Schizophrenie

Dieser Artikel dient als kurze Zusammenfassung und zur Auffrischung der Kenntnisse zur Schizophrenie, ihrer Diagnostik und Behandlung. Besonders soll der Leser dafür sensibilisiert werden, wie er im Gespräch Hinweise auf eine Erkrankung des schizophrenen Formenkreises findet und mit diesen umgeht.

This article is a short refresher and summary of the diagnosis and treatment of schizophrenia. The article is supposed to help the reader identify indicators of specific symptoms of schizophrenia in an interview with a potential patient as well as convey how to approach these indicators in a therapeutic setting.
Key Words: schizophrenia, ICD-11, mania, hallucination, treatment

Die Schizophrenie ist ein Störungssbild, welches primär durch eine Bewusstseinsspaltung definiert wird. Seit 1911 wird dieses Krankheitsbild nach Eugen Bleuler als solches bezeichnet und löste damit den Begriff der «Dementia Praecox» von Emil Kraepelin ab. Die Lebenszeitprävalenz der Schizophrenie liegt bei etwa 1%, wobei beide Geschlechter in etwa gleich häufig betroffen sind.
Männer erkranken in der Regel etwas früher als Frauen, das Haupterkrankungsalter liegt dabei zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr (1). Die Schizophrenie wird grob in drei Verlaufsformen aufgeteilt. Ein Drittel der Erkrankten remittieren nach der Ersterkrankung vollständig. Beim zweiten Drittel findet ein episodischer Verlauf statt, der zwischen Remission, Teilremission und psychotischer Exazerbation wechselt. Das letzte Drittel erfährt einen chronisch progredienten Verlauf. Prognostisch hat ein schizophrener Patient eine ca. 15 Jahre geringere Lebenserwartung.

Nach heutigem Wissenstand gehen wir weiterhin von einer multifaktoriellen Ätiopathogenese aus, bei der die genetisch bedingte Vulnerabilität einer der Risikofaktoren ist. So steigt das Risiko selbst an einer Schizophrenie zu erkranken um 10%, wenn man einen an Schizophrenie erkrankten Verwandten ersten Grades in der Familie hat. Umweltfaktoren wie Infektionen in der Schwangerschaft, Drogenkonsum, Traumata, Hypoxie bei der Geburt, Depressionen bei der Mutter während der Schwangerschaft, Leben in der Stadt etc. verdoppeln ausserdem das Risiko und stellen gesamthaft für die Vulnerabilität eine grosse Bedeutung dar. Schizophrene Patienten können zwar manchmal unheimlich oder gar bedrohlich wirken, allerdings ist das Risiko für eine Fremdgefährdung nicht höher als das der Allgemeinbevölkerung. Die Suizidrate unter schizophrenen Menschen hingegen liegt bei 10% und ist deutlich höher (1).

Allgemeine diagnostische Kriterien gem. ICD-10/ICD-11

Für die Diagnose einer Schizophrenie sind die diagnostischen Kriterien des ICD-10 (2) bzw. neuerdings des ICD-11 (3) grundlegend. Insgesamt lassen sich die Symptome einer Schizophrenie in eine Positiv- und eine Negativsymptomatik aufteilen. Positivsymptomatik geht häufig einher mit einer Überstimula­tion, die sich in Wahn oder Halluzinationen äussern kann (1). Die Negativ­symptomatik wird durch psychosoziale Unterstimula­tion wahrscheinlicher und ist durch die in Punkt E des ICD-11s beschriebenen 6As zusammengefasst (Tab. 1).

Änderungen im ICD-11

Die Schizophrenie wird nun im Abschnitt 6A2 unter anderem mit der schizoaffektiven-, der schizotypen- und der wahnhaften Störung sowie anderen primären Psychosen zusammengefasst. Der ICD-11 verabschiedet die klinischen Subtypen (paranoid, hebephren, kataton und simplex) der Schizophrenie (F20). Zudem wird der besondere Stellenwert der Schneiderschen Erstrangsymptome abgeschafft und diese stattdessen mit anderen psychotischen Symptomen gleichgestellt (4). Es kann kodiert werden, ob es sich um die erste Episode, multiple Episoden oder ein kontinuierliches Auftreten der Störung handelt. Zusätzlich kann mit einer zweiten Kodierung die vorherrschende Symptomatik beschrieben werden. So würde die Kodierung 6A20.10 eine Schizophrenie mit multiplen Episoden, gegenwärtig symptomatisch beschreiben. Um die Symp­tome zu spezifizieren, könnte man zusätzlich zum Beispiel eine 6A25.0 «positiv Symptomatik in einer primär psychotischen Störung» vergeben. Demnach ist es nach ICD-11 nun möglich, innerhalb der Schizophrenie genauere Angaben zur Symptomatik, dem Verlauf und der Prognose des Patienten anhand der Diagnose zu machen (2, 3).

Natürlich ist es zwingend notwendig, vor der Diagnosestellung eine organische oder substanzinduzierte Genese für die vorliegende Symptomatik auszuschliessen. Blutuntersuchungen (z.B. Neuro-Lues, Morbus Wilson) ein MRI und ein EEG sollten unauffällig sein (2, 5).

Symptome erkennen

Wie erkennt man nun ob die oben genannten Kriterien vorliegen? Zunächst werden Hinweise auf ein psychotisches Syndrom benötigt. Der Therapeut exploriert im Rahmen des psychopathologischen Befundes Wahn, Halluzinationen, formale Denkstörungen, Ich-Störungen und den Affekt des Patienten. Dabei sind Wahn und Halluzinationen die Kernsymptome des psychotischen Syndroms (5).

Wahn

Wahn entsteht durch eine Veränderung im Erleben, einhergehend mit einer Fehlbeurteilung der Realität. An dieser Fehlbeurteilung wird mit subjektiver Gewissheit festgehalten, selbst wenn sie der Wirklichkeit und den Erfahrungen aller anderen Menschen widerspricht. Sie ist nicht objektivierbar und während der aktiven Psychose auch nicht korrigierbar. Ein Wahn kann zudem nicht als solcher vom Patienten kommuniziert werden, weshalb es besonders wichtig ist diesen gut zu explorieren (5, 6).

Der Patient wird seine persönliche Realität präsentieren. Es ist wichtig diese «Wahnrealität» anzunehmen und mit dem Patienten gemeinsam zu versuchen, aus seiner Realität heraus einen Lösungsansatz zu erarbeiten. Dem Patienten zu erklären, dass seine Wahrnehmung falsch sei, wird nur dazu führen, dass der Patient dem Therapeuten nicht vertraut. Es ist überaus wichtig, dass der Patient spürt, dass der Therapeut versucht, seine Problematik zu erkennen. Die Schwierigkeit besteht darin, den Wahn weder zu bestätigen noch dem Patienten seine Realität abzusprechen (6).

Als Beispiel kann ein Patient davon überzeugt sein, dass sein gesamtes wohnliches Umfeld Teil der Mafia sei. Auch wenn die Polizei dem Therapeuten bereits bestätigt hat, dass die Aussagen des Patienten keinen Realitätsbezug haben, sollte man den Patienten nicht damit konfrontieren. Stattdessen sollte man eher daran arbeiten, wie er mit der «allgegenwärtigen Kriminalität» umgehen kann, ohne seine Nachbarschaft, sein direktes Umfeld und sich selbst zu belasten. Das Ziel der Behandlung sollte folglich nicht die Korrektur des Wahns, sondern die Linderung des Leidensdrucks für den Patienten und sein Umfeld sein (6). Also kann zum Beispiel das Vorgehen gegen Schlafstörungen, um die Stressresilienz zu festigen, ein gemeinsamer Nenner sein, das dann durch ein Neuroleptikum anvisiert wird (und damit gleichzeitig den Wahn behandelt).

Es sei darauf hingewiesen, dass man sich besonders bei nicht bizarren Wahnideen bemühen sollte, diese zusätzlich fremdanamnestisch zu eruieren. Gerade die Idee verfolgt zu werden, kann sich zuweilen tatsächlich als real herausstellen.

Halluzinationen

Natürlich ist ein Wahn allein für eine Diagnose nicht ausreichend. Wie oben beschrieben, können auch Halluzinationen in allen Sinnesebenen vorkommen. Es handelt sich um eine Täuschung eines Sinnes ohne einen reellen Reiz. Sie sind von den Illusionen zu unterscheiden, bei denen ein reeller Reiz vom Patienten verkannt wird (5). Es können optische Halluzinationen, Akoasmen (Geräusche wie Schmatzen oder das Rauschen eines vorbeifliegenden Flugzeuges) oder Zönästhesien (Leibeshalluzinationen) vorkommen. Die häufigsten Sinnestäuschungen der Schizophrenie sind aber akustische Halluzinationen, in Form von dialogisierenden oder kommentierenden Stimmen. Hinweise dafür wären, dass der Patient im Gespräch innehält, sich mit jemand anderem unterhält, sich plötzlich abwendet oder abgelenkt erscheint. Im Gespräch kann an dieser Stelle sofort interveniert werden, zum Beispiel durch die Fragen: «Mit wem sprechen Sie?» oder «Ist ausser uns noch jemand im Raum?».

Hinweise auf akustische Halluzinationen müssen gut exploriert werden. Wenn ein Patient zum Beispiel behauptet, jemand spreche zu ihm während er Musik höre, kann dies eine Halluzination sein. Eine illusionäre Verkennung oder ein Beziehungserleben («die Musik spricht zu mir») seitens des Patienten sind aber ebenso möglich. Hier wäre es wichtig zu fragen, ob der Patient die Stimmen auch hört, wenn keine Musik spielt oder ob die Stimme zum Beispiel ganz konkret sein Handeln kommentiert.

