Digitale Hilfsmittel in der Palliative Care: Quo vadis?

Der Nutzen von digitalen Hilfsmitteln erscheint auf den ersten Blick in der Palliative Care nicht naheliegend. In Ländern mit grossen geographischen Distanzen werden sie bereits flächendeckend eingesetzt. Die häufigsten klinischen Anwendungsgebiete sind die direkte Kommunikation zwischen Fachperson und Patient:in (virtuelle Visiten), und die Koordination (virtuelle Besprechungen z.B. Tumorboards, interprofessionelle Kommunikation). Vorteile sind Verbesserung der Kommunikation und Koordination, Reduktion von Symptomen durch rasche Beratung und geringerer Aufwand durch Vermeidung von Wegzeiten. Andere Anwendungen wie digitale Apps und psychologische Unterstützung mittels virtueller Realität werden auch bereits klinisch eingesetzt. Zwangsläufig hat die digitale Medizin in der Onkologie und Palliative Care während der COVID-Pandemie einen Aufschwung erhalten; ob dieser Aufschwung anhält, ist unklar.

Im Kontext der Schweiz sehen wir vor allen die folgenden Anwendungen als potentiell hilfreich: virtuelle Kommunikation (digitale interprofessionelle Besprechungen, virtuelle Visiten), Digitales Monitoring und Anwendungen der virtuellen Realität. Bei der virtuellen Kommunikation sind insbesondere die digitalen interprofessionellen Besprechungen interessant, da diese zu einer Verbesserung der interprofessionellen Koordination beitragen können. Beim digitalen Monitoring steht die Unterstützung der Patient:in im häuslichen Umfeld mittels automatischer Übermittlung von Gesundheitsdaten an die Fachpersonen im Vordergrund. Die virtuelle Realität zeigt ihr Potential in der psychologischen Unterstützung. Haupthindernisse sind aktuell die fehlende Standardisierung der Infrastruktur und die unvorhersehbare Akzeptanz bei den Fachpersonen und Patient:innen. Nicht zuletzt ist auch aus der Datenschutzperspektive Skepsis bezüglich einer raschen Verbreitung in der Zukunft angebracht. Die drei aktuellen Einsatzbereiche der digitalen Hilfsmittel werden bezüglich ihres klinischen Nutzens im schweizerischen Kontext analysiert.

At first glance, the use of digital aids in palliative care does not seem obvious. In countries with large geographic distances, they are already being used extensively. The most common clinical applications are direct communication between specialist and patient (virtual visits) and coordination (virtual meetings, e.g. tumor boards, interprofessional meetings). Advantages are improvement of communication and coordination, reduction of symptoms through rapid consultation, and less effort by avoiding travel time. Other applications such as digital apps and psychological support using virtual reality are also already being used clinically. Inevitably, digital medicine in oncology and palliative care received a boost during the COVID pandemic; whether this boost will continue is unclear.

In the context of Switzerland, we see the following applications in particular as potentially helpful : virtual communication (digital interprofessional meetings, virtual visits), digital monitoring, and virtual reality applications. In the case of virtual communication, digital interprofessional meetings are of particular interest, as they can contribute to an improvement of interprofessional coordination. In digital monitoring, the focus is on supporting the patient in the home environment by means of automatic transmission of health data to the professionals. Virtual reality shows its potential in psychological support. The main obstacles are currently the lack of standardization of the infrastructure and the unpredictable acceptance by professionals and patients. Last but not least, skepticism is also warranted from a data protection perspective with regard to rapid dissemination in the future. The three current areas of application of digital aids are analyzed in terms of their clinical benefits in the Swiss context.
Key Words: Telemedicine, Digital health interventions, Palliative Care, Oncology Interprofessional Care

Telemedizin und Palliative Care erscheinen vordergründing nicht sehr kompatibel, da die Idee eines digital-elektronischen Werkzeugs in einem beziehungsbasierten Fachgebiet nicht naheliegend erscheint.

Eine breite Palette von digitalen Werkzeugen/Interventionen wird jedoch bereits in der Palliative Care angewendet. Diese reichen von der klassischen virtuellen Visite, über virtuelle Realität (beispielsweise 3-D-Reisen bis zu Entscheidungsfindung mittels künstlicher Intelligenz (1, 2)). Weitere Anwendungsgebiete der Telemedizin beziehen sich auf die digitale Überwachung des Gesundheits-zustandes, die Übertragung von Daten zur Fachperson und die Fallbesprechungen (Fachperson zu Fachperson) (3, 4). Bei onkologischen Patient:innen hat nicht zuletzt die Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass Interventionen der Palliative Care vermehrt telemedizinisch erfolgen. Dies betrifft insbesondere die Beratung und das Monitoring bei der Symptombehandlung, aber auch die Instruktion und Koordination des betreuenden Netzwerks und der Angehörigen. Hier handelt die Palliative Care gemäss ASCO mit einem problem- und patientenbezogenen Vorgehen im Sinn der «Concurrent care», also in der Regel parallel zur krankheitsmodifizierenden Therapie mit supportiven Therapien (5).

Die Vorteile der Telemedizin, insbesondere der virtuellen Visite, zeigen sich vor allem im Bereich des erleichterten Zugangs zu Dienstleistungen, einer Verbesserung der Kommunikation durch rasche Erreichbarkeit, und dadurch nicht zuletzt einer Reduktion der psychischen Symptome, vor allem der Angst, und in geringeren Kosten (6). In Ländern mit grossen geographischen Distanzen wie Canada oder Australien ist die Akzeptanz bei den Patienten, aufgrund jahrzehntelanger Vorerfahrung, grundsätzlich sehr gut. Die Fachpersonen zeigen eine gesunde Skepsis gegenüber der Tele­medizin, akzeptieren diese aber gut, wenn sie die notwendige Logistik und Schulung erhalten (4, 7). Die Evidenz dafür basiert aber häufig auf Evaluationen von bestehenden Projekten, oder solchen aus der Notwendigkeit (geographische Distanz, Fachkräftemangel) entstandenen Projekte. Eine Bedürfnisabklärung bei allen Beteiligten vor der Planung und Implementation wurde nur sehr selten durchgeführt (7).

Die geographischen Distanzen existieren in der Schweiz nicht und die pandemiebedingten Zugangsbeschränkungen zum Gesundheitssystem sind und waren nicht sehr ausgeprägt.

Parallel dazu zeigte sich, dass sich einige der geplanten oder existierenden digitalen Hilfsmittel trotz des Digitalisierungsschubs während der Pandemie nur schleppend entwickelt haben. Das bekannteste Beispiel ist das elektronische Patienten-Dossier. Bei einigen sind sogar schwerwiegende Datenschutzlücken erkannt worden, man denke an das digitale Impfbuch oder das Organspende-
Register. So stellt sich die Frage aus Sicht der Palliative Care, in welchen Anwendungsbereichen der Einsatz telemedizinischer Vorgehensweisen in der Zukunft insbesondere aus Sicht der Patient:innen sinnvoll ist (8). Ein hoher Anspruch an den Datenschutz ist hierbei selbstverständlich.

Wir möchten in diesem Beitrag die telemedizinischen Hilfsmittel aus der klinisch-praktischen Perspektive der Palliative Care beleuchten und hinsichtlich der Zukunft kritisch hinterfragen.

Methoden

Die vorliegende Arbeit basiert auf einem Scoping review (7) und zwei Positionspapieren (4, 8) der Autoren. Die beschriebene Zukunftsperspektive basiert einerseits auf der klinischen Erfahrung/Einschätzung der Autoren, andererseits auf selektionierten Artikeln einer Literatursuche (Pubmed: Telemedicine AND Palliative Care, ab 2022).

Einsatzbereiche der digitalen Hilfsmittel

Im Folgenden werden wir den Nutzen und die Herausforderungen der verschiedenen digitalen Hilfsmittel in der Palliative Care aufzeigen. Tabelle 1 fasst die aktuellen Entwicklungen bezogen auf die Palliative Care zusammen.

Virtuelle Visite

Die virtuelle Visite, also eine Visite über eine Videokonferenz, ist die am weitesten verbreitete Form der Telemedizin. Sie ist gut akzeptiert, relativ einfach machbar und hat bewiesenermassen Vorteile für den Patienten auf der Ebene der Kommunikation, Symptomreduktion (teilweise) und der Reduktion von Reisezeit und -aufwand (4, 7). Wie oben erwähnt, gilt diese Evidenz aber nur für Länder mit geographischen Hindernissen/grossen Distanzen.

