Phytotherapeutische Optionen bei Harnwegsinfekten

Unkomplizierte Harnwegsinfekte gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen und damit zu den Spitzenreitern bezüglich der Verschreibung von Antibiotika. Die schnell steigenden Raten an antibiotikaresistenten Keimen sind gemäss WHO alarmierend, auch im ambulanten Bereich. Welche Rolle können pflanzliche Arzneimittel spielen in der Prävention und Therapie von Harnwegsinfekten im Sinne eines antibiotikasparenden Ansatzes?

Les infections urinaires non compliquées sont parmi les infections bactériennes les plus courantes et donc parmi les premières en termes de prescriptions d’antibiotiques. Selon l’OMS, l’augmentation rapide des taux de germes résistants aux antibiotiques est alarmante, y compris dans le secteur ambulatoire. Quel rôle les plantes médicinales peuvent-elles jouer dans la prévention et le traitement des infections urinaires dans le sens d’une approche d’économie d’antibiotiques ?

Gemäss den aktuellen SSI-Guidelines (1) empfehlen das BAG und die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie im Zeitalter der Antibiotikaresistenz bei unkomplizierten Harnwegsinfekten antibiotikasparende Therapieansätze, wie erhöhte Flüssigkeitsauf-nahme und NSAR (insbesondere Ibuprofen). In der Praxis werden diese Empfehlungen erweitert, indem unter anderem auch D-Mannose und ausgewählte pflanzliche Arzneimittel diskutiert werden (2). Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten und in der Rezidivprophylaxe nimmt die Phytotherapie in vielen Praxen bereits einen festen Platz ein.
Im Folgenden werden Arzneipflanzen, welche häufig und traditionell breit abgestützt bei der Prophylaxe und Therapie von Zystitiden eingesetzt werden, aufgrund der pharmakologischen und klinischen Datenlage beurteilt.

Senfölhaltige Arzneipflanzen wie Meerrettich (Armoracia rusticana) und Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus)

Die antibakterielle Wirkung der Isothiocyanate (Senföle) – auch gegen multiresistente Bakterienstämme – ist schon lange bekannt und konnte in vitro mehrfach belegt werden. Bezüglich Reduktion der Resistenzbildung und der Rezidivrate scheint die nachgewiesene Hemmung der bakteriellen Virulenzfaktoren (Internalisierung, Beweglichkeit) sowie der gefürchteten Biofilmbildung eine wichtige Rolle zu spielen. Angocin®, ein Kombinationspräparat mit Meerrettichwurzel (Armoracia rusticana) und Kapuzinerkressenkraut (Tropaeolum majus), welches in Deutschland seit Jahrzehnten und seit einigen Jahren nun auch in der Schweiz erhältlich ist, zeigt in den zahlreichen klinischen Studien deutliche antiinfektive und antientzündliche Eigenschaften bei Infekten der Harnwege sowie eine signifikante Reduktion der Rezidivrate von Harnwegsinfekten bei einer prophylaktischen Einnahme von zwei mal zwei Tabletten pro Tag (3). Da die Tabletten keine Extrakte, sondern die getrockneten Pflanzenteile enthalten, werden für die Akuttherapie hohe Tagesdosen von bis zu fünf mal fünf Tabletten für zwei Tage empfohlen, danach wird die Dosis reduziert. Die publizierten Studien verwendeten meist tiefere Dosen, wohl aus Adhärenzgründen. Es braucht zwar für die Ausheilung mit phytotherapeutischen Ansätzen generell eine längere Therapiedauer als mit Antibiotika, hingegen sinkt die Rezidivrate sowohl bei der alleinigen als auch bei der Add-on-Therapie von Angocin® zu Antibiotika (4).

Echte Goldrute (Solidago virgaurea)

Solidago virgaurea ist in der traditionellen Phytotherapie als typische Nierenpflanze bekannt. Verschiedene pharmakologische Untersuchungen zeigen diuretische, antiphlogistische und immunmodulierende Wirkungen, welche jedoch auf keinen einzelnen Inhaltsstoff zurückgeführt werden können. Daher bieten sich Zubereitungen aus Goldrutenkraut als Ergänzung zu rein antiseptisch wirkenden Arzneipflanzen an, um die Entzündungsreaktion der Schleimhäute zu dämpfen. Die gute Verträglichkeit ermöglicht den längerfristigen Einsatz auch zur Rezidivprophylaxe. Diese Erkenntnisse basieren jedoch auf der Erfahrungsmedizin und offenen, nicht randomisierten Studien (5).

Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi)

Extrakte aus Blättern der Bärentraube, Wirkstoff von Cystinol®, sowie das isolierte Arbutin zeigten nach enzymatischer Spaltung zu Hydrochinon bei unkomplizierten Harnwegsinfekten in vitro antibakterielle Effekte auch gegen relevante pathogene Keime. Obwohl die Forschung über Bärentraubenblätter auf die antibakterielle Wirkung von Arbutin bzw. Hydrochinon fokussierte, dürften auch der hohe Gerbstoffgehalt sowie die Flavonoide zur antibakteriellen und in vitro nachgewiesenen antiphlogistischen Wirkung beitragen. Die immer wieder diskutierte Toxizität von Arbutin kann nach aktuellem Wissensstand bei sachgemässem Gebrauch ausgeschlossen werden (6). Offiziell empfohlen wird nach wie vor eine Einnahme von maximal fünf mal pro Jahr während je maximal einer Woche. Auch ist der pH-Wert des Urins nicht relevant für die Wirksamkeit. Während für die Therapie von Harnwegsinfekten überzeugende klinische Daten fehlen, werden in den deutschen S3-Leitlinien zur Prävention von Harnwegsinfekten Bärentraubenblätterextrakte für maximal einen Monat empfohlen basierend auf einer Studie, welche nach einmonatiger Gabe in Kombination mit Löwenzahn eine lang anhaltende Rezidivreduktion beschreibt (7).

Kranbeere (Vaccinium macrocarpon) und Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea)

In vitro konnten Proanthocyanidine aus der in Nordamerika angebauten Kranbeere (Cranberry) die Adhäsionsfähigkeit von E. coli in höheren Konzentrationen sowie die Biofilmbildung hemmen (8). In der mit der Kranbeere verwandten europäischen Preiselbeere wurden ebenfalls zahlreiche phenolische Inhaltsstoffe, auch zahlreiche Proanthocyanidine gefunden. Zwar können die klinischen Daten zur Kranbeere nicht direkt auf die Preiselbeeren übertragen werden, aber es kann davon ausgegangen werden, dass die auf den Proanthocyanidinen bzw. deren Metaboliten basierende antiadhäsive Wirkung auch analog für die Preiselbeere gelten. Zumindest scheint eine Wirkung der derzeit zur Verfügung stehenden Preiselbeersäfte (als Nahrungsergänzungsmittel) aufgrund der Rückmeldungen der Patientinnen in den Hausarztpraxen und in den Apotheken vorhanden zu sein. Eine systematische Dokumentation fehlt aber leider. Möglicherweise ist die Effektivität auch der Proanthocyanidine eine Frage der Dosierung.

Ätherische Oele

Zunehmend werden auch ätherische Öle bezüglich ihrer antimikrobiellen und antiinflammatorischen Eigenschaften untersucht. Gegen E. coli sehr gute Wirkung und zum Teil auch eine ausgeprägte Hemmung der Biofilmbildung zeigten bei in vitro-Untersuchungen die ätherischen Öle von Thymian (Thymus zygis), Majoran (Origanum majorana), Oregano (Origanum vulgare) und Rosmarin (Rosmarinus officinalis). Für Oregano-Öl konnte in vitro eine gute antimikrobielle Wirkung gegen E. coli nachgewiesen werden, welche sich in der stationären Phase und nicht in der Wachstumsphase befanden, was bezüglich Persistenz der Bakterien und Rezidive relevant sein dürfte. Die Kombination von Oregano-Öl mit Chinolonen erreichte sogar eine mit Antibiotika allein nicht mögliche vollständige Eradikation der geprüften E. coli, die Wirkung von Ni­trofurantoin wurde verstärkt (9). Solche Kombinationen bieten ganz neue therapeutische Ansätze. Denn ätherische Öle zeigen vielversprechende Optionen als Alternative oder Ergänzung zu Antibiotika, die es sich lohnt genauer in klinischen Studien zu untersuchen.