Affekt

Der Affekt des Patienten zeichnet sich durch Gefühlsarmut, Parathymie und Ambivalenz aus. Der Patient wird auf äusserst gute so wie deutlich schlechte Nachrichten affektiv kaum reagieren. Es kann sogar sein, dass er selbst eine für ihn schlimme Erkenntnis oder eine Drohung völlig kalt oder gar mit einem Lächeln entgegennimmt. In der Gegenübertragung kann der Patient dem Gegenüber «unheimlich» und unnahbar vorkommen. Durch den reduzierten emotionalen Kontakt zu anderen kommt es beim Patienten häufig zu einem sozialen Rückzug, der mit einem Leistungsknick einhergehen kann.

Ich-Störungen und formale Denkstörungen

Wenn der Patient angespannt und formalgedanklich beschleunigt wirkt, ist dies eine gute Gelegenheit, Ich-Störungen zu explorieren. Formalgedankliche Beschleunigung äussert sich in einer übermässig schnellen (Logorrhö) sowie inkohärenten, sprunghaften Sprechweise. Diesen Patienten könnte man zum Beispiel fragen, ob er viele Gedanken gleichzeitig im Kopf habe (Gedankendrängen). Wird diese Frage bejaht, könnte man weiter fragen, ob es so viele Gedanken seien, dass diese den Kopf verlassen und für Aussenstehende wahrnehmbar würden (Gedankenausbreitung).

Umgekehrt kann man bei formalgedanklicher Blockade/Hemmung fragen, ob sich der Kopf leer oder die Gedanken blockiert anfühlen. Wird dies bejaht, könnte man dann damit folgen, ob die Gedanken von aussen entzogen würden (Gedankenentzug). Der Therapeut sollte versuchen die Fragen nach Ich-Störungen möglichst natürlich ins Gespräch einzubinden. Eine direkte Frage, wie zum Beispiel «Hatten Sie schon einmal ein Derealisationserleben?» könnte seitens des Patienten eher zu Verwirrung führen.

Medikation

Wird die Diagnose der Schizophrenie gestellt, sollte die Behandlung mit einem atypischen Neuroleptikum angeboten werden. Diese sind im Vergleich zu den Typika besser verträglich (7, 8). Empfohlen wird Risperidon 2-3 mg/d als Initialdosis oder Olanzapin 5-10 mg/d.
Die häufigste Nebenwirkung, welche alle Neuroleptika mit einander teilen, sind die extrapyramidalmotorischen Störungen (EPMS) (7,8). Erkennbar sind diese durch das besonders in den Arm- und Handgelenken hervorrufbare Zahnradphänomen. Werden diese Muskelgruppen passiv vom Therapeuten bewegt, zeigt sich ein erhöhter Widerstand, welcher abrupt nachgibt und die Bewegung zulässt, dann aber kurz darauf wieder besteht.

Besonders zu Beginn der antipsychotischen Therapie können Frühdyskinesien auftreten wie: Akathisie, Blickkrämpfe, Torticollis und Hyperkinesien der mimischen Muskulatur. Das Antidot für Neuroleptika, welches zur Behandlung der oben genannten Nebenwirkungen verwendet werden sollte, ist Biperiden. Die Nebenwirkungen sind nicht nur dosisabhängig, sondern auch abhängig davon wie schnell die Dosis erhöht wird (7,8).

Bei Schwangerschaft und Stillzeit ist Vorsicht geboten. Fast alle Neuroleptika sind Teil der «Pregnancy Risk Category»– und sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Das beste Sicherheitsprofil, sowohl in der Schwangerschaft als auch beim Stillen, haben Olanzapin und Quetiapin. Es wird lediglich ein leicht erhöhtes Risiko für Gestationsdiabetes diskutiert (9).

Die gravierendste Nebenwirkung, die bei der neuroleptischen Behandlung mit einer Häufigkeit von 0,01-3% auftreten kann, ist das Maligne Neuroleptische Syndrom (MNS) (10). Um ein MNS zu erkennen, hilft das Acronym «FALTER»:

  • Fieber
  • Autonome Instabilität (Tachykardie, Hyperhidrose)
  • Leukozytose
  • Tremor
  • Erhöhte Enzyme (Transaminasen und Kreatinkinase)
  • Rigor

Wird ein MNS vermutet, sollte als erstes das Antipsychotikum abgesetzt werden. Dann kann dem Patienten Biperiden (initial 2-4 mg, Erhaltung 4-12 mg über den Tag verteilt) gegeben werden. Tritt keine Besserung ein, ist der nächste Schritt eine Therapie mit Lorazepam (in max. 7,5 mg/d) samt engmaschiger Kontrolle der Vitalparameter (cave: Atemdepression) (10). Zusätzlich hilft es, Flüssigkeit zu substituieren und den Patienten kühl zu halten. An diesem Punkt sollte man den Patienten zudem auf eine somatische Notfall­station verlegen, damit er dort unter engmaschiger Überwachung mit Bromocriptin, Amantadin oder Dantrolen behandelt werden kann. Bei weiterhin bestehendem Bedarf sollte ein erneutes Aufdosieren eines neuen Neuroleptikums auf eine minimal effektive Zieldosis langsam und kontrolliert ablaufen.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

dipl. Arzt Alexander Gehrmann

Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel und Universität Basel
Wilhelm Klein Strasse 27
4002 Basel

alexander.gehrmann@upk.ch

Prof. Dr. med. Undine E. Lang

Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel und Universität Basel
Wilhelm Klein Strasse 27
4002 Basel

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Durch die Veränderungen im ICD-11 ist es nun möglich sich ein besseres Bild der Symptome eines Patienten anhand der Codierung zu schaffen. Die richtige therapeutische Haltung und der Beziehungsaufbau während der Gesprächsführung sind ein ebenso wichtiger Teil der Therapie wie die psychopharmakologische Behandlung.

1. Möller, Hans-Jürgen, Laux, Gerd, Deister, Arno. Duale Reihe Psychiatrie und
Psychotherapie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, 2005.
2 Dilling, Horst, Freyberger, Harald, ed. Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation
psychischer Störungen. 9th ed. Bern: World Health Organisation und Hogrefe Verlag, 2019.
3 World Health Organization. ICD-11: International classification of diseases.
11th ed. 2019. Verfügbar unter: https://icd.who.int/
4 Schultze-Lutter, Meisenzahl, & Michel. Psychotische Störungen in der ICD-11: Die Revisionen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 2021; 49:453–462. doi: 10.1024/1422-4917/a000777
5 Rolf-Dieter, Stieglitz, Achim, Haug, Bernhard, Kis, Silke, Kleinschmidt, Andreas, Thiel. Praxisbuch AMDP: Psychopathologische Befunderhebung – Grundlagen und Anwendungsbeispiele. Göttingen: Hogrefe Verlag, 2016.
6 Walter, Lang. Psychiatrische Notfälle. Erstmaßnahmen – Einweisungsrichtlinien – Fallbeispiele. Ecomed Storck Verlag 2022, 3. Auflage 2022
7 Benkert, Otto, Hippius, Hanns. Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. Wiesbaden: Springer Berlin Heidelberg, 2020.
8 Gaebel, Wolfgang, Hasan, Alkomiet, Falkai, Peter. S3-Leitlinie Schizophrenie.
Berlin Heidelberg New York: Springer-Verlag, 2019.
9 Boden R et al.: Antipsychotics during pregnancy: relation to fetal and maternal metabolic effects. Arch Gen Psychiatry. 2012;69(7):715-721.
10 Pajonk, Frank-Gerald, Messer, Thomas, Berzewski, Horst. S2k-Leitlinie Notfallpsychiatrie. Wiesbaden: Springer Berlin Heidelberg, 2020.

Delir und Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz

Demenz und Delir sind häufige Krankheitsbilder, welche mit Desorientierung, «Verwirrtheit» und Verhaltensauffälligkeiten einhergehen können. Nicht selten ist es schwer beide Krankheitsbilder zu differenzieren, insbesondere dann, wenn im Vorfeld noch keine Demenzerkrankung diagnostiziert wurde. Dieser Artikel behandelt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Krankheitsbilder Delir und Demenz sowie die Behandlungsmöglichkeiten von Verhaltensauffälligkeiten, welche bei diesen Erkrankungen auftreten können.

Dementia and delirium are common diseases which can be associated with symptoms of desorientation and behavioural occurances. The differentiation of delirum and dementia might cause some difficulties especially if a neurocognitive disorder has not been diagnosed beforehand. This article tries to enlighten the similarities as well as the differences of these disorders as well as treatment options of behavioural symptoms which often occur in patients with delirium and/or dementia.
Key Words: delirium, dementia, neurocognitive disorder, behavioural and psychological symptoms of dementia

In der Schweiz litten im Jahr 2021 zirka 146’500 Menschen an einer Demenz, von diesen wurden 2019 rund 30’000 in Spitälern behandelt. Je älter ein Mensch ist, desto häufiger liegt eine Demenz­erkrankung vor. Bei über 90jährigen Schweizern/Schweizerinnen liegt die Prävalenzrate bei ca. 40%. Man geht davon aus, dass in der Schweiz jährlich 31’375 Menschen neu an einer Demenz erkranken (1, 2). Die Demenz egal welcher Ätiologie ist somit eine häufige Erkrankung insbesondere der älteren Menschen.