Die technologischen Grundvoraussetzungen sind in der Schweiz mehrheitlich gegeben. Mögliche Hindernisse orten wir in zwei Bereichen: in einer der Telemedizin gegenüber eher zurückhaltenden Einstellung der Patient:innen, Angehörigen und Fachpersonen, und die fehlende technische Standardisierung. Letztere (z.B. bei der Identifikation/Datenschutz/Interkompatibilität) führt zu einer schlechteren Benutzbarkeit, was die Motivation der Patienten nicht fördert.

Zusätzlich gibt es aktuell keine klar definierten Verrechnungsmöglichkeiten. Die Abrechnung als klassische Telefonkonsultation ist zwar möglich, bildet aber den Aufwand nur unzureichend ab, was eine nachhaltige Verwendung in der Zukunft insbesondere für den ambulanten Bereich erschwert (9).

Aus diesen Gründen sehen wir die Zukunft für eine virtuelle Visite zwiespältig: der Nutzen für schwerkranke Menschen, die möglichst viel Lebenszeit zuhause verbringen möchten und für die der Energieaufwand für eine externe Konsultation enorm ist, könnte sehr gross sein. Dies betrifft auch das Sicherheitsgefühl nicht nur für die Patient:innen sondern auch für die Angehörigen: der rasche «Kanal» zum Betreuungsnetz, nicht nur als schwer zuordenbare Stimme, sondern als sichtbare Person. Auf der anderen Seite stehen die regulatorischen Anforderungen, und die Zurückhaltung in der schweizerischen Gesellschaft, individuelle Daten preiszugeben unter Einschluss einer E-Mail-Adresse, die Voraussetzung für den telemedizinischen Link ist.

Interprofessionelle Kommunikation
Palliative Care gilt als eine der Vorreiterdisziplinen der Interprofessionalität. Eines der wichtigsten Elemente der Interprofessionalität ist die transparente Definition von gemeinsamen Zielen und die Koordination von verschiedenen Fachkompetenzen und -personen. Dies ist zeitlich und ressourcentechnisch eine sehr aufwändige Aufgabe. Deshalb erscheint die Telemedizin mit der Möglichkeit von Video-Konferenzen und einer zeitnahen, zentralen Dokumentation als ein interessanter Lösungsansatz (8).

Als Hindernis sehen wir hier wiederum die fehlende technische Standardisierung (Identifikation, Kompatibilität der Systeme) und das Fehlen eines funktionierenden, von der Bevölkerung akzeptierten digitalen Patient:innen-Dossiers.

Wie bei den virtuellen Visiten gibt es auch für diese Modalität keine spezifischen Verrechnungsmöglichkeiten im aktuellen Vergütungssystem.

Abgesehen von den technischen Hindernissen, sehen wir in dieser Art der Telemedizin im Bereich der Palliative Care ein grosses Potential: bei der Koordination der Betreuung der Patient:innen im häuslichen Umfeld, insbesondere bei der Interaktion im regionalen Palliativnetz zwischen Patient:innen, Angehörigen, Spitex und Hausärztin, sowie dem Mobilen Palliativdienst und den stationären Strukturen.

Datentransfer/remote Monitoring
Der Transfer von Daten über den Gesundheitszustand inklusive Daten über die aktuelle Lebensqualität (z.B. PROM’S) an Fachpersonen, entweder durch einen aktiven Prozess (Smartphone-Applikation/Internet basiert) oder passiv mit automatischer Informationsübermittlung («Wearables») wird seit einigen Jahren auch in der Palliative Care insbesondere bei Tumorpatienten untersucht (2, 10). Der Fokus liegt dabei auf den Symptomen oder der Sicherheit (Bewegungsmuster) mit den Zielen Reduktion von Unsicherheiten, Verbesserung des Selbst-Managements und Datengrundlagen für die Entscheidungsfindung (10).
Obwohl die Studien vielversprechend sind, müssen diese Technologien ihre Nützlichkeit und Akzeptanz in der Praxis noch beweisen (1).

Als Hindernis sehen wir hier drei Hauptpunkte. Die Machbarkeit steht zur Diskussion: Digitale PROMS benötigen eine relativ komplexe Mitarbeit des Patienten/Angehörigen. Ob diese möglich und gewünscht ist, insbesondere bei den vielen vulnerablen Menschen in der Palliative Care mit ausgeprägter Fatigue, muss noch bewiesen werden. Daneben geht es um die Akzeptanz einer standardmässigen Übermittlung von Gesundheitsdaten, sei es aktiv oder passiv. Und drittens, wie schon erwähnt, geht es auch hier um die fehlende technische Standardisierung. Diese Technologie macht nur Sinn, wenn die Fachpersonen einfach und schnell auf besorgniserregende Daten reagieren können. Grundlage hierfür wären ein einfacher und sicherer Zugang zu den Individualdaten und die notwendigen technischen und personellen Ressourcen für das Monitoring und die zeitgerechte Evaluation und Reaktion.

Andere digitale Hilfsmittel
Während der Pandemie standen und stehen digitale Kommunikationstools im gesellschaftlichen Fokus. Es ging und geht darum, schnell und pragmatisch eine Kommunikationsmöglichkeit für die Bevölkerung von der Schule bis zur Altersbetreuung herzustellen. Dies betrifft auch das Gesundheitswesen. Pilot-Projekte wurden ausgebaut, viele Spitäler planten und implementierten neue Telemedizinprogramme.

Zukunftsträchtige digitale Tools für die Palliative Care wurden kürzlich durch einen Delphiprozess definiert (1).

Grosses Interesse besteht aktuell für «virtual reality». Bei dieser Intervention wird der Patient durch eine Fachperson (meist eine Psychologin) auf einer virtuellen Reise mittels einer VR-Brille begleitet. Dies erlaubt es der betroffenen Person, zumindest kurzzeitig, der oft schwer erträglichen Realität zu entfliehen. Eine schweizerische Pilot-Studie von Seiler et al. zeigte kürzlich eine gute Akzeptanz und sehr vielversprechende Resultate bezüglich Symptom-Reduktion (11).

Künstliche Intelligenz, insbesondere im Zusammenhang mit grossen Datensätzen (Big Data) und Smart Home wird erforscht, hat aber noch keinen klinischen Stellenwert.

Big Data und Datamonitoring könnte allenfalls eine gewisse Hilfe­stellung bei der Prognosefindung und beim Monitoring von Risikofaktoren in der Prävention von schwierigen Symptomen wie einem Delirium bieten; aktuell steht hier immer noch die klinische Einschätzung im Vordergrund (1).

Die Frage nach dem digitalen Erbe ist mit dem rasanten Anstieg von Cloud-Diensten, sozialen Medien und anderen, physisch nicht greifbaren Dokumentationsarten sehr reell geworden. Das Bewusst­sein für diesen in der heutigen digitalen Zeit notwendigen Schritt der Vorausplanung ist bei den Patient:innen und Fachpersonen noch wenig vorhanden (12). Die persönliche und gesellschaftliche Frage, was mit personenbezogenen Daten nach dem Tod passiert, wird sicherlich immer wichtiger.

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Dr. med. Andreas Samuel Ebneter

Universitäres Zentrum für Palliative Care
Inselspital Bern
Freiburgstrasse
3010 Bern, Schweiz
HFR Tafers
Abteilung Innere Medizin
1712 Tafers

andreas.ebneter@h-fr.ch

Prof. Dr. med. Steffen Eychmüller

Chefarzt
Universitäres Zentrum für Palliative Care
Inselspital Bern, SWAN Haus
Freiburgstrasse 38
3010 Bern

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

â—† Digitale Hilfsmittel werden in der Palliative Care verwendet, im Vordergrund steht die digitale Kommunikation und Koordination.
◆ Die Bedürfnisse von Patienten, Angehörigen und Fachpersonen
hinsichtlich digitaler Tools sind in der Schweiz und in der klinischen Praxis nicht klar.
◆ Vielversprechend für die klinische Palliative Care sind: Digitale interprofessionelle Kommunikation/Koordination mittels Videokonferenzen und digitales Monitoring, sowie virtuelle Realitäts-Tools
◆ Hindernis für die Weiterentwicklung sind: a) fehlende technische
Standardisierung dieser Hilfsmittel, b) Fehlen eines zentralen,
verlässlichen und sicheren medizinischen Dossiers (elektronisches Patientendossier), und c) offene Fragen der Vergütung beziehungsweise Refinanzierung der apparativ-technischen Voraussetzungen.

