Editorial

Blase gut – Leben gut.



Ich freue mich, mein erstes Editorial zum Thema Urogynäkologie zu schreiben, ein Teilgebiet der Gynäkologie, womit ich mich seit gut 20 Jahren intensiv beschäftige.

Blasenprobleme und Inkontinenz sind längst kein Rand­thema mehr. Jede zweite Person ist einmal im Leben von einer Blasenerkrankung betroffen und alleine in der Schweiz leben 800 000 Langzeitbetroffene. Europaweit sind es bis zu 60 Millionen Menschen, was zeigt, wie gross der gesellschaftliche Handlungsbedarf ist.

Obwohl die Erkrankung bei Frauen häufiger als Hyper­tonie, Demenz, Depression und Diabetes auftritt, wird sie nicht selten tabuisiert, aus Scham verschwiegen und fälschlicherweise als Übergangssituation nach Geburten oder normale Alterserscheinung abgetan. Diese Stigmatisierung erschwert den Zugang zur Versorgung erheblich, da viele Betroffene gar nicht erst ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Nicht wie in anderen Ländern, wären in der Schweiz die ambulanten und stationären Strukturen für eine qualitativ gute Versorgung von Inkontinenz, ­rezidivierenden Harnwegsinfekten, Blasenschmerzsyndromen und Beckenbodenoperationen gegeben.

Es ist vor allem die gesellschaftliche Tabuisierung, welche zur gefährlichen Versorgungslücke beiträgt: Betroffene bleiben unbehandelt oder greifen zur Selbstversorgung mit jahrzehntelangem Gebrauch von Hygiene­produkten, welche das Portemonnaie und die Umwelt belasten. Dabei liegt die Heilungs- oder Verbesserungsquote bei 70 bis 90 Prozent. Inkontinenz ist nicht nur ein individuelles Leiden, sondern auch ein gesellschaftliches Problem mit hohen Folgekosten für das Gesundheits- und Sozial­system. Unbehandelte Erkrankungen führen zu Komplikationen, Stürzen, Pflegebedürftigkeit und sozialem Rückzug. Besonders alarmierend ist, dass die Forschung und systematische Datenerhebung bislang unzureichend gefördert werden.

Um die Bedeutung der Blasengesundheit bewusst zu machen, ist der Abbau von Tabus und der offene gesellschaftliche Dialog zentral. Denn nur wenn Betroffene sichtbar werden und selber über die Bedeutung und Folgeerkrankungen informiert sind, kann sich die Situation verbessern.

Um die Blasengesundheit nachhaltig zu verbessern, ist ­daher mehr als medizinisches Wissen gefordert: Es braucht Aufklärung in der Grundversorgung, politische Priorität und gezielte Investitionen. Forschung in Bereichen wie Versorgungsmodellen, Förderung regenerativer Prozesse, digitaler Anwendungen und Therapie-Outcomes müssen gestärkt und finanziell unterstützt werden.

Mit einem Benefizkonzert wird die nationale Kampagne «Blase gut. Leben gut.» lanciert. Ziel dieser Initiative ist es, die Schweizer Bevölkerung für das Thema Blasen­gesundheit zu sensibilisieren und die medizinische Versorgung und Forschung in diesem wichtigen Bereich gezielt zu fördern. Anstelle einer reinen Spende gibt es die Möglichkeit, den Abend mit unvergesslichen Arien von Sonya Yoncheva und Piotr Beczała, zwei grossen Stars der Opernbühne zu geniessen (siehe Inserat Seite 17, mit Infos zum Vorverkauf oder unter www.blasengesundheit.ch).

Mit Ihrem Besuch am 30. August 2026 in der Tonhalle Zürich unterstützen Sie wissenschaftliche Projekte zur Blasengesundheit für die kommende Generation Forschender, und tragen dazu bei, die Lebensqualität vieler Menschen nachhaltig zu verbessern. Der Erlös des Tickets fliesst direkt in die Blasenforschung.

Blasengesundheit geht uns alle an – es ist Zeit, ihr die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdient.

PD Dr. med. Cornelia Betschart Meier

Stellvertretende Klinikdirektorin
Klinik für Gynäkologie, USZ
Frauenklinikstrasse 10
8006 Zürich

cornelia.betschart@usz.ch

info@gynäkologie

  • Vol. 16
  • Ausgabe 3
  • Juni 2026