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Kardiologie Reviewkurs Zürich 2026 – Teil 2

Der traditionelle Zürcher Kardiologie-Reviewkurs fand dieses Jahr zum 26. Mal statt. Das von Prof. Christine Attenhofer, Prof. Franz Wolfgang Amann, Prof. Christian Schmied, Dr. Helene Hammer, PD Dr. med. S. Caselli und Dr. med. M. Giacchi (Herzgefässmedizin Hirslanden, Klinik im Park) zusammengestellte Programm stiess auf grosse Aufmerksamkeit, was die Rekordbeteiligung verdeutlicht. Namhafte Referenten aus dem Inland sowie von der Mayo Clinic in Rochester diskutierten interessante Themen aus der aktuellen kardiologischen Praxis. Dieser Bericht fasst einige der zahlreichen Referate zusammen.



Das Konzept der koronaren Plaqueversiegelung (Plaque Sealing)

Prof. Dr. med. Bernhard Meier von der Universität Bern erläuterte das Konzept des Plaque Sealings mittels perkutaner Koronarintervention (PCI). Ziel dieses Ansatzes ist es, die Vulnerabilität atherosklerotischer Plaques durch die Ausbildung eines neuen Endothels zu verringern und damit potenziell das Risiko zukünftiger Plaquerupturen zu senken. Zur Veranschaulichung zeigte der Referent das Beispiel einer perkutanen transluminalen Koronarangioplastie (PTCA) beim Hund, bei der nach einem Monat eine erfolgreiche Abheilung nachweisbar war.

Stenosegrad und zukünftiges Risiko

Bereits ältere Daten weisen darauf hin, dass der angiographische Schweregrad einer Koronarstenose allein nur eingeschränkt geeignet ist, zukünftige Koronarereignisse vorherzusagen. In einer Studie aus dem Jahr 1988 wurden Koronarangiogramme von 42 aufeinanderfolgenden Patienten ausgewertet, bei denen sowohl vor als auch bis zu einem Monat nach einem akuten Myokardinfarkt eine Koronarangiographie durchgeführt worden war. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass anhand des angiographischen Stenosegrads weder Zeitpunkt noch Lokalisation eines späteren Koronarverschlusses zuverlässig vorhergesagt werden können.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept des Plaque Sealings an Bedeutung: Nicht nur die mechanische Erweiterung hämodynamisch relevanter Stenosen, sondern auch die Stabilisierung vulnerabler Plaques könnte für die Prävention zukünftiger Ereignisse relevant sein.

Bei Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit war eine initial FFR-gesteuerte PCI-Strategie nach fünf Jahren mit einer signifikant niedrigeren Rate des kombinierten primären Endpunkts aus Tod, Myokardinfarkt oder dringender Revaskularisierung verbunden als eine alleinige medikamentöse Therapie. Patienten ohne hämodynamisch signifikante Stenosen zeigten unter alleiniger medikamentöser Therapie ein günstiges Langzeitergebnis. Im FUTURE-Trial fanden sich hingegen bei Patienten mit koronarer Mehrgefässerkrankung keine Hinweise darauf, dass eine FFR-gesteuerte Behandlungsstrategie das Risiko für ischämische kardiovaskuläre Ereignisse oder Tod nach einem Jahr senkte.

Ideale Anwendung der Koronardilatation

Die Studien COURAGE, MASS II, BARI 2D, FAME 2, ORBITA, ISCHEMIA und REVIVED-BCIS2 prägen den aktuellen Evidenzstand zur Behandlung der stabilen koronaren Herzkrankheit beziehungsweise des chronischen Koronarsyndroms. Insgesamt zeigen sie, dass eine optimale medikamentöse Therapie einer invasiven Strategie bei stabiler KHK hinsichtlich harter klinischer Endpunkte häufig ebenbürtig ist. Die PCI behält jedoch eine wichtige Rolle in der Symptomkontrolle, insbesondere bei Patienten mit persistierender Angina pectoris trotz optimaler medikamentöser Therapie.

Betablocker, Aspirin und KHK – was nun?