1. 1Nwosu AC, McGlinchey T, Sanders J, Stanley S, Palfrey J, Lubbers P, et al. Identification of Digital Health Priorities for Palliative Care Research: Modified Delphi Study. JMIR Aging. 2022;5(1):e32075.
2. Amann M, Blum D. Digitale Palliative Care. Praxis. 2021;110(15):851-4.
3. WHO. WHO | Classification of digital health interventions v1.0 [Available from: http://www.who.int/reproductivehealth/publications/mhealth/classification-digital-health-interventions/en/.
4. Ebneter AS, Fliedner M, Trapp D, Ramseier F, Sauter TC, Eychmüller S. [Telemedicine in Palliative Care: Digital Communication in a Relationship-Based Speciality – Does It Make Sense?]. Praxis (Bern 1994). 2021;110(15):845-50.
5. Ferrell BR, Temel JS, Temin S, Alesi ER, Balboni TA, Basch EM, et al. Integration of Palliative Care Into Standard Oncology Care: American Society of Clinical Oncology Clinical Practice Guideline Update. Journal of Clinical Oncology. 2017;35(1):96-112.
6. Finucane AM, O’Donnell H, Lugton J, Gibson-Watt T, Swenson C, Pagliari C. Digital health interventions in palliative care: a systematic meta-review. NPJ Digit Med. 2021;4(1):64.
7. Ebneter AS, Sauter TC, Christen A, Eychmueller S. Feasibility, acceptability and needs in telemedicine for palliative care. Swiss Med Wkly. 2022;152(9-10).
8. Ebneter AS, Eychmueller S, Sauter TC, A. A. Einsatz von Telemedizin in der Palliative Care. SAEZ. 2022.
9. Tang M, Reddy A. Telemedicine and Its Past, Present, and Future Roles in Providing Palliative Care to Advanced Cancer Patients. Cancers (Basel). 2022;14(8).
10. Ansari N, Wilson CM, Heneghan MB, Supiano K, Mooney K. How technology can improve communication and health outcomes in patients with advanced cancer: an integrative review. Support Care Cancer. 2022.
11. Seiler A, Schettle M, Amann M, Gaertner S, Wicki S, Christ SM, et al. Virtual Reality Therapy in Palliative Care: A Case Series. Journal of palliative care.0(0):08258597221086767.
12. Coop H, Marlow C. Do we prepare patients for their digital legacy? A survey of palliative care professionals. Palliative Medicine. 2019;33(1):114-5.

Genexpressionstests beim lokalisierten Prostatakarzinom

In der Schweiz wird jedes Jahr bei mehr als 6000 Männern eine Prostatakrebsdiagnose gestellt. Die Krankheit ist sehr heterogen und reicht von indolenten Karzinomen, welche am besten beobachtet werden, bis zu aggressiven Karzinomen, welche rasch in eine metastasierte Situation übergehen. Im Arzt-Patienten Gespräch ist gerade bei der Neudiagnose eines lokalisierten Prostatakarzinoms eine realistische Risikoeinschätzung und Beratung bezüglich der möglichen Therapie-Optionen essentiell. Tradi­tionell beruht die Risikoklassifikation in der lokalisierten Situation auf PSA, Gleason/ISUP Grad und bildgebenden Informationen (MRI zum lokalen Staging, PSMA PET/CT fürs systemische Staging). In Zukunft können möglicherweise Genexpessionstests wichtige Zusatzinformationen liefern.

In Switzerland, more than 6000 men are diagnosed with prostate cancer each year. The disease is very heterogeneous and ranges from indolent carcinomas, which are best observed, to aggressive carcinomas, which rapidly progress to a metastatic situation. In the doctor-patient discussion, a realistic risk assessment and advice regarding the possible therapy options is of great importance, especially in the case of a new diagnosis of a localized prostate carcinoma. Traditionally, risk classification in the localized situation is based on PSA, Gleason/ISUP grade and imaging information (MRI for local staging, PSMA PET/CT for systemic staging). In future, gene expression tests may provide important additional information.
Key Words: Prostate cancer, Gene expression tests

Klinische Einordnung von Genexpressionstests

In den letzten Jahren sind im Bereich des lokalisierten Prostatakarzinoms verschiedene Genexpressionstests entwickelt, evaluiert und kommerzialisiert worden. Das übergeordnete Ziel: eine personalisierte Risikoeinschätzung, welche gezieltere Therapievorschläge erlaubt. Diese Tests untersuchen mRNA Expressions-Profile am Tumorgewebe und umfassen dabei 20-30 Gene. Verschiedene Tests sind aktuell vor allem in den USA verfügbar: Decipher®, Prolaris® und Oncotype Dx Prostate®.

Beim lokalisierten Prostatakarzinom sind mehrere Fragestellungen interessant, für die Genexpressionstests eine relevante Zusatzinformation bringen können:

  • Bei lokalisiertem Prostatakarzinom mit niedrigem Risiko:
    Welche Patienten sollten aktiv überwacht werden, welche benötigen eine aktive Therapie?
  • Bei lokalisiertem Prostatakarzinom mit intermediärem Risiko: Welche Patienten benötigen eine Hormontherapie zusammen mit der Strahlentherapie, bei welchen reicht eine alleinige Radio­therapie?
  • Bei Prostatakarzinom nach radikaler Prostatektomie: Welche Patienten mit Risikofaktoren profitieren von einer adjuvanten Strahlentherapie mit oder ohne Hormontherapie und welche können überwacht werden?
  • Beim biochemischen Rezidiv nach radikaler Prostatektomie: Welche Patienten profitieren bei der Salvage Radiotherapie von einer zusätzlichen Hormontherapie?

Die NCCN-Guidelines haben diese Genexpressionstests bereits als Option in die Algorithmen als zusätzliche Information für die Entscheidungsfindung aufgenommen. Die europäischen Guidelines (EAU) äussern sich noch zurückhaltend zum Einsatz dieser Tests. Wenn Genexpressionstests angewendet werden, dann sollten unbedingt alle anderen klinischen Faktoren auch berücksichtig werden und ein Therapieentscheid nicht rein auf die molekulare Diagnostik gestützt werden.

Limitationen der Genexpressionstests sind zum aktuellen Zeitpunkt: Die Mehrheit der Daten stammt aus retrospektiven Studien – grosse, randomisierte prospektive Studien sind aber bereits lanciert worden. Langzeitdaten, vor allem zu onkologisch relevanten Endpunkten wie Gesamtüberleben, fehlen. Wichtig ist auch zu beachten, dass Gewebe-basierte genomische Tests eine allfällige
intratumorale Heterogenität nur ungenügend abbilden können und zum Beispiel primär am Gewebe einer Stanzbiopsie gemacht werden, ohne die übrigen Biopsien zu berücksichtigen.

Patientenbeispiel

Anamnese
Ein 64-jähriger Mann wird abgeklärt bei PSA Erhöhung auf 7.5 ohne Auffälligkeiten bei der Miktion.

In der klinischen Untersuchung zeigt sich die Prostata nicht vergrössert und ohne palpable Indurationen. Relevante Nebendiagnosen liegen nicht vor.

Die multiparametrische MRI-Untersuchung ergibt: Prostata­volumen 28ml, eine auffällige Läsion in der peripheren Zone links (PI-RADS 4), keine weiteren Auffälligkeiten, die PSA-Dichte ist mit 0.27 ng/ml/cc deutlich erhöht.

Die MRI-TRUS Fusionsbiopsie zeigt mittels 16 Biopsien (gezielt und systematisch) folgendes Resultat:

4 positive Biopsien:

  • Links: Gleason 3+3, ISUP Gruppe 1, Zylinderbefall 10%
  • Links: Gleason 3+3, ISUP Gruppe 1, Zylinderbefall 15%
  • Rechts: Gleason 3+3, ISUP Gruppe 1, Zylinderbefall 30%
  • Rechts: Gleason 3+3, ISUP Gruppe 1, Zylinderbefall 60%

Die zusätzlich durchgeführte PTEN-Analyse ergibt immunhistochemisch keinen Anhaltspunkt für PTEN-Verlust.