Phytotherapeutika – ungenutztes Potential

Wie zahlreiche in vitro-Untersuchungen und teilweise auch klinische Studien zeigen, liegt in Vielstoffgemischen, wie es Arzneipflanzen sind, ein interessantes antibakterielles Potential, welches die Resistenzbildung verhindern kann und auch bei multiresistenten Keimen zu greifen vermag. Es ist daher dringend notwendig, diese Erkenntnisse aus in vitro-Forschungen weiter klinisch zu prüfen. Es lohnt sich, Arzneipflanzen mit ihren diversen, auch die Virulenzfaktoren beeinflussenden Wirkprinzipien einzusetzen, um den Antibiotikaverbrauch zu minimieren. Dagegen erwähnen die aktuellen SSI-Guidelines lediglich Cranberry-Saft mit der Wertung, dass es bislang kaum Hinweise darauf gebe, dass Cranberry-Saft Harnwegsinfekte erfolgreich verhindere (1). Verschiedene Review-Artikel und die Erfahrungen aus dem Praxisalltag zeigen jedoch eine Rezidivreduktion insbesondere bei jungen Frauen (10).
Für einen erfolgreichen alleinigen therapeutischen Einsatz von pflanzlichen Arzneimitteln bei unkomplizierten Zystitiden gilt zu beachten, dass eine ausreichend hohe Dosierung gewählt werden muss, um die nötige Konzentration im Zielgewebe zu erreichen (s. Beispiel Senföle). Von Vorteil sind auch Kombinationen von Arzneipflanzen mit verschiedenen Wirkprofilen. So hat sich das Kombinationspräparat mit Tausendgüldenkraut, Liebstöckelwurzel und Rosmarinblättern (Canephron®), das seit kurzem auch in der Schweiz auf dem Markt ist, bei akuten Harnwegsinfekten bewährt (11). Individuelle Urtinkturen- oder Teemischungen – magistral zu verschreiben – mit antibakteriell, antientzündlich und aquaretisch wirkenden Arzneipflanzen wie Bärentraubenblätter (Uvae-ursi folium), Echtes Goldrutenkraut (Solidaginis virgaureae herba), Brennesselblätter (Urticae folium), Birkenblätter (Betulae folium), Schachtelhalmkraut (Equiseti herba) erweitern ebenfalls die Therapieoptionen.
Ein weiterer interessanter Ansatz ist die Kombination von Antibiotika mit pflanzlichen Zubereitungen. Erste klinische Studien mit Kombinationstherapien von Antibiotika mit Angocin® zeigten weniger Rezidive. Auch ätherische Öle in Kombination mit Antibiotika haben das Potential, die Entwicklung von Resistenzen zu hemmen. Angesichts des enormen Problems mit antibiotikaresistenten Keimen sind Forschungsansätze in dieser Richtung unerlässlich.

Urtinkturenmischung nach Rezeptur von Frau Dr. med. M. Oberholzer-von Tolnai
Tropaeoli majoris (Kaupuzinerkresse) tinctura 15 ml
Solidaginis virgaureae (Echte Goldrute) tinctura 20 ml
Urticae dioicae (Brennessel) tinctura 15 ml
D.S.: akut: 5 mal 20 gtt/d, prophylaktisch 3 mal 20 gtt/d oder vor
dem Schlafengehen 30 gtt nüchtern in etwas Wasser einnehmen.

Die Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie SMGP ist der einzige Verband in der Schweiz, der eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung in Phytotherapie für die akademischen Medizinalberufe anbietet. Das Fähigkeitsprogramm Phytotherapie (SMGP) ist von den entsprechenden Gremien der Schweizer Medizin, Veterinärmedizin und Pharmazie anerkannt und seit vielen Jahren bewährt. Vermittelt werden Theorie und Praxis. Die jedes Jahr stattfindende Jahrestagung bietet einen vielfältigen Überblick zu aktuellen Themen. Die 35. Schweizerische Jahrestagung für Phytotherapie beleuchtet das Thema «Das therapeutische Potential antientzündlicher Arzneipflanzen» und findet am 25.11.2021 in Baden statt. Das Thema Harnwegsinfekte wird am 28. Oktober 2021 im Rahmen des Fähigkeitsprogramms in Wädenswil vertieft. Informationen zur SMGP und zu den Anlässen finden Sie hier: www.smgp.ch

Ein herzlicher Dank gilt Herrn Dr. sc. nat. Beat Baumgartner, Herborama GmbH, für die zur Verfügung gestellten Fotos, sowie Herrn Prof. Dr. sc. nat. Beat Meier für die wertvolle Unterstützung.

