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Stress im onkologischen/hämatologischen Alltag

Onkolog/-innen und Hämatolog/-innen sind im Berufsalltag verschiedenen Belastungs- und Stressfaktoren ausgesetzt. Diese können durch die enge und konstante Patientenbetreuung, komplexe Krankheitsbilder sowie die allgegenwärtige Konfrontation mit dem Tod geprägt sein. Zudem gehört auch das Überbringen von schlechten Nachrichten zum klinischen Alltag. Auch berichten jüngere Kolleg/-innen von der Herausforderung, dass sich beide Fachgebiete rasch und dynamisch entwickeln, was eine stetige Auseinandersetzung sowie Weiter- und Fortbildungen erfordern. Lange Arbeitszeiten, Dienste und die stetige Zunahme von administrativen Aufgaben stellen weitere Herausforderungen dar. Frau Dr. phil. Diana Zwahlen, Leitende Psychologin, Psychosomatik und Psychoonkologie (Universitätsspital Basel), wird diese Thematik aus Sicht der Expertin beleuchten.



Daetwyler/El Saadany: Was verstehen Sie unter Stress? Worin liegt der Unterschied zwischen «gesundem» und «schädlichem» Stress?

Zwahlen: Stress ist zunächst eine ganz normale körperliche Reaktion. Der Körper stellt Energie bereit, damit wir Herausforderungen bewältigen können. In diesem Sinn ist Stress nichts Pathologisches. Gerade in anspruchsvollen beruflichen Situationen kann er sogar hilfreich sein.

Entscheidend ist jedoch, wann Stress entsteht – und das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Stress ist nicht einfach das, was von aussen kommt. Er entsteht daraus, wie wir Anforderungen erleben und bewerten. Gesunder Stress ist zeitlich begrenzt und sinnvoll eingebettet. Er geht häufig mit dem Gefühl einher: «Ich schaffe das.» Wenn eine schwierige Situation gemeistert wird, stärkt dies das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Man erlebt sich als wirksam.

Schädlicher Stress entsteht, wenn Belastungen dauerhaft hoch bleiben, Ressourcen fehlen und Erholung nicht mehr gelingt. Der Körper bleibt im Alarmzustand. Es kommt zu Erschöpfung, Leistungsabfall und Schlafproblemen. Häufig entwickelt sich eine Abwärtsspirale. Neben körperlichen Folgen spielen auch emotionale und soziale Aspekte eine wichtige Rolle: Selbstzweifel, Rückzug oder innere Anspannung können zunehmen.

Daetwyler/El Saadany: Welche häufigen Ursachen für Stress sehen Sie in der modernen Arbeitswelt, besonders im Bereich der Onkologie und Hämatologie?

Zwahlen: Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen Rahmenbedingungen, in denen gearbeitet wird, und persönlichen Faktoren.

Im hämatologisch-onkologischen Bereich ist die Arbeitsbelastung hoch. Zeitdruck, lange Tage, Dienste, komplexe Therapien und hohe Verantwortung gehören zum Alltag, während die Ressourcen tendenziell immer geringer werden. Gleichzeitig ist die Arbeit emotional anspruchsvoll. Gespräche über schwere Diagnosen, Therapiebegrenzungen oder Prognosen sind keine Ausnahme, sondern Teil der täglichen Realität. Das sind zum Teil ethisch oder zwischenmenschlich herausfordernde Situationen.

