Sauerstofftherapie in der Akutmedizin

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Inflammation als Risikofaktor bei Patienten mit etablierter atherosklerotischer Erkrankung

Ein ungestörter Schlaf wirkt sich nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der seelischen Ebene positiv auf die Gesundheit aus. So trägt ein erholsamer Schlaf dazu bei, Lernvorgänge zu unterstützen und Emotionen (1) zu verarbeiten, er erhöht die Stresstoleranz (2) und wirkt der vorzeitigen Hirnalterung entgegen (3). Umso bedeutsamer erscheint die Tatsache, dass in einer Gesundheitsbefragung ein Drittel der schweizerischen und deutschen Bevölkerung angibt, unter Schlafstörungen zu leiden (4, 5). Diese können sich dadurch äussern, dass die Betroffenen Mühe haben, ein- oder durchzuschlafen, oder auch zu früh erwachen. Die Betroffenen fühlen sich dann oftmals nach dem Erwachen nicht erholt, und es kommt zu Tagesmüdigkeit oder gar Schläfrigkeit. Mittel- und langfristig führt ein gestörter Schlaf zu einer Störung der Psychomotorik, zu einer affektiven Verstimmung, und auch die kognitive Leistungsfähigkeit verschlechtert sich (6).

Despite control of classic risk factors, atherosclerotic diseases remain a major cause of cardiovascular morbidity and mortality, partly due to residual inflammatory risk (RIR). Chronic subclinical inflammation promotes plaque growth, instability, and thrombogenicity via the NLRP3 inflammasome and the IL-1β/IL-6 axis. Biomarkers such as hs-CRP and IL-6 correlate with events independently of LDL-C and can contribute to risk stratification. In the CANTOS study, canakinumab reduced cardiovascular endpoints but was associated with more serious infections. Low-dose colchicine moderately reduces non-fatal events without mortality benefit, while methotrexate remained ineffective. In the future, personalized, combined lipid- and inflammation-modulating therapies could gain importance, provided that long-term safety and cost-benefit are appropriate.
Keywords: Colchizin/Canakinumab, Entzündungsrisiko, NLRP3-Inflammasom, kardiovaskulären Risikostratifikation

Hintergrund

Obwohl wir mittlerweile ein grosses Verständnis für die Pathobiologie und das Management atherosklerotischer Erkrankungen – einschliesslich der koronaren Herzkrankheit (KHK), zerebrovaskulärer Durchblutungsstörungen und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit – besitzen, zählen diese weltweit weiterhin zu den führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität (1–3). Daran dürfte sich auch in absehbarer Zukunft wenig ändern (3).

Die klassischen Risikofaktoren wie Dyslipidämie, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Nikotinkonsum und auch Adipositas lassen sich häufig durch Lebensstilveränderungen sowie ein breites Spektrum pharmakologischer Therapien wirksam beeinflussen. Dennoch besteht häufig ein relevantes Restrisiko für erneute kardiovaskuläre Ereignisse beziehungsweise das Fortschreiten der atherosklerotischen Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease, ASCVD) – ein Risiko, das durch die etablierten therapeutischen Massnahmen allein nicht vollständig kontrolliert werden kann. Ein wesentlicher Anteil dieses Restrisikos ist entzündlicher Natur beziehungsweise durch (subklinische) inflammatorische Prozesse bedingt. Entsprechend wurde von verschiedenen Experten und Konsortien der Begriff des residualen inflammatorischen Risikos (engl. Residual Inflammatory Risk, RIR) etabliert.

Chronische, subklinische, Inflammation spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung, Progression und klinischen Manifestation atherosklerotisch bedingter Erkrankungen. Verschiedene zelluläre und humorale inflammato­rische Prozesse sind sowohl in den Frühphasen (z. B. endo­theliale Dysfunktion, Lipidakkumulation) als auch in den Spätphasen (z.B. Plaque-Instabilität, Thrombogenität) der Atherosklerose massgeblich beteiligt (1).

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Pathobiologie, klinische Evidenz, praktischen Implikationen sowie antiinflammatorische Therapieansätze bei ASCVD-Patient/-innen und bietet eine aktuelle Zusammenfassung laufender Studien und neuer therapeutischer Entwicklungen.

Pathophysiologische Grundlagen

Atherosklerose wird grundsätzlich bereits in frühen Stadien durch eine endotheliale Dysfunktion initiiert. Diese entsteht infolge klassischer Risikofaktoren wie oxidiertem Low-Density-Lipo­protein (oxLDL) respektive Dyslipidämie, arterieller Hypertonie oder Hyperglykämie. OxLDL induziert die Expression von Adhäsionsmolekülen wie VCAM-1 und ICAM-1 auf Endothelzellen und fördert dadurch die Rekrutierung von Monozyten in die Intima (1). Dort differenzieren sich diese zu Makro­phagen und entwickeln sich weiter zu Schaumzellen (1, 2, 4). Diese sezernieren proinflammatorische Zytokine wie IL-1β, IL-6 und Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), welche die Entzündung in der Gefässwand verstärken und aufrechterhalten (1, 2, 4). Diese chronische Inflammation trägt wesentlich zur Plaque-Entwicklung und -Progression bei.

In diesem Zusammenhang ist besonders das NLRP3-Inflammasom hervorzuheben – ein zellulärer Proteinkomplex, der eine zentrale Rolle in der angeborenen Immunabwehr und bei Entzündungsreaktionen spielt. Nach seiner Aktivierung fördert es die Reifung und Freisetzung von IL-1β, das wiederum die Produktion von IL-6 induziert (1, 2, 4). Letzteres stimuliert die hepatische Synthese von Akut-Phasen-Proteinen, wie dem C-reaktiven Protein (CRP). Hierdurch wird das entzündliche Geschehen weiter vorangetrieben.

Parallel fördern die freigesetzten Entzündungsmediatoren die Expression von Tissue Factor, hemmen die endo­theliale NO-Synthese, fördern die Migration glatter Muskelzellen sowie die Aktivierung von Matrix-Metalloproteinasen. Diese Prozesse begünstigen die Plaque-Destabilisierung und erhöhen die Thrombogenität (1, 2, 4).

Die Abb. 1 illustriert die Pathobiologie der Atherosklerose und verdeutlicht den Einfluss inflammatorischer Prozesse.

Inflammatorische Biomarker und Risikostratifikation

Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass inflammatorische Biomarker wie hs-CRP, IL-6 und Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2 (Lp-PLA₂) direkt mit dem Risiko für atherosklerotische Ereignisse korrelieren, dem residualen kardiovaskulären Risiko – unabhängig vom Lipidstatus und der Glukosehomöostase (4).

Besonders hervorzuheben sind zwei grosse Beobachtungsstudien – die Framingham Heart Study und die Women’s Health Study –, in denen erhöhte hs-CRP-Werte als Prädiktor für Myokardinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod identifiziert wurden – unabhängig von LDL-C. Diese Assoziation scheint robust über Altersgruppen und Geschlechter hinweg und bestätigt die unabhängige Risikodimension «Inflammation». Die klinische Relevanz dieser inflammatorischen Achse wurde zudem durch mehrere Interventionsstudien mit gezielter Immunmodulation bestätigt (siehe unten).

Die punktuelle Messung von humoralen Entzündungswerten, namentlich des hs-CRP, wird mittlerweile auch in den Richtlinien der europäischen Gesellschaft für Kardiologie bei ASCVD Patient/-innen empfohlen. Wobei dies jedoch insbesondere bei Hoch-RisikoPatient/-innen und zur Standortbestimmung respektive Optimierung der Sekundärprävention erwogen werden sollte. Hierzu ist anzumerken, dass die Messung des hs-CRP relativ einfach ist, und bei Patient/-innen bestimmt werden soll, welche keinen akuten Entzündungszustand haben (beispielsweise akute Infektion, Gichtschub oder auf­flammende rheumatologische Erkrankung). Sofern dieser Wert im Abstand von mehreren Wochen repetitiv erhöht ist (≥2 mg/l), kann dies mit einem erhöhten residualen inflammatorischen Risiko (RIR) gleichgesetzt werden. Man sollte vorgängig auch sicherstellen, dass das Lipidprofil optimiert und der LDL-C-Wert im Zielbereich ist. Sofern verfügbar, ist im Einzelfall auch eine Bestimmung von IL-6 zu erwägen. In der CANTOS-Studie (siehe unten) korrelierte dessen Senkung mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko.

Antiinflammatorische Substanzen bei ASCVD-Patient/-innen

Canakinumab

Interleukin-1β (IL-1β) spielt eine zentrale Rolle in der Regulation inflammatorischer Prozesse und ist massgeblich an der Aktivierung der Interleukin-6 (IL-6)-Signalkaskade beteiligt. Canakinumab ist ein monoklonaler Antikörper, der IL-1β spezifisch bindet und dadurch ausgeprägte antiinflammatorische Effekte entfaltet. Diese wurden bislang vor allem in der Therapie verschiedener rheumatischer Erkrankungen genutzt (5).

Die CANTOS-Studie (Canakinumab Anti-Inflammatory Thrombosis Outcomes Study), in der über 10 000 Patient/-innen mit vorangegangenem Myokardinfarkt und erhöhtem hs-CRP-Wert (≥2 mg/l) alle drei Monate randomisiert Canakinumab (50 mg, 150 mg oder 300 mg) oder Placebo erhielten, konnte zeigen, dass die 150 mg-Dosis das Risiko für den primären kombinierten Endpunkt (Myokardinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod) um 15 % senkte (6).

Bemerkenswert war, dass das Ausmass der IL-6-Reduktion unter der Therapie mit Canakinumab prädiktiv für den klinischen Nutzen war (6). Allerdings war die Behandlung auch mit einem erhöhten Risiko für schwerwiegende, teils tödlich verlaufende Infektionen assoziiert. Ungeachtet dessen bleibt CANTOS eine der ersten randomisierten Interventionsstudien, die einen direkten Zusammenhang zwischen gezielter Entzündungshemmung – unabhängig von lipidsenkenden Massnahmen – und der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse belegen konnte.

Colchizin

Die am besten untersuchte antiinflammatorische Substanz bei ASCVD-Patient/-innen ist Colchizin – ein Alkaloid, das aus der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) entstammt (5, 7, 8). Colchizin hemmt nicht nur die Mikrotubuli-Polymerisation, wodurch die Aktivität der Neutrophilen unterbunden wird. Es beeinflusst auch das NLRP3-Inflammasom und die nachfolgende Freisetzung von Interleukin-1β, wodurch die Entzündungskaskade gehemmt wird. Obschon die Resultate verschiedener grosser randomisierter Studien etwas divergent waren, haben wir Evidenz dafür, dass Colchizin in niedriger Dosis (z. B. 0.5 mg täglich) zu einer moderaten Reduktion von nicht-tödlichen kardiovaskulären Ereignissen, wie Myokardinfarkten, wiederholten koronaren Revaskularisationen und ischämischen Schlaganfällen, führt, wenn es zusätzlich zur Standardtherapie bei ASCVD-Patient/-innen eingesetzt wird (9). Dies wurde von einer grossen, kürzlich publizierten Meta-Analyse unterstrichen (9). Jedoch gilt es zu betonen, dass keine Senkung der kardiovaskulären oder Gesamtmortalität gezeigt werden konnte und die Number Needed to Treat (NNT) (4) mit 114 hoch ist (9).

