Stellenwert der Tele-Rehabilitation

Die trainingsbasierte kardiovaskuläre Rehabilitation (KVR) stellt neben der Implementierung moderner interventioneller und medikamentöser Therapien eine wichtige Säule des Behandlungskonzeptes von Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen dar. Die COVID-19-Pandemie hat die Umsetzung rehabilitativer Massnahmen massgeblich erschwert. Der folgende Beitrag erläutert die Implementierung einer Telerehabilitation und mögliche Trainingskonzepte am Beispiel einer Umsetzung aus dem kardiovaskulären Präventionszentrum des Universitätsspitals Basel. (Solche Programme bestehen bereits, Fragen zur praktischen Umsetzung werden diskutiert).

La réadaptation cardiovasculaire basée sur l’ exercice est un pilier important du concept de traitement des patients atteints de maladies cardiovasculaires, en plus de la mise en œuvre de thérapies interventionnelles et médicamenteuses modernes. La pandémie de COVID-19 a considérablement entravé la mise en œuvre des mesures de réhabilitation. Cet article présente la mise en œuvre de la télé-réhabilitation et des concepts de formation possibles selon l’ exemple du centre de prévention
cardiovasculaire de l’ hôpital universitaire de Bâle. (De tels programmes existent déjà, les questions relatives à la mise en œuvre pratique seront discutées).

Die trainingsbasierte kardiovaskuläre Rehabilitation (KVR) stellt neben der Implementierung moderner interventioneller und medikamentöser Therapien eine wichtige Säule des Behandlungskonzeptes von Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen dar (1), was in den Leitlinien durch den Evidenzgrad IA abgebildet ist (2). Hierbei werden durch physische, psychische, edukative und medikamentöse Verbesserungen sowie die positive Beeinflussung der bestehenden Risikofaktoren (Rauchstopp, Diabetes-, Dyslipidämie-, und Hypertonie-Behandlung (3)) eine Reduktion der Mortalität, Hospitalisationsrate (4) und psychischen Belastungen (5) erreicht.
Die COVID-19-Pandemie hat die Umsetzung rehabilitativer Massnahmen massgeblich erschwert, so dass diese teils nicht mehr oder nur in sehr eingeschränktem Umfang möglich sind. Die Einschränkungen ergeben sich durch die kantonalen Hygienemassnahmen, welche das erhöhte Infektions-Risiko von Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen (Infarkt, Herzoperation, Herzinsuffizienz) sowie fortgeschrittenem Alter (6) berücksichtigen. Dadurch sollen schwere Krankheitsverläufe auf ein Minimum reduziert werden.
Die Indikation für eine häuslich basierte KVR (HB-KVR) in sekundärpräventiver Absicht ist daher grösser denn je (7). Ein Verschub der rehabilitativen Massnahmen in eine «Corona-freie Zeit» ist keine Alternative, da der verzögerte Beginn einer KVR um eine Woche bereits einen um 4 Wochen verlängerten Trainingsaufwande verlangt, um die gleichen Benefits im Vergleich zu einem unmittelbaren Beginn zu erreichen (8). Das Ziel einer optimalen Behandlung von Herzpatienten ist daher bei gegebener Indikation der schnellstmögliche Start einer trainingsbasierten KVR unter gleichzeitigem Schutz vor Ansteckung. Die international wiederkehrenden Lockdowns im vergangenen Jahr waren ein Motor zur Etablierung von HB-KVR-Programmen (7), allerdings bestehen, trotz der erwiesenen Erkenntnis bzgl. der Vorteile einer HB-KVR (9), weiterhin Fragen bzgl. der praktischem Umsetzung einer Telerehabilitation.

Indikation und Ziele einer kardiovaskulären Rehabilitation

Die «Swiss Working Group for Cardiovascular Prevention, Rehabilitation and Sports Cardiology» (SCPRS) hat in einer online verfügbaren Empfehlung (10) die Indikationen zur KVR veröffentlicht. Hierzu zählen u.a. Patienten und Patientinnen mit St.n. nach Herzinfarkt, akutem/chronischem Koronarsyndrom mit/ohne PCI, Patienten und Patientinnen nach Operationen am Herzen und an den Gefässen sowie das Vorhandensein multipler Risikofaktoren (z.B. metabolisches Syndrom mit/ohne chronischer Herzkrankheit) und Herzinsuffizienz. Ziele und Inhalte der Rehabilitation sind dabei sowohl die Risikostratifizierung für Rezidive als auch die Umsetzung einer adäquaten medikamentösen Sekundärprophylaxe, Information über Krankheit (Diagnostik und Therapie) und Risikofaktoren, Rekonditionierung nach Immobilisierung sowie Korrektur eines vorbestehenden Bewegungsmangels. Ausserdem sollen Lebensstilveränderungen mit Aneignung eines gesunden Lebensstils angestrebt werden (u.a. Ernährungsberatung, Stressbewältigung, Raucherentwöhnung).

Unterschied zwischen stationärer & konventionell ambulanter kardiovaskulärer Rehabilitation

Zur Differenzierung zwischen einer ambulanten Rehabilitation und einer stationären Rehabilitation stellt die SCPRS fest, dass eine ambulante Einrichtung den Vorteil der Wohnortnähe, den möglichen Einbezug von Angehörigen, die Durchführung über längere Zeit sowie des Weiteren die Möglichkeit einer Teilzeit-Berufstätigkeit ergibt. Für eine stationäre Rehabilitation sprechen ein komplikationsreicher Verlauf, ausgeprägte Komorbidität (Begleiterkrankungen), ein erhöhter Pflegebedarf, die Notwendigkeit intensiver medizinischer Überwachung und Kontrolle sowie eine fehlende Betreuung zu Hause.

Vorteile und Limitationen der Telerehabilitation

Neben einer ubiquitären Verfügbarkeit mit grosser Reichweite besticht die Telerehabilitation durch eine hohe Kosteneffizienz und schnelle Implementierung individueller rehabilitativer Massnahmen (11) zu Zeiten eines Lockdowns. Idealerweise wird sie im Sinne einer effektiven «Hybridrehabilitation» praktiziert. Das bedeutet: Training und Weiterbildung werden zu Hause durchgeführt, während zur adäquaten medizinischen Beurteilung der Patienten zusätzlich Sprechstunden und Diagnostik im Zentrum stattfinden (12). Die hohe Akzeptanz der Telerehabilitation seitens der Patienten konnte nachgewiesen werden (9) und bestätigte sich auch durch unsere persönlichen Beobachtungen während der Lockdown-Phasen. Es bestätigte sich erwartungsgemäss, dass insbesondere Patienten nach Herzoperation häufiger als nach Katheterintervention und jüngere Patienten häufiger als ältere an Telerehabilitationsprogrammen teilnehmen. Keine Rolle spielten dagegen das Geschlecht, die persönliche Herkunft sowie die Wohnorte (Stadt versus Land) (13). Leider bestehen bisher Softwaresysteme hauptsächlich für muskuloskelettale, neurologische und pneumologische Heimprogramme, nicht jedoch für die HB-KVR (14), obschon zum Beispiel die Implementierung eines Handgelenk-Monitors für die HB-KVR zeigen konnte, dass sie einer zentrumsbasierten kardiovaskulären Rehabilitation (ZB-KVR) nicht unterlegen ist (15). Bzgl. der Verfügbarkeit eines Onlinezuganges bestehen in der Schweiz nur noch geringe Limitationen, die allergrösste Mehrheit der schweizerischen Bevölkerung besitzt ein Smartphone bei jährlich weiteren Zuwächsen (16). Selbst die vermeintlich am wenigsten digitalisierte Gruppe der herzinsuffizienten Patienten nutzte bereits 2016 (allerdings in den USA) das Smartphone durchschnittlich 120 min pro Tag (17). Die Einschätzung der Sicherheit, des Einflusses auf die Lebensqualität und auf Ängste der Teilnehmer, sowie die Akzeptanz und Adhärenz an HB-KVR herzinsuffizienter Patienten wird weiter untersucht und ist Gegenstand der aktuellen TELEREH-HF-Studie (18).
Es kann zusammengefasst werden, dass die HB-KVR verglichen zur konventionellen ZB-KVR äquivalente Erfolge erzielt und daher insbesondere in Zeiten der COVID-19-Pandemie unbedingt forciert eingesetzt werden sollte (19).

