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Swiss Cancer Institute – Semiannual Meeting

Urogenitale Tumore: Optimierte Therapien & News vom ASCO

Im Rahmen der Halbjahresversammlung des Swiss Cancer Instituts (SCI) trafen sich vom 18.-19.Juni die führenden Onkolog/-innen der Schweiz im Trafo in Baden, um geplante und laufende Studien zu diskutieren. Im Fokus standen aktuelle Erfolge wie auch dringende klinische Fragestellungen. Im Bereich der urogenitalen Tumore gab es dabei vielversprechende Ergebnisse zu neuen und bestehenden Therapieoptionen, die zum Teil auch am ASCO 2026 präsentiert werden konnten.



Die diesjährige Session zu urogenitalen Tumoren begann mit Champagner. Prof. Dr. med. Richard Cathomas hatte die Primäranalyse seiner Phase-II-Studie SAKK 06/19 in einer oral presentation beim ASCO Annual Meeting 2026 in Chicago vorstellen dürfen und das Swiss Cancer Institute damit auf die Weltbühne der Onkologie gebracht. Zudem wurde auch die SAKK 96/12 REDUCE-Studie von Prof. Dr. med. Roger von Moos am ASCO international diskutiert.

Rekombinantes BCG zur lokalen Immunisierung der Blase
Die offene einarmige SAKK 06/19-Studie untersucht, ob eine lokale Immunaktivierung in der Blase durch intravesikales rekombinantes BCG (rBCG) die Wirkung einer perioperativen Chemoimmuntherapie verstärken kann (1). Hierzu erhalten Cisplatin-fitte Patient/-innen mit operablem muskel­invasivem Urothelkarzinom rBCG intravesikal an Tag 1, 8 und 15 kombiniert mit vier Gaben Atezolizumab. Anschliessend erhalten die eingeschlossenen Patient/-innen Cisplatin/Gemcitabin für vier Zyklen, gefolgt von radikaler Zystektomie mit Lymphknotendissektion. Eine adjuvante Atezolizumab-Therapie ist nur für Patient/-innen mit relevantem Resttumor vorgesehen (1). Von bisher 47 eingeschlossenen Patient/-innen unterzogen sich 40 der Zystektomie. 27 von diesen erreichten eine pathologische Komplettremission (pCR), was einer pCR-Rate von 68 % entspricht. Zusätzlich zeigten 83 % ein pathologisches Ansprechen, definiert als ≤ypT1 ypN0. Auch die frühen Überlebensdaten waren ermutigend: Bei medianem Follow-up von 16,7 Monaten betrug das 12-Monats-Event-free Survival (EFS) 90 % und das 12-Monats-Overal Survival (OS) 96 %. Für rBCG wurden keine unerwarteten Sicherheitssignale berichtet, insbesondere keine systemische BCG-Infektion, und die rBCG-assoziierte Toxizität war überwiegend mild (1).

Gleiche Wirksamkeit bei reduzierter Dosierfrequenz von Denosumab
Eine weitere am ASCO vorgestellte Studie liegt mit dem SAKK 96/12 REDUSE Trial im Bereich des Prostatakarzinoms. Die randomisierte Phase-III-Studie untersucht die Nichtunterlegenheit einer reduzierten Denosumab-Frequenz bei Patient/-innen mit Knochenmetastasen bei kastrationsresistentem Prostatakarzinom (n=596) oder Mammakarzinom (n=784) (2). Bei medianem Follow-up von 37 Monaten war die 12-wöchentliche Gabe von Denosumab (nach initialer Ladedosis) gegenüber der monatlichen Gabe nicht unterlegen. Die mediane Zeit bis zum ersten symptomatischen Skelett-Ereignis lag praktisch identisch bei 56,6 Monaten im 4-wöchentlichen Arm und 56,5 Monaten im 12-wöchentlichen Arm. Auch in Bezug auf weitere Skelett-Ereignisse zeigte sich eine Nichtunterlegenheit der reduzierten Dosierfrequenz. Mit Blick auf die Verträglichkeit und Sicherheit schnitt der 12-wöchentliche Arm günstiger ab: Hypokalzämien traten mit 30 % versus 46 % seltener auf und auch Kieferosteonekrosen waren numerisch seltener (6,9 % versus 8,5 %). Zusätzlich lagen die Medikamentenkosten deutlich tiefer (2). Die Daten sprechen also dafür, dass Denosumab nach einer initialen Ladedosis bei 12-wöchentlicher Gabe denselben klinischen Schutz vor symptomatischen Skelettkomplikationen bietet wie die monatliche Standardgabe – bei weniger Toxizität und geringeren Kosten.

