ESMO in the Alps 2023

Parallel zum ESMO-Kongress organisierte die SAKK ESMO in the Alps, ein Live-Meeting sowie ein live übertragenes Webinar. Das wissenschaftliche Komitee wählte die wichtigsten Neuigkeiten aus und diskutierte sie nach Themenbereichen, gegliedert in fünf Blöcken. In dieser Übersicht werden die Studien über Brustkrebs und Gynäkologische Tumoren vorgestellt.

Die Experten waren Dr. med. Lorenzo Rossi, Bellinzona, Dr. med. Ilaria Colombo, Bellinzona, Dr. med. et phil. Julian Wampfler, Bern

LBA40: Doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Phase-III-Studie mit Atezolizumab in Kombination mit Carboplatin und Paclitaxel bei Frauen mit fortgeschrittenem/rezidivierendem Endometriumkarzinom.
Die von Prof. Nicoletta Colombo, Milano, prƤsentierte Studie zeigte, dass die Zugabe von Atezolizumab zur Standard-CP-Chemotherapie eine statistisch signifikante Verbesserung des PFS bei Patientinnen mit fortgeschrittenem/rezidivierendem Endometriumkarzinom mit einem erheblichen Nutzen bei Patientinnen mit dMMR-Karzinomen ergab.

LBA41: DUO-E/GOG-3041/ENGOT-EN10: Durvalumab plus Carboplatin/Paclitaxel, gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit Durvalumab ± Olaparib als Erstlinienbehandlung bei neu diagnostiziertem fortgeschrittenem oder wiederauftretendem Endometriumkrebs.
Die Phase III DUO-E/GOG-3041/ENGOT-EN10 Studie erreichte beide primären Endpunkte und zeigte eine statistisch signifikante und klinisch bedeutsame Verbesserung des PFS durch die Zugabe von Durvalumab zu Carboplatin/Paclitaxel, gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit Durvalumab ± Olaparib gegenüber Carboplatin/Paclitaxel allein, wie Dr. S Westin zeigte. Mtx Olaparib verbesserte das PFS bei Patientinnen mit pMMR-Erkrankung weiter.

LBA38: ENGOT-cx11/KEYNOTE-A18. Eine Phase 3 randomisierte, doppelblinde Studie mit Pembrolizumab mit Chemotherapie bei Patientinnen mit Hochrisiko lokal fortgeschrittenem Zervix-Karzinom. Die auf dem ESMO-Kongress von Dr. Domenica Lorusso, Rom, vorgestellten Daten zeigen, dass Checkpoint-Inhibitoren erstmals die Ergebnisse bei lokal fortgeschrittenem HochrisikogebƤrmutterhalskrebs verbessern kƶnnen. Die ermutigenden Ergebnisse wurden für die Kombination von Pembrolizumab und gleichzeitiger Chemoradiotherapie (CCRT) in der KEYNOTE-A18-Studie berichtet. Sie zeigen eine signifikante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens (PFS) – dem co-primƤren Endpunkt der Studie – für Patientinnen, die Pembrolizumab und CCRT erhielten, im Vergleich zu Placebo und CCRT (HR 0,70; 95% CI 0,55-0,89; p=0,0020). Die Daten zum Gesamtüberleben sind noch nicht ausgereift, aber es wurde ein günstiger Trend für die Pembrolizumab-Gruppe berichtet (HR 0,73; 95% CI 0,49-1,07). Darüber hinaus zeigte die Kombination von Pembrolizumab und CCRT ein überschaubares Sicherheitsprofil.

LBA8: Die GCIG INTERLACE Studie: Eine randomisierte Phase-III-Studie zur Induktionschemotherapie mit anschliessender Radiochemotherapie im Vergleich zur alleinigen Radiochemotherapie bei lokal fortgeschrittenem GebƤrmutterhalskrebs. Zu der von Dr. M. McCormack prƤsentierten Studie bemerkte Prof. Oaknin, Barcelona, dass die Ergebnisse ermutigend sind für eine Krankheit, bei der seit mehreren Jahrzehnten keine Verbesserungen der Langzeitergebnisse über die mit der CRT allein erzielten Ergebnisse hinaus zu verzeichnen sind und bei der ein hoher ungedeckter Bedarf an neuen Therapien besteht. Er rƤumte aber ein, dass es wichtig sei, die rekrutierte Population und den grossen Anteil der Patienten – 58 % – zu berücksichtigen, die eine knotennegative Erkrankung aufwiesen, da bekannt ist, dass positive Lymphknoten auf ein hohes Rückfallrisiko hinweisen (Am J Clin Oncol 2009;32:411-416). Weitere Analysen in Bezug auf den Knotenstatus wƤren nützlich, um die Eignung der Induktionschemotherapie für verschiedene RückfallĀ­risikogruppen zu bestimmen.

LBA17: Adjuvantes Abemaciclib plus endokrine Therapie bei HR+, HER2- Brustkrebs im Frühstadium mit hohem Risiko: Resultate einer vorgeplanten MonarchE Gesamtüberlebens- Interimsanalyse, einschliesslich des 5-Jahres Wirksamkeitsergebnis.
An der entscheidenden 5-Jahres-Marke für adjuvante early breast cancer (EBC)-Studien reduzierte Abemaciclib plus endokrine Therapie weiterhin das Risiko eines invasiven Krankheitsrezidivs weit über den Abschluss der Therapie hinaus, wie Prof. Nadia Harback, München, am ESMO-Kongress feststellte. Die zunehmende absolute Verbesserung nach 5 Jahren steht im Einklang mit einem Carryover-Effekt und spricht weiter für den Einsatz von Abemaciclib bei Patientinnen mit Hochrisiko-EBC. Die OS-Daten entwickeln sich zugunsten des Abemaciclib-Arms. Die Nachbeobachtung wird fortgesetzt, so die Referentin.

LBA23: Invasives krankheitsfreies Überleben (iDFS) in den wichtigsten Untergruppen der Phase-III-NATALEE-Studie zu Ribociclib (RIB) + einem nichtsteroidalen Aromatasehemmer (NSAI) bei Patientinnen mit HR+/HER2- frühem Brustkrebs (EBC).
Der iDFS-Benefit von Ribociclib + NSAI stimmte im Allgemeinen mit dem in der NATALEE-Population überein und wurde nicht durch eine bestimmte Untergruppe bestimmt. Die Ergebnisse unterstützen RIB + NSAI als neue Therapie der Wahl in einer breiten Population von Patientinnen mit HR+/HER2-EBC, wie aus der Präsentation von Dr. Aditya Bardia, Boston, hervorging.

LBA11: Datopotamab-Deruxtecan vs. Chemotherapie bei vorbehandelten inoperablem oder metastatischem Hormonrezeptor-positivem, HER2 -negativem, Brustkrebs. PrimƤre Resultate der randomisierten TROPION-Breast01 Studie.
TROPION-Breast01 hat den primƤren Endpunkt des PFS erreicht, wie Dr. Aditya Bardia feststellte. Die Studie wird bis zum endgültigen OS fortgesetzt. Die Patientinnen, die Datopotamab-Deruxtecan erhielten, wiesen eine statistisch signifikante und klinisch bedeutsame Verbesserung des PFS im Vergleich zu ICC (investigator’s choice of CT, Eribulin, Vinorelbine, Capecitabine, oder Gemcitabine) auf, zusammen mit einem günstigen und überschaubaren Sicherheitsprofil. Die Ergebnisse unterstützen Datopotamab-Deruxtecan als neuartige Behandlungsoption für Patienten mit inoperablem oder metastasiertem HR+/HER2-BC, die zuvor 1-2 Chemotherapie-Linien erhalten haben.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

schweren vasomotorischen Stƶrungen und Schlafstƶrungen bei postmenopausalen Frauen

Ein Grossteil der Frauen entwickelt im Zusammenhang mit dem Klimakterium kƶrperliche oder psychische Beschwerden. Die typische Klinik des Klimakteriums wird in erster Linie durch den Mangel an Ɩstrogenen ausgelƶst. Die Therapie umfasst denn auch meistens einen Hormonersatz. Mit Fezolinetant (VeozaĀ®), welches als Antagonist am Neurokinin – 3-Rezeptor wirkt, wurde ein neues Medikament zur Behandlung vasomotorischer Stƶrungen in der Menopause eingesetzt.