Implementierung einer Telerehabilitation am Beispiel des kardiovaskulären Präventionszentrums am USB

Basierend auf den Erkenntnissen des Lockdowns im Frühjahr 2020 in der Schweiz wurde auf der Grundlage aktueller Empfehlungen bzgl. relevanter Inhalte für ein HB-KVR-Programm der Phase II (5) ein Online-Hybrid-Rehabilitationsprogramm (HB-KVR) für den Fall eines weiteren Lockdowns entwickelt. Die Schliessung der ZB-KVR wurde durch erneut stark steigende Corona-Fallzahlen im Dezember 2020 nötig, sodass die HB-KVR zur Umsetzung kam (vgl. Abb. 3):
Es erfolgt jeweils primär eine ärztliche Eintrittsuntersuchung mit Anamnese, klinischer Beurteilung, Labor, EKG und Spiroergometrie, woraufhin der Patient/die Patientin in eine Leistungsgruppe eingeteilt wird. Im Anschluss erfolgt eine Bewegungssprechstunde bei einem/einer Sporttherapeut/-in, um einen Trainingsplan für die HB-KVR auszuarbeiten. Mit aeroben Ausdauertrainingseinheiten und zusätzlichen Kräftigungstrainings für die grossen Muskelgruppen folgt dieses Vorgehen den Standards der SCPRS. Hierbei wird festgelegt, ob die technischen und kognitiven Voraussetzungen gegeben sind für die Beteiligung an einem online-live-Training, oder ob auf ein Papierformat zurückgegriffen werden muss:

1. Das Online-live-Training der HB-KVR, für welches am Vortag jeweils via Email ein Link verschickt wird, basiert auf 3-4 Trainingseinheiten pro Woche à 30-45 Minuten und beinhaltet Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Gleichgewichtsübungen. Zusätzlich werden den Patienten individualisiert Übungen und Trainingsoptionen aufgezeigt, die jederzeit selbstständig durch Zugriff auf www.karamba-reha.ch ohne Kosten, Passwort oder Anmeldung aufgerufen und absolviert werden können (diverse 20-30 Minuten Trainingsvideos für Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Koordination). Die absolvierten Trainingseinheiten werden in einem Bewegungstagebuch mit Dauer, Intensität und subjektiver Beanspruchung (nach Borg) dokumentiert und, falls vorhanden, mittels Herzfrequenzmessungen und Schrittzähler unterstützt. Nach 3 Wochen werden (in der Regel wieder telefonisch) mögliche Probleme und Barrieren thematisiert und evtl. Anpassungen durchgeführt.
2. Für Patienten ohne Internet-Zugang wurden Übungsformen mit Haushaltsmaterialien entwickelt und in einem anleitenden Papierformat festgehalten, welche dann jedoch nach Umsetzung ebenfalls in einem Bewegungstagebuch notiert werden. Die Patienten ohne Internet-Zugang werden während der Rehabilitation engmaschiger telefonisch und durch Konsultationen betreut.

Begleitend zum Onlinetraining finden Online-Schulungen und ärztliche Konsultationen sowie individuelle Beratungen wie z.B. Rauchstoppsprechstunden (letztere bedarfsorientiert im Zentrum) statt. Am Ende der Rehabilitation, nach 12 Wochen, schliesst sich eine Austrittsuntersuchung an. Die Ergebnisse werden nach Abschluss des Lockdowns wissenschaftlich untersucht und mit einer konventionellen ZB-KVR verglichen.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Rupprecht Wick

Herzzentrum Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Rupprecht.Wick@usb.ch

MSc Madeleine Wick

Herzzentrum Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Dr. med. Matthias Hägele

Herzzentrum Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Die Autoren haben deklariert, dass in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte vorliegen.

◆ Die Implementierung einer häuslich basierten Rehabilitation sollte während Phasen des COVID-19 Lockdowns unbedingt allen für eine Rehabilitation qualifizierenden Patienten ermöglicht werden.
◆ Häuslich basierte kardiovaskuläre Rehabilitation, insbesondere als Hybridvariante mit regelmässigen Verlaufsuntersuchungen im Zentrum parallel zum Heimtraining scheinen gleich erfolgreich zu sein wie zentrumsbasierte ambulante Rehabilitationsprogramme.
◆ Definite Strukturen, rechtliche Grundlagen, Abrechnungsmodelle und optimalerweise Software-Programme mit Heim-Monitoring-Optionen müssen unbedingt zur ubiquitären Nutzung geschaffen werden.

Messages à retenir
◆ Lors des périodes de fermeture dues au COVID-19, la mise en œuvre d’ une réadaptation à domicile doit absolument être rendue possible pour tous les patients remplissant les conditions requises pour une réadaptation.
◆ La réadaptation cardiovasculaire à domicile, en particulier sous forme hybride avec un suivi régulier au centre parallèlement à l’ entraînement à domicile, semble avoir autant de succès que les programmes de réadaptation ambulatoire en centre.
◆ Des structures définies, des bases juridiques, des modèles de facturation et, idéalement, des logiciels avec des options de surveillance à domicile doivent être créés pour une utilisation omniprésente.

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5. Verschueren S. The effect of exercise therapy on depressive and anxious symptoms in patients with ischemic heart disease: a systematic review. J Psychosom Res 2018;105:80-91.
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Erhöhte Harnsäure – wirklich nur Gicht oder mehr?

Hyperurikämie geht mit vermehrter koronarer Herzkrankheit, zerebrovaskulären Ereignissen und Gesamtmortalität sowie mit renalen Problemen einher. In einem ersten Teil wurde über Hyperurikämie und kardiovaskuläre Probleme berichtet, dieser zweite Teil beschäftigt sich mit renalen Aspekten.

L’ hyperuricémie est associée à une augmentation des maladies coronariennes, des événements cérébrovasculaires et de la mortalité toutes causes confondues, ainsi qu’ à des problèmes rénaux. Dans une première partie, l’ hyperuricémie et les problèmes cardiovasculaires sont rapportés, cette seconde partie traite des aspects rénaux.

Teil 2: Hyperurikaemie und Niere

Epidemiologie

Die Serumharnsäurekonzentration ist nicht mit der Progression einer vorbestehenden chronischen Niereninsuffizienz assoziiert (zitiert in 5). So wird die Behandlung einer Hyperurikaemie bei etablierter chronischer Niereninsuffizienz in den Guidelines auch nicht empfohlen (zitiert in 1). Demgegenüber ist die Serumharnsäurekonzentration in der grossen Mehrzahl verfügbarer Studien ein unabhängiger Prädiktor einer neu auftretenden chronischen Niereninsuffzienz (zitiert in 5). Beispiel dafür ist das Vienna Health Screening Project, wo 21 475 gesunde Freiwillige über eine mittlere Verlaufsdauer von 7.4 Jahren nachverfolgt wurden (28). Nach multivariater Korrektur wurde in Relation zur Baseline-Serumharnsäure das Risiko des Neuauftretens einer zumindest mittelschweren Niereninsuffizienz mittels eGFR (MDRD-Formel) errechnet. Im Vergleich zu Probanden mit einer Baseline-Serumharnsäure < 416 mmol/l war das Risiko des Neuauftretens einer eGFR < 60 ml/min./1.73 m2 bei Baseline-Harnsäure 416-529 μmol/l um 74% und bei > 530 μmol/l um 212% erhöht (28).

