von Belastungskräften. Sie wirken primär über drei Mechanismen: Unterstützung des Fussgewölbes, Dämpfung von Stossbelastungen und Korrektur der Fussmechanik. Indikationen hierfür finden sich u.a. bei Erkrankungen wie Metatarsalgie, Plantarfasziitis, Knick-Senk-Fuss, Hohlfuss, Arthrose oder Stressfrakturen sowie Sehnenbeschwerden. Massgefertigte Einlagen bieten die individuell beste Anpassung, sind aber mit höheren Kosten verbunden. Demgegenüber ist die Anwendung von Einlagen weniger sinnvoll bei kleinen Kindern mit wachsendem Skelett oder bei strukturellen Fehlstellungen, die primär horizontal oder komplex verlaufen (z. B. Hallux valgus), da hier eine dauerhafte Korrektur meist nicht realistisch ist. Orthopädische Einlagen stellen ein wirksames Werkzeug zur Korrektur, Entlastung und Prävention, v.a. bei flexiblen Fussfehlstellungen, dar. Ihre Anwendung sollte jedoch gezielt, individuell und in den Kontext des gesamten Bewegungsapparates eingebettet erfolgen.
The human foot is a highly complex biomechanical system that is exposed to considerable stress in everyday life – for example, when walking or standing – and is often the cause of discomfort in the foot and ankle area. Orthopedic shoe inserts are considered an important conservative therapy method for correcting misalignments, relieving pain, and distributing stress forces more evenly.They work primarily through three mechanisms: supporting the arch of the foot, cushioning impact loads, and correcting foot mechanics. Indications for this include conditions such as metatarsalgia, plantar fasciitis, flat feet, high arches, osteoarthritis, stress fractures, and tendon problems. Custom-made insoles offer the best individual fit, but are associated with higher costs. In contrast, the use of insoles is less useful for small children with growing skeletons or for structural malpositions that are primarily horizontal or complex (e.g., hallux valgus), as permanent correction is usually not realistic in these cases. Orthopedic insoles are an effective tool for correction, relief, and prevention, especially in cases of flexible foot deformities. However, their use should be targeted, individualized, and embedded in the context of the entire musculoskeletal system.
Keywords: Orthopädische Schuheinlagen, Fussgewölbe-Fehlstellungen (Hohlfuss, Knick-Senk-Fuss), Indikationen und Wirkmechanismen
Einleitung
Der menschliche Fuss wird häufig als ein Meisterwerk natürlicher Ingenieurskunst betrachtet – ein Bild, das bereits von Leonardo da Vinci aufgegriffen wurde.
Die komplexe Architektur aus Knochen, Bändern, Gelenken, Sehnen und Muskeln bildet ein Netzwerk, das geradezu präzise koordiniert wird: Es gewährleistet sowohl Flexibilität als auch Stabilität für Stand und Gang. Dennoch bleibt dieses System empfindlich gegenüber einer Vielzahl von Störungen. Lokal oder global auftretende Beschwerden im Bereich des Fuss- und Sprunggelenks sind in der haus- und fachärztlichen Praxis häufig. In vielen Fällen ist initial keine Operation indiziert – konservative Ansätze führen nicht selten zum Erfolg. In diese Behandlungskategorie fällt auch die Versorgung mit Schuheinlagen, deren Einsatz und Wirkungsweise im Verlauf dieses kurzen Artikels näher beleuchtet werden sollen – mit besonderem Augenmerk auf Indikationen, Wirkmechanismen und Grenzen.
Schuheinlagen und das Fussgewölbe
Der gesunde Fuss besitzt ein longitudinales (Längs-) sowie ein transversales (Quer-)Gewölbe. Diese Strukturen sind nicht nur für die Formgebung des Fusses verantwortlich, sondern übernehmen wesentliche Funktionen: Körpergewichtsverteilung, Stossdämpfung sowie Gleichgewichtssicherung. Veränderungen dieser Gewölbe treten z. B. beim Hohlfuss oder Knick-Senk-Fuss deutlich hervor.
Hohlfuss
Beim Hohlfuss ist das Längsgewölbe markant überhöht, die Ossa metatarsalia stehen steil. Dies führt zu einem hohen Rist und einer vermehrten Druckbelastung unter den Mittelfussköpfchen – oft initial mit Beschwerden in Form von Metatarsalgien. Zudem liegt häufig eine Varusfehlstellung des Rückfusses vor («O-Stellung»), was zusätzliche Probleme wie laterale Instabilität oder eine Überbelastung der Peronealsehnen nach sich ziehen kann.
