Fortbildung

Geriatrisch-Onkologische Sprechstunde am Spital Thun – eine Erfolgsgeschichte

Das Onkologie- & Hämatologiezentrum Thun–Spiez–Berner Oberland hat 2023–2024 ein interprofessionelles Projekt zur Integration eines standardisierten geriatrischen Screenings und Assessments in den onkologischen Alltag umgesetzt. Ziel war es, ältere Krebspatient/-innen gezielt zu identifizieren, die von einer angepassten Therapieplanung und zusätzlichen Supportivmassnahmen profitieren. Mit klar strukturierten Abläufen, bestehenden internen und externen Ressourcen und hoher Team- und Patientenakzeptanz wurden in der Projektphase über 100 onkogeriatrische Sprechstunden realisiert. Die Evaluation bestätigt: Das Konzept ist praxistauglich, wirksam und nachhaltig.



The Oncology & Hematology Center Thun–Spiez–Berner Oberland implemented an interprofessional project (2023–2024) to integrate standardized geriatric screening and assessment into routine oncology care. The aim was to systematically identify older cancer patients who would benefit from adapted treatment planning and additional supportive measures. Using well-structured processes, existing internal and external resources, and achieving high acceptance among both care teams and patients, more than 100 onco-geriatric consultations were conducted. The evaluation confirms: the concept is feasible, effective, and sustainable.
Keywords: Geriatrische Onkologie, Screening, Assessment, interprofessionell, Patientenorientierung

Hintergrund und Zielsetzung

Ältere Krebspatient/-innen (> 75 Jahre) haben oft mehrere chronische Erkrankungen und ein erhöhtes Risiko für therapiebedingte Komplikationen (1). Das Projekt «Geriatrische Onkologie» wurde mit dem Ziel initiiert, ein alltagstaugliches, reproduzierbares Vorgehen zu etablieren, welches diese Patient/-innen frühzeitig identifiziert, Risikoprofile sichtbar macht und eine auf gesundheitliche sowie persönliche Bedürfnisse abgestimmte Therapieplanung ermöglicht (2). Grundlage war ein systematisches G8-Screening bei der Erstkonsultation, gefolgt – bei positivem Ergebnis – von einem umfassenden geriatrischen Assessment in einer interprofessionellen Sprechstunde, aus der konkrete, interprofessionell getragene Empfehlungen und unterstützende Massnahmen abgeleitet werden. Eingeschlossen wurden alle neu vorgestellten onkologischen oder hämatologischen Patientinnen und Patienten ab 75 Jahren im Ambulatorium des Onkologie-& Hämatologiezentrums Thun–Spiez–Berner Oberland. Das Vorgehen wurde zuerst in einer Pilotphase geprüft sowie adaptiert und nach der einjährigen Projektphase in die Routine überführt. (Abb. 1 und Abb. 2)

Screeningstrategie und Ablauf des Assessments

Das geriatrische Screening erfolgte mit dem G8-Instrument unmittelbar vor der ersten ärztlichen Konsultation. Die Verantwortlichkeit für die Durchführung lag nach kurzer Schulung bei den Pflegefachpersonen. Ein Ergebnis von 14 Punkten oder weniger galt als positiv und löste eine Zuweisung in die onkogeriatrische Sprechstunde aus. Im Rahmen des Comprehensive Geriatric Assessments (CGA) erfolgte das Mobilitätsassessment durch die Physiotherapie, die Domänen Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) und instrumentelle ATL (iATL), Ernährung, Stimmung, Kognition sowie Soziales/Ressourcen wurden von der Onkologiepflege erhoben, während Komorbiditäten und Medikation ärztlich beurteilt wurden. Am Ende wurden die Ergebnisse schriftlich zusammengefasst, insbesondere mit einer Einordnung der Patient/-innen in fit, vulnerabel oder frail, verbunden mit Empfehlungen zur Therapieanpassung, Supportivmassnahmen und Überweisungen (z. B. Physiotherapie, Ernährungsberatung, Sozialdienst) sowie einer Rückmeldung an die Hausärztinnen und Hausärzte.

Ergebnisse

Im Beobachtungszeitraum von April 2023 bis Juni 2024 wurden 329 Personen im Alter von 75 Jahren oder älter erfasst. Insgesamt konnten 80 % mit dem G8 gescreent werden. 124 Personen zeigten ein positives G8-Screening (≤14 Punkte), wovon 75 % (n=93) ein umfassendes geriatrisches Assessment erhielten. Hinzu kamen Patient/-innen mit klarer Indikation für ein CGA ohne vorheriges G8-Screening; insgesamt wurden 107 onkogeriatrische Konsultationen durchgeführt. Im CGA zeigte sich die Mehrheit der Patient/-innen als vulnerabel oder frail. Besonders häufig identifizierte Problembereiche waren Komorbiditäten (66 %), Einschränkungen von Mobilität (64 %), Mangelernährung (61 %), Polypharmazie (60 %) sowie Kognition (58 %). Aus dem Assessment resultierten konkrete, niederschwellig umgesetzte Interventionen: am häufigsten erfolgten Empfehlungen zu Physiotherapie und Bewegung, strukturierte Ernährungsinterventionen sowie ein systematisches Medikationsreview mit Deprescribing, ergänzt durch eine Optimierung des Komorbiditäten Managements und, wo angezeigt, kognitive Abklärung und Unterstützung durch die Memory Clinic, Pro Senectute, usw. Die Patientenzufriedenheit, die mittels Befragung von Patient/-innen und ihren Angehörigen erhoben wurde, war hoch: Der Grossteil der 15 erhobenen Items wurde von 59 % bis 91 % der Befragten mit «stimme vollständig zu» bewertet; Verständlichkeit (91 %), Ganzheitlichkeit (79 %) und wahrgenommener Nutzen (88 %) wurden besonders positiv beurteilt (Abb. 3).

