- Prävention des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) bei Neugeborenen
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist in den ersten Lebensmonaten die häufigste Ursache schwerer Infektionen der unteren Atemwege und damit verbundener Hospitalisationen bei Säuglingen. Seit 2023 stehen in der Schweiz zwei wirksame Präventionsstrategien zur VerfĂ¼gung: die maternale Impfung mit dem bivalenten RSVpreF-Impfstoff im dritten Schwangerschaftstrimester und die Immunisierung von Neugeborenen mit dem lang wirksamen monoklonalen Antikörper Nirsevimab. Die aktualisierte Schweizer Empfehlung (Expertenbrief Nr. 91, SGGG 2025) sieht keine Bevorzugung einer der beiden Strategien vor. Beide werden inzwischen von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung Ă¼bernommen. Die Umsetzung wirft jedoch praktische und wissenschaftliche Fragen auf, insbesondere hinsichtlich des in einigen Studien zur maternalen Impfung beobachteten Signals fĂ¼r FrĂ¼hgeburten. Dieser Artikel fasst die aktuelle Datenlage und ihre Bedeutung fĂ¼r die gynäkologische Praxis in der Schweiz zusammen.
Respiratory syncytial virus (RSV) is the leading cause of severe lower respiratory tract infection and hospitalisation in infants during the first months of life. Since 2023, two effective preventive strategies have been available in Switzerland: maternal vaccination with the bivalent RSVpreF vaccine administered in the third trimester of pregnancy and neonatal immunisation with long-acting monoclonal antibodies (nirsevimab). The updated Swiss recommendation (Clinical Practice Guideline No. 91, AFMM/SGGG 2025) specifies that there is no preference between these two approaches, both of which are now covered by basic health insurance. However, implementation raises practical and scientific questions, particularly regarding the signal of prematurity observed in some maternal vaccination trials. This article provides a summary of the current data and implications for gynaecological practice in Switzerland.
Keywords: Respiratory syncytial virus (RSV), pregnancy, infants, vaccination, prevention
Eine neue Fragestellung fĂ¼r Gynäkologen
«Antikörper oder Impfung?» Eine Frage, die noch vor drei Jahren als rein pädiatrisch gegolten hätte, betrifft heute unmittelbar auch die Schweizer Gynäkologen. Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist die häufigste Ursache schwerer Infektionen der unteren Atemwege und damit verbundener Hospitalisationen bei Säuglingen.
Seit 2023–2025 stehen zwei wirksame PräventionsÂstrategien zur VerfĂ¼gung: die passive Immunisierung von Säuglingen mit einem lang wirksamen monoklonalen Antikörper (Nirsevimab) und die maternale Impfung mit dem bivalenten RSVpreF-Impfstoff (Abrysvo®).
In der Schweiz werden inzwischen beide Strategien empfohlen und sind in die regulatorischen und vergĂ¼tungsrechtlichen Rahmenbedingungen integriert. Die Herausforderung ist somit nicht mehr primär wissenschaftlicher, sondern organisatorischer und strategischer Natur: Wie lassen sich Neugeborene in der Schweiz während ihrer ersten RSV-Saison bestmöglich schĂ¼tzen?
Auswirkungen von RSV bei Neugeborenen: Schweizer Daten
Die Krankheitslast durch RSV ist in der Schweiz keineswegs gering. Schätzungsweise werden jährlich rund 6000 Kinder aller pädiatrischen Altersgruppen während der Wintermonate aufgrund einer RSV-Infektion hospitalisiert. Bei Kindern unter einem Jahr liegt der Häufigkeitsgipfel in den ersten drei Lebensmonaten.
Daten einer Schweizer Kohorte (Stucki 2024, 348 002 Geburten) zeigen, dass das Risiko einer RSV-bedingten Hospitalisation stark vom Geburtsmonat abhängt. Am höchsten ist es bei Säuglingen, die unmittelbar vor oder zu Beginn der Wintersaison geboren werden.
Während der Epidemiesaison werden in der Schweiz bei Kindern unter zwei Jahren rund 500 RSV-Fälle pro Woche gemeldet. Obwohl die Sterblichkeit in einem Land mit einem hoch entwickelten Gesundheitssystem absolut betrachtet gering bleibt, ist sie nicht zu vernachlässigen.