Knick-Senk-Fuss
Im Gegensatz dazu fällt beim Knick-Senk-Fuss das Längsgewölbe ab, in ausgeprägteren Fällen ist auch das Quergewölbe reduziert oder aufgehoben. Folglich erfolgt eine breite Belastung der Mittelfussköpfchen – auch hier kann eine Metatarsalgie entstehen. Der Rückfuss zeigt typischerweise eine Valgusstellung («X-Stellung»), wodurch auf Dauer die medialen Strukturen geschädigt werden können und sich degenerative Veränderungen bis hin zur Arthrose entwickeln können.
Grundlegende Effekte orthopädischer ÂEinlagen
Orthopädische Schuheinlagen gibt es in zwei Grundvarianten: handelsĂĽbliche (Over-the-Counter) und massgefertigte (custom) Einlagen. Massgefertigte Einlagen Âwerden meist auf ärztliche Verordnung und in Zusammenarbeit mit orthopädischen Schuhmachermeister/-innen hergestellt. Dabei werden diese exakt auf die zu behandelnde Pathologie abgestimmt.
Die Wirkung von Einlagen auf Fuss- und Sprunggelenk ist vielseitig:
1. Mechanische UnterstĂĽtzung und Korrektur
Fehlstellungen können durch Einlagen unterstützt oder teilweise korrigiert werden. Eine solche Anpassung beeinflusst die Fussfunktion gezielt und kann bestimmte Regionen entlasten.
2. Materialabhängige Wirkungen – Stabilität vs. Komfort
Das eingesetzte Material bestimmt den Fokus der Einlage: Carbon z. B. bewirkt Stabilisierung, während Materialien wie Schaumstoff, Gel oder Gummi eine weichere Bettung und besseren Komfort bieten. Häufig werden Materialkombinationen eingesetzt, um eine Balance zwischen geforderter, fokaler Härte und Weichheit zu erreichen.
3. Dämpfung und Komfort
Weiche Materialien steigern die Stossabsorption («Shock Absorption»), erhöhen den Gehkomfort und können potenziell das Verletzungsrisiko im Fuss- und Sprunggelenksbereich reduzieren. Zudem lassen sich biomechanische Fehlstellungen wie Hyperpronation oder -supination beeinflussen, was das Gangbild verbessern kann.
In der Summe führen diese Effekte zu einer Entlastung von Fuss- und Sprunggelenk, einer Schmerzreduktion, einer Verbesserung des Gangbildes und einer Prävention von Überlastungsverletzungen. Die Einlage dient somit nicht nur der Korrektur, sondern erfüllt ein multifunktionales therapeutisches Profil.
Indikationen – Wann und bei welchen ÂProblemen sind Schuheinlagen sinnvoll?
Nach Darstellung der Wirkmechanismen stellt sich die Frage, wann der Einsatz von Einlagen adäquat ist – insbesondere mit Blick auf die anfallenden Kosten (ein massgefertigtes Paar kostet typischerweise CHF 400–600) und auf mögliche Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat (Knie, Hüfte, Wirbelsäule). Entscheidend ist, dass Einlagen vor allem dort Wirkung entfalten, wo ein mechanischer Eingriff auch mechanisch eine Verbesserung ermöglichen kann.
Im Folgenden typische Indikationen (bei relevanter Symptomatik) im Ăśberblick:
Metatarsalgie
Belastungsabhängige Vorfussschmerzen, meist unter den Mittelfussköpfchen. Eine individuell angepasste Einlage mit retrokapitaler Abstützung hebt die Köpfchen geringfügig an und entlastet die schmerzhaften Areale.
Plantarfasziitis (Fersensporn)
Entzündung am Ansatz der Plantarfaszie, begünstigt z. B. durch eine verkürzte Wadenmuskulatur. Klassisch ist der morgendliche Anlaufschmerz. Neben Dehnübungen kann eine weich gepolsterte Ferseneinlage die Beschwerden deutlich lindern. Daten zeigen: Konturierte Ganz-Längen-Inlays sind wirksamer als reine Fersenkissen – etwa bei 12-Wochen-Follow-up eine signifikante Reduktion des «First-Step-Pain» (1).
Flexibler Knick-Senk-Fuss
Absenkung des Längsgewölbes mit valgischer Fersenstellung. Eine Einlage mit medialer Längsgewölbeunterstützung kann die Fehlstellung korrektiv beeinflussen und den Rückfuss teilweise in eine neutralere Stellung bringen (2).