In einer kürzlich erschienenen Metaanalyse (Quelle) wurden die Wirksamkeit und die unerwünschten Wirkungen von Fezolinetant bei der Behandlung vasomotorischer Symptome der Wechseljahre untersucht. Als Datenquellen dienten PubMed/MEDLINE, ClinicalTrials.gov, EMBASE, Cochrane Database, Scopus und WHO International Clinical Trials Registry Platform. Sie wurden bis Juni 2023 nach Veröffentlichungen und randomisierten kontrollierten Studien zu Fezolinetant im Vergleich zu Placebo bei Frauen in den Wechseljahren mit mittelschwerem bis schwerem VMS durchsucht.

Bei der Literaturrecherche wurden 330 Artikel gefunden, von denen fünf Studien mit sechs Berichten in die Meta-Analyse aufgenommen wurden.

Ergebnisse

Das Risiko eines Bias wurde anhand des RoB 2-Tools (Risk of Bias Version 2) von Cochrane bewertet, die QualitƤt der Belege wurde anhand des GRADE-Ansatzes (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation) eingestuft, und die Daten wurden in einem Random-Effects-Modell gepoolt und bewertet. Es wurden insgesamt 2’168 Teilnehmerinnen aus fünf randomisierten klinischen Studien (sechs Berichte) einbezogen. Fezolinetant senkte die HƤufigkeit der vasomotorischen Stƶrungen signifikant, mit einer gepoolten mittleren Differenz von 2,62 (95% Konfidenzintervall 1,84-3,41). Der gepoolte Mittelwert der Differenz zwischen Fezolinetant und Placebo für die Messung der menopausenspezifischen LebensqualitƤt betrug -0,60 (95 % KI, -0,92 bis -0,28), und die mittlere prozentuale Verbesserung der HƤufigkeit von vasomotorischen Stƶrungen betrug 22,51 % (95 % KI, 15,35-29,67). Fezolinetant war mit einer Verbesserung der SchlafqualitƤt im Vergleich zu Placebo vergesellschaftet.

Fazit

Fezolinetant (Veoza®) ist wirksam bei der Senkung der Häufigkeit von mittelschweren bis schweren vasomotorischen Störungen und Schlafstörungen bei postmenopausalen Frauen.

Quelle: Nikhila BK et al. Efficacy and Safety of Fezolinetant for the Treatment of Menopause-Associated Vasomotor Symptoms. A Meta-analysis. Obstetrics & Gynecology 143(3):p 393-402, March 2024. | DOI: 10.1097/AOG.0000000000005508

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Kein Wunder, dass keiner mehr Hausarzt werden will

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ein Editorial als ā€žNerv-Sammlungā€œ Ā«Was ich schon immer einmal sagen wollteĀ»? Eigentlich mƶchte ich das alles gar nicht ƶffentlich aufführen, aber hier so unter uns muss es doch einmal ’raus. Also los geht’s.
Das nervt – unter anderem…:

• Es nervt, dass UnfƤlle abrechnungstechnisch so mühsam sind. Da muss man den Patienten anrufen, wieder um die Meldung bitten, die Schadensnummer erfragen. So mühselig für etwas, das man auch mit AHV-Nummer und Unfalldatum abrechnen kƶnnte. Mir graut jeweils schon, wenn jemand mit Ā«UnfallĀ» hereinspaziert. Bitte Ƥndert das.

• Und die Unfallformulare: Geht das nicht unkomplizierter? Vor allem bei BagatellunfƤllen?

• Die IV-Formulare und -Rückmeldungen: Die empfinde ich wirklich als maximal aufwendig. Ich brauche schnell mal 30 Minuten, kƶnnen aber auch mehr sein. Und muss ab und zu mit Patient und anderen Behandlern sprechen. HƤufig habe ich das Gefühl, ich fülle dasselbe schon wieder aus. Und liest das auch jemand? Bitte Ƥndert das.

• Die Covid-Tests: Deren Verrechnungsblƶcke Ƥnderten gefühlt alle 1-2 Monate. Muss das sein? Auch hat man es dann hƤufig erst bei den Rückweisungen gemerkt. Dann erhƤlt man dann deren Viele. Ich habe es nie ganz verstanden, wenn pro Test Fr. 2.50 eingespart wurden und der bürokratische Aufwand dahinter ein Vielfaches davon war. Aber den kann man ja zum Glück nicht in Rechnung stellen.

• Die Covid-Impfungen: Wieso konnte man das nie wie eine Grippeimpfung verrechnen, und dann wird es von den Kassen vom Bund zurückgefordert. Diese aufwendige Erfassung, die Vacme-Administration (und -Zertifikate) bei Ƅlteren, die auf unsere Hilfe angewiesen waren, und dann die langen Listen, die man initial führen musste und die Auszahlung, die bei einigen Ƅrzten und bei mir danach nur Teilauszahlungen waren. All das Ƥrgert. Und es ist aufwendig. Und es führt wirklich dazu, dass einem die Lust vergeht. Wir haben zum Beispiel initial auch gratis Hausbesuche gemacht, um HochrisikopatientInnen zu Hause zu impfen. Und dann so ein Ƅrger mit der Erfassung und Abrechnung. Wir haben uns wirklich geƤrgert. Und wir haben nach 6 Monaten aufgehƶrt, mit Impfen und mit dem Ƅrger.

• Die Krankenkassenrückfragen auf Papier: GƤbe es da nicht eine elektronische Mƶglichkeit? Ich finde es etwas schade, wie im Mittelalter noch Briefe hin und her zu schicken.

• Die Aberkennung von online-Weiterbildungspunkten über 12 bei der SGAIM: Das verstehe ich nicht. Online sind mehrere PrƤsenzkontrollen in der Fortbildung pro Tag (meistens 5). Vor Ort kann man einmal unterschreiben. Wieso ist es plƶtzlich nicht mehr mƶglich? Wieso ist Fortbildung am Bildschirm weniger gut wie eine Unterschrift vor Ort?

Insgesamt wird so unser Berufsstand Hausarzt aussterben.
Es wird so nicht möglich sein, junge Hausärzte zu motivieren. Es kommt mir vor wie im Spital. Die Kernkompetenz, die Zeit und Arbeit an und mit dem Patienten, schrumpfen auf einen Bruchteil. Der Rest ist Administration. Für mich geschieht dasselbe in der Praxis. Muss das sein?
Wir sollten zusammensitzen, reden und einiges Ƥndern. Und nicht einfach aussterben.

Dr. med. Dr. sc. nat. Andreas BƤbler

DrAndreas BƤbler

Herrliberg

RETO KRAPFs Medical Voice

Frisch ab Presse:

U-fƶrmige Beziehung zwischen kardiovaskulƤren Ereignissen und der HDL-Konzentration

Seit den 70er Jahren (v.a. nach der berühmten Framingham-Studie) wird im Allgemeinen angenommen, dass zwischen der Wahrscheinlichkeit eines kardiovaskulären Ereignisses und der HDL-Konzentration eine inverse Beziehung besteht. Allerdings waren Interventionen zur Anhebung des HDL (Niacin, Fibrate u.a.) wie auch der Alkoholkonsum (siehe unten!) der einen Subtyp des HDL erhöht von keiner signifikanten Wirkung auf die Ereignisrate. Eine systematische Analyse der publizierten Studien bestätigt, dass tiefe HDL-Werte mit einer erhöhten kardiovaskulär bedingten Mortalität assoziiert sind, dass aber auch hohe Werte (>80 mg/dl bei Männern und >100 mg/dl bei Frauen) kontraintuitiv mit einer erhöhten Mortalität assoziiert sind. Es gibt eine Reihe von Hypothesen für den negativen Effekt sehr hoher HDL-Werte aber noch keine definitive Erklärung. Müssen nun die vielen Risikokalkulatoren für kardiovaskuläre Ereignisse und Mortalität revidiert werden?
JCEM 2024, doi.org/10.1210/clinem/dgad406, verfasst am 27.01.2024

Erhƶht Testosteron-Substitution die Frakturrate?