Dieser Artikel ist ein Zweitabdruck des Originals in «der informierte arzt» 08-2021

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dorothea Staub-Helg

eidg. dipl. Apothekerin, Fähigkeitsausweis FPH in Phytotherapie
Ricketwilerstrasse 15
8405 Winterthur

dorothea.staub@gmail.com

Dr. sc. nat. Beatrix Falch

Vizepräsidentin SMGP
Hochstrasse 51
8044 Zürich

b.falch@smgp.ch

Die Autorinnen haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Senfölhaltige Pflanzen zeigen in vitro und in vivo gute prophylaktische und therapeutische antibakterielle Wirkung.
◆ Die Blätter der Bärentraube zeigen eine gute antibakterielle Wirkung bei bisher überschätzter Toxizität.
◆ Ätherische Öle bergen ein grosses antibakterielles Potential. Sie ermöglichen eine bessere Eradikation, auch von multiresistenten Keimen (hier ist auch eine Kombination mit Antibiotika denkbar).
◆ Kombinationen von antibakteriellen, aquaretischen und antiinflam­matorischen Wirkprinzipien verschiedener Pflanzen haben sich in der Praxis bewährt.
◆ Für einen Antibiotika-sparenden Ansatz bei HWI können Phytotherapeutika einen wichtigen Beitrag in der Prophylaxe und Therapie, ev. als Add-on-Therapie, leisten.

Messages à retenir
◆ Les plantes contenant de l’ huile de moutarde présentent de bons effets antibactériens prophylactiques et thérapeutiques in vitro et in vitro.
◆ Les feuilles de busserole montrent un bon effet antibactérien avec une toxicité précédemment surestimée.
◆ Les huiles essentielles ont un grand potentiel antibactérien. Elles permettent une meilleure éradication, y compris des germes multirésistants (là aussi, une combinaison avec des antibiotiques est envisageable).
◆ Les combinaisons de principes actifs antibactériens, aquarétiques et anti-inflammatoires de différentes plantes ont fait leurs preuves dans la pratique.
◆ Pour une approche permettant d’ économiser les antibiotiques dans les infections urinaires, les phytothérapies peuvent apporter une contribution importante à la prophylaxie et à la thérapie, éventuellement en tant que thérapie complémentaire.

1. https://ssi.guidelines.ch/guideline/2981 (Stand 28.4.21)
2. Altwegg O, Weisskopf S, Mattmüller M, Spieler P, Grandinetti T, Hilfiker A, Carp PC, Huttner A, Calmy A, Hasse B, Etter G, Tarr P., Akute Blasenentzündung – Behandlung ohne Antibiotika. Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(01):23-28.
3. Albrecht U, Goos KH, Schneider B., A randomised, double-blind, placebo-controlled trial of a herbal medicinal product containing Tropaeoli majoris herba (Nasturtium) and Armoraciae rusticanae radix (Horseradish) for the prophylactic treatment of patients with chronically recurrent lower urinary tract infections. Current Medical Research and Opinion. 2007;23(10):2415-2422.
4. Lau I, Albrecht U, Kirschner-Hermanns R., Phytotherapie bei katheterassoziierten Harnwegsinfekten: Beobachtungsstudie zur Wirksamkeit und Sicherheit einer fixen Kombination mit Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel. Urologe A. 2018 Dec;57(12):1472-1480.
5. HMPC Assessment Report on Soliago virgaurea L., herba., 2008;Doc. Ref. EMEA/HMPC/285759/2007
6. de Arriba SG, Naser B, Nolte KU., Risk assessment of free hydroquinone derived from Arctostaphylos Uva-ursi folium herbal preparations. Int J Toxicol. 2013 Nov-Dec;32(6):442-53.
7. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-044l_S3_Harnwegsinfektionen_2017-05.pdf (Stand 21.5.21)
8. Foo LY, Lu Y, Howell AB, Vorsa N. A-Type proanthocyanidin trimers from cranberry that inhibit adherence of uropathogenic P-fimbriated Escherichia coli. J Nat Prod. 2000 Sep;63(9):1225-8.
9. Xiao S, Cui P, Shi W, Zhang Y. Identification of essential oils with strong activity against stationary phase uropathogenic Escherichia coli. Discov Med. 2019 Oct;28(154):179-188.
10. Fu Z, Liska D, Talan D, Chung M. Cranberry Reduces the Risk of Urinary Tract Infection Recurrence in Otherwise Healthy Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Nutr. 2017 Dec;147(12):2282-2288.
11. Wagenlehner FM, Abramov-Sommariva D, Höller M, Steindl H, Naber KG. Non-Antibiotic Herbal Therapy (BNO 1045) versus Antibiotic Therapy (Fosfomycin Trometamol) for the Treatment of Acute Lower Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: A Double-Blind, Parallel-Group, Randomized, Multicentre, Non-Inferiority Phase III Trial. Urol Int. 2018;101(3):327-336.

Erleben wir gerade einen kollektiven «dissoziativen Stupor»?