Hohlfuss
Der hohe Rist führt häufig zu rigiden Fehlstellungen, die nur begrenzt korrigierbar sind. Eine angepasste Einlage kann allerdings Komfort schaffen und Druckstellen lindern. Bei flexiblen Ausprägungen kann z. B. eine laterale Fussranderhöhung eine Teilkorrektur ermöglichen.
Angeborene Fehlstellungen / Missbildungen
Bei strukturellen Pathologien – z. B. bei Koalitionen oder dem Müller-Weiss-Syndrom – dienen Einlagen primär der Schmerzlinderung und Steigerung des Komforts.
Arthrosen
Degenerative Gelenkveränderungen verursachen mechanische Schmerzen. Einlagen mit Carbonverstärkung können die Belastung gezielt verringern. Die Carbonanteile werden dabei entsprechend komponentiert.
Stressfrakturen
Ermüdungsbrüche im Vorfussbereich können mit Carboneinlagen für 4–6 Wochen stabilisiert werden – dies fördert die Ausheilung.
Sehnenerkrankungen
Bei Peronealsehnenbeschwerden etwa kann eine Einlage mit lateraler Randerhöhung (Heben des Aussenfussrandes) hilfreich sein.
Studien zur Wirksamkeit orthopädischer Einlagen Âzeigen ein differenziertes Bild: So konnten Einlagen zur ÂPrävention von Stressfrakturen bei Sportlern eine signifikante Risikoreduktion aufzeigen (RR 0.59 fĂĽr Stressfrakturen) – hingegen war der Nachweis bei Weichteilverletzungen weniger ĂĽberzeugend (3). Bei flexiblen Knick-Senk-FĂĽssen sowie Hohlfussformen ist die Evidenz hingegen begrenzter: Eine systematische Ăśbersichtsarbeit fand insbesondere bei Erwachsenen mit Plattfuss keine klare Empfehlung. Zwar ist eine Schmerzlinderung und Korrektur möglich, aber eine klare Aussage ĂĽber die längerfristige, generelle Wirksamkeit bleibt offen (4). Dies hat wahrscheinlich mit der progressiven Tendenz einer Knick-Senkfuss-Fehlstellung zu tun, deren Ursachen multifaktoriell sind (z.B. im Rahmen der peritalare Instabilität).
Wann sind Schuheinlagen weniger sinnvoll?
Gleichsam wichtig ist, die Grenzen und Kontraindikationen fĂĽr Einlagen zu kennen:
• Over-the-Counter («von-der-Stange») Einlagen, die ohne individuelle Anpassung bei Fehlstellungen mit Korrekturbedarf eingesetzt werden, führen häufig zu unzureichender Wirkung und mitunter zu ungünstigen Effekten.
• Kinder mit wachsendem Skelett
Bei Kindern ohne angeborene Fehlbildung (z. B. ohne Koalition oder schwere Dysplasie) ist der Nutzen von Einlagen meist gering: Das rasche Wachstum modifiziert die Fussstellung fortlaufend und fordert häufige Neuanfertigungen – ohne entsprechenden therapeutischen Gewinn. Eine systematische Übersichtsarbeit kam hier zu dem Schluss, dass sich Einlagen bei flexiblen Plattfüssen im Kindes- und Erwachsenenalter nicht zuverlässig bewähren (4). Der Rat lautet daher: Verlaufskontrolle und symptomorientiertes Vorgehen, insbesondere bis zum Wachstumsabschluss.
• Horizontale oder primär nicht in vertikaler Richtung verlaufende Fehlstellungen, z. B. bei strukturellen Veränderungen wie Hallux valgus: Da Einlagen primär vertikale Kräfte beeinflussen, ist ihre Wirkung auf horizontale Deformitäten begrenzt. Zwar kann subjektiver Komfort entstehen, die tatsächliche Deformität oder ihr Fortschreiten werden jedoch kaum beeinflusst.
• Schwere Fussprobleme (z. B. bei Diabetes, Durchblutungsstörungen)
In solchen Fällen ist erhöhte Vorsicht geboten: Hier sollten Einlagen immer durch Fachleute abgestimmt und zuvor eine umfassende ärztliche Abklärung erfolgen.
Zusammengefasst: Die Auswahl der Einlage-Therapie sollte kritisch erfolgen – ein pauschaler Einsatz ist nicht indiziert. Vielmehr gilt es, für jede Patientin bzw. jeden Patienten die individuelle Situation sorgfältig zu prüfen.
Wesentliche Punkte bei der EinlagenÂversorgung
In der Praxis sollten bei der Versorgung mit Einlagen folgende Fragen berĂĽcksichtigt werden:
1. Ist eine individuell angepasste Einlage notwendig?
Oder reicht eine handelsübliche Lösung? Die Entscheidung hängt ab von Ausmass der Fehlstellung, symptomatischer Belastung und Kosten-Nutzen-Abwägung.