Therapie-Empfehlung
Zusammengefasst liegt ein lokalisiertes Prostatakarzinom vor. Die TNM-Klassifikation stellt aber bereits eine Herausforderung dar:

Nach klassischen Kriterien wäre der Tumor als T1c einzustufen, nach MRI-Kriterien als T2a und in der Biopsie wurde letzten Endes ein Prostatakarzinom bilateral in der Prostata gefunden. Je nach T-Stadium fällt der Patient mit den übrigen oben erwähnten Kriterien in eine low-risk oder sogar eine high-risk Kategorie und entsprechend variieren auch die Therapie-Empfehlungen. Wichtig ist hier aber zu betonen, dass nach aktuellen Guidelines für das T-Staging nur die digital rektale Untersuchung (DRU) verwendet wird und die MRI-Information noch nicht. Insgesamt wurde dem Patienten bei Vorliegen aller Befunde eine aktive Therapie im Sinne einer radikalen Prostatektomie beziehungsweise einer Radiotherapie der Prostata mit oder ohne begleitende Hormontherapie über 6 Monate empfohlen.

Patientenwunsch
Aktive Überwachung und zurzeit keine aktive Therapie.

Können Genexpressionstests in dieser Situation hilfreich sein?

Die Genexpressionstests könnten hier helfen, eine bessere Einteilung vorzunehmen. In einer kürzlich veröffentlichten Arbeit wurden lokalisierte Prostatakarzinome anhand der vorhandenen klinischen und pathologischen Variablen in die klassischen 6 Risiko-Kategorien nach NCCN eingeteilt. Die Integration des mRNA-Ex­pressionsprofils am Prostatakarzinomgewebe mittels Decipher Score zusammen mit den klinischen Variablen hat zu einer Reklassifizierung innerhalb der 6 NCCN-Risikogruppen in 67% der Patienten geführt (Spratt et al. J Clin Oncol 36:581-590). Am ASCO 2022 wurde eine Arbeit vorgestellt, in welcher der Decipher Score retrospektiv an Tumorgewebeproben einer grossen Phase III Studie mit lokalisiertem Prostatakarzinom (intermediate risk) untersucht wurde. Der Decipher Score konnte als unabhängiger prognostischer Wert bestätigt werden (Spratt et. al. J Clin Oncol 40, 2022 suppl 6; Abstr 269).

Ein genetischer Test wie beispielsweise «Prolaris» könnte im oben erwähnten Fall als Entscheidungshilfe hinzugezogen werden. Wichtig ist zu beachten, dass diese Tests nur zusätzliche prognostische Informationen liefern und nicht prädiktiv sind für eine spezifische Therapiemodalität. Der Prolaris Molecular Score (CCP) wird mit dem CAPRA-Score des Patienten kombiniert. Daraus resultiert der Combined Clinical Cell Cycle Risk (CCR)-Score, der alle verfügbaren prognostischen Informationen als Prognose-Faktoren vereint. Bei einem CCR-Score von >0.8 hätte der Patient ein geschätztes Risiko von knapp 10-15% an seinem Prostatakarzinom innerhalb von 10 Jahren zu versterben, bei einem CCR-Score von <0.8 wäre das Risiko am Prostatakarzinom innerhalb von 10 Jahren zu versterben bei geschätzt 2%.

Grosse, randomisierte Phase III Studien sind aktiviert worden (z.B. PREDICT-RT, G-MAJOR, ERADICATE, G-MINOR, NRG GU 008), welche diese neuen Tests in verschiedenen Krankheitssituationen prospektiv, untersuchen. Bis erste Resultate vorliegen wird es aber noch einige Jahre dauern.

In den EAU Guidelines wird diskutiert, dass diese Tumor­gewebe basierten Genexpressionstest die prognostische Sicherheit von multivariablen Modellen zur Identifikation von Patienten, welche eher von einer aktiven Überwachung profitieren, beziehungs­weise eher von einer aktiven Therapie, deutlich verbessern. Da onkologische Langzeitdaten (Gesamtüberleben) fehlen, wird der Einsatz dieser Tests zurzeit nicht routinemässig empfohlen. Bei Fällen, welche zum Beispiel grenzwertig für die aktive Überwachung qualifizieren, kann als Zusatzinformation zu den bereits verfügbaren klinisch-pathologischen Variablen aber ein Einsatz der Tests in Betracht gezogen werden.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Aurelius Omlin

Onkozentrum Zürich
Seestrasse 259
8038 Zürich

PD Dr. med. univ. Thomas Winder, PhD

Onkozentrum Zürich
Seestrasse 259
8038 Zürich

Dr. med. Stephan Bauer

Zentrum für Urologie Zürich, Klinik Hirslanden
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

stephan.bauer@hirslanden.ch

Die Autoren haben keinen Interessenskonflikt in
Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Beim lokalisierten Prostatakarzinom, in der postoperativen Situation und im biochemischen Rezidiv, stehen verschiedene Therapie-Optionen zu Verfügung.
◆ Die verfügbaren klinischen Faktoren sind oft unbefriedigend für die Risiko­einschätzung und Entscheidungsfindung in der individuellen Patienten-Situation.
◆ Tumorgewebe-basierte Genexpressionstests, welche die mRNA-Expression von 17-31 Genen untersuchen (Decipher®, Prolaris®, Oncotype Dx Prostate®)
sind entwickelt worden und werden zunehmend Einzug halten in die
klinische Praxis.
◆ Die Guidelines empfehlen zurzeit noch keinen routinemässigen Einsatz
dieser Tests, aber im Einzelfall kann die genetische Information einen Zusatznutzen erbringen im Sinne einer besseren Risiko­einschätzung und personalisierten Therapieempfehlung, insbesondere beim lokalisierten Prostatakarzinom in den Kategorien «low risk» und «intermediate risk».
◆ Die Information eines genetischen Tests ersetzt nicht die sorgfältige Beratung und Risiko-Abwägung im Rahmen eines fachärztlichen Gesprächs.

Ausgewählte Studien zu soliden Tumoren

Ergebnisse der randomisierten Phase-III-Studie EMERALD – Elacestrant (ein oraler selektiver Östrogenrezeptor-Abbauer) im Vergleich zur endokrinen Standard Therapie bei Östrogenrezeptor-positivem, HER-2-negativem fortgeschrittenem Brustkrebs

Bidard FC et al. Elacestrant (oral selective estrogen receptor degrader) Versus Standard Endocrine Therapy for Estrogen Receptor–Positive, Human Epidermal Growth Factor Receptor 2–Negative Advanced Breast Cancer: Results From the Randomized Phase III EMERALD Trial. J Clin Oncol 2022; in press. DOI https://doi.org/10. 1200/JCO.22.00338

Die endokrine Therapie, entweder mit Aromatasehemmern (AI) oder Fulvestrant, plus einem Cyclin-abhängigen Kinase 4/6 (CDK4/6)-Inhibitor ist die empfohlene Erstlinienbehandlung Standardtherapie (SOC) für lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Östrogenrezeptor (ER)-positiven/humanen epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 (HER2)-negativen (1-3). Ein späteres Fortschreiten der Erkrankung ist mit einer endokrinen Resistenz verbunden, die die Entwicklung von erworbenen Mutationen in einer Vielzahl von Genen wie der erb-b2-Rezeptor-Tyrosinkinase 2 (ERBB2), Neurofibromin 1 (NF1) und Östrogenrezeptor 1 (ESR1).4-6 Mutationen in ESR1 führen zu Östrogen-unabhängigen ER-Aktivierung und folglich zu einer Resistenz gegen AIs, aber nicht gegen ER-Inhibitoren (z.B. selektiven ER-Degradierer [SERDs] und selektiven ER Modulatoren) (4,7). Aktuelle Behandlungsrichtlinien empfehlen eine sequentielle endokrine Therapie, wenn keine viszerale Krise vorliegt oder bis alle endokrinen Therapieoptionen ausgeschöpft sind. Tamoxifen mit oder ohne Everolimus ist eine weitere Option für eine spätere Therapie (1-3,8). Bei Patientinnen, die zuvor eine CDK4/6- oder eine mTOR-Hemmung erhalten haben, ist die klinische Wirksamkeit der endokrinen Monotherapie jedoch begrenzt, mit einem medianen progressionsfreien Überleben (PFS) von etwa 2 Monaten. einen grossen ungedeckten klinischen Bedarf in diesem Bereich (9-12).