Diskussion

Die onkogeriatrische Sprechstunde am Spital Thun erwies sich als durchführbar und nachhaltig. Die Prozessschritte – Screening bei Erstkontakt, klare Cut-offs für eine Zuweisung in die onkogeriatrische Sprechstunde mit CGA sowie die strukturierte Dokumentation und deren Verteilung an alle beteiligten Ärzte – ermöglichten eine rasche onkologische Diagnostik und Therapieplanung. Die Tatsache, dass die Mehrheit der älteren Patientinnen und Patienten nicht als «fit» einzustufen ist, unterstreicht die Notwendigkeit, die Therapieintensität auf den biologischen Zustand auszurichten. Die aus dem CGA abgeleiteten Empfehlungen waren praxisnah, unmittelbar und einfach umsetzbar; insbesondere körperliches Training, Ernährungsberatung und Medikationsoptimierung besitzen ein günstiges Nutzen-Aufwand-Profil und können die Therapietoleranz verbessern. Im Verlauf konnte eine Steigerung der Screeningquote erreicht werden, was dafür spricht, dass standardisierte Formulare, Erinnerungshilfen und gezielte Schulungen die Prozessqualität erhöhen.

Francine Rieder-Nicolet, MAS in onkologischer Pflege 1
Margareta Schmid 2
Prof. Dr. med. Ulrich Güller, MHS 1
Med. pract. Kathrin Vollmer 1

1 Onkologie- & Hämatologiezentrum Thun-Spiez-Berner Oberland, Spital STS AG, Krankenhausstrasse 12 , 3600 Thun
2 Schmid Margareta, Evaluation und Gesundheitsforschung, presch matters GmbH, Nidfurn

Danksagung
Wir danken der Krebsstiftung Thun–Berner Oberland für die grosszügige finanzielle Unterstützung sowie allen beteiligten Berufsgruppen und den Hausärztinnen und Hausärzten für die Zusammenarbeit.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Francine Rieder-Nicolet

MAS in onkologischer Pflege
Onkologie- & Hämatologiezentrum Thun-Spiez-Berner Oberland
Spital STS AG
Krankenhausstrasse 12
3600 Thun

Prof. Dr. med. Ulrich Güller, MHS

Onkologie- & Hämatologiezentrum Thun-Spiez-Berner Oberland
Spital STS AG
Krankenhausstrasse 12
3600 Thun

Ulrich.Gueller@kssg.ch

Med. pract. Kathrin Vollmer

Onkologie- & Hämatologiezentrum Thun-Spiez-Berner Oberland
Spital STS AG
Krankenhausstrasse 12
3600 Thun

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Ein standardisiertes G8-Screening mit nachgeschaltetem CGA lässt sich in einem regionalen onkologischen Zentrum mit vertretbarem Aufwand implementieren und findet sowohl bei Patient/-innen und Angehörigen als auch beim Gesundheitspersonal hohe Akzeptanz.
  • Das CGA liefert entscheidungsrelevante Informationen für eine altersadaptive Therapieplanung unabhängig vom chronologischen Alter.
  • Aus dem Assessment resultieren praxisnahe, unmittelbar umsetzbare Massnahmen in den Bereichen ATL/iATL, Mobilität, Ernährung und Medikation (einschliesslich Deprescribing).
  • Die vorliegenden Erfahrungen sprechen für die Übertragung und breite Implementierung onkogeriatrischer Behandlungspfade in der Schweiz.

1 Mohile SG, Mohamed MR, Xu H, et al. Evaluation of Geriatric Assessment and Management on the Toxic Effects of Cancer Treatment (GAP70+): A Cluster-Randomised Study. Lancet. 2021;398(10314):1894-1904.
2 Decoster L, Van Puyvelde K, Mohile S, et al. Screening Tools for Multidimensional Health Problems Warranting a Geriatric Assessment in Older Cancer Patients: An Update on SIOG Recommendations. Annals of Oncology. 2015;26(2):288-300.
3 Dale W, Klepin HD, Williams GR, et al. Practical Assessment and Management of Vulnerabilities in Older Patients Receiving Systemic Cancer Therapy: ASCO Guideline Update. Journal of Clinical Oncology. 2023;41(26):4293-4.