Aktuelles Interview

Strategische Philanthropie und klinische Exzellenz: Die Zukunft der Onkologie in der Schweiz

Fortschritte in der Onkologie hängen massgeblich vom Zusammenspiel zwischen gezielter Förderung und akademischer Forschung ab. Besonders dort, wo kommerzielle Interessen der Industrie an Grenzen stossen, entstehen Räume für Studien, die den direkten Patientennutzen ins Zentrum stellen. In diesem Interview diskutiert Prof. Roger von Moos, ehemaliger Präsident des Swiss Cancer Institute (SCI, vormals SAKK) und Chefredaktor von info@ONCO-SUISSE, mit Vincent Gruntz, CEO des SCI, und Alexandre Alencar, Managing Director Cancer Research der Rising Tide Foundation, über die Schwerpunkte ihrer Zusammenarbeit. Das Gespräch beleuchtet die Bedeutung unabhängiger Forschung, den Einfluss künstlicher Intelligenz auf den klinischen Alltag sowie die Rolle von Therapieoptimierungen und Deeskalationsstudien in der internationalen Onkologie.



I. Die Allianz: Mehr als nur Finanzierung

Prof. von Moos: Lieber Vincent, lieber Alexandre, wir blicken auf eine Zusammenarbeit zurück, die nun schon über ein Jahrzehnt besteht. Vincent, du hast die Seiten gewechselt und leitest nun das SCI. Was ist aus deiner Sicht der Kern dieser Partnerschaft, der über eine rein finanzielle Unterstützung hinausgeht?

Vincent Gruntz: Es ist eine Partnerschaft, die auf Vertrauen und einer gemeinsamen langfristigen Perspektive fusst, eine Partnerschaft, in welcher viele Erfolge gemeinsam gefeiert werden konnten und welche uns auch in schwierigen Zeiten der Transformation unterstützt hat. Für beide Partner steht die klinische Relevanz über dem kommerziellen Business Case. In der Schweiz ist die klinische Forschung im Vergleich zur Grundlagenforschung chronisch unterfinanziert. Die Rising Tide Foundation (RTFCCR) setzt hier an und unterstützt gezielt klinische Krebsforschung. Zusätzlich ist sie tief in der Schweiz verwurzelt, bringt aber ein globales Experten-Netzwerk ein von welchem auch das SCI profitiert.

Alexandre Alencar: Wir sehen uns als strategische Komplementär-Partner. Während das SCI die nationale Infrastruktur und wissenschaftliche Exzellenz bietet, bringen wir die Agilität der Philanthropie ein. Ein Meilenstein unserer Zusammenarbeit ist das Patient Advisory Board (PAB), das letztes Jahr sein 15-jähriges Jubiläum feierte. Es ist ein Leuchtturmprojekt: Patienten sind bei uns keine passiven Probanden, sondern gestalten das Studiendesign aktiv mit. Wir wollen, dass die Forschung die Fragen beantwortet, die für die Betroffenen im Alltag wirklich zählen.

II. Agilität und der Mut zur De-Eskalation

Prof. von Moos: Die RTFCCR agiert oft schneller als staatliche Stellen oder die Industrie. Welche strategischen Freiheiten gewinnt das SCI durch diesen «Philanthropy-First»-Ansatz?

Vincent Gruntz: Im Grundsatz haben wir keinen eigentlichen Philanthropy-First-Ansatz, sind aber wie alle Organisationen in der Forschung auf private Unterstützung angewiesen, welche die Unabhängigkeit unserer Forschung respektieren und unterstützen. Unsere Forschung richtet sich ausschliesslich nach dem Nutzen für Krebspatientinnen und Patienten und muss nicht in ein kommerzielles Produkt münden. Aktuelle Beispiele sind unsere Studien, welche die Wirkung neuer Therapien bei älteren, fragilen Patienten untersuchen, oder den Nutzen von Biomarkern bei Therapieentscheidungen prüfen. Ein weiteres Beispiel ist unsere Arbeit an De-Eskalationsstudien.