Patientinnen mit vorbehandeltem Östrogenrezeptor (ER)-positivem/humanem epidermalem Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 (HER2) – negativem fortgeschrittenem Brustkrebs haben also eine schlechte Prognose. Elacestrant ist ein neuartiger, oraler selektiver ER-Degradierer, der sich in frühen Studien als wirksam erwiesen hat.

In der vorliegenden randomisierten, offenen Phase-III-Studie (13), nahmen Patientinnen mit ER-positivem/HER2-negativem fortgeschrittenem Brustkrebs teil, die eine Ein- oder Zweilinien endokrine Therapie erhalten hatten, eine Vorbehandlung mit einem zyklusunabhängigen Kinase-4/6-Inhibitor benötigten und eine Chemotherapie der Stufe 1 erhielten. Die Patientinnen wurden nach dem Zufallsprinzip auf Elacestrant 400 mg oral einmal täglich oder einer endokrinen Standard-Monotherapie (SOC) zugeteilt. Primäre Endpunkte waren das progressionsfreie Überleben (PFS) durch verblindete unabhängige zentrale Überprüfung bei allen Patienten und Patienten mit nachweisbaren ESR1 Mutationen.

Ergebnisse

Die Patientinnen wurden nach dem Zufallsprinzip Elacestrant (n 5 239) oder Standard Of Care SOC (n 5 238) zugewiesen. Bei 47,8 % der Patienten wurde eine ESR1-Mutation festgestellt, und 43,4 % hatten bereits zwei endokrine Therapien erhalten. Das PFS verlängerte sich bei allen Patienten (Hazard Ratio HR= 0.70; 95% CI, 0.55 to 0.88; P = 002) und bei Patientinnen mit ESR1-Mutationen (HR = 0.55; 95% CI, 0.39 to 0.77; P =0.0005). Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse vom Grad 3/4 wurden bei 7,2 unter Elacestrant und 3,1 % unter SOC festgestellt. Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse, die zum Abbruch der Behandlung führten, traten in der Elacestrant-Gruppe bei 3,4 % und in der SOC-Gruppe bei 0,9 % auf. Übelkeit jeglichen Grades trat bei 35,0 % unter Elacestrant und 18,8 % unter SOC auf (Grad 3/4, 2,5 % bzw. 0,9 %).

Schlussfolgerungen

Elacestrant ist der erste orale selektive ER-Degradierer, der eine signifikante Verbesserung des PFS gegenüber SOC sowohl in der Gesamtpopulation als auch bei Patientinnen mit ESR1-Mutationen, bei überschaubarer Sicherheit in einer Phase-III-Studie für Patientinnen mit ER-positivem/HER2-negativem fortgeschrittenem Brustkrebs ergab.

Überleben mit Cemiplimab bei rezidivierendem Gebärmutterhalskrebs

Quelle : Tewari KS et al Survival with cemiplimab in recurrent cervical cancer. Ne Engl J Med 2022;186:544-555

Patientinnen mit rezidivierendem Gebärmutterhalskrebs haben eine schlechte Prognose. Cemiplimab, der vollständig humane, den programmierten Zelltod 1 (PD-1) blockierende Antikörper, der zur Behandlung von Lungen- und Hautkrebs zugelassen ist, hat bei dieser Patientengruppe eine vorläufige klinische Wirksamkeit gezeigt.

Methoden

In diese Phase-3-Studie wurden Patienten aufgenommen, deren Erkrankung nach einer platinhaltigen Chemotherapie in der Erstlinie fortgeschritten war, unabhängig von ihrem PD-L1-Status (Programmed Cell Death Ligand 1). Die Frauen wurden nach dem Zufallsprinzip (1:1) entweder mit Cemiplimab (350 mg alle 3 Wochen) oder mit einer Chemotherapie nach Wahl des Prüfarztes als Monotherapie behandelt. Der primäre Endpunkt war das Gesamtüberleben. Auch das progressionsfreie Überleben und die Sicherheit wurden untersucht.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 608 Frauen in die Studie aufgenommen (304 in jeder Gruppe). In der gesamten Studienpopulation war das mediane Gesamtüberleben in der Cemiplimab-Gruppe länger als in der Chemotherapie-Gruppe (12,0 Monate gegenüber 8,5 Monaten; Hazard Ratio für Tod 0,69; 95 % Konfidenzintervall [KI], 0,56 bis 0,84; zweiseitiger P<0,001). Der Gesamtüberlebensvorteil war in beiden histologischen Untergruppen (Plattenepithelkarzinom und Adenokarzinom [einschliesslich adenosquamöses Karzinom]) gleich. Auch das progressionsfreie Überleben war in der Cemiplimab-Gruppe länger als in der Chemotherapie-Gruppe in der Gesamtpopulation (Hazard Ratio für Krankheitsprogression oder Tod, 0,75; 95% CI, 0,63 bis 0,89; zweiseitiger P<0,001). In der Gesamtpopulation kam es bei 16,4 % (95 % CI, 12,5 bis 21,1) der Patienten in der Cemiplimab-Gruppe zu einem objektiven Ansprechen, verglichen mit 6,3 % (95 % CI, 3,8 bis 9,6) in der Chemotherapie-Gruppe. Ein objektives Ansprechen trat bei 18% (95% CI, 11 bis 28) der mit Cemiplimab behandelten Patienten mit einer PD-L1-Expression von mehr als oder gleich 1% und bei 11% (95% CI, 4 bis 25) der Patienten mit einer PD-L1-Expression von weniger als 1% auf. Insgesamt traten bei 45,0 % der Patienten, die Cemiplimab erhielten, und bei 53,4 % der Patienten, die eine Chemotherapie erhielten, unerwünschte Ereignisse des Grades 3 oder höher auf.

Schlussfolgerungen

Das Überleben von Patientinnen mit rezidivierendem Gebärmutterhalskrebs nach einer platinhaltigen Erstlinien-Chemotherapie war mit Cemiplimab signifikant länger als mit einer Monotherapie. (Finanziert von Regeneron Pharmaceuticals und Sanofi; EMPOWER-Cervical 1/GOG-3016/ENGOT-cx9 ClinicalTrials.gov-Nummer, NCT03257267. öffnet in neuem Tab.)

Prof. Dr. med. Beat Thürlimann

SwissBreastCare
Bethanienspital
Toblerstrasse 51
8044 Zürich

Literatur:
1. National Comprehensive Cancer Network: NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: Breast Cancer. Version 8.2021. https://www.nccn.org/professionals/physician_gls/pdf/breast.pdf
2. Gennari A et al: ESMO Clinical Practice Guideline for the diagnosis, staging and treatment of patients with metastatic breast cancer. Ann ´Oncol 32:1475-1495, 2021
3. Burstein HJ et al: Endocrine treatment and targeted therapy for hormone receptor-positive, human epidermal growth factor receptor 2-negative metastatic breast cancer: ASCO guideline update. J Clin Oncol 39:3959-3977, 2021
4. Jeselsohn R et al: Emergence of constitutively active estrogen receptor-a mutations in pretreated advanced estrogen receptorpositive breast cancer. Clin Cancer Res 20:1757-1767, 201
5. Razavi P et al: The genomic landscape of endocrine-resistant advanced breast cancers. Cancer Cell 34:427-438, 2018
6. Burstein HJ: Systemic therapy for estrogen receptor-positive, HER2-negative breast cancer. N Engl J Med 383:2557-2570, 2020
7. Toy W et al: ESR1 ligand-binding domain mutations in hormone-resistant breast cancer. Nat Genet 45:1439-1445, 2013
8. Moy B et al: Chemotherapy and targeted therapy for patients with human epidermal growth factor receptor 2-negative metastatic breast cancer that is either endocrine-pretreated or hormone receptor-negative: ASCO guideline update. J Clin Oncol 39:3938-3958, 2021
9. Lindeman GJ et al: Results from VERONICA: A randomized, phase II study of second-/third-line venetoclax 1 fulvestrant vs. Fulvestrant alone in ER-positive, HER2-negative, locally advanced, or metastatic breast cancer. J Clin Oncol 39, 2021 (suppl 15; abstr 1004)
10. Turner NC et al: Circulating tumour DNA analysis to direct therapy in advanced breast cancer (plasmaMATCH): A multicentre, multicohort, phase 2a, platform trial. Lancet Oncol 21:1296-1308, 2020
11. Di Leo A et al: Buparlisib plus fulvestrant in postmenopausal women with hormone-receptor-positive, HER2-negative, advanced breast cancer progressing on or after mTOR inhibition (BELLE-3): A randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet Oncol 19:87-100, 2018
12. Andre F et al: Alpelisib for PIK3CA-mutated, hormone receptor-positive advanced breast cancer. N Engl J Med 38020:1929-1940, ´2019
13. Bidard FC et al. Elacestrant (oral selective estrogen receptor degrader) versus standard endocrine therapy for estrogen receptor-positive, human epidermal growth factor receptor 2-negative advancecd breast cancer: results from the randomized phase III EMERALD Trial. JCO, May 18, 2022, doi.org/10.1200/JCO.22.00338

