- Zweitkrebserkrankungen bei Frauen mit invasivem Brustkrebs im Frühstadium
Es handelte sich um eine bevölkerungsbasierte Beobachtungskohorten-Studie mit routinemässig erhobenen Daten des National Cancer Registration and Analysis Service for England.
Die 476 373 Teilnehmerinnen waren Frauen, bei denen zwischen Januar 1993 und Dezember 2016 in England Brustkrebs als erster invasiver (Index-)Krebs diagnostiziert wurde. Sie wurden bis Oktober 2021 nachbeobachtet.
Ergebnisse
Obwohl 64 747 Frauen einen zweiten Primärtumor entwickelten, war das absolute zusätzliche Risiko im Vergleich zur ÂAllgemeinbevölkerung gering. Nach 20 Jahren hatten 13.6 % (95 %-Konfidenzintervall: 13.5 % bis 13.7 %) der Frauen einen Nicht-Brustkrebs entwickelt. Das sind 2.1 % (2.0 % bis 2.3 %) mehr als in der Allgemeinbevölkerung erwartet. Zudem hatten 5.6 % (5.5 % bis 5.6 %) einen kontralateralen Brustkrebs entwickelt, was 3.1 % (3.0 % bis 3.2 %) mehr als erwartet sind. Das absolute Mehrrisiko für kontralateralen Brustkrebs war bei jüngeren Frauen grösser als bei älteren. Unter den spezifischen Arten von Nicht-Brustkrebs waren die grössten absoluten Mehrrisiken nach 20 Jahren für Gebärmutter- und Lungenkrebs zu verzeichnen. Obwohl die standardisierten Inzidenzraten von Krebserkrankungen der Gebärmutter, der Weichteile, der Knochen und Gelenke sowie der Speicheldrüsen und von akuten Leukämien diejenigen der Allgemeinbevölkerung um mindestens den Faktor 1.5 überstiegen, lagen die absoluten Mehrrisiken nach 20 Jahren für jede einzelne Krebsart ausser Brustkrebs unter 1 %.
Bei der Einteilung der Patientinnen nach adjuvanter Behandlung wurde eine Strahlentherapie mit einem erhöhten Risiko für kontralateralen Brust- und Lungenkrebs, eine endokrine Therapie mit einem erhöhten Risiko für Gebärmutterkrebs (aber einem verringerten Risiko für kontralateralen Brustkrebs) und eine Chemotherapie mit einem erhöhten Risiko für akute Leukämie in Verbindung gebracht. Diese Ergebnisse stimmten mit den in randomisierten Studien berichteten Wirkungen überein, jedoch wurden auch positive Zusammenhänge für Weichteil-, Kopf-Hals-, Eierstock- und Magenkrebs festgestellt, die in Studien bisher nicht beobachtet worden waren. Dies deutete darauf hin, dass etwa 2 % aller 64.747 Zweittumoren und 7 % der 15.813 zusätzlichen Zweittumoren in der Kohorte auf adjuvante Therapien zurückzuführen sein könnten.
Schlussfolgerungen
Das Risiko einer zweiten Primärtumorerkrankung ist bei Frauen, die wegen eines invasiven Brustkrebses im Frühstadium behandelt wurden, etwas höher als bei Frauen in der Allgemeinbevölkerung. Kontralateraler Brustkrebs macht etwa 60 % des Gesamtanstiegs aus, wobei das Risiko bei jüngeren Frauen höher ist. Das mit adjuvanten Therapien verbundene Risiko ist gering.
Kommentar
Immer mehr Frauen mit Brustkrebs überleben die Krankheit – zumindest in den westlichen Ländern. Die Studie zeigt, dass das Krebsrisiko für diese Frauen gering bleibt. Am häufigsten sind die seit Langem bekannten erhöhten Erkrankungsraten für Lungen-, Kolorektal-, Endometrium- und Ovarialkarzinome. Letzteres ist allenfalls auf die Präsenz von BRCA-Mutationen in der Population zurückzuführen. Nur sieben Prozent der zusätzlichen Fälle werden der adjuvanten Therapie zugeschrieben, 93 % der natürlichen Vergesellschaftung mit Brustkrebs. Die therapieassoziierten Fälle werden wohl weiter zurückgehen, insbesondere bei Lungen- und Weichteiltumoren sowie Leukämien, da weniger Radiotherapie und weniger antrazyklinhaltige Chemotherapie eingesetzt wird. Auch die Rate an kontralateralen Brustkarzinomen wird häufig überschätzt. Sie beträgt 0.28 % pro Jahr und ist damit ähnlich klein wie beim ipsilateralen 2. Brustkrebs oder Lokalrezidiv nach brusterhaltender Therapie. Schliesst man die bekannten Fälle von BRCA und anderen Hochrisiko-Keimbahnmutationsträgerinnen aus, ist die Rate für sporadischen Brustkrebs nochmals niedriger. Damit stellt sich die Frage, ob jährliche Bildgebung als Nachsorge, gerade bei postmenopausalen Frauen, im Sinne one size fits all gerechtfertigt ist. Die Studie gibt eine gute Grundlage für die ärztliche Mithilfe bei der Deeskalation der zwar verständlichen, aber oft unrealistischen Krebsangst von Brustkrebsüberlebenden.
Quelle
McGale P, Dodwell D, Challenger A et al. Second cancers in 475 000 women with early invasive breast cancer diagnosed in England during 1993-2016: population based observational cohort study. BMJ. 2025 Aug 27;390:e083975.
doi: 10.1136/bmj-2024-083975.
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