Individualisierte Abwägung des Blutungsrisikos unter DOACs bei Vorhofflimmern

Direkte orale Antikoagulantien (DOACs) werden zur Vorbeugung von Thromboembolien (TE) (z.B. kardioembolischem cerebrovaskulären Insult (CVI) bei Vorhofflimmern) sowie zur Therapie von TE gebraucht. Im Vergleich zu den Vitamin-K-Antagonisten (VKA) weisen sie als Medikamentenklasse weniger schwere Blutungen und insbesondere deutlich weniger intrazerebrale Blutungen bei gleich guter oder besserer antithrombotischer Wirkung auf. Kontraindikationen für DOACs bilden die Herzklappenprothesen, die valvuläre Mitralklappenstenose, intrakardiale Thromben, Sinusvenenthrombosen und das Phospholi­pidantikörpersyndrom, welche klassische VKA-Indikationen darstellen. Effektive DOAC-Antagonisten sind heute verfügbar, werden aber unter anderem wegen der kurzen Halbwertszeit relativ selten eingesetzt. Über die letzten Jahre sind gute Daten sowohl aus randomisierten Studien als auch von offenen Registern publiziert worden, die zur Vorbeugung von TE und DOAC-assoziierten Blutungen eine individualisierte Beratung unserer Patienten mit den diversesten Begleiterkrankungen und Charakteristika erlauben (Tumore, Nieren-, Lebererkrankungen, Thrombozytopenie, Co-Medikation, Compliance, frühere Blutungen, etc.). In der vorliegenden Übersicht sind die Fakten für eine individualisierte Arzt-Patienten-Diskussion in der Praxis und in der personalisierten, konkreten, optimalen Antikoagulantien-Therapie zusammengestellt.

Direct oral anticoagulants (DOACs) are applied in the prevention (e.g. cardioembolic stroke in atrial fibrillation) and treatment of systemic thromboembolic events (TE). Compared to vitamin-K-antagonists (VKA), these substances have been shown to be equal or better regarding their antithrombotic effects whilst causing less major bleeds (especially intracranial bleeds). DOACs should not be used in patients with prosthetic heart valves, mitral valve stenosis, intracardiac thrombi, cerebral venous sinus thrombosis or antiphospholipid syndrome. Effective specific antagonists are available, yet they are currently rather rarely used, also due to the short half life of DOACs. Over the past years promising data from randomized and registry studies on the prevention of DOAC-associated bleeding have been published. This information enables us to provide a personalized decision making for our patients in the view of their different characteristics comorbidities (e.g. cancer, renal and hepatic dysfunction, thrombocytopenia, co-medication, compliance, prior bleeds etc.) and personal preferences. This review provides a practical guide on the importance of an individualized shared decision making with oral anticoagulants.
Key Words: NOAC, Bleeding, Vorhofflimmern, risk assessment, practical management, atrial fibrillation, individualized therapy.

Fallbeispiel: Das Konsilium

Bei einer 70-jährigen Patientin wird im Rahmen einer präoperativen Untersuchung im EKG erstmalig ein wenig symptomatisches, normokardes Vorhofflimmern (VHF) festgestellt. Die Patientin soll aufgrund einer schweren Coxarthrose eine Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP) erhalten. Zur Schmerzkontrolle nimmt sie seit einem Jahr ein rezeptfreies nicht-steroidales Antirheumatikum (NSAR, Ibuprofen 3x400mg), mittlerweile aufgrund progredienter Beschwerden zusätzlich Tramadol 3x50mg, ein. Anamnestisch sind eine arterielle Hypertonie (Candesartan 1x16mg und Amlodipin 1x10mg), eine hypertensiv-bedingte, chronische Niereninsuffizienz (Kreatinin 150μmol/l, Baseline eGFR 45ml/min) sowie eine aktuell recht stabile Immunthrombozytopenie (ITP, aktuell 75,000/μL, schwankend zwischen 50-250‘000/μL) bekannt. Auf Nachfrage berichtet sie von gelegentlichem orthostatischem Schwindel, weswegen sie vor 6 Monaten gestürzt sei, allerdings ohne Verletzungsfolgen. Ferner erlitt die Patientin vor zwei Jahren eine obere gastrointestinale (GI) Blutung, welche im Rahmen einer duodenalen Angiodysplasie (AD) interpretiert wurde. Seit der Laserkoagulation der AD ist die Patientin unter einer dauerhaften Therapie mit Protonenpumpenhemmern (PPI, Pantoprazol 1x40mg). Aufgrund des neu gefundenen VHF interpretieren Sie eine passagere Sprachstörung vor zwei Jahren retrospektiv mit hoher Wahrscheinlichkeit als transitorische ischämische Attacke (TIA). In der Echokardiografie bestätigen Sie bei der klinisch rüstigen Patientin eine leichte Linksherzinsuffizienz (EF 40%). Die Patientin hat aufgrund ihrer Vorgeschichte Vorbehalte gegenüber der Antikoagulation. Der Orthopäde möchte das perioperative, der Hausarzt das längerfristige Procedere festlegen, weshalb Sie konsiliarisch zur Beratung der Patientin beigezogen worden sind.

Individualisierte Nutzen-Risiko-Abwägung und Entscheidungsfindung mit der Patientin

Ist die Antikoagulation in diesem Fall indiziert und wie ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis?
Zur Indikationsstellung einer oralen Antikoagulation nach Erstdiagnose eines primären VHF ist die individuelle Risikoabschätzung mittels Vortestwahrscheinlichkeit einer TE – beim VHF insbesondere CVI/TIA – ausschlaggebend. Zur Einschätzung eines TE-Risikos verwenden Sie den CHA2DS2-VASc-Score (1), welcher gegen den HAS-BLED-Score (2) zur Evaluation des Blutungsrisikos abgewogen wird (Tab. 1). Aufgrund der Vorgeschichte der Patientin ergibt sich ein CHA2DS2-VASc von 6 Punkten (Alter, Geschlecht, Herzinsuffizienz, Hypertonie und hochwahrscheinliche TIA). Dies entspricht einem jährlichen TE-Risiko (CVI, TIA, systemische TE) von 13.6% resp. einem CVI-Risiko von 9.7% (3), weshalb eine orale Antikoagulation zur Vorbeugung eines thromboembolischen Ereignisses gemäss den aktuellen Guidelines klar indiziert ist (4). Allerdings weist die Patientin auch einen HAS-BLED Score von 3 Punkten auf (Alter, Einnahme von NSAR, Status nach GI-Blutung). Sie geben im Blutungs-Score keine Punkte für die arterielle Hypertonie, da sie kontrolliert ist (aktueller Blutdruck bei <160mmHg systolisch) wie auch nicht für die chronische Niereninsuffizienz, da das Kreatinin bei <200μmol/L liegt. Die neu postulierte TIA werten Sie gemäss Definition des HAS-BLED ebenfalls nicht als CVI, so dass Sie für die Patientin ein Risiko für schwere Blutungen gemäss Lip et al. von 5.8% (5) resp. gemäss Pisters et al. von 3.7 pro 100-Patientenjahre (2) prognostizieren.

Die Patientin erkennt, dass anhand dieser Scores ihr TE- resp. CVI-Risiko das Blutungsrisiko deutlich übersteigt, aber sie hat aufgrund ihrer ITP bereits recherchiert und ist auf den HEMORR2HAGES-Score gestossen. Sie hat selbst einen Score von 4 Punkten berechnet (Niereninsuffizienz, Thrombozytopenie, Status nach Blutung), was ein Blutungsrisiko von 10.4% pro 100-Patientenjahre ergibt (6). Die Patientin möchte (zurecht!) wissen, warum die frühere Blutung, welche beim HEMORR2HAGES berücksichtigt wird, in dem von Ihnen angewandten HAS-BLED Score zusammen mit der Thrombopenie nicht gleichermassen berücksichtigt wird (Tab. 1). Sie befürchtet eine Blutung insbesondere aufgrund ihrer ITP. Sie argumentieren, dass die AD, welche die obere GI-Blutung verursacht hat, aufgrund der stattgehabten Intervention und einer kürzlichen Kontrolle mittels Re-Gastroskopie, nun kaum mehr ein Risiko darstelle. Zudem weisen Sie die Patientin darauf hin, dass ihr Blutungsrisiko – zumindest partiell – modifizierbar sei (Tab. 3) (4). Im Fall der Patientin ist es wichtig, die NSAR, durch andere nicht-ulcerogene oder plättchenhemmende Analgetika zu ersetzen und die PPI weiter einzunehmen (4, 7). In Studien wird eine Niereninsuffizienz im HAS-BLED Score als terminale Niereninsuffizienz oder ab einem Kreatinin 2,5mg/dl, d.h. >220μmol/l, was deutlich höher als das Kreatinin der Patientin ist (2). Weiter hat die Patientin genügend hämostatisch aktive Thrombozyten (retikulierte Thrombozyten bis zu 30%, total 50-250’000 Thrombozyten/μL) und hatte bisher klinisch keinerlei mukokutane oder andere relevante Blutungen, für welche die ITP verantwortlich gemacht würde. Sie weisen jedoch die Patientin daraufhin, dass man den behandelnden Hämatologen involviert, um – falls nötig – eine Behandlung der ITP mit Thrombozyten-stimulierenden Medikamenten zu initiieren (8). Damit reduzieren Sie die Blutungsgefahr auf einen Punkt (Thrombozytopenie), wobei hier die Kriterien resp. die Differenzierung der Thrombozytopenie/Thrombozytendysfunktion nicht scharf ist. Dies entspricht nun einer Blutungsrate von ca. 2.5% pro 100-Patientenjahre (6), so dass für die Patientin nun die Risiko-Analyse klar auf die Seite der Thromboembolie liegt.

Die belesene Patientin weist Sie darauf hin, dass Ihre Daten/Argumente aus der Zeit der VKA stammten. Sie geben ihr auch hier Recht, zeigen ihr aber im Direktvergleich die geringere Blutungs- und gleiche bis bessere TE-Rate unter DOACs auf. Aus diesen Daten resultiert unter anderem auch die individualisierte Wahl des DOACs (Abb. 1) (9). In einer kürzlichen Meta-Analyse zeigte sich, dass von 1‘000 Patienten 17 eine relevante Blutung unter VKA erlitten haben und unter DOAC jedoch nur 11. Ebenfalls sank das Blutungsrisiko über die Zeit: Nach 10 Jahren Antikoagulation lag das Risiko einer tödlichen Blutung noch bei 2.4% (10).

Die Patientin möchte nun wissen, ob und wie ein Absetzen zu handhaben wäre, nachdem es trotzdemm zu einer Blutung käme. Längerfristig: Das Risiko der TE nach anhaltendem Absetzen der Antikoagulation erreicht 10% nach 1 Jahr und 36% nach 10 Jahren, wobei 4% dieser TE tödlich waren (11). Dementsprechend würde man ein Absetzen in dieser Konstellation nicht empfehlen. Interessant wäre hingegen die Möglichkeit der Dosisreduktion nach 6 Monaten, falls keine besondere TE-Risikokonstellation vorliegt (11). Sollte im Verlauf das Blutungsrisiko dem TE-Risiko deutlich überwiegen, könnte man bei der ansonsten rüstigen Patientin auch einen operativen Verschluss des linken Vorhofohrs erwägen (vgl. perioperatives und kurzfristiges Management unten) (13)(14).

Welches DOAC soll gewählt werden?

Nach der ausführlichen Anamnese und Untersuchung inkl. Würdigung der Laboranalysen (insbesondere Anämie, Thrombozytopenie, Nieren- und Leberfunktion), Co-Medikation, des Alters, allfällige Tumorleiden, vorgängigen Blutungen, sonstigen Gerinnungsstörungen, Abschätzung der Compliance, der Sturzgefahr und Diskussion der persönlichen Präferenzen zur Einnahmefrequenz (einmalig vs. zweimalige Einnahme/Tag) kann die Wahl des DOACs gemeinsam erfolgen.

Bekannte internationale randomisiert-kontrollierte Studien haben gezeigt, dass DOACs zur Prävention von CVI/TE gleich gut oder besser und zur Prävention von Blutungen deutlich besser abschneiden als VKA (Abb. 1) (9). Gemäss den aktuellen Empfehlungen können bei Vorhofflimmern grundsätzlich alle DOACs zur Anwendung kommen, allerdings haben die einzelnen Präparate in Bezug auf ihre Applikation, Pharmakodynamik und –kinetik, die Effektivität und die Blutungsgefahr individuelle Vorteile (siehe unten, Tab. 2) (4)(13)(15).

DOACs und GI-Blutungen
Grundsätzlich kann man der Patientin aufzeigen, dass mit der Einnahme eines DOAC anstelle des VKA ihr GI-Blutungsrisiko deutlich gesenkt werden kann (Hazard Ratio 0.74, Abb. 1) (9)(16). In einer kürzlich publizierten, grossen Registerstudie von Ingason et al. zur Untersuchung des gastrointestinalen Blutungsrisikos unter DOACs (Rivaroxaban, Apixaban und Dabigatran) wurde ein erhöhtes Risiko bei Patienten unter Rivaroxaban festgestellt (Cave: Kein Direktvergleich in Studien, indirekte Aussagen immer vorsichtig interpretieren). Das DOAC mit dem geringsten Risiko für GI-Blutungen schien Apixaban (Rivaroxaban 3.2% vs. Apixaban 2.5%-Risiko/Jahr (17). Diese Aussage ergibt sich auch aus Registerstudien, Versicherungsanalysen und aus grossen, randomisiert-kontrollierten DOAC-Studien. Hier zeigte sich nämlich das geringste GI-Blutungsrisiko für Apixaban bei voller Dosis und Dabigatran bei reduzierter Dosis (13). Daraus leitet sich Ihre Präferenz und Empfehlung für Ihre Patientin ab. Das GI-Blutungsrisiko kann wie erwähnt mit einer zusätzlichen Gabe von Protonenpumpeninhibitor (PPI) und mit modifizierter analgetischer Therapie gesenkt werden (Tab. 3) (4)(7).

DOACs und Niereninsuffizienz
Da nicht alle DOAC gleichermassen über die Niere eliminiert werden, müssen sie in ihrer Dosierung der Kreatinin-Clearance (eGFR) angepasst werden. Von allen DOAC wird Apixaban am wenigsten über die Niere ausgeschieden (ca. 27%), sodass es bei nierenkranken Patienten das bevorzugte DOAC ist (18). Es kann bis zu einer eGFR von bis 30ml/min zur Anwendung kommen und neuere Daten zeigen gar eine Anwendung bis 15ml/min resp. in Einzelfällen bei Dialysepatienten (13)(19). Bis zu einer eGFR von 30ml/min können ebenfalls Rivaroxaban, Dabigatran und Edoxaban in reduzierter Dosis verwendet werden (Tab. 3) (13).

DOACs und Leberinsuffizienz
Eine fortgeschrittene Leberfunktionsstörung führt zu einer Koagulopathie und zu einer Dysbalance von pro- und antikoagulatorischen sowie fibrinolytischen Faktoren, was in instabilen Gerinnungsparametern resultiert; DOACs sind daher bei schwerer Leberdysfunktion kontraindiziert (ab Stadium Child Pugh B). Mit entsprechender Vorsicht und Kontrolle können bis Child B Dabigatran, Edoxaban und Apixaban zur Anwendung kommen, allerdings ist eine Abwägung von Indikation, Nutzen und Risiken unerlässlich (Tab. 3) (13)(14).

DOACs und Sturzgefahr
Bei Patienten >75 Jahren, welche an Polymorbidität und einem damit einhergehenden «Frailty-Syndrom» leiden, sollte man die Sturzgefährdung beachten. Solche Patienten sind vermehrt gefährdet, eine intrakranielle Blutung (ICB) unter oraler Antikoagulation zu erleiden. Obwohl Studien zeigen, dass der Nutzen der Prävention einer TE und eines CVI der Gefahr einer ICB unter DOAC bei dieser Population überwiegt (15) und das Outcome nach ICB unter DOAC sowie VKA in etwa gleich ist, ist das Management von DOACs nach ICB ein Dilemma. In der Regel können 4-8 Wochen nach einer posttraumatischen ICB die DOACs nach eingehender Nutzen-Risiko-Abwägung wieder eingenommen werden. Allerdings muss bei unveränderbaren intrakraniellen Blutungsrisiken (z.B. cerebrale Amyloidose) das individuelle Blutungsrisiko (Compliance, Alkoholabusus, persistierende Sturzgefahr) und der Vorteil einer erneuten Einnahme von DOAC gut abgewogen werden (13). Da sehr viele von «Frailty» betroffenen polymorbiden Patienten auch untergewichtig sind und eine reduzierte Nierenfunktion aufweisen, werden Sie für diese Patienten die Abgabe von Apixaban in reduzierter Dosis ins Auge fassen (15).

DOACs und Tumorerkrankungen
Bei Patienten mit einem bekannten Tumorleiden können DOAC ebenfalls zum Einsatz kommen (niedermolekulares Heparin, LMWH und DOACs bevorzugt gegenüber VKA). Studien zum Vergleich mit LMWH sind verfügbar, wobei DOACs über alles non-inferior waren (20). Die individuellen Co-Faktoren des Patienten so wie auch das Blutungsrisiko des Tumors (z.B. erhöht bei gastrointestinalen oder urogenitalen Tumoren), gleichzeitige medikamentöse Therapien (Antikörpertherapien/Immunmodulatoren mit starker CYP3A4-Induktion oder –inhibition), vorhandene Begleiterkrankungen (z.B. Malnutrition, Ösophagitis/Gastritis durch Radio-/Chemotherapien, Zytopenien mit z.B. schwankenden Thrombozytenwerten, Niereninsuffizenz unterschiedlicher Dynamik, Dosisanpassungsbedarf, etc.) sind wiederum bei der Entscheidungsfindung zu beachten. Je nach Blutungsrisiko und passagerem Risiko werden Sie deshalb mind. vorübergehend mit LMWH mit angepasster Dosierung behandeln (21). Zusammenfassend sollte die DOAC-Wahl auf die Biologie des Tumors, die Begleittherapien, die individuellen Begleiterkrankungen und die Laborparameter abgestimmt und entsprechend die Dosis angepasst werden (nützliche Hinweise und Algorithmen in (15)(13)(21)(22)).

Soll ein präoperatives «Bridging» erfolgen?

Bei elektiven Eingriffen haben randomisierte-kontrollierte Studien ergeben, dass das kurze präoperative Pausieren der oralen Antikoagulation dem «Bridgen» bzgl. Blutungsrisiko in aller Regel klar überlegen ist. Die Daten zeigen, dass perioperatives «Bridgen» mit dem Overlap von zwei Antikoagulantien das Gerinnungssystem entsprechend mehr belastet und das Blutungsrisiko deutlich erhöht wird. Bei einem geplanten Eingriff kann in Abhängigkeit vom Blutungsrisiko (tief: dentale, dermatologische, ophthalmologische, otologische Eingriffe; mässig: z.B. Endoskopie, hoch: z.B. orthopädischer oder neurochirurgischer Eingriff) und des TE-Risikos sowie der Nierenfunktion des Patienten meist ein gutes präoperatives Einnahmeschema erarbeitet werden (Abb. 2). Handelt es sich um eine notfallmässig indizierte Operation, erfolgt in der Regel die letzte Einnahme gleichentags der Indikationsstellung. Daher muss der Operateur evaluieren, ob die Notfalloperation innert Minuten, Stunden oder Tagen (Halbwertszeiten, Plasmakonzentrationen) stattfinden muss. In sehr dringenden Fällen empfiehlt sich die rasche Evaluation eines umfassenden Gerinnungslabors (inkl. PT, aPTT, spezifische anti-Xa Konzentrationen resp. Thrombinzeiten, sowie der spezifischen Plasmakonzentration im Falle von Dabigatran). Anhand dessen sollte die Evaluation einer spezifischen Antagonisierung des DOACs im interdisziplinären Team (zurückhaltend) stattfinden (13) (laufende Studien). Aktuell werden insbesondere bei lebensbedrohlichen, unkontrollierbaren Blutungen spezifische Antagonisten empfohlen: Dabigatran kann mit Idarucizumab, Rivaroxaban sowie Apixaban können mit Adnexanet alfa antagonisiert werden. Für Edoxaban ist die Datenlage noch nicht als ausreichend beurteilt, allerdings könnte in Zukunft auch Andexanet alfa zum Einsatz kommen. Bis dahin kann Prothrombinkomplex-Konzentrat angewandt werden (23).

Zusammenfassende Empfehlungen für Ihre Patientin

Zusammenfassend empfehlen Sie Ihrer Patientin bei einem deutlich erhöhten TE-Risiko die orale Antikoagulation. Aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos schlagen Sie der Patientin eine Therapie mit DOACs vor. Die Reduktion des Blutungsrisikos diskutieren Sie eingehend: Sie raten Ihr zur Einnahme von PPI, die Sistierung der Therapie mit NSAR, einer erneuten Kontroll-Gastroskopie sowie engmaschige Kontrollen der Thrombozytenzahl, der Nierenfunktion sowie des Blutdrucks. Wegen des anamnestischen GI-Blutungsrisikos werden Sie eher eine Antikoagulation mit Apixaban oder Dabigatran in angepasster Dosis wählen, wobei letzterer Wirkstoff aufgrund der Niereninsuffizienz eher sekundär oder nur unter engmaschiger Kontrolle zu wählen ist. Ebenfalls diskutieren Sie mit der Patientin die zweimal tägliche Medikamenteneinnahme. Sollte dies seitens der Patientin oder Ihrerseits aus Gründen der Compliance nicht in Frage kommen, könnte Rivaroxaban oder auch Edoxaban in reduzierter Dosis angewendet werden. Sie empfehlen dann jedoch engmaschige Stuhl- und Hämoglobinkontrollen.

Aufgrund des deutlich erhöhten Blutungsrisikos der geplanten Operation wird man der Patientin empfehlen, das DOAC im Falle von Apixaban 48h und im Falle von Dabigatran 72h vor Schnitt abzusetzen. Der Operateur lässt zusätzlich bei vorhandener Niereninsuffizienz und Thrombozytopenie vor der Operation einen anti-Faktor-Xa-Spiegel bestimmen, der keine überhöhte Apixaban-Plasma-Konzentration im Sinne einer Kumulation zeigte. Am Abend des ersten und zweiten postoperativen Tages entscheidet sich der Operateur für eine prophylaktische Fragmin-Gabe von 5‘000E s.c. Am dritten postoperativen Tag konnte bei komplikationslosem postoperativem Verlauf und konstanter Thrombozytenzahl >70‘000/μl die Einnahme von 2×2.5mg Apixaban p.o. wiederaufgenommen werden.

Wie bereits vorgängig angemerkt, empfehlen Sie dieser Patientin engmaschige klinische (Blutungsstigmata) und laborchemische (Kreatinin und Blutbild) Kontrollen. Sie empfehlen, die Patientin im ersten Monat zur wöchentlichen, im zweiten Monat zu zwei-wöchentlichen ambulanten Visiten aufzubieten.

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dipl. med. Thea Ziswiler

Department Innere Medizin
Kantonsspital Baden
5404 Baden

Prof. Dr. med.Jürg Hans Beer

Leiter Gerinnungssprechstunde Kantonsspital Baden, 5404 Baden
Labor für Molekulare Kardiologie, Leiter Plättchenforschung,
Universität Zürich
Wagistrasse 12
8952 Schlieren

hansjuerg.beer@ksb.ch

Prof. J.H. Beer: Grant Support des Schweizerischen Nationalfonds (Gesuchsnummer 310030_144152), der Schweizerischen Herzstiftung, der Kardio Stiftung, Grant und Beratungs-Support an die Institution durch Bayer, Sanofi und Daitchii. T. Ziswiler deklariert keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel.

◆ Bei der Indikationsstellung zur Antikoagulation müssen das
Thromboembolie- und Blutungsrisiko individualisiert gegeneinander abgewogen werden.
◆ Insbesondere bei speziell blutungsgefährdeten Patienten ist
eine gute Aufklärung bzgl. der assoziierten Risikofaktoren und regelmässige klinisch sowie laborchemische Kontrollen unter einer DOAC-Therapie unerlässlich.
◆ Potentiell und effektiv modifizierbare blutungsassoziierte Risikofaktoren müssen gründlich erfragt, untersucht und therapiert werden.
◆ Prä- und perioperatives Bridging soll nur in seltenen, speziellen
Ausnahmefällen (z.B. mechanische Herzklappenprothese und
Vorhofflimmern mit Stroke) angewandt werden, da eine passagere duale Antikoagulation zu einem deutlich erhöhten Blutungsrisiko führen kann.

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Krampfadern – sklerosieren, operieren oder ignorieren?

Varizen kann man im Prinzip sklerosieren, operieren oder ignorieren. Die Behandlung ist mit wenigen Ausnahmen fakultativ, nicht obligat. Es gibt allerdings durchaus Argumente für ein aktives Vorgehen. Diese sind: Beschwerden, die auch tatsächlich durch die Varikose bedingt sind; schwere Stauungszeichen wie Ödem und Hautveränderungen; Komplikationen wie Varikophlebitis, Varizenblutung, Ulcus cruris; kosmetisch störender Befund; jugendliches Alter. Die Behandlung muss auf jeden Fall individuell und massgeschneidert und die Patientin/der Patient sozusagen «reif» für eine Therapie oder anders gesagt «befähigt zum Selbstentscheid gemacht worden» sein, wenn die Massnahme dann tatsächlich erfolgen soll.

Abstract: In principle, varicose veins can be sclerosed, operated on or ignored. With few exceptions, treatment is optional, not mandatory. There are, however, arguments in favor of an active approach. These are: Complaints that are actually caused by the varicosis; severe signs of congestion such as edema and skin changes; complications such as varicophlebitis, variceal bleeding, leg ulcers; cosmetically disturbing findings; youn g age. In any case, the treatment must be individualized and tailored to the patient’s needs, and the patient must be „ready“ for therapy, so to speak, or, in other words, „empowered to make his or her own decision“ if the measure is actually to be taken.
Key Words: Varicosis, variceal bleeding, varicophlebitis, leg ulcers

Das ewige Lied mit den Krampfadern! Ja, die Varikose ist so zu sagen der wilde Westen der Medizin. Viel zu häufig werden Patientinnen und Patienten schlecht oder gar falsch beraten. Nicht so selten soll an ihnen entweder verdient oder aber gespart werden. Entscheidend ist gerade deshalb eine integre individuell massgeschneiderte Beurteilung und Therapie. Dabei gibt es starke Argumente für ein konservatives, aber durchaus auch legitime Begründungen für ein aktives Vorgehen. Der schlimmste Fehler aber ist es, Patientinnen und Patienten zu einer Massnahme zu überreden, die sie nicht brauchen und bei guter Beratung auch gar nicht wollen.

Irrtum Nr. 1:
«Man hat mir gesagt, ich hätte auch tiefe Krampfadern»

Stimmt nicht!

Varizen sind erweiterte, geschlängelte, überwiegend epifasziale Venen im Ausbreitungsgebiet der Vena saphena magna oder parva sowie im Bereich der das oberflächliche mit dem tiefen Venensystem verbindenden Venae perforantes. Sie sind die Folge einer degenerativen Venenwandveränderung. Es bestehen zwar hämodynamische Rückwirkungen auf das tiefe Venensystem, doch eine eigentliche Varikose des tiefen Venensystems existiert nicht!

Es wird unterschieden zwischen einer primären (ca. 95%) und einer sekundären (ca. 5%) Varikose (letztere weit überwiegend als Folge einer tiefen Beinvenenthrombose).

Varizen sind häufig (etwa jede dritte Frau und jeder fünfte Mann) (1). Die Einteilung der Varikose folgt der Grösse der befallenen Venen. Stellen Sie sich dazu als Bild des oberflächlichen Venensystems einen Baum ohne Blätter vor, der auf dem Kopf steht (Abbildung 1). Sind die feinsten Ästchen betroffen (Durchmesser < 1mm), spricht man von Besenreiservarizen (intradermale Teleangiektasien). Grössere Ästchen (Durchmesser 1-4 mm) werden als retikuläre Varizen bezeichnet (und gehören ebenfalls noch zur Gruppe der kutanen Varizen). Die Gruppe der epifaszialen Krampfadern umfasst neben der Nebenast- noch die Stammvarikose von V. saphena magna und parva. Die Einteilung der Stammvarikose nach Hach folgt dem Insuffizienzniveau und ist etwas für Spezialisten. Die CEAP-Klassifikation, basierend auf Klinik, Ätiologie, Anatomie und Pathophysiologie ist sicherlich geeignet für wissenschaftliche Studien, aber eine Zumutung für den Nichtspezialisten. Wer schlägt als Zuweiser schon eine Klassifikation nach, um einen Bericht verstehen zu können, zumal dies dann meist ohne praktische Konsequenz bleibt. Meiner Ansicht nach wäre der Spezialist gut beraten deskriptiv zu bleiben, um das Leben des Zuweisers nicht zu erschweren.

Irrtum Nr. 2:
«Ich habe Krämpfe, weil ich Krampfadern habe»

Stimmt nicht!

Der Begriff «Krampfader» hat nichts mit Krämpfen zu tun! Er stammt ab vom althochdeutschen Wort «Krumbader», die krumme Ader. Krämpfe können zwar selten einmal auch von Krampfadern kommen, sehr viel häufiger aber haben sie eine gänzlich andere Genese!

Irrtum Nr. 3:
«Ich bin selber schuld, dass ich Krampfadern habe»

Stimmt nicht oder nur sehr bedingt!

Der Hauptrisikofaktor für die Varikose ist eindeutig die Genetik. Ein befallener Elternteil führt bei 68% der Kinder zu einer Varikose. Befall beider Elternteile sogar bei 75% (2). Naturgemäss ist das Alter ein zusätzlicher Risikofaktor, da es sich ja um einen chronisch-progredienten Prozess handelt. Zusatzfaktoren wie weibliches Geschlecht, Adipositas, lange stehende und sitzende Tätigkeiten, Schwangerschaften sind einzig Katalysatoren dieses Prozesses.

Weil dies so ist, führen alle therapeutischen Massnahmen nicht zu einer Heilung, sondern nur zu einer Verbesserung des aktuellen Zustandes und einem Hinauszögern der Progression. Dies kann nicht selten in eine Sisyphusarbeit ausarten und sollte der Patientin/dem Patienten auch so kommuniziert werden.

Irrtum Nr. 4:
«Ich habe Beinbeschwerden und die sind nach der Behandlung der Varikose weg»

Stimmt nicht! Dafür gibt es definitiv keine Garantie.

Krampfaderpatienten können ein Spannungs-, Druck- und Schweregefühl der Beine aufweisen. Auch Juckreiz, nächtliche Wadenkrämpfe, Parästhesien, Hitzegefühl und unruhige Beine sind möglich. Etwa 50% der Patientinnen und Patienten mit Varikose weisen derartige Beschwerden auf.

Aber: Auch etwa 50% der Patientinnen und Patienten ohne Varikose zeigen entsprechende Symptome! Dies zeigte bereits die bahnbrechende Basler Studie von 1978 (als Schweizer darf man auf diese erste grosse europäische Studie zur Prävalenz der Venenerkrankungen durchaus stolz sein) (3). Es führt also nur zu Frustration auf allen Seiten, wenn man der Patientin/dem Patienten Beschwerdefreiheit auf jeden Fall verspricht. Sollte es dagegen zu Beschwerdefreiheit kommen, ist es natürlich umso besser!

Immerhin gibt es anamnestische Hinweise, dass die Beschwerden phlebologisch bedingt sein könnten. Diese sind: Verschlimmerung der Beschwerden gegen Abend; Zunahme der Symptomatik nach langem Stehen oder Sitzen und bei Wärme; Besserung bei Hochlagern der Beine oder Umhergehen. Trotzdem ist eine Differenzierung zu rheumatologischen und anderen Beschwerden oft alles andere als ein Kinderspiel.

Irrtum Nr. 5:
«Ohne Behandlung bekomme ich ein offenes Bein»

Stimmt nur sehr selten!

Jede fünfte Frau und jeder sechste Mann entwickelt eine chronisch-venöse Insuffizienz (4). Die chronisch-venöse Insuffizienz ist pathophysiologisch nichts anderes als eine langsame venöse Infarzierung von Haut und Subkutis auf Grund einer venösen Hypertonie mit Mikrozirkulationsstörung (5). Der Prozess beginnt mit einem reversiblen Ödem, besenreiserartigen Erweiterungen der Venen besonders submalleolär medial (Corona phlebectatica paraplantaris), geht über in ein persistierendes Ödem, Stauungsekzem (abakterielle Hypodermitis) mit Juckreiz, Hyperpigmentierungen (purpura jaune d`ocre), Depigmentierungen (capillaritis alba) mit atrophischen Hautbezirken (atrophie blanche), Induration von Dermis und Subkutis (Dermatoliposklerose) und zyanotische Hautfarbe und endet in einem floriden oder abgeheilten Ulkus (Tabelle 1). In der Gesamtbevölkerung findet sich aber nur bei 0,1% ein florides und bei 0,7% ein abgeheiltes Ulcus cruris (4).
Würden alle Krampfaderpatienten mit dem Argument Ulkusprävention behandelt, käme es zu einer Flut von unnötigen Eingriffen. Es ist also gerechtfertigt und sinnvoll und es bleibt genügend Zeit, nur diejenigen zu operieren, die an einem Präulkus herumlaborieren oder bereits ein Ulkus aufweisen.

Irrtum Nr. 6:
«Ich muss Angst vor einer Thrombose oder Lungenembolie haben.»

Stimmt nur selten.

Die wichtigste und eine typische Komplikation der Varikose ist die Varikophlebitis, also die oberflächliche Venenthrombose einer varikös veränderten Vene. Diese ist unbedingt zu differenzieren von einer Thrombophlebitis einer nicht vorveränderten oberflächlichen Vene, einem vollständig anderen Krankheitsbild (6,7). Die Varikophlebitis ist zwar «nur» eine oberflächliche Venenthrombose, aber «auch ein kleines Ferkel ist ein Schwein». In knapp 7% kann sie zu einer tiefen Beinvenenthrombose führen, welche wiederum in rund 20% von einer Lungenembolie begleitet ist (8). Die Varikose führt also zu einem leicht erhöhten Risiko für Thrombose und Lungenembolie. Allerdings ist es eine relativ einfache Massnahme, eine Varikophlebitis, die man nicht verpassen kann («rubor, tumor, calor, dolor»), unverzüglich mit einer vorübergehenden Antikoagulation zu behandeln, um eine Propagation ins tiefe Venensystem zu verhindern.

Irrtum Nr. 7:
«Ich kann wegen der Varizen verbluten»

Stimmt fast nicht.

Varizenblutungen sind selten (<1%)(9). Sie können nach einem Trauma auftreten oder auch spontan, vor allem natürlich bei antikoagulierten Patientinnen und Patienten. Ein Verbluten aus dem oberflächlichen Niederdrucksystem ist eine exquisite Rarität. Dazu müssen schon ganz aussergewöhnliche Rahmenbedingungen vorliegen (z.B. Alkoholiker im Rausch nach einem Trauma). Hochlagern und Kompressionsverband über ein paar Tage lösen das Problem, das auf die betroffene Patientin/den betroffenen Patienten durchaus bedrohlich wirken kann.

Irrtum Nr. 8:
«Eine Schwangerschaftsvarikose muss nach der Geburt schnell saniert werden»

Falsch.

Das Aufschiessen einer Varikose während der Schwangerschaft ist typisch. Die Komplikation einer mündungsnahen Varikophlebitis ist heimtückisch und bedarf wegen der potentiellen Propagation in die Tiefe mit der Lebensgefahr einer Lungenembolie eines raschen Handelns. Mit der Sanierung einer Varikose nach Beendigung einer Schwangerschaft soll dagegen mindestens 6 Monate zugewartet werden, da das Regressionspotential erfahrungsgemäss erheblich ist und ausgenutzt werden sollte (4).

Irrtum Nr. 9:
«Ich kann es ja mal mit Medikamenten versuchen»

Schadet immerhin kaum.

Der Nutzen von Venenpharmaka ist gesamthaft ungenügend dokumentiert und bescheiden (10). Keines der Mittel beeinflusst den Verlauf der Erkrankung. Immerhin ist ein symptomatischer Nutzen bei Beinbeschwerden einer chronischen Veneninsuffizienz genügend dokumentiert. Dies gilt insbesondere für Rosskastanienextrakte, Hydroxyethylrutoside, Diosmin und Calciumdobesilat. Immerhin schaden die aus der Phytotherapie übernommenen Medikamente kaum. Schwerere Nebenwirkungen sind nicht bekannt, ausser bei Calciumdobesilat (Agranulozytose). Gesamthaft helfen die Medikamente kaum, sie schaden aber auch wenig (10).

Irrtum Nr. 10:
«Jetzt muss ich einen Strumpf tragen»

Meist falsch.

Auch hier gilt, dass die Kompressionstherapie kaum schadet. Es wurde aber noch nie belegt, dass sie bei der Varikose ohne chronische Veneninsuffizienz den Verlauf günstig beeinflussen kann (4). Bei chronischer Veneninsuffizienz mit Ödem und Hautveränderungen ist die Kompressionstherapie dagegen ein Hauptpfeiler der Behandlung, indem sie den Verlauf der mikrozirkulatorischen Infarzierung durch Bekämpfung der venösen Hypertonie abbremst (5).

Die Kompressionstherapie soll also mit Bedacht angewendet werden. Im Prinzip ist sie ja eine Zumutung und sollte keinem Patienten ohne Not aufs Auge gedrückt werden.

Irrtum Nr. 11:
«Es ist ja eine kleine Operation»

Falsch.

Ja, Varizenoperationen und andere Eingriffe wie Sklerotherapie sind für den Chirurgen/Therapeuten keine grossen Operationen/Eingriffe, aber es sind trotzdem Massnahmen mit potentiellen Nebenwirkungen. Es gibt in der Medizin wenig Ärgerlicheres als zu einem Eingriff geraten zu haben, der zu einer Komplikation führt, nur um sich nachher hintersinnen zu müssen, ob der Eingriff auch tatsächlich nötig gewesen sei.

Danksagung: Der Autor bedankt sich bei PD Dr. med. R. Inderbitzi, Prof. em. Dr. med. H.J. Leu und Dr. med. N. Wahli für die kritische Durchsicht des Manuskriptes.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. h.c. PD Dr. med. Anders J. Leu

Innere Medizin und Angiologie FMH
HerzGefässKlinik Bethanien
Toblerstrasse 51
8044 Zürich

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Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Die Varikose ist sehr häufig. Sie kann die Lebensqualität einschränken, muss es aber nicht.
◆ Eine Behandlung ist kaum je obligat («man kann, man darf; man muss nicht»).
◆ Es gibt aber Argumente für ein aktives Vorgehen. Diese sind: Beschwerden, die tatsächlich von der Varikose kommen; Komplikationen wie Varikophlebitis, Varizenblutung, Ulcus cruris und andere schwere Stauungszeichen; aber auch belastender kosmetischer Aspekt. Selbstverständlich sind diese von unterschiedlicher Wertigkeit, abhängig vom Alter des Patienten.
◆ Achtung: Die Phlebologie ist der wilde Westen der Medizin. Kaum sonst wird an Patientinnen und Patienten derart verdient oder aber gespart

 

1. Rabe E, Pannier-Fischer F, Bromen K, et al. Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Phlebologie 2003; 32:1-14.
2. Hach W. Ätiologie und Pathogenese der primären Varikose. Dtsch med Wschr 92:1400-1404, 1967.
3. Widmer LK, Stähelin B, Nissen HC et al. Venen-, Arterien-Krankheiten, koronare Herzkrankheit bei Berufstätigen: Prospektiv-epidemiologische Untersuchung. Basler Studie I-III 1959-1978, Hogrefe, 1993.
4. Pannier, F., et al. „S2k–Leitlinie Diagnostik und Therapie der Varikose.“ Im Internet: https://www. awmf. org/uploads/tx_szleitlinien/037-018l_S2k_Varikose_Diagnostik-Therapie_2019-07. pdf (2019).
5. Leu AJ, Leu HJ, Franzeck UK, Bollinger A. Microvascular changes in chronic venous insufficiency – a review. Cardiovasc Surg 1995; 3: 237 –245.
6. Leu AJ, Hoffmann U, Franzeck UK, Marty B, Bollinger A. Varikophlebitis und Thrombophlebitis saltans sive migrans – oft verkannt und oft verwechselt. Dtsch med Wschr 1996; 121: 527-531.
7. Leu AJ, Leu HJ. Superficial phlebitis. In: 14th European Vascular Course Book 2010: Best practice in venous disorders. EVC 2010; 11: 97-103.
8. Eklöf B, Perrin M, Delis KT, et al. Updated terminology of chronic venous disorders: the VEIN-TERM transatlantic interdisciplinary consensus document. J Vasc Surg 2009; 49: 498-501.
9. Serra R., et al. Haemorrhage from varicose veins and varicose ulceration: A systematic review. Int Wound J 2018; 15: 829-833.
10. Ritzmann P. Venenmittel. Pharma-kritik 2000; 22 (7): 25-28.

Magenkarzinome

Adenokarzinome des Magens sind eine mässig häufige, aber prognostisch noch immer ungünstige Tumorerkrankung. Bei lokalisierten Stadien erfolgt bei Erstdiagnose ein exaktes endoskopisches sowie bildgebendes Staging, häufig ergänzt durch eine diagnostische Laparoskopie samt Spülzytologie. Bei der histologischen Untersuchung des Gewebes ist neben der Subtypisierung nach Lauren zusätzlich die Bestimmung der Mikrosatelliten-Stabilität angezeigt. Die kurative Behandlung des Magenkarzinoms besteht nur in Frühstadien aus alleiniger endoskopischer oder chirurgischer Resektion. Bei lokal fortgeschrittenen Tumoren kommt eine perioperative Chemotherapie mit FLOT (5-FU, Leucovorin, Oxaliplatin, Docetaxel) in Kombination mit der (sub-)totalen Gastrektomie mit D2-Lymphknotenresektio zum Einsatz. Bei metastasierten Tumorleiden erfolgt eine Platin- und 5-FU-basierte Systemtherapie. Bei PD-L1-positiven Tumoren ist eine zusätzliche Gabe von anti-PD1 Antikörpern indiziert. Bei HER2/neu-positiven Tumoren wird die Chemotherapie mit dem anti-HER2 Antikörper Trastuzumab ergänzt. Weitere Chemotherapie­protokolle kommen in späteren Behandlungslinien zum Einsatz, vielversprechende neue Substanzen für definierte molekulare Untergruppen befinden sich in klinischer Entwicklung. Trotz relevanter Fortschritte in den letzten Jahren bleibt die Rückfallrate nach Resektion hoch und die Gesamtsituation bei metastasierter Erkrankung palliativ mit mittleren Überlebenszeiten von nur wenig über einem Jahr.

Adenocarcinomas of the stomach are not amongst the most frequent cancers of the Western world but they warrant attention for their dismal prognosis. Diagnostic work-up for gastric cancer includes endoscopy with biopsy, endosonography, CT staging and diagnostic laparoscopy. There is a need for assessment of mismatch repair deficiency in all stages of disease. Curative therapy of gastric cancer consists of upfront resection in early stages, perioperative chemotherapy with FLOT and (sub-) total gastrectomy with D2 lymph node dissection in local advanced disease. In case of metastatic disease, first line palliative therapy is based on chemotherapy with platinum and 5-FU. If the tumor expresses PD-L1, an anti-PD1 antibody should be added. In HER2-positive tumor, the anti-HER2 antibody trastuzumab should complement chemotherapy. Further line chemotherapy protocols are available, and novel substances are in clinical development for distinct molecular subgroups. Despite recent progress, relapse rate after curative treatment remains high, and patients with metastatic disease are being treated with palliative intent, achieving a median overall survival of little more than one year.
Key Words: adenocarcinoma, stomach, gastric cancer, FLOT

Epidemiologie

Im Magen gibt es drei verschiedene Kategorien von Tumoren: das Adenokarzinom der Magenschleimhaut, die neuroendokrinen Tumoren der endokrin aktiven Magenschleimhautzellen und die Stromatumoren der Magenwand. In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf das Adenokarzinom der Magenschleimhaut, den häufigsten und prognostisch schlechtesten Magentumor.

Magenkarzinome waren vor 100 Jahren häufiger als sie es heute sind. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass damals mehr gepökelte Lebensmittel und damit mehr Nitrite und Nitrate konsumiert wurden. Mit der Einführung des Kühlschranks hat die Rate der Magenkarzinome über die Zeit abgenommen. Neben alimentären gibt es auch andere Risikofaktoren für die Entstehung eines Magenkarzinoms (Abb. 1). Eine Raucher-Anamnese erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Ein gastraler Infekt mit Helicobacter pylori ist ebenfalls ein Risikofaktor. Magenkarzinome ohne H. pylori Infekt sind seltener, aber die meisten Menschen mit einem H. pylori Infekt werden nie ein Magenkarzinom entwickeln. Weiterhin gibt es auch ein epidemiologisches Ost-West Gefälle: Magenkarzinome sind in asiatischen Ländern häufiger. Allerdings haben die Magenkarzinome im Osten häufig günstigere histologische Charakteristika, sodass die Überlebensraten regelmässig 30-40% über denjenigen der westlichen Länder liegen.

Hereditäre Magenkarzinome sind selten und kommen typischerweise bei familiärem Verlust des Adhäsionsmoleküls E-cadherin vor. Die Penetranz von Magenkarzinomen bei E-cadherin Verlust ist hoch (über 80% Lebenszeit­risiko für die Entwicklung von Magenkrebs). Es gibt andere hereditäre Risikofaktoren (Li Fraumeni, APC Mutationen, Peutz-Jegher), die jedoch recht unspezifisch das Risiko für verschiedene Tumorentitäten erhöhen, nicht nur für Magenkarzinome (Abb. 1).

Symptome und Staging

Magenkarzinome verursachen zumindest in frühen Stadien wenig Symptome (Abb. 2). Aufgrund der insgesamt mässigen Inzidenz in westlichen Ländern wird trotz der fehlenden Frühsymptome kein Screening empfohlen. In den Hochinzidenzländern Asiens werden hingegen Screeningprogramme angeboten. Bei Progress können Magentumoren entweder lokal (z.B. gastrointestinale Blutung durch Arrodierung von Blutgefässen) oder systemisch (z.B. Passagestörung bei peritonealen Absiedlungen) symptomatisch werden. In diesem Fall ist eine Diagnostik mittels Endoskopie und Biopsie sowie ein CT Thorax/Abdomen nötig. Zur besseren Abschätzung der Eindringtiefe des Tumors in die Magenwand sowie des lokalen Lymphknotenbefalls kann eine Endosonographie nützlich sein. Vor einem kurativen Eingriff kann einmalig ein PET/CT zur Komplettierung des Stagings durchgeführt werden, auch wenn die Daten­lage dafür eher dürftig ist. Eine diagnostische Laparoskopie wird in ca. 20 % der Fälle eine bisher bildgebend unentdeckte Peritonealkarzinose aufdecken können.

Was heute auch zur initialen Diagnostik des Magenkarzinoms gehören sollte, ist die Bestimmung der Mikrosatellitenstabilität (Tab. 1). Retrospektive Analysen haben Zweifel am Nutzen einer perioperativen oder adjuvanten Chemotherapie beim mikro­satelliten-instabilen (MSI-H), kurativ behandelbaren Adenokarzinom des Magens geweckt (1).

Tumormarker spielen in der Diagnose des Magenkarzinoms keine Rolle. Zu erwähnen ist einzig, dass Magenkarzinome in seltenen Fällen (<15%) AFP ausschütten können. Die Bedeutung dieses Befundes erschöpft sich darin, dass AFP-positive Magen­karzinome eine schlechtere Prognose haben.

Kurative Therapie

Zeigt das Staging ein lokalisiertes Magenkarzinom, kann eine Behandlung mit kurativer Intention erfolgen (Abb. 3). Für mikro­satelliten-stabile (MSS) Tumoren ist eine präoperative Behandlung mit 4 Gaben FLOT (5FU, Oxaliplatin, Docetaxel) gefolgt von einer Operation sowie weiteren 4 Gaben FLOT der aktuelle Standard. Einige Zentren geben stattdessen 6 Zyklen FLOT vor der Operation und verzichten dafür auf eine Chemotherapie nach der Resektion. Das hat damit zu tun, dass die Adhärenz zur postoperativen Chemo­therapie bescheiden ist und bei einigen Patienten mit dieser total-neoadjuvanten Strategie eine höhere Gesamtdosis und Dosisdichte erreicht werden kann. Bei den MSI-H Tumoren laufen aktuell Studien, ob eine Chemoimmuntherapie oder eine alleinige Immuntherapie mit einem Checkpoint-Inhibitor der bessere Ansatz ist.

Die Standard-Operation beim Adenokarzinom des Magens ist eine subtotale oder totale Gastrektomie. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ein Lymphknotenbefall schon bei relativ kleinen Primarien häufig ist (ca. 10%, 34%, und 44% bei T1a, T1b, bzw. T2 Tumoren) Bei der operativen Sanierung sollte immer eine D2 Lymphknoten-Resektion angestrebt werden. Ist aus welchen Gründen auch immer keine präoperative Chemotherapie erfolgt, sollte nach D2 Resektion bei einem postoperativen pT3/4 und/oder pN+ Stadium eine adjuvante Chemotherapie mit z.B. Capecitabine und Oxaliplatin erfolgen. Bei R1/2 Resektion oder einem Stadium pT3/4 bzw. pN+ ohne vorangegangener D2 Resektion, besteht die Möglichkeit einer postoperativen Radiochemotherapie. In seltenen Fällen kann in frühesten Stadien eine endoskopische Resektion eines Magenkarzinoms erfolgen. Das ist nur bei gut oder mässig differenzierten Tumoren mit einer Grösse von ≤2 cm und ohne Invasion der tiefen Submucosa oder der Lymphgefässe statthaft (pT1a Stadium). Auf jeden Fall müssen bei einer endoskopischen Resektion die lateralen und tiefen Schnittränder tumorfrei sein und eine engmaschige Nachbeobachtung erfolgen.

Palliative Therapie

Ist keine Heilung möglich, geht es mit einer palliativen Therapie darum, die Lebensqualität zu verbessern und die Lebenszeit zu verlängern. Für die Erstlinientherapie stehen Platin- und 5-FU basierte Therapien zur Verfügung, z.B. in Form von FOLFOX. Anthracycline (wie z.B. Epirubicin) spielen praktisch keine Rolle mehr (2). Exprimieren Magenkarzinome PD-L1 (Combined positivity score (CPS ≥ 5), dann ist eine Behandlung mit FOLFOX und einem anti-PD1 Antikörper (Nivolumab) indiziert, in Analogie zur Checkmate 649 Studie. In der zweiten Linie ist eine Behandlung mit Taxanen, Ramucirumab, Paclitaxel/Ramucirumab oder Irinotecan möglich. In der dritten Linie gibt es Daten für TAS-102 sowie für Nivolumab als Monotherapie, sofern dieses nicht bereits in der ersten Linie eingesetzt worden ist.

Ist das Magenkarzinom HER-2 positiv (ca. ¼ aller Magenkarzinome), dann ist eine Behandlung mit Platin, 5-FU und Trastuzumab nötig. Aktuell laufen Studien, ob in diesem Fall neben Trastuzumab auch eine zusätzliche Kombination mit Pembrolizumab sinnvoll wäre. In der zweiten Linie kann man über eine Behandlung mit Trastuzumab-Deruxtecan nachdenken, einem neuen Antikörper-Drug-Konjugat. Hingegen sind andere Medikamente, die beim HER-2 positiven Brustkrebs etabliert sind, beim HER-2 positiven Magenkarzinom nicht (genug) wirksam, insbesondere Trastuzumab-Emtansin oder Trastuzumab/Pertuzumab Kombinationen.

MSI-H Magentumoren machen ca. 10% aller Magenkarzinome, aber nur rund 3% der metastasierten Magenkarzinome aus. In der palliativen Situation besteht bei MSI-H Magenkarzinomen die Indikation für eine Erstlinien-Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren. Diese kann im besten Fall zu dauerhaften Remissionen und damit zu einem viel besseren Outcome führen als wir es für MSS Magenkarzinome erwarten können. Es ist deshalb ausserordentlich wichtig, den Mikrosatelliten-Status von Magenkarzinomen früh und zuverlässig zu erfassen (Abb. 3).

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Dr. med. Ralph Fritsch

Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie
Universität und Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Saskia Hussung

Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie
Universität und Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Prof. Dr. med. Andreas Wicki

Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Universität Zürich
Medizinische Fakultät
Pestalozzistrasse 3
8032 Zürich

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Lokalisierte Adenokarzinome des Magens werden mit einer perioperativen Chemotherapie (FLOT) sowie einer (sub-) totalen Gastrektomie mit D2-Lymphknotenresektion behandelt.
◆ Sowohl in der kurativen als auch in der palliativen Situation ist der Mikrosatelliten-Status (instabil versus stabil) ein wichtiger biologischer Marker.
◆ Beim metastasierten Adenokarzinom des Magens werden Mikrosatelliten-stabile Tumoren mit einer Platin- und 5FU-basierten Chemotherapie behandelt. Bei Expression von PDL1 wird zusätzlich zur Chemotherapie ein Checkpoint-Inhibitor (anti-PD1 Antikörper) verabreicht. Bei Her2 positiven Magenkarzinomen wird zusätzlich der anti-Her2 Antikörper Trastuzumab eingesetzt.
◆ Beim metastasierten Mikrosatelliten-instabilen Magenkarzinom ist die Immuntherapie (ohne Chemotherapie) die Behandlung der Wahl.

1. Pietrantonio F, Miceli R, Raimondi A, et al. Individual Patient Data Meta-Analysis of the Value of Microsatellite Instability As a Biomarker in Gastric Cancer. J Clin Oncol, 2019;37:3392-3400
2. Oba K, Paoletti X, Bang YJ, et al. Role of chemotherapy for advanced/recurrent gastric cancer: an individual-patient-data meta-analysis. Eur J Cancer, 2013;49:1565-1577
3. Wanebo H, Kennedy B, Chmiel J, Steele G Jr, Winchester D, Osteen R. Cancer of the stomach: a patient care study by the American College of Surgeons. Ann Surg 1993;218:583-592

Wie behandle ich Patienten mit einem kardiovaskulären Hochrisikoprofil?

Bei einem 71-jährigen Patienten ist seit 20 Jahren ein Typ 2 Diabetes mellitus bekannt. Zudem leidet der Patient unter einer koronaren 2-Gefässerkrankung mit leicht eingeschränkter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF 49 %). Als weitere Diagnose hat der Patient eine chronische Nierenerkrankung (GFR 48 ml/min), DD im Rahmen einer diabetischen Nephropathie. Der BMI des Patienten beträgt 31.8 kg/m2. Seine antidiabetische Therapie besteht aus Metformin, dem DDP4 Inhibitor Sitagliptin (Januvia), dem GLP1 Analogon Semaglutid (Ozempic) sowie Insulin degludec (Tresiba). Damit erreicht der Patient ein HbA1c von 6.9%.

Wichtiges aus der persönlichen Anamnese

Diagnose Diabetes mellitus vor 20 Jahren mit aktuell guter Blutzucker-Einstellung (HbA1c 6.9%) unter einer Therapie mit Janumet, Ozempic und Tresiba. Der Patient hat jedoch ein hohes kardiovaskuläres Risikoprofil mit den Risikofaktoren Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie und arterieller Hypertonie. Er hat in der persönlichen Anamnese eine koronare 2-Gefäss­erkrankung, leicht eingeschränkte Herzfunktion und eine chronische Niereninsuffizienz.

Fragestellungen

  • Kann die antidiabetische Therapie optimiert werden?
  • Braucht es hierfür eine spezielle Kostengutsprache?

Schlussfolgerungen

Der Patient weist ein hohes kardiovaskuläres Risiko auf. Der Patient könnte in Bezug auf renale und kardiovaskuläre Endpunkte von einer zusätzlichen Therapie mit einem SGLT2- Hemmer profitieren (insbesondere in Hinblick auf die Nieren- und Herzinsuffizienz). Eine Kombinationstherapie GLP1 Analogon/ SGLT2 Hemmer setzt eine Kostengutsprache von der Krankenkasse voraus.

Vorgeschlagene Massnahmen und Therapie

Beantragung einer Kostengutsprache für eine Kombinationstherapie GLP1 Analogon/ SGLT2 Hemmer
Wenn diese vorliegt, würde die antidiabetische Therapie des Patienten wie folgt angepasst:

  • Stoppen von Janumet
  • Anstelle davon Kombinationspräparat Metformin/ SGLT2 Hemmer (z.B. Xigduo 10/1000 1-0-0) (CAVE bei GFR 48 ml/min maximale Tagesdosis von Metformin von 1000mg)
  • Semaglutid kann bei guter Verträglichkeit auf 1mg wöchentlich erhöht werden
  • Tresiba 14 E vorerst weiter, je nach Therapieansprechen evtl. Reduktion der Dosis im Verlauf

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PD Dr. med. Claudia Cavelti-Weder

Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Onychomykose – Diagnostik und Therapie in Kürze

Die Onychomykose ist eine global häufig vorkommende Erkrankung mit einer altersabhängigen Prävalenz von 10% der Allgemein­bevölkerung bis hin zu 50% der > 70-Jährigen und stellt die Hälfte aller Nagelpathologien dar (1). Auslöser sind in den meisten Fällen anthropophile Dermatophyten, hiervon der Grossteil (ca. 80 % der Fälle) durch Trichophyton rubrum (2). Die Onychomykose ist in ihrem klinischen Erscheinungsbild häufig durch gelb-braune flammenförmige Nagelinvasion (yellow streaks, Abb. 1) charakterisiert. Die Unterscheidung in distolaterale-subunguale (DSO), weisse superfizielle (WSO), proximal-subunguale (PSO) sowie total-dystrophische Onychomykose (TDO) ist bezüglich Abklärung und Therapie relevant (Tab. 1, Abb. 2). Die Behandlung der Onychomykose stellt häufig eine Herausforderung dar.

Onychomycosis is a globally common disease with an age-dependent prevalence ranging from 10% of the general population to 50% of >70-year-olds and represents half of all nail pathologies (1). Triggers are in most cases anthropophilic dermatophytes, of which the majority (about 80% of cases) are caused by Trichophyton rubrum (2). The clinical appearance of onychomycosis is often characterized by yellow-brown flame-like nail invasion (yellow streaks, Abb. 1). The differentiation into distolateral-subungual (DSO), white superficial (WSO), proximal-subungual (PSO) and total dystrophic onychomycosis (TDO) is relevant with regard to diagnostics and therapy (Tab. 1, Abb. 2). The treatment of onychomycosis is often challenging.
Key Words: Onychomycosis, anthropophilic dermatophytes, yellow streaks

Einleitung

Die Nagelbeteiligung bei nicht infektiösen Erkrankungen wie Psoriasis, Lichen ruber planus oder Alopezia areata können eine Onychomykose imitieren. Der wichtigste Schritt zur adäquaten Behandlung der Onychomykose ist deshalb der Erregernachweis, um dem Patienten im (eventuell wiederholt) negativen Fall unnötige, langwierige und kostenintensive Behandlungen zu ersparen. Trichophyton rubrum und Trichophyton mentagrophytes sind in Europa derzeit die häufigsten Erreger der Onychomykose (4). Aber auch seltenere Dermatophyten wie z.B. Epidermophyton floccosum können eine dermatophytäre Onychomykose auslösen. Weniger häufig wird eine Onychomykose auch durch Hefepilze oder Schimmelpilze ausgelöst. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Candida parapsilosis, Candida albicans, respektive Fusarium spp., Acremonium, oder Scopulariopsis brevicaulis. Letzterer kann zu einer bräunlichen zimtfarbenen Verfärbung durch die Pigmentierung der Pilzsporen im Nagelkeratin führen. All diesen seltenen Erregern ist gemein, dass sie äussert therapieresistent sind und eine hohe Rezidivrate aufweisen. Bei Candida-Onychomykose sollte (wie auch bei einer proximalen subungualen Onychomykose) nach einer Immunsuppression (HIV, hämatologische Neoplasien etc.) gesucht werden.

Diagnostik

Zur Diagnostik der Onychomykose stehen verschiedene Labortechniken zur Verfügung. Eventuell schon begonnene Vortherapien mit topischen Antimykotika sollten über einen Zeitraum von 2 Monaten, systemische Antimykotika über 3 Monate vor der Probenentnahme abgesetzt werden, um einen Erregernachweis zu ermöglichen.

Die Mikroskopie des Direktpräparats (z.B. mit KOH) und die Kultur (z.B. 4% Sabouraud-Glucose-Agar) haben nach wie vor eine hohe Relevanz, letztere gilt weiterhin als Goldstandard. Sie benötigen aber Erfahrung, Zeit und eine geübte Abnahmetechnik. Der erkrankte Nagel sollte vor der Probenentnahme zunächst mit 70-100%igem Alkohol desinfiziert werden, damit eine bakterielle Kontamination der Kultur vermieden wird. Es sollte reichlich betroffenes Nagelmaterial in feinen Spänen gewonnen werden. Neben der subungualen Probengewinnung bei der sehr häufigen disto-lateralen subungualen Onychomykose ist auch die Fräsung des betroffenen Nagelanteils (mit Gewinnung von feinem Nagelspänen) eine sinnvolle diagnostische und auch adjuvante therapeutische Option. Bei weisser superfizieller Onychomykose sollte das oberflächlich betroffene Nagelmaterial mit z.B. einer Kürette gewonnen werden, bei der seltenen proximalen subungualen Onychomykose ist eine Punchbiopsie zur Materialgewinnung zu erwägen. Das Kulturergebnis ist nach ca. 2 – 4 Wochen zu erwarten und kann im Gegensatz zur Direktmikroskopie, Histopathologie (PAS-Färbung) oder modernen Nachweismethoden (PCR oder MALDI-TOF) einen vitalen Erregernachweis erbringen. Die Sensitivität beträgt bei nicht vorbehandelter Onychomykose bei der Histopathologie 82%, bei der Kultur 53% und bei der Direktmikros­kopie 48%, bei vorbehandelten Patienten respektive 88%, 33% und 50% (5), weshalb bei negativer Kultur, jedoch persistierendem klinischen Verdacht eine Punchbiopsie zur Nagelentnahme sinnvoll sein kann vor monatelanger antimykotischer Therapie.

Seit einiger Zeit steht auch ein molekularbiologischer DNA-Nachweis mittels PCR zur Verfügung, die das Ergebnis deutlich schneller, im Idealfall bereits innert eines Tages, liefern kann. Hierbei gilt es jedoch zu bedenken, dass die PCR bisher meist nur ein limitiertes, vordefiniertes Erregerspektrum untersucht (das konkrete Spektrum kann von Labor zu Labor variieren und sollte vorab dem Untersucher bekannt sein) und der DNA-Nachweis keine Aussage über die biologische Aktivität und Vitalität der Erreger erlaubt. Die MALDI-TOF-Technik (Matrix-assisted laser desorption time-of-flight-Massenspektrometrie) bleiben spezialisierten Laboratorien vorbehalten und erlauben ebenfalls keine Aussage über die Vitalität des nachgewiesenen Erregers.

Lokaltherapie (topische Therapie)

Zu Beginn der Therapie nach Vorliegen des positiven Kulturergebnisses sollte zunächst der klinisch betroffene Nagelanteil zur Verringerung der Sporen- und Myzellast soweit wie möglich entfernt werden. Hierfür kann bei rein distaler (DSO) Nagelinfektion der Nagel einfach abgeschnitten werden. Sobald der Befall sich weiter nach proximal fortsetzt und die Nagelplatte zudem verdickt ist, ist eine Fräsung zur Abflachung des Nagels und zur Verbesserung der Wirkstoffaufnahme z.B. im Rahmen einer podologischen Behandlung vor Beginn einer Lokaltherapie mit einem antimykotischen Nagellack vorteilhaft. Auch eine Nagelentfernung durch Aufweichung des Nagels mit 40 – 50%iger Harnstoffsalbe ist in Absprache mit dem Patienten zu erwägen (kommerziell erhältlich ± Antimykotikum, in der Schweiz z.B. Onyster® Nagelsalbe oder Canesten® extra Nagelset, in der Regel nicht via Krankenkasse getragen). Es ist darauf zu achten, dass die keratolytische Harnstoffsalbe lediglich auf den Nagel appliziert wird, damit Mazerierung/Entzündungen der umliegenden Haut vermieden werden. Zum Schutz sollte ein Pflaster oder Klebefolie über die Salbe angebracht werden, so dass die Salbe auf dem Nagel verbleibt und die Haut geschützt wird. Die Salbe muss, je nach Nageldicke, ca. 2 Wochen für dünne Nägel und bis zu 4 Wochen für dicke Nägel, kontinuierlich, d.h. ganztägig, angewandt werden, da es bei Absetzen bereits nach wenigen Stunden zu einem erneuten Aushärten des Nagels kommt (ein kurzes Entfernen der Salbe zum Duschen ist unproblematisch). Nach adäquatem Anwendungszeitraum kann der weich gewordene Nagelanteil mit einem mitgelieferten Spatel oder mittels Schere weitgehend entfernt und die Therapie mit einem topischen Antimykotikum (s.u.) fortgesetzt werden.

Eine früher in Lokalanästhesie oft durchgeführte chirurgische Entfernung (Avulsion) des infizierten Nagels mit speziellem extrahierendem Nagelwerkzeug gilt heute als weitgehend obsolet und sollte nur noch in wenigen individuellen Ausnahmefällen eingesetzt werden. Zum einen sind postoperative bakterielle Infektionen der Nagelmatrix und Nagelbetts nicht selten, darüber hinaus bleibt die Nagelmatrix bei Matrixbefall auch nach Nagelextraktion mit Myzel infiziert. Oft werden die Nagelmatrix und das Nagelbett im Rahmen einer Extraktion irreparabel geschädigt und es resultiert ein dauerhaft verformtes Nagelwachstum (permanente Onychodystrophie).

Nach Entfernung der infizierten Nagelanteile sollte die antimykotische Therapie initiiert werden. Als Faustregel gilt, dass bei einem distalen Befall bis zu 50% der sichtbaren Nagelplatte eine alleinige topische Therapie häufig ausreicht. Bei Therapieresistenz oder bei einem Befall von mehr als 50% der Nagelplatte ist die Kombination von topischer mit systemischer Therapie empfohlen (6).

Die Lokaltherapie sollte sowohl den noch bestehenden Nagel, als auch das ggf. durch die Nagelablösung freiliegende Nagelbett sowie die Nagelfalze behandeln. Hierfür stehen für den verbliebenen Nagelanteil Nagellacke und für das freiliegende Nagelbett Cremes mit unterschiedlichen Wirkstoffen zur Verfügung. Die in Europa verbreiteten topischen antimykotischen Breitspektrum-Wirkstoffe (mit Wirksamkeit auf Dermatophyten, Hefen und Schimmelpilze) umfassen vorwiegend Amorolfin, welches als Acryllack eins bis zweimal pro Woche auf den Nagel (nicht jedoch auf die Haut) aufgetragen wird und bei dem vor erneutem Auftragen die vorherige Schicht wieder abgelöst werden muss, sowie Ciclopirox, welches mindestens einmal täglich nach dem Duschen (bei Wasserkontakt häufiger) als meist wasserlöslicher Nagellack (Hydrolack) sowohl auf den Nagel als auch auf die Haut aufgetragen wird, ohne dass die vorherigen Lackschichten entfernt werden müssen. Zur Behandlung des Nagelbetts (nicht jedoch des Nagels) stehen diverse Wirkstoffe in Form von Cremes zur Verfügung (Terbinafin, Miconazol, Ciclopirox, Bifonazol u.a.). Neuere topische Antimykotika wie Efinaconazol (welches sowohl auf dem Nagel als auch auf der Haut angewendet werden kann und eine verbesserte Permeation aufweist), Tavaborol (auch hier mit verbesserter Permeation) oder Tioconazol sind in der Schweiz nicht zugelassen. Andere Medikamente, wie z.B. Luliconazol, ME1111 oder K101 Nail Solution, sind aktuell erst in Entwicklung.

In zwei Studien mit 490 Teilnehmern ergab sich eine qualitativ moderate Evidenz, dass Ciclopirox 8% Hydrolack wirksamer ist als Ciclopirox 8% Acryllack oder Amorolfin 5% Acryllack bezüglich Heilungsrate (7). In einer weiteren Studie, bei der Ciclopirox 8% Hydrolack mit 5% Amorolfin Acryllack bei milder bis moderater Onychomykose verglichen wurden, zeigt sich ebenfalls eine Überlegenheit von Ciclopirox 8% Hydrolack (Komplette Heilungsrate 35% vs. 11.7%) (8).

Systemische Therapie

Systemisch wird aufgrund der guten Wirksamkeit und der guten Verträglichkeit meist das fungizide und fungistatische Terbinafin favorisiert. Hierbei gilt es zu beachten, dass Terbinafin nur für Onychomykosen durch Fadenpilze (nicht jedoch Onychomykosen durch Hefen oder Schimmelpilze) empfohlen ist, so dass ein Erregernachweis vor Therapiebeginn vorliegen sollte. Falls es sich um eine Dermatophytose handelt, ist das Allylamin Terbinafin anderen klassendifferenten Wirkstoffen, wie Itraconazol und Fluconazol, bezüglich Wirksamkeit überlegen (9). Die Anwendung einer kontinuierlichen täglichen Einnahme zeigte zumindest keine konsistenten Vorteile gegenüber einer günstigeren und besser verträglichen Intervalltherapie (9) (Tabelle 2). Man geht davon aus, dass dies durch die lange Verweildauer und Akkumulation von Terbinafin in der Nagelmatrix zu erklären ist.

Häufig eingesetzte systemische Breitspektrum-Antimykotika (mit Wirksamkeit auch gegenüber Hefen und einigen Schimmelpilzen) sind die Azole Itraconazol sowie Fluconazol. Bei beiden Wirkstoffen ist allerdings häufiger mit Nebenwirkungen und Interaktionen zu rechnen als bei Terbinafin.

Das fungistatische Itraconazol penetriert ebenfalls schnell in die Nagelplatte und bleibt auch noch über einen Zeitraum bis zu 6 – 9 Monaten nach Einnahme nachweisbar. Die Wirksamkeit auf Dermatophyten ist geringer als bei Terbinafin (10). Es benötigt jedoch zur intestinalen Aufnahme ein saures gastrales Milieu, so dass es bei gleichzeitiger Einnahme von Protonenpumpenhemmern oder bei anderweitiger Achlorhydrie schlecht absorbiert werden kann. Die Aufnahme kann durch Getränke mit einem sauren pH-Wert wie z.B. Orangensaft (nicht Grapefruitsaft aufgrund der einige Tage andauernden irreversiblen CYP3A4 Hemmung) gefördert werden. Itraconazol darf zudem nicht zusammen mit Statinen aufgrund des Risikos einer Rhabdomyolyse gegeben werden. Auch die zeitgleiche Einnahme von Chinidin sollte aufgrund des erhöhten Risikos für ventrikuläre Tachykardien vermieden werden. Aufgrund der Eigenschaften von Itraconazol als Substrat und Inhibitor des hepatischen Enzyms CYP3A4 und von Arzneistoff-Transporter-Glykoproteinen zeigt der Wirkstoff ein grosses Interaktionspotential. Eine individuelle Evaluation in Zusammenschau mit der Medikamentenliste des zu behandelnden Patienten ist in jedem Fall notwendig. Bei Herz­insuffizienz und/oder Lebererkrankungen ist es kontraindiziert.

Das fungistatische Fluconazol penetriert die Nagelplatte langsamer (innerhalb von 2 Wochen) und persistiert bis 3-6 Monate nach Therapieende im Nagel. Studiendaten zeigen jedoch, dass Fluconazol sowohl Itraconazol als auch Terbinafin bzgl. Wirksamkeit bei Dermatophyteninfektionen unterlegen ist (10). Das Interaktionspotential ist kleiner als bei Itraconazol, muss jedoch auch individuell evaluiert werden.

Andere Antimykotika wie VT-1161 werden aktuell in klinischen Studien untersucht.

Für alle systemischen Antimykotika werden Laborkontrollen, insbesondere Leberwertkontrollen vor Therapiestart und nach 4-6 Wochen Therapie empfohlen. Zudem müssen zwingend Interaktionschecks mit der Begleitmedikation durchgeführt werden.

Es gilt generell, dass die Kombination von Lokal- und Systemtherapie effektiver ist, als die Monotherapie (11). Wir empfehlen dennoch die Erwartungshaltung der Patienten nicht zu hoch zu halten, da die in Studien erhobenen Heilungsraten von Terbinafin, Itraconazol und Fluconazol klinisch bei 81.3%, 77.8% und 37.5% bzw. mykologisch bei 75%, 61.1% und 31.2% lagen (10).

Zusammenfassend ist die systemische Therapie nur zu vertreten, wenn ein klarer Erregernachweis, idealerweise mittels Kultur, erfolgt ist und eine kombinierte Therapie aus Erregerlast-Entfernung sowie adäquater kombiniert topisch-systemischer Therapie durchgeführt wird und der Therapieerfolg genau (foto-)dokumentiert wird. Ein Therapieabbruch sollte nach adäquater Frist, z.B. nach 6 Monaten, erwogen werden, wenn kein Ansprechen erkennbar ist. In diesem Fall sollte die Prüfung von Differenzialdiagnosen, insbesondere in Hinblick auf Malignome des Nagelapparats mit allfälliger sekundärer Onychomykose, erfolgen.

Nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen wie Laser, photodynamische Therapie PDT oder Iontophorese sind zwar beschrieben, jedoch fehlen hierzu verlässliche Studiendaten um einen breiten Einsatz zu rechtfertigen. Zudem sind diese keine Pflichtleistungen der Krankenkassen. Die Therapien können in Einzelfällen erwogen werden, in denen eine antimykotische Pharmakotherapie aus bestimmten Gründen kontraindiziert ist, oder bei jenen Patienten, bei denen die bisherigen Therapien nicht erfolgreich waren.

Voraussichtlich Mitte 2022 wird es eine Überarbeitung der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinische Gesellschaften) Leitlinie zur Onychomykose geben (4, 19), bei welcher einer der Autoren (JM) aktiv als Vertreter der Schweiz involviert ist.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Christin Pelzer

Universitätsspital Zürich
Dermatologische Klinik
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Johannes Mayer

Polipraxis Herisau
Dermatologie
Gossauerstrasse 24
9100 Herisau

Prof. Dr. med. Dr. sc. nat. Antonio Cozzio

Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
Haus 20
9007 St. Gallen

antonio.cozzio@kssg.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert

◆ Zunächst den Erreger sichern, bei wiederholt negativem Ergebnis unbedingt andere Differentialdiagnosen in Betracht ziehen und
ausschliessen (Biopsie anstreben).
◆ In einem ersten Schritt die Pilzlast maximal reduzieren (d.h. betroffenes Nagelmaterial so vollständig wie möglich entfernen).
◆ Die Kombination von Therapiemodalitäten (mechanische Nagelmate­rialentfernung, topische und systemische Therapie, ggf. physikalisch) bringt mehr Erfolg als Monotherapien.

 

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Wert der «Wearables» zur Diagnose von Rhythmusstörungen

Smartwatches verdrängen seit einigen Jahren die traditionellen Armbanduhren beim Verkauf. Die Akzeptanz und Nutzung von tragbaren Geräten nimmt in unserer Bevölkerung zu. In diesem Überblick möchten wir die Technologie, die wissenschaftlichen Daten, die klinischen Implikationen und die Herausforderungen bei der Rhythmusdiagnose mit «Wearables» beschreiben und kommentieren. Wir befassen uns mit den Fortschritten der Technologie in den letzten Jahren, den verschiedenen verfügbaren Geräten, ihrer Verwendbarkeit und ihren Grenzen sowie mit der Erkennbarkeit verschiedener Arrhythmien anhand von mit Wearables aufgezeichneten 1-Kanal-EKGs.

During the past few years, smartwatches have seen a constant increase in sales worldwide as well as in Switzerland. Acceptance and usage of wearable devices in our population is on the rise. In this overview we want to describe and comment on technology, scientific data, clinical implication and challenges in rhythm diagnosis with wearables. We look at the progress of technology in the past years, different available devices, their usability and limitations as well as the detectability of different arrhythmias via single-lead ECGs recorded with wearables.
Key Words: Wearables, Smartwatch, ECG, atrial fibrillation, electrophysiology, new technology, screening, prevention

Historischer Hintergrund

1961 publizierte Holter mit «New method for heart studies» seine Arbeit über den gleichnamigen portablen EKG-Recorder, welcher ausserhalb eines Spitals verwendet werden konnte und legte somit den Grundstein der tragbaren Rhythmusdiagnostik (1). Somit existiert bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert die Grundlage für moderne Wearables zur Erfassung und Übertragung von EKG-Daten, wie wir sie heute in verschiedensten Formen kennen. Gegenüber den in der Klinik herkömmlich verwendeten Monitorstrategien, wie Holter oder implantierbaren Loop-Recordern, sind massentaugliche Wearables für Endnutzer günstiger, angenehmer zu tragen und bieten auch einen persönlichen Anreiz durch den (vermeintlichen) Nutzen sowie die Auswertung von erhobenen Daten über den eigenen Körper- oder Trainingszustand. Es ist wahrscheinlich, dass in Zukunft Wearables wie heutzutage Mobiltelefone in der Bevölkerung verbreitet sein werden. Algorithmen können bereits zuverlässig Vorhofflimmern (VHF) detektieren und Wearables sind nun fest in den 2020 Vorhofflimmer ESC-Guidelines verankert (2). Besonders Uhren erfreuen sich enormer Beliebtheit, da diese unauffällig, bequem und in den meisten Alltagssituationen ohne Einschränkungen oder Stigmatisierung getragen und benutzt werden können.

Welche Rhythmusstörungen können wir mit Hilfe dieser Technologie bereits diagnostizieren und worauf dürfen wir in Zukunft durch diese Wearables hoffen?

Verfügbare Wearables

Unterschieden wird bei den Wearables zwischen aktiven und passiven Sensoren: Die meisten verfügbaren Uhren und Fitness-Tracker verwenden Photoplethysmografie (PPG) zur Detektion der Schlag-zu-Schlag Variabilität (Abb. 1). Dies ermöglicht eine kontinuierliche Messung, welche ohne aktives Eingreifen durch den Tragenden erfolgen kann (passive Überwachung). Uhren, welche zusätzlich über die Möglichkeit verfügen, ein EKG aufzuzeichnen, können den Endnutzer, z.B. bei durch PPG festgestellte Variabilität des Pulsrhythmus, auffordern, ein EKG aufzuzeichnen (3). Durch diese aktive Diagnostik kann der Wert zur VHF-Detektion dieser Uhren erhöht werden (4). Für VHF ist eine Kombination von aktiven- und passiven Sensoren geeignet und kombiniert effizient die neusten technologischen Möglichkeiten der Wearables. Wie verhält es sich nun für andere Rhythmusstörungen, bei welchen die Schlag-zu-Schlag Variabilität weniger auffällig ist?

Grundsätzlich müssen auch hier wieder zwei Arten von EKG-fähigen Wearables unterschieden werden: Diejenigen, welche im Stande sind, ein 1-Kanal EKG (Single-lead EKG) aufzuzeichnen und diejenigen, welche ein Mehrkanal EKG (Multilead EKG) aufzeichnen können. Eine Übersicht gängiger, verfügbarer Devices bietet Tabelle 1.

Stellung der Wearables beim Vorhofflimmern

Die meisten Wearables, welche sich um eine Food and Drug Administration (FDA) und/oder Conformité Européenne (CE)-Zulassung bemühen oder dies bereits erhalten haben, zielen darauf ab, Vorhofflimmern zu detektieren. Der Markt dafür ist gegeben: Die häufigste Komplikation dieser Herzrhythmusstörung, der Hirnschlag, lässt sich durch orale Antikoagulation effizient reduzieren (5, 6). Das VHF bleibt bis zum folgeschweren Hirnschlag jedoch in etwa einem Fünftel aller Fälle aufgrund des subklinischen oder gar asymptomatischen Verlaufs unentdeckt (7).
Die Apple Heart Study (8), Fitbit Heart Study (9) und Huawei Studie (10) zielten auf eine breite Bevölkerung ab, um Vorhofflimern mit Hilfe der Photoplethysmografie (PPG) zu detektieren. Die drei Studien ähneln sich: Die Schlag-zu-Schlag Variabilität wurde analysiert, bei einem auffälligen Muster wurde zusätzlich ein Langzeit-EKG z.B. in Form eines Holters oder Patch-EKG verwendet, um eine Diagnose zu stellen. Bewegungsartefakte, kurze Batteriedauer und ein Bias durch junge, gesunde Personen aus der sozialen Mittelschicht lassen an der Aussagekraft dieser grossen Studien zumindest in manchen Bereichen gewisse Zweifel.

Seit der Herausgabe der ESC-Guidelines 2020 ist es möglich die Diagnose Vorhofflimmern neben dem herkömmlichen 12-Kanal EKG auch neuerdings durch ein 1-Kanal EKG über mindestens 30 Sekunden zu bestätigen (2). Die ESC-Guidelines empfehlen zudem ein opportunistisches VHF Screening mit einer Klasse I Empfehlung bei Hypertonikern. Weiter erwägen die Guidelines mit einer Klasse IIa Empfehlung das VHF Screening bei Patienten, welche an einem Schlafapnoe-Syndrom leiden (2).

Obschon die Technologie sowohl im Soft- wie auch im Hardwarebereich rasante Fortschritte macht, ist diese in der VHF Detektion noch nicht in einem solchen Masse ausgereift, sodass sich Endnutzer alleinig auf Algorithmen verlassen könnten. Beispielsweise sind die Algorithmen aktuell meist nur in der Lage Rhythmen mit einer Kammerfrequenz zwischen 50-150 Schlägen pro Minute zu klassifizieren. Ebenso bieten Extrasystolen, Bewegungsartefakte oder das Vorhofflattern oft Anlass für den Algorithmus nach 30 Sekunden Aufzeichnung kein schlüssiges Resultat an den Endnutzenden liefern zu können. Endnutzer, welche ihre Smartwatch regelmässig nutzen, möchten in der Regel bei unklarer Interpretation durch den Computeralgorithmus und/oder Symptomen die Möglichkeit einer Befundung durch eine fachkundige Person nutzen. Ob die Ressourcen im Spital oder in Praxis hierfür gegeben sind, ist zweifelhaft.

Vorhofflattern

Die Detektion von Vorhofflattern (VHFlat) stellt für Wearables im Bereich der Aufzeichnungsmöglichkeiten keine Schwierigkeit dar, wohl aber im Bereich der Interpretation durch den Algorithmus. Smartwatches zeichnen bei herkömmlicher Nutzung ein 1-Kanal-EKG auf, welches der Ableitung I des konventionellen EKGs entspricht. (Abb. 2). Ein Lösungsansatz bietet eine einfache Anpassung der Tragweise der Uhr: Durch eine Platzierung dieser am linken Knöchel kann ein Derivat der Ableitung II aufgezeichnet werden, welche von der Morphologie derjenigen einer herkömmlichen Einthoven II Ableitung näher kommt (11).

Paroxysmale supraventrikuläre Tachykardie

Paroxysmalen supraventrikulären Tachykardien (PSVT) liegen in ca. 60% der Fälle AV-Knoten Reentry Tachykardien (AVNRT), in 30% AV-Reentry Tachykardien (AVRT) und in 10% atriale Tachykardien zugrunde(12). Die Patienten klagen in der Regel über ein plötzlich einsetzendes Herzrasen, welches Minuten bis mehrere Stunden anhalten kann. Obschon die medizinische Versorgung heutzutage sehr gut und zügig funktioniert, kann die Diagnosestellung via EKG sich trotzdem oft schwierig gestalten. Wearables bieten hier eine interessante und vielversprechende Möglichkeit, die «diagnostische Lücke» zu schliessen(13). Vor allem bei jungen Patienten, welche als «digital natives» mit Wearables vertraut sind und diese auch aus intrinsischem Interesse nutzen, bieten diese einen Mehrwert für ärztliches Personal und zu Behandelnde. (Abb. 3).

QTc- Verlängerung

Long QT Syndrome (LQTS) können entweder kongenital oder erworben sein. Die Funktionsstörung der ventrikulären Repolarisation birgt das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien (Torsade de pointes) oder des plötzlichen Herztodes (SCD) (14). Erworbene LQTS können auf Elektrolytstörungen (Hypokaliämie u/o Hypomagnesiämie) (15) oder der Einnahme QT-verlängernder Medikamente (16) basieren. Die Einnahme von QT-verlängernder Medikation sollte überwacht werden und diese bei Überschreiten eines gewissen QTc-Intervalls abgesetzt werden(17)(18). Wearables bieten hier eine Möglichkeit, Patienten durch Remote Monitoring zu überwachen. Wearables wurden diesbezüglich bereits erprobt, die Korrelation zwischen den durch 1-Kanal-EKGs erhobenen Zeiten im Vergleich mit denjenigen eines 12-Kanal EKG ist gut (19) (20).
Die QT-Zeiten müssen für alle Wearables bis auf die Withings Scanwatch allerdings manuell ausgemessen werden. (Abb. 4) Die manuelle Erfassung bietet ein hohes Fehlerpotential und kann je nach erfassender Person und deren Erfahrung substantiell variieren (22). Zudem ist zu beachten, dass ein 1-Kanal-EKG nicht die QT-Dispersion eines 12-Kanal EKG erfassen kann, möglicherweise also die QTc Zeit über- oder unterschätzt. Aktuell besitzt das Kardia 6L als Multilead-Device als einziges Handheld Device eine FDA-Zulassung zur Messung des QT-intervals. Die Autoren stehen dem Einsatz der Wearables für diese Indikation aufgrund der aktuellen Datenlage allerdings noch zurückhaltend gegenüber.

Myokardischämie

Das 1-Kanal EKG einer herkömmlichen Smartwatch kann nicht zur Diagnose eines Myokardinfarkts verwendet werden und wird so von den Herstellern auch ausgewiesen. Was für Mediziner:innen selbstverständlich erscheint, ist für ungeschulte Laien ein wichtiger und für die Hersteller ein rechtlich unabdingbarer Hinweis. Theoretisch sollte es möglich sein, aus zahlreichen 1-Kanal-EKGs auch ein Multi- oder gar 12-Kanal-EKG zu erzeugen (23, 24) (25), praktisch

Weitere Krankheitsspezifische EKG-Veränderungen

Die Entwicklung schreitet rasant voran. Neuste Studien zeigten, dass mittels Smartwatch EKG weitere Abnormitäten entdeckt werden können, wie z.B eine Präexzitation im Sinne einer Deltawelle, eine hypertrophe Kardiomyopathie oder ein Brugada-Pattern (26). Aufgrund der geringen Sensititivät und Spezifität eines Einkanal-EKG, müssen diese Beobachtungen aber immer zwingend ein 12-Kanal EKG zur Diagnosesicherung nach sich ziehen. Neben den bereits erwähnten EKG-Veränderungen konnten auch schon Rechts- und Linksschenkelblöcke sowie AV-Blöcke in isolierten 1-Kanal EKGs anhand charakteristischer Veränderungen aufgezeigt werden (27).

Ausblick

Die Möglichkeiten zur Detektion von Herz­rhythmusstörungen durch Wearables haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Smartwatches sind längst nicht mehr ein Nischenprodukt oder experimentelles Zubehör für technisch versierte Menschen, sondern in der Gesellschaft breit etabliert. Die attraktivste Eigenschaft der Wearables im Bereich der Rhythmusdiagnostik scheint die Möglichkeit zu sein, Vorhofflimmern zu entdecken. Zwei wichtige Punkte gilt es in diesem Zusammenhang zu beachten:

1. Die automatischen Detektionsalgorithmen der Wearables sind noch nicht ausgereift.
2. Der Nutzen durch Beginn einer oralen Antikoagulation von Smartwatch detektiertem Vorhofflimmern, also eine Senkung von Schlaganfällen, wurde bisher nicht ausreichend untersucht.

Nichtsdestotrotz stehen wir als Mediziner:innen in der Verantwortung Lösungen zu finden, um Wearables sinnvoll in unseren Klinik­alltag zu integrieren. Gerade in Zeiten der Pandemie, in welcher die Gesundheitsversorgung der breiten Bevölkerung immer wieder auf zwingend Notwendiges reduziert werden muss(te), bietet diese Technologie enormes Potential.

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dipl. Arzt Diego Mannhart

Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Prof. Dr. med. Christian Sticherling

Kardiologie
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Dr. med. Patrick Badertscher 

Kardiologische Klinik
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Alle Autoren bestätigen, dass kein Interessens­konflikt besteht.

◆ Wearables umfassen neben Smartwatches mit Photoplethysmografie oder EKG-Funktion auch weitere tragbare Geräte oder Sensoren, welche Daten über Nutzende und deren Umgebung aufzeichnen.
◆ Bei paroxysmal auftretenden Rhythmusstörungen kann durch Wearables die Zeit zwischen Auftreten der Arrhythmie und erster EKG Dokumentation auf ein Minimum reduziert werden.
◆ Wearables bieten in Zeiten von Einschränkungen bei Patientenvisiten oder Ressourcen-knappheiten eine Möglichkeit der vereinfachten Rhythmusüberwachung im Zusammenhang mit Vorhofflimmer-Abklärungen oder postoperativer Erfolgskontrolle.
◆ Geringe Batterielaufzeit, komplexe Gerätebedienung und mangelndes Vertrauen in die Technologie sind Hürden, die die Technologie in gewissen Patientengruppen noch überwinden muss.
◆ Automatisierte Algorithmen und Cloudbasierte künstliche Intelligenz sind eine wertvolle Ergänzung zur Kanalisierung und Minderung der Datenflut, sollten jedoch stets kritisch hinterfragt werden. Die Diagnose muss zwingend durch geschultes und fachkundiges Personal erfolgen, welches über die nötige Expertise verfügt.

 

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