Nebenwirkungen, insbesondere gastrointestinale Beschwerden, aber auch Interaktionen mit anderen Medikamenten treten gehäuft auf, weshalb eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich ist. Die aktuellen Leitlinien sprechen eine vorsichtige Empfehlung aus: Klasse IIa bei stabiler respektive chronischer Erkrankung und Klasse IIb in bestimmten Situationen (beispielsweise nach Myokardinfarkt), jeweils mit dem höchsten Evidenzniveau (A) aufgrund mehrerer randomisierter Studien und Meta-Analysen (7, 10).

Methotrexat

Auch Methotrexat, welches seit Jahrzehnten als immunmodulierendes Medikament breit eingesetzt wird, wurde als mögliches Medikament zur Risikomodulation bei ASCVD-Patient/-innen untersucht (7, 11). Methotrexat zeigte jedoch weder lipidsenkende noch inflammationshemmende Effekte in Studien und brachte keinen kardiovaskulären Vorteil. Im Cardiovascular Inflammation Reduction Trial führte eine niedrig dosierte Methotrexat-Therapie (Zieldosis 15–20 mg einmal wöchentlich) bei 4786 Patient/-innen mit zurückliegendem Myokardinfarkt oder koronarer Mehrgefässerkrankung sowie zusätzlichem Diabetes mellitus oder metabolischem Syndrom nicht zu einer Reduktion des kombinierten Endpunkts aus kardiovaskulärem Tod, nicht-tödlichem Myokardinfarkt, nicht-tödlichem Schlaganfall oder revaskularisierenden Massnahmen aufgrund instabiler Angina pectoris (11). Die Studie musste vorzeitig (mittlere Nachbeobachtungszeit 2.3 Jahre) wegen fehlender Wirksamkeit beendet werden (11). Schlussendlich könnte diese Erkenntnis hinweisend sein, dass eine zielgerichtete Immunmodulation – beispielsweise durch IL-1 oder IL-6 Hemmung – gegenüber einer unspezifischen Immunmodulation, wie mit Methotrexat, vielversprechender bei ASCVD-Patient/-innen sein könnte (11).

Sicherheit von antiinflammatorischen Therapien

Im Allgemeinen gilt es anzumerken, dass sämtliche etablierten und in Erprobung stehenden antiinflammatorischen Pharmazeutika für Patient/-innen mit atherosklerotischen Erkrankungen weitreichende Nebenwirkungen zur Folge haben können, welche im direkten Zusammenhang mit der Inhibition des Immunsystems stehen. Hervorzuheben ist hier das Risiko für opportunistische Infektionen (z.B. unter IL-1β-Blockade) (4, 6).

Unter Therapie mit Colchizin treten häufig gastrointestinale Nebenwirkungen (~10 %), wie Diarrhö und Nausea auf, welche regelmässig zu einem frühzeitigen Absetzen des Medikaments führen. Weiter ist auch das Risiko für die Entwicklung von Myopathien (v.a. bei Interaktionen/Niereninsuffizienz) erhöht (4, 8).

Es ist auch wichtig zu beachten, dass Colchizin ein Substrat von CYP3A4 und P-Glykoprotein (P-GP) ist und somit mit einer beachtlichen Zahl von Medikamenten, u. a. mit Makroliden, Azolen und bestimmten Kalziumantagonisten, direkt interagieren kann (8). Patient/-innen im fertilen Alter sollten auf mögliche teratogene Effekte von Colchizin hingewiesen werden.

Generell besteht ein gewisser Respekt vor weitreichenden Off-target-Effekten bei der langfristigen Entzündungshemmung mit den aktuellen und in Erprobung stehenden Therapien (5). Grundsätzlich möchte man eine systemische Immunsuppression vermeiden, und lediglich eine gezielte Modulation der Inflammation mittels niedrig-dosierter pharmakologischer Strategien erreichen (5).

Zukunftsperspektiven und offene Fragen

Es ist zu erwarten, dass der klinische Stellenwert von Inflammation in der kardiovaskulären Risikostratifikation und im Management von ASCVD-Patient/-innen in naher Zukunft weiter zunimmt. Grund hierfür ist die stetig wachsende Evidenzlage, welche die Bedeutung entzündlicher Prozesse nicht nur als Risikofaktor, sondern auch als potenzielles therapeutisches Ziel aufzeigt.

Neben der routinemässigen Bestimmung des Lipidprofils – inklusive Lipoprotein(a) – werden zunehmend auch sensitive inflammatorische Biomarker wie hs-CRP und IL-6 in die klinische ­Praxis Einzug halten (4). Darüber hinaus könnten molekular-genetische Tests sowie hochauflösende bildgebende Verfahren (z. B. PET-CT zur Identifikation entzündlich aktiver Hochrisiko-Plaques) eine zunehmend wichtige Rolle in der individuellen Risikoabschätzung spielen.

Auch therapeutisch rückt die Inflammationsmodulation stärker in den Fokus. Derzeit befinden sich mehrere Substanzen, die gezielt entzündliche Signalwege adressieren, in klinischer Erprobung – teils in frühen Phasen, teils bereits in Phase III (4). Tab. 1 (als Zusatzmaterial im Onlineartikel) gibt einen Überblick über die wichtigsten abgeschlossenen und laufenden Studien. Untersucht werden unter anderem Interventionen gegen die IL-1-, IL-6- und TNF-Signalwege sowie Inhibitoren des NLRP3-Inflammasoms.

Kombinierte Therapieansätze, die sowohl das Lipidprofil verbessern als auch inflammatorische Prozesse gezielt modulieren, könnten synergistische Effekte erzielen und das kardiovaskuläre Risiko bei atherosklerotischen Erkrankungen signifikant senken. Hierfür sind jedoch umfangreichere klinische Daten erforderlich. Zudem sind bei neuen antiinflammatorischen Therapien insbesondere Langzeitdaten essenziell, um die Sicherheit über mehrere Jahre hinweg beurteilen zu können. Dabei müssen potenzielle Risiken – wie eine erhöhte Anfälligkeit für opportunistische Infektionen oder die Entstehung von Malignomen – sorgfältig evaluiert werden, bevor ein breiter klinischer Einsatz erfolgen kann.

Nicht zuletzt wird auch der Kosten-Nutzen-Faktor massgeblich (4) entscheiden, ob und in welchem Umfang sich neue Medikamente zur Inhibition inflammatorischer Signal­wege in der Therapie der Atherosklerose etablieren können. Die Abb. 2 fasst zusammen, wie im klinischen Alltag das residuale inflammatorische Risiko (RIR) zu erfassen ist und entsprechend therapeutische Massnahmen ergriffen werden können.

Fazit

Chronische Inflammation ist ein wesentlicher Risiko­faktor für die Entstehung und das Fortschreiten der Atherosklerose. Insgesamt stellt Entzündung ein zunehmend mehr beachtetes therapeutisches Ziel bei atherosklerotisch bedingten kardiovaskulären Erkrankungen (ASCVD) dar. In der Klinik kann die Bestimmung inflammatorischer Biomarker – wie hs-CRP und IL-6 – hilfreich sein, um das residuale inflammatorische Risiko (RIR) abzuschätzen und die Risikostratifikation bei ASCVD Patient/-innen zu verbessern.
Klinische Studien haben gezeigt, dass eine gezielte Entzündungshemmung – insbesondere mit Canakinumab und Colchizin – das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Atherosklerose, zumindest im chronischen Krankheitsstadium, unabhängig von lipidsenkenden Massnahmen reduzieren kann. Bisher kann einzig der Einsatz von niedrig dosiertem Colchizin (0,5 mg/Tag) bei auserwählten Hochrisiko-ASCVD-Patient/-innen in Erwägung gezogen werden – vorausgesetzt, eine optimale Behandlung der übrigen Risikofaktoren ist sichergestellt, und es gibt Anhaltspunkte für ein erhöhtes inflammatorisches Risiko. Eine sorgfältige Aufklärung und engmaschige Überwachung dieser Patient/-innen ist jedoch unerlässlich. Zukunftsweisend könnten personalisierte Behandlungsstrategien sein, die eine Kombination aus lipidsenkender und entzündungshemmender Therapie verfolgen.

Abkürzungsverzeichnis
ACS Akutes Koronarsyndrom
ASCVD Atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease)
Hs-CRP hochsensitives C-reaktives Protein
ICAM-1 Intercellular Adhesion Molecule 1
IL-1 Interleukin-1
IL-6 Interleukin-6
Lp-PLA2 Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2
MI Myokardinfarkt
oxLDL oxidiertes Low-Density-Lipoprotein
TNF-α Tumornekrosefaktor-α
RIR Residuales inflammatorisches Risiko (engl. Residual Inflammatory Risk)
VCAM-1 Vascular Cell Adhesion Molecule 1

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@herz+gefäss 05/25

PD Dr. med. Matthias Bossard

– Klinik für Kardiologie, Herzzentrum
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern
- Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin
Universität Luzern
Frohburgstrasse 3
6002 Luzern

Dr. med. Urs Jeker

Klinik für Kardiologie, Herzzentrum
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern

Funding: Die Autoren erhielten für diese Arbeit keine finanzielle Unterstützung.
Disclosures: MB hat Beratungs- und Vortragshonorare von Abbott Vascular, Abiomed/ J&J MedTech, Amgen, Astra Zeneca, Bayer, Biosensors, Cordis, Daichii, MedAlliance, Novartis, NovoNordisk, OM Pharma, SIS Medical und Vifor erhalten.