Pathophysiologie

Genomweite Assoziationsstudien fanden 9 Loci, welche sowohl mit eGFR und chronischer Niereninsuffizienz als auch Serumharnsäure assoziiert sind (5). Diese Loci enkodieren aber in keinem einzigen Fall Harnsäuretransporter (5). Zudem induzieren die Allele, welche mit Harnsäureanstieg einhergehen, sowohl eine Verbesserung als auch Verschlechterung der Nierenfunktion (5) – das oxidativ-antioxidative Paradox …
Die Entwicklung/Progredienz einer chronischen Niereninsuffizienz bei Hyperurikaemie kann theoretisch durch zwei Pathomechanismen begünstigt werden (5):

  • Die lösliche Harnsäure begünstigt v.a. intrazellulär via oxidativen Stress endotheliale Dysfunktion, tubulointerstitielle Fibrose und mesangiale Proliferation/In-flammation sowie glomeruläre Arteriolopathie (Vasokonstriktion mit konsekutiver Nierenfunktionsverschlechterung).
  • Eine Harnsäurekristallurie infolge Hyperurikosurie induziert lokale Inflammation und tubulo-interstitielle Schädigungen mit nachfolgendem Nierenfunktionsverlust.

Diese beiden Pathomechanismen wurden neulich tierexperimentell anhand eines neu entwickelten Mausmodells getestet (29). Dabei war eine asymptomatische Hyperurikaemie allein nicht imstande, eine Progression der chronischen Niereninsuffizienz zu induzieren. Demgegenüber war die Niereninsuffizienz bei jenen hyperurikaemischen Mäusen progredient, welche unter Urinansäuerung zusätzlich eine Harnsäurekristallurie aufwiesen (29). Diese triggerte eine chronische Harnsäurekristall-Nephropathie mit Tubulusobstruktion, Inflammation und interstitieller Fibrose (29). Erst im Spätstadium traten dann zusätzlich interstitielle Harnsäurekristall-Granulome auf (29).

Klinische Daten

Erhöhte Serumharnsäure bei normaler Nierenfunktion

Die Datenlage ist sehr limitiert. In einer Studie bei 275 Patienten mit koronarer Herzkrankheit und einer mittleren eGFR um 80 ml/min./1.73 m2, welche einer Kontrastmitteluntersuchung unterzogen wurden, entwickelten unter Hydrierung mit NaCl 0.9% 34% und unter NaCl 0.9% + Acetylcystein 20% eine Kontrastmittel-induzierte Nierenfunktionsverschlechterung; eine solche trat in keinem der mit NaCl 0.9% + Allopurinol behandelten Patienten auf (30). In einer kleinen Studie bei asymptomatischen Hyperurikaemikern (> 415 μmol/l) bewirkten 300 mg Allopurinol pro Tag im Vergleich zu hyperurikaemischen Kontrollen einen leichten Anstieg der mittleren eGFR von 86 auf 89 ml/min./1.73 m2 (p = 0.001), was ohne Allopurinol nicht der Fall war (14). Basierend auf diesen wenigen Daten ist eine Behandlung der asymptomatischen Hyperurikaemie bei normaler Nierenfunktion nicht gerechtfertigt.

Erhöhte Serumharnsäure bei etablierter Nephropathie

Badve et al. (31) fanden jüngst bei 369 prospektiv randomisierten gichtfreien Patienten mit einer mittleren Serum-Harnsäure von 490 μmol/l, chronischer Niereninsuffizienz (mittlere eGFR 32 ml/min./1.73 m2) und Makroalbuminurie unter Allopurinol im Vergleich zu Placebo über zwei Jahre trotz Reduktion der Serumharnsäure unter Allopurinol keine Unterschiede bezüglich Progredienz von chronischer Niereninsuffizienz und Albuminurie (31). Gleichzeitig wurde eine Studie an 530 Typ1-Diabetikern mit diabetischer Nephropathie unter Therapie mit einem RAA-Hemmer, einer Iohexol-basierten GFR von im Mittel 68 ml/min./1.73 m2 und einer mittleren Serumharnsäure von 363 μmol/l veröffentlicht (32). Unter Allopurinol halbierte sich die Serumharnsäure, während sie unter Placebo auf dem Ausgangswert verharrte (32). Diese Reduktion der Serumharnsäure hatte aber keinen Effekt auf Nierenfunktionsverlust und Albuminurie (32). Somit bestätigen diese gut kontrolliert-randomisierten Studien die Guidelines, wonach die Senkung einer erhöhten Harnsäure bei etablierter chronischer Nierenerkrankung keinen nephroprotektiven Effekt vermittelt.

Niere und Harnsäurekristallurie/-lithiasis – die Gichtniere

Studien haben überzeugend gezeigt, dass sowohl das voll ausgeprägte Metabolische Syndrom (33) als auch ein zunehmender Body Mass Index (zentrale Adipositas) (34) mit gehäuftem Vorkommen von Harnsäure-Kristallurie und -Nephrolithiasis assoziiert sind. Das Problem der Harnsäurenephrolithiasis ist primär nicht die vermehrte Harnsäureausscheidung, sondern eine Hyperurikaemie in Kombination mit stark sauren Urinen («undue urine acidity») (35). Bei stark saurem Urin (pH < 5.3) liegt die Harnsäure überwiegend als undissoziierte Harnsäure vor, welche mit 0.54 mmol/l eine sehr geringe Löslichkeit aufweist – es kommt auch bei normaler Gesamtharnsäureausscheidung zu Kristallurie und Steinbildung (35). Die hohe Urinazidität ist Folge einer verminderten renalen Ammoniumausscheidung mit verminderter Pufferung von H+-Ionen (35). Nicht selten sind Harnsäuresteinpatienten auch Typ 2-Diabetiker (36), und bei Typ 2-Diabetikern fallen die Urin-pH-Werte mit zunehmender Insulinresistenz progredient ab (37). Da Insulin für die Produktion von Ammoniumionen im proximalen Tubulus mitverantwortlich ist, geht man von einer renal-tubulären Insulinresistenz als Ursache der verminderten Ammoniumionen-Produktion bei Harnsäuresteinpatienten mit Diabetes oder Metabolischem Syndrom aus (38)


Tab. 1 fasst die Eckpunkte der Prophylaxemassnahmen bei Harnsäurekristallurie/-lithiasis zusammen. Obwohl Ernährungsmassnahmen zur Reduktion der Säurelast sinnvoll sind, geht es nicht ohne Medikamente (35). Eine Senkung der Serumharnsäure ist in dieser Situation nicht zielführend und nur bei Patienten mit Gicht indiziert (39). Hingegen muss bei Harnsäurenephrolithiasis immer eine adaequat dosierte Langzeit-Alkalitherapie etabliert werden, um die Löslichkeit von Harnsäurekristallen zu erhöhen. Die Dosis muss durch Urin-pH-Messungen des Patienten «eintitriert» werden, bis der Urin-pH-Zielbereich von konstant um 6.5 erreicht wird (35).
Die oben erwähnten tierexperimentellen Daten (29) unterstreichen die Wichtigkeit der hohen Urinazidität für die Entstehung einer Harnsäure-Kristallurie als nierenschädigendes Prinzip. Genau dies wurde jetzt in einer humanen Cross-Sectional-Studie an 502 Patienten mit unbehandelter Gicht im Vergleich zu 515 Patienten ohne Gicht sonographisch dokumentiert: 36% der Gichtpatienten, aber kein einziger Kontrollpatient, wiesen ein stark hyperechogenes Nierenmark auf, was auf eine mikrokristalline tubulointerstitielle Nephropathie hinwies (40). Das hyperechogene Muster war positiv korreliert zu Gichtkrankheitsdauer, Gichttophi, Gichtarthropathie und abnehmender eGFR (40). Somit schliesst sich der Kreis zur Gicht: auch die immer wieder diskutierte «Gichtniere» ist offensichtlich Folge einer chronisch vermehrten Harnsäurekristallisation in den Nieren. Diese sollte wegen des drohenden progredienten Nierenfunktionsverlusts durch medikamentöse Serumharnsäuresenkung und gleichzeitige Langzeit-Alkalinisierung des Urins verhindert werden.