Psychische und Verhaltenssymptome der Demenz

Psychische und Verhaltenssymptome der Demenz (engl. Behavioral and psychological Symptoms of Dementia – BPSD) treten im Verlauf einer Demenzerkrankung bei einer Mehrheit der Patienten/Patientinnen auf. Oft können sie auch Frühsymptome einer Demenzerkrankung sein. Unter psychischen und Verhaltens­symptomen einer Demenz versteht man zum Beispiel Apathie, Unruhe, Aggression, Halluzinationen, Depression oder Angst. Diese Symptome können individuell und im Krankheitsverlauf stark variieren und sich verändern. Die Ursache dieser Symptome ist multifaktoriell. Es wird davon ausgegangen, dass die Demenzerkrankung die Neurotransmittersysteme verändert, was zu einer erhöhten Vulnerabilität des Gehirns in Bezug auf Stressoren wie zum Beispiel geänderte Umgebungsbedingungen, eine nicht adäquate Kommunikation oder Schmerzen führt (3, 4, 5). BPSD führen häufig zur Überforderung pflegender Angehöriger und infolgedessen zu einer Hospitalisierung und/oder Institutionalisierung von Menschen mit Demenz.

Delir

Ein Delir tritt bei ca 25% (6, 7) der hospitalisierten Patienten/Patientinnen auf. Eine vorbestehende Demenzerkrankung und ein fortgeschrittenes Alter sind dabei wesentliche Risikofaktoren. Die Diagnosekriterien nach DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) für ein Delir bedingen neben einer Aufmerksamkeitsstörung als Hauptmerkmal einen raschen Beginn mit fluktuierenden Symptomen im Tagesverlauf sowie eine somatische Ursache bzw. einen Substanzgebrauch oder Subtanzentzug als Ursache. Zudem können kognitive Funktionen wie Gedächtnis oder Sprache beeinträchtigt sein (8). Häufig kommt es im Delir zu Veränderungen der Emotionalität wie zum Beispiel Angst und Aggression. Auch eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus mit nächtlicher Unruhe und Tag-Nacht-Umkehr ist ein häufiges Symptom bei Patienten/Patientinnen mit Delir.

Klinisch sind somit BPSD und ein Delir schwer zu differenzieren.

Unterscheidung der beiden Krankheitsbilder

Möglichkeiten zur Unterscheidung der beiden Krankheitsbilder ergeben sich aus der Anamnese, den klinischen und laboranalytischen Untersuchungen wie auch aus dem Verlauf zum Beispiel im Rahmen einer Hospitalisation oder auch einer Eingewöhnung in ein Alters- und Pflegeheim.

In der Anamnese liegt ein Hauptfokus darauf herauszufinden, wie lange die Veränderungen schon bestehen und ob sie sich schnell oder schleichend entwickelt haben. So entwickeln sich die Symptome eines Delirs typsicherweise akut über wenige Stunden bis perakut in bis zu zwei Wochen bis zum klinischen Vollbild. Psychische Symptome und Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz dagegen entwickeln sich häufig schleichend. So wird beispielsweise der Verwirrtheits­zustand mit Agitation und Aggression bei Delir von den Angehörigen als völlig neues und beunruhigendes Krankheits­bild erlebt und der Patient/die Patientin als ganz anders als sonst beschrieben. Bei Agitation und Aggression im Rahmen von BPSD dagegen berichten die Angehörigen, dass dies schon immer mal wieder vorgekommen sei, im langfristigen Verlauf zugenommen habe und nun durch die pflegenden Personen nicht mehr tragbar sei.

In der klinischen Untersuchung und ggf. auch in der Beobachtung der Patienten/Patientinnen achten wir auf Zeichen von Schmerzen, Verletzungen zum Beispiel als Folge von Stürzen und Hinweise auf eine Infektion. Insbesondere schliessen wir einen Harnverhalt aus und achten auf regelmässigen Stuhlgang. Harnverhalt und Obstipation sind – besonders bei Patienten/Patientinnen mit Demenz, die ihre Beschwerden nicht mehr klar äussern können – häufig Auslöser eines einfach zu behandelnden Delirs. Nicht selten ist ein Delir das einzige Symptom eines Infektes bei betagten Menschen.

Menschen mit Demenz können sowohl an einem Delir als auch an Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Symptomen der Demenz leiden. So kann zum Beispiel ein Harnwegsinfekt bei einem Patienten/einer Patientin mit Demenz und vorbestehenden leichten Verhaltensauffälligkeiten zu einer Zunahme der Auffälligkeiten führen – jedoch auch zu einem Delir mit zusätzlich vorher nicht bestehender Aufmerksamkeitsstörung sowie Fluktuationen im Tagesverlauf und neuer Störung des Tag-Nacht-Rhythmus. Hier gilt es bei einer Verschlechterung von BPSD an ein mögliches Delir zu denken und die Auslöser mittels klinischer Untersuchung und ggf. Laboruntersuchung zu finden. Nach Behandlung des Auslösers – also zum Beispiel des Harnwegsinfektes – bilden sich die Symptome des Delirs wieder zurück. Die vorbestehenden Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz können wie vor dem Delir aber auch aggraviert weiterbestehen.

Ein Delir führt häufig zu einer Verschlechterung einer vorbestehenden Demenz (9). Es können als Folge eines Delirs nicht nur eine Verschlechterung des kognitiven Zustandes, sondern auch neue Verhaltensauffälligkeiten oder eine Zunahme vorbestehender Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz auftreten.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung von Verwirrtheitszuständen im Rahmen von BPSD und Delir ist sehr ähnlich. Zunächst müssen auslösende Faktoren identifiziert und behandelt werden – zum Beispiel ein Harnwegs­infekt mit Antibiotika, eine kardiale Dekompensation mit Diuretika, eine Obstipation mit abführenden Massnahmen. Zudem stehen pflegerische Massnahmen wie Mobilisation, Verbesserung der Kommunikation und ein empathischer Umgang im Vordergrund (10). Insbesondere hat sich das TADA-Prinzip bewährt: Tolerate, anticipate, don’t agitate (11).

Neuroleptika und andere sedierende Medikamente sollten nur bei akuter Selbst- und Fremdgefährdung eingesetzt werden. Bei BPSD kann Risperdal als einzig zugelassenes Medikament in niedriger Dosierung bei starker Belastung des Umfeldes eingesetzt werden.
Das häufig verwendete Medikament Quetiapin ist in der Behandlung des Delirs und bei BPSD off label und sollte daher nur mit sehr strenger Indikationsstellung angewendet werden.

Haldol ist für die Behandlung eines Delirs sowie psychomotorischer Unruhezustände im Rahmen einer Alzheimer-Krankheit zugelassen, jedoch nur dann, wenn nicht-pharmakologische Therapien erfolglos waren und bei einem Risiko für Selbst- oder Fremd­gefährdung.

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Dr. med. Isabella Glaser

Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER
Burgfelderstrasse 101
4055 Basel

Dr. phil. Wolfgang Hasemann

Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER
Burgfelderstrasse 101
4055 Basel

Deborah L. Leuenberger

Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER
Burgfelderstrasse 101
4055 Basel

Im Zusammenhang mit diesem Artikel wurden keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ BPSD und Delir sind häufige Krankheitsbilder bei alten Menschen, insbesondere mit Demenzerkrankungen.
◆ Beide Krankheitsbilder können ähnliche Symptome aufweisen
(z.B. Unruhe, Aggression, Störung des Tag-Nacht-Rhythmus).
â—† Die Ursachen eines Delirs sind multifaktoriell.
â—† Eine gute Anamnese kann helfen zwischen BPSD und Delir zu
unterscheiden.
◆ Bei der Behandlung von BPSD und Delir stehen nicht-pharma-­
kolo­gische Therapien im Vordergrund­.

1. Alzheimer Europe BFS STATPOP 2014-2020
2. Alzheimer Schweiz, Demenz in der Schweiz 2021. Zahlen und Fakten. 2021
3. S3-Leitlinie (Deutschland) Demenzen 2016
4. Savaskan, E. Recommendations for diagnosis and therapy of behavioral and psychological symptoms in dementia (BPSD)]. Praxis (Bern 1994), 103(3), 135-148.
5. Chakraborty S. Serotonergic system, cognition, and BPSD in Alzheimer’s disease. Neurosci Lett. 2019 704:36-44.
6. Ryan, D. J. Delirium in an adult acute hospital population: predictors, prevalence and detection. BMJ Open, 2013 3(1)
7. Wilson, J. E. Delirium. Nat Rev Dis Primers. 2020 6(1), 90
8. Maier, W. Neurokognitive Störungen (NCD). In P. Falkai & American Psychiatric Association (Eds.), Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen: DSM-5 (pp. 811-827). Hogrefe. 2015
9. Davis, D. H. Association of Delirium With Cognitive Decline in Late Life: A Neuropathologic Study of 3 Population-Based Cohort Studies. JAMA Psychiatry, 74(3), 244-251 2017.
10. Flaherty, J. H. The Delirium Room: A Restraint-Free Model of Care for Older Hospitalized Patients with Delirium. J Am Geriatric Soc 59 Suppl 2:S295-300. 2011
11. Malone, E. A. Capezuti, & R. M. Palmer (Eds.), Geriatrics Models of Care: Bringing ‚Best Practice‘ to an Aging America (pp. 281-285). Springer International Publishing.

Update zur Behandlung von Angststörungen und Depression

Das 13th Swiss Forum for Mood and Anxiety Disorders (SFMAD) der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) vermittelte den Teilnehmer ein Update bezüglich verschiedenen innovativen Therapiekonzepten bei Angststörungen und Depression.