Diese vielleicht unerwartete Frage erhebt sich angesichts einer neuen Studie, welche in einer Population von mehr als 5000, durchschnittlich 64-jährigen Männern mit Testosteronwerten unter 10 nmol/L (aber nicht weiter abgeklärten Ursachen) den Effekt einer transdermalen Testosteronsubstitution auf die Frakturrate evaluierte. Die Männer waren adipös (durchschnittlicher BMI bei 35), und fast ¾ waren Diabetiker. Nach einer Nachbeobachtung von mehr als 3 Jahren betrug die Frakturrate unter Testosteron 3,5%, unter Plazebo 2,5%. Die Gründe für diese kontra-intuitive Beobachtung sind unklar, könnten aber auch banal sein: Testosteron verbessert die körperliche Aktivität und Belastbarkeit, somit die Unternehmungslust, was zu erhöhter Frakturgefährdung führen könnte, wenn auch in dieser Studie keine erhöhte Sturzinzidenz gefunden wurde. Eine Geschichte wohl mit Fortsetzung also.
NEJM 2024, DOI: 10.1056/NEJMoa2308836, verfasst am 26.01.2024

Welches ist die Ursache der blutigen TrƤnen (HƤmolakrie)?

Blutige Tränen zu weinen, gilt in religiösem Zusammenhang als Wunder. Sie werden aber auch Graf Dracula zur illustrativen Steigerung seiner Blutrünstigkeit zugeschrieben. Ein 52-jähriger Patient kommt wegen unstillbarer Epistaxis und Nasenschmerzen auf die Notfallstation, wo ihm eine vordere Tamponade angelegt wird. Später entwickelte er während einer Stunde blutige Tränen im rechten Auge, die aus dem oberen und unteren Tränenwinkel kamen. Die CT des Kopfes und der Orbitae schloss Frakturen aus.
Die wahrscheinlichste Ursache ist:
A. Ein viraler Infekt der oberen Luftwege und der Tränendrüsen
B. Ein Sjƶgren Syndrom
C. Eine traumatische Schädigung der Tränendrüsen
D. Eine durch die Tamponade ausgelƶste venƶse Stase
Antwort: Bakterielle und virale Infekte und auch Autoimmunkrankheiten können bei Einbezug der Tränendrüsen zur Hämolakrie führen. In der Tat war der Mann aber ein paar Stunden zuvor auf der Strasse in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Die augenärztliche Untersuchung zeigte indes keine traumatischen Läsionen. Die Hämolakrie lässt sich hier durch einen retrograden Fluss venösen Blutes bei (wahrscheinlich sehr satt liegender) Nasentamponade erklären. Nach Revision derselben und Applikation topischen Adrenalins sistierte die Hämolakrie. Richtig ist also Ursache D dieser seltenen Komplikation. Falls Sie die Ursache C angekreuzt haben, bekommen Sie mindestens einen halben Punkt, denn das Trauma war ja das «primum movens», sozusagen.
NEJM 2024, DOI: 10.1056/NEJMicm2307811, verfasst am 28.01.2024

Stringentere Anforderungen an «statisch signifikante» Resultate sind nötig!

Im Sinne einer Selbstdeklaration mƶchten wir jenes Niveau von statistischer Stringenz angeben, von dem wir uns – neben anderen Kriterien – bei der Auswahl der für Sie vorgestellten Studien leiten lassen. Wir wurden von der Anwendung dieser Regeln nur selten enttƤuscht, weder dass etwas unsere Praxis verƤnderndes verpasst noch eine Innovation zu optimistisch eingeschƤtzt worden wƤre. Wir beschrƤnken uns hier auf die zwei für die praktische Medizin wichtigsten Studientypen, nƤmlich einerseits auf kontrollierte Studien, bei denen ein P-Wert von < 0.05 als statistisch signifikant akzeptiert wird. Andererseits auf epidemiologische Studien, die – typischerweise nach vielen Korrekturen – eine Assoziation, z.B. zwischen einer Krankheit und einem exogenen oder endogenen Faktor im Sinne einer RisikoverƤnderung angeben, diese Krankheit zu erleiden oder zu vermeiden.

Wir folgen der Forderung einer grossen Gruppe von Biostatistikerinnen und Biostatistikern, die für klinische Studien ein zehnfach stringenteres P, d.h. ein solches von < 0.005, verlangen. Bei Anwendung eines P von nur <0.05 droht anscheinend in der Hälfte bis zu 2/3 der Fälle, dass die Studien nicht reproduziert werden können oder durch gegenteilige Evidenz in Frage gestellt werden (1).

Bei epidemiologischen Studien hƤtten wir sehr gerne Resultate, die eine Risikoverminderung auf einen Viertel (0.25 und kleiner) oder eine Risikoerhƶhung um einen Faktor 4 zeigen (2, 3). Bei geringeren RisikoverƤnderungen kann anscheinend spƤter nur in einer von 4 Studien auch eine gewisse KausalitƤt gefunden werden.

Wenn wir einmal Studien vorstellen, die diesen strengen Kriterien nicht entsprechen, handelt es sich um begründete Fragezeichen, ob z.B. eine «negative» Studie aus einer Reihe von Gründen nicht doch klinisch relevant sein oder es werden könnte.

Wir geben zu: Die angewandten Kriterien sind rigoros und vereinfachend! Sie sind aber doch zumindest in guten Teilen geeignet, unsere kostbare Lektürezeit für Publikationen mit hoher Wahrscheinlichkeit eines langfristigen Überlebens ihrer Schlussfolgerungen zu priorisieren.
1. JAMA 2018, doi:10.1001/jama.2018.1536, 2. Science 1995, DOI: 10.1126/science.7618077 3. Science Advances 2022, DOI: 10.1126/sciadv.abn3328, verfasst am 16.01.2024

Grenzgebiete der Medizin

Der gesunde Menschenverstand

In medizinisch-fachlichen Diskussionen, aber auch im Rahmen von Instruktionen an die Patientinnen und Patienten appellieren wir nicht selten an den gesunden Menschenverstand. Wenn wir das tun, geben wir vor zu wissen, was das, der gesunde Menschenverstand, ist und stellen den Anspruch, ihn selber auch zu haben. Gibt es ihn aber wirklich und kann man ihn nachweisen, wenn nicht gar messen? Wahrscheinlich schon. Aber was in der Bevölkerung darunter verstanden wird, ist erstaunlich heterogen und nicht abhängig von Alter und Geschlecht. Mehr als 2000 Individuen beurteilten 50 zufällig ausgesuchte Aussagen des gesunden Menschenverstandes. Dabei handelte es sich um Aussagen wie «Jeder Effekt hat eine Ursache» oder «Das Ganze ist grösser als seine Teile». Interessant, aber intuitiv zu vermuten, erfreuten sich Aussagen über gesunden Menschenverstand bei technologischen und naturwissenschaftlichen Themen der grössten Übereinstimmung, während diese bei psychologischen oder sozialwissenschaftlichen Themen am geringsten ausfiel. Bei Gebrauch des Ausdruckes «gesunder Menschenverstand» ist also Vorsicht walten zu lassen, da das Gegenüber mit einer ansehnlichen Wahrscheinlichkeit dies nicht so sieht wie Sie oder es anders interpretiert.
PNAS 2024, doi.org/10.1073/pnas.230953512, verfasst am 28.01.2024

Prof. Dr. med. Reto Krapf

krapf@medinfo-verlag.ch

Normaldruckhydrozephalus – Ein Fallbericht

Der Normaldruckhydrozephalus (NPH) ist eine wichtige Diagnose, da er zu den behandelbaren Demenzen und Gangstörungen gehört. Die klassische Trias muss nicht immer vollständig erfüllt sein. Die Diagnostik erfolgt mit einer Bildgebung, wo sich erweiterte innere Liquorräume zeigen, die über das Ausmass einer generalisierten Atrophie hinausgehen. Mit einem Liquorablass von mind. 30-50ml mit standardisierter Testung von Gangbild und kognitiven Funktionen kann die Diagnose erhärtet und der Therapieeffekt abgeschätzt werden.