Gemäss den ESC-Leitlinien wird nach Myokardinfarkt, perkutaner Koronarintervention (PCI) oder koronarer Bypassoperation (CABG) eine lebenslange Therapie mit Acetylsalicylsäure oder Clopidogrel empfohlen. Darauf verwies Prof. Dr. med. Raban Jeger, Chefarzt der Kardiologie am Stadtspital Triemli, zu Beginn seines Vortrags. Nach PCI richtet sich die Dauer der dualen Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT) mit Aspirin nach dem individuellen Ischämie- und Blutungsrisiko und beträgt in der Regel 1 bis 6 Monate.

In einer Metaanalyse konnten Marco Valgimigli und Kollegen zeigen, dass eine Clopidogrel-Monotherapie der Aspirin-Monotherapie hinsichtlich der Prävention makrovaskulärer kardiovaskulärer Ereignisse überlegen war, ohne das Blutungsrisiko zu erhöhen. Dies spricht für einen möglichen bevorzugten Einsatz von Clopidogrel gegenüber Acetylsalicylsäure in der Sekundärprävention bei Patienten mit etablierter koronarer Herzkrankheit.

Fallvignette

Herr S., 56 Jahre, stellt sich mit akutem Koronarsyndrom, neu aufgetretenem Thoraxschmerz in Ruhe und erhöhtem Troponin vor.

Etwa 80 % der Patienten, die nach einem akuten Myokardinfarkt aus dem Spital entlassen werden, erhalten Betablocker. Die Therapie der koronaren Herzkrankheit hat sich in den vergangenen Jahren jedoch deutlich verändert. Interventionelle Verfahren, eine intensivere Thrombozytenaggregationshemmung sowie die konsequente Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems haben heute einen festen Stellenwert. Dadurch hat sich die Rolle der Betablocker relativiert.

Das klassische Paradigma der Betablockade mit Substanzen wie Metoprolol, Bisoprolol oder Carvedilol gilt weiterhin, wenn entsprechende Indikationen bestehen – etwa Hypertonie, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz oder andere Begleiterkrankungen. Bei erhaltener linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF ≥ 50 %) ohne weitere Indikation ist der Nutzen hingegen weniger klar.

Betablocker (Concor®)
Betablocker sind nicht indiziert bei KHK ohne Myokardinfarkt und bei normaler LVEF. Sie können bei leicht eingeschränkter LVEF erwogen werden und sind Bestandteil der Herzinsuffizienztherapie bei mittelgradig bis schwer eingeschränkter LVEF.

Aspirin® Cardio 100
Aspirin ist indiziert bei signifikanter obstruktiver KHK, nach Myokardinfarkt sowie nach Revaskularisation mittels PCI oder CABG. Zudem kommt es in verschiedenen Kombinationen im Rahmen der DAPT zum Einsatz. Clopidogrel stellt dabei eine mögliche Alternative dar und könnte in bestimmten Situationen gegenüber Aspirin Vorteile haben.

SGLT2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten bei Herzinsuffizienz

Prof. Dr. med. Micha Maeder, Chefarzt Stv. der Klinik für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen, gab einen Überblick über SGLT2-Hemmer bei HFpEF und HFrEF sowie über GLP-1-Rezeptoragonisten bei HFpEF und HFrEF.

SGLT2-Hemmer bei HFpEF

SGLT2-Hemmer werden als blutzuckersenkende Wirkstoffe bei Typ-2-Diabetes, Herzinsuffizienz und chronischer Nierenerkrankung eingesetzt. Sie hemmen die Glukoserückresorption im proximalen Tubulus der Niere. Dadurch kommt es zu einer vermehrten Glukoseausscheidung über den Urin. Die Substanzen wirken blutzuckersenkend, antidiabetisch und nephroprotektiv. Ihre Wirkung ist insulinunabhängig und kann zudem mit einer Gewichtsreduktion einhergehen.
In der EMPA-REG-Studie hatten Patienten, die Empagliflozin erhielten, ein geringeres Risiko für kardiovaskulären Tod oder Hospitalisation aufgrund von Herzinsuffizienz als Patienten in der Placebogruppe. Dieser Nutzen zeigte sich unabhängig vom Vorliegen eines Diabetes.