Welche neurologischen Effekte und welchen Nutzen haben Psychedelika in der Psychotherapie? Prof. Dr. med. Franz X. Vollenweider von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ging in seinem Vortag dieser Frage nach. Zu Beginn stellte er klassische Psychedelika wie LSD, Psilocybin und Ayahuasca vor und erläuterte deren Wirkmechanismus als serotonerge Agonisten basierend auf ihrer Serotonin-ähnlichen chemischen Struktur. Zusätzlich zur Anregung des serotonergen Systems können die Psychedelika auch die Plastizität im Gehirn erweitern. Sie führen dosisabhängig zu einer positiven Entgrenzung der Selbst-Umweltwahrnehmung (Oeceanic self-boundlessness). Die damit verbundene Lockerung der kognitiven Kontrolle und Aktivierung schwer zugänglicher Emotionen kann in der Psychotherapie genutzt werden. In klinischen Studien mit Krebspatienten hat die Anwendung von Psilocybin oder LSD eine rasche Reduktion von Depressions- und Angst-Symptomen bewirkt. Welche Komponenten der Selbst/Ich-Entgrenzung zu diesem Effekt beitragen, gilt es zu erforschen. Mittels Neuroimaging wird beispielsweise versucht, die Entgrenzung oder die veränderte Kognition zu objektivieren.

So geht eine starke Depression einher mit einem negativen Bias in der Emotionsverarbeitung; die Patienten zeigen eine erhöhte emotionale Antwort in der Amygdala. Psilocybin schwächt die Reaktion auf beispielsweise negative Gesichtsausdrücke ab und die Abschwächung der Amydala-Antwort korreliere damit. «Die Leute fühlen sich weniger bedroht von den eigenen angstvollen Gedanken», sagt Vollenweider.

Die vorläufigen Ergebnisse einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-II Studie aus Zürich scheinen den therapeutischen Nutzen von Psilocybin zu bestätigen. Patienten mit mittelschwerer Depression erhielten eine Psilocybin-Therapie kombiniert mit Mindfullness-Training und zeigten eine der Interim-Analyse eine Ansprechrate von 69% gegenüber 16% in der Placebo-Gruppe. Abschliessend sagte Prof. Vollenweider, dass eine mittlere Dosis von Psychedelika bei therapeutischen Sitzungen die Emotionsverarbeitung, die Selbst-Prozessierung, die Kognition und die soziale Kognition verbessern und so eine therapeutische Wirkung entfalten kann. Wie die durch Psilocybin bewirkte Neuroplastizität und die Lernprozesse mit der Therapie zusammenwirken, bleibt derzeit noch offen.

Die sogenannte behandlungsresistente Depression: von der Forschung zur Klinik

Prof. Dr. hcmult. Dr. med. Siegfried Kaspar von der Medizinischen Universität Wien sprach in seinem Vortrag über behandlungsresistente Depression (TRD), die eine unterdiagnostizierte Subgruppe der Depression ist und oftmals fälschlich auf psychosoziale Variablen zurückgeführt wird. Die TRD wird charakterisiert durch ein Nichtansprechen auf mindestens zwei genügend lange Behand-lungen mit Antidepressiva der gleichen Wirkstoffklasse bei ausreichender Do-sierung und guter Adhärenz. Prof. Kaspar zeigte auf, dass die TRD biologischen Faktoren unterliegt und dass eine verminderte Neuroplastizität sowie eine reduzierte serotonerge Aktivität eine zentrale Rolle spielen. Unbehandelt zeige eine TDR vielschichtige Konsequenzen. Es treten mehr Komorbiditäten, eine höhere Hospitalisierungsrate und -dauer sowie eine ca. 7-fach erhöhte Mortali-tät bzw. Suizidrate auf als bei behandelten Patienten mit TDR.

Weiter präsentierte Prof. Kasper Studienergebnisse, die darlegen, dass eine Add-on Behandlung mit verschiedenen pharmakologischen Strategien in der Drittlinie Erfolge erzielen und die Neuroplastizität wiederherstellen kann. Vor-nehmlich werden hierbei NMDA- und GABA-Rezeptoragonisten oder -modulatoren eingesetzt, mit Esketamin-Nasalspray als vielversprechender neu-zugelassener Therapieform. Unterdessen erfreuten sich auch Psychedelika zunehmender Beliebtheit. Eine gesteigerte Aktivität der 5-HT2A Rezeptoren führt bei dieser Behandlungsform zu erhöhter Konnektivität im Gehirn und Verbesserung der TRD. Hier gäbe es allerdings noch Bedarf an weiterführenden Studien, so Prof. Kasper.

Abschliessend bemerkte Prof. Kaspar, dass diese neuen pharmakologischen Optionen sehr nützlich seien, aber die bestehenden Behandlungsstrategien nicht ersetzen würden.

Pharmakotherapie bei Angst und Depression – Welche Pflichten ergeben sich aus dem «Label»?

Prof. Dr. med. Dr. iur. Thomas D. Szucs, Hirslanden Klinik Zürich, Direktor des Instituts für Pharmazeutische Medizin an der Universität Basel und Verwaltungsratspräsident der Helsana, widmete sich den Pflichten, die das Label eines Medikaments, das in der Schweiz der Fachinformation entspricht, aufwirft.

Wie der Referent aufzeigte, sind die Implikationen des Labels in der heutigen Zeit weitaus komplexer als in der Vergangenheit und werfen eine Reihe medizinischer, juristischer und ethischer Fragen auf. Besonders der «Off-Label-Use» (OLU) ist in vielerlei Hinsicht komplex, allerdings in einigen Fällen, beispielsweise in der Onkologie oder in der Pädiatrie, auch unvermeidbar. Dass OLU besonders bei den psychiatrischen Therapien weit verbreitet ist, zeigen verschiedene Studienergebnisse, u.a. aus der Schweiz. Um dies noch zu verdeutlichen, forderte Prof. Szucs die Teilnehmer auf, an einer digitalen Live-Umfrage teilzunehmen. Das Ergebnis zeigt eindeutig: Die überwältigende Mehrheit hat bereits Off-Label-Medikamente verschrieben, die meisten davon zur Behandlung von Patienten mit Depression. Zudem sind sich fast alle einig, dass Psychiatern erlaubt sein sollte, mehr Off-Label-Verschreibungen vorzunehmen, sofern sie erstattet werden.

Anschliessend klärte Prof. Szucs über die rechtlichen Hintergründe des OLU in der Schweiz auf. Dieser ist grundsätzlich erlaubt, wenn der Arzt die volle Verantwortung trägt und der OLU dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht. Zudem ist eine sorgfältige Risikoabwägung essenziell. Die Haftung liegt bei der entsprechenden Firma, wenn ein Produktionsfehler vorliegt, oder sie sich nicht ausreichend vom OLU distanziert. Dass in einzelnen Szenarien sogar eine Pflicht zum OLU besteht, zeigte Prof. Szucs anhand eines Rechtsfalls aus Deutschland, in dem einem Kind mit Herpes-Enzephalitis die Off-Label-Behandlung mit Aciclovir zu lange verwehrt wurde. Auch das KVV ermöglicht mittlerweile OLU in bestimmten Situationen, wenn es beispielsweise keine
Behandlungsalternativen gibt.

Besonders hob der Referent die Wichtigkeit genetisch bedingter unerwünschter Wirkungen hervor, die in den entsprechenden Fachinformationen vermerkt sind und bei der Verschreibung von Medikamenten unbedingt beachtet werden müssen. Es liegt in der Sorgfaltspflicht der Ärzte, die Patienten auch hinsichtlich zukünftiger Behandlungen zu informieren, falls ein bestimmter Biomarker für unerwünschte Wirkungen vorliegt. Unterstrichen wird dies durch Bundes-gerichtsurteile, die sich mit der Nicht-Beachtung des Labels bei der Verschreibung befassten.

Letztendlich ist Prof. Szucs überzeugt: OLU kann und sollte nicht verboten werden und ist oft die einzige und beste Wahl für die Patienten. Allerdings muss die Beachtung des Labels als Akt der Sorgfalt und die Nichtbeachtung des Labels als Sorgfaltspflichtverletzung verstanden werden. Denn, wie ein Zitat von Giacomo Girolamo Casanova aus dem 18. Jahrhundert auf den Punkt bringt: «Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel, ein Heilmittel in den Händen des Toren ist Gift.» Dabei gewinnen genetische Biomarker immer mehr an Bedeutung.

Interventionelle Verfahren bei Angst und Depression

«Uns allen geht es darum, einen krankhaften Zustand, der im Gehirn entsteht, positiv zu verändern», startete Prof. Dr. med. Daniela Hubl, Universitäre Psychiatrische Dienste, Bern, ihren Vortrag über interventionelle Verfahren bei Angst und Depression. Dabei folgt der Einsatz interventioneller Psychiatrie keinen strengen Regeln und wird oft als Alternative erwogen, wenn Patienten auf klassische Therapieansätze nicht ansprechen oder wenn Standardtherapien nicht angewandt werden können. Unterdessen gibt es vermehrte Hinweise darauf, dass auch ein frühzeitiger Einsatz hilft.

Prof. Hubl beleuchtete zunächst die Geschichte der elektrischen Hirnstimulation und gab einen Überblick über die am häufigsten angewandten Methoden. Der Einsatz neurostimulatorischer Verfahren beruht zumindest teilweise auf pathophysiologischen Kenntnissen psychiatrischer Erkrankungen und zielt unter anderem auf die Normalisierung von Dysregulationen im Bereich des präfrontalen Kortex ab. Die Identifikation neurobiologischer Prozesse dient dabei der Lokalisation der Zielregionen für eine nichtinvasive Hirnstimulation (NIBS).