Weitere innovative Studien zum Prostatakarzinom
Weitere laufende Studien des Swiss Cancer Institutes zum Prostatakarzinom umfassen unter anderem den SAKK 08/23 Trial, welcher untersucht, ob Darolutamid in Kombination mit der vom Arzt gewählten Standardtherapie bei metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakarzinom einen Überlebensvorteil bietet. Die von Dr. med. Silke Gillessen vorgestellte DE-ESCLATE-Studie untersucht, ob Patienten nach sehr gutem frühem Ansprechen die intensive Hormontherapie pausieren können, ohne den onkologischen Nutzen wesentlich zu gefährden. Die erste Studie unter neuem Namen, SCI001/TerbinaPro, ist eine Schweizer Phase-II-Drug-Repurposing-Studie beim biochemisch rezidivierten Prostatakarzinom. Untersucht wird, ob Terbinafin, ein seit langem verwendetes orales Antimykotikum gegen Haut- und Nagelpilz, antitumorale Aktivität beim Prostatakarzinom zeigen kann. Eingeschlossen werden Männer mit PSA-Anstieg nach lokaler kurativer Therapie, also nach Prostatektomie und/oder Radiotherapie, bei denen die kurativen lokalen Standardoptionen ausgeschöpft sind.

Fazit
In der Session zu den Urogenitalkarzinomen gab es spannende Ergebnisse zu berichten. Folgestudien zu intravesikalem rBCG oder auch die Anwendung der reduzierten Dosierfrequenz von Denosumab im klinischen Alltag sind zu erwarten. Auch die Pipeline ist gut gefüllt mit einer Vielzahl anlaufender Studien, die rekrutieren.

Dr. sc. nat. Katja Becker

Literatur
1. Cathomas R et al.: Addition of Intravesical Recombinant Bacillus Calmette-Guérin to Perioperative Chemoimmunotherapy in Muscle-Invasive Bladder Cancer: Primary Analysis of the Single-Arm Phase II Trial SAKK 06/19. J Clin Oncol 2026: Jco2600845.
2. Moos RAFV et al.: Prevalence of symptomatic skeletal events (SSE) with reduced denosumab (Dmab) dose density (every 12 weeks versus every 4 weeks): A randomized phase III non-inferiority trial SAKK 96/12 REDUSE. Journal of Clinical Oncology 2026; 44(16_suppl): 1004-1004.

Therapieresistenz bei gastrointestinalen Tumoren

Therapieresistenz stellt eine grosse Herausforderung für etablierte onkologische Behandlungsregimen dar. Das Swiss Cancer Institute unterstützt mit verschiedenen Studien die Erforschung neuer Therapieoptionen und untersucht Mechanismen der Resistenzentwicklung auf molekularem Niveau.

In der Behandlung gastrointestinaler Tumoren limitiert Resistenzentwicklung den langfristigen Nutzen von Chemotherapie, zielgerichteten Therapien und Immuntherapien. Therapieresistenz kann bereits vor Therapiebeginn bestehen oder sich unter Behandlungsdruck im Verlauf entwickeln. Ursächlich ist meist ein Zusammenspiel aus tumorintrinsischen Mechanismen wie veränderter Drug-Target-Interaktion, gesteigerter DNA-Reparatur oder erhöhtem Medikamenten-Efflux und Einflüssen des Tumormikromilieus. Diese biologische Heterogenität führt dazu, dass einzelne Patient/-innen trotz gleicher Tumorentität sehr unterschiedlich auf Therapien ansprechen. Klinische Studien in diesem Bereich zielen daher zunehmend darauf ab, Resistenzmechanismen besser zu verstehen, prädiktive Biomarker zu identifizieren und rationale Kombinations- oder Sequenztherapien zu entwickeln, um Resistenz zu überwinden oder ihr frühzeitig entgegenzuwirken (1).

