- 36. St. Galler Fortbildung für Klinische Onkologie
Am 26. und 27. Februar 2026 fand in St. Gallen die traditionelle Fortbildung für Klinische Onkologie statt. Unter der Leitung von Prof. Martin Früh, Chefarzt a. i. der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen, präsentierten renommierte Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen aus Radioonkologie, Systemtherapie, Thorax , Gynäko und Hämatologie. Dieser Bericht fasst die wesentlichen Inhalte zu den gynäkologischen Tumoren zusammen.
Antibody-Drug-Conjugates (ADCs) in der Gynäkologie

Univ.-Prof. Dr. Dr. Sabine Heublein (Universitätsklinikum Ulm) stellte die wachsende Rolle von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) in der Therapie gynäkologischer Tumoren vor. ADCs vereinen die Zielgenauigkeit monoklonaler Antikörper mit der zytotoxischen Potenz klassischer Chemotherapeutika.
Zugelassene Vertreter sind:
- Trastuzumab Emtansin (T-DM1) und Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) bei HER2-positiven Tumoren
- Sacituzumab Govitecan und Tisotumab Vedotin bei fortgeschrittenen Karzinomen
- Mirvetuximab Soravtansin bei FRα-positivem Ovarialkarzinom
- Datopotamab Deruxtecan in klinischer Prüfung
In der MIRASOL-Studie zeigte Mirvetuximab signifikante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens (PFS) und des Gesamtüberlebens (OS) gegenüber einer Chemotherapie bei gleichzeitiger Reduktion hochgradiger Nebenwirkungen. Die häufigste spezifische Toxizität waren okuläre Epithelschäden.
Die DESTINY-PanTumor02-Studie (Phase II) bestätigte einen anhaltenden Nutzen von T-DXd, mit der besten Wirksamkeit bei HER2-IHC-3+-Tumoren.
Datopotamab Deruxtecan zeigte in TROPION-03 eine robuste Aktivität bei metastasierten Ovarial- und Endometriumkarzinomen.
Fazit
ADCs entwickeln sich damit zu einem neuen Grundpfeiler der zielgerichteten gynäkologischen Onkologie.
Fortgeschrittenes Zervixkarzinom

Dr. Frederik Fuchs (LMU München) gab ein Update zur Therapie des fortgeschrittenen Zervixkarzinoms.
Grundlagen und Risiken
Das Zervixkarzinom ist nach wie vor die vierthäufigste Krebserkrankung der Frau und ist stark mit einer HPV-Infektion assoziiert (> 90 %). Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Rauchen, Immunsuppression, früher Geschlechtsverkehr und ein niedriger sozialer Status.
Therapieprinzipien
In den Stadien IB–IIA haben Operation und Radiotherapie vergleichbare Heilungsraten. Die Therapieentscheidung erfolgt unter Berücksichtigung von Alter, Menopausenstatus und Tumorgrösse.
Standard beim lokal fortgeschrittenen Stadium ist die Radiochemotherapie (RT plus Cisplatin 40 mg/m² wöchentlich) mit anschliessender HDR-Brachytherapie (≥ 90 Gy).
Die Brachytherapie bleibt essenziell für die lokale Kontrolle. Ein Verzicht zugunsten von IMRT-/SBRT-Boost-Konzepten ist mit einer höheren Mortalität assoziiert.
Neue Evidenz
- EMBRACE II: präzisionsgesteuerte, MR-basierte Brachytherapie und Teletherapie mit 5-Jahres-OS von 82 % und einer lokalen Kontrolle von 94 %
- KEYNOTE-A18: Zusatz von Pembrolizumab zur Radiochemotherapie mit einer Risikoreduktion für Progression und Tod um 43 % bei unverändertem Sicherheitsprofil
- INTERLACE: kurze Induktionschemotherapie vor Standard-RT mit signifikanter Verbesserung von OS und PFS
Fazit
Die Integration von Immuntherapie und Induktionschemotherapie in die etablierte Radiochemotherapie verbessert die Langzeitergebnisse. Die Brachytherapie bleibt unverzichtbar. Ihr Erhalt ist entscheidend für das Erreichen kurativer Behandlungsziele.
Therapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms

Prof. Isabell Witzel, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und des gynäkologischen Krebszentrums am Universitätsspital Zürich, präsentierte zunächst die Zahlen zur Krebsinzidenz und Mortalität in der Schweiz für das Jahr 2022.
Warum ist dieses Thema wichtig?
Für das Ovarialkarzinom existiert kein effektives Screening, die Erkrankung wird häufig erst in einem späten Stadium diagnostiziert, und die Mortalität ist hoch. Daher kommt der Qualitätssicherung eine besondere Bedeutung zu.
Ein effektives Screening-Programm konnte bislang nicht etabliert werden. In der UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS) wurden 200 000 Frauen im Alter von 50 bis 74 Jahren untersucht. Verglichen wurden ein jährliches Screening mittels CA-125 plus transvaginalem Ultraschall (TVUS), TVUS allein sowie keine Untersuchung. Nach 16 Jahren zeigte sich in allen Gruppen eine Ovarialkarzinomrate von 1 % und eine Mortalität von 0,6 %.
Fazit daraus: Ein Screening zur Früherkennung des Ovarialkarzinoms kann derzeit nicht empfohlen werden.
Der Schweizer Ansatz umfasst daher kein nationales Screening-Programm in der Allgemeinbevölkerung, sondern fokussiert auf Aufklärung, Familienanamnese sowie genetische Beratung und Testung zur Identifikation von Hochrisikopatientinnen, etwa bei BRCA1/2-Mutationen oder Lynch-Syndrom. Bei gynäkologischen Eingriffen nach abgeschlossener Familienplanung sollte eine opportunistische Salpingektomie erwogen werden, um potenzielle Hochrisiko- oder Vorstufenläsionen in den Eileitern zu entfernen. Dies entspricht einem multimodalen Präventionsansatz.
Management-Prinzipien in der Schweiz
Die Zentralisierung der Versorgung im Bereich der hochspezialisierten Medizin ist das Ergebnis eines mehrjährigen, gesundheitspolitisch geprägten Prozesses. In diesem Rahmen dürfen in der Schweiz ab Januar 2026 nur noch ausgewählte Spitäler Patientinnen mit Ovarialkarzinom behandeln.
Die Behandlung erfolgt in spezialisierten onkologischen Zentren mit multidisziplinären Teams aus Gynäkologen, Onkologen, Pathologen, Radiologen und Genetikern. Hinzu kommen standardisierte Behandlungspfade sowie ein registerbasiertes Monitoring.
Das fortgeschrittene Ovarialkarzinom ist als chronische Erkrankung mit multiplen Rezidiven zu verstehen.
Neue Optionen
Pembrolizumab
In der ENGOT-ov65/KEYNOTE-B96-Studie ergaben sich unter Pembrolizumab in Kombination mit wöchentlichem Paclitaxel plus Bevacizumab statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens unabhängig vom PD-L1-Status. Zudem zeigte sich ein Vorteil im Gesamtüberleben bei Patientinnen mit PD-L1 CPS ≥ 1 bei beherrschbarem Sicherheitsprofil.
Mirvetuximab Soravtansin (ADC) beim platinresistenten Rezidiv
Bei Patientinnen mit platinresistentem, FRα-positivem Ovarialkarzinom führte Mirvetuximab Soravtansin gegenüber einer Chemotherapie zu signifikanten Vorteilen hinsichtlich progressionsfreiem Überleben, Gesamtüberleben und objektiver Ansprechrate.
Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) – DESTINY-PanTumor02
Der grösste Nutzen wurde in der IHC-3+-Population beobachtet. Die Daten stützen die potenzielle Rolle von T-DXd als tumoragnostische Therapie bei Patientinnen mit HER2-exprimierenden soliden Tumoren.
Operation im Rezidiv
Wie die DESKTOP-III-Studie zeigte, war bei Frauen mit rezidivierendem Ovarialkarzinom eine zytoreduktive Chirurgie gefolgt von Chemotherapie mit einem längeren Gesamtüberleben assoziiert als eine alleinige Chemotherapie.
Das Follow-up erfolgt in den ersten drei Jahren alle drei Monate, im vierten und fünften Jahr alle sechs Monate und danach jährlich. Es umfasst die gynäkologische Untersuchung sowie die transvaginale Sonographie. Eine Tumormarker-Kontrolle erfolgt nur unter Maintenance-Therapie. Eine CT von Thorax und Abdomen beziehungsweise ein PET-CT wird nur bei klinischem Verdacht auf ein Rezidiv durchgeführt.
Fazit
- Es gibt derzeit kein effektives Screening-Programm.
- Ein multimodaler Ansatz mit genetischer Testung kann Hochrisikopatientinnen identifizieren; opportunistische Salpingektomien im Rahmen gynäkologischer Eingriffe können präventiv relevant sein.
- Die Behandlung sollte zentralisiert erfolgen, auch wenn dieser Prozess nur schrittweise umgesetzt wird.
- Die Therapie umfasst Chirurgie, Chemotherapie und Erhaltungstherapie.
- Eine genetische Testung und HRD-Testung bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom ist wichtig, um Kandidatinnen für eine Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren zu identifizieren.
- Es besteht ein strukturiertes Follow-up-Programm über fünf Jahre.
riesen@medinfo-verlag.ch