Bei Patienten mit HFpEF senkte Dapagliflozin den pulmonalkapillären Verschlussdruck in Ruhe und unter Belastung. Zudem zeigte die Therapie günstige Effekte auf Plasmavolumen und Körpergewicht. Diese Befunde liefern Hinweise auf hämodynamische Mechanismen, die dem Nutzen von SGLT2-Hemmern bei HFpEF zugrunde liegen könnten.

Gemäss ESC-Leitlinien umfasst das Management der HFpEF neben Diuretika bei Flüssigkeitsretention vor allem die Behandlung der zugrunde liegenden Ursachen sowie kardiovaskulärer und nicht-kardiovaskulärer Komorbiditäten. Dapagliflozin und Empagliflozin haben in diesem Kontext einen festen Stellenwert.

SGLT2-Hemmer bei HFrEF

Bei HFrEF, definiert als LVEF ≤ 40 % und NYHA-Klasse ≥II, umfasst die leitliniengerechte Basistherapie ACE-Hemmer oder ARNI, Betablocker, Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten (MRA) und SGLT2-Hemmer. Die Therapie sollte auf die jeweilige Zieldosis oder bis zur maximal tolerierten Dosis auftitriert werden. SGLT2-Hemmer sollten weitergeführt werden; Schleifendiuretika kommen bei Bedarf zur Symptomkontrolle zum Einsatz.

Bei persistierender LVEF ≤35 % und NYHA-Klasse ≥II sollte die Indikation für ICD und CRT geprüft werden. Weitere Therapieoptionen richten sich nach spezifischen klinischen Kriterien.

Bei Patienten mit Herzinsuffizienz und eingeschränkter Ejektionsfraktion war Dapagliflozin mit einem geringeren Risiko für eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz oder kardiovaskulären Tod assoziiert als Placebo – unabhängig davon, ob ein Diabetes vorlag oder nicht. Die Number Needed to Treat lag für Dapagliflozin über 18 Monate bei 20.

Insgesamt zeigen die Daten, dass SGLT2-Hemmer bei Herzinsuffizienz unabhängig von der Ejektionsfraktion von Nutzen sind. Bei einer Ejektionsfraktion >40 % wurde ein Nutzen in EMPEROR-Preserved und DELIVER gezeigt, bei einer Ejektionsfraktion ≤ 40 % in EMPEROR-Reduced und DAPA-HF.

GLP-1-Rezeptoragonisten bei HFpEF

HFpEF ist ein heterogenes Krankheitsbild. Zu den zentralen kardialen Mechanismen zählen rechtsventrikuläre Dysfunktion, pulmonale Hypertonie, linksventrikuläre Hypertrophie, linksatriale Dilatation und Dysfunktion, systolische und diastolische Dysfunktion sowie chronotrope Inkompetenz. Weitere kardiovaskuläre Faktoren sind Vorhofflimmern, koronare Herzkrankheit, funktionelle Mitralinsuffizienz, arterielle Hypertonie und LV-RV-Interaktionen. Hinzu kommen nicht-kardiale Komorbiditäten wie Niereninsuffizienz, Adipositas, COPD, Anämie, Eisenmangel, Schlafapnoe und Diabetes.

Semaglutid bei HFpEF
Bei Patienten mit HFpEF und Adipositas führte Semaglutid 2,4 mg im Vergleich zu Placebo zu einer stärkeren Reduktion von Symptomen und körperlichen Einschränkungen, zu einer Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie zu einem ausgeprägteren Gewichtsverlust.

Tirzepatid bei HFpEF
Auch Tirzepatid zeigte bei Patienten mit HFpEF und Adipositas günstige Effekte. Die Behandlung führte im Vergleich zu Placebo zu einem geringeren Risiko für den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärem Tod oder Verschlechterung der Herzinsuffizienz und verbesserte den Gesundheitszustand.

Eine kardiale MRT-Substudie der SUMMIT-Studie zeigte, dass Tirzepatid bei adipositasassoziierter HFpEF im Vergleich zu Placebo zu einer Reduktion der linksventrikulären Masse und des parakardialen Fettgewebes führte. Die Abnahme der linksventrikulären Masse verlief parallel zum Gewichtsverlust. Diese physiologischen Veränderungen könnten zur Reduktion von Herzinsuffizienzereignissen beitragen, wie sie in der Hauptstudie SUMMIT beobachtet wurde.

GLP-1-Rezeptoragonisten erscheinen bei HFpEF vielversprechend, insbesondere bei selektionierten Patienten mit Adipositas. Einschränkend ist jedoch zu berücksichtigen, dass in den Studien nur wenige Patienten eine Hintergrundtherapie mit SGLT2-Hemmern erhielten und keine relevante Hintergrundtherapie mit Finerenon bestand. Zudem beziehen sich die Daten vor allem auf Patienten mit einem BMI >30 kg/m². Therapieabbrüche, insbesondere aufgrund gastrointestinaler Nebenwirkungen, bleiben ein relevanter Aspekt.

Bei Patienten mit HFrEF lieferten alternative anthropometrische Messungen keine Hinweise auf ein sogenanntes Adipositas-Überlebens-Paradoxon. Neuere Indizes, die das Körpergewicht weniger stark berücksichtigen, zeigten vielmehr, dass ein höherer Körperfettanteil eindeutig mit einem erhöhten Risiko für Hospitalisationen aufgrund von Herzinsuffizienz verbunden war.

GLP-1-Rezeptoragonisten bei mutmasslicher HFrEF

Der Referent zitierte unter anderem die Studien FIGHT, LIVE, EXSCEL und SELECT.

In der FIGHT-Studie traten während einer Nachbeobachtungszeit von 180 Tagen 113 erste Hospitalisationen aufgrund von Herzinsuffizienz auf. Die Odds Ratio für Herzinsuffizienz-Hospitalisationen unter Liraglutid versus Placebo betrug 1.33 (95%-KI 0.83–2.12). Der meta-analysierte Effekt von GLP-1-Rezeptoragonisten auf das Risiko für Herzinsuffizienz-Hospitalisationen bei Patienten mit LVEF <40 % ergab eine Odds Ratio von 1.49 (95%-KI 1.05–2.10; p=0.02; I²=0 %).

Die Ergebnisse der LIVE-Studie stützen die Annahme eines erhöhten Risikos für unerwünschte Ereignisse unter GLP-1-Rezeptoragonisten bei HFrEF. In dieser Studie war Liraglutid mit einem signifikant erhöhten Risiko für schwere kardiale Ereignisse verbunden. Dazu zählten unter anderem Todesfälle, ventrikuläre Tachykardien, Vorhofflimmern, eine Verschlechterung der ischämischen Herzerkrankung sowie eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz über einen Zeitraum von 24 Wochen.

In der EXSCEL-Studie unterschied sich die Häufigkeit schwerer kardiovaskulärer Ereignisse bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mit oder ohne vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankung nicht signifikant zwischen Exenatid und Placebo.

In der SELECT-Studie war die wöchentliche Gabe von Semaglutid 2.4 mg bei Patienten mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung sowie Übergewicht oder Adipositas der Placebobehandlung hinsichtlich der Reduktion von kardiovaskulärem Tod, nicht-tödlichem Myokardinfarkt oder nicht-tödlichem Schlaganfall nach einem mittleren Follow-up von 39.8 Monaten überlegen.

Liraglutid versus Placebo bei HFrEF
Liraglutid hatte im Vergleich zu Placebo keinen günstigen Einfluss auf die linksventrikuläre systolische Funktion bei stabilen Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz, unabhängig vom Diabetesstatus. Die Behandlung war jedoch mit einem Anstieg der Herzfrequenz und einer höheren Rate schwerwiegender kardialer Nebenwirkungen verbunden. Dies wirft Bedenken hinsichtlich des Einsatzes von Liraglutid bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und eingeschränkter linksventrikulärer Funktion auf.

Für Patienten mit HFrEF ist die Herzfrequenz prognostisch relevant: Je höher die Herzfrequenz, desto ungünstiger ist die Prognose. Darauf verweisen unter anderem die Daten der SHIFT-Studie.

In einer retrospektiven Analyse von Patienten mit HFrEF und implantierten Herzgeräten war die Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten mit einem signifikanten Anstieg der Herz­frequenz sowie mit einer erhöhten Zahl nicht anhaltender ­ventrikulärer Ereignisse und Schock- beziehungsweise Antitachykardie-Pacing-Therapien verbunden. Diese Befunde unterstreichen die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen zum Einsatz von GLP-1-Rezeptoragonisten bei HFrEF.