In der langfristigen Begleitung von Patientinnen und Patienten erlebt man Hoffnung, Rückschläge und nicht selten existenzielle Situationen. Diese Konfrontation mit schweren Verläufen kann Spuren hinterlassen. Über Jahre kann sich eine gewisse innere Abnutzung einstellen – auch dann, wenn man fachlich sehr souverän bleibt. Jüngere Ärztinnen und Ärzte erleben häufig eine andere Form von Stress. Bei ihnen stehen eher Unsicherheit, hoher Leistungsdruck, Arbeitsdichte und das Gefühl, sich beweisen zu müssen, im Vordergrund. Gleichzeitig fehlt oft noch die Routine im Umgang mit emotional belastenden Situationen. Auch eigene familiäre Verpflichtungen, etwa mit kleinen Kindern, können in dieser Lebensphase die Belastung zusätzlich erhöhen. Neben diesen äusseren Bedingungen spielen persönliche Faktoren eine Rolle – sozusagen innere Stressverstärker. Hohe eigene Erwartungen werden oft als persönliches Versagen erlebt, wenn sie nicht erfüllt werden, was Selbstzweifel und Scham zur Folge haben kann. In der Stresspsychologie werden solche inneren Antreiber beschrieben, etwa im Sinne von: «Sei perfekt», «Sei stark» oder «Streng dich noch mehr an». Diese Muster sind häufig biographisch geprägt, früh gelernt und lange Zeit erfolgreich. Sie helfen, Leistung zu erbringen und Verantwortung zu übernehmen. Problematisch werden sie, wenn sie automatisch und ungebremst wirken. Zudem werden diese inneren Antreiber in der Arbeitskultur des Gesundheitssystems oft idealisiert und aufrechterhalten. Gerade das Zusammenspiel aus hohen fachlichen und emotionalen Anforderungen, hohen inneren Ansprüchen und Rahmenbedingungen macht dieses Fachgebiet besonders fordernd.

Daetwyler/El Saadany: Wie erkennt man die ersten Anzeichen von Stress bei sich selbst oder anderen?

Zwahlen: Stress entwickelt sich meist schleichend. Man ist schneller müde, gereizt oder innerlich unruhig. Der Schlaf wird schlechter, die Konzentration nimmt ab. Manche haben das Gefühl, nicht mehr zu genügen oder nicht mehr wirksam zu sein.

Bei Kolleginnen und Kollegen fällt vielleicht auf, dass sie sich zurückziehen, stiller werden oder unorganisierter wirken. Auch eine zunehmende Distanz im Kontakt mit Patientinnen und Patienten kann ein Zeichen sein. Manchmal äussert sich Belastung auch in Zynismus oder einer emotionalen Abflachung.

Daetwyler/El Saadany: Welche Warnsignale deuten auf eine Überlastung hin? 

Zwahlen: Wenn diese Anzeichen über längere Zeit anhalten und Erholung nicht mehr greift, sollte man aufmerksam werden. Besonders dann, wenn das Gefühl entsteht, nur noch zu funktionieren und innerlich zunehmend leer oder gleichgültig zu werden.

Daetwyler/El Saadany: Wann wird Stress gefährlich?

Zwahlen: Stress wird gefährlich, wenn er dauerhaft wird und – wie oben beschrieben – Erholung nicht mehr greift. Gefährlich wird es auch, wenn Belastungen oder eigene Veränderungen ignoriert, bagatellisiert oder verschwiegen und als persönliche Schwäche interpretiert werden. Stresserleben und Überforderung gilt in der ärztlichen Kultur oft als Zeichen von mangelnder Belastbarkeit und wird daher eher verschwiegen oder tabuisiert. Das macht einerseits leistungsfähig, kann aber auch riskant sein. Es können sich Symptome einer Depression, einer Angststörung oder eines Burnouts entwickeln. Manche versuchen, Spannungen mit Alkohol oder Medikamenten zu regulieren. Das kann einen schwierigen Verlauf nehmen.

Daetwyler/El Saadany: Welche Tipps haben Sie für den Umgang mit beruflichem Stress?

Zwahlen: Ein wichtiger Schritt ist, Warnsignale überhaupt wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Erst dann kann auch reagiert werden. Auf individueller Ebene helfen bewusste kleine Pausen, ausreichend Schlaf, ein Leben neben der Arbeit und das Gespräch mit vertrauten Menschen. Ebenso wichtig ist es, sich selbst gut zu kennen, insbesondere die eigenen inneren Stressverstärker und diese kritisch zu hinterfragen. Für diese Reflexion kann es hilfreich sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, Stress nur als individuelle Aufgabe zu betrachten. Selbstfürsorge gelingt nicht allein durch Pausen, Atemübungen oder Sport. Sie braucht Rahmenbedingungen, also Arbeitsbedingungen, die sie ermöglichen.

Langfristig entscheidend ist auch das Klima in einer Abteilung: Gibt es eine offene Gesprächskultur? Fühle ich mich gefordert aber auch gefördert und wertgeschätzt? Werden emotionale Herausforderungen als Teil professioneller Arbeit anerkannt und begleitet?

Daetwyler/El Saadany: Gibt es für den Stressabbau einfach zu erlernende Übungen?