Die häufigsten Methoden in der interventionellen Psychiatrie sind Elektrokon-vulsionstherapie (EKT) mit Muskelrelaxation in Kurznarkose, Transkranielle Magnetstimulation (TMS) und transkraniale Gleichstrombehandlung (tDCS). Insbesondere die TMS sowie die EKT werden zur Akutbehandlung von insbesondere behandlungsresistenter Depression eingesetzt. Die verschiedenen TMS-Stimulationsprotokolle, die üblicherweise in Form einer Behandlungsserie inzwischen bis zu mehrmals täglich über längere Zeit angewandt werden, wurden im Vergleich zur Anfangszeit der Methode deutlich optimiert. Erforderten die konventionellen niedrig frequenten Stimulationen eine Behandlungsdauer von bis zu 50 Minuten, führt die moderne Theta-Burst-Stimulation (TBS) den je nach Stimulationsmuster gewünschten inhibierenden oder aktivierenden Effekt bereits nach etwa drei Minuten herbei. Dank solcher Fortschritte wird die TMS-Behandlung zunehmend in Empfehlungen zur Depressionsbehandlung berücksichtigt, so auch in den entstehenden Deutschen Nationalen Versorgungsleitlinien bei therapieresistenter Depression und schwer zu behandelnder Depression.

tDCS kommt eher bei leichter Depression zum Einsatz, wobei die Evidenz für die Wirksamkeit bisher nicht unumstritten ist. So konnte zum Beispiel bisher kein Vorteil der tCDS zusätzlich zur kognitiven Verhaltenstherapie gezeigt werden.

Obgleich die klinische Resonanz zur interventionellen Psychiatrie gemäss Prof. Hubl insgesamt zumeist positiv ausfällt, sind in der Schweiz einige Herausforderungen bezüglich Finanzierung zu meistern. Einige Methoden werden aktuell noch nicht ausreichend von den Krankenkassen unterstützt. Trotzdem werden vor allem EKT und TMS in einigen Schweizer Zentren und spezialisierten Praxen angeboten. Abschliessend wies die Referentin auf das wichtige Engagement der Schweizerischen Gesellschaft für Interven­tionelle Psychiatrie (SGIP) hin, über die Fähigkeitsausweise erlangt werden können. So kann das Angebot der verschiedenen Methoden in Zukunft weiter ausgebaut werden.

red.

Dreissigjähriges Jubiläum des European Center for Pharmaceutical Medicine (ECPM)

Am 20.06.2022 konnte das European Center for pharmaceutical Medicine der Medizinischen Fakultät der Universität Basel sein dreissigjähriges Jubiläum feiern. Der Tag war in einen mehr unterrichtenden Teil am Morgen, der den Erkenntnissen und Herausforderungen in der Entwicklung der Medizin in einer Helikopter-Synoptischen Übersicht gerichtet war, wie der Leiter des Zentrums, Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs, in seiner Begrüssungsansprache, ankündigte. Der zweite Teil des Festtages war den zahlreichen Gruss- und Gratulationsbotschaften und einem Podiums­gespräch zum Thema gewidmet.

European Center for Pharmaceutical Medicine (ECPM)

Das ECPM Institut gehört zur Medizinischen Fakultät der Universität Basel und wurde 1991 als erste postgraduale universitäre Ausbildung in ganzheitlicher Pharmazeutischen Medizin eröffnet. Das ECPM hat sich europaweit als führende universitäre post-graduale Bildungsstätte entwickelt.

Das Institut verfügt über eine Ausbildungsplattform auf hohem Niveau, die den Austausch mit hochkarätigen Experten aus Behörde, Industrie, und Universitäten auf neutralem Grund ermöglicht. Mit Partnerinstituten in Washington und Peking stellt das ECPM die Bedürfnisse der global organisierten Pharmaindustrie sicher. Für die Zulassung zum Studiengang ist ein Hochschulabschluss und eine berufliche Einbindung im Gesundheitswesen und der Arzneimittelentwicklung erforderlich.

Mit bisher 2127 Absolventen hat das ECPM mit Abstand weltweit die höchste Anzahl post-gradualer Studenten auf diesem Gebiet ausgebildet. Zusätzlich leistet es den Theorieteil zum Facharzttitel FMH in Pharmazeutischer Medizin. Daneben hat sich das ECPM zu einem führenden Forschungsinstitut für Gesundheitsökonomie entwickelt. Es verfasst zudem Gutachten für das BAG und die Industrie und beschäftigt sich mit Grundlagenforschung. Für seine Verdienste in der universitären Lehre und Forschung wurde das ECPM bereits 2012 und 2018 von der PharmaTrain Federation, dem internationalen Netzwerk für die Ausbildung auf diesem Gebiet, mit dem Prädikat «Center of Excellence» ausgezeichnet.

Plädoyer für eine starke biomedizinische Forschung und innovative pharmazeutische Medizin

Die Moderne Medizin stellt eine faszinierende Herausforderung dar. Sie befasst sich mit dem wissenschaftlichen Verständnis von Krankheiten , der Translation dieser Erkenntnisse in Evidenz-basierte Behandlungen bis zur Pflege des individuellen Patienten, so Dr. med. Dieter Scholer, Basel, ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der medizinischen Forschung und der pharmazeutischen Medizin, der nach dem Medizinstudium in Basel und der Weiterbildung in Genf und einem Forschungsaufenthalt in San Francisco verschiedene Führungspositionen bei Ciba und Novartis innehatte und beim Aufbau des Start-up Unternehmens Speedel AG beteiligt war.

Dr. Scholer war lange Zeit Mitglied der Schweiz Akademie der medizinischen Wissenschaften und Mitglied des Universitätsrats der Universität Basel.

Die Voraussetzungen für eine qualitativ hochstehende Medizin sind einerseits wissenschaftlicher, medizinischer und technischer Fortschritt, der zu neuen Behandlungen und Präventionsstrategien führt und eine hohe Lebensqualität und Lebenserwartung ermöglicht. Andrerseits braucht es einen soziopolitischen Konsens für die Zuweisung von Mitteln für das Gesundheitswesen, womit ein kosteneffektives Gesundheitssystem ermöglicht wird. Die Determinanten der Qualität der Medizin sind die Ausbildung von Ärzten, Pflegepersonal und weiteren Dienstleistungserbringern im Gesundheitswesen, die Infrastruktur (Spitäler, Ambulatorien und Privatpraxen), das Gesundheitswesen selbst (öffentliche Mittel, Versicherungen, Beitrag der Patienten), und der Zufluss von biomedizinischer Innovation. Erfolgsfaktoren für Innnovation, Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg sind hochwertige Forschung und Entwicklung, offene transdisziplinäre Interaktionen, wettbewerbsfähige Human- und Finanzressourcen. Die Synergie zwischen experimenteller und klinischer Forschung öffnet den Weg zu besseren Behandlungen. Von ausserordentlicher Bedeutung ist das Zusammenspiel zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung, die zu neuen Zielen für die Entdeckung von Medikamenten und von Geräten führt.

Der menschliche Faktor und engagierte Führung

Ein multidisziplinärer Dialog und eine produktive Zusammenarbeit werden von Wissenschaftlern, Klinikern und Managern erleichtert, die in ihrer eigenen Biografie verschiedene Disziplinen durchlaufen haben, z.B. experimentelle Forschung, Grundlagenforschung, Arznei­mittelentdeckung, klinische Forschung und klinische Medizin. Vorbilder in diesem Bereich waren für den Referenten Izzy Edelman (San Francisco), Alex F. Müller, Robert Veyrat, Michel Vallotton (Genève), Alfred Pletscher, Max M Burger, Werner Stauffacher, Peter Meier-Abt, und Fritz R. Bühler (Basel). Prof. Fritz R. Bühler spielte eine herausragende Rolle in Bezug auf das ECPM. Er hatte vor 30 Jahren die Vision, die intellektuellen und verwaltungstechnischen Fähigkeiten und die Ausdauer, um das ECPM als Schlüsselinstitution zu etablieren, die sich auf die Entwicklung von Arzneimitteln in der Lehre konzentriert, aufzubauen.

Registrationen und ethische Gesichtspunkte

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat die folgenden Überlegungen in Bezug auf den Kontext der klinischen Forschung und der Medikamentenentwicklung herausgegeben: Wissenschaftliche Integrität, keine Interessenkonflikte, Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Industrie: Eine korrekte Zusammenarbeit ist unerlässlich zur Sicherung des medizinischen Fortschritts und der wirtschaftlichen Prosperität der Schweiz. Die Unabhängigkeit des Wissenschaftlers und alle wissenschaftlichen und ethischen Anforderungen müssen strikt beachtet werden.

Life Sciences Cluster Basel
Nach dem Motto «von der Wissenschaft für die Wissenschaft» trägt die Handelskammer beider Basel den Life Sciences Cluster Basel zusammen mit führenden Unternehmen, Spitälern, Hochschulen und nationalen Branchenverbänden. Der Cluster umfasst die innovative Grundlagenforschung, die angewandte Forschung & Entwicklung, sowie ihre Umwandlung in Produkte, Dienstleistungen und Arzneimittel. Der Referent machte dafür ein Beispiel: die Entwicklung des innovativen Krebsmedikaments Glivec für die Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie, eine Entwicklung aus der Grundlagenforschung über spezifische Kinasen am Friedrich Miescher Institut und das Projekt der Entwicklung von Kinasen-Medikamenten bei Novartis.

Die zentralen Erfolgsfaktoren des Life Sciences Cluster Basel sind die stimulierende Ko-Existenz zwischen erstklassiger Grundlagenforschung an den Universitäten, den Fachhochschulen, leistungsstarken Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, Start-ups, und Global Playern und Science Transfer Machines. Die Synergie zwischen privatem und öffentlichem Sektor und dem Nutzen von gut funktionierenden regionalen, nationalen, tri-nationalen und internationalen Netzwerken.

Das ECPM ist in die aufregende Welt der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung und Überlegungen zur pharmazeutischen Medizin eingebettet. Es verfügt über eine etablierte Plattform für Unterricht, Austausch relevanter Pharma- und Medizin-Information, sowie kritischen Reflexionen. Der Referent wünschte dem ECPM eine ebenso erfolgreiche Zukunft wie es die Vergangenheit war.

