- Wie ein Blick auf die Hormone lebensphasenbezogene Versorgung ermöglicht
Hormone spielen eine zentrale Rolle in der Gesundheit von Frauen. Besonders in der Menopause, aber auch bei Migräne oder bei psychischen Erkrankungen wird deutlich, wie wichtig daher eine lebensphasenbezogene Anamnese und individualisierte Therapie sind. Beim Women’s Health 360°-Kongress, der am 11. Juni in Zürich stattfand, wurden praxisrelevante Impulse für die gynäkologische Versorgung besprochen.
Frauenspezifische Medizin bedeutet mehr als die isolierte Betrachtung einzelner Erkrankungen des weiblichen Körpers. Biologische und soziokulturelle Faktoren beeinflussen Krankheitsentstehung, Diagnostik und Therapie – das wurde früh am Women’s Health 360°-Kongress deutlich. Für die gynäkologische Praxis ergibt sich daraus eine besondere Chance, denn kaum ein anderes Fach begleitet Frauen so kontinuierlich durch hormonelle Übergänge. Bei den Sessions zog sich deshalb ein Gedanke durch die Vorträge: Zyklus, Schwangerschaft, Perimenopause und Menopause formen klinisch relevante «Hormonfenster», in denen Krankheitssymptome neu auftreten oder sich verändern können.
Individualisieren statt schematisieren in der Menopause
Prof. Dr. med. Petra Stute stellte in ihrem Vortrag die Menopause als Lebensphase mit akuten Beschwerden und möglichen langfristigen gesundheitlichen Folgen in den Mittelpunkt. Zum Spektrum der typischen Symptome gehören neben Hitzewallungen und Schlafstörungen auch Stimmungsschwankungen, «Brain Fog», sexuelle Beschwerden und vaginale Trockenheit. Diese Anzeichen bringt dabei nicht jede Patientin von selbst mit den Wechseljahren in Verbindung und gezieltes Nachfragen ist indiziert. Zur Behandlung stehen die menopausale Hormontherapie (MHT) sowie phytotherapeutische Optionen zur Verfügung. Für das klimakterische Syndrom, so betonte Prof. Stute, bleibt die MHT die wirksamste Option. Hier ist bei intaktem Uterus ein Gestagen zum Endometriumschutz erforderlich, während nach Hysterektomie eine Östrogen-Monotherapie ausreicht. Die Therapiedauer sollte laut Prof. Stute nicht starr begrenzt, sondern regelmässig individuell neu bewertet werden. Nutzen und Risiken sind dabei in Relation zu Alter, Symptomlast, persönlicher und familiärer Anamnese sowie Begleiterkrankungen zu beurteilen. Der in Studien beschriebene leichte Anstieg des Brustkrebsrisikos nach fünf Jahren kombinierter MHT sollte in der Beratung stets im individuellen Gesamtrisikoprofil und im Verhältnis zur Beschwerdelast eingeordnet werden. Auch Phytotherapeutika haben laut Prof. Stute ihren Platz in einem individualisierten Behandlungskonzept. Cimicifuga findet bei Hitzewallungen und weiteren menopausalen Beschwerden Anwendung, Johanniskraut bei leichter bis mittelschwerer Depression sowie Baldrian und Hopfen bei Schlafstörungen. Gleichzeitig wies Prof. Stute auf die heterogene Studienlage hin und zeigte auf, dass standardisierte Präparate mit definierten Wirkstoffmengen für eine möglichst verlässliche Anwendung wichtig sind.
Migräne – Zyklus und Aura gehören in die Anamnese
Wie relevant hormonelle Übergänge auch jenseits klassischer gynäkologischer Beschwerden sind, demonstrierte die neurologische Parallel-Session. Dr. med. Lea Köchli unterschied in ihrem Vortrag unter anderem menstruelle, kontrazeptionsassoziierte und lebensphasenassoziierte Migräne. Die menstruelle Migräne tritt beispielsweise im Zeitfenster von Tag –2 bis +3 der Menstruation auf und zeigt sich eher ohne Aura. Als wesentlicher pathophysiologischer Mechanismus gilt hier der Östrogenentzug, während weitere hormonelle und inflammatorische Faktoren die Attackenbereitschaft beeinflussen. Therapeutisch kommen je nach Häufigkeit und Vorhersagbarkeit eine Akuttherapie mit NSAR oder Triptanen, eine perimenstruelle Kurzzeitprophylaxe oder längerfristige hormonelle Strategien infrage. Die Wahl zwischen Gestagen-only-Präparaten, niedrig dosierten kombinierten oralen Kontrazeptiva im Langzyklus und weiteren Optionen hängt dabei von Blutungsmuster, Leidensdruck, Hormontherapiebedarf, Risikoprofil und Patientinnenwunsch ab.