Normal pressure hydrocephalus (NPH) is an important diagnosis because it is one of the treatable dementias and gait disorders. The classic triad does not always have to be completely fulfilled. The diagnosis is made with imaging, which shows enlarged internal CSF spaces that go beyond the extent of generalised atrophy. With a CSF drain of at least 30-50 ml with standardised testing of gait and cognitive functions, the diagnosis can be confirmed and the therapeutic effect assessed.
Key Words: Normal pressure hydrocephalus (NPH), treatable dementias, gait disorders, CSF spaces, CSF drain

Fallbericht

Eine 77-jährige Patientin war lange aufgrund von Rücken- und Beinschmerzen bei degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule bei Schmerzmedizinern und Rheumatologen in konservativer Behandlung. Im weiteren Verlauf entwickelte die Patientin eine Gangataxie, die primär auf die Wirbelsäulenveränderungen mit Affektion neuraler Strukturen zurückgeführt wurde. Einige Monate später traten jedoch auch kognitive Störungen mit Einschränkungen des Kurzzeitgedächtnisses hinzu. Anamnestisch wurde auch eine intermittierende Urininkontinenz berichtet, was somit das klassische Bild einer Hakim-Trias vervollständigte. Sodann erfolgte die Vorstellung bei einem neurologischen Kollegen, welcher die bildgebende Diagnostik veranlasste. Das MRI zeigte eine typische Erweiterung aller vier Ventrikel und zusätzliche Zeichen einer beginnenden Liquordiapedese der Vorderhörner in der FLAIR- und T2-Sequenz. Nach zweimaliger Liquor-Punktion und Liquorablassversuch von ca. 35-40 ml Liquor zeigte die Patientin jedoch keine klare Besserung der Symptomatik und es wurden Zweifel an der Diagnose des NPH erhoben. Sieben Monate später wurde die Patientin aufgrund zunehmender Vigilanz-Schwankungen und Zunahme der Gangataxie erneut zugewiesen. Die cerebrale Bildgebung zeigte eine Zunahme der inneren Liquorräume. In der Folge wurde die Indikation zur Einlage einer lumbalen Drainage im Rahmen einer stationären Abklärung gestellt. Ein Tag nach Implantation der lumbalen Drainage (mit einem Fluss von 5-10 ml/Stunde) zeigte die Patientin eine signifikante Besserung des Gangbildes und der Kognition. Nach Entfernung der kontinuierlichen Lumbaldrainge kam es wieder zu einer Verschlechterung der Symptomatik. Damit wurde die Indikation für die VP-Shunt-Einlage gestellt. Der peri- und postoperative Verlauf gestaltete sich komplikationslos und die Patientin konnte im Verlauf bei deutlicher Besserung der Symptomatik, mit selbständigem und sicherem Gang, entlassen werden.

Bei der ersten postoperativen Kontrolle nach 6 Wochen gab die Patientin zwar eine Besserung der Hakim-Trias an, beklagte jedoch starke positionsabhängige Kopfschmerzen. Das Schädel-CT zeigte typische radiologische Zeichen einer Überdrainage mit sehr schmalen Seitenventrikeln und subduralen Hygromen. Nach Umstellungen des Shunt-Ventil-Druckes auf höhere Drücke verschlechterte sich die Gangataxie weiter und es konnte keine Besserung der positionsabhängigen Überdrainage erreicht werden. Somit wurde die Indikation zur Implantation eines positionsabhängigen Antisiphon-Gravitationsventils gestellt und in Lokalanästhesie infraklavikulär im distalen Shunt-Schlauch zwischengeschaltet. Die Patientin zeigte bereits nach 2-3 Tagen eine komplette Regredienz der Kopfschmerzsymptomatik bei gleichzeitiger Normalisierung des Gangbildes. Nach 6 Wochen hatte die inzwischen klinisch unauffällige Patientin auch im Schädel-CT eine komplette Resorption der subduralen Hygrome sowie eine Normalisierung der inneren Liquorräume. Ein Jahr postoperativ zeigte die Patientin weiterhin einen sehr erfreulichen Verlauf mit völliger Selbstständigkeit im Alltag, wobei weiterhin leichte kognitive Einschränkungen vorhanden waren.

Klinische PrƤsentation & Differentialdiagnostik

Die klassische Hakim-Trias beinhaltet eine Gangstƶrung, eine dementielle Entwicklung sowie eine Blasenfunktionsstƶrung (1, 2). Die Symptome kƶnnen auch sequentiell auftreten, wie in dem beschriebenen Fall, oder müssen nicht zwingend vollstƤndig vorliegen.

Gangstƶrung

Die Gangstörung ist sicherlich führend, wobei sich meist eine Verlangsamung zeigt, mit breitbasigem, kleinschrittigem Gangbild. Das Gangbild ähnelt dem «lower body parkinsonism», wie wir es von den vaskulären Parkinsonformen kennen (3). Die Differentialdiagnose zu einem Parkinson-Syndrom ist somit naheliegend, wobei die NPH-Patienten meist eine gesteigerte Mitbewegung der Arme zeigen (4). Generell ist eine Beteiligung des Oberkörpers für einen NPH äusserst untypisch. Wenn sich ein deutlicher Rigor an den Armen oder sogar ein Ruhetremor zeigt, muss eher an ein Parkinson-Syndrom gedacht und probatorisch mit L-Dopa behandelt werden. In der späteren Phase können auch Instabilität und Stürze auftreten, mit einer Retropulsionstendenz, wobei wiederum eine Progressive supranukleäre Blickparese (PSP) davon abzugrenzen ist (5).

Dementielle Entwicklung

Praktisch alle Patienten weisen auch kognitive Defizite auf, wobei sicherlich auch hier die Verlangsamung als Zeichen einer subkortikalen Demenz im Vordergrund steht. Daneben können sich auch frontale Zeichen finden, bis hin zur Disinhibition. Nichtsdestotrotz können die kognitiven Störungen sehr heterogen sein und machen es deswegen nicht selten schwierig, die richtigen Tests sowohl für den Liquorablass, als auch für den postoperativen Verlauf (Outcome) zu wählen. Folgende Hauptbereiche sind meist beteiligt: globale Funktion, exekutive Funktionen, Kurzzeitgedächtnis und Lernen, psychomotorische Geschwindigkeit und räumliche Wahrnehmung (6). Es ist naheliegend, dass sich entsprechend nicht der Minimentalstatus (MMSE), sondern eher der MoCA-Test anbietet, nicht zuletzt, weil Letzterer auch in unterschiedlichen Varianten vorliegt, sodass kurzfristige Lerneffekte vermieden werden können (1).

Blasenfunktionsstƶrung

Die Urininkontinenz wird bei weniger als 50% der Patienten beobachtet, vor allem im späteren Verlauf. Als frühes Zeichen findet sich eine autonome Blasenentleerungsstörung mit Detrusorüberaktivität, d.h. Drang-, respektive Urgesymptomatik (7).

Pathophysiologie

Zugrunde liegt wahrscheinlich eine Liquorresorptionsstƶrung, welche idiopathisch, aber auch symptomatisch – z.B. nach Trauma, SAB oder Meningitis – auftreten kann. Nicht selten verstreichen hierbei mehrere Jahre zwischen dem auslƶsenden Agens und der klinischen Entwicklung. Leichte oder transiente Druckerhƶhungen, resp. das Auftreten von ScherkrƤften führen allmƤhlich zur Ausweitung der LiquorrƤume und zur Liquordiapedese durch die VentrikelwƤnde. Mit der Ausweitung kann sich der Druck wieder normalisieren. Eine schwedische Studie fand erhƶhte Neurofilament-Leichtketten und niedrigere Amyloid-VorlƤufer- und Tau-Proteine (8). Die Autoren interpretieren ihre Daten als Hinweis für einen reduzierten periventrikulƤren Metabolismus, keine wesentliche kortikale Degeneration, jedoch periventrikulƤre axonale Degeneration. Die Liquorbiomarker unterschieden sich charakteristisch von Ƥlteren gesunden Kontrollen und Patienten mit Alzheimer-Demenz.