Wir untersuchen, wie wir Behandlungen durch eine Reduktion der Dosis, Frequenz oder Therapiedauer sicher optimieren können – mit dem Ziel, die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen. Gleichzeitig besteht dadurch unter Umständen auch die Möglichkeit, Kosten zu sparen und das Gesundheitssystem finanziell zu entlasten. Aktuell binden wir auch die Krankenversicherer ein in Gespräche für entsprechende Studien. Daneben leisten auch philanthropische Geldgeber wie die Rising Tide Foundation einen bedeutenden Beitrag.

Alexandre Alencar: Wir sehen unsere Rolle dort, wo staatliche Förderstrukturen an ihre Grenzen stossen oder die pharmazeutische Industrie kein kommerzielles Interesse zeigt. Während staatliche Stellen oft an starre, mehrjährige Leistungsvereinbarungen gebunden sind, können wir wesentlich agiler auf neue Entwicklungen in der Krebsforschung reagieren. Ein zentraler Pfeiler unserer Philosophie ist die absolute Unabhängigkeit. Wir respektieren die Forschungsfreiheit des SCI und setzen genau dort an, wo wir die klinische Praxis nachhaltig verbessern können. Das betrifft vor allem die Therapieoptimierung und die Deeskalation. In einem Umfeld, das oft auf eine Ausweitung von Behandlungen fokussiert ist, suchen wir gezielt nach Wegen, Therapien effektiver und für die Patienten verträglicher zu gestalten. Das kann bedeuten, die Intensität oder die Dauer einer Behandlung zu reduzieren – ein Ansatz, der für die Industrie kaum attraktiv ist, aber für die Lebensqualität der Betroffenen und die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems einen enormen Unterschied macht.

III. Technologie: Die Ära der «Human Augmentation»

Prof. von Moos: Ein Thema, das uns alle umtreibt, ist die künstliche Intelligenz. Wie verändert AI konkret die klinische Forschung am SCI – und wo zieht ihr die Grenze zwischen Chance und Risiko?

Vincent Gruntz: AI ist kein Hype, sie ist eine Realität, der wir uns stellen. Aber – und das ist ein wichtiger Punkt: Ich glaube nicht, dass AI den Onkologen ersetzen wird. Ich nenne es «Human Augmentation». AI hilft dem Arzt, komplexe Datenmengen zu navigieren, wie ein Navigationssystem im Auto. Die klinische Entscheidung und die menschliche Intuition bleiben bis auf Weiteres jedoch das Herzstück der Onkologie. Am SCI selber verfolgen eine Drei-Säulen-Strategie: Effizienzsteigerung in unseren internen Prozessen, die Analyse unserer grossen Bestände an Sekundärdaten aus 60 Jahren Forschungsgeschichte und die Integration von AI-Komponenten in neue klinische Forschungsprojekte durch unsere SCI-Forschungsgruppen.

Alexandre Alencar: Wenn wir AI-Anträge prüfen, schauen wir kritisch auf zwei Punkte: Den direkten Mehrwert für die Patientenversorgung und die Validität der Algorithmen. Wir müssen verhindern, dass wir eine «Black Box» erschaffen, deren Entscheidungswege medizinisch nicht mehr nachvollziehbar sind. Die Chance, durch AI-gestützte Datenanalysen personalisierte Therapien präziser zu machen, ist jedoch gewaltig und wir sind bereit, diesen Weg mit dem SCI zu gehen.

IV. Der persönliche Weg: Vom Konzern zur Mission

Prof. von Moos: Vincent, du hast eine beeindruckende Karriere bei Branchenriesen wie Novartis und Eli Lilly hinter dir. Was war der «Aha-Moment», der dich dazu bewogen hat, deine Expertise nun in den Dienst einer unabhängigen Non-Profit-Organisation zu stellen? 