Als besonders wichtig im Hinblick auf Migräne betont Dr. Köchli die Kontrazeptionsberatung. Der Aura-Status sollte in der Sprechstunde aktiv erhoben werden, da insbesondere kombinierte orale Kontrazeptiva das Schlaganfallrisiko bei Migräne mit Aura deutlich erhöhen. Als einfache Screening-Methode für die Migräne, welche auch in der gynäkologischen Praxis angewendet werden kann, stellte der Neurologe Dr. med. Reto Agosti den ID-Migraine-Kurztest vor. Zwei positive Antworten auf Fragen nach Alltagsbeeinträchtigung, Übelkeit/Erbrechen und Lichtempfindlichkeit sprechen mit hoher Wahrscheinlichkeit für Migräne. Für Gynäkolog:innen und Neurolog:innen gleichermassen besonders wertvoll ist zudem das Kopfschmerztagebuch. Es sollte Attackentage, Intensität und Medikamenteneinnahme erfassen und ausdrücklich auch Zyklus und Menstruation dokumentieren, sodass hormonelle Muster sichtbar werden.
Hormonelle Risikofenster für psychische Erkrankungen
Die zweite Parallel-Session befasste sich mit der Schnittstelle von Psyche und Hormonen. Dabei betonte Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi, dass psychische Erkrankungen bei Frauen noch zu selten lebensphasenbezogen betrachtet werden. Prämenstruelle, postpartale und perimenopausale Phasen seien Risikofenster, in denen psychische Symptome erstmals auftreten, sich verstärken oder rezidivieren, denn hier treffen hormonelle Veränderungen auf psychosoziale Belastungen. Für die gynäkologische Praxis bedeutet dies, dass neben Zyklusregelmässigkeit, zyklusabhängigen Beschwerden und Veränderungen unter hormoneller Kontrazeption auch psychische Symptome während oder nach Schwangerschaften sowie aktuelle, frühere und familiäre psychiatrische Erkrankungen erfragt werden sollten.
Besondere Aufmerksamkeit verdient laut Dr. Dudová-Nakazi die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS). Typisch ist ein wiederholtes Auftreten der Beschwerden jeweils vor der Menstruation mit Abklingen in der Follikelphase. In den Fallbeispielen von Dr. phil. Denise Baumeler und Dr. med. Valentina Vinante wurde deshalb die prospektive Diagnostik, etwa mittels Zyklustagebuch, hervorgehoben. Sie hilft, PMDS von der prämenstruellen Exazerbation einer bestehenden psychischen Erkrankung zu unterscheiden. Auch die Perinatalzeit ist eine sensible Phase, in der der meist selbstlimitierende Babyblues aber auch perinatale Depression oder postpartale Psychosen auftreten können. Während letztere als psychiatrischer Notfall gelten, der rasche fachpsychiatrische Behandlung erfordert, sollten Frauen mit hormonsensitiver Depression in der Vorgeschichte in Schwangerschaft und Wochenbett generell eng begleitet werden. Auch in der Perimenopause können depressive Symptome und Angst neu auftreten oder zunehmen. Neben Psychotherapie, Bewegung und Antidepressiva kann hier eine MHT Teil des Behandlungskonzepts sein. Die Therapie-Entscheidung sollte jeweils interdisziplinär zwischen Psychiatrie, Psychotherapie, Gynäkologie und ggf. auch gynäkologischer Endokrinologie erfolgen.
Zusammenfassung
Hormonelle Übergänge sind klinische Risikofenster weit über gynäkologische Indikationen hinaus. Gynäkolog:innen können diesen entscheidenden Kontext erkennen, Risiken früh stratifizieren und gezielt interdisziplinäre Versorgung anstossen. Denn gynäkologische Veränderungen können neurologische oder psychische Folgen haben und verschiedenste Symptome aus Neurologie, Psychiatrie und anderen Fachgebieten können hormonell mitbedingt sein.
red





