Forum Oncosuisse

Nationaler Krebsplan: Stakeholder-Workshops erfolgreich abgeschlossen

Wie kann die onkologische Versorgung in der Schweiz weiter verbessert werden – vom Zugang zu Früherkennung über optimale Behandlungsstrukturen bis hin zu einer besseren Nachsorge und Dateninfrastruktur? Diese Fragen stehen im Zentrum des neuen Nationalen Krebsplans, den Oncosuisse im Auftrag des BAG ausarbeitet. Ziel ist es, medizinische Fortschritte konsequent in die Versorgung zu überführen, damit Patientinnen und Patienten überall in der Schweiz von einer modernen, evidenzbasierten Onkologie profitieren.



Breite Mitwirkung und Engagement

Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg waren die von Oncosuisse in der zweiten Jahreshälfte 2025 organisierten Stakeholder-Workshops. Über 200 Akteurinnen und Akteure aus dem gesamten Krebsbereich – aus Behörden, Verbänden, Fachgesellschaften, Forschungsorganisationen, Versorgungseinrichtungen, Patientenorganisationen und Direktbetroffenen – brachten ihre Perspektiven ein.

Bereits im Vorfeld fand ein Workshop mit rund 70 Direktbetroffenen und Angehörigen statt, um ihre Perspektiven und Erfahrungen gezielt einzubeziehen. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern danken wir herzlich für ihr engagiertes Mitwirken.

Fünf zentrale Handlungsfelder

In fünf Stakeholder-Workshops wurden zentrale Ziele und Massnahmen erarbeitet, die nun in die nächste Phase überführt werden. Im Mittelpunkt standen folgende Themenbereiche:
• Früherkennung
• Zugang zu optimaler Versorgung
• Cancer Survivorship
• Klinische Forschung
• Patientendaten
Darüber hinaus werden die Primärprävention und Fachkräftemangel im Krebsplan thematisiert. Für diese beiden Bereiche sind jedoch gemäss Vorgabe des BAG keine eigenen Umsetzungsprojekte vorgesehen, da sie bereits weitgehend in anderen nationalen Strategien und Plattformen bearbeitet werden, unter anderem im Rahmen der Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie).

Nächste Schritte: Abstimmung und ­Vernehmlassung

Die erarbeiteten Ergebnisse werden derzeit mit dem Oncosuisse-Vorstand, den zuständigen Mitgliedsorganisationen und dem BAG abgestimmt. Die Vernehmlassung ist für Juni vorgesehen. In dieser Phase haben die Stakeholder die Möglichkeit, zu den vorgeschlagenen Zielen und Massnahmen Stellung zu nehmen.

Konsens und Praxisnähe sichern

Bereits während der Workshop-Phase wurde der Krebsplan auf wichtigen Plattformen vorgestellt und diskutiert, darunter auf dem Swiss Oncology and Hematology Congress 2025 (SOHC) und auf dem SGMO Onco Summit 2026. Weitere Gespräche mit verschiedenen Anspruchsgruppen stellen sicher, dass der Plan auf einem breiten Konsens basiert und praxisnah umgesetzt werden kann.

Prof. Dr. med. Solange Peters, Präsidentin Oncosuisse
M Sc Dominique Froidevaux, Geschäftsführer Oncosuisse

4. SGMO ONCO SUMMIT 2026

Wege aus der Systemblockade – Zwischen ­politischen Herausforderungen und technologischem Aufbruch

Vom 29. bis 30. Januar 2026 fand in Bern der vierte Onco Summit der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (SGMO) statt. Als Tagung «by invitation only» brachte die Veranstaltung gezielt Akteure der Gesundheitspolitik zusammen: BAG, GDK, Swissmedic, Krankenversicherer, Vertreter von Universitäten und der EPFL, medizinische Versorger (Onkologen und Hämatologen), Patientenvertreter sowie die Industrie. Um einen völlig freien Austausch zu ermöglichen, fand die Veranstaltung unter den Chatham-House-Regeln statt.

Marktzugang und Pricing: Ursachen und ­Strategien gegen den Delay

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Überwindung der massiven Verzögerungen beim Therapiezugang. Der «Submission Gap» bei Swissmedic entsteht oft durch eine spätere Einreichung der Zulassungsgesuche durch die Industrie im Vergleich zu den USA oder der EU. Swissmedic wirkt dem aktiv durch internationale Verfahren wie dem «Project Orbis» und «ACCESS» entgegen, um parallele Zulassungen zu fördern, und nutzt Instrumente wie befristete Zulassungen sowie den «Early Dialogue».

Nach der Zulassung folgt der «Reimbursement Gap» beim BAG, wobei die Wartezeit bis zur Aufnahme in die Spezialitätenliste (SL) durchschnittlich 200 Tage beträgt. Als Hauptgrund für diese Verzögerungen wurden verschiedene Preisvorstellungen von BAG und Industrie identifiziert. Das BAG setzt hierbei auf Preismodelle, Kostendämpfungsmassnahmen und ebenfalls auf den frühzeitigen Dialog mit der Industrie. Schlussendlich geht es darum wieder Kompromisse im Sinne der Patienten und der Bevölkerung zu finden.

In diesem Kontext wurde auch das Pricing-Problem im Zusammenhang mit den jüngsten Entwicklungen in den USA beleuchtet: Da die Schweiz neu als Referenzland für die USA Preise dienen soll und die Preise kaufkraftbereinigt berechnet werden, steigt der Druck auf die Schweizer Medikamentenpreise. Ob und in welcher Form das direkt auf den Zugang zu innovativen Medikamenten einen Einfluss haben wird, war umstritten.

Kritik am OLU-Tool der Vertrauensärzte

Scharf kritisiert wurde das neue Off-Label-Use-Tool (OLU-Tool) der Vertrauensärzte, das aktuell in Überarbeitung ist. Es wird als realitätsfremd, aufwendig und in seinen Ergebnissen als nicht reproduzierbar eingestuft. Da die Beurteilungen oft ungleich ausfallen, öffne dies der Willkür bei Kostengutsprachen die Tür. Die wissenschaftlich fundierten Gegenentwürfe aus der Onkologie-Community müssen nun in die überarbeitete Version einfliessen.

Nationaler Krebsplan 2026–2032: Fokus und Silo-Problematik

Der vorgestellte Nationale Krebsplan adressiert die Themen Früherkennung, Zugang zu optimaler Behandlung, Cancer Survivorship, klinische Forschung und Datennutzung. Bemängelt wurde die Ausklammerung der Primärprävention (z. B. HPV-Impfung), die in anderen administrativen Silos wie der Strategie für nichtübertragbare Krankheiten und im Impfplan abgehandelt wird. Dies wird kritisch gesehen, da dort oft andere Prioritäten als die spezifische Krebsbekämpfung dominieren.

Pädiatrie als Erfolg – Skepsis bei der IVHSM

In der Kinderonkologie wähnte man sich während des Kongresses kurz vor dem Durchbruch, leider haben sich seither erneute Verzögerungen ergeben: Die neue Medikamentenliste für krebskranke Kinder ist nach wie vor in Arbeit und nicht in Kraft gesetzt. Nach über zwei Jahren Arbeit scheint es nach wie vor herausfordernd, eine Lösung zu finden, was schwierig verständlich ist.

Ganz anders fiel die Bilanz zur interkantonalen Planung der Hochspezialisierten Medizin (IVHSM) aus: Diese wurde kritisch hinterfragt, da bisher valide Qualitäts- und Kostendaten fehlen, die den Nutzen der Zentralisierung belegen. Es wurde vor einem «Kompetenzparadox» gewarnt, bei dem komplexe Eingriffe zentralisiert werden, während die Behandlung von Komplikationen ohne entsprechende Expertise dezentral verbleibt.

Rolle der Kantone: Keine Postleitzahlmedizin

Die Kantone tragen die Verantwortung dafür, dass Patienten unabhängig von ihrem Wohnort einen gleichberechtigten Zugang zu Diagnostik, Therapie und Langzeitversorgung erhalten. Auch im Bereich Prävention und Früherkennung (z. B. Screenings) haben sie eine zentrale Funktion. Da die Voraussetzungen und politischen Rahmenbedingungen in den Kantonen derzeit noch sehr verschieden sind, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Eine differenzierte Versorgungsqualität nach Postleitzahl («Postleitzahlmedizin») wird entschieden abgelehnt.

Digitalisierung: Vom Minimaldatensatz zur KI-gestützten Datenrevolution

Technologisch markierte der Summit den Paradigmenwechsel von manuell gepflegten, starren Konzepten wie dem onkologischen Minimaldatensatz (oMDS) hin zu «maximalen Datensätzen» mittels Künstlicher Intelligenz.

Praxisnahe Strukturierung als Fundament

Ein zentraler Lösungsansatz, um den administrativen Flaschenhals zu lösen, ist der Einsatz spezialisierter Medical Reasoning Engines auf Basis modernster LLMs (wie z. B. Gemini 3.1). Statt auf manuelle Dateneingabe zu setzen, werden hierbei unstrukturierte klinische Freitexte, PDF-Befunde und Word-Berichte vollautomatisiert in hochstrukturierte Datenbanken überführt. Solche kliniknahen KI-Technologien, die bereits im direkten Spitalumfeld (etwa am Kantonsspital Graubünden) pilotiert werden, erlauben flexible, echtzeitnahe Auswertungen und entlasten die Versorger massiv.

Forschung und Praxis vernetzen (NAIPO)

Auf genau solchen strukturierten Datenbeständen aus der klinischen Breite baut die universitäre Forschung auf. So startet im Sommer 2026 das Projekt NAIPO (National AI-Initiative for Precision Oncology) der EPFL, der ETH Zürich und der Universitätsspitäler (Basel, Bern, Genf und Zürich). NAIPO will multimodale Modelle für die Präzisionsonkologie nutzbar machen und dem molekularen Tumorboard zur Verfügung stellen. Die Tagung verdeutlichte die Symbiose: Der Erfolg universitärer Leuchtturmprojekte wie NAIPO hängt massgeblich von funktionierenden KI-Strukturierungslösungen an der klinischen Basis ab. Erste strategische Gesprächsbrücken zwischen den Entwicklern solcher Basis-Technologien und den medizinischen Versorgern konnten während der Tagung erfolgreich etabliert werden.

Fazit

Der vierte SGMO Onco Summit verdeutlichte, dass ein chancengleicher Zugang zu Fortschritt nur durch den Abbau von Bürokratie, die Harmonisierung der kantonalen Angebote und die konsequente Nutzung digitaler Potenziale erreicht werden kann.

Prof. Dr. med. Roger von Moos
M Sc Dominique Froidevaux
Prof. Dr. med Andreas Wicki

info@onco-suisse

  • Vol. 16
  • Ausgabe 2
  • Mai 2026