1. Ajoolabady A, Pratico D, Lin L, Mantzoros CS, Bahijri S, Tuomilehto J, et al. Inflammation in atherosclerosis: pathophysiology and mechanisms. Cell Death Dis. 2024;15(11):817. Epub 20241111. doi: 10.1038/s41419-024-07166-8. PubMed PMID: 39528464; PubMed Central PMCID: PMC11555284.
2. Zubiran R, Neufeld EB, Dasseux A, Remaley AT, Sorokin AV. Recent Advances in Targeted Management of Inflammation In Atherosclerosis: A Narrative Review. Cardiol Ther. 2024;13(3):465-91. Epub 20240720. doi: 10.1007/s40119-024-00376-3. PubMed PMID: 39031302; PubMed Central PMCID: PMC11333429.
3. Nielsen RV, Fuster V, Bundgaard H, Fuster JJ, Johri AM, Kofoed KF, et al. Personalized Intervention Based on Early Detection of Atherosclerosis: JACC State-of-the-Art Review. Journal of the American College of Cardiology. 2024;83(21):2112-27. doi: 10.1016/j.jacc.2024.02.053. PubMed PMID: 38777513.
4. Mensah GA, Arnold N, Prabhu SD, Ridker PM, Welty FK. Inflammation and Cardiovascular Disease: 2025 ACC Scientific Statement: A Report of the American College of Cardiology. Journal of the American College of Cardiology. 2025. Epub 20250929. doi: 10.1016/j.jacc.2025.08.047. PubMed PMID: 41020749.
5. Finocchiaro S, Mazzone PM, Ammirabile N, Bordonaro C, Cusmano C, Cutore L, et al. Anti-inflammatory pharmacotherapy in patients with cardiovascular disease. Eur Heart J Cardiovasc Pharmacother. 2025. Epub 20250819. doi: 10.1093/ehjcvp/pvaf058. PubMed PMID: 40828623.
6. Ridker PM, Everett BM, Thuren T, MacFadyen JG, Chang WH, Ballantyne C, et al. Antiinflammatory Therapy with Canakinumab for Atherosclerotic Disease. The New England journal of medicine. 2017;377(12):1119-31. Epub 20170827. doi: 10.1056/NEJMoa1707914. PubMed PMID: 28845751.
7. Vrints C, Andreotti F, Koskinas KC, Rossello X, Adamo M, Ainslie J, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. European heart journal. 2024;45(36):3415-537. doi: 10.1093/eurheartj/ehae177. PubMed PMID: 39210710.
8. Madanchi M, Young M, Tersalvi G, Maria Cioffi G, Attinger-Toller A, Cuculi F, et al. The impact of colchicine on patients with acute and chronic coronary artery disease. European journal of internal medicine. 2024;125:1-9. Epub 20240118. doi: 10.1016/j.ejim.2024.01.004. PubMed PMID: 38238134.
9. d’Entremont MA, Poorthuis MHF, Fiolet ATL, Amarenco P, Boczar KE, Buysschaert I, et al. Colchicine for secondary prevention of vascular events: a meta-analysis of trials. European heart journal. 2025;46(26):2564-75. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf210. PubMed PMID: 40314334.
10. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ, Barbato E, Berry C, Chieffo A, et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. European heart journal. 2023;44(38):3720-826. doi: 10.1093/eurheartj/ehad191. PubMed PMID: 37622654.
11. Ridker PM, Everett BM, Pradhan A, MacFadyen JG, Solomon DH, Zaharris E, et al. Low-Dose Methotrexate for the Prevention of Atherosclerotic Events. The New England journal of medicine. 2019;380(8):752-62. Epub 20181110. doi: 10.1056/NEJMoa1809798. PubMed PMID: 30415610; PubMed Central PMCID: PMC6587584.
12. Tardif JC, Kouz S, Waters DD, Bertrand OF, Diaz R, Maggioni AP, et al. Efficacy and Safety of Low-Dose Colchicine after Myocardial Infarction. The New England journal of medicine. 2019;381(26):2497-505. Epub 2019/11/17. doi: 10.1056/NEJMoa1912388. PubMed PMID: 31733140.
13. Nidorf SM, Fiolet ATL, Mosterd A, Eikelboom JW, Schut A, Opstal TSJ, et al. Colchicine in Patients with Chronic Coronary Disease. The New England journal of medicine. 2020;383(19):1838-47. Epub 20200831. doi: 10.1056/NEJMoa2021372. PubMed PMID: 32865380.
14. Jolly SS, d’Entremont MA, Lee SF, Mian R, Tyrwhitt J, Kedev S, et al. Colchicine in Acute Myocardial Infarction. The New England journal of medicine. 2025;392(7):633-42. Epub 20241117. doi: 10.1056/NEJMoa2405922. PubMed PMID: 39555823.

DOKO Basel: Diabetes mellitus – und nun?

Die Behandlung des Typ-2-Diabetes wird zunehmend individueller: Neben dem HbA1c rücken Komorbiditäten, Gewichtsverlauf, kardiorenale Risiken, Nebenwirkungen und auch psychosoziale Aspekte wie die Angst vor Hypoglykämien stärker in den Fokus. An der Donnerstagskonferenz (DOKO) der Klinik für Innere Medizin am Universitätsspital Basel zeigte PD Dr. med. Eleonora Selig anhand mehrerer Fallvignetten, wie sich moderne Diabetestherapien heute differenziert und praxisnah einsetzen lassen.

Fallvignette 1

PD Dr. med. Eleonora Selig

Zu Beginn präsentierte die Referentin einen Fall aus ihrer eigenen Sprechstunde: ein 43-jähriger Patient mit Typ-2-Diabetes, Erstdiagnose vor zwei Jahren, Übergewicht (BMI 28 kg/m²) und Hypercholesterinämie. Er erhielt Metformin 1000 mg 1-0-1 und Atorvastatin 20 mg 0-0-1. Aktuell lag der HbA1c-Wert bei 7.2 %.

Therapieziele beim Diabetes mellitus

Aus der UKPDS-Studie lässt sich als allgemeines Therapieziel ein HbA1c-Wert von <7 % ableiten. Bei jüngeren Patienten ohne relevante Komorbiditäten sollten Werte unter 6.5 % angestrebt werden, bei älteren multimorbiden Patienten sind Werte <8.0 % meist angemessener. Zudem sollte die Zeit im Zielbereich mehr als 70 % betragen, ohne dass Hypoglykämien auftreten.

Zu den Fallstricken der HbA1c-Bestimmung gehören unter anderem eine verkürzte Erythrozyten-Überlebensdauer, beispielsweise bei Niereninsuffizienz, sowie eine ausgeprägte Glukosevariabilität, die zu irreführenden Werten führen kann.

Dem 43-jährigen Patienten stellte die Referentin einen 73-jährigen Patienten mit Typ-2-Diabetes, kardiovaskulären Risikofaktoren und Niereninsuffizienz gegenüber. Bei diesem Patienten sei ein HbA1c-Wert von 8.0 % oder auch darüber eher angemessen.

Lebensstilintervention und Remission

Als erste therapeutische Massnahme sollte stets eine Änderung der Lebensgewohnheiten empfohlen werden. In der randomisierten kontrollierten DiRECT-Studie führte eine Gewichtsmanagement-Intervention nach zwei Jahren zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 7.6 kg; 36 % der Teilnehmer erreichten eine Remission ihres Typ-2-Diabetes. Von den 36 Teilnehmern der Interventionsgruppe, die nach zwei Jahren einen Gewichtsverlust von über 10 kg aufrechterhalten konnten, befanden sich 29 (81 %) in Remission. Auch die verlängerte DiRECT-Intervention war mit einem grösseren aggregierten und absoluten Gewichtsverlust verbunden und deutete auf einen verbesserten Gesundheitszustand über fünf Jahre hin.

Die Ernährungsberatung am Universitätsspital sei sehr kompetent, aufgrund der hohen Auslastung jedoch auf bestimmte Patientengruppen beschränkt, so die Referentin. Dazu gehören Patienten mit Typ-1-Diabetes, pankreopriver Diabetes, Typ-2-Diabetes mit Insulinpumpe oder Basis-Bolus-Therapie und Wunsch nach funktioneller Insulintherapie sowie Patienten nach Transplantation oder mit komplexen internistischen Erkrankungen. In den übrigen Fällen erfolge die Betreuung extern.

Fallvignette 2

Anschliessend stellte die Referentin eine 53-jährige Patientin mit seit sieben Jahren bestehendem Typ-2-Diabetes vor. Sie litt an arterieller Hypertonie, Adipositas (BMI 33 kg/m²) sowie chronischen Rücken- und Knieschmerzen, jedoch nicht an diabetischen Spätkomplikationen. Die Zuweisung durch den Hausarzt erfolgte bei einem HbA1c-Wert von 10 % unter Janumet® 50/1000 mg 1-0-1. Janumet® wurde abgesetzt und eine Behandlung mit Mounjaro® (GLP-1/GIP-Rezeptoragonist) begonnen.

Die Referentin verwies in diesem Zusammenhang auf die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für ­Endokrinologie und Diabetologie (SGED), die eine risikoprofilbasierte Therapie empfehlen: Metformin plus SGLT-2-Hemmer bei eGFR >30 ml/min/1.73 m², GLP-1-Rezeptoragonisten bei BMI >28 kg/m² sowie gegebenenfalls DPP-4-Hemmer. Möglich seien auch Kombinationen wie Metformin + GLP-1-RA + SGLT-2-Hemmer, jeweils abhängig von Nierenfunktion, Gewicht und Begleiterkrankungen.

Bei Insulinmangel folgen Basisinsulin oder koformulierte Insuline ein- oder zweimal täglich. Metformin, SGLT-2-Hemmer und GLP-1-RA sollen nach Möglichkeit weitergeführt werden; Sulfonylharnstoffe und DPP-4-Hemmer sollten bei Einsatz eines GLP-1-RA abgesetzt werden.

Kostenübernahme für Mounjaro® bei Typ-2-­Diabetes:

• Unzureichend kontrollierter Diabetes mellitus Typ 2 und BMI ≥ 28 kg/m²
• In Monotherapie bei Kontraindikation oder Unverträglichkeit von Metformin.
• In Kombination mit Basalinsulin mit oder ohne ­Metformin.
• Keine Kombination mit SGLT-2-Hemmern.
• Keine Kombination mit Basis-Bolus
• Umstellung von Ozempic auf Mounjaro möglich, sofern Diabetes nicht kontrolliert ist und BMI ≥ 28 kg/m²
• Rezeptcode für Diabetes: 21977.01.

Wirkung von GLP-1-basierten Medikamenten

GLP-1-basierte Medikamente (Tab. 1) entfalten ihre Wirkung in mehreren Organsystemen. Beschrieben werden unter anderem eine Verbesserung der Insulinsekretion, eine Senkung des HbA1c, Gewichtsverlust, eine Reduktion systemischer Entzündung und der Insulinresistenz sowie günstige Effekte auf Herz, Gefässe, Leber, Niere und obstruktive Schlafapnoe.
Hirn: Substanz-Abusus ↓ , Alzheimer, Parkinson ↓ , Entzündung ↓
Luftwege/Lunge: obstruktive Schlafapnoe ↓
Herz: verbessert HFpEF, Myokardinfarkt ↓
Endokrines Pankreas: Insulin ↑ , Glucagon β, HbA1c ↓
Blutgefässe: Atherosklerose ↓ , Schlaganfall ↓ , periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) ↓
Leber: Inflammation ↓ , Fibrose ↓
Niere: chronische Nierenkrankheit
Systemische Effekte: Inflammation ↓ , Insulin-Resistenz ↓ , Gewichtsverlust ↑

Fallvignette 3

Vorgestellt wurde zudem eine 62-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes (Erstdiagnose 2011), Adipositas (BMI 31 kg/m²), diabetischer Retinopathie, Polyneuropathie und Nephropathie. Sie erhielt Metformin und Ozempic®, der HbA1c-Wert lag aktuell bei 8.2 %. Im Raum stand die Frage: Wechsel auf Mounjaro® oder Beginn mit Jardiance®?

GLP-1-RA versus SGLT-2-Hemmer

Im Vergleich der Substanzklassen zeigte sich: GLP-1-Rezeptoragonisten senken den Blutzucker und das Gewicht stärker, während SGLT-2-Hemmer Vorteile insbesondere bei Herzinsuffizienz und Nierenerkrankung bieten. Bei schweren kardiovaskulären Ereignissen profitieren Patienten von beiden Klassen, bei Schlaganfällen eher von GLP-1-RA (Tab. 2).

Für die Kombination eines GLP-1-RA mit einem SGLT-2-Hemmer wurden 18 Kohortenstudien mit über 1.1 Millionen Patienten zitiert. Die Kombination reduzierte das Risiko für MACE (RR 0.56), die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität, Hospitalisationen wegen Herzinsuffizienz sowie renale Endpunkte. Hinweise auf erhöhte Risiken für schwere Hypoglykämien, diabetische Ketoazidosen oder relevante zusätzliche Nebenwirkungen ergaben sich nicht. Die Therapie richte sich nach dem jeweiligen Risikoprofil gemäss SGED-Empfehlungen; das kardiorenal-metabolische Syndrom werde gemäss den ADA Consensus Guidelines 2026 behandelt.

Fallvignette 4

Im nächsten Fall ging es um eine 60-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes, Adipositas (BMI 32 kg/m²) und arterieller Hypertonie. Sie erhielt Metformin und seit neun Wochen neu Ozempic®, zuletzt 1 mg einmal wöchentlich subkutan. Aktuell klagte sie über Bauchschmerzen und Übelkeit. Diskutiert wurden eine Umstellung auf Mounjaro®, eine Umstellung auf Jardiance® oder eine Dosisreduktion von Ozempic® auf 0.5 mg einmal wöchentlich. Zudem müsse eine Pankreatitis ausgeschlossen werden.