PD Dr. med. Bernhard Hess

Innere Medizin & Nephrologie/Hypertonie
NierensteinZentrumZürich
Klinik Im Park
Bellariastrasse 38
8038 Zürich

bernhard.hess@hirslanden.ch

Der Autor hat deklariert, keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel zu haben.

◆ Eine Hyperurikaemie mit Gicht muss unabhängig von kardio-renalen Problemen immer behandelt werden!
◆ Die Behandlung einer asymptomatischen Hyperurikaemie sowohl bei normaler als auch eingeschränkter Nierenfunktion hat keinen relevanten nephroprotektiven Effekt.
◆ Bei Harnsäurekristallurie/-Nephrolithiasis ist eine Langzeit-Urinalkalinisierung (Urin-pH um 6.5) obligat; besteht zusätzlich eine Gicht, muss ergänzend die Serumharnsäure medikamentös gesenkt werden.

Messages à retenir
◆ L’ hyperuricémie avec la goutte doit toujours être traitée indépendamment des problèmes cardio-rénaux !
â—† Le traitement de l’ hyperuricémie asymptomatique en cas de fonction rénale normale ou altérée n’a aucun effet néphroprotecteur pertinent.
◆ En cas de cristallurie/néphrolithiase d’ acide urique, une alcalinisation urinaire à long terme (pH urinaire autour de 6,5) est obligatoire ; si la goutte est également présente, l’ acide urique doit être abaissé en plus avec des médicaments

28. Obermayr RP, Temml C, Gutjahr G, Knechtelsdorfer M, Oberbauer R, Klauser-Braun (2008). Elevated uric acid increases the risk for kidney disease. J Am Soc Nephrol 19: 2407-2413.
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Wann welche Aggregationshemmer, wann OAK in der Kardiologie?

In der Kardiologie besteht eine Vielzahl von Indikationen für Aggregationshemmer sowie Antikoagulantien. Koronare Herzkrankheit, Vorhofflimmern und Kunstklappen sind die häufigsten Gründe für deren Einnahme überhaupt und eine korrekte Indikationsstellung ist insbesondere in Anbetracht potentieller Blutungskomplikationen essentiell. Vor eine zusätzliche Herausforderung stellt uns im klinischen Alltag nicht nur die Tatsache, dass mehrere der genannten Erkrankungen gleichzeitig bestehen können, sondern auch dynamische Therapieempfehlungen über die letzten Jahre und eine grosse Auswahl an möglichen Wirkstoffen. Im Folgenden möchten wir gerne einen Überblick verschaffen basierend auf den aktuellen Guidelines der europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC).

Thrombozytenaggregationshemmer

Eine effektive Thrombozytenaggregationshemmung ist für die Behandlung von Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit, akutem Koronarsyndrom sowie nach koronarer Stentimplantation eine prognoseverbessernde Therapie. Die pathogenetische Bedeutung der Thrombozyten liegt in einer Adhäsion an vorgeschädigtes Endothel oder noch nicht endothelialisierte Koronarstents mit sekundärer Einleitung der Gerinnungskaskade und Gefäss- oder Stentokklusion.
Besteht eine stabile koronare Herzkrankheit ohne Stentimplantation in den vergangenen 12 Monaten, ist eine Monotherapie mit dem Cyclooxygenase 1-Hemmer Acetylsalicylsäure (ASS) in einer Dosis von 75-100mg/d ausreichend. Im Zusammenhang mit einer instabilen Erkrankung oder interventionellen Therapie ist jedoch die Indikation zur dualen Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT) gegeben. Hierbei handelt es sich um die Kombinationstherapie von ASS mit einem Adenosin-Diphosphat(ADP)-P2Y12-Rezeptor-Blocker. Art und Dauer der dualen Therapie geben im klinischen Alltag oft Anlass zur Unsicherheit und sollen deshalb im Folgenden erläutert werden. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die möglichen Wirkstoffe.

Akutes Koronarsyndrom

Zur Prognoseverbesserung nach akutem Koronarsyndrom (instabile Angina pectoris, nicht ST-Hebungsinfarkt sowie ST-Hebungsinfarkt) sollte eine duale Thrombozytenaggregationshemmung für 12 Monate erfolgen, unabhängig davon ob konservativ, interventionell oder chirurgisch therapiert wird und unabhängig von der Art des implantierten Stents.
Generell wird in dieser Situation mit einem potenten P2Y-Inhibitor, namentlich Ticagrelor oder Prasugrel, zusätzlich zu ASS therapiert. Die Verwendung von Clopidogrel ist zweite Wahl, im Falle von Kontraindikationen für erstere Substanzen. Prasugrel kann in Betracht gezogen werden für Patienten, deren Koronaranatomie bekannt und eine interventionelle Therapie geplant/erfolgt ist. Ansonsten ist aber Ticagrelor auch infolge breiterer Anwendungsmöglichkeit die Substanz erster Wahl. Als relevante Nebenwirkung von Ticagrelor ist Dyspnoe zu erwähnen, was gelegentlich einen Wechsel auf Clopdiogrel erfordert.
Für Patienten mit erhöhtem Blutungsrisikos kann die Dauer der DAPT potentiell auf 6 Monate reduziert und ab dann mit ASS alleine therapiert werden. Die Kriterien für ein hohes Blutungsrisiko sind in Tabelle 2 genannt.
Besteht im ersten Jahr nach Myokardinfarkt die Notwendigkeit zum Pausieren der DAPT für einen chirurgischen Eingriff, sollte dieser so weit möglich hinausgeschoben werden. Allgemein ist das Risiko eines erneuten ischämischen Ereignisses durch das Pausieren der DAPT höher, je kürzer das akute Koronarsyndrom zurück liegt und ist abhängig von der individuellen Koronaranatomie und Komplexität der Intervention.
Ein temporäres Pausieren des P2Y-Inhibitors unter Fortführung von Aspirin ist in den meisten Fällen 6 Monate nach Ereignis vertretbar. Sollte dies früher notwendig sein, sind Nutzen und Risiko im Individualfall abzuwägen und es empfiehlt sich im Zweifelsfall die Rücksprache mit dem behandelnden invasiven Kardiologen.

Perkutane koronare Revaskularisation ohne akutes Koronarsyndrom

Wird bei stabiler koronarer Herzerkrankung eine elektive perkutane Stentimplantation durchgeführt, besteht in den ersten Monaten die erhöhte Gefahr einer Stentthrombose oder In-Stent-Restenose. Deshalb sollte bei jenen Patienten grundsätzlich eine duale Therapie mit ASS und Clopidogrel für 6 Monate erfolgen. Im Falle eines erhöhten Blutungsrisikos kann die Dauer der dualen Therapie ggf auf 1-3 Monate reduziert werden.

