- Individuelle Therapie, falsche Prioritäten?
Diese Ausgabe greift verschiedene Facetten dieser Entwicklung auf: Alexander Wünsch und sein Team beleuchten in einer Schweizer Bedarfsanalyse den Unterstützungsbedarf von Kindern krebskranker Eltern und zeigen, wie wichtig altersgerechte Aufklärung, Unterstützung im Alltag und psychosoziale Begleitung sind. Cristina Picardi gibt einen aktuellen Überblick über den Organerhalt beim Rektumkarzinom und die Rolle von Watch-and-Wait, totaler neoadjuvanter Therapie und lokaler Dosiseskalation. Unser Bericht vom WCLC 2026 beleuchtet schliesslich neue perioperative Strategien beim Lungenkarzinom und offene Fragen zu Eskalation, Deeskalation und künftig möglicherweise MRD-gesteuerten Therapieentscheidungen.
Diese Beiträge zeigen, was moderne Onkologie heute leisten kann. Doch medizinischer Fortschritt allein genügt nicht, entscheidend ist auch, ob unser Gesundheitssystem ihn sinnvoll finanziert und zugänglich macht. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die erneut steigenden Krankenkassenprämien und die Frage, wo der ökonomische Druck tatsächlich ansetzt.
Für 2027 beträgt der durchschnittliche Prämienanstieg erneut 5 Prozent, nach bereits 4,4 Prozent im Vorjahr. Die Diskussion darüber, wie die Gesundheitskosten gebremst werden können, ist entsprechend allgegenwärtig. Trotzdem stellt sich die Frage, ob der ökonomische Druck tatsächlich dort ankommt, wo er nötig wäre. Die Krankenkassen selbst stehen kaum unter einem Druck, der zu einer wirklichen Konsolidierung führen würde. Noch immer gibt es in der Schweiz 34 Grundversicherer, während auf Seiten der Leistungserbringer Strukturen und Angebote weiter wachsen.
Mit EFAS wurde eine grundlegende Reform beschlossen: Ab 2028 sollen ambulante und stationäre Leistungen einheitlich finanziert werden, ab 2032 auch die Pflege. Die Vorstellung, dass damit die grundlegenden Kostenprobleme unseres Gesundheitswesens gelöst werden, erscheint jedoch als Illusion. Eine neue Verteilung der Finanzierungsströme beseitigt noch keine überdimensionierten Strukturen und schafft noch keine Effizienz, wo diese bisher fehlt.
Umso bemerkenswerter ist der anhaltende Druck auf die Medikamentenkosten. Gerade in der Onkologie trifft dieser Druck eine Minderheit von Patienten besonders stark: jene, die auf innovative und häufig teure neue Therapien angewiesen sind. Die Schweiz leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit, bewegt sich beim Zugang zu innovativen Medikamenten aber keineswegs an der Spitze.
Das führt zu einer unbequemen Frage: Wofür geben wir dieses viele Geld eigentlich aus? Zu einem beträchtlichen Teil finanzieren wir Strukturerhaltung und Ineffizienz, während ausgerechnet dort gespart und verzögert wird, wo medizinischer Fortschritt einzelnen Patienten einen entscheidenden Nutzen bringen könnte. Eine Diskussion über die Kosten des Gesundheitswesens ist notwendig. Sie sollte sich aber nicht nur darum drehen, was Medikamente kosten, sondern ebenso konsequent darum, welche Strukturen wir uns leisten und welchen Nutzen sie tatsächlich bringen.

Klinik für Hämatologie
Hämatologische Diagnostik Labormedizin
Universitätsspital Basel und Blutspendezentrum beider Basel SRK
Petersgraben 4
4031 Basel