Insgesamt zeigen GLP-1-Rezeptoragonisten bei verschiedenen Herzinsuffizienzpopulationen unterschiedliche Effekte. Während bei HFpEF, insbesondere bei Adipositas, ein Nutzen wahrscheinlich ist, bleibt der Stellenwert bei HFrEF unklar. Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass GLP-1-Rezeptoragonisten bei HFrEF möglicherweise keinen Nutzen haben und potenziell schädlich sein könnten.

Zusammenfassung SGLT2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten

SGLT2-Hemmer sind sowohl bei HFpEF als auch bei HFrEF von Nutzen. GLP-1-Rezeptoragonisten erscheinen bei HFpEF, insbesondere bei selektionierten Patienten mit Adipositas, vielversprechend. Bei HFrEF ist ihr Nutzen hingegen unklar; ein potenziell ungünstiger Effekt kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.

The Cardiologist of Tomorrow

Prof. Dr. med. Thomas F. Lüscher, London/Zürich, verwies eingangs auf seinen 2024 erschienenen Beitrag «The cardiologist in the age of artificial intelligence: what is left for us?» und spannte den Bogen von der Evolution des Gehirns als Zentrum des Nervensystems bis zur Entwicklung lernender Algorithmen.
Ein frühes Symbol für die Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz war der 10. Februar 1996, als Deep Blue, ein von IBM entwickelter Supercomputer, den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparow besiegte.

Vor diesem Hintergrund griff der Referent auch die pointierte Aussage von Elon Musk auf, wonach ein Medizinstudium angesichts der rasanten Fortschritte in künstlicher Intelligenz und Robotik zunehmend an Bedeutung verlieren könnte. Dem stellte er die Frage gegenüber, ob ein Computer tatsächlich mit dem menschlichen Gehirn mithalten kann – einem neuronalen Netzwerk mit Milliarden von Neuronen und Billionen synaptischer Verbindungen.

Die Zukunft des Arztes im Zeitalter von KI und maschinellem Lernen

Künstliche Intelligenz dringt zunehmend in Bereiche vor, die bislang als genuin menschlich galten. Dazu gehören die Analyse von Persönlichkeitsmerkmalen anhand von Gesichtsdaten, die Erkennung von Mustern in Sprache und Stimme sowie die Interpretation komplexer medizinischer Daten.

Im kardiologischen Kontext werden unter anderem Zusammenhänge zwischen Gesichtspartien und koronarer Herzkrankheit untersucht. Auch vokale Biomarker gewinnen an Bedeutung: Sprachmerkmale können Hinweise auf Arrhythmien, Vorhofflimmern oder Stauungszeichen liefern. Bei Patienten mit Herzinsuffizienz wurde gezeigt, dass solche vokalen Biomarker mit Hospitalisationen und Mortalität assoziiert sein können.

Künstliche Intelligenz und EKG-Interpretation

Die frühzeitige Identifikation gefährdeter Patienten hat das Potenzial, klinische Ergebnisse zu verbessern, stellt im Alltag aber eine grosse Herausforderung dar. In einer multizentrischen, randomisierten kontrollierten Studie mit 39 Ärzten und 15 965 Patienten wurde die Leistungsfähigkeit eines KI-gestützten EKG-Systems zur Identifikation hospitalisierter Patienten mit hohem Sterblichkeitsrisiko untersucht. Die Intervention umfasste einen KI-generierten Bericht sowie Warnmeldungen an die behandelnden Ärzte, wenn bei Patienten ein hohes Mortalitätsrisiko vorhergesagt wurde. Die Studie erreichte ihr primäres Ziel: Die Implementierung des AI-ECG-Alarms war mit einer signifikanten Reduktion der Gesamtmortalität innerhalb von 90 Tagen verbunden. Eine vordefinierte Analyse zeigte, dass dieser Effekt vor allem bei Patienten mit Hochrisiko-EKGs beobachtet wurde (HR 0.69; 95 %-KI 0.53–0.90). Zudem erhielten Patienten mit Hochrisiko-EKGs in der Interventionsgruppe eine intensivere Betreuung. In dieser Gruppe war der AI-ECG-Alarm auch mit einer signifikanten Reduktion des Risikos für Herzstillstand verbunden. Eine Querschnittsstudie von Ayers et al. zeigte zudem, dass ein Chatbot qualitativ hochwertige und empathische Antworten auf Patientenfragen generieren konnte, die in einem Online-Forum gestellt worden waren.