Orale Antikoagulation

Im Gegensatz zu den Thrombozytenaggregationshemmern werden die oralen Antikoagulantien eingesetzt, um einer übermässigen Gerinnung vorzubeugen. Ein erhöhtes Risiko dafür besteht gemäss den Virchow Trias im Falle einer Hyperkoagulabilität, Gefässwandschädigung oder
Stase. Letzteres kommt zum Tragen bei Patienten mit Vorhofflimmern. Die beeinträchtigte linksatriale Kontraktilität mit vermindertem Blutfluss, insbesondere im linken Vorhofsohr, führt zu einem deutlich erhöhten lokalen Gerinnungsrisiko. Des Weiteren besteht die Indikation zur oralen Antikoagulation kardiologisch im Falle einer veränderten Rheologie bedingt durch Kunstklappen und seltener aufgrund eines intracavitären Thrombus.

Vorhofflimmern

Bei Patienten mit Vorhofflimmern wird die Indikation zur oralen Langzeitantikoagulation nach einer individuellen Risikoeinschätzung mittels CHA2DS2-VASc score gestellt. Die 2020 neu erschienenen ESC Guidelines empfehlen den Beginn mit einer oralen Antikoagulation im Falle eines CHA2DS2-VASc scores von ≥ 1 bei Männern und ≥ 2 bei Frauen (Klasse IIa B). Eine deutlichere Evidenz und somit höhere Indikationsklasse besteht ab einem Score von ≥ 2 bei Männern und ≥ 3 bei Frauen (Klasse IA).
Diese Indikation besteht unabhängig davon, ob es sich um eine paroxysmale, persistente oder permanente Arrhythmie handelt. Des Weiteren wird der Therapieentscheid auch nicht davon beeinflusst, ob erfolgreich mittels antiarrhythmischer Medikation oder elektrischer Kardioversion therapiert wird.
Wird eine orale Antikoagulation neu begonnen, sind die direkten oralen Antikoagulanzien (DOAC) den Vitamin K-Antagonisten (VKA) vorzuziehen. Dies in Folge mehrerer Metaanalysen zu allen 4 möglichen Wirkstoffen (siehe Tabelle 1), die insgesamt eine stärkere Reduktion an thromboembolischen Ereignissen, geringere Rate von hämorrhagischen cerebralen Insulten sowie einen generellen Mortalitätsvorteil gegenüber den VKA zeigten. Einziger Nachteil schien in genannten Studien eine vergleichsweise höhere Rate an gastrointestinalen Blutungen.
Relevante Kontraindikationen für die DOAC und Ausnahmen, in denen eine Therapie mit Marcoumar indiziert ist, sind eine mindestens mittelschwere Mitralstenose oder das Vorhandensein einer mechanischen Herzklappe zusätzlich zum Vorhofflimmern.
Auch nach erfolgter Katheterablation von Vorhofflimmern sollte unabhängig von deren Erfolg weiter antikoaguliert werden, da asymptomatische Rezidive im Langzeitverlauf auftreten können. Eine Ausnahme besteht bei Patienten mit tiefem CHA2DS-VASc score (0 bei Männern und 1 bei Frauen), bei welchen keine allgemeine Indikation zur OAK besteht. Aufgrund des temporär erhöhten Thrombusrisikos nach Ablation wird postinterventionell ebenfalls eine OAK für mind. 2 Monate notwendig, ein Sistieren ist danach aber vertretbar.

Mechanische Kunstklappen

Aufgrund der Thrombogenität des prothetischen Materials ist im Falle einer mechanischen Kunstklappe eine lebenslange orale Antikoagulation in jedem Fall indiziert. Für die DOAC besteht nach Hinweisen auf eine sowohl deutlich erhöhte Thromboembolie- als auch Blutungsrate unter Dabigatran eine Kontraindikation. Deshalb sind hier Vitamin K-Antagonisten die Substanz der Wahl. Der Ziel-INR beträgt in der Regel 3.0 oder 3.5, ist jedoch individuell festgelegt in Abhängigkeit von Patienten bezogenen Risikofaktoren (Co-Existenz von Vorhofflimmern, Klappenposition, LV-EF < 35%) sowie Thrombogenität der verwendeten Klappe.

Biologische Kunstklappen

Die Thrombogenität biologischer Kunstklappen ist deutlich geringer. Eine orale Antikoagulation wird hier temporär für 3 Monate nach Implantation empfohlen für Klappen in Mitral- oder Trikuspidalposition. Biologische Klappen in aortaler Position bedürfen keiner oralen Antikoagulation. Sowohl nach chirurgischem sowie auch interventionellem Ersatz (TAVI) wird abhängig von der verwendeten Klappe 3-6 Monaten mit ASS Monotherapie therapiert.

Kombinationstherapie aus OAK und Thrombozytenaggregationshemmung

Ungefähr 6-8% der Patienten, bei denen eine PCI erfolgt, haben zusätzlich eine Indikation zur oralen Antikoagulation. Verglichen mit der OAK alleine führt die zusätzliche Einnahme einer DAPT zu einem zwei- bis dreifach erhöhten Blutungsrisiko. Entsprechend ist eine individuelle Nutzen-/Risikoabwägung essentiell und die Dauer einer sogenannten Tripel-Therapie muss möglichst kurz gehalten werden.
Zur Behandlung einer stabilen koronaren Herzerkrankung ohne akutes Koronarsyndrom oder PCI im letzten Jahr ist eine alleinige Therapie mittels oraler Antikoagulation ausreichend, auf die Zugabe von ASS sollte in dieser Situation verzichtet werden.
In den ersten 12 Monaten nach einem akuten Koronarsyndrom oder einer PCI ist die Therapiestrategie individuell festzulegen nach Abwägung des jeweiligen Ischämie- sowie Blutungsrisikos.
Bei Patienten ohne erhöhtes Blutungsrisiko wird nach ST-Hebungsinfarkt eine Dreifachtherapie (OAK, ASS + Clopidogrel) über 1-6 Monate empfohlen.
Im Falle eines hohen Blutungsrisikos und nach nicht-ST-Hebungsinfarkt kann die Dauer der Dreifachtherapie gemäss den 2020 erschienenen Guidelines auf 1 Woche reduziert werden.
Anschliessend erfolgt in beiden Fällen eine Zweifachtherapie mittels OAK plus 1 Thrombozytenaggregationshemmer (ASS oder Clopidogrel) bis 6-12 Monate nach Ereignis.
Generell werden in Kombination mit einer oralen Antikoagulation ASS und/oder Clopidogrel verwendet. Prasugrel und Ticagrelor erhöhen das Blutungsrisiko zusätzlich und sind in dieser Situation kontraindiziert.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Gabriela Hilfiker

Kardiologie Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

gabi.hilfiker@bluewin.ch

Prof. Dr. med. Richard Kobza

Cardiopuls Medical Center Luzern
Zentralstrasse 1
6003 Luzern

Hirslandenklinik St. Anna
St. Anna-Strasse 32
6006 Luzern

Die Autorin und der Autor haben deklariert, keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel zu haben.

◆ Die Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern ist eine Prognose verbessernde Therapie für die koronare Herzkrankheit. Sofern kein erhöhtes Blutungsrisiko besteht, ist eine Zweifachtherapie indiziert für 12 Monate nach akutem Koronarsyndrom und 6 Monate nach elektiver Stentimplantation.
◆ Ob ein Patient mit Vorhofflimmern eine OAK braucht ist abhängig vom CHADS2-VASc-Score aber unabhängig davon, ob und wie eine Rhythmuskontrolle erzielt wird.
◆ Bei Neubeginn mit einer oralen Antikoagulation sind die DOAC Marcoumar vorzuziehen. Einzige kardiale Kontraindikationen für DOAC sind eine mechanische Herzklappenprothese und eine mindestens mittelschwere Mitralklappenstenose.

auf Anfrage bei den Verfassern

Ein oft verkannter atherothrombotischer Risikofaktor

Im letzten Jahrzehnt hat sich ein zunehmendes Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen kardiovaskulärem (CV) Risiko und erhöhten Lipoprotein(a)-Spiegeln, Lp(a), sowohl aus epidemiologischen als auch aus genetischen Studien herauskristallisiert (1, 2, 3). Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die derzeitigen Erkenntnisse zu Bedeutung und Umgang mit Lp(a) und Möglichkeiten der Lp(a)-Senkung.