Ausgewählte Studien aus der Hämato-Onkologie

Triplett-Therapie, Transplantation und Erhaltungstherapie bis zur Progression beim Multiplen Myelom

Quelle: P.G. Richardson et al., N Engl J Med 2022;387:132-47. DOI: 10.1056/NEJMoa2204925

Hintergrund

Bei Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom (ndMM) ist die Wirkung einer zusätzlichen autologen Stammzelltransplantation (ASCT) zur Dreifachtherapie (Lenalidomid, Bortezomib und Dexamethason [RVD]), gefolgt von einer Lenalidomid-Erhaltungstherapie bis zum Fortschreiten der Erkrankung, unbekannt.

Methoden

In dieser Phase III Studie erhielten Erwachsene (18 bis 65 Jahre) mit symptomatischem Myelom einen Zyklus RVD. Diese Patienten wurden im Verhältnis 1:1 nach dem Zufallsprinzip entweder für zwei weitere RVD-Zyklen plus Stammzellmobilisierung, gefolgt von fünf weiteren RVD-Zyklen (RVD-Gruppe) oder für hoch­dosiertes Melphalan plus ASCT, gefolgt von zwei weiteren RVD-Zyklen (Transplantationsgruppe), zugeteilt. Beide Gruppen erhielten Lenalidomid bis zum Fortschreiten der Krankheit bzw. bis zu inakzeptablen Nebenwirkungen. Der primäre Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS).

Ergebnisse

Bei 357 Patienten in der RVD-Gruppe und 365 in der Transplantationsgruppe traten bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 76,0 Monaten 328 Fälle von Krankheitsprogression oder Tod auf; das Risiko war in der RVD-Gruppe um 53% höher als in der Transplantationsgruppe (Hazard Ratio, 1,53; 95% Konfidenzintervall [CI], 1,23 bis 1,91; P<0,001); das mediane PFS betrug 46,2 Monate und 67,5 Monate. Der Prozentsatz an Patienten mit partiellem oder besserem Ansprechen lag bei 95,0% in der Gruppe mit alleiniger RVD und bei 97,5% in der Transplantationsgruppe (P=0,55); 42,0% bzw. 46,8% hatten ein vollständiges oder besseres Ansprechen (P=0,99). Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse Grad 3 oder höher traten bei 78,2% bzw. 94,2% auf; die 5-Jahres-Überlebensrate (OS) betrug 79,2% bzw. 80,7% (Hazard Ratio für Tod, 1,10; 95% CI, 0,73 bis 1,65).

Schlussfolgerung

Bei Erwachsenen mit multiplem Myelom führte die RVD plus ASCT Therapie zu einem längeren PFS als die alleinige RVD Therapie. Ein Vorteil für das Gesamtüberleben wurde jedoch bisher nicht beobachtet.

Ibrutinib plus Bendamustin und Rituximab bei Patienten mit unbehandeltem Mantelzell-Lymphom

Quelle: M. L. Wang et al., N Engl J Med 2022;386:2482-94. DOI: 10.1056/NEJMoa2201817

Hintergrund

Der Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor (BTKi) Ibrutinib könnte bei älteren Patienten mit unbehandeltem Mantelzell-Lymphom einen klinischen Nutzen haben, wenn er in Kombination mit Bendamustin und Rituximab gefolgt von einer Rituximab-Erhaltungstherapie verabreicht wird.

Methoden

Patienten im Alter von 65 Jahren oder älter wurden nach dem Zufallsprinzip für die Behandlung mit Ibrutinib (560 mg, einmal täglich oral verabreicht bis zum Fortschreiten der Krankheit oder bis zu inakzeptablen toxischen Wirkungen) oder Placebo plus sechs Zyklen Bendamustin (90 mg pro Quadratmeter Körperoberfläche) und Rituximab (375 mg pro Quadratmeter) zugeteilt. Patienten mit objektivem Ansprechen (vollständiges oder teilweises Ansprechen) erhielten eine Rituximab Erhaltungstherapie alle 8 Wochen für bis zu 12 weitere Dosen. Der primäre Endpunkt war das von den Prüfärzten beurteilte progressionsfreie Überleben (PFS). Auch das Gesamtüberleben (OS) und die Sicherheit wurden bewertet.

Ergebnisse

Von den 523 Patienten wurden 261 nach dem Zufallsprinzip für die Behandlung mit Ibrutinib und 262 für die Behandlung mit Placebo ausgewählt. Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 84,7 Monaten betrug das mediane PFS 80,6 Monate in der Ibrutinib-Gruppe und 52,9 Monate in der Placebo-Gruppe (Hazard Ratio für Krankheitsprogression oder Tod, 0,75; 95% Konfidenzintervall, 0,59 bis 0,96; P=0,01). Der Prozentsatz an Patienten mit komplettem Ansprechen betrug 65,5% in der Ibrutinib-Gruppe und 57,6% in der Placebo-Gruppe (P=0,06). Das OS war in beiden Gruppen ähnlich. Die Inzidenz unerwünschter Ereignisse Grad 3 oder 4 während der Behandlung betrug 81,5% in der Ibrutinib-Gruppe und 77,3% in der Placebo-Gruppe.

Schlussfolgerung

Die Ibrutinib Behandlung in Kombination mit einer Standard-Chemoimmuntherapie verlängert das PFS signifikant. Das Sicherheitsprofil der Kombinationstherapie stimmt mit den bekannten Profilen der einzelnen Medikamente überein.

Finanziert von Janssen Research and Development und Pharmacyclics; ClinicalTrials.gov-Nummer, NCT01776840

Prof. Dr. med. Christoph Renner

Onkozentrum Hirslanden Zürich und Onkozentrum Zürich
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Christoph.renner@hirslanden.ch

Aktive Immuntherapie für Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren

Patienten mit einem fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinom in der Kopf-Hals-Region (HNSCC), bei denen bereits eine palliative Chemotherapie durchgeführt wurde, haben eine schlechte Prognose. Auf moderne Therapien (z.B. mit Nivolumab oder Pembrolizumab) sprechen nicht mehr als rund 20% der Patienten an, und das mediane Gesamtüberleben liegt bei 6–7 Monaten. Daher besteht bei dieser Patientengruppe ein grosser Bedarf für wirksamere Therapien.

Neue Immuntherapie mit MVX-ONCO-1

In der Studie SAKK 11/16 wird bei Patienten mit fortgeschrittenen HNSCC die Immuntherapie mit MVX-ONCO-1 geprüft. Dabei handelt es sich um eine patientenspezifische, zellbasierte, aktive Immuntherapie, bei der die Immunantwort des Patienten auf die Tumorzellen stimuliert und verstärkt wird. MVX-ONCO-1 ist momentan noch nirgends zur Tumortherapie zugelassen, wurde aber bereits in Phase-I-Studien geprüft. MVX-ONCO-1 besteht aus zwei Komponenten:
1. Den abgetöteten Tumorzellen des Patienten, die als Antigen wirken (Vakzine).
2. Dem Immunmodulator GM-CSF (granulocyte-macrophage colony stimulating factor). Dieser wird von genetisch modifizierten Zellen, die sich in Mikrokapseln befinden, kontinuierlich abgegeben.

