- Fortschritt hat seinen Preis – aber Stillstand ist teurer
Es ist eine unbequeme Wahrheit, dass diese Fortschritte nicht zum Nulltarif zu haben sind. Innovation kostet. Was jedoch in der staatlichen und regulatorischen Betrachtung zunehmend verloren geht, ist die Balance zwischen Aufwand und Nutzen. Die Diskussion verengt sich fast ausschliesslich auf den Kostenaspekt, während der enorme Gewinn an Lebensjahren und die Verbesserung der Teilhabe am sozialen Leben oft nur als Randnotiz behandelt werden. Wenn wir den Wert einer Therapie nur noch nach dem Preisschild beurteilen und nicht nach dem Nutzen für den Menschen, riskieren wir, den medizinischen Standard zu untergraben.
Interessanterweise könnte gerade die Forschung selbst ein Schlüssel zur Kostendämpfung sein – allerdings nicht jene, die primär von der Industrie getrieben ist. Die pharmazeutische Industrie investiert dort, wo neue Patente und Märkte entstehen. Forschung zur Optimierung bestehender Therapien, zur Deeskalation oder zur Effizienzsteigerung in der Versorgung wird von privater Seite kaum finanziert. Hier ist die akademische, unabhängige Forschung gefragt. Sie kann aufzeigen, wie wir Ressourcen klüger einsetzen, ohne die Behandlungsqualität zu gefährden.
Ein wesentlicher Hebel für eine nachhaltige Onkologie liegt zudem in der Versorgungsoptimierung. Eine engmaschige, professionelle Begleitung verhindert Komplikationen und teure Notfalleintritte. Es ist daher vollkommen widersinnig, dass ausgerechnet in diesem Bereich, etwa bei den Tarifen für die Onkologiepflege, Kürzungen vorgenommen werden. Solche Massnahmen laufen den Bemühungen um eine effiziente und gleichzeitig menschliche Versorgung fundamental entgegen. Wer bei der Pflege spart, zahlt am Ende an anderer Stelle im System doppelt drauf.
Wir müssen zurück zu einer ganzheitlichen Sichtweise. Fortschritt ist kein Luxusgut, sondern die Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft, die chronisch Kranke nicht nur verwaltet, sondern ihnen ein würdevolles Leben ermöglicht. Dafür braucht es faire Rahmenbedingungen für die Pflege, Raum für unabhängige Forschung und eine Politik, die den Nutzen einer Therapie wieder über die reine Buchhaltung stellt.

Direktor Tumor- und Forschungszentrum
Kantonsspital Graubünden
7000 Chur
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