Pharmazeutische Innovation ausserhalb der Akademie

Ich hatte gute Lehrer (Prof Kurt Wüthrich, Nobelpreis 2002, Sir Gregory Winter, Nobelpreis 2018) und gute Studenten (Professor an der ETU Zürich, ERC Advanced Grant , CoFounder von Philogen, einige meiner Studenten haben erfolgreiche Firmen gegründet (z.B. Bicycle Therapeutics, Covagen…), stellte Prof. Dr. Dario Neri, Philogen, Siena, fest. Der Referent ist Mitbegründer des schweizerisch-italienischen Biotechnologieunternehmens Philogen, das 1966 mit der Mission gegründet wurde, die Behandlung von Krebs und anderen schweren Erkrankungen zu innovieren. Die Strategie des Unternehmens besteht darin, bioaktive Wirkstoffe mithilfe von Antikörperm oder kleinen organischen Liganden an den Ort der Erkrankung zu liefern, wodurch ihre therapeutische Aktivität erhöht und normales Gewebe geschont wird. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Siena und besitzt eine Tochtergesellschaft namens Philochem in Otelfingen bei Zürich. Prof. Neri präsentierte zwei Beispiele aus der Forschung von Philogen, eine Antikörper-Zytokin-Fusion im klinischen Stadium (Antikörper-basierte Verabreichung von Tumor-Nekrose-Faktor). Das Konjugat wurde an Patienten mit Glioblastom erfolgreich getestet. Das zweite Beispiel war OncoFAP, ein niedermolekularer Radiotracer mit ultrahoher Affinität zum Fibroblasten-Aktivierungsprotein (FAP). Er eignet sich für den nicht-invasiven Nachweis einer Vielzahl von metastasierenden soliden Tumoren.

Randomisierte klinische Studien: Erforschung von Synergien

Einen Einblick in die Denkart, die in Toronto herrschte und wie Synergien genutzt werden können, gab Prof. Dr. med. Peter Jüni, Toronto. Als Beispiel präsentierte er Daten zur RECOVERY Studie. RECOVERY hat uns Dexamethason und Tocilizumab während der Pandemie gebracht. RECOVERY ist eine internationale klinische Studie, die Behandlungen identifizieren soll, die bei Patienten, die wegen vermuteter oder bestätigter COVID-19 hospitalisiert wurden. Die Studie umfasste 47697 randomisierte Teilnehmer aus 198 Zentren. Untersucht wurde, ob die folgenden Medikamente den Tod bei Patienten mit COVID-19 verhindern: Lopinavir-Ritonavir, Dexamethason, Hydroxychloroquin, Azithromycin. Die Idee war eine 5:1 Randomisierung. Anstelle einer Studie, die A mit B vergleicht und einer Studie, die A mit C vergleicht etc., wurde ein gemeinsamer Placebovergleich gewählt. Synergie Nummer 1: e verwende eine gemeinsame Placebogruppe, was wir eine Plattform-Studie nennen. Die Teilnehmer der Studie hatten so nur eine 20%ige Chance in der Kontrollgruppe zu landen. 80% erhielten ein aktives Medikament. Das Design von RECOVERY wird künftig nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein, so der Referent. Primärer Endpunkt ist die Gesamtmortalität, sekundäre Endpunkte Hospitalisierungsdauer, Notwendigkeit für Beatmung, Notwendigkeit für Nierenersatztherapie. Die RECOVERY-Studie brachte den ersten Durchbruch gegen das Coronavirus durch die Entdeckung, dass Dexamethason die Todesfälle durch COVID-19 um bis zu einem Drittel reduzierte. Es demystifizierte aber auch Hydroxychloroquin und zeigte, dass Lopinavir, Ritonavir und die weiteren Medikamente keinen Nutzen brachten. Die Studie brauchte von der ersten Idee bis zur Randomisierung des ersten Patienten nur 13 Tage. Ein wesentliches Thema war Zentralisierung, d.h. ein koordiniertes Vorgehen, koordinierter, kollaborativer Ansatz, eine einzelne Regulierungsbehörde, eine einzige Ethikkommission deckt das ganze Land ab. Ein gemeinsamer Vertrag und Priorisierung der Ressourcen, klinische Studien konzipiert als Teil der klinischen Versorgung.

In Bezug auf die Grundsätze von Good Clinical Practice (GCP) sind die Aufgaben zur Durchführung einer Studie die gleichen, wie sie täglich in der Klinik vorkommen. Es braucht also keine zusätzliche Ausbildung in GCP. Der «Informed Consent» sollte eine zweiseitige einfache Information und ein einseitiges Formular umfassen. RECOVERY nutzte ein einfaches Randomisierungskonzept und einen einfachen Follow-up. In 36 Tagen wurden in RECOVERY 7300 Patienten randomisiert. Wir müssen einfach und pragmatisch werden, Synergien nutzen und alles Überflüssige weglassen.

Fazit

Vermeidung von Verwechslungen bei der Verwendung von Erkenntnissen aus der realen Welt durch randomisierte Patienten oder Gruppen

Grosse, einfache Plattformen und innovative Einwilligungsdesigns verwenden

Bayes’sche Ansätze zur Berücksichtigung vorhandener historischer Daten in Betracht ziehen

Berücksichtigung von Cross-Over- und Stepped-Wedges-Designs bei der Verwendung von Cluster-Designs.

Forschung mit Datenbanken – warum ist dies für die pharmazeutische Industrie wichtig?

Über die Verknüpfung von Daten aus randomisierten Studien mit Daten aus Real World Studien (RWD) berichtete Prof. Dr. med. Sebastian Schneeweiss, Harvard Medical School, Boston. Daten aus der realen Welt können nützlich für ein effizientes Design von randomisierten kontrollierten Studien sein: Wichtige RCT Bereicherungsstrategien können durch Real World Evidence (RWE) unterstützt werden. Praktische Bereicherung durch Reduktion des Grundrauschens, prognostische Bereicherung durch Erhöhung der Ereignisrate, prädiktive Bereicherung durch Optimierung des Nutzen/Risiko-Verhältnisses. Kombination von RCT Daten mit RWD mittel Tokenisierung. Verbesserung der Langzeitbeobachtung von RCTs, Untersuchung von Ausfällen, Übertragung der Ergebnisse von RCTs in die klinische Praxis. Verbesserung von RWE-Studien: Validierung der RWD. Messqualität Bewertung des Erfolgs der Confounding-Kontrolle, Anstreben von inkrementellen Indikationen mit RWE. RWE zur Validierung wiederverwendeter Medikamente. Der Referent erinnerte an Daten für Indomethacin bei COVID-9.

Von Real World Daten zu Real World Evidence

Prof Schneeweiss präsentierte den Duplicate Trial, einer Nachahmung von randomisierten klinischen Studien mit nicht randomisierten Real World Studien. Die Resultate zeigten, dass die Übereinstimmung zwischen RCT- und RWE-Ergebnissen variiert, je nachdem, welcher Übereinstimmungsmassstab verwendet wird. Vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswahl aktiver Vergleichstherapien mit ähnlichen Indikationen und Anwendungsmustern die Validität von RWE erhöht. Selbst im Zusammenhang mit aktiven Vergleichstherapien ist die Übereinstimmung zwischen RCT- und RWE-Ergebnissen nicht garantiert, was zum Teil daran liegt, dass die Studien nicht exakt nachgebildet werden. Um zu verstehen, wie oft und in welchen Zusammenhängen RWE-Ergebnisse mit RCTs übereinstimmen, sind weitere Studiennachbildungen erforderlich., merkten die Autoren der Studie an.

Wie können die Möglichkeiten, die «Real-World-Evidence» bieten kann, am besten genutzt werden?

Drei hochwertige Fälle mit hohem Wert für die translationale Wissenschaft:
1. externe Kontrollarme
2. Zulassungserweiterung, ergänzende Indikation, Kombinationstherapie
3. Anreicherung von Studien und Verknüpfung von Daten aus Studien und der realen Welt

Wesentliche Entwicklungen sind Verbesserung der Qualität von Sekundärdaten und stets die Prinzipien des Kausalschlusses im Design und in der Analyse befolgen (hier ist das Denken des Target Trial gefragt).

Die Rolle junger Firmen in der pharmazeutischen Innovation

Die derzeitigen pharmazeutischen Topfirmen und ihre Gründungsjahre sind GSK 1715, Sanofi 1718, Takeda 1781, Pfizer 1849, Novartis 1857, Bristol-Myers Squibb 1858, Bayer 1863, Eli Lilly 1876, Johnson & Johnson 1886, Abbvie 1888, Merck & Co 1891, Roche 1896, AstraZeneca 1913, CSL 1916, Novo Nordisk 1923, stellte Dr. Chandra P. Leo, HBM Partners AG Zug fest. Als junge Firmen bezeichnete er Amgen 1980, Gilead Sciences 1987, Regeneron 1988, Vertex 1989, Moderna 2010. Übernahmen von Firmen waren Genzyme von Sanofi 1981, Shire von Takeda 1988, Celgene von Bristol Myers-Squibb 1986, Actelion von Johnson & Johnson 1997, Genenetech von Roche 1978, Medimmune von AstraZeneca 1989, Immunex von Amgen 1981, Onyx von Amgen 1992, Pharmasset 1988 von Gilead Sciences, Kite von Gilead Sciences 2009 und Immunomedics von Gilead Sciences 1982.