Wichtig ist, dass die Mehrheit der hospitalisierten Säuglinge termingeboren ist und keine schwerwiegenden Begleiterkrankungen aufweist. FrĂ¼hgeborene sowie Kinder mit kardiorespiratorischen Erkrankungen haben zwar ein erhöhtes Risiko, machen jedoch nur einen kleinen Teil aller Hospitalisationen aus.
Gesellschaftliche Auswirkungen: Mehr als nur Hospitalisationen
RSV stellt nicht nur fĂ¼r die Spitäler ein Problem dar. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen sind erheblich. In den USA gehen Schätzungen zufolge jeden Winter rund 700 000 Arbeitstage verloren, weil Eltern aufgrund einer RSV-Infektion ihres Kindes der Arbeit fernbleiben mĂ¼ssen. Proportional auf die Schweizer Bevölkerung Ă¼bertragen, entspräche dies mehreren Zehntausend verlorenen Arbeitstagen pro Saison.
Jede Hospitalisation ist im Durchschnitt mit einer mehrtägigen Abwesenheit der Eltern vom Arbeitsplatz und erheblichen Belastungen fĂ¼r die Familie verbunden. In manchen Fällen ist zudem eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich.
Französische Spitaldaten zeigen, dass 27 % der wegen RSV hospitalisierten Säuglinge eine intensivmedizinische Betreuung benötigen. Die durchschnittlichen Kosten pro Hospitalisation Ă¼bersteigen 3000 Euro, während sich die jährlichen Gesamtkosten landesweit auf Ă¼ber 130 Millionen Euro belaufen. Ăœbertragen auf das Schweizer Gesundheitssystem ergibt sich daraus eine erhebliche direkte und indirekte wirtschaftliche Belastung.
Auch die winterliche Ăœberlastung der Spitäler ist gut dokumentiert. Während der Epidemiespitzen erreichen pädiatrische Abteilungen und Kinderintensivstationen ihre Kapazitätsgrenzen, was sich auf das gesamte Spitalsystem auswirkt.
Zwei Präventionsstrategien: Ein Paradigmenwechsel
Die aktuellen Präventionsstrategien beruhen auf zwei unterschiedlichen immunologischen Ansätzen. Bei der passiven Immunisierung wird dem Neugeborenen direkt ein monoklonaler Antikörper verabreicht, der gegen das F-Protein des RSV gerichtet ist. Der Schutz setzt unmittelbar ein und hängt nicht von der Immunantwort des Säuglings ab. Der wesentliche Vorteil liegt im raschen Wirkungseintritt und in der Unabhängigkeit vom mĂ¼tterlichen Immunstatus.
Die maternale Impfung beruht auf einem anderen Mechanismus. Die Verabreichung des RSVpreF-Impfstoffs zwischen der 32. und 36. Schwangerschaftswoche (SSW) fĂ¼hrt bei der Mutter zur Bildung neutralisierender Antikörper, die aktiv Ă¼ber die Plazenta auf den Fetus Ă¼bertragen werden. Der Vorteil besteht darin, dass beim Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt keine Injektion erforderlich ist und gleichzeitig auch die Mutter geschĂ¼tzt wird.
Nirsevimab (Beyfortus®): Klinische Daten
In randomisierten klinischen Studien mit mehr als 10 000 Säuglingen konnte eine Reduktion der Hospitalisationen um Ă¼ber 80 % nachgewiesen werden. Real-World-Daten bestätigen eine Verringerung der RSV-bedingten Hospitalisationen um rund 80 %. Auch die Wirksamkeit hinsichtlich der Vermeidung intensivmedizinischer Aufnahmen ist signifikant.
In der Schweiz wird eine einmalige intramuskuläre Verabreichung empfohlen, idealerweise bereits auf der Geburtenabteilung bei Neugeborenen, die zwischen Oktober und März zur Welt kommen.
Säuglinge, die ausserhalb der RSV-Saison geboren werden, erhalten zu Beginn der darauffolgenden Saison eine Dosis. Kinder mit chronischen Erkrankungen können während ihrer zweiten RSV-Saison von einer zusätzlichen Dosis profitieren.
Maternale Impfung (Abrysvo®)
An den klinischen Phase-III-Studien (MATISSE) nahmen mehr als 7300 Schwangere teil. Die Wirksamkeit hinsichtlich der Verhinderung schwerer RSV-bedingter Hospitalisationen bei Säuglingen beträgt während der ersten sechs Lebensmonate rund 70–80 %.
Real-World-Daten aus Argentinien bestätigen eine Wirksamkeit von 78,6 % hinsichtlich der Verhinderung von Hospitalisationen während der ersten drei Lebensmonate und von 71,3 % während der ersten sechs Monate.
Der RSVpreF-Impfstoff ist seit 2024 in der Schweiz verfĂ¼gbar und wird seit Januar 2026 vollständig von der Krankenversicherung vergĂ¼tet.
Die Frage der FrĂ¼hgeburtlichkeit: Kritische Analyse
Ein zentraler Diskussionspunkt betrifft das Risiko einer FrĂ¼hgeburt. In den vorliegenden Daten wurden bei 5,7 % der geimpften Frauen FrĂ¼hgeburten beobachtet, gegenĂ¼ber 4,2 % in der Placebogruppe. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant.
Die detaillierte Analyse der MATISSE-Studie, die 2025 in Obstetrics & Gynecology veröffentlicht wurde, bestätigt, dass bei einer Impfung zwischen der 32. und 36. SSW kein signifikanter Anstieg der FrĂ¼hgeburtenrate festzustellen ist. Auch aktuelle Metaanalysen und eine 2025 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Ăœbersichtsarbeit kommen zu dem Schluss, dass innerhalb des empfohlenen Impfzeitfensters kein signifikanter Zusammenhang besteht. Mehrere nationale Register zur Nachbeobachtung geimpfter Schwangerer zeigten ebenfalls keine erhöhte FrĂ¼hgeburtenrate.
Entscheidend ist, dass die Beschränkung auf die 32. bis 36. SSW gerade dazu dient, ein mögliches theoretisches Risiko zu minimieren und gleichzeitig den transplazentaren Antikörpertransfer zu optimieren.
Vermeidbare Hospitalisationen: Modellrechnungen
Britische Modellrechnungen deuten darauf hin, dass bei einer hohen Durchimpfungs- beziehungsweise Immunisierungsrate pro Saison mehr als 15 000 Hospitalisationen verhindert werden könnten.
Proportional auf die Schweiz Ă¼bertragen, könnten dadurch jährlich mehrere Tausend Hospitalisationen vermieden werden, darunter auch ein erheblicher Anteil intensivmedizinischer Behandlungen.
Schlussfolgerung: Welche Strategie fĂ¼r die Schweiz?
RSV stellt jeden Winter eine erhebliche Belastung fĂ¼r Neugeborene in der Schweiz, ihre Familien und das SpitalÂsystem dar. Beide verfĂ¼gbaren Präventionsstrategien ermöglichen eine Reduktion der Hospitalisationen um 70–80 %, ohne dass bisher ein nachgewiesenes Sicherheitssignal vorliegt.
Die passive Immunisierung bietet einen unmittelbaren Schutz, der unabhängig vom mĂ¼tterlichen Immunstatus ist. Die maternale Impfung ermöglicht hingegen einen transplazentaren Schutz und lässt sich auf natĂ¼rliche Weise in die Schwangerschaftsvorsorge im dritten Trimester integrieren.
FĂ¼r Schweizer Gynäkologen ist die maternale RSV-Impfung inzwischen ein fester Bestandteil der perinatalen Präventionsstrategien. Dennoch sollten beide Optionen im gynäkologischen Beratungsgespräch thematisiert werden.
Die Entscheidung zwischen Antikörper und Impfung ist keine Frage des gegenseitigen Ausschlusses, sondern eine strategische und organisatorische Entscheidung.
Das Ziel bleibt dasselbe: Kein Neugeborenes in der Schweiz soll ungeschĂ¼tzt in seine erste RSV-Saison gehen.
Copyright
Aerzteverlag medinfo AG
Ăœbersetzung aus info@gynäkologie 02/26: Die Ăœbersetzung aus dem Französischen ins Deutsche wurde durch den Verlag erstellt; die Verantwortung fĂ¼r die Ăœbersetzung liegt beim Verlag.
CHUV, Department Woman-Mother-Child
Materno-Fetal Medicine (MFM) specialist
Bureau Maternité CI/04-209
Avenue Pierre-Decker 2
1011 Lausanne
Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel angegeben.
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- Vol. 16
- Ausgabe 10
- Oktober 2026