Qualitätskriterien für KI-basierte Prädiktionsmodelle

Um die Qualität von Studien zur KI-basierten Vorhersagemodellierung in der kardiovaskulären Medizin zu verbessern, wurden im European Heart Journal fünf minimale Qualitätskriterien vorgeschlagen. Dazu gehören eine vollständige Berichterstattung, eine sorgfältig definierte beabsichtigte Nutzung des Modells, eine rigorose Validierung, eine ausreichend grosse Stichprobengrösse sowie Offenheit hinsichtlich Code und Software.

Kompetenzen des Kardiologen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz

Die Zukunft des Arztes im KI-Zeitalter beruht nicht allein auf technischer Kompetenz. Sie vereint klinische Expertise, Empathie, Zeit für den Patienten, Vertrauen, KI- und ML-Kompetenz, einen kritischen Umgang mit algorithmischen Ergebnissen sowie weiterhin auch manuelle Geschicklichkeit. Klinische Fachkenntnisse bleiben zentral. Menschliches Urteilsvermögen ist insbesondere in komplexen Fällen unverzichtbar, und physiologisch fundierte Schlussfolgerungen müssen den Einsatz von KI leiten.

Ebenso wichtig ist KI-Kompetenz. Ärzte müssen die Stärken, Grenzen und potenziellen Verzerrungen von Algorithmen verstehen und KI-Ergebnisse kritisch, aber nicht unreflektiert interpretieren. Hinzu kommen digitale und datentechnische Kompetenzen, etwa im Umgang mit KI-gestützter EKG-Interpretation, Bildgebung und Fernüberwachungssystemen sowie bei der Integration grosser Datenströme in klinische Entscheidungsprozesse.
Ethik- und Datenschutzkompetenz sind ebenfalls essenziell. Dazu gehören der Schutz von Patientendaten, Transparenz sowie das Erkennen und der Umgang mit Verzerrungen in KI-basierten klinischen Tools. Für die praktische Implementierung braucht es zudem die Zusammenarbeit mit Informatikteams, um Bereiche zu identifizieren, in denen KI Effizienz und Genauigkeit verbessern kann. Nicht zuletzt bleiben Kommunikation und soziale Kompetenz entscheidend. KI-gestützte Entscheidungen müssen Patienten verständlich erklärt werden. Empathie und Vertrauen dürfen in einem zunehmend technikorientierten Umfeld nicht verloren gehen.

Der Kardiologe im KI-Zeitalter

Der Kardiologe der Zukunft vereint klinische Kompetenz mit digitaler Versiertheit. Er nutzt KI, um die medizinische Betreuung menschlicher und präziser zu machen – nicht, um sie zu ersetzen.

In der klinischen Medizin müssen zahlreiche Datenquellen integriert werden: demografische Daten, Symptome, EKG-Befunde, Laborwerte, Biomarker und Bildgebung. Die Entscheidung über das optimale Management sollte auf einer individualisierten Risiko-Nutzen-Abwägung beruhen. Angesichts der wachsenden Datenmengen wird diese Aufgabe zunehmend anspruchsvoll. KI und maschinelles Lernen können Ärzte unterstützen, indem sie Anamnesedaten strukturieren, Gesichts- und Stimmmerkmale analysieren und klinische Befunde, Laborwerte, Biomarker und Bildgebung integrieren. Darüber hinaus können KI/ML-Algorithmen eine umfassende Risikobewertung als Grundlage für Akut- und Langzeittherapie liefern. Ihr klinischer Nutzen muss jedoch sorgfältig geprüft und in unabhängigen Datensätzen validiert werden. Dies ist insbesondere dann erneut erforderlich, wenn sich Patientenphänotypen oder Versorgungskontexte verändern.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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  • Vol. 16
  • Ausgabe 3
  • Juli 2026