Unter GLP-1-RA besteht ein erhöhtes Risiko für Gastroparese (HR 1.59) und Invagination (HR 1.38). Kein erhöhtes Risiko fand sich für akute Pankreatitis, Cholezystitis, Cholezystektomie, biliäre Tumoren, hepatozelluläres Karzinom oder gastrointestinale Karzinome.

Nebenwirkungen von GLP1-Analoga

Zu den häufigen unerwünschten Wirkungen gehören Übelkeit, Durchfall, Obstipation, Erbrechen, akute Nierenschädigung, Gallenblasenerkrankungen, verzögerte Magenentleerung, Aspiration und eine eingeschränkte Darmmotilität. Diskutiert werden ausserdem neuropsychiatrische Ereignisse und Sarkopenie. Weiterhin unklar bleibt der Zusammenhang mit Pankreatitis, Karzinomen, Schilddrüsenkarzinomen und Retinopathie.

Fallvignette 5

Eine weitere Fallbesprechung betraf einen 67-jährigen Patienten, der mit Bauchschmerzen auf die Notfallstation eingeliefert wurde. Zusätzlich bestanden Übelkeit und Erbrechen bei einem Blutzuckerwert von 9 mmol/l. Zunächst wurde er mit Verdacht auf Gastroenteritis entlassen. Am Folgetag stellte er sich erneut vor, nun in deutlich verschlechtertem Zustand mit Erbrechen, Dyspnoe und Verwirrtheit.

In der Anamnese bestanden Typ-2-Diabetes, arterielle Hypertonie und möglicherweise ein Alkoholabusus. Der Patient erhielt Metformin, Jardiance®, Toujeo® 30 E sowie Antihypertensiva. Klinisch zeigte sich ein GCS von 14, Hypotonie, Tachykardie und eine tachypnoische Kussmaul-Atmung bei Afebrilität. Die Laboruntersuchung ergab eine metabolische Ketoazidose unter SGLT-2-Hemmer-Therapie, die auch bei normnahen Blutzuckerwerten auftreten kann. Es wurden die Sick-Day-Rules angewendet.

SGLT2-Hemmer und urogenitale Infektionen

In einer dänischen Kohortenstudie bei Metformin-Anwendern (52 414 unter SGLT-2-Hemmern vs. 27 023 unter GLP-1-RA) mit einem Follow-up von bis zu fünf Jahren zeigte sich unter SGLT-2-Hemmern kein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfektionen. Das Risiko für genitale Infektionen war dagegen deutlich erhöht, insbesondere im ersten Jahr (2.0 % vs. 0.7 %; RR 2.95). Im Langzeitverlauf nahm dieses Risiko ab, blieb jedoch weiterhin erhöht (nach fünf Jahren RR 1.64).

Fallvignette 6

Ein weiterer Fall betraf einen 71-jährigen Patienten mit bekanntem Typ-2-Diabetes nach Nierentransplantation. Im Verlauf war es zu Komplikationen in Form eines NSTEMI und einer Pneumonie gekommen.

Blutzuckerentgleisungen im Spital

Hyper- und Hypoglykämien sind im stationären Setting mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert. Die Vermeidung akuter Stoffwechselentgleisungen verbessert das klinische Outcome, verkürzt die Hospitalisationsdauer und kann Rehospitalisationen reduzieren.

Eine intensive Glukosekontrolle kann bei schwer kranken Patienten gegenüber ausgeprägten Hyperglykämien vorteilhaft sein. Im Vergleich zu moderateren Zielbereichen zeigt sich jedoch kein konsistenter Nutzen; eine zu strenge Blutzuckereinstellung kann vielmehr mit einer erhöhten Mortalität einhergehen. Im klinischen Alltag ist deshalb eine ausgewogene Glukosekontrolle anzustreben, die Hyperglykämien begrenzt und Hypoglykämien vermeidet.

Wie lassen sich Hypoglykämien vermeiden?

Sulfonylharnstoffe und Insulin, insbesondere Mischinsuline, sollten möglichst vermieden werden. Falls eine Basis-Bolus-Therapie notwendig ist, sollte eine kontinuierliche Glukosemessung erfolgen. Das Basalinsulin ist auf den Nüchternblutzucker zu titrieren. Korrekturen mit schnell wirksamem Insulin vor der Bettruhe sollten unterbleiben. Zudem sollte gezielt nach Symptomen gefragt und die Therapie entsprechend angepasst werden. Unter Tresiba® ist das Hypoglykämierisiko geringer als unter Lantus®.

Blutzuckerkontrolle im stationären Bereich

Critically ill:
Bei anhaltender Hyperglykämie (≥10 mmol/l) wird ein Insulinperfusor empfohlen. Die Zielwerte liegen bei 7.8–10.0 mmol/l, gegebenenfalls bei 6.1–7.8 mmol/l, etwa bei Patienten nach herzchirurgischen Eingriffen. Für den 71-jährigen Patienten wurden Zielwerte von 5.8–10.9 mmol/l genannt. Empfohlen wurden zudem eine Anmeldung zur Diabetesberatung und ein Konsil der Endokrinologie.

Non-critically ill:
Bei anhaltender Hyperglykämie (≥10 mmol/l) sollte eine Insulintherapie erwogen werden. Die Zielwerte liegen bei 5.6–10.0 mmol/l; Hypoglykämien sind konsequent zu vermeiden.

Fallvignette 7

Vorgestellt wurde ausserdem eine 37-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes und unzureichender Blutzuckerkontrolle unter Metformin, Ozempic®, Tresiba® 60 E/Tag sowie NovoRapid® etwa 40 E pro Mahlzeit.

Die Zeit in den Zielbereichen zeigte eine ausgeprägte Hyperglykämiebelastung: 29 % der Werte lagen im sehr hohen Bereich (>13.9 mmol/l), 43 % im hohen Bereich (10.1–13.9 mmol/l) und nur 28 % im Zielbereich (3.9–10.0 mmol/l). Hypoglykämien traten nicht auf.

Diskutiert wurden mögliche sekundäre Ursachen sowie praktische Fragen zur Insulinapplikation: Wurde das Insulin korrekt appliziert? Erfolgte ein regelmässiger Wechsel der Pennadeln? Lagen Lipodystrophien vor? Und wurde das Insulin überhaupt gespritzt?

Es zeigte sich, dass Toujeo® in den letzten Wochen nicht appliziert worden war. Als Gründe wurden brennende Schmerzen nach Injektion von 60 E Tresiba® FlexTouch® 100 E/ml sowie die Angst vor Hypoglykämien und entsprechenden Symptomen bereits bei Werten um 6 mmol/l genannt. Als mögliche Alternativen wurden ein Wechsel auf Tresiba® 200 E/ml oder Toujeo® SoloStar® 300 E/ml diskutiert.

Hypoglykämiewahrnehmung und Hypo­glykämieangst

Beim gesunden Menschen setzt die Gegenregulation bei einem Blutzuckerwert von etwa 4 mmol/l ein. Nach chronischen Hypoglykämien erfolgt die Reaktion oft erst bei tieferen Werten, bei chronischen Hyperglykämien dagegen bereits bei höheren Werten.

Die Hypoglykämieangst wurde anhand einer Untersuchung bei 385 Patienten mit Typ-2-Diabetes thematisiert. Besonders häufig genannt wurden die Sorge, eine Hypoglykämie nicht zu erkennen, keine Nahrung zur Verfügung zu haben, eine hypoglykämische Episode allein zu erleben, sich benommen oder schwindlig zu fühlen oder in der Öffentlichkeit ohnmächtig zu werden. Ebenfalls relevant waren Ängste vor dauerhaften Gesundheitsschäden, Fehlern oder Unfällen, fehlender Hilfe während einer Hypoglykämie, Konzentrationsstörungen sowie sozialer Blamage.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

  • individuelle HbA1c-Ziele
  • CGM verbessert Diagnostik und Therapie
  • Lebensstilinterventionen können eine Remission ­ermöglichen
  • GLP-1-basierte Medikamente und SGLT2-Inhibitoren nach Komorbiditäten auswählen
  • unter GLP-1-basierten Medikamenten vor allem ­gastrointestinale Nebenwirkungen beachten
  • unter SGLT2-Inhibitoren an die seltene euglykämische Ketoazidose denken
  • stationäre Hyper- und Hypoglykämieentgleisungen ­vermeiden
  • Hypoglykämieangst aktiv ansprechen

Paul Klee: Seine letzten Bilder waren bestürzender ­Ausdruck seiner Krankheit

Die Krankheiten des weltbekannten Malers und Graphikers Paul Klee haben zahlreich Fachleute, Kunsthistoriker und Mediziner, beschäftigt. Klee ist 1935, in seinem 56. Lebensjahr, an einer progressiven Sklerodermie erkrankt. In den verbleibenden fünf Jahren hat er mit der Krankheit und dem begleitenden Systembefall zunehmend Beschwerden erlitten bis er an den Folgen einer Myokarditis verstarb.

Patient: Paul Klee
Geboren: 18. Dezember 1879, Münchenbuchsee BE
Gestorben: 29. Juni 1940, Muralto TI

Über Paul Klee gibt es keine Krankenakten, keine ärztlichen Aufzeichnungen oder Röntgenbilder: sie sind nach seinem Tod bei einem Feuer im Sanatorium von Muralto TI zerstört worden.

1979 gab die Schweizerische Post zum hundertsten Geburtstag von Paul Klee eine Briefmarke heraus.

Als junger Mann schrieb Klee von 1898 bis 1918 ein Tagebuch. Trotz seines ausgeprägten Konsums von Tabak und Alkohol finden sich darin keine Hinweise auf ernsthafte Gesundheitsstörungen. In seiner privaten Korrespondenz gibt es 1933 erste Hinweise, dass Klee sich in warmem Klima besser fühlte als in kaltem. Dies könnte möglicherweise eines der ersten Anzeichen eines Raynaud-Syndroms sein, das als Frühsymptom der generalisierten Sklerodermie durch rezidivierende akrale vasospastische Attacken, die durch Kältereize provoziert werden, charakterisiert ist. Klee klagte über zunehmende Abgeschlagenheit und Müdigkeit.

Pathographien von Paul Klee stützen sich weitgehend auf Briefe seiner Frau Lily an ihre Freundinnen Nina Kandinsky und Gertrud Grohmann, Ehefrau des Kunsthistorikers Will Grohmann. Dieser veröffentlichte 1954 eine Biographie über seinen langjährigen Freund Paul Klee.

Lily Klee schrieb gern und oft Briefe und dokumentiert den Gesundheitszustand ihres Mannes lückenlos und ausführlich. Aufgrund ihrer Beschreibungen kann Paul Klees Krankheit in drei Phasen rekonstruiert werden.

Anfangs kein pathogenetischer ­Zusammenhang sichtbar

Die erste Phase reichte von etwa August 1935 bis Januar 1938. Der Patient litt unter verschiedenen Krankheiten, die zunächst nicht in einen pathogenetischen Zusammenhang gesehen werden konnten. Er erkrankte 1935 an Masern und erholte sich nur sehr langsam. Es traten Belastungsdyspnoe, Gelenkschmerzen und Schluckbeschwerden auf, typische Symptome von Organmanifestationen der systemischen Sklerose.

Lily Klee berichtete über eine schwere Bronchitis ihres Mannes. Diese entwickelte sich während acht Wochen zu einer doppelseitigen Lungenentzündung mit Pleuritis und begleitender «Herzerweiterung». Klee hatte vier Wochen lang hohes Fieber, seine Haut schälte sich, so seine Frau.