Junge Firmen brauchen Finanzierung. Der Referent zeigte auf, dass von der Gründung bis zum ersten selbst vermarkteten Medikament durchschnittlich 10 Jahre vergehen. Risikokapital hat Hunderte von Biotech Firmen hervorgebracht. Aufstrebende Biopharma-Unternehmen sind in 72 % der Medikamenten-Pipeline involviert. Ihr Anteil nimmt stetig zu. Sie machen 42 % der bei der FDA eingereichten Produkte und 56% der weltweiten Markteinführungen von Medikamenten in den letzten 10 Jahren aus. Zwei Drittel der FDA Zulassungen stammen von kleinen Firmen. Pharmaunternehmen erhalten Zugang zu externen Innovationen durch Fusionen und Übernahmen.

Wodurch zeichnen sich Junge Unternehmen aus? Nähe zu akademischen Institutionen? Zugang zu Risikokapital? Geschwindigkeit und Agilität? Teamkultur? Risikotoleranz? Finanzielle Anreize? Fokus auf spezifische Ziele? Neue Modalitäten/Plattformen? Spezifische Indikationen? Als Beispiel für neue Ziele nannte der Referent die PARP Inhibitoren, welche 2005 als Mechanismus zur Behandlung von nBRCA-mutiertem Brustkrebs vorgeschlagen wurden. Dies führte dazu, dass eine Reihe von Bioctech Unternehmen sich auf die Entdeckung und Entwicklung von PARP Inhibitoren konzentrierten. Als Beispiel für den Fokus auf Modalitäten/Plattformen nannte der Referent Alnylam und die RNA Interferenz. Alnylam wurde 2002 gegründet und im Jahre 2018 wurde das erste auf RNA-Interferenz basierende Medikament von der FDA zugelassen. Seither wurden vier zusätzliche RNAi-Medikamente von der FDA zugelassen, die alle ursprünglich von Alnylam entwickelt worden sind.

Fazit

In den letzten 50 Jahren hat das Aufkommen von Risikokapital eine wachsende Zahl junger Unternehmen im Biopharma-Sektor angekurbelt. Heute sind diese jungen Unternehmen für die Mehrheit aller klinischen Arzneimittelentwicklungsprogramme und Zulassungen neuer Medikamente verantwortlich. Junge Unternehmen haben oft einen starken Fokus, z. B. auf neuartige Modalitäten oder Plattformen, was es ihnen ermöglicht, die etablierten Pharmaunternehmen zu überholen. Zell- und Gentherapien sind aktuelle Beispiele für neuartige Modalitäten, auf die etablierte Pharmaunternehmen später durch Lizenzvergabe und Fusionen zugreifen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Lernen von jedem Patienten – über das Stopfen von Evidenzlücken

Die Entwicklung der Methodologien zur Evidenzgenerierung in der Medizin war getrieben von einem aufklärerischen Grundgedanken, der unter Zuhilfenahme von Mathematik und Statistik und unter Ausgrenzung von Einzelerfahrungen die Königstreppe der Evidenz zimmerte: Vom dunklen Keller der Expertenmeinung bis zum gleissend hellen Leuchtturm der Meta-Analysen randomisierter Studien.

Nun, wir wissen alle, wie aufwändig und hürdenreich die Durch­führung klinischer Studien ist. An der Anzahl pfiffiger und relevanter Studienideen mangelt es nicht, hingegen bilden die Rekrutierung genügend grosser Patientenzahlen und die Finanzierung all der notwendigen Ressourcen schon deutlich höhere, mitunter unüberwindbare Barrieren. So ist der Euphorie beim Anblick des methodologischen Turmwerks medizinischer Evidenz schon bald die bittere Erkenntnis gefolgt, dass die Wissensgenerierung in der Medizin Ressourcen-, sprich Interessens-abhängig ist und somit immer relevante Lücken aufweisen wird.

Für Fragestellungen, für deren Beantwortung wenig finanzstarkes industrielles Interesse besteht, sind die Lücken tendenziell grösser. Es mag daher kein Zufall sein, dass die Thematik «Learning from every patient» zentrales Leitmotiv war an einem Kongress der Radio-Onkologie, nämlich am Jahreskongresses der ESTRO 2022 in Kopenhagen. In verschiedenen Keynote Vorträgen und Spezialsessions wurde der Frage nachgegangen, welche zusätzlichen Wege der Wissensgenerierung gegangen werden können. Neben der Integration der PREMs und PROMs in die Routine-Nachsorge, wurde der Diskussion von grossen Patientenkohorten breiten Raum gegeben. So gesammelte Daten können umso besser ausgewertet werden, je höher der Anteil Guideline-konformer Behandlungs­konzepte ist und je einheitlicher die zur Dokumentation verwendete Begrifflichkeit gehandhabt wird. Im Feld der Radio-Onkologie sind grosse internationale Initiativen unter Miteinschluss der industriellen Keyplayers unterwegs, diese sogenannte semantische Inter­operabilität zu erarbeiten.

Im Rahmen der Digitalisierung der Medizin wird zuweilen inflationär mit Schlagworten wie «real world data», «data science», «machine learning» und «artificial intelligence» hantiert. Als Sahnehäubchen wird dann noch «natural language processing» dazugegeben, eine Technologie, die uns je nach Grad der Heilsversprechung vom mühsamen Geschäft der Patientendokumentation, wenn nicht ganz befreien, so doch wesentlich darin unterstützen soll. Nun – es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass wir uns der unabdingbaren Voraussetzung für die Ernte all der versprochenen Daten-Früchte annehmen müssen: die systematische, qualitativ hochstehende, semantisch konsensuell vereinbarte und technisch interoperable Dokumentation von Patientendaten. Das ist mühsam – und das kostet Geld. Aber nur dann wird es uns gelingen, subsidiär zu prospektiven Interventionsstudien von jedem einzelnen Patienten Evidenz-generierend zu lernen und so zum Stopfen von Wissens­lücken beizutragen.

 

Prof. Dr. med. Daniel Aebersold
daniel.aebersold@insel.ch

Prof. Dr. med. Daniel M. Aebersold

Inselspital
Universitätsspital Bern
Universitätsklinik für Radio-Onkologie
Freiburgstrasse
3010 Bern

Fertilität nach Krebs – Unterstützungsangebote

Junge Krebspatient:innen sind nicht nur mit einer lebensbedrohlichen Diagnose konfrontiert, sondern möglicherweise auch mit einer aus der Behandlung resultierenden Beeinträchtigung ihrer Fertilität. Heutzutage stehen diverse Methoden zur Fruchtbarkeitserhaltung zur Verfügung. Diese Möglichkeiten sind den Betroffenen zwar willkommen, verlangen ihnen aber zusätzliche anspruchsvolle Entscheidungen ab. Die Patient:innen brauchen spezifische Aufklärung zu den vorhandenen Angeboten. Darüber hinaus wünschen sich vor allem weibliche Krebsbetroffene Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Die von uns entwickelte Online Entscheidungshilfe www.fertionco.ch hat sich als hilfreiche Ergänzung zur fachärztlichen Beratung erwiesen. FertiOnco beinhaltet Informationsvermittlung und unterstützt die werte-basierte Entscheidungsfindung. Das frei zugängliche und interaktive online Tool soll dazu beitragen, dass Betroffene eine für sie längerfristig zufriedenstellende Wahl in Bezug auf fertilitätserhaltende Massnahmen treffen können.

Young cancer patients are not only confronted with a life-threatening diagnosis, but also with the potential loss of fertility due to their cancer treatment. Nowadays, various options to preserve fertility are available. Having these options at disposition may be positive for patients on one hand, but the decision regarding fertility preservation is perceived as very challenging on the other hand. Patients need specific information about the available offers. In addition, female cancer patients in particular, would like to receive more support in decision-making. The online decision aid www.fertionco.ch developed by us has proven to be a helpful supplement to specialist counselling. FertiOnco provides information and supports value-based decision-making. The freely accessible and interactive online tool, which is available in German and French, is intended to help patients concerned to make a choice regarding fertility-preserving measures that is satisfactory for them in the long term.
Key Words: Fertility, Decision-making, Decision Aid, Psychooncology

Krebs und Fertilität

Dank Fortschritten bei der Behandlung sind die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose heutzutage hoch und das Thema Lebensqualität nach Krebs wird immer wichtiger. Ganz zentral ist diesbezüglich die Fertilität. Die Familienplanung ist bei jungen Krebspatient:innen meist noch nicht abgeschlossen und der potentielle Verlust der Fruchtbarkeit durch die bevorstehende Krebstherapie kann eine zusätzliche Belastung für die Patient:innen sein.

Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Fertilität einen hohen Stellenwert bei jungen Krebspatientinnen hat (1, 2). Nebst den Fortschritten in der Krebstherapie, verzeichnet man gleichzeitig auch grosse Fortschritte in der Entwicklung und Etablierung von fertilitätserhaltenden Massnahmen. So stehen Patientinnen mittlerweile verschiedene Optionen, wie das Einfrieren von befruchteten und unbefruchteten Eizellen oder von Eierstockgewebe, zur Verfügung (3). Allerdings muss die Entscheidung, für oder gegen eine dieser fertilitätserhaltenden Massnahmen, unter enormem Zeitdruck und in einer psychologisch höchst belastenden Situation getroffen werden. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass das Leben nach dem Krebs und die Möglichkeit, die Familienplanung dann gleichwohl angehen zu können, thematisiert wird, auch eine Hoffnung, die Patient:innen durch diese belastende Zeit tragen kann.

Für eine zufriedenstellende Entscheidung für oder gegen eine der zur Verfügung stehenden Methoden bedarf es der notwendigen Informationen und Aufklärung aber auch einer Klärung und Bewusstmachung der persönlichen Werte und Einstellungen diesbezüglich. Bisherige Studien zeigten, dass die deutliche Mehrheit der Patientinnen eine positive Einstellung gegenüber fertilitätserhaltenden Massnahmen hat, ihre Kenntnisse darüber aber beschränkt sind. Dies erhöht das Risiko, dass ein signifikanter Entscheidungskonflikt entsteht. Patientinnen berichten, dass sie sich Unterstützung bei der Entscheidungsfindung wünschen.