Diagnostik

Im Vordergrund der Diagnostik steht natürlich wie immer die passende Anamnese und die klinische Untersuchung. Als entscheidende Zusatzdiagnostik folgt dann eine zerebrale Bildgebung und bei entsprechendem Verdacht auf einen NPH ein Liquorablassversuch (Tab. 1).

Bildgebung

Neben den klinischen Kriterien müssen auch die radiologischen Befunde zur Vervollständigung der Diagnostik des NPH hinzugezogen werden. Obwohl in einem CT die Erweiterung der Ventrikel und eine Hirnatrophie gut darstellbar sind, wird empfohlen, für die Diagnostik des NPH möglichst immer ein MRI des Schädels zu veranlassen, um insbesondere sonstige Parenchymläsionen und die Liquorkommunikation im Ventrikelsystem besser dazustellen. Eindeutige radiologische Unterscheidungskriterien zwischen einem idiopathischen und sekundären NPH gibt es nicht. Da jedoch die Patienten mit einem idiopathischen NPH in der Regel älter sind, zeigen sich dort häufiger Zeichen einer Hirnatrophie.

Typischerweise ist beim NPH eine überproportionale Erweiterung der Seitenventrikel mit Ballonierung der Frontalhƶrner, Temoralhƶrner und des dritten Ventrikels zu beobachten (Abb. 1-3). Als quantitative Kriterien haben sich einerseits ein erhƶhter Evans-Index >0.3 (VerhƤltnis zwischen maximaler Weite der Vorderhƶrner und dem maximalen inneren SchƤdeldurchmesser auf einem axialen Schnittbild, vgl. Abb. 1) sowie der Corpus-callosum-Winkel etabliert (1, 9, 10). Zur genauen Berechnung des Corpus-Callosum-Winkels bedarf es einer 3-D-Rekonstruktion, was aufgrund der PraktikabilitƤt im Alltag eher sekundƤr ist und idealerweise von radiologischen Kollegen bei der Fragestellung berechnet wird. Dabei wird auf einer koronaren Schicht auf die Commissura posterior zentriert und exakt zur AC-PC Orthogonal-Linie und Fissura longitudinalis cerebri ausgerichtet. Auf dieser Schichtebene wird dann der Winkel zwischen der medialen Wand des Seitenventrikels gemessen (Normalwerte 100-120°, NPH 50-80°, Cut Off 90°). Das Sulcus cinguli-Zeichen ist eine neuere MR-Beschreibung, wobei sich der posteriore Anteil enger als der anteriore darstellt (11).

Liquorablass (Miller Fisher-Test)

Der Liquorablass kann in der Regel unproblematisch in der neurologischen Praxis durchgeführt werden. Wichtig ist hierbei, dass neben allfälliger Liquordiagnostik (Ausschluss Meningitis, Blutungsresiduen, pathologische Tumorzellen des ZNS, ggf. Demenzdiagnostik) und der Druckmessung, v.a. ausreichend Liquor (mind. 30-50ml) abgelassen und genügend lange bis zur Reevaluation gewartet wird. Effekte vor einer Stunde sind nicht zu erwartet, wenn sich noch keine Veränderungen zeigen, sollte zwischen 24 und 48 Stunden nochmals nachuntersucht werden.

Als relativ kurzdauernde, pragmatische Verlaufsparameter bietet sich ein vorgegebener Gehtest mit maximaler Geschwindigkeit an. In einer kürzlichen Studie erwies sich der TUG (Timed Up & Go) als bester Test für Geschwindigkeit, Gleichgewicht und Ausdauer (12). Aber auch Flurlängenmessungen auf Zeit, mit Dokumentation der Schrittzahl, bieten sich an. Im Weiteren soll auch die kognitive Veränderung vor und nach dem Ablass dokumentiert werden (z.B. MoCA-Test oder als pragmatische Lösung auch Frauen-, resp. Männernamen in einer Minute aufzählen).
Letztlich sollte zwingend der Patient, resp. die Angehörigen über den subjektiven Eindruck gefragt werden, insbesondere was die Blasenstörung angeht.

Der Liquorablass kann bereits lƤnger anhaltende therapeutische Wirkung haben.

Lumbale Liquordrainage zur Diagnostik

Bei Situationen, wo die einmalige Lumbalpunktion mit Liquorablass keine eindeutige Diagnostik zulƤsst, stellt die Einlage einer lumbalen Drainage in einem stationƤren Setting eine zusƤtzliche diagnostische Mƶglichkeit dar (13). Das Gangbild zeigt manchmal erst nach 24 Stunden eine eindeutige Besserung. Insbesondere die Beurteilung der kognitiven Leistung ist nach 2-3 tƤgiger Liquordrainge gegenüber einer einmaligen Liquorpunktion überlegen (14). Ein weiterer Vorteil ist, dass der postpunktielle Kopfschmerz nach Ablassen von einer relativ grossen Liquormenge von 30-40 ml in relativ kurzer Zeit bei der Einmal-Punktion im Vergleich zur langsamen kontinuierlichen Drainage seltener ist. Die Einlage der lumbalen Drainage erfolgt im Rahmen eines stationƤren Aufenthalts. Hierbei wird unter sterilen Bedingungen ein lumbaler Spinalkatheter ca. 15 cm intrathekal eingelegt und an ein externes Ableitungssystem mit einem Auffangrohr zur Messung der Liquormenge angeschlossen. Die Menge der Liquordrainage wird über die Hƶhe des Auffangrohres im VerhƤltnis zum Gehƶrgang eingestellt und wird 2-stündlich dokumentiert, um eine Überdrainage zu vermeiden (max. 5-10 ml/h). Somit wird ca. 120-240 ml/24 h drainiert. Bei Mobilisation des Patienten für den Toilettengang, Essen oder Gangprüfung kann die Drainage abgeklemmt werden. Somit sind die Patienten nicht an eine strikte Bettruhe gebunden. Eine Thromboseprophylaxe erfolgt in der Regel mit niedermolekularem Heparin (z.B. 1x tƤglich Fragmin 5000 I.E.).

Gangprüfung und kognitive Testung werden nach jeweils 24 und 48 Stunden gemäss standardisiertem Protokoll durchgeführt. Danach wird die lumbale Drainage entfernt und nach 4-stündiger Bettruhe können die Patienten nach Hause. Weitere diagnostische Tests, wie der Infusionstest, die kontinuierliche Liquordruckmessung und hämodynamische Tests, haben sich aufgrund der Praktikabilität und fehlendem Vorteil der Vorhersage hinsichtlich des Erfolges einer Shunt-Operation bis heute nicht durchgesetzt.