Im April 1936, gut sechs Monate nach Beginn der Krankheit, zeigte ein Röntgenbild des Thorax noch Reste der Lungenentzündung. Im gleichen Jahr wurde erstmals die Diagnose «Sklerodermie» gestellt, nachdem ursprünglich auch eine chronische Vergiftung durch die von Klee verwendeten Farben vermutet wurde. Als Massnahmen wurden Badekuren in warmen Klimazonen empfohlen. Klee wurde angewiesen, das Rauchen einzustellen. Diese unspezifischen Therapien brachten allenfalls geringe Verbesserungen.

Im Januar 1937 litt Klee an einer Grippe. Zudem hatte er infolge eines Magengeschwürs eine Magenblutung. Schon vor der Magenblutung wurde er mit einem oralen Eisenpräparat gegen Anämie behandelt. Diese Therapie wurde einige Zeit später mit intramuskulären Injektionen weitergeführt. Ende 1937 verboten die behandelnden Ärzte Klee das Geigenspielen, das er bisher als passionierter Hausmusiker betrieben hatte. Möglicherweise lässt sich daraus auf eine Arthritis der Interphalangealgelenke, auf Rattenbissnekrosen oder sogar ein Raynaud-Phänomen schliessen. Art und Ausmass des Befalls können heute nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Seit Beginn der Bronchitis bis zu seinem Tod zog sich der Bericht über die Notwendigkeit einer «Diät» wie ein roter Faden durch die Korrespondenz.

Ringen um fundierte Diagnose

In der zweiten Phase von Januar 1938 bis Mai 1940 war das Allgemeinbefinden Paul Klees besser, nur gelegentlich berichtete seine Frau von Problemen mit Magen oder Verdauung.
Primäres Ziel war die Behandlung des Ulcus ventriculi, da man in den 1940er Jahren keine andere Therapiemöglichkeit kannte. Ausserdem musste der Patient nach langer Krankheitsphase wieder zunehmen. Im Verlauf kann auch auf eine Ösophagussklerose geschlossen werden, die anfangs möglicherweise noch von den Auswirkungen der Bronchitis überlagert gewesen sein mag.

Bei Klees Ärzten ist deutlich ein Ringen um eine fundierte Diagnose zu erkennen. Nachdem feststand, dass die verschiedenen Krankheitsbilder eine gemeinsame Ursache haben mussten, wurde wahrscheinlich zumindest im Kollegenkreis die Diagnose Sklerodermie gestellt. Sicher ist, dass die Ärzte die beiden wesentlichen Theorien ihrer Zeit zur Entstehung der Sklerodermie diskutierten. Sie versuchten, mit allen zur Verfügung stehenden Untersuchungen, die eine oder andere Theorie zu erhärten.

Die Produktivität von Klee ging deutlich zurück. Trotzdem war er nach Umstellung seines Malstils in seinen letzten Lebensjahren noch immer sehr schaffensfreudig. Im Gegensatz zu seinen komplexen filigranen Darstellungen der frühen Jahre waren die Bilder jetzt durch einfache Pinselstriche als Ausdrucksmittel gekennzeichnet. Klee benutzte jetzt grössere Pinsel. Wegen der zunehmenden Sklerodaktylie und Flexionskontrakturen der Fingergelenke konnte er diese besser halten und führen. Klee stellte zunehmend sein eigenes Leiden und seine Empfindungen bildhaft dar. Gegenüber Aussenstehenden sprach er so gut wie nie über seine Krankheit. In seinen Zeichnungen drückte er dagegen immer mehr sein verändertes Körpergefühl aus und seine Empfindungen, dass bestimmte Teile nicht mehr zum eigenen Körper gehörten und ein durch die Sklerodermie bedingtes Eigenleben führten oder schon abgestorben waren. Klees Bilder und Zeichnungen der letzten Jahre sind ein bestürzender Ausdruck eines an einer unheilbaren Krankheit leidenden Individuums, schrieb der Kunsthistoriker G. Wolf 1999 in einem Beitrag «How Paul Klee’s illness influenced his art» in «Lancet».

«Es ist an der Zeit»

Soweit bekannt, hinterliess Klee keine schriftlichen Aufzeichnungen über die subjektiven Empfindungen seiner Erkrankung. Jedoch schrieb er im Januar 1940 an den Kunsthistoriker Will Grohmann: «Natürlich komme ich nicht von ungefähr ins tragische Gleis, viele meiner Blätter weisen darauf hin und sagen: es ist an der Zeit.»
In den letzten acht Wochen beherrschte das Symptom der Herzinsuffizienz das klinische Bild. Laut Totenschein starb Paul Klee am 29. Juni 1940 an einer Myokarditis. Retrospektiv legt die Analyse der Befunde wohl ein Mischkollagenose zwischen Sklerodermie und Lupus erythematosus nahe, also eine «Mixed connective tissue disease» oder ein «Overlap-Syndrom». Es wurde keine Autopsie durchgeführt. Auf dem Grabstein von Paul Klee steht der Spruch «Diesseitig bin ich gar nicht fassbar», den er als sein Programm ansah. Er charakterisiere den Künstler Klee so, wie er gern gesehen werden wollte, schrieb Klees Biografin Susanna Partsch.

Jörg Weber

Quellen: Castenholz G.: Der Maler Paul Klee… und seine Krankheit: von der schwierigen
Diagnosestellung einer Mischkollagenose, Schweiz. Ärztezeitung, 2005
Castenholz R.: Die progressive systemische Sklerose. Görich und Weiershhäuser, Marburg, 2000
Wolf G: How Paul How Paul Klee’s illness influenced his art. Lancet, 1999
Brief von Lily Klee vom 2. Dezember 1936, zit. nach Glaesemer J.; Paul Klee – Handzeichnungen III 1937 – 1940. Paul-Klee-Stiftung, Bern, 1979 Et al.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Vertiges chroniques du sujet âgé

Chez les personnes âgées, les syndromes vestibulaires chroniques sont fréquents, multifactoriels et sources de chutes, d’ anxiété et de perte d’ autonomie. L’ approche doit être globale, centrée sur le patient, avec évaluation interdisciplinaire, revue de la médication et rééducation vestibulaire adaptée. La prise en soins vise à maintenir l’ indépendance fonctionnelle et la qualité de vie. Le médecin généraliste joue un rôle clé dans la coordination de cette prise en charge et le soutien au patient.

In the elderly, chronic vestibular syndromes are frequent, multifactorial and a source of falls, anxiety and loss of autonomy. The approach must be comprehensive and patient-centred, with interdisciplinary assessment, medication review and tailored vestibular rehabilitation. Care is aimed at maintaining functional independence and quality of life. The general practitioner plays a key role in coordinating this care and supporting the patient.
Keywords: Chronic vestibular syndrome, Dizziness in older adults, Postural instability, Vestibular rehabilitation, Geriatric assessment

Une plainte de vertige, surtout chez une personne âgée (PA) et a fortiori lorsqu’elle est chronique, peut parfois dérouter même un·e clinicien·ne expérimenté·e. Le texte qui suit propose une perspective gériatrique et quelques repères, fondés sur une revue non exhaustive de la littérature, pour accompagner les PA souffrant d’un syndrome vestibulaire chronique (SVC).

Cet article n’aborde ni l’approche diagnostique ni les prises en soins thérapeutiques des syndromes vestibulaires aigus, car ceux-ci font déjà l’objet de recommandations (1, 2) ou d’articles (3). Leurs approches chez les PA sont similaires à celle des patient·e·s plus jeunes.

Concepts et définitions

Il convient d’abord de rappeler que la nomenclature a changé: l’International Classification of Vestibular Disorders (ICVD) se concentre désormais sur la temporalité (le timing) et sur les déclencheurs de la plainte (le trigger) pour poser un diagnostic;
ces deux éléments étant souvent mieux décrits par les patient·e·s. Le timing précise si la sensation est épisodique ou chronique; le trigger indique si elle est spontanée ou si elle commence après un mouvement ou un évènement.

Désormais, toutes les plaintes subjectives de sensations vertigineuses, souvent exprimées par des termes vagues et interchangeables: étourdissements, tangage, flottement, déséquilibre ou instabilité, vertiges, marche hésitante ou chancelante, etc., sont regroupées sous l’appellation de «syndrome vestibulaire» (SV), qui désigne toute sensation désagréable compromettant la stabilité posturale du·de la patient·e.

L’ICVD classe les maladies et les troubles selon la durée des symptômes en syndromes aigus, épisodiques ou chroniques (4). Les SVC désignent des troubles continus ou récurrents, persistant au-delà d’au moins 3 mois. Les symptômes peuvent évoluer au fil du temps et passer d’intermittents à continus.

Physiopathologie

Un SV résulte généralement d’une atteinte du système vestibulaire, composé du vestibule (véritable accéléromètre tridimensionnel, situé dans le rocher), du nerf vestibulaire et des noyaux vestibulaires du tronc cérébral. Il agit en coordination avec les systèmes visuel et proprioceptif pour assurer la stabilité oculomotrice et l’équilibre.

Bien que la fonction vestibulaire reste relativement stable jusqu’à un âge avancé, le système vestibulaire subit avec le vieillissement des modifications dégénératives: diminution du nombre de cellules ciliées sensorielles et de neurones dans les organes vestibulaires, diminution du nombre et altérations morphologiques des otolithes (5, 6). Ce processus, nommé presbyvestibulopathie, est rarement isolé (7). Il s’accompagne souvent d’atteintes multisensorielles ou de perturbations centrales, contribuant à la chronicité des SV.

Épidémiologie

Les SV représentent au moins 7 % des consultations en soins primaires chez les plus de 65 ans (8). Les SVC sont plus fréquents avec l’âge (9), en particulier chez les femmes (potentiel biais démographique). La prévalence varie entre 3.4 % et 30 % après 60 ans, contre 0.5 % avant 40 ans (10).

Les SV sont souvent récurrents (87 %) et perturbent fortement la vie quotidienne (80 %) (11). Chez les PA, leurs durées sont fréquemment plus longues (12, 13). Un SVC majore le risque de chute chez la PA (14): 53.3 % ont chuté au moins une fois par an et 29.2 % chutent de façon répétée (13, 15). Aussi, avec la persistance des troubles, l’impact empire, jusqu’au handicap: peur accrue de tomber (14), inactivité physique puis limitation fonctionnelle (16), isolement social et dépression (17) ou troubles anxieux (jusqu’à 29.5 %) (17, 18).

Manifestations cliniques

Le SV inclut des troubles de l’équilibre et de la marche (ataxie vestibulaire) et, lorsque les sensations sont intenses, des symptômes neurovégétatifs d’accompagnement (nausées, vomissements, pâleur, sueurs, etc.). Quelle qu’en soit la cause, il est systématiquement aggravé par les mouvements de tête, suggérant l’atteinte du système vestibulaire. Le caractère giratoire n’est pas spécifique; et inversement, l’absence de sensation de rotation n’exclut pas un trouble vestibulaire.

La présence de signes auditifs associés oriente vers une origine périphérique, mais n’est pas pathognomonique: une ­hypoacousie peut aussi refléter une atteinte centrale, notamment en cas d’ischémie de l’artère cérébelleuse antéro-inférieure. Enfin, des signes tels que la perte de connaissance ou l’impossibilité totale de se tenir debout ne s’observent jamais dans un SV périphérique isolé et doivent faire évoquer une origine centrale.

Chez les PA, la présentation est souvent floue (Tab. 1): le déséquilibre à la marche domine, le vertige stricto sensu étant au second plan ou absent. Le·la patient·e peut décrire des embardées latérales lors de la marche ou d’une simple instabilité. En revanche, il n’y a pas d’élargissement du polygone de sustentation ni d’hypermétrie dans un SV isolé.