FertiOnco: Online Entscheidungstool

Die Entscheidungshilfe FertiOnco (www.fertionco.ch) wurde im Rahmen eines langfristig angelegten Forschungsprojekt, welches sich für die spezifischen Bedürfnisse und Wünsche von Patientinnen rund um Fertilität und Krebs interessiert, entwickelt. Ferti­Onco hat zum Ziel betroffene Krebspatientinnen umfassend zu informieren und ihnen eine wertvolle Unterstützung in ihrem Entscheidungsprozess zu bieten. Die Forschung zu und Entwicklung von www.fertionco.ch wurde durch die Krebsforschung Schweiz finanziert. Das Online Tool umfasst einen Informationsteil mit Erläuterungen zur Behandlung und zu den Auswirkungen auf die Fertilität bei verschiedenen Krebsarten sowie zu den zur Verfügung stehenden fertilitätserhaltenden Massnahmen vor der Therapie oder Alternativen dazu, wenn solche nicht möglich oder nicht erwünscht waren. Alle Texte wurden von Fachpersonen des jeweiligen Gebiets verfasst und sollen den Frauen einen umfassenden und fachlich korrekten Überblick geben. Im interaktiv gestalteten Entscheidungsteil des Online Tools haben die Frauen die Möglichkeit, zu den von ihnen ausgewählten Massnahmen sogenannte Balance Sheets auszufüllen. Dies bedeutet, dass sie für jede Massnahme vorgegebene Pro- und Contra-Argumente nach ihrer persönlichen Wichtigkeit einschätzen. Sie können zudem auch eigene Argumente für oder gegen die einzelnen Optionen hinzufügen und zum Schluss ihr Bauchgefühl auf einer Skala einordnen. Daraus ergibt sich abschliessend eine individuelle Auswertung über alle von der Patientin ausgesuchten Optionen, was als Wegweiser für die Entscheidungsfindung genutzt werden kann. Die Zusammenfassung hilft der Patientin zu erkennen, ob sie der entspre-chenden Massnahme eher positiv oder negativ gegenübersteht. Die ausgefüllten Balance Sheets inklusive individueller Auswertung können abgespeichert / ausgedruckt und beispielsweise zum nächsten Arztgespräch mitgenommen oder mit dem Partner besprochen werden.

FertiOnco ist mittlerweile in den zwei Sprachen Deutsch und Französisch verfügbar und die Informationen sind länderspezifisch für die Schweiz, Deutschland und Österreich formuliert, so dass das Tool für Patientinnen aus allen drei Ländern nutzbar ist.

Der Nutzen von FertiOnco wurde im Rahmen einer randomisiert kontrollierten Studie mit Patientinnen aus der Schweiz und Deutschland evaluiert, wobei die Interventionsgruppe (Nutzung von FertiOnco im Anschluss an das Beratungsgespräch mit einem Reproduktions-Mediziner) mit einer Kontrollgruppe (nur Beratungsgespräch) verglichen wurde (4). Es zeigte sich ein signifikant geringerer Entscheidungskonflikt über den Untersuchungszeitraum bis ein Jahr nach Diagnose in der Interventionsgruppe (5), ebenso eine geringere Entscheidungsreue (6). Eine grosse Mehrheit der Studienteilnehmerinnen (>85%) würde FertiOnco anderen Patientinnen weiterempfehlen. Demzufolge kann FertiOnco als eine hilfreiche und wertvolle zusätzliche Unterstützung zum Beratungsgespräch mit einem/r Reproduktionsmediziner:in angesehen werden.

Anwendung in der Praxis

Die Entscheidungsfindung wird von den Patientinnen als belastend und herausfordernd erlebt. FertiOnco hat sich als hilfreiche Ressource erwiesen, um diesen Prozess begleitend zu unterstützen. Das Entscheidungstool kann vor oder nach dem Beratungsgespräch zur Anwendung kommen, in dem es einerseits zur Vorbereitung auf das Gespräch dienen und andererseits auch zur Nachbereitung genutzt werden kann, um zum Beispiel mit den Angehörigen oder z.B. der mitinvolvierten Psychoonkolog:in die wichtigsten Punkte nochmals durchzugehen und nachzulesen. Sowohl Onkolog:innen wie auch Reproduktionsmediziner:innen, aber auch Psychoonkolog:innen können das Tool den Patientinnen empfehlen oder in der Sprechstunde anwenden.

… und die Männer?

FertiOnco wurde spezifisch für Frauen mit Krebs entwickelt. Bei den Frauen sind die Optionen zur Fertilitätserhaltung vielfältiger aber auch aufwändiger als bei den Männern. Die auf den ersten Blick einfachere Ausgangslage bei den Männern, macht die Situation aber nicht weniger belastend und auch diese wünschen sich gemäss den wenigen vorhandenen Studien gebührend Unterstützung. Allerdings steht dabei weniger eine Hilfe bei der Entscheidungsfindung im Vordergrund, sondern vielmehr validierte Informationen generell zum Thema Fertilität und Krebs, wie eine von uns durchgeführte Studie mit männlichen Krebspatienten zeigte (Ehrbar et al, 2022 (7)). Zudem bekundeten sie den Wunsch nach Vernetzung mit anderen Patienten und / oder Fachpersonen.

Fazit

Über Möglichkeiten des Fertilitätserhalts trotz Krebs nachzudenken, kann sowohl eine zusätzliche Belastung wie auch eine neue Hoffnung für Patient:innen darstellen. Studien haben gezeigt, dass Fertilität sowohl bei weiblichen wie auch männlichen jungen Krebsbetroffenen einen hohen Stellenwert hat und eine fachspezifische Begleitung dazu explizit gewünscht wird. Während von Krebs betroffene Männer sich mehr Informationen und Austauschmöglichkeiten wünschen, bekunden Krebspatientinnen Unterstützungsbedarf bei der Entscheidungsfindung. Im Vordergrund steht immer eine individuelle Beratung beim Spezialisten, allerdings hat sich FertiOnco als wertvolle zusätzliche Unterstützung bei der Entscheidungsfindung erwiesen. FertiOnco ist für alle frei zugänglich und aktuell das einzige deutschsprachige und schweiz-spezifische online Unterstützungsangebot.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. phil. Verena Ehrbar

Frauenklink Universitätsspital Basel
Abt. Gyn. Sozialmedizin & Psychosomatik
Spitalstrasse 21
4031 Basel

verena.ehrbar@usb.ch

Prof. Dr. med. Sibil Tschudin

Frauenklink Universitätsspital Basel
Abt. Gyn. Sozialmedizin & Psychosomatik
Spitalstrasse 21
4031 Basel

sibil.tschudin@usb.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

◆ Fertilität ist für junge Krebspatient:innen ein wichtiges Thema, da die Familienplanung oft noch nicht abgeschlossen ist.
◆ Die Entscheidung für oder gegen fertilitätserhaltende Massnahmen muss unmittelbar nach Diagnosestellung der Krebserkrankung erfolgen, was für die Betroffenen eine Herausforderung darstellt.
◆ Mit FertiOnco steht Patientinnen eine online Entscheidungshilfe zur Verfügung, die sie ergänzend zum Beratungsgespräch mit einer Fachperson nutzen können.
◆ FertiOnco setzt sich zusammen aus einem Informationsteil sowie einem interaktiven Teil, der eine wertebasierte Entscheidung unterstützt.
◆ FertiOnco ist für alle betroffenen Patientinnen frei verfügbar und hat sich für die Entscheidungsfindung als hilfreich erwiesen.

1. Tschudin S, Bunting L, Abraham J, Gallop-Evans E, Fiander A, Boivin J. Correlates of fertility issues in an internet survey of cancer survivors. J Psychosom Obstet Gynaecol. 2010;31(3):150-7.
2. Klosky JL, Simmons JL, Russell KM, Foster RH, Sabbatini GM, Canavera KE, et al. Fertility as a priority among at-risk adolescent males newly diagnosed with
cancer and their parents. Support Care Cancer. 2015;23(2):333-41.
3. Anderson RA, Amant F, Braat D, D’Angelo A, Chuva de Sousa Lopes SM,
Demeestere I, et al. ESHRE guideline: female fertility preservation. Hum Reprod Open. 2020;2020(4):hoaa052.
4. Ehrbar V, Urech C, Rochlitz C, Dallenbach RZ, Moffat R, Stiller R, et al. Fertility Preservation in Young Female Cancer Patients: Development and Pilot Testing of an Online Decision Aid. J Adolesc Young Adult Oncol. 2018;7(1):30-6.
5. Ehrbar V, Urech C, Rochlitz C, Zanetti Dallenbach R, Moffat R, Stiller R, et al. Randomized controlled trial on the effect of an online decision aid for young
female cancer patients regarding fertility preservation. Hum Reprod. 2019.
6. Ehrbar V, Germeyer A, Nawroth F, Dangel A, Findeklee S, Urech C, et al. Long-term effectiveness of an online decision aid for female cancer patients regarding fertility preservation: Knowledge, attitude, and decisional regret. Acta Obstet Gynecol Scand. 2021;100(6):1132-9.
7. Ehrbar V, Scherzinger L, Urech C, Rochlitz C, Tschudin S, Sartorius G. Fertility preservation in male cancer patients: A mixed methods assessment of experiences and needs. Urol Oncol. 2022 Aug;40(8):385.e19-385.e25.
doi: 10.1016/j.urolonc.2022.05.027. Epub 2022 Jun 25. PMID: 35764444.