Operative Therapie & Prognose

WƤhrend Mumenthaler und Mattle vor 25 Jahren noch darauf hinwiesen, dass die Diagnose eher zu hƤufig gestellt wurde und entsprechend zu viele Patienten einen Shunt erhielten, spricht die aktuelle Leitlinie der DGN eine deutlich andere Sprache (15, 1). Die ventrikuloperitoneale Drainage (VP-Shunt) stellt heute den Goldstandard zur operativen Behandlung des idiopathischen NPH dar. Es gibt allerdings für besondere klinische Konstellationen folgende alternative OP-Techniken: die endoskopische Dritt-Ventrikulostomie, der ventrikulo-atriale Shunt (Herzvorhof) oder sehr selten auch ein lumboperitonealer Shunt. Der lumboperitonale Shunt wird aufgrund von signifikant hƶheren Komplikationsraten (ca. 30% LP versus ca. 10% bei VP) nur in AusnahmefƤllen eingesetzt (16). Zur Vermeidung von Implantat-assoziierten Komplikationen wurde die Ā«implantatloseĀ» endoskopische Ventrikulostomie des dritten Ventrikels (ETV) bei der Behandlung des idiopathischen NPH untersucht (17, 18). Bei dieser Methode wird über einen endoskopischen Zugang eine Verbindung zwischen dem dritten Ventrikel und der prƤpontinen Zisterne zur internen Umleitung des Liquorflusses hergestellt. Die ETV führte bei ca. 2/3 der Patienten zu einer initialen klinischen Besserung. Klinische Studien zeigen jedoch eine signifikante Überlegenheit der VP-Shunt-Gruppe, sodass die ETV bei idiopathischem NPH nicht primƤr indiziert ist (19, 20). Bei Patienten mit vielen intraperitonealen Voroperationen, Infekten des Peritonealraumes oder Dauerimplantation einer abdominellen Ableitung (z.B. PEG-Sonde, Zystofix, Anus-PrƤter) wird eine VP-Shunt-Einlage nicht empfohlen. Hier kann alternativ eine ETV versucht werden. Falls sich die Symptomatik nicht verbessert, besteht die Option einer ventrikulo-atrialen (VA) Drainage bei gesunder Herzfunktion.

Etwa 10-15% der Patienten zeigen eine positionsabhängige Überdrainage nach der VP-Shunt-Einlage. In einigen Kliniken wird bei jeder NPH-OP ein Gravitationsventil (Anti-Siphon-Device) implantiert. Da jedoch auch ein grosser Teil der Patienten ohne dieses Zusatzventil gute Resultate zeigt, wird eine sekundäre Implantation eines solchen Ventils erst bei klinischer Manifestation einer positionsabhängigen Überdrainage bevorzugt.

Prognose und Komplikationen

Das Resultat der postoperativen Verbesserung der Symptomatik hƤngt entscheidend von der Patientenselektion und prƤoperativ korrekten AbklƤrung ab. Weiterhin ist die postoperative, interdisziplinƤre Betreuung der Shunt-Patienten essentiell. Dadurch kann gewƤhrleistet werden, dass die für den Patienten individuell angepasste Ventil-Druck-Einstellung gefunden wird. Hinreichende Erfahrung im Umgang mit Komplikationen und korrekte Diagnostik der potentiellen Shunt-Dysfunktionen sind ergƤnzend wichtig. Die Erfolgsraten der Shunt-Operationen variieren in der neusten Literatur zwischen 75-90% (16, 21). WƤhrend die perioperative MortalitƤtsrate mit nahezu 0% angegeben ist, betrƤgt das Risiko einer Nebenwirkung oder Komplikation ca. 11% und das Risiko für bleibende neurologische Defizite bei ca. 6% (16). Pujari et al. 2008 zeigten bei einem Follow-up bis 7 Jahre eine Verbesserung des Gangbildes, der Kognition und der Inkontinenz bei jeweils 87%, 84% und 80% der Patienten (22). Bei knapp einem Viertel der Patienten sind im Langzeit-Verlauf Revisionsoperationen notwendig (16, 21, 23, 24).

Historisches

Salomón Hakim Dow (1922-2011) war ein kolumbianischer Neurochirurg mit libanesischen Wurzeln (25). Nach seinem PhD in Harvard beschrieb er zusammen mit dem Neurologen und Neuropathologen Raymond Delacy Adams (1911-2008) seine Beobachtungen. Als er einen 16-jährigen Jungen mit schwerem Schädelhirntrauma nach Verkehrsunfall nach einem Monat wiedersah, vermutete er einen Hydrozephalus als Ursache der persistierenden Somnolenz. Der Liquordruck war jedoch bei 15cm CSF. Trotzdem liess er 15ml CSF ab, worauf der Patient aufklarte. Im Pneumoencephalogramm stellte er einen inneren Hydrozephalus fest. Weil sich der Zustand des Jungen am kommenden Tag wieder verschlechterte, entschloss er sich im Verlauf, einen Ventrikelshunt einzulegen. Der Junge verbesserte sich fortan so gut, dass er nach vier weiteren Monaten wieder in die Regelschule zurückkehren konnte.

Mit zwei weiteren Fällen beschrieben die beiden erstmalig die Trias aus «mental dullness, inattentiveness, psychomotor retardation, unsteadiness of gait, and incontinence of urine», also mentale Trägheit, Gangataxie und Urininkontinenz (2). Im selben Jahr folgte dann auch die Beschreibung des atraumatischen, resp. idiopathischen Normaldruckhydrozephalus bei drei über 60-jährigen Patienten (26).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Ali Reza Fathi

Neurochirurgie Fathi AG
Schachen 22
5000 Aarau

Prof. Dr. med. Andreas R. Gantenbein

Facharzt Neurologie
Neurologie am Untertor
Erachfeldstrasse 2
8180 Bülach
www.neurologie-untertor.ch

andreas.gantenbein@zurzachcare.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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Werden FXI Hemmer die neue Generation von Antikoagulantien?

Thrombosen und Blutungen unter Antikoagulantientherapie bleiben ein bedeutendes klinisches Problem mit lebensbedrohlichen Konsequenzen. Trotz bedeutender Fortschritte mit den direkten oralen Antikoagulantien persistieren relevante Blutungs- und Thrombose-Risiken. Besonders bei Patienten mit Begleiterkrankungen wie Tumore, Niereninsuffizienz und Leber-Zirrhose, sowie bei Patienten mit mechanischen Devices (Klappen, künstliches Herz, ECC), resp. Blutkontakt mit künstlichen OberflƤchen – bekannt als Ā«künstliche KontaktflƤchen-assoziierten ThrombosenĀ». Die FXI-Hemmung ist hier ein vielversprechender, neuer Ansatz mit alternativen Wirkmechanismen und Verabreichungsoptionen, was FlexibilitƤt für die klinische Applikation bietet. Aktuellste Resultate aus Phase-II-Studien zeigen eine vielversprechende Tendenz zur Reduzierung des Blutungsrisikos bei venƶsen und arteriellen Thromboembolien. Die Ergebnisse, insbesondere der laufenden Phase-III-Studien, werden wertvolle Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit von FXI-Hemmern in der ThromboseprƤvention liefern.

Thrombosis and (anticoagulant) bleeding remain significant clinical challenges with potential life-threatening consequences. Despite major progress in anticoagulant development, concerns about residual thrombosis and induced bleeding persist, especially in patients with typical comorbidities such as oncological diseases, renal failure, liver cirrhosis, and those with mechanical devices and blood exposed to artificial surfaces — commonly referred to as „Artificial Contact Surfaces Associated Thrombosis“ (ACSAT). FXI inhibitors have been developed as a promising novel approach using different mechanisms of action, routes of administrations, and half-lives, offering flexibility for specific clinical conditions and applications. Recent findings from phase II trials have shown a promising trend of reduced bleeding risks in both venous and arterial thromboembolism. The results of these trials and particularly of the ongoing phase III trials, will yield valuable insights into the efficacy and safety of FXI inhibitors in thromboembolic disease.
Key Words: FXI inhibitors; Anticoagulation; Thrombosis; ACSAT; Bleeding

Rational für die Hemmung von FXI als neues Antikoagulans

Antikoagulanzien werden sehr hƤufig zur PrƤvention und Therapie von venƶsen Thrombosen (VT), Lungenembolien (LE) und arteriellen Thromboembolien, z.B. von SchlaganfƤllen bei Vorhofflimmern (1, 2), angewendet. In den letzten Jahren wurden wirksame und gut vertrƤgliche orale Antikoagulanzien entwickelt – die Ā«direkten oralen AntikoagulanzienĀ» (DOACs) – welche die FIIa und FXa hemmen. Die DOACs haben herkƶmmliche Vitamin-K-Antagonisten (VKA) und in einigen FƤllen parenterale Antikoagulanzien wie niedermolekulare Heparine (NMH) weitgehend, wenn auch nicht vollstƤndig, ersetzt.