Causes

Les causes sont variées, allant des lésions de l’oreille interne à des anomalies au niveau du tronc cérébral. La polymédication est souvent impliquée, bien que sous-estimée (19). Les causes sont listées en Fig. 1 (20).

La complexité réside la plupart du temps dans l’origine multifactorielle des SVC et leurs associations à une atteinte multisensorielle (diminution de la vision, proprioception altérée, troubles cognitifs), majorant l’instabilité et la dépendance (21).

Le diagnostic de SV cervical reste controversé. Lorsqu’un mouvement combiné de la tête et du cou déclenche un SV, il s’agit le plus souvent d’un trouble vestibulaire connu ou d’une atteinte centrale. La migraine vestibulaire est la cause la plus fréquente d’association avec cervicalgies. La tension musculaire cervicale fréquemment observée chez les patient·e·s souffrant de troubles vestibulaires semble davantage liée à une limitation des mouvements de la tête qu’à une cause primaire cervicale (22).

Évaluation

À l’instar des chutes, les SVC peuvent être appréhendés comme un syndrome gériatrique (18). Ils doivent faire l’objet d’une évaluation systématique, multifactorielle et idéalement interprofessionnelle. L’évaluation vise à analyser les capacités et ressources personnelles de l’individu, en prenant en compte son autonomie, ses comorbidités, son environnement et son mode de vie. L’exploration du contexte psychologique et des différents domaines de vie permet au·à la patient·e d’exprimer ses besoins, objectifs et difficultés, en vue d’un diagnostic éducatif. L’acronyme «SO STONED» est un exemple de moyen mnémotechnique pour structurer l’entretien (23). Les informations clés sont résumées dans le Tab. 2.

Une revue critique de la médication, au moins annuelle, est essentielle. De nombreuses substances (médicaments, toxiques environnementaux) peuvent provoquer ou aggraver des SV, par ototoxicité ou effet central (Tab. 3) (25, 26). Or, près de 50 % des PA polymédiquées reçoivent un médicament à risque (27). L’intervention d’un pharmacien clinique est précieuse pour identifier les prescriptions inappropriées.

Même sans lunettes de Frenzel ou parfaite maîtrise de la manœuvre de Dix-Hallpike, des éléments utiles peuvent être recueillis à l’examen physique. Celui-ci recherche d’abord les critères de gravité, puis évalue le risque de chute. Les examens vestibulaire, neurologique, orthopédique et postural sont nécessaires; l’hypotension orthostatique doit être systématiquement recherchée. Une évaluation otoscopique et audiométrique, même sommaire, reste importante (Tab. 4).

Sur le plan paraclinique (Tab. 5), il faut penser à l’anémie ferriprive et l’hyponatrémie si le·la patient·e présente des facteurs de risque. L’IRM, en revanche, n’est indiquée que si justifiée cliniquement: une étude communautaire chez des patient·e·s de 65 ans et plus montre qu’une IRM de routine révèle rarement une cause spécifique (28).

Un avis ORL est systématique. Une expertise neurologique ou cardiologique peut être nécessaire selon les situations. Les explorations ORL évaluent l’état audiovestibulaire et orientent la prise en soins.

Prise en soin

Objectifs

L’évaluation vise à élaborer un plan de traitement personnalisé pour apporter une solution durable à des patient·e·s complexes, favoriser la prévention plutôt que l’intervention aiguë et maintenir la capacité fonctionnelle plutôt que rechercher la guérison. Cette approche centrée sur le·la patient·e est plus efficace qu’une approche uniquement axée sur la maladie.

Interprofessionnalité

Une prise en soin interprofessionnelle tenant compte des comorbidités est essentielle pour répondre aux besoins spécifiques de chaque patient·e. Quelles que soient les causes identifiées, certains principes sont à considérer systématiquement pour une prise en soin efficace de tout SVC. Enfin, il faudra mettre en œuvre les traitements spécifiques des causes sous-jacentes identifiées, comme les manœuvres libératoires itératives pour le vertige positionnel paroxystique bénin, en veillant à instruire le·la patient·e.

Rééducation vestibulaire

La rééducation vestibulaire constitue le pilier de la prise en soin, en particulier dans les atteintes périphériques (29). Elle combine des exercices sollicitant la vue et la proprioception (tels que fixer une image en mouvement ou une image stable en bougeant la tête), des techniques d’habituation, des manœuvres de repositionnement et, si nécessaire, des interventions assistées par la technologie. Les avancées récentes en réalité virtuelle, capteurs portables ou télérééducation offrent des perspectives prometteuses pour adapter les exercices aux besoins individuels, objectiver les progrès et renforcer l’adhésion au traitement.

Cette prise en soin vise à restaurer l’équilibre par d’autres modalités sensorielles, améliorer la stabilisation du regard, réduire les symptômes et limiter les complications, notamment le risque de chute. Une approche «senior friendly» complète ce dispositif par des exercices adaptés, à poursuivre au domicile, destinés à maintenir l’indépendance fonctionnelle. Depuis le 1er novembre 2024, il est possible de trouver facilement un physiothérapeute spécialisé grâce au moteur de recherche de Physioswiss, en sélectionnant l’option de filtre «thérapie vestibulaire».

Place des médicaments

Dans les SVC, les traitements médicamenteux présentent généralement une balance bénéfices-risques défavorable. La cinnarizine est un neuroleptique caché aux trop nombreux effets indésirables; selon les données disponibles, la bétahistine n’est pas plus efficace qu’un placebo (30), mais expose à des effets indésirables (31, 32). Quant à l’homéopathie, certains patients décrivent des améliorations relevant de l’effet placebo.

Aspects psychologiques et sociaux

Parce que les SVC peuvent générer une détresse importante (peur de sortir, crainte d’être vu en train de tituber ou de chuter en public, anxiété face à l’imprévisibilité des épisodes, antécédents de traumatismes liés aux vertiges), un accompagnement psychologique peut s’avérer précieux. La tolérance aux SVC dépend de facteurs individuels (personnalité, attentes, capacités d’adaptation). Même sans programme structuré, un temps d’explication améliore l’adhésion et l’implication dans la prise en soins. Les thérapies cognitivo-comportementales aident à gérer l’anxiété et à sortir des stratégies d’évitement. L’ergothérapie complète cette approche en facilitant l’adaptation aux gestes du quotidien et en sécurisant l’environnement.

Conclusion

Chez les PA, les SVC nécessitent une approche globale, associant rééducation, adaptation thérapeutique et prévention des chutes. Les interventions interprofessionnelles permettent d’optimiser la prise en soins. Le·la médecin de premier recours, pilier du suivi global, assure à la fois la coordination des soins et un accompagnement psychologique essentiel. Les SVC peuvent être pris en charge par des stratégies préventives et personnalisées, qui visent à préserver l’autonomie, à limiter les complications et à améliorer la qualité de vie.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr Julien Le Breton

Spécialiste en médecine interne générale,
spéc. Gériatrie, membre FMH
Place de l’ Etrier 4
1224 Chêne-Bougeries

julien.lebreton@amge.ch

L’ auteur n’ a pas déclaré de conflit d’ intérêt en rapport avec cet article.

  • Les syndromes vestibulaires chroniques sont fréquents chez les ­personnes âgées et résultent souvent de causes multiples, incluant le vieillissement vestibulaire et des troubles multisensoriels.
  • Ils entraînent un risque accru de chutes, une perte d’ autonomie, de l’ isolement social et des troubles anxieux ou dépressifs.
  • Leur prise en charge doit être globale, personnalisée et interprofessionnelle, incluant une évaluation gériatrique complète et une revue critique de la médication.
  • La rééducation vestibulaire est le traitement de choix, bien plus ­efficace que les traitements médicamenteux, souvent inadaptés et à risque.
  • Le médecin généraliste a un rôle central dans la coordination des soins et l’ accompagnement des patients vers le maintien de leur autonomie.

1. Edlow JA, Carpenter C, Akhter M, Khoujah D, Marcolini E, Meurer WJ, et al. Guidelines for reasonable and appropriate care in the emergency department 3 (GRACE-3): Acute dizziness and vertigo in the emergency department. Acad Emerg Med. 2023;30(5):442‑86.
2. Haque F, Gaspoz A. Vertiges [Internet]. Stratégies de médecine de premier recours (SMPR) des Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG); 2024 [cité 22 avr 2025]. Disponible sur: https://www.hug.ch/sites/interhug/files/2024-09/strategie_vertiges_1.pdf
3. Ferrer Soler C, Margot V, Papa S, Guyot JP. Prise en charge des vertiges chez la personne âgée. Rev Med Suisse. 9 nov 2016;538:1893‑7.
4. Bisdorff AR, Staab JP, Newman-Toker DE. Overview of the International Classification of Vestibular Disorders. Neurol Clin. août 2015;33(3):541‑50, vii.
5. Paplou V, Schubert NMA, Pyott SJ. Age-Related Changes in the Cochlea and Vestibule: Shared Patterns and Processes. Front Neurosci [Internet]. 3 sept 2021 [cité 13 mai 2025];15. Disponible sur: https://www.frontiersin.org/journals/neuroscience/articles/10.3389/fnins.2021.680856/full
6. Sakka L, Vitte E. Anatomie et physiologie du système vestibulaire: Revue de la littérature. Morphologie. 1 oct 2004;88(282):117‑26.
7. Müller KJ, Becker-Bense S, Strobl R, Grill E, Dieterich M. Chronic vestibular syndromes in the elderly: Presbyvestibulopathy—an isolated clinical entity? Eur J Neurol. 1 juin 2022;29(6):1825‑35.
8. Sloane PD, Coeytaux RR, Beck RS, Dallara J. Dizziness: State of the Science. Ann Intern Med. mai 2001;134(9_Part_2):823‑32.
9. Iwasaki S, Yamasoba T. Dizziness and Imbalance in the Elderly: Age-related Decline in the Vestibular System. Aging Dis. 6(1):38‑47.
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Indicateurs Kidney Care pour mesurer la prise en charge ­rénale en Suisse

La maladie rénale chronique (MRC) est une affection importante, mais souvent sous-diagnostiquée et sous-traitée. Sur la base des recommandations de la Société Suisse de Néphrologie (SSN) et de Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO), un ensemble de 12 indicateurs fondés sur des données probantes a été élaboré pour évaluer la qualité des soins prodigués aux groupes à risque et aux personnes atteintes de MRC, en termes de processus et d’atteinte des objectifs liés à la «santé rénale». Cet ensemble d’indicateurs a été testé sur un vaste ensemble de données de routine provenant de médecins généralistes. Les résultats se sont révélés très hétérogènes, avec des taux de conformité parfois élevés, allant d’une médiane de 86.8 % pour la non-prescription d’AINS à 18.3 % pour l’évaluation du DFGe et de l’albuminurie chez les patients hypertendus. Dans l’ensemble, il a été démontré que cet ensemble d’indicateurs constituait un modèle pragmatique, fondé sur des preuves et facile à utiliser pour évaluer la qualité des soins rénaux prodigués aux patients à risque et aux patients atteints de MRC.