2. Passt die Einlage zum Schuh bzw. zur Alltagssituation?
Eine Einlage muss in die gewählte Schuh- und Nutzungsumgebung (Beruf, Freizeit, Sport) integriert werden.
3. Behandelt die Einlage die ursächliche Problematik? Die Einlage sollte Teil eines umfassenden Konzeptes sein – nicht isoliert ohne Betrachtung von Muskulatur, Gelenken und Statik.
4. Treten neue oder verstärkte Beschwerden auf? Eine engmaschige Kontrolle ist unerlässlich: Einlagen werden eingeführt, dann langsam eingetragen und beobachtet. Erfolgt keine Besserung oder treten neue Beschwerden auf, sind Überprüfung und ggf. Änderung notwendig.
Weitere Hinweise:
• Eingewöhnung: Neue Einlagen sollten schrittweise eingeführt werden – z. B. zu Beginn nur wenige Stunden pro Tag.
• Therapeutischer Kontext: Einlagen ersetzen nicht andere Massnahmen wie Physiotherapie, aktive Übungsprogramme, Medikation oder gegebenenfalls Schienung.
Fazit
Orthopädische Schuheinlagen dienen primär der dynamischen Korrektur variabler Fussfehlstellungen und entlasten dabei nicht nur Fuss und Sprunggelenk, sondern können auch Knie, Hüfte und Wirbelsäule beeinflussen. Flexible Fehlstellungen bieten deutlich bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einlagenversorgung als rigide, da das Korrekturpotenzial hier grösser ist. Bei wachsenden Skeletten empfiehlt sich Zurückhaltung – statt sofortiger Versorgung steht zunächst die Kontrolle des Verlaufs und ein symptomorientiertes Vorgehen im Vordergrund.
Die Evidenzlage zeigt, dass Einlagen durchaus Wirkung erzielen können – insbesondere kurzfristig bei z. B. Plantarfasziitis oder Stressfrakturen – jedoch nicht bei allen Indikationen. Die langfristige Wirkung bei bestimmten Fehlstellungen kann limitiert bleiben. Massgefertigte Einlagen bieten potenziell Vorteile gegenüber Standardlösungen, doch auch hier ist der Effektumfang moderat (5).
In der hausärztlichen Praxis empfiehlt sich daher ein differenziertes Vorgehen: Eine sorgfältige Diagnostik, klare Indikationsstellung, engmaschige Überprüfung und Integration in ein multimodales Therapiekonzept stellen die Voraussetzung dar, um den Einsatz von Einlagen sinnvoll und wirksam zu gestalten.
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FussInstitut ZĂĽrich AG
Beethovenstrasse 3
8002 ZĂĽrich
Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
1. Schuitema, D., et al., Effectiveness of Mechanical Treatment for Plantar Fasciitis: A Systematic Review. J Sport Rehabil, 2020. 29(5): p. 657-674.
2. Herchenroder, M., D. Wilfling, and J. Steinhauser, Evidence for foot orthoses for adults with flatfoot: a systematic review. J Foot Ankle Res, 2021. 14(1): p. 57.
3. Bonanno, D.R., et al., Effectiveness of foot orthoses and shock-absorbing insoles for the prevention of injury: a systematic review and meta-analysis. Br J Sports Med, 2017. 51(2): p. 86-96.
4. Oerlemans, L.N.T., et al., Foot orthoses for flexible flatfeet in children and adults: a systematic review and meta-analysis of patient-reported outcomes. BMC Musculoskelet Disord, 2023. 24(1): p. 16.
5. Barbara, A.M. and J. Horton, in Custom-Made Foot Orthotics for People With Lower Limb Conditions: CADTH Health Technology Review. 2022: Ottawa (ON).
6. Landorf, K.B., A.M. Keenan, and R.D. Herbert, Effectiveness of foot orthoses to treat plantar fasciitis: a randomized trial. Arch Intern Med, 2006. 166(12): p. 1305-10.
7. Bishop, C., D. Thewlis, and S. Hillier, Custom foot orthoses improve first-step pain in individuals with unilateral plantar fasciopathy: a pragmatic randomised controlled trial. BMC Musculoskelet Disord, 2018. 19(1): p. 222.
8. Park, C.H. and M.C. Chang, Forefoot disorders and conservative treatment. Yeungnam Univ J Med, 2019. 36(2): p. 92-98.
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- Vol. 16
- Ausgabe 1
- Januar 2026