Lipoprotein (a), Lp(a), ist das Produkt der kovalenten Bindung von Low Density Lipoprotein (LDL) und einem weiteren Protein, welches Apolipoprotein (a) genannt wird (4, 5). Apo (a) weist wie Plasminogen 5 Kringel-Einheiten auf, unterscheidet sich aber im Kringel IV von Plasminogen, welches einen Aminosäureaustausch dort aufweist, wo die Spaltung von Plasminogen in Plasmin erfolgt (6). Lp(a) besitzt deshalb keine Plasminaktivität und wirkt potentiell thrombogen. Aufgrund des LDL-Anteils (apo B) wirkt es zudem atherogen.
Lp(a)-Plasmawerte werden hauptsächlich genetisch durch den LPA-Genlokus kontrolliert, der durch einen umfangreichen Grössenpolymorphismus von apo(a) gekennzeichnet ist. Dieser Grössenpolymorphismus wird durch eine variable Anzahl verschiedener KIV-2-Wiederholungen verursacht. Die Grösse von Lp(a) ist sehr variabel und reicht von 300 bis 800 kDa. Personen mit kleinen apo(a)-Isoformen haben im Vergleich zu solchen mit grossen apo(a)-Isoformen höhere mediane Lp(a)-Spiegel. Die KIV-2-Kopienzahlvariationen allein erklären 19-77% der Variation der Lp(a)-Spiegel (7). Die Blutwerte von Lp(a werden vor allem durch die Genetik beeinflusst (Tab. 1).
Der Grössenpolymorphismus geht mit Schwierigkeiten bei der Etablierung eines allgemein akzeptierten Messverfahrens einher (9). Erstens geben die verfügbaren Assays die Ergebnisse in Masse (mg/dL) anstelle der Konzentration in nmol/L an, und eine direkte Umrechnung ist aufgrund der variablen Anzahl von Wiederholungseinheiten in verschiedenen apo(a)-Isoformen nicht möglich. Zweitens wurde von absoluten Unterschieden in Lp(a)-Messungen für einzelne Proben mit bis zu fast 80 mg/dL berichtet (10). Drittens sind die Lp(a)-Werte unterschiedlich, wenn die verwendeten Proben frisch sind oder über längere Zeit eingefroren wurden.
Lp(a)-Plasma-Werte oberhalb 30-50 mg/dL oder oberhalb 75-125 nmol/L gehen mit einem erhöhten Atherosklerose-Risiko einher (11). Ob ein klinisch relevanter Effekt auf das Thromboserisiko besteht, gilt als umstritten. Das Herzinsuffizienzrisiko ist wahrscheinlich Folge des erhöhten Risikos für KHK und Aortenklappenstenose. Pathophysiologische, epidemiologische und genetische Studien haben überzeugende Evidenz für die Kausalität von Lp(a) als Risikofaktor für die Entstehung von Myokardinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Herzinsuffizienz und kalzifizierte Aortenklappen-Erkrankungen erbracht (11 - 13).
Lp(a) ist auch mit dem Risiko für plötzlichen Herztod (SCD) assoziiert, wie die prospektive Studie Kupio Ischemic Heart Disease gezeigt hat (14). In dieser Studie wurden bei 1881 Männern im Alter zwischen 42 und 61 Jahren nach medianem Follow-up von 24.7 Jahren 141 SCDs registriert. Die Lipoprotein(a)-Werte waren logarithmisch-linear assoziiert mit dem Risiko für SCD. Die HR für ein SCD pro Standardabweichung (3.56-fach erhöht) war 1.24 (1.05-1.47; P = 0.013).

Lp(a) und residuales kardiovaskuläres Risiko

Die Beziehung zwischen LDL-C und kardiovaskulärem Risiko ist unbestritten, ebenso wie der Nutzen einer lipidsenkenden Behandlung. Es zeigt sich aber, dass trotz Erreichung des LDL-C-Zielwerts ein kardiovaskuläres Restrisiko persistiert. Dieses Restrisiko aufgrund der Lipide ist durch einen Anstieg triglyceridreicher Lipoproteine, tiefem HDL-C, qualitativen Veränderungen der LDL-Partikel und durch erhöhtes Lp(a) gekennzeichnet (15).
In der JUPITER-Studie (16) betrug der erreichte LDL-C-Wert 1.6mmol/l, aber Patienten mit Lp(a) > 50 mg/dL) hatten eine Inzidenzrate von 1.20 vs. 0.99 bei Patienten mit Lp(a) < 10 mg/dl. In der LIPID-Studie (17) betrug der erreichte LDL-C-Wert 2.9 nmol/l. Bei Lp(a)-Werten über 73 mg/dL wurde eine Zunahme von 23% in MACE registriert. Diese Daten unterstützen die unabhängige Rolle von Lp(a) in der Erhöhung des Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse trotz optimaler Statintherapie.

Management erhöhter Lp(a)-Werte

In den ESC/EAS-Leitlinien 2019 zum Management von Dyslipidämien wurde empfohlen, mindestens einmal im Leben eine Lp(a)-Messung in Betracht zu ziehen (da der Spiegel stark genetisch bedingt ist) (18). Das Ziel besteht darin, Personen mit einem sehr hohen Lp(a)-Spiegel (≥ 180 mg/dL oder ≥430 mmol/L) und damit einem sehr hohen ASCVD-Risiko (atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung) zu identifizieren, welches ungefähr dem mit heFH (heterozygote Familiäre Hypercholesterinämie) verbundenen Risiko entspricht. Es wird ferner empfohlen, die Messung von Lp(a) bei ausgewählten Patienten mit einer Familienanamnese für vorzeitige ASCVD und zur Neuklassifizierung von Personen mit grenzwertigem (moderatem bis hohem) Risiko in Betracht zu ziehen. Während die amerikanischen Experten den anormalen Lp(a)-Spiegel als ≥ 50 mg/dL(≥ 100 nmol/L) definierten, wurde in den europäischen Leitlinien kein spezifischer Schwellenwert angegeben (18). Eine Senkung des Lp(a)-Spiegels kann zu einer Verringerung des Risikos für ASCVD führen. Wie jedoch Schätzungen aus Mendelschen Randomisierungsstudien zeigen, könnte die Senkung des Lp(a)-Spiegels zu einer geringeren Verringerung des KHK-Risikos führen als die gleich grosse Senkung von LDL-C (19, 20). Es wurde geschätzt, dass der Lp(a)-Spiegel um 65,7 mg/dL (95% CI 46,3-88,3) gesenkt werden müsste, um das Niveau der Reduktion des KHK-Ereignisrisikos (um 22%) zu erreichen, das mit einer Senkung von LDL-C um 38,7 mg/dL (ca. 1,0 nmol/L) verbunden ist (21).
In den Empfehlungen der (EAS) und der European Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (EFLM) wird unter dem Titel «Quantified atherogenic lipoproteins for lipid-lowering strategies» vorgeschlagen, Lp(a) zu messen, um eine korrekte Messung des LDL-C bei Patienten mit schlechtem Ansprechen auf eine LDL-C-senkende Therapie zu erhalten (22). Bei solchen Patienten und bei Patienten mit sehr tiefen LDL-C-Werten kann der Lp(a)-Cholesterinanteil wesentlich zum gemessenen oder berechneten LDL-C beitragen und kann der Grund für eine geringere als die erwartete Senkung des LDL-C mit Statinen sein. Die Korrektur von LDL-C mit Lp(a)-Werten, die in mg/dL oder nmol/L angegeben werden, kann wie folgt durchgeführt werden:
Lp(a) korrigiertes LDL-C (mg/dL) = LDL-C(mg/dL) – Lp(a)(mg/dL) x 0,30
Lp(a) korrigiertes LDL-C (mmol/L = LDL-C(mmol/dL) – Lp(nmol/dL)) x 0,0078