Chronic kidney disease (CKD) is a significant but often underdiagnosed and undertreated condition. Based on the recommendations of the Swiss Society of Nephrology (SSN) and Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO), an evidence-based set of 12 indicators was developed to map the quality of care for at-risk groups and those affected by CKD with regard to processes and target achievement related to kidney health. This set of indicators was tested on a large dataset of routine primary care data, revealing highly heterogeneous results, with some high compliance rates ranging from a median of 86.8 % for non-prescription of NSAID to 18.3 % for eGFR and albuminuria assessment in patients with arterial hypertension. Overall, it was shown that the present set of indicators represents a pragmatic, evidence-based and easily applicable template to depict the quality of kidney care of patients at risk or affected by CKD.
Keywords: Chronic kidney disease, quality indicators, primary care, kidney care, chronic care

Introduction

La maladie rénale chronique (MRC) constitue un défi sanitaire majeur. En mai 2025, l’OMS a adopté une résolution visant à reconnaître la MRC comme une priorité sanitaire mondiale et à la combattre. L’organisation souhaite inciter les pays à mieux intégrer les soins rénaux dans leurs stratégies nationales de santé, à améliorer la prévention, le dépistage précoce et le traitement de la MRC, ainsi qu’à renforcer les services de santé primaires (1).

Actuellement, environ 10 % de la population adulte mondiale et suisse est touchée par une MRC, mais plus des deux tiers des cas ne sont pas diagnostiqués (2–4). Les patients atteints du MRC ont un risque plus élevé de mourir prématurément que de développer une insuffisance rénale terminale. Selon les prévisions, le MRC sera la cinquième cause de décès dans le monde d’ici 2040. Les personnes atteintes du MRC qui atteignent le stade terminal, c’est-à-dire une insuffisance rénale terminale, et qui ont besoin d’un traitement de substitution rénale, comme la dialyse ou la transplantation rénale, voient leur qualité de vie réduite et engendrent des coûts de santé considérables. Dans les pays industrialisés, on estime actuellement que 2 à 3 % du budget annuel de la santé est consacré aux traitements de substitution rénale, comme la transplantation rénale et la dialyse. Avec une prévalence croissante et des coûts en augmentation, la MRC représente une charge considérable pour le système de santé publique. En Suisse, on s’attend à ce que le nombre de personnes touchées atteigne 1.03 million d’ici 2032, ce qui entraînerait des coûts estimés à 4.2 milliards de francs (8, 9).

Ces chiffres soulignent la nécessité d’un dépistage précoce efficace chez les groupes à risque et d’une prise en charge optimale de la maladie dans le cadre des soins primaires, afin de réduire autant que possible la mortalité et le recours à des traitements de substitution rénale, et d’améliorer la qualité de vie des patients.

Dans ce contexte, la Société Suisse de Néphrologie (SSN) a publié des recommandations simples à l’intention des spécialistes en médecine interne générale/médecine de famille pour dépister précocement le MRC chez les groupes à risque, en s’appuyant sur les recommandations internationales de Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) (10, 11). Le dépistage régulier des patients atteints de diabète sucré, d’hypertension artérielle et de maladies cardiovasculaires à l’aide du DFGe et du rapport albumine/créatinine dans l’urine (RACU) est au cœur de ces recommandations, afin de détecter précocement une MRC, de détecter à temps sa progression et de la traiter de manière adéquate.
Selon les recommandations actuelles, une MRC est définie comme un trouble structurel ou fonctionnel des reins persistant depuis plus de trois mois et ayant des répercussions sur la santé. Le diagnostic de MRC peut etre pose si au moins l’un des criteres suivants persiste pendant plus de trois mois (10, 11):
1. débit de filtration glomérulaire estimé (DFGe) < 60 ml/min/1.73 m2 et/ou
2. un quotient albumine/créatinine (ACR) ≥ 30 mg/g et/ou
3. des indicateurs morphologiques de lésions rénales, tels que des modifications du sédiment urinaire, des modifications histologiques ou des lésions rénales structurelles.
Sur la base de ces paramètres, la MRC est classée en cinq catégories de DFGe (G1 à G5) et en trois stades d’albuminurie (A1 à A3) (Fig. 1).

Une analyse de la qualité des soins prodigués aux patients atteints du MRC dans le cadre du projet FIRE-CKD a toutefois révélé un potentiel d’amélioration significatif concernant la mise en œuvre des recommandations existantes. À cette fin, le respect de quatorze indicateurs de qualité fondés sur des données probantes relatifs à la prise en charge de la MRC a été évalué sur une ­certaine période dans les cabinets de médecine générale affiliés au projet FIRE. Il est frappant de constater que seuls 18.1 % des patients atteints de MRC ont bénéficié d’une mesure du RACU au cours des 18 mois de suivi. Ces résultats mettent en évidence des lacunes dans la pratique actuelle des soins primaires, qui doivent être comblées. La mise en œuvre des recommandations de la SSN dans la pratique reste un défi pour de nombreux médecins généralistes, qui ont besoin d’une aide systématique pour appliquer les directives.

Une approche prometteuse pour soutenir la gestion des maladies chroniques consiste à mettre en place des indicateurs de qualité et des scores d’adhésion permettant de quantifier les stratégies de traitement fondées sur des données probantes. Ces indicateurs et scores permettent de mesurer simplement et efficacement la qualité des soins médicaux, et de prendre conscience des lacunes dans les traitements et des possibilités d’optimisation. Le score SSED, proposé en Suisse comme premier instrument de mesure de la qualité des soins dans le domaine du diabète, est basé sur des normes internationales telles que le «Diabetes Recognition Program» du National Committee for Quality Assurance (NCQA) et de l’American Diabetes Association (ADA), et a été adapté au contexte suisse par la Société Suisse d’Endocrinologie et de Diabétologie (SSED) (13, 14). Le score CARE a été développé pour évaluer la qualité des soins dispensés aux patients présentant un risque cardiovasculaire. Il permet de refléter de manière fiable et reproductible les performances d’un collectif de médecins généralistes ou d’un médecin généraliste individuel (15).

Les exemples du score SSED et du score CARE illustrent le succès de la collaboration interdisciplinaire entre médecins spécialistes, sociétés spécialisées et recherche sur les services de santé en Suisse. Cette collaboration est essentielle pour générer des données permettant d’évaluer les pratiques actuelles, de surmonter les obstacles à la mise en œuvre de nouvelles recommandations et stratégies, et d’améliorer continuellement la qualité des soins.

En tant qu’experts en recherche sur les soins de santé, en médecine générale, en médecine interne générale et en néphrologie, les auteurs se sont réunis au sein d’un groupe de travail afin de compiler un ensemble d’indicateurs destinés à soutenir les soins rénaux en Suisse, à partir des exemples que sont les scores SSED et CARE. L’ objectif est de favoriser le dépistage précoce et systématique du MRC dans les soins primaires et de faciliter la prise en charge des patients atteints du MRC.

L’ ensemble d’indicateurs Kidney Care a ensuite été utilisé pour calculer, à partir de la base de données FIRE, son degré de réalisation pour l’ année 2024, afin de représenter l’état actuel des soins rénaux prodigués aux groupes à risque et aux personnes atteintes d’IRC par un grand nombre de médecins généralistes. L’ensemble d’indicateurs Kidney Care peut servir de base à un score d’adhésion permettant de mesurer la qualité des soins prodigués aux patients atteints d’insuffisance rénale.

Méthodologie: l’ensemble d’indicateurs Kidney Care

À partir de juillet 2024, les auteurs ont formé un groupe de projet interdisciplinaire composé d’experts en recherche sur les soins de santé, en médecine interne générale et en néphrologie, afin de développer un outil d’évaluation de la qualité des soins rénaux en Suisse, en s’appuyant sur les expériences acquises avec les scores SSED et CARE.

L’objectif était de compiler un ensemble pragmatique et fondé sur des preuves d’indicateurs de qualité, sur une base académique, qui montre la qualité des soins prodigués aux groupes à risque et aux personnes atteintes d’IRC, en termes de processus et d’atteinte des objectifs liés à la «santé rénale», et qui décrit les efforts visant à réduire la progression de l’IRC. Les différents indicateurs sont basés sur les recommandations de la Société Suisse de Néphrologie (SSN) et du KDIGO.

Ces indicateurs devraient pouvoir être calculés à partir des données de routine habituelles des médecins généralistes, qui doivent être documentées dans le cadre de la prise en charge des patients à risque, conformément aux directives. L’objectif de cet ensemble d’indicateurs est de fournir à chaque médecin, à long terme, un aperçu simple et pragmatique de sa «performance» en matière de respect des directives dans le cadre de ses propres soins, sous la forme d’un tableau de bord. Les résultats des indicateurs de qualité Kidney Care peuvent également être utilisés dans des cercles de qualité ou des réseaux pour mettre en place des mesures de qualité. À long terme, il serait souhaitable de disposer d’un tableau de bord simple permettant de décrire la situation actuelle, de rendre la maladie rénale chronique, jusqu’ici négligée, plus visible et d’améliorer les soins rénaux en Suisse au cours des prochaines années.

L’un des atouts des scores SSED et CARE est qu’ils reflètent à la fois les processus et les résultats cliniques, comme l’HbA1c ou la pression artérielle. C’est la raison pour laquelle il était important d’inclure dans l’ensemble d’indicateurs Kidney Care des indicateurs de processus, mais aussi au moins un paramètre de résultat cliniquement pertinent.
Après une recherche bibliographique approfondie, l’examen des recommandations existantes et une discussion, le groupe d’experts a retenu les indicateurs suivants (Tab. 1). Il est important que l’ensemble d’indicateurs Kidney Care sélectionné reflète la qualité des soins pour deux populations, afin d’obtenir une orientation significative sur les soins rénaux dans les cabinets de médecine générale: d’une part, le dépistage régulier pour la détection précoce de la MRC chez les populations à risque souffrant de diabète sucré, d’hypertension artérielle et de maladies cardiovasculaires est mesuré; d’autre part, la prise en charge de la MRC chez les patients chez lesquels elle a été diagnostiquée est présentée. Les experts recommandent d’effectuer une évaluation annuelle des valeurs rénales en cas de diabète sucré, de manière analogue au score SSED. Selon les recommandations des experts, l’évaluation des valeurs rénales en cas d’hypertension artérielle ou de maladie cardiovasculaire établie doit être adaptée individuellement au profil de risque de chaque patient et effectuée tous les trois à cinq ans au minimum (16–18). En cas de diagnostic de MRC, il est recommandé de mesurer ou de contrôler les différents paramètres au moins une fois par an.

Preuve de concept: premiers résultats du set ­d’indicateurs Kidney Care dans le collectif FIRE

Une première évaluation du set d’indicateurs Kidney Care a été réalisée à partir des données du projet FIRE de l’Institut de médecine générale de l’Université de Zurich (www.fireproject.ch) (19). Créée en 2009, la base de données FIRE recueille différents éléments des dossiers médicaux électroniques de plus de 400 médecins généralistes suisses alémaniques. Cette base de données perglobal. L’objectif est de pouvoir donner, à l’aide d’un seul chiffre de performance, un aperçu global de la qualité des soins prodigués aux patients atteints d’une maladie rénale chronique par les différents médecins généralistes. La littérature propose différentes méthodes pour agréger les taux de conformité des indicateurs individuels en scores globaux, les plus courantes étant les moyennes pondérées des taux de conformité des indicateurs individuels en fonction de la taille de la population dénominatrice respective (20). Chaque indicateur reçoit ainsi une pondération proportionnelle au nombre de patients concernés.