Zwahlen: Kurze Atem- oder Entspannungsübungen können helfen, akute Anspannung zu reduzieren. Ebenso hilfreich sind kleine, bewusste Pausen im Alltag – selbst bei hoher Arbeitsdichte kann ein Kaffee mit Kolleginnen und Kollegen wieder Energie geben – oder ritualisierte Übergänge vom Berufs- ins Privatleben, zum Beispiel der Wechsel der Kleidung.

Längere Übungen für zu Hause können ebenfalls hilfreich sein, um körperliche Anspannung abzubauen. Es gibt mittlerweile viele Techniken, die gut untersucht sind und empfohlen werden können, etwa Achtsamkeitsübungen, Progressive Muskelrelaxation, Yoga, Autogenes Training oder Atemübungen. Wichtig ist die Regelmässigkeit und dass die Methode zur Person passt. Andere brauchen eher ein Hobby, Bewegung oder Sport, um Anspannung abzubauen und Distanz zu gewinnen.

Diese Massnahmen können unterstützen – sie ersetzen jedoch keine tragfähigen Strukturen und auch nicht das Bewusstsein für die eigenen inneren Muster.

Daetwyler/El Saadany: Welche Massnahmen sollten Kliniken einführen, um Stress bei Mitarbeitenden vorzubeugen?

Zwahlen: Belastungsfaktoren wie hohe Fallzahlen, Dienste oder Leistungsdruck sind natürlich relevant. Wichtig ist jedoch auch die Art der Führung und die Zusammenarbeit im Team.

Eine Kultur mit klarer Kommunikation, verlässlichen Strukturen, ein Umfeld, in dem nicht nur gefordert, sondern auch gefördert wird. Wertschätzung, gegenseitige Unterstützung und die Möglichkeit der Mitgestaltung wirken entlastend. Unsicherheit oder Belastung sollte offen ansprechbar sein, ohne dass dies als Schwäche abgewertet wird. Gerade im onkologischen Umfeld braucht es Raum für Fragen im Umgang mit existenziellen Situationen. Supervision, Balintgruppen oder strukturierte Austauschformate können hier hilfreich sein.

Führung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Wenn Führung vor allem über Konkurrenz, quantitative Leistungsbewertung funktioniert und den Gedanken vertritt «lasst die Stärksten gewinnen», verstärkt das den Druck enorm. Ausserdem stehen solche Ideen in einem krassen Gegensatz zu existentiellen Fragen, die sich im klinischen Alltag stellen. Wenn Führung hingegen Transparenz und menschliche Professionalität vorlebt, entsteht ein Umfeld, in dem hohe Leistung und langfristige Gesundheit miteinander vereinbar bleiben. Auch wenn die Reflexion eigener Muster eine persönliche Aufgabe bleibt, tragen Führungspersonen eine Mitverantwortung für die Gesundheit der Mitarbeitenden. Führungspersonen gestalten die Rahmenbedingungen und das Klima, in dem gearbeitet wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Gesundheit der Mitarbeitenden wird wesentlich von strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen geprägt. Es braucht u.a. eine angemessene Arbeitsmenge, ausreichende personelle und zeitliche Ressourcen – das sind zentrale strukturelle Voraussetzungen.

Ebenso wichtig ist jedoch die Kultur einer Organisation. Eine Kultur, in der ärztlicher Altruismus, hohes Arbeitsethos sowie Leistungs- und Opferbereitschaft nicht selbstverständlich vorausgesetzt oder gar ausgenutzt werden, sondern in der ein gesunder Umgang mit Erwartungen und Leistung gefördert und anerkannt wird.

Daetwyler/El Saadany: Wenn Sie den Mitarbeitenden in der Onkologie und Hämatologie eine einzige Botschaft mitgeben dürften – welche wäre das?

Zwahlen: Stress lässt sich in diesem Fach nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, gut für sich zu sorgen – nicht aus Schwäche, sondern um langfristig engagiert und fachlich auf hohem Niveau arbeiten zu können.

Dr. med. Tämer El Saadany

Division of Medical Oncology & Hematology
Princess Margaret Cancer Centre
University Health Network, Toronto, Canada

taemer.elsaadany@icloud.com

Dr. med. Eveline Daetwyler

HOCH Health Ostschweiz
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  • Vol. 16
  • Ausgabe 4
  • August 2026