Mechanismen primärer und erworbener Resistenz
Die an der Halbjahresversammlung vorgestellte Studie SAKK 41/23 (PARTACER-Suisse) ist eine prospektive, nicht-interventionelle translationale Studie bei Patient/-innen mit BRAF V600E-mutiertem metastasiertem Kolorektalkarzinom. Die eingeschlossenen Patient/-innen erhalten als Standardtherapie Encorafenib plus Cetuximab. Die Studie untersucht dabei nicht primär die Wirksamkeit dieser Behandlung, sondern die Mechanismen primärer und erworbener Resistenz. Dazu werden Tumor-, Blut- und Stuhlproben vor Therapiebeginn und bei Krankheitsprogression vergleichend analysiert. Zusätzlich sollen patientenabgeleitete Organoidmodelle etabliert werden, um Resistenzmechanismen funktionell zu untersuchen und potenzielle neue therapeutische Angriffspunkte oder Kombinationsstrategien zu identifizieren.

Neue Therapieoption für resistenten GIST?
Eine weitere klinische Studie im Kontext der Resistenzentwicklung ist StrateGIST Frontline, welche von Dr. med. Michael Montemusso vorgestellt wurde. Hier geht es um den seltenen gastrointestinalen Stromatumor (GIST), von dem schweizweit etwa 1000 Personen betroffen sind. In der randomisierten, offenen Phase-III-Studie bei Erwachsenen mit bisher unbehandeltem, metastasiertem und/oder nicht resezierbarem GIST wird die neue Therapieoption Velzatinib im direkten Vergleich zu dem bisherigen Erstlinienstandard Imatinib untersucht. Während die Zulassung von Imatinib das Outcome für GIST-Patient/-innen dramatisch verbessert hat, entstehen durch sekundäre KIT-Mutationen häufig Resistenzen und schwächen die Wirksamkeit der Behandlung (2). Velzatinib ist als breiter KIT-Inhibitor konzipiert und soll sowohl primäre aktivierende KIT-Mutationen, als auch relevante sekundäre Resistenzmutationen abdecken (3). In einer am ASCO 2026 präsentierten Analyse der frühen Phase 1/1b-Studie wurden bereits vielversprechende Ansprechraten gezeigt (4).

Fazit
Für die erfolgreiche Behandlung gastrointestinaler Tumoren ist es essenziell die Mechanismen der Resistenzentwicklung besser zu verstehen und therapeutische Alternativen zu entwickeln. Das Swiss Cancer Institute trägt mit den laufenden Studien dazu bei und wir dürfen auf die Ergebnisse gespannt sein.

Dr. sc. nat. Katja Becker

Literatur
1. Xu H et al.: Integrated molecular and microenvironmental drivers of drug resistance in gastrointestinal cancers: mechanisms, immunotherapy challenges, and precision strategies. Frontiers in Oncology 2025; Volume 15 – 2025.
2. Napolitano A et al.: Secondary KIT mutations: the GIST of drug resistance and sensitivity. British Journal of Cancer 2019; 120(6): 577-578.
3. Heinrich MC et al.: Efficacy of velzatinib (IDRX-42) in patients with advanced/metastatic GIST by line of therapy and circulating tumor DNA response in the phase 1/1b StrateGIST 1 trial. Journal of Clinical Oncology 2026; 44(16_suppl): 11520-11520.
4. O’Donnell S et al.: Velzatinib (IDRX-42) as 1L or 2L therapy for advanced gastrointestinal stromal tumors (GISTs) by KIT mutation status: A subset analysis of the phase 1/1b StrateGIST 1 study. Journal of Clinical Oncology 2026; 44(16): 11501-11501.