Lp(a)-Senkung mit PCSK9-Inhibitoren

In der FOURIER-Studie mit Evolocumab war das relative Risiko für CAD-Tod, nicht-tödlichen MI oder die Notwendigkeit einer sofortigen koronaren Revaskularisation über 2,2 Jahre Follow-up im obersten Quartil des Lp(a)-Spiegels am höchsten im Vergleich zum untersten Quartil) und hing nicht vom LDL-C-Spiegel ab (23). Nach 48 Wochen Evolocumab-Therapie war der Lp(a)-Spiegel im Vergleich zu Placebo signifikant um 26,9% gesenkt. Das Risiko betreffend den zusammengesetzten Endpunkt war bei Patienten mit einem Lp(a)-Spiegel über dem Median um 23% niedriger und bei Patienten mit einem Lp(a)-Spiegel unter dem Median nur um 7% reduziert. In der Studie ODYSSEY OUTCOMES mit Alirocumab bei mit Statin-behandelten Patienten nach einem ACS waren die Ergebnisse ähnlich wie in der FOURIER-Studie (24). Die Lp(a)-Basiskonzentration in der Placebogruppe war ein Prädiktor für KHK-Tod, nicht-tödlichen MI, ischämischen Schlaganfall oder Hospitalisierung wegen instabiler Angina pectoris (major adverse CAD events, MACE) über 2,8 Jahre Follow-up (25). Jede Senkung des Lp(a)-Werts um 1,0 mg/dL unter Alirocumab war mit einer signifikanten Reduktion von MACE verbunden (HR 0,994, 95% CI 0,990-0,999). Dies galt auch für Senkung des mit Lp(a)-korrigierten LDL-C-Werts um 1,0 mg/dL. Die Autoren folgerten: «Die Basiskonzentrationen von Lipoprotein(a) und korrigiertem LDL-C sowie deren Senkung durch Alirocumab sagten das Risiko für MACE nach ACS voraus. Die Lp(a)-Senkung durch Alirocumab trägt unabhängig zur MACE-Reduktion bei, was nahelegt, dass Lipoprotein(a) ein unabhängiges Behandlungsziel nach ACS sein sollte.» (25). Die jüngste Post-hoc-Analyse der Phase-III-ODYSSEY-
Studien (ohne ODYSSEY-OUTCOMES) zeigte jedoch, dass die Senkung des Lp(a)-Basiswertes um 23,5 mg/dL mit Alirocumab (um 26,6% vs. 2,5% mit Placebo und um 21,4% vs. 0,0% mit Ezetimibe) nicht zu einer signifikanten Reduktion der schwerwiegenden koronaren Ereignisse (MACE) unabhängig von der Senkung des LDL-C-Wertes führte (26). Die Autoren folgerten, dass die Reduktion des MACE-Risikos durch eine gezielte Lp(a)-Senkung möglicherweise eine stärkere Lp(a)-Senkung mit wirksameren Therapien und/oder höheren Lp(a)-Anfangswerten erfordert.

Lp(a)-Senkung mit Antisense-Oligonukleotiden

Eine wirksamere Senkung von Lp(a) kann mit Antisense-Oligonukleotiden erzielt werden (27-29). Mit dem Antisense-Oligonukleotid AKCEA-APO(a)-LR (TQJ230; Pelacarsen) wurde eine mittlere Reduktion von Lp(a) um mehr als 80% erreicht (30). TQJ230 wird von Novartis weiterentwickelt und vermarktet. Die derzeit laufende HORIZON-Studie hat zum Ziel herauszufinden, ob TQJ230 sicher ist. Ausserdem möchte man untersuchen, ob TQJ230 das Risiko der Herz-Kreislauf-Erkrankten mit erhöhtem Lp(a)-Spiegel verringert, eine akute Verschlechterung zu erleiden.
Eine weitere Option ist die Lp(a)-Senkung durch RNAsilencing mit Olpasiran (Amgen 890) (31).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Advisory Boards und Referentenhonorare Daiichi Sankyo, Amgen, Recordati, MSD und Sanofi.

◆ Die Bedeutung von Lp(a) als Risikofaktor für kardiovaskuläre und
zerebrovaskuläre Krankheiten ist heute unumstritten.
â—† Lp(a) scheint einen bedeutenden Anteil am residuellen Risiko (bei Statintherapie) zu haben.
◆ Wünschbare Lp(a)-Serumkonzentrationen liegen unter 50 mg/dl
(80. Perzentile)
â—† PCSK9-Inhibitoren senken Serum-Lp(a) um mehr als 25%.
◆ Neue Antisense-Oligonukleotid-basierte Therapien ermöglichen
Senkungen von Lp(a) bis mehr als 80%.

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Akute Lungenembolie

Die akute Lungenembolie (LE) gehört zu den kardiovaskulären Notfällen. Interventionelle Behandlungsansätze der akuten LE versprechen neben einer effektiven Behandlung unter anderem auch ein niedriges Komplikationsprofil. Die vorhandene Literatur gewährt aktuell nur Einblicke in die Effektivität und das Sicherheitsprofil von einzelnen kathetergestützten Therapieoptionen, dennoch sind die Ergebnisse konsistent und vielversprechend. Der nachfolgende Übersichtsartikel bietet einen Einblick in die gängigsten interventionellen Therapieansätze für die LE und die dazugehörigen Studienresultate.