Praktischer Ablauf

Damit die Therapie mit MVX-ONCO-1 durchgeführt werden kann, müssen zunächst Tumorzellen des Patienten gesammelt werden, z.B. aus Biopsiematerial oder aus operativ entferntem Tumorgewebe. Eine Bestrahlung tötet diese Tumorzellen ab. Bei der Verabreichung von MVX-ONCO-1 werden dem Patienten unter Lokalanästhesie zwei 3 cm lange Mikrokapseln mit GM-CSF im Abstand von 1 cm unter die Haut implantiert (entweder am Arm oder am Oberschenkel). Zwischen die beiden Kapseln spritzt man subkutan die abgetöteten Tumorzellen. Die Kapseln werden eine Woche lang belassen und dann entfernt. Insgesamt dauert die Therapie 9 Wochen: Die ersten vier Implantationen erfolgen im Abstand von je einer Woche, anschliessend folgen zwei weitere Implantationen im Abstand von je 2 Wochen (Abb. 1). Die Nachbeobachtung dauert zehn Monate, danach werden die Patienten noch während maximal fünf Jahren in regelmässigen Abständen zur Wirkung der Immuntherapie befragt.

Warum gerade bei Kopf-Hals-Tumoren?

Es gibt vier wichtige Gründe, warum die Therapie mit MVX-ONCO-1 gerade bei Patienten mit einem fortgeschrittenen HNSCC geprüft wird:

1. Bei dieser Patientenpopulation besteht ein eindeutiger medizinischer Bedarf für bessere Therapien.
2. HNSCC wird als Tumor angesehen, der auf Immuntherapie potenziell anspricht.
3. Bei rezidivierenden, fortgeschrittenen HNSCC ist das Tumorgewebe in der Regel gut zugänglich. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um Tumorzellen für die MVX-ONCO-1-Therapie sammeln zu können.
4. MVX-ONCO-1 hat in Phase-I-Studien bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren vielversprechende Effekte gezeigt.

Ziele der Studie

Die Studie SAKK 11/16 wird mit insgesamt 21 Patienten an mehreren Zentren in der Schweiz durchgeführt. Alle Patienten erhalten MVX-ONCO-1. Das Ziel besteht darin, die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von MVX-ONCO-1 zu evaluieren. Der primäre Endpunkt ist das Gesamtüberleben nach 26 Wochen, zu den sekundären Endpunkten gehören unter anderem die
Zeitdauer bis zur nächsten Therapie, die Response-Rate zu verschiedenen Zeitpunkten, das progressionsfreie Überleben sowie die Nebenwirkungen.

Diese Studie wird unterstützt von:

  • Gateway for Cancer Research
  • Krebsliga Schweiz (KLS)
  • Rising Tide Foundation for Clinical Cancer Research (RTFCCR)

Seit Anfang Juni 2021 ist die MaxiVAX AG der «Legal Sponsor» der Studie.

Studienname: Personalized and cell-based antitumor immunization MVX-ONCO-1 in advanced head and neck squamous cell carcinoma. A single arm, open label, multicenter phase II trial

Teilnehmende Zentren: Hôpitaux Universitaires de Genève, CHUV – Centre hospitalier universitaire vaudois, Kantonsspital St. Gallen, UniversitätsSpital Zürich

Coordinating Investigator: Prof. Dr. med. Olivier Michielin, olivier.michielin@chuv.ch, CHUV – Centre hospitalier universitaire vaudois

Clinical Project Manager: Simone Wyss, simone.wyss@sakk.ch, SAKK Bern

Prof. Dr. med. Miklos Pless

Winterthur
SAKK Präsident

miklos.pless@ksw.ch

Management von Weichteilsarkomen – wenn die Evidenz fehlt

Die multidisziplinäre Behandlung von Weichteilsarkomen (Englisch, soft tissue sarcoma, STS) ist in verschiedenen Guide­lines festgehalten, so beispielsweise in den ESMO Guidelines 2021, in der deutschen S3-Leitlinie 2021 für STS und in Onkopedia 2019. Trotz vieler klarer Statements für das diagnostische und therapeutische Vorgehen bei STS, bleiben viele Fragen unbeantwortet oder kontrovers. Prospektive Studien fehlen zu vielen der über 100 STS Subtypen, die in der 5. WHO-Klassifikation 2020 beschrieben sind. Biologisch unterschiedliche Sarkome gleichermassen zu behandeln ist problematisch. Die Inzidenz liegt auch bei den häufigsten STS Subtypen, wie den Lipo- und Leiomyosarkomen bei < 1/100’000/Jahr, womit die STS definitiv in die Kategorie der seltenen Tumore gehören.

Die Idee

Onkologische Konsensuskonferenzen zu kontroversen Standpunkten in Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Karzinomen, über welche international renommierte Experten abstimmen, haben in der Schweiz bereits eine lange Tradition. Weltweit bekannt sind die St. Galler Brustkrebskonferenz, heute «International Breast Cancer Conference (bcc)» genannt, die 2021 zum 17. Mal durch­geführt wurde und die «Advanced Prostate Cancer Consensus Conference (APCCC)», welche seit 2015 ausgetragen wird. Beide Konferenzen erreichen durch ihre Internationalität und den Konsensus-bildenden Austausch der Experten hohe Aufmerksamkeit.

Eine Konsensuskonferenz schien uns für STS umso nötiger, als das Erreichen einer genügenden Evidenz über prospektiv kontrollierte Studien an der Seltenheit der einzelnen STS-Subtypen immer wieder gescheitert ist. Und doch braucht es akzeptierte Vorgehensweisen im klinischen Alltag, verbindliche Therapiestandards und Qualitäts­indikatoren. Diese sollen die Grundlage bieten für Behandlungspfade, Verhandlungen mit den Krankenversicherern, für Argumente in der Politik und für die Planung klinischer Studien in internationaler Zusammenarbeit.

Im Oktober 2020 hatten wir die CSSS-Initiative an der EORTC Soft Tissue and Bone Sarcoma Group (STBSG) Halbjahresver­sammlung vorgeschlagen und dafür viel positives Echo erhalten. 2021 formulierten acht verschiedene interdisziplinäre Arbeitsgruppen in 22 Zoom-Sitzungen «Statements of Controversy» für STS, welche anschliessend von einer Kern-Expertengruppe in 220 Fragen umformuliert wurden. Diese Fragen wurden 62 internationalen Sarkom-Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zur Abstimmung vorgelegt und anschliessend ausgewertet. Die Resultate der Umfrage haben wir am 20 und 21.5.22 in St. Gallen präsentiert und angeregt diskutiert. Die CSSS Diskussionsteilnehmer wurden eingeladen, über 62 Fragen erneut abzustimmen, um spezielle Diskussionspunkte zu vertiefen. Bei der ersten und der zweiten Umfrage gab es Fragen mit Einfachauswahl und solche, bei denen mehrere Antworten erlaubt waren. Zusätzlich war bei jeder Frage die Option «Enthaltung» möglich, wenn man sich in diesem Bereich nicht kompetent fühlte oder den Eindruck gewann, die Frage sei nicht eindeutig gestellt. Bei 33% oder mehr Enthaltungen wurde die Frage für die Auswertung gestrichen. Wir definierten in CSSS einen Konsensus bei ≥ 75% und einen klaren Konsensus bei ≥ 95% Übereinstimmung.

Wichtigste Erkenntnisse aus der Konsensus Konferenz (CSSS)

Auch in Zeiten der Pandemie ist ein internationaler Austausch über eine Zeitperiode von eineinhalb Jahren sehr effizient und kostengünstig gelungen. Zweiundsechzig europäische und schweizerische Sarkomspezialisten aller Disziplinen (Abb. 1 und 2) haben in acht Arbeitsgruppen (Abb. 3) folgende Themen diskutiert (Abb. 4).