Therapielandschaft beim ES-SCLC: neue Entwicklungen in der Erhaltungstherapie

Patient/-innen mit extensive-stage small cell lung cancer (ES-SCLC) haben trotz Fortschritten in der Behandlung eine schlechte Prognose. Neue Strategien in der Erhaltungstherapie könnten dazu beitragen das Outcome für Betroffene zu verbessern. Neben einer Intensivierung der Maintenance bei Biomarker-selektierten Patient/-innen wird auch der Einsatz eines T-cell enagers bei einer fragileren Patientenpopulation untersucht.

Im Bereich des Lungenkarzinoms wurden an der diesjährigen Halbjahresversammlung innovative Therapieansätze besprochen und die Erhaltungstherapie beim ES-SCLC stand dabei im Fokus. Der aktuelle Behandlungsstandard umfasst für fitte Patient/-innen eine Chemoimmuntherapie gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit dem entsprechenden PD-L1-Inhibitor, Atezolizumab oder Durvalumab (1).

Intensivierte Erhaltungstherapie
ETOP 23-22 RAISE ist eine internationale, einarmige Phase-II-Studie für Patient/-innen mit ES-SCLC und hoher SLFN11-Expression, die nach einer Erstlinien-Standardtherapie mit Platin/Etoposid + Anti-PD-L1-Antikörper keinen Progress gezeigt haben und für eine Maintenance-Immuntherapie in Frage kommen. SLFN11 gilt als prädiktiver Biomarker für Sensitivität gegen­über DNA-schädigenden Therapien und PARP-Inhibitoren. Diese Patient/-innen erhalten daher Niraparib zusätzlich zur laufenden Anti-PD-L1-Erhaltungstherapie. Da ES-SCLC zwar häufig initial auf die Chemoimmuntherapie anspricht, aber meist rasch rezidiviert, versucht die aktuelle Studie die Erhaltungstherapie bei einer Biomarker-selektierten Population zu intensivieren.

T-cell engager für eine fragile Patientenpopulation?
Die ETOP 29-25 START-lung-Studie untersucht derweil die Wirksamkeit und Sicherheit von Tarlatamab bei Patient/-innen mit vorbehandeltem ES-SCLC und ECOG Performance Status 2. Tarlatamab ist ein DLL3/CD3-bispezifischer T-cell engager und hat bei vorbehandeltem ES-SCLC bereits klinische Aktivität gezeigt (2). Der Wirkstoff ist von der FDA seit 2025 nach Progression unter oder nach platinbasierter Chemotherapie zugelassen. Die START-lung-Studie adressiert nun eine wichtige Lücke: Viele frühere Tarlatamab-Studien schlossen vor allem Patient/-innen mit gutem Allgemeinzustand ein, während in der klinischen Realität viele ES-SCLC-Patient/-innen einen reduzierten Performance Status (PS) haben. START-lung prüft daher gezielt Wirksamkeit und Verträglichkeit bei ECOG PS 2. Geplant sind etwa 48 Patient/-innen an 21 Zentren in 5 Ländern. Der primäre Endpunkt ist die 12-Monats-Überlebensrate. Sekundäre Endpunkte umfassen ORR, Dauer des Ansprechens, Disease Control Rate, PFS sowie Art, Häufigkeit und Schweregrad unerwünschter Ereignisse.

Fazit
Die Therapielandschaft bei ES-SCLC ist in Bewegung und stellt verbesserte Regime sowie innovative Behandlungsoptionen in Aussicht. Biomarker-basierte Selektion kann bei der Individualisierung der Therapie unterstützen und auch für fragilere Patientenpopulation werden neuartige Behandlungsoptionen greifbar.

Dr. sc. nat. Katja Becker

Literatur
1. Onkopedia. Onkopedia Guidelines Small-Cell Lung Cancer. https://www.onkopedia.com/en/onkopedia/guidelines/small-cell-lung-cancer-sclc/. Letzter Zugriff: 07/2026.
2. Mountzios G et al.: Tarlatamab in Small-Cell Lung Cancer after Platinum-Based Chemotherapy. New England Journal of Medicine 2025; 393(4): 349-361.

Quelle
Swiss Cancer Institute – Semiannual Meeting, 18.-19. Juni 2026, in Baden

info@onco-suisse

  • Vol. 16
  • Ausgabe 4
  • August 2026