Dennoch besteht nach wie vor der Bedarf zur weiteren Reduktion des verbleibenden Blutungs- und Thromboserisikos auch unter der Anwendung der DOACs. Patienten, die speziell eine verbesserte Antikoagulationsstrategie benötigen, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe umfasst Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko, darunter auch solche mit Niereninsuffizienz, Leber-Zirrhose und Blutungen in der Vorgeschichte sowie Krebspatienten und ältere Menschen im Allgemeinen. Die zweite Gruppe umfasst Patienten, bei denen die Wirksamkeit von DOACs getestet wurde und die sich entweder als ungenügend gegenüber VKA erwiesen haben oder für deren Verwendung keine ausreichende Evidenz vorliegt. Hierzu zählen Patienten mit kardiovaskulären Devices und/oder künstlichen Oberflächen, die entsprechend dem Blut ausgesetzt sind, und Patienten mit Antiphospholipid-Syndrom (3-5).

Bei Patienten mit mechanischen Herzklappen erwiesen sich beispielsweise Dabigatran und Rivaroxaban als weniger wirksam als VKA (6). Das Nutzen-Risiko-VerhƤltnis von oralen Antikoagulantien ist bei Dialysepatienten umstritten (7). Patienten mit linksventrikulƤren Support Devices oder solche, die einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) unterzogen wurden, waren nicht Bestandteil randomisierter kontrollierter Studien zur Bewertung von DOACs (8).

Entwicklung von FXI-Hemmer

Faktor XI (FXI) ist eine inaktive Form der Blutgerinnungsprotease, die zum Faktor XIa (FXIa) aktiviert wird (9). FXI kann nicht nur durch FXIIa, sondern auch durch FXIa selbst und Thrombin in einer positiven Rückkopplungsschleife aktiviert werden. Diese Rückkoppelung führt zu einer erhƶhten Thrombinproduktion und verstƤrkt die Gerinnungskaskade. Die detaillierte Gerinnungskaskade ist in unserer zentralen Abbildung 1 dargestellt.

Der Kontaktaktivierungsweg (intrinsic pathway) wird ausgelƶst, wenn Blut mit künstlichen OberflƤchen in Kontakt kommt, was zur Aktivierung von FXII führt. Das FXIIa lƶst dann die Aktivierung von FXI aus, was wiederum zur Aktivierung von FIX, FX und Prothrombin führt. Obwohl FXII ein natürliches Ziel für die Hemmung des intrinsischen Weges sein kƶnnte, sind die Daten aus FXII-Studien noch widersprüchlich. Studien an Patienten mit FXII-Mangel ergaben keinen Hinweis auf ein geringeres Risiko für thrombotische Ereignisse, und es gibt keinen Zusammenhang zwischen FXII und VTE, ischƤmischem Schlaganfall oder Myokardinfarkt (MI) (10, 11). Ein mƶglicher Grund dafür kƶnnte sein, dass niedrige Konzentrationen von FXII die Verringerung der Thrombose durch eine Verminderung der Thrombus-StabilitƤt unterstützen, was zu einer stƤrkeren Embolisierung führen kƶnnte. Andererseits ist zu beachten, dass die Thrombingeneration, die aus der Kontaktaktivierung stammt, ausreicht, um die Bildung eines hƤmostatischen Pfropfens einzuleiten, so dass eine ThrombinverstƤrkung nicht erforderlich ist. Dies kƶnnte darauf hindeuten, dass FXI bei der normalen HƤmostase nicht zwingend benƶtigt wird. Diese Ergebnisse stimmen mit der Beobachtung relativ leichter Blutungen bei Patienten mit ausgeprƤgtem FXI-Mangel überein (12). Interessanterweise haben Personen mit genetischem FXI-Mangel niedrigere Raten von VTE, Schlaganfall und mƶglicherweise auch MI im Vergleich zur Allgemeinbevƶlkerung (13, 14). Umgekehrt sind erhƶhte FXI-Werte mit einem erhƶhten Thromboserisiko, einschliesslich VTE und Schlaganfall/TIA, assoziiert (10, 15).

FXI-Hemmer

Aufgrund der verfügbaren Daten hat sich die pharmakologische Reduktion von FXI resp. die Hemmung von FXIa als potenzieller therapeutischer Ansatz mit (hoffentlich) minimalen Blutungen herauskristallisiert. Derzeit werden grundverschiedene Ansätze als mögliche therapeutische Strategien zur Hemmung der Bildung und Aktivität von FXI untersucht, wie in Abbildung 2 dargestellt. Dazu gehören Antisense-Oligonukleotide (ASOs), die auf Hepatozyten abzielen, um die FXI-Synthese zu reduzieren, kleine Moleküle, die an der aktiven Stelle von FXIa binden, monoklonale Antikörper (Mab), die die Aktivierung blockieren oder die FXIa-Aktivität hemmen, sowie DNA-Aptamere (16). Diese Medikamente weisen unterschiedliche pharmakologische Eigenschaften auf. Kleine Moleküle werden oral verabreicht, während ASOs und Mab parenteral gegeben werden müssen. Der Mab zeigt eine schnelle Wirkung, wenn intravenös injiziert, während kleine Moleküle 1-4 Stunden nach der oralen Einnahme den Plasma-Spitzenspiegel erreichen. ASOs, die subkutan verabreicht werden, benötigen etwa 6 Stunden, um den Peakwert zu erreichen. ASOs und die Mab weisen dagegen wie erwartet bemerkenswert lange Halbwertszeiten von bis zu 4-6 Wochen auf, während kleine Moleküle kurze Halbwertszeiten von wenigen Stunden haben und ein- oder zweimal täglich verabreicht werden müssen.

Klinische Daten zu FXI-Hemmern

Derzeit laufen klinische Studien der Phasen II und III, in denen der Einsatz von FXI-Hemmern in verschiedensten klinischen Situationen untersucht wird. Dazu zƤhlen die VTE-Prophylaxe in spezifischen Szenarien wie Knie-Totalendoprothesen Operationen (Knie-TP), Nierenerkrankungen im Endstadium, bei Krebs-assoziierten Thrombosen sowie die SchlaganfallprƤvention bei Patienten mit Vorhofflimmern, die Therapie nach Schlaganfall oder nach MI. Detaillierte Zusammenfassungen der einzelnen klinischen Studien sind in Abbildung 3 sowie in Tabelle 1 zu finden.

Patienten, die sich einer Knie-TP Operation unterziehen mussten, waren die ersten, die mit den FXI Hemmern behandelt wurden, einerseits weil die VTE-Inzidenz ohne Prophylaxe hoch ist und andererseits, weil die VTE durch die Venographie standardmässig erfasst werden kann. Eine kürzlich durchgeführte Metaanalyse von vier randomisierten, kontrollierten Studien bestätigte, dass FXI-Hemmer bei Patienten, die sich einer TKA unterzogen, mit einer signifikanten Verringerung der Inzidenz von VTE und Blutungsereignissen jeglicher Art assoziiert waren (Odds Ratio [OR] 0.50, 95%CI 0,36-0,69) (17).

SpƤter konzentrierten sich zwei separate Phase-II-Studien auf Patienten mit klarem Bedarf an verbesserter Antikoagulanzien-Therapie wie terminaler Niereninsuffizienz (ESRD) [18,19]. Die Studien zeigten, dass ASOs und Mab gut vertrƤglich sind und minimale Blutungsrisiken aufweisen.

Grosse Phase-III-Studien wurden inzwischen bereits abgeschlossen und ergaben positive Ergebnisse hinsichtlich reduzierter Blutungsrisiken im Vergleich zum Placebo bei ASOs, dies bei Patienten mit ESRD. Zum Beispiel traten Blutungsereignisse mit 3,8 % bei 200 mg Ionis-Fx im Vergleich zu 5,7 % beim Placebo auf [NCT03358030], und 6,1 % bei 120 mg Fesomersen im Vergleich zu 9,7 % beim Placebo [NCT04534114], sowie bei monoklonalen Antikƶrpern; Blutungsevents lagen zwischen 3,6 % und 4,3 % bei Osocimab im Vergleich zu 6 % beim Placebo [NCT04523220, NCT05027074].