1. Diagnostik

Sarkom-Pathologie und -Radiologie sind die beiden Grundpfeiler der STS Diagnostik. Sie komplementieren sich, was eine gute Kommunikation beider Disziplinen voraussetzt. Kriterien für das Grading von STS sind bereits aus dem Biopsiematerial (geführt durch eine zuvor veranlasste Bildgebung) von Bedeutung, bieten doch präoperative Therapien bei Hochrisiko-STS in mehrfacher Hinsicht Vorteile für einen kurativen Therapieansatz. Eine Standardisierung von Pathologieberichten mit integrierten Angaben zu den radiologischen Befunden wird gefordert. Gleiche Anforderungen werden an das postoperative Response Assessment gestellt. Ein klarer Konsens (100% Zustimmung) besteht darin, dass mesenchymale Tumoren mit ungewöhnlicher Morphologie, biologischem Verhalten oder molekularen Aberrationen zwingend von einem Referenz-Sarkom-Pathologen beurteilt werden müssen. Folgenden Kriterien, die ein Referenz-Pathologen erfüllen soll, wurde mehrheitlich zugestimmt: Vorhandensein von Qualitätskontrollen in der Diagnostik am Institut, regelmässige Teilnahme am interdisziplinären SarkomTumorboard, Zusammenarbeit mit validierten Laboren für die molekulare Diagnostik, regelmässiger Austausch mit Referenzpathologen, Kenntnisse zu den neuesten diagnostischen Techniken (Antikörper, molekulare Assays), regelmässige Durchführung von NGS, Ausbildung für mindestens 1 Jahr an einem Institut mit einem Referenz-Pathologen, wissenschaftliche und Ausbildungsfunktionen auf dem Gebiet der Sarkom-Pathologie, mehr als 100 STS Primärdiagnosen pro Jahr.

2. Perioperatives STS Management

Viel zu diskutieren gab das perioperative STS Management. Zwar gibt es Daten zur perioperativen Systemtherapie bei Hochrisiko-STS, es fehlt aber bis dato eine Studie mit einem Observationsarm ohne eine entsprechende Systemtherapie. Unklar ist die genaue Definition von «Hochrisiko-STS», hier werden Grösse, Tiefe und Grading als Risikoindikatoren verwendet, alternativ wird das SARCULATOR Tool, welches jedoch nur einen Teil der STS Subtypen berücksichtigt, zur Risikoberechnung herangezogen oder auch molekulare Signaturen. Weiterhin fehlen robuste Daten zur Dauer einer perioperativen Systemtherapie, zum besten Zeitpunkt derselben (prä- oder postoperativ), zu den am besten geeigneten Medikamenten. Die Wahl der Substanzen ist wiederum erschwert durch die zahlreichen STS-Subtypen. Als optimaler primärer Endpunkte für eine künftige Studie zur perioperativen Systemtherapie, wurden DFS und OS als etwa gleichwertig beurteilt.

Ähnlich gibt es zur perioperativen Radiotherapie (RT) offene Fragen. Bei den Sarkomen – wie auch bei einigen andern Tumoren – werden zunehmend Kurzprotokolle angewendet, deren Gleichwertigkeit in Studien zurzeit gerade validiert wird mit entsprechenden Modifikationen der Dosis. Auch wenn bei der RT eine präoperative Applikation bevorzugt wird, konnten Argumente für eine postoperative Radiotherapie formuliert werden, nämlich Sorge vor Wundheilungsstörungen oder einer Diskrepanz zwischen Grading von Biopsie und initialer Bildgebung.

3. Operatives Vorgehen

Die Planung einer kurativen Resektion erfolgt nach initialer Bildgebung und histologischer Aufarbeitung der obligaten prätherapeutischen Biopsie am interdisziplinären Sarkom-Tumorboard. Dabei werden vom Chirurgen die Wahrscheinlichkeit einer R0-Resektion eingeschätzt und die dafür unterstützenden Vortherapien besprochen. Für Sarkome im Retroperitonealraum ist aus anatomischen Gründen oft nur eine R1-Resektion möglich und wird entsprechend akzeptiert. In Ausnahmefällen kann bei Extremitätensarkomen eine geplante marginale Resektion durchgeführt werden, wenn dadurch ein relevanter Funktionsverlust verhindert werden kann.

Anlass zu vielen Diskussionen gab die Indikation für eine Re-Resektion im Falle von positiven Resektionsrändern mit oder ohne makroskopischen Tumorrest. Diese Situation wird vor allem nach ungeplanten Resektionen angetroffen (sogenannte «Whoops»- Resektionen), die durch Antizipation und erhöhte Aufmerksamkeit vor allem unter Allgemeinchirurgen ausserhalb von Sarkom-Netzwerken verhindert werden müssen.

Ein klarer Konsens konnte darüber erreicht werden, dass die Prinzipien der Sarkom-Chirurgie auch für die Disziplinen der Kopf-Hals Chirurgie, der Dermatologie und der gynäkologisch tätigen Chirurgen gelten sollen.

4. Oligometastasierung

Um über therapeutische Optionen (kurativ versus palliativ) bei Oligometastasierung diskutieren zu können, musste zunächst über die Definition «Oligometastasierung bei STS» abgestimmt werden. Die Kriterien, welche favorisiert werden, sind: Anzahl der Läsionen (knapp die Hälfte der Panelisten stimmten dafür), gefolgt von Anzahl der betroffenen Organe, das Intervall zur Primärdiagnose und die Wachstumsdynamik der Läsionen und schlussendlich eine Vorgeschichte von STS Metastasen beim Patienten. Ein Konsensus konnte erreicht werden bei synchron aufgetretenen Lungenmetastasen zum Zeitpunkt der STS-Diagnose, wo zunächst eine Verlaufsbildgebung durchgeführt werden soll, bevor eine lokale Therapie angeboten wird.

5. Fortgeschrittene STS Erkrankung

Die Molekularpathologie wird immer relevanter für Therapieentscheidungen beim fortgeschrittenen STS. War bis vor kurzem eine Anthrazyklin Monotherapie (ev. kombiniert mit Ifosfamid bei Therapiedruck) als Erstlinientherapie in der palliativen Situation akzeptiert, so werden zunehmend zielgerichtete Therapieansätze in der ersten und weiteren Therapielinien gemäss molekularem Profil gefordert. Die Verfügbarkeit solcher Medikamente, die dafür aber nicht zugelassen sind, stellen grosse Hürden dar. Hier ist die Politik gefragt und eine nationale und internationale Harmonisierung des Vorgehens.

Da randomisierte Studien bei kleinen Fallzahlen häufig nicht realisierbar sind, werden Registerdaten, Daten zur Lebensqualität und zu Patient Reported Outcome (PRO) zur Argumentation mit den regulatorischen Behörden benötigt. All diese Schritte und Massnahmen sind nur, wie in unserer Konsensus Konferenz angeregt, mit internationaler Zusammenarbeit möglich und über Therapieprotokolle, welche von akademischen Konsortien, wie beispielsweise der EORTC, entworfen werden.

Konklusion und Ausblick

Nicht überraschend, gab es nur bei wenigen Fragen einen Konsens, oder gar einen klaren Konsens. Der positive Zugewinn, den wir aus solchen Konsens-Voten für den klinischen Alltag ableiten wollen, ist beispielsweise eine Verhandlungsbasis mit den Krankenkassen für eine off-label Therapieempfehlung. Verbleibende kontroverse Standpunkte sollen in prospektiven Studien in internationaler Kollaboration untersucht und geklärt werden. Dafür eignet sich die EORTC unter deren Patronat die CSSS Initiative entstanden ist.
Eine interessante Übereinstimmung fand sich bei der Suche nach standespolitischen Kriterien für Sarkom-Spezialisten der diversen Disziplinen (Qualitätskriterien).

Auf allgemeinen Wunsch der Panelisten soll CSSS 2024 wiederholt werden.

Die Resultate der ersten und der zweiten CSSS Umfrage sollen in einem Peer-Reviewed Paper publiziert werden.

Wir danken an dieser Stelle den 62 Panelisten, welche tatkräftig zum Gelingen dieser ersten Conference on State of Science in Sarcoma (CSSS) beigetragen haben.

Dr. med. Silvia Hofer

Universitätsspital Zürich
Institut für Pathologie und Molekularpathologie
Schmelzbergstrasse 12
8091 Zürich

silvia.hofer@usz.ch

PD Dr. med. Christian Rothermundt

Leitender Arzt / Leitung Ambulatorium St. Gallen & Rorschach
Kantonsspital St. Gallen
Klinik für Med. Onkologie/Hämatologie
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen