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Kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC)

SOHC 2025 – Erhaltungstherapien im fortgeschrittenen Stadium

Die Therapieoptionen zur Behandlung des fortgeschrittenen kleinzelligen Lungenkarzinoms (SCLC, small cell lung cancer) haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt [1, 2]. Anlässlich der vielen Neuerungen kamen am Swiss Oncology and Haematology Congress (SOHC) am 19. November 2025 in Basel mehrere Expert/-innen aus der ganzen Schweiz zusammen, um anhand eines Patientenfalls über die Anwendung der neuen Therapieoptionen zu diskutieren.



Lungenkarzinome sind noch immer die häufigste krebsbedingte Todesursache [1]. In 12–15% der Fälle liegt ein SCLC vor, welches bei den meisten Patient/-innen (60–70%) bereits bei Diagnose in einem fortgeschrittenen Stadium (ES, extensive stage) ist. Noch bis 2019 standen für die Behandlung des ES-SCLC nur die Chemo- und Strahlentherapie zur Verfügung [2]. Mit den Ergebnissen der IMpower-133- und CASPIAN-Studien wurde die Chemoimmuntherapie (CIT) plus anschliessende Erhaltungstherapie mit Atezolizumab oder Durvalumab zum neuen Standard [1, 3, 4]. Zudem zeigte die aktuelle IMforte-Studie, dass eine Hinzugabe von Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie mit Atezolizumab das Outcome der Patient/-innen weiter verbessern kann [5]. Unter der Moderation von Prof. Dr. Alessandra Curioni Fontecedro (Kantonsspital Fribourg) tauschten sich die Expert/-innen Prof. Dr. Martin Früh (Kantonsspital St. Gallen), Prof. Dr. Alfredo Addeo (Universitätsspital Genf), Dr. Nuria Neisy Mederos Alfonso (Universitätsspital Vaud), Dr. Martina Imbimbo (Kantonsspital Ticino) und Dr. Ulrich Richter (Universitätsspital Zürich) anhand eines Patientenfalls von Dr. Alexander Meisel (Kantonsspital Glarus) zu den neuen Behandlungsoptionen aus.

ES-SCLC in der klinischen Praxis: ein Patientenfall

Dr. Meisel startete die Gesprächsrunde mit einem Patientenfall: der 79-jährige Patient stellte sich im Dezember 2024 mit Thoraxschmerzen und Belastungsdyspnoe vor. Er war ehemaliger Raucher mit zusätzlicher Asbest-Belastung in der Vergangenheit und zeigte stark erhöhtes LDH sowie erhöhte Leberwerte. Eine peritoneale Biopsie führte zur Diagnose eines Slfn11-positiven SCLC mit TP53 und CDKN2A-Mutation. Dr. Meisel entschied sich für das IMpower-133-Regimen (Atezolizumab + Carboplatin + Etoposide) [3], mit welchem die detektierte pulmonale Masse sowie die Lebermetastasen nach 6 Zyklen zurückgingen (Teilremission). Er bekam die Genehmigung für den Einsatz des IMforte-Regimens und nach 4 Zyklen dieser Behandlung kam es zu einer weiteren Verkleinerung der Läsionen (nahezu vollständiges Ansprechen). Über 11 Monate wurde dann keine Progression festgestellt. Der Tumormarker NSE war bereits nach dem ersten Zyklus der 1L-Therapie unter den Schwellenwert von 20 µg/l abgesunken und blieb auch unter der Erhaltungstherapie auf tiefem Niveau. Insgesamt vertrug der Patient die Therapie gut und zeigte hauptsächlich Nebenwirkungen geringen Grades (≤2). Unter der Erhaltungstherapie wurde eine Neutropenie 3. Grades festgestellt, welche jedoch mit zwei GCS-F-Gaben behoben werden konnte.

Bewertung der neuen Therapieoptionen durch Expert/-innen

Prof. Früh stellte fest, dass sich durch das Add-On Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie neue Möglichkeiten für SCLC-Patient/-innen ergeben. In seiner Erfahrung ist die Verträglichkeit des erweiterten Regimes gut, aber es sollte zwingend GCS-F gegeben werden, um der Neutropenie entgegenzuwirken. Patient/-innen sollten dabei immer in den Therapieentscheid miteinbezogen werden. Prof. Früh erwartet sich durch die Zugabe von Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie eine Zunahme an Patient/-innen, welche zur Zweitlinientherapie (2L) fortschreiten können. Dr. Imbimbo stimmt ihm zu, dass eine Intensivierung der Erhaltungstherapie vor allem bei jüngeren Patient/-innen sinnvoll ist, um eine schnelle Progression zu verhindern. Prof. Addeo wirft ein, dass die Datenlage sehr vielversprechend sei, er aber bei unfitten Patient/-innen oder bei Hirnmetastasen die Erhaltungstherapie nicht intensivieren würde. Das Alter selbst sei für ihn aber keine Limitation. Auch Dr. Richter fügt hinzu, dass er anfangs aufgrund der assoziierten Hämatotoxizität Bedenken hatte und weist darauf hin, dass in der 2L aktuell nur Chemotherapeutika zur Verfügung stehen. In Zukunft sind jedoch etwa mit dem bispezifischen T-Cell-Engager Tarlatamab [6] wirksamere 2L-Therapien in Aussicht, welche ein anderes Spektrum an Nebenwirkungen zeigen. Im Hinblick darauf würde auch Dr. Richter die Erhaltungstherapie intensivieren, sodass Patient/-innen eine bessere Chance auf eine 2L-Therapie erhalten. Dr. Mederos fügt hinzu, dass sie für ihre Patient/-innen in der 2L vor allem klinische Studien mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten bevorzugt. Sie stimmt zu, dass die Zugabe von Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie eine gute Option darstellt, und die Nebenwirkungen normalerweise handhabbar sind. Die einzige Limitierung für den Einsatz der intensivierten Erhaltungstherapie sieht auch sie bei Hirnmetastasen und Patient/-innen mit einem ECOG PS von >2.

Fazit

Prof. Curioni fasst zusammen, dass die Zusammenkunft der Expert/-innen aus so vielen Kantonen der Schweiz eine wahre Bereicherung für den Austausch war und eine Möglichkeit bot, die derzeit stark im Wandel stehende Behandlungslandschaft des ES-SCLC besser zu verstehen. ES-SCLC-Patient/-innen erhalten dank der neuen Behandlungsoptionen immer öfter die Chance auf eine 2L-Therapie und mit den erwarteten Zulassungen sollten sich diese Chance in Zukunft noch verbessern.

Abkürzungen:
ECOG PS = Eastern Cooperative Oncology Group Performance Status, GCS-F = Granulozyten-stimulierender Faktor, LDH = Laktat-Dehydrogenase, NSE = Neuronen-spezifische Enolase

Quelle:
«Small Cell Lung Cancer: How the treatment paradigm is evolving? A Patient Case-based Discussion.» Präsentiert am SOHC, 19. November 2025, Basel, Schweiz.

1. Onkopedia Leitlinie. Lungenkarzinom, kleinzellig (SCLC). Stand: September 2025. Abrufbar unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/lungenkarzinom-kleinzellig-sclc/@@guideline/html/index.html. Letzter Zugriff: November 2025.
2. Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst. Neue Therapieoptionen beim kleinzelligen Lungenkrebs – erste Immuntherapie für das SCLC zugelassen. Stand: November 2019. Abrufbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/neue-therapieoptionen-beim-kleinzelligen-lungenkrebs, letzter Zugriff: November 2025.
3. Horn, L., et al., First-Line Atezolizumab plus Chemotherapy in Extensive-Stage Small-Cell Lung Cancer. N Engl J Med, 2018. 379(23): p. 2220-2229.
4. Paz-Ares, L., et al., Durvalumab, with or without tremelimumab, plus platinum-etoposide in first-line treatment of extensive-stage small-cell lung cancer: 3-year overall survival update from CASPIAN. ESMO Open, 2022. 7(2): p. 100408.
5. Paz-Ares, L., et al., Efficacy and safety of first-line maintenance therapy with lurbinectedin plus atezolizumab in extensive-stage small-cell lung cancer (IMforte): a randomised, multicentre, open-label, phase 3 trial. Lancet, 2025. 405(10495): p. 2129-2143.
6. Mountzios, G., et al., Tarlatamab in Small-Cell Lung Cancer after Platinum-Based Chemotherapy. N Engl J Med, 2025. 393(4): p. 349-361.

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  • Vol. 15
  • Ausgabe 7
  • Dezember 2025