FXI-Inhibitoren haben ausserdem ein interessantes Potenzial zur Vorbeugung von krebsbedingten Thrombosen (Cancer-Associated Thrombosis, CAT) gezeigt. Derzeit laufen Phase-III-Studien, nƤmlich ASTER [NCT05171049] und MAGNOLIA [NCT05171075]. Diese Studien untersuchen die Auswirkungen von Abelacimab auf das Wiederauftreten von VTEs und Blutungen im Vergleich zu Apixaban (ASTER) und Dalteparin (MAGNOLIA) bei Tumorpatienten.

In Bezug auf die Schlaganfallprävention bei Vorhofflimmern zeigte sich, dass 20 und 50 mg Asundexian nach 12 Monaten im Vergleich zu Apixaban das Blutungsrisiko reduzierten, ohne signifikante Unterschiede in den unerwünschten (Schlaganfall) Ereignissen (20). Eine Phase-III-Studie ist derzeit im Gange, um die Schlaganfallinzidenz mit einer Beobachtung von 30 Monaten zu bestimmen [NCT05643573]. Neben Asundexian sind Phase-II- [NCT04755283] und Phase-III-Studien [NCT05712200] von Abelacimab im Gange und sollten voraussichtlich 2024 bzw. 2025 abgeschlossen werden.

Für die Sekundärprävention von Schlaganfällen wurden Milvexian und Asundexian bei Patienten mit ischämischem Schlaganfall oder TIA untersucht, die gleichzeitig eine Therapie mit Thrombozytenaggregationshemmern erhielten. Nach 90 und 180 Tagen zeigten diese Inhibitoren im Vergleich zu einem Placebo keine Verringerung des zusammengesetzten Ergebnisses von stillen Hirninfarkten oder ischämischen Schlaganfällen. Die fehlende Reduktion könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Studien keine ausreichende statistische Power hatten und sich zunächst korrekterweise auf die Bestimmung der Sicherheitsdosis für die Schlaganfallprävention konzentrierten. Bemerkenswert ist, dass keines dieser kleinen Moleküle einen Anstieg der Blutungsrate zeigte (21-22). Weitere grosse Phase-III-Studien befinden sich derzeit in der Rekrutierungsphase und sollen voraussichtlich 2026 abgeschlossen sein [NCT05686070, NCT05702034].

Neben den Analysen zu SchlaganfƤllen hat Asundexian in Phase II Studien positive Tendenzen auf den Myokardinfarkt gezeigt, insbesondere bei hohen Dosierungen von 50 mg. Die Studien hatten keine ausreichende statistische Power, um die Wirksamkeit zu beweisen, die Anzahl der TodesfƤlle, wiederholter MIs, SchlaganfƤlle und Stentthrombosen waren aber numerisch geringer, obwohl die Anzahl der Ereignisse in jedem Arm Ƥusserst niedrig war (etwa 20 Ereignisse pro Arm) (23).

Zusammenfassend haben die Ergebnisse der neuesten Phase-II-Studien trotz der begrenzten Teilnehmerzahl wertvolle Einblicke in das Sicherheitsprofil von FXI-Hemmer geliefert. Eine kürzlich durchgeführte Meta-Analyse, die acht verƶffentlichte klinische Phase-II-Studien mit FXI-Hemmern einschließlich Knie-TP, Schlaganfall bei Vorhofflimmern/SekundƤrprƤvention und MI einbezog, ergab eine um 51 % niedrigere Rate an Blutungen jeglicher Art, unabhƤngig von der verwendeten Dosierung (24). Zudem wurde im Vergleich zu LMWH eine 38 % Verringerung des in der Studie definierten Wirksamkeits-Endpunkts, wie beispielsweise der Inzidenz von VTE, MI und Schlaganfall festgestellt. Andererseits wurden beim Vergleich von FXI-Hemmern mit DOACs keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf schwere Blutungen oder Wirksamkeitsendpunkte festgestellt.

Zukünftige Entwicklungen der FXI-Hemmer

Die verfügbaren klinischen Daten der FXI-Hemmer zeigen vielversprechende Ergebnisse in verschiedenen klinischen Szenarien, insbesondere im Hinblick auf ihr Sicherheitsprofil. Es gibt jedoch noch bedeutende, ungeklärte Fragen bezüglich der Wirksamkeit und Dosierung in Studien mit grossen Patientenzahlen und bezüglich der Dosisanpassungen unter bestimmten Bedingungen (Niereninsuffizienz). Die Überlegenheit oder mindestens die Nicht-Unterlegenheit im (direkten) Vergleich zu dokumentiert wirksamen Antikoagulantien (DOACs, LMWH) nachzuweisen, wird die grösste Herausforderung darstellen. Die laufenden, grossen Phase-III-Studien werden die Antworten auf diese Fragen liefern.
Zusätzlich könnten FXI-Hemmer aufgrund ihrer Wirksamkeit in der Kontaktaktivierung auch bei Patienten mit hohem Thromboserisiko aufgrund mechanischer Geräte oder wegen Blutkontakt an künstlichen Oberflächen eine sehr nützliche Rolle spielen (bspw. mechanische Herzklappen, Dialyse-Shunts, ECMO-Therapie, liegende zentrale Venenverweilkanülen und Port-à Caths oder ventrikuläre Unterstützungsgeräten und «künstliche Kontaktflächen-assoziierte Thrombosen» (ACSAT). In solchen Fällen, in denen DOACs nur begrenzt wirksam oder kontraindiziert sind, könnten FXI-Hemmer eine interessante Option bieten (25). Entsprechend wurde auch festgestellt, dass hier FXII, welcher eine wichtige Rolle in der Kontakt-Aktivierung spielt, bei ACSAT vorteilhaft sein könnte (26). Eine Phase-II-Studie mit Xisomab 3G3, einem FXII-Hemmer, läuft derzeit, um seine Rolle bei der Prävention von Katheter-assoziierter Thrombose bei Krebspatienten, die eine Chemotherapie erhalten, zu untersuchen [NCT04465760].
Kurze Zusammenfassung aus der Publikation im Cardiovascular Medicine 2024: P. Lee and JH. Beer, Factor XI Inhibition: A New Therapeutic Principle in Anticoagulation, Cardiovascular Medicine 2024, in press.]

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med.Pratintip Lee

Labor für Molekulare Kardiologie
Universität Zürich
Wagistrasse 12
8952 Schlieren

Prof. Dr. med.Jürg Hans Beer

Leiter Gerinnungssprechstunde Kantonsspital Baden, 5404 Baden
Labor für Molekulare Kardiologie, Leiter Plättchenforschung,
Universität Zürich
Wagistrasse 12
8952 Schlieren

hansjuerg.beer@ksb.ch

JHB deklariert die Unterstützung durch den schweizerischen Nationalfonds (No. 324730_163339), Schweiz. Herzstiftung, Kardio-Stiftung Baden, Fortschungsbeiträge von Bayer und Vortrags-Honorare von Astra-Zeneca, Sanofi-Aventis und Daiichi Sankyo an die Institution. PL deklariert die Unterstützung durch die Jubiläumsstiftung SwissLife, die Theodor und Ida Herzog-Egli-Stiftung und die Schweiz. Herzstiftung.

ā—† Die FXI-Hemmung ist ein vielversprechender Ansatz zur Verringerung von Thrombosen bei gleichzeitiger Minimierung des Blutungsrisikos.
ā—† FXI-Inhibitoren aus Phase-II-Studien zeigten einen positiven Trend zur Reduzierung von Blutungsrisiken. Laufende Phase-III-Studien werden wichtige Einblicke in die Wirksamkeit von FXI-Inhibitoren in den verschiedenen klinischen Szenarien liefern.
ā—† Bestimmte Patientengruppen, einschliesslich solcher mit mechanischen GerƤten und diejenigen mit Blutkontakt mit künstlichen OberflƤchen, kƶnnten von FXI-Inhibitoren speziell profitieren und werden derzeit intensiv erforscht.

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