Patienten mit einer akuten Lungenembolie (LE) sind kardiovaskuläre Notfälle, die von einem raschen therapeutischen Vorgehen profitieren. Zur Akutbehandlung der LE zählt, neben dem unmittelbaren Beginn einer Antikoagulation, die unterstützende Gabe von Sauerstoff für die Korrektur der Hypoxämie, die vorsichtige intravenöse Volumen-Bolusgabe zur Erhöhung der kardialen Vorlast, der rechtsventrikulären (RV) Dehnung und somit der RV-Kontraktilität, und der eventuelle Einsatz von kreislaufunterstützenden, vasoaktiven Medikamenten zur Stabilisierung der Hämodynamik. Bei Patienten mit massiver LE oder kardiogenem Schock sollte eine Reperfusionstherapie zur zügigen Auflösung des embolischen Materials und Entlastung des rechten Ventrikels in Erwägung gezogen werden. Obwohl die systemische, thrombolytische Therapie in dieser lebensbedrohlichen Situation mit einem klaren Überlebensvorteil verbunden ist, wird diese potentiell lebensrettende Therapie nur sehr zögerlich und erst nach umfangreicher Abwägung der Alternativen eingesetzt. Hohe Raten an schweren Blutungskomplikationen und die Möglichkeit eines fehlenden Therapieansprechens wurden in der Literatur beschrieben und werden mit der systemischen Thrombolyse in Verbindung gebracht.
Unterschiedliche minimal-invasive, interventionelle Reperfusionstechniken haben in den letzten Jahren Einzug in lokale Behandlungsalgorithmen der akuten LE gefunden und versprechen, neben einer zielgerichteten, vor allem auch eine schonende Behandlung des Patienten bei niedriger Komplikationsrate. Ob nun der Therapieansatz eine lokale und niedrigdosierte Lysetherapie mit einfachen Infusionskathetern umfasst oder mit aufwändiger ultraschallassistierter Kathetertechnik durchgeführt wird oder ob die Therapie durch Aspiration des embolischen Materials oder Extraktion des Embolus durch grosslumige Katheter erfolgt – alle diese Therapieverfahren versprechen eine effektive und sichere Therapiealternative zur systemischen Thrombolyse und der chirurgischen Embolektomie. Ob sich jedoch die einzelnen interventionellen Techniken ergänzen, oder ob die eine der anderen in Effektivität oder Sicherheit der Anwendung überlegen ist, wird durch die aktuelle Studienlage noch nicht beantwortet. Zudem verbleibt bisher unbeantwortet, ob die Wahl des speziellen Kathetersystems durch spezielle anatomische Gegebenheiten, die Lokalisation des Embolus oder auch individuelle klinische Voraussetzungen beeinflusst werden sollte. In erfahrenen Lungenembolie-Zentren wird die derzeitige Anwendung der einzelnen Systeme durch die Menge und Lokalisation des Embolus, die Hämodynamik und Klinik des Patienten, das antizipierte Blutungsrisiko sowie die Erfahrung des Operateurs oder der Institution vorgegeben.
Katheterbasierte und minimalinvasive, perkutane Behandlungsstrategien wurden bereits frühzeitig in der Literatur für die Behandlung der akuten LE beschrieben (1), beschränkten sich damals jedoch auf die mechanische Fragmentation des Embolus und eine lokale Bolusgabe von thrombolytischen Substanzen. Während die mechanische Segmentation des Embolus über eine simple, manuelle Rotation eines Pigtail-Katheters, durch Manipulation mit Führungsdrähten oder mit einem Swan-Ganz-Katheter im Bereich der teilokkludierten Pulmonalarterie erreicht wurde, erfolgte die lokale Lysegabe über kleinkalibrige Infusionskatheter oder den bereits verwendeten Pigtail-Katheter. Die periphere Embolisation des fragmentierten, zentralen Thrombusmaterials führte dabei jedoch zum Teil zu unantizipierbaren Ergebnissen mit klinischer und hämodynamischer Verschlechterung, welche durch eine zusätzliche vaskuläre Widerstandserhöhung und Belastung des RV bedingt waren. Die Entwicklung dedizierter Katheter und Instrumente für die Behandlung der akuten LE machen diese Behandlungstechnik obsolet.

Kathetergestützte Thrombolyse

Der frühe Beginn der kathetergestützten Thrombolyse wurde durch einfache Infusionskatheter geprägt. Die lokale Platzierung dieser 4-5 French grossen Infusionskatheter (Unifuse (Angiodynamics, Latham, NY, USA), oder Cragg-McNamaraTM Katheter (Medtronic, USA)) in den Bereich der betroffenen Lungenarterien führte zu einer effektiven Behandlung der Lungenembolie unter Einsatz von deutlich reduzierten Dosen von medikamentöser Thrombolyse (2).
Die vorliegende Evidenz zur kathetergestützten thrombolytischen Therapie der akuten LE wurde grösstenteils mit dem EkoSonicTM Endovascular System (EKOSTM) generiert. Der EKOSTM-Katheter besteht aus einem 5.4 French grossen Infusionskatheter mit mehreren kleinen Seitenlöchern im Bereich der Behandlungszone und einem integrierten Ultraschallkern (Abb. 1). Die Verwendung von Niedrig-energie-Ultraschall soll dabei durch ein mikroskopisches Aufbrechen der Fibrinfibrillen des Embolus zu einer verbesserten Penetration der medikamentösen Lyse führen, und die kumulative Dosis der Lyse auf das benötigte Minimum beschränken. EKOSTM wurde im Rahmen des randomisierten ULTIMA Trial (ULTrasound Accelerated ThrombolysIs of PulMonAry Embolism) gegen unfraktioniertes Heparin (UFH) bei LE-Patienten mit intermediärem oder hohem Risiko verglichen (3). Auch wenn die Patientenzahl dieser Studie auf gesamthaft 59 Teilnehmer beschränkt war, konnte die Effektivität des Systems in der Entlastung des RV demonstriert werden bei gleichzeitig vergleichbarer Sicherheit in beiden Behandlungsgruppen (EKOSTM und UFH gegen UFH) (Abb. 2). In der Beobachtungsstudie SEATTLE II erfolgte die Bestätigung der Ergebnisse des ULTIMA-Trials bei alltäglichen Patienten (4). In einer Analyse von 150 Studienpatienten zeigte sich bereits innerhalb von 48 Stunden nach Beginn der EKOSTM-Therapie eine Verbesserung der RV-Funktion und Reduktion des pulmonal-arteriellen Druckes. Auch wenn das Behandlungsprotokoll von ULTIMA und SEATTLE II bereits niedrige Dosierungen von 20mg rt-PA während 15 Stunden und 24mg rt-PA während 12 oder 24 Stunden mit EKOSTM vorgesehen hatte, konnte die Dosierung der Lysetherapie in der Studie OPTALYSE PE weiter reduziert werden (5). Dosen von 4–12mg rt-PA / Lunge über einen Behandlungszeitraum zwischen 2 und 6 Stunden bestätigen gleichwohl die Effektivität des EKOSTM-Systems bei einer niedrigen Rate an Blutungskomplikationen. Zugleich war jedoch aufgefallen, dass die Menge der Lysetherapie direkt mit der Resolution der Thrombuslast in den Lungenarterien assoziiert war.


Ob die zusätzliche Ultraschalltechnologie von EKOSTM in vivo die Effektivität der lytischen Wirkung auf den Embolus zusätzlich verbessert, wird aktuell in der Literatur heftig diskutiert (6). Befürworter der Technologie finden sich in den Resultaten einer kürzlich veröffentlichten systematischen Review und Meta-Analyse bestätigt. Nach der Zusammenlegung der Ergebnisse von 20 Studien mit knapp 1200 Patienten zeigte sich ein signifikanter Vorteil durch den Einsatz der ultraschallassistierten lokalen Thrombolyse für den Endpunkt des klinischen Erfolgs (kombinierter Endpunkt aus Überleben während der initialen Hospitalisation ohne hämodynamische Verschlechterung oder schwere Komplikationen) (7). Kritiker jedoch propagieren die Ergebnisse des SUNSET-PE-Trials (8). In dieser Studie wurden 81 Patienten mit akuter LE zur lokalen Lysetherapie mit entweder der ultraschallassistierten Technologie (EKOSTM) oder einem Standard-Infusionskatheter randomisiert. Beide Technologien waren ähnlich effektiv in der Behandlung der LE und zeigten keinen signifikanten Unterschied in der Reduktion der RV-Belastung und in der CT-Auswertung eines Obstruktions-Index während des Beobachtungszeitraums.
Ob die ultraschallassistierte Technologie einen zusätzlichen positiven Effekt auf die lokale Lysetherapie hat, kann aktuell durch die bestehende Datenlage nicht konklusiv beantwortet werden. Gut geplante randomisierte Studien mit einem standardisierten Behandlungsprotokoll müssen in naher Zukunft Antworten auf die verbleibenden Fragen bringen.

Interventionelle Embolektomie

Auch wenn lokale, kathetergestützte Lysetechniken in der klinischen Praxis angekommen sind und in erfahrenen Kliniken routinemässig eingesetzt werden, ist bei einer relevanten Patientenpopulation mit akuter LE der Einsatz jeglicher fibrinolytischer Massnahmen aufgrund eines