Vincent Gruntz: Es war die Sehnsucht, mit dem SCI eine Organisation in der Schweiz leiten zu können, die den Patientennutzen konsequent in den Mittelpunkt stellt und klinische Forschung ohne kommerziellen Druck betreibt. Die Gestaltungsmöglichkeiten beim SCI und das Potential der Organisation sind riesig. Ich bin stolz eine Organisation zu führen, die alle grossen Schweizer Spitäler und Onkologie-Disziplinen unter einem Dach vereint. Dass sich das SCI in Bern befindet, wo meine Familie lebt, und ich täglich mit dem Velo zur Arbeit fahren kann ist für mich persönlich zusätzlich sehr schön.

V. Vision 2028: Zwischen Rekorden und Früherkennung

Prof. von Moos: Blicken wir drei Jahre voraus. Wo wird das SCI im Jahr 2028 stehen, auch im Hinblick auf Themen wie Screening und Prävention?

Alexandre Alencar: Früherkennung ist ein Feld mit enormem Potenzial, etwa durch CT-DNA-Analysen. Wir prüfen derzeit sehr genau, wie wir Screening-Studien unterstützen können, die Tumore finden, bevor sie manifest werden. Unser Fokus bleibt dabei immer die Skalierbarkeit: Kann eine Methode weltweit den Standard verbessern?

Vincent Gruntz: Mit dem SCI haben wir die Chance, die Schweiz international im Bereich der klinischen Krebsforschung weiterhin stark zu positionieren. Wir haben analysiert, dass fast die Hälfte unserer Publikationen der letzten acht Jahre «Practice-Changing» waren – sie haben also die globalen Leitlinien beeinflusst. Das ist ein Weltklasse-Wert. Mein Ziel ist es, diese Qualität beizubehalten und gleichzeitig die Schlagzahl zu erhöhen. Wir planen, dieses Jahr eine Rekordzahl von zwischen 20 bis 27 neuen Studien zu aktivieren – das wäre ein Allzeit-Rekord in der 60-jährigen Geschichte unseres Instituts. Klinische Studien sind und bleiben das Kerngeschäft des SCI und bleiben national wie international zentral für medizinischen Fortschritt, Innovation und die Versorgung in der Schweiz.Zusätzlich gewinnen Register- und Screeningstudien zunehmend an Bedeutung für das SCI. Dank der engen Vernetzung mit den nationalen Plattformen wie SPHN und NAIPO und der Expertise der neuen Präsidentin Prof. Dr. med. Viviane Hess im Bereich Screeningstudien – unter anderem als Vorstandsmitglied der Swiss Cancer Screening Organisation – ist das SCI hierfür gut positioniert.

Schlusswort von Prof. Roger von Moos

Dieses Gespräch verdeutlicht, dass die Onkologie in der Schweiz vor einer ihrer spannendsten Phasen steht. Die Verbindung aus der tiefen klinischen Expertise des SCI und der visionären, unbürokratischen Kraft der Rising Tide Foundation ist ein Glücksfall für unseren Forschungsstandort. Es geht heute nicht mehr nur darum, immer neue Wirkstoffe zu finden, sondern die bestehenden Behandlungen intelligenter, menschlicher und nachhaltiger einzusetzen. Wenn wir die Patientenstimme weiterhin so konsequent einbinden und die Werkzeuge der AI verantwortungsvoll nutzen, wird das SCI die Speerspitze im Kampf gegen den Krebs bleiben.
Vincent, Alexandre – vielen Dank für diesen tiefen Einblick in eure gemeinsame Vision.

Prof. Dr. med. Roger von Moos

Direktor Tumor- und Forschungszentrum
Kantonsspital Graubünden
7000 Chur

tumorzentrum@ksgr.ch

info@onco-suisse

  • Vol. 16
  • Ausgabe 3
  • Juli 2026