Nous avons ainsi calculé une première version du taux de conformité agrégé sous la forme d’un ensemble pondéré d’indicateurs de soins rénaux. Bien que ce type d’agrégation soit intuitivement compréhensible, il présente certains inconvénients. D’une part, l’estimation de la qualité des soins chez les médecins généralistes ayant un petit nombre de patients est soumise à de fortes fluctuations, ce qui nuit à la précision du score. D’autre part, ce type d’agrégation ne tient pas compte du fait qu’une grande partie des indicateurs sont enregistrés chez des patients appartenant au même groupe et que des observations multiples de patients individuels sont possibles dans plusieurs indicateurs, de sorte que les taux de conformité individuels devraient être corrélés. Pour contourner ces limites, nous avons appliqué une deuxième méthode basée sur une approche modélisée. Pour ce faire, nous avons utilisé un modèle de régression logistique mixte sur l’ensemble des données, qui permet, en plus d’un ajustement pour l’âge et le sexe, de prendre en compte les observations multiples de patients individuels dans plusieurs indicateurs. Sur la base de ce modèle, nous avons calculé la performance moyenne des médecins généralistes dans une population standard dont la composition démographique correspond à celle de la population totale prise en compte dans l’évaluation. Nous avons défini cette performance comme un ensemble d’indicateurs de soins rénaux basé sur un modèle (voir les détails techniques du calcul en annexe).

Pour l’évaluation, les données de 290 participants au projet FIRE ont été analysées. L’évaluation des indicateurs 1 à 3 (évaluation des groupes à risque) a porté sur 95 786 patients atteints de diabète, d’hypertension ou d’une maladie cardiovasculaire établie (âge moyen: 66.8 ± 15.7 ans [écart-type]; 48.6 % de femmes), tandis que l’évaluation des indicateurs 4 à 12 a porté sur 23 992 patients présentant une MRC préexistante au début de l’année 2024 (âge moyen: 74.3 ± 15.6 ans [écart-type]; 50.9 % de femmes; stades les plus fréquents: G2 à 29.5 % et G3a à 24.8 %).

Les distributions des taux de conformité standardisés individuels sont résumées dans Fig. 2. Les taux de conformité les plus élevés ont été observés pour les indicateurs 11 (renonciation à la prescription de médicaments anti-inflammatoires non stéroïdiens) et 4 (surveillance du DFGe en cas de maladie rénale chronique connue), avec des médianes de 86.8 % et 79.9 %. Les taux de conformité les plus faibles ont été observés pour les indicateurs 2 (évaluation du DFGe et de l’albuminurie en cas d’hypertension artérielle) et 3 (évaluation du DFGe et de l’albuminurie en cas de maladie cardiovasculaire établie), ainsi que pour l’indicateur de résultat 12 (pression artérielle < 130/80 mmHg en moyenne annuelle): 18.3 %, 18.9 % et 14.7 %. Le Tab. 2 donne un aperçu de la répartition des deux ensembles d’indicateurs agrégés de soins rénaux.

Discussion

Le développement de l’ensemble d’indicateurs Kidney Care représente une approche pragmatique pour décrire de manière structurée la qualité des soins prodigués aux patients atteints d’insuffisance rénale chronique (IRC), et vise à présenter l’état actuel d’une maladie qui, jusqu’à présent, n’était pas au centre de l’attention en raison de l’absence de traitements. Les indicateurs de soins rénaux mettent en évidence le défi important que représente la prise en charge des groupes à risque et des patients atteints d’IRC dans le cadre des soins primaires. Les résultats de la première enquête, basés sur la vaste base de données du projet FIRE, révèlent des écarts entre les recommandations des lignes directrices et la pratique réelle. Il convient de noter les taux de conformité très variables des douze indicateurs, qui vont d’une médiane de 86.8 % pour la non-prescription d’AINS à 18.3 % pour l’évaluation du DFGe et de l’albuminurie chez les patients souffrant d’hypertension artérielle, et à 18.9 % pour l’évaluation du DFGe et de l’albuminurie chez les patients atteints de maladies cardiovasculaires, sur une période de trois ans.

Les taux de mesure du RACU restent faibles chez les groupes à risque, même sur une période prolongée de trois ans. De même, le taux annuel de mesure du RACU chez les patients atteints d’une IRC est faible, avec seulement 21.6 %. La mesure du RACU semble donc constituer un «goulot d’étranglement» pour une prise en charge rénale optimale dans la pratique. Or, des options thérapeutiques efficaces permettant d’améliorer les résultats en cas d’IRC sont désormais disponibles. Il est donc recommandé de déterminer régulièrement le RACU chez les patients à risque. L’ensemble d’indicateurs Kidney Care peut servir d’aide pour rappeler les aspects centraux du dépistage précoce et de la prise en charge du RACU, ainsi que pour visualiser son évolution.

Cet ensemble d’indicateurs offre une évaluation structurée de la qualité des soins en cas de MRC tout en laissant la place aux besoins individuels et à une application flexible dans la pratique quotidienne. La possibilité d’adapter les indicateurs de qualité aux profils spécifiques des patients et aux différentes structures de cabinet en fait un outil polyvalent. Les médecins généralistes peuvent ainsi répondre de manière ciblée aux particularités de leur patientèle et adapter la prise en charge aux situations cliniques respectives. Il est ainsi possible d’exclure activement certains groupes de patients du calcul de l’ensemble d’indicateurs, en fonction de leur âge, de leur état de santé (fragilité, cancer actif, séjour en maison de retraite) et de leur observance. Cette adaptabilité permet d’offrir des soins rénaux personnalisés et adaptés aux besoins, tout en conservant les avantages d’une mesure standardisée de la qualité.

Une restriction à la population de patients âgés de moins de 75 ans a fait l’objet d’une discussion approfondie. Une analyse des indicateurs de soins rénaux incluant les patients de moins de 75 ans ne montre toutefois pas d’écarts importants dans les taux de conformité (voir l’annexe). Dans ce contexte, il convient donc de préconiser une mise en œuvre des indicateurs de soins rénaux indépendante de l’âge, afin de permettre une gestion simple et cohérente, conformément aux recommandations actuelles. Les discussions du groupe d’experts ont également montré qu’il n’était pas judicieux de fixer des objectifs rigides en matière de taux de conformité pour favoriser l’acceptation et la mise en œuvre des indicateurs de soins rénaux dans les cabinets de médecine générale. Une présentation plus simple, par exemple sous forme de diagrammes en boîte, est en revanche utile et pertinente pour offrir une orientation personnalisée aux médecins généralistes, établir des comparaisons avec leurs pairs et les encourager à réfléchir de manière critique à leurs propres prestations de soins. C’est la raison pour laquelle il a été délibérément renoncé à fixer des valeurs cibles.

Les experts recommandent généralement de viser des valeurs acceptables ou optimales (Fig. 3) afin de mettre en œuvre les mesures médicales nécessaires pour assurer une prise en charge rénale adéquate, conformément aux recommandations. ­L’objectif est de mettre l’accent sur la clarté des indicateurs de soins rénaux afin de promouvoir une amélioration à long terme de la prise en charge grâce à la visualisation.

À plus long terme, l’application pratique des indicateurs de soins rénaux doit être soutenue par leur intégration dans des tableaux de bord existants offrant aux médecins une visualisation conviviale de ces indicateurs et mettant clairement en évidence la nécessité d’interventions ciblées chez des patients individuels ou des groupes de patients entiers.

Limitations

L’approche actuelle présente des limites qui doivent être prises en compte pour accroître sa validité et son acceptation. Elle repose notamment sur l’hypothèse selon laquelle le respect des indicateurs de processus conduit automatiquement à une amélioration des résultats cliniques, ce qui doit encore être validé par des études empiriques à long terme. En outre, il existe actuellement des défis en matière de cohérence des taux de respect, en particulier dans les petits cabinets, ce qui peut entraîner des fluctuations importantes. Les optimisations futures devraient viser à perfectionner les processus structurels liés à la documentation, à améliorer la présentation des données via des tableaux de bord et à adapter les indicateurs aux besoins spécifiques des patients, afin de garantir leur mise en œuvre et leur efficacité à long terme.

Annexe en ligne

Calcul des indicateurs de soins rénaux basés sur un modèle: le modèle de régression logistique à effets mixtes (mixed-effects logistic regression model) a été appliqué à un ensemble de données contenant chaque instance de réalisation possible de l’indicateur sous forme d’observations individuelles. La satisfaction de l’indicateur dans chaque cas a été utilisée comme variable de résultat binaire. L’âge, le sexe et l’indicateur lui-même ont servi d’effets fixes. Afin de tenir compte du fait que plusieurs cas de satisfaction potentielle de l’indicateur peuvent concerner un seul et même patient, des effets aléatoires au niveau du patient ont été utilisés. En outre, un effet aléatoire à quatre dimensions a été utilisé pour chaque médecin généraliste, dont les composantes expriment la qualité des soins dans les quatre domaines différents (évaluation, suivi, médication, réalisation des objectifs). Ces effets aléatoires au niveau des médecins généralistes ont été estimés conjointement avec les coefficients des effets fixes. Sur la base de cette estimation, la performance de chaque médecin généraliste a été déterminée dans 1000 ensembles de données simulés dont la composition démographique correspond à celle de la population totale prise en compte dans l’évaluation. La performance moyenne de ces 1000 simulations a ensuite constitué l’ensemble d’indicateurs Kidney Care basé sur le modèle.

Dr Levy Jäger 1
Dr Leander Muheim 2
Dr Christian Häuptle 3
Pr Michael Brändle 4
Dr Harald Seeger 5
Pr Thomas Rosemann 1
1 Institut de médecine générale, Hôpital universitaire de Zurich
2 mediX Zurich
3 Fondation WHM/FMF
4 HOCH, Hôpital cantonal Saint-Gall
5 Hôpital cantonal de Baden

Copyright: Aerzteverlag medinfo AG

Cet article est une traduction de «PRAXIS» 11_2025.

Dr Levy Jäger

Institut de médecine générale, Hôpital universitaire de Zurich

Dr Leander Muheim

mediX Zurich

Pr Thomas Rosemann

Hôpital universitaire de Zurich
Institut de médecine générale
Pestalozzistrasse 21
8091 Zurich

Michael Brändle a reçu des honoraires pour ses activités au sein de comités consultatifs et ses conférences de la part d’AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, E. Lilly, Novartis et Novo Nordisk. Harald Seeger a reçu des honoraires d’AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Bayer, NovoNordisk, Vifor, Medice, FOMF et des frais de déplacement d’AstraZeneca, Bayer, Vifor. Thomas Rosemann a reçu des honoraires pour des comités consultatifs et des conférences de la part d’Amgen, AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Moderna, Novartis, MSD, GlaxoSmithKline et Mepha.
L’analyse scientifique de l’ensemble d’indicateurs Kidney Care à partir des données de routine des médecins généralistes a été soutenue par AstraZeneca.

L’ensemble d’indicateurs Kidney Care peut refléter la qualité des soins prodigués aux patients atteints d’IRC dans les cabinets de médecine générale. L’évaluation à l’aide de la base de données FIRE met en évidence les lacunes existantes en matière de soins, notamment en ce qui concerne le respect d’indicateurs importants, comme la mesure du RACU. Ces lacunes reflètent le fait que l’IRC a jusqu’à présent reçu peu d’attention en raison des options thérapeutiques limitées. Grâce à de nouvelles thérapies et à des impulsions en matière de politique de santé, telles que la résolution de l’OMS, les soins rénaux conformes aux directives font désormais l’objet d’une attention accrue.
Il est désormais souhaitable de mettre en œuvre les indicateurs de soins rénaux dans des tableaux de bord conviviaux et des logiciels de gestion de cabinet, afin de promouvoir leur application pratique et de soutenir ainsi les soins rénaux conformes aux directives en Suisse. L’ensemble d’indicateurs offre une base solide pour améliorer de manière systématique et progressive la qualité des soins rénaux à long terme.

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