Auf Bergwanderungen hat man Zeit und Horizont, um drängenden Gedanken Raum zu geben. So geht es mir momentan auf Höhenwanderungen im Goms.
Wir diagnostizieren zuhauf aufgeschobene nationale und globale Probleme, die für unser Land, unseren Planeten und für das Überleben der Menschheit von grösster Tragweite sind: Klimawandel, Gefährdung der Demokratie, neue Machtkämpfe in der multipolaren Weltordnung mit massivem Wettrüsten, zunehmender Gap zwischen Arm und Reich, Massenmigration vom armen Süden in den Norden, Working Poor bei uns, ebenso Altersarmut, etc.
Wir kennen viele mögliche und effiziente Lösungsoptionen, aber es gelingt uns nicht, die Leute von diesen zu überzeugen. Die lange Bank der unerledigten, bald irreparablen Probleme wird länger, quälender und sehr teuer für zukünftige Generationen.
Ja, wir scheinen hilflos vor dieser Flut an Überforderungen. Die Politik, auch bei uns, ist unfähig, nötigen Konsens zu erlangen, um auch nur eines dieser grossen Probleme erfolgreich anzugehen.
Dafür haben wir genial herausgefunden, dass wir nun ganz dringend und zwingend genderneutral sein, Gendersternchen da und dort setzen müssen. Wir haben den Hyperindividualismus just in der Zeit dringend nötiger globaler Solidarität zum Siedepunkt gebracht. Daneben brennen weltweit Wälder, Ländereien und Dörfer versinken im Wasser, massive Regengüsse reissen ganze Berghänge hinunter, Gletscher verschwinden vor unseren Augen, die sibirische Taiga und Tundra im Permafrost wacht auf und setzt riesige Methanmengen frei, die Arktis verliert ihren Eisschild und das Meer frisst sich in die Landmassen.
Eine dissoziative Störung ist ein komplexes psychologisches Phänomen: Als Reaktion auf ein unerträgliches Erlebnis blenden die Betroffenen Erinnerungen daran aus, bis hin zur Auslöschung der eigenen Identität, während gesunde Menschen ihr «Ich» als Einheit von Gedanken, Handlungen und Gefühlen empfinden. Beim dissoziativen Stupor sind die Menschen handlungsunfähig, nicht mehr ansprechbar, obwohl sie scheinbar wach und bewegungsfähig bleiben.
Die Coronakrise hat diese Befunde schlagartig verstärkt. Die Pandemie zeigt ungeschminkt unsere globale Interdependenz bei der Bewältigung der Pandemie und weiterer globaler existentieller Probleme, welche unseren Planeten zu einem einzigen und nur gemeinsam zu rettenden Lebensraum schrumpfen lässt. Eine hochwirksame Impfung ist da, aber wir kriegen es nicht hin, «Best Use» davon machen: Solidarität versus Individualität ist eine Forfait-Situation gegen die Solidarität, welche hier nur wirkt, wenn sie nicht untergraben wird. Viele Krebspatienten z.B. können auch durch eine Corona-Impfung nicht oder nicht genügend geschützt werden und viele kranke und ältere Menschen ebenso. Sie sind zwingend auf die Solidarität der gesunden Menschen angewiesen, welche sich impfen lassen. Dass es uns nicht gelingt, genügend Menschen zu überzeugen, sich impfen zu lassen, hat auch damit zu tun, dass zu viele noch meinen, dass sie wirklich eine Wahl haben.
Nun schlägt das Pendel zurück, die Wahl haben wir nicht! «Macht euch die Erde untertan» hat definitiv ausgedient. Wir wissen heute um die beschränkten planetaren Ressourcen und drohenden Kipp-Punkte des Raumschiffs Erde – unseres einzigen Lebensraums. Wir Ärzte sind erfahrene Diagnostiker, kennen die Komplexität von Umwelt, Gesellschaft und Gesundheit der Menschen. Auch wir scheinen in einem dissoziativen Stupor gefangen zu sein, sind weitgehend abwesend. Im Internet findet sich da und dort ein Positionspapier, ein Factsheet, eine Umfrage, ein Aufruf zur Mitigation (Verlangsamung der Erderwärmung) oder Adaptation (Anpassung an den Klimawandel). Aber dies sind Reaktionen und nicht Aktionen. Wir sollten dringend unsere therapeutische Rolle als «Ärzte für den Planeten» antreten und diesem lähmenden Stupor entgegenwirken!

Prof. em. Dr. med. Thomas Cerny
thomas.cerny@kssg.ch

Prof. em. Dr. med.Thomas Cerny

Rosengartenstrasse 1d
9000 St. Gallen

thomas.cerny@kssg.ch

Opioidunterbehandlung bei Krebs-Patienten mit schlechter Prognose am Lebensende

Enzinger AC et al. US trends in opioid access among patients with poor prognosis cancer near the end-of-life. J Clin Oncol 2021; DOI https://doi.org/10.1200/JCO.21.00476

Zusammenfassung: Heightened regulations have decreased opioid prescribing across the United States, yet little is known about trends in opioid access among patients dying of cancer.
Between 2007 and 2017, the proportion of decedents with poor prognosis cancers receiving > 1 opioid prescription near their end of life declined by 15.5% from 42.0% to 35.5%. Overall, the total amount of opioids prescribed per decedent near EOL fell 38.0%, from 1,075 morphine milligram equivalents per decedent to 666 morphine milligram equivalents per decedent. Simultaneously, the proportion of patients with pain-related ED visits increased 50.8%, from 13.2% to 19.9%. Opioid use among patients dying of cancer has declined substantially from 2007 to 2017. Rising pain-related ED visits suggests that EOL cancer pain management may be worsening.

Tumorpatienten gegen COVID-19 zu impfen lohnt sich

Goshen-Lago T et al: Serologic status and toxic effects of the SARS-CoV-2 BNT162b2 vaccine in patients undergoing treatment for cancer. JAMA Oncol doi:10.1001/jamaoncol.2021.2675

Zusammenfassung: The efficacy and safety profile of SARS-CoV-2 vaccines were acquired from phase 3 studies where patients with cancer were not represented.
This cohort study prospectively enrolled 232 patients with cancer under active treatment after the first and second doses of the BNT162b2 vaccine (Pfizer BioNTech mRNA vaccine) and 261 healthy, age-matched health care workers as controls. After the second vaccine dose, the seropositive rate reached 86% (n = 187) in the patients. Patients undergoing chemotherapy showed reduced immunogenicity. In seronegative cancer patients, the rate of documented absolute leukopenia reached 39%. No COVID-19 cases were documented throughout the study period; however, 2 cases in the patient cohort were noted immediately after the first dose. Adverse events were similar to data from healthy individuals.
The SARS-CoV-2 BNT162b2 vaccine appeared to be safe, and seroconversion occurred in most cancer patients after the second dose. There was a pronounced lag in antibody production compared with the rate in non-cancer controls.

Sacituzumab Govitecan bei triple-negativem Brustkrebs

Bardia A, et al. Sacituzumab Govitecan in metastatic triple-negative breast cancer. N Engl J Med 2021; 384: 1529-41.

Zusammenfassung: Sacituzumab govitecan is an antibody–drug conjugate composed of an antibody targeting the human trophoblast cell-surface antigen 2 expressed in the majority of breast cancers, coupled to SN-38 (a topoisomerase I inhibitor).
In this randomized phase 3 trial, we compared sacituzumab govitecan with single-agent chemotherapy in patients with relapsed or refractory metastatic triple-negative breast cancer. The median progression-free survival (primary endpoint) was 5.6 months with sacituzumab govitecan and 1.7 months with chemotherapy. The median overall survival was 12.1 months with sacituzumab govitecan and 6.7 months with chemotherapy.
PFS and OS were significantly longer with sacituzumab govitecan than with single-agent chemotherapy among patients with metastatic triple-negative breast cancer.

Mobile Gesundheits-Apps in der Onkologie

Upadhyay VA et al. Landscape Analysis of Oncology Mobile Health Applications. JCO Clin Cancer Inform 2021; 5:579-587

Zusammenfassung: More than 325,000 mobile health applications (apps) have been developed. We sought to describe the state of oncology-specific apps.
In the Apple iOS and Google Play app stores we identified 794 oncology-specific applications; only 257 (32%) were evaluable. The most common intended audience was health care professionals (45%), with 28% being geared toward the general public and 27% being intended for patients. The intended function was education for 36%, clinical decision support for 19.5%, and patient support for 18%. Only 23% of education apps and 40% of clinical decision support apps reported any formal app content review process. Web developers created 61.5% of apps, scientific societies created 10%, and hospitals or health care organizations created just 6%.
Few oncology-related apps exist in the commercial marketplace, and there is a notable absence of key oncology stakeholders in app development.

Prof. em. Dr. med. Martin Fey

Bern

martin.fey@insel.ch

Aktien von Novartis, Roche und Johnson & Johnson

Daratumumab-basierte Behandlung bei Immunoglobulin- Leichtketten-Amyloidose

Quelle: Kastritis E. et al., Daratumumab-Based Treatment for Immunoglobulin Light-Chain Amyloidosis. N Engl J Med 2021;385:46-58.

Hintergrund

Die systemische Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose (AL) ist gekennzeichnet durch Ablagerung von Amyloidfibrillen aus Leichtketten, die von klonalen CD38+-Plasmazellen produziert werden. In der vorliegenden Studie wurde nun getestet, ob die Hinzunahme des CD38 Antikörpers Daratumumab zum Standardregimen Cyclophosphamid, Bortezomib, Dexamethason (CyBorD) die Behandlungsergebnisse verbessern kann.

Methode

Patienten mit neu diagnostizierter AL-Amyloidose wurden randomisiert entweder sechs Zyklen CyBorD (Kontrollarm) oder CyBorD mit subkutanem Daratumumab gefolgt von Daratumumab Erhaltungstherapie alle 4 Wochen für bis zu 24 Zyklen (Experimenteller Arm). Der primäre Endpunkt war ein komplettes hämatologisches Ansprechen.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 388 Patienten randomisiert. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 11,4 Monate. Der Prozentsatz der Patienten mit einem hämatologisch vollständigen Ansprechen war in dem Daratumumab-Arm signifikant höher als im Kontrollarm (53,3% vs. 18,1%; 95% Konfidenzintervall [CI], 2,1 bis 4,1; P<0,001). Das Überleben ohne wesentliche Organverschlechterung oder hämatologisches Fortschreiten begünstigte die Daratumumab-Gruppe (Hazard Ratio für schwere Organverschlechterung, hämatologische Progression oder Tod 0,58; 95% CI, 0,36 bis 0,93; P=0,02). Ein kardiales bzw. renales Ansprechen trat in dem Daratumumab-Arm deutlich häufiger als in der Kontrollgruppe (41,5% vs. 22,2% bzw. 53,0% vs. 23,9%) auf. Die vier häufigsten unerwünschten Ereignisse vom Grad 3 oder 4 waren Lymphopenie (13,0% in der Daratumumab-Gruppe und 10,1% in der Kontrollgruppe), Pneumonie (7,8% bzw. 4,3%), Herzversagen (6,2% bzw. 4,8%) und Diarrhö (5,7% bzw. 3,7%). Systemische verabreichungsbedingte Reaktionen auf Daratumumab traten bei 7,3 % der Patienten auf. Insgesamt starben 56 Patienten (27 in der Daratumumab-Gruppe und 29 in der Kontrollgruppe), die meisten aufgrund einer Amyloidose-bedingten Kardiomyopathie.

Schlussfolgerungen

Bei Patienten mit neu diagnostizierter AL-Amyloidose bewirkt die Zugabe von Daratumumab zu CyBorD eine signifikante Zunahme des hämatologischen kompletten Ansprechens und eine signifikante Verlängerung des Überlebens ohne wesentliche Organverschlechterung. (Finanziert von Janssen; ANDROMEDA-Studie; ClinicalTrials.gov-Nummer, NCT03201965).

Signifikant längere Überlebenszeit mit CPX-351-Therapie bei älteren Patienten mit sAML oder HR-AML

Quelle: Lancet JE et al., CPX-351 versus 7+3 cytarabine and daunorubicin chemotherapy in older adults with newly diagnosed high-risk or secondary acute myeloid leukaemia: 5-year results of a randomised, open-label, multicentre, phase 3 trial. Lancet Haematol 2021; 8: e481–91

Hintergrund

Daunorubicin und Cytarabin werden als Standard-Induktionschemotherapie bei Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) eingesetzt. CPX-351 ist eine duale liposomale Verkapselung von Daunorubicin und Cytarabin in einem synergistischen 1:5-Molverhältnis. Primäranalyse der Phase-3-Studie bei Erwachsenen im Alter von 60-75 Jahren mit neu diagnostizierter Hochrisiko- (HR-AML) oder sekundärer akuter myeloischer Leukämie (sAML) führten zur Zulassung von CPX-351 durch die US Food and Drug Administration und die Europäische Arzneimittelbehörde. Aktuell publiziert wurden die finalen 5-Jahres-Follow-up-Ergebnisse.

Methoden

Diese randomisierte, offene, multizentrische Phase-3-Studie wurde in 39 akademischen und regionalen Krebszentren in den USA und Kanada durchgeführt. Die Patienten waren 60-75 Jahre alt und wiesen eine AML-Diagnose nach den Kriterien der WHO 2008 auf, hatten keine vorangegangene Induktionstherapie und einen ECOG-Leistungsstatus von 0-2. Die Patienten wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert (stratifiziert nach Alter und Subtyp der AML). Sie erhielten bis zu zwei CPX-351 Induktionszyklen (100 Einheiten/m², verabreicht als 90-minütige intravenöse Infusion an den Tagen 1, 3 und 5; an den Tagen 1 und 3 für die zweite Induktion) oder eine Standard Chemotherapie (Cytarabin 100 mg/m² pro Tag als kontinuierliche intravenöse Infusion über 7 Tage plus intravenöses Daunorubicin 60 mg/m² an den Tagen 1, 2 und 3 [7+3 Schema]; Cytarabin für 5 Tage und Daunorubicin an den Tagen 1 und 2 für die zweite Induktion [5+2 Schema]). Patienten mit kompletter Remission oder kompletter Remission mit unvollständiger Neutrophilen- oder Thrombozytenerholung konnten bis zu zwei Zyklen Konsolidierungstherapie mit CPX-351 (65 Einheiten/m² 90-minütige Infusion an Tag 1 und 3) oder Chemotherapie (5+2, gleiche Dosierung wie im zweiten Induktionszyklus) erhalten. Der primäre Endpunkt war das Gesamtüberleben.

Ergebnisse

Zwischen dem 20.12.2012 und dem 11.11.2014 wurden 309 Patienten mit neu diagnostizierter HR-AML oder sAML rekrutiert und entsprechend dem Studienprotokoll für die Behandlung mit CPX-351 (153 Patienten) oder 7+3 (156 Patienten) randomisiert. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 60,91 in der CPX-351-Gruppe und 59,93 Monaten in der 7+3-Gruppe betrug das mediane Gesamtüberleben 9,33 Monate (95% CI 6,37-11,86) mit CPX-351 und 5,95 Monate (4,99-7,75) mit 7+3 (HR 0-70, 95% CI 0,55-0,91). Das 5-Jahres-Gesamtüberleben betrug 18% (95% CI 12-25%) in der CPX-351-Gruppe und 8% (4-13%) in der 7+3-Gruppe. Die häufigste Todesursache in beiden Gruppen war eine progressive Leukämie (70 [56%] von 124 Todesfällen in der CPX-351-Gruppe und 74 [53%] von 140 Todesfällen in der 7+3-Gruppe). Sechs (5%) der 124 Todesfälle in der CPX-351-Gruppe und sieben (5%) der 140 Todesfälle in der 7+3-Gruppe wurden mit der Studienbehandlung in Verbindung gebracht.

Schlussfolgerung

Nach einer Nachbeobachtungszeit von 5 Jahren blieb das verbesserte Gesamtüberleben mit CPX-351 gegenüber 7+3 erhalten und unterstützt die bisherige Evidenz, dass CPX-351 bei Patienten im Alter von 60-75 Jahren zu einer langfristigen Remission und einem verbesserten Gesamtüberleben bei Patienten im Alter von 60-75 Jahren mit neu diagnostizierter Hochrisiko- oder sekundärer AML beitragen kann. (Finanziert Jazz Pharmaceuticals; ClinicalTrials.gov-Nummer NCT01696084).

Prof. Dr. med. Christoph Renner

Onkozentrum Hirslanden Zürich und Onkozentrum Zürich
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Christoph.renner@hirslanden.ch

Patienten profitieren von frühem Romiplostim-Einsatz

Mit der Zulassungserweiterung von Romiplostim (Nplate®) für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit primärer Immunthrombozytopenie (ITP), die gegenüber anderen Therapien refraktär sind, ist der Einsatz des Thrombopoetinrezeptor-Agonisten (TPO-RA) auch unmittelbar nach Steroidversagen möglich. Bei einem Amgen-Satellitensymposium im Rahmen des EHA 2021 fokussierte Vickie McDonald vom Royal London Hospital (Vereinigtes Königreich) auf den richtigen Zeitpunkt zum Wechsel der Therapie.

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Le recours précoce au romiplostim est bénéfique pour les patients

Avec l’ extension de l’ autorisation du romiplostim (Nplate®) au traitement des patients adultes atteints de thrombopénie immunologique primaire (PTI) réfractaire aux autres traitements, cet agoniste du récepteur de la thrombopoïétine (TPO-RA) peut être utilisé même immédiatement après l’ échec d’ une corticothérapie. Le bon moment pour changer de traitement a été balisé par Vickie McDonald, du Royal London Hospital (Royaume-Uni), au cours d’ un symposium satellite d’ Amgen dans le cadre de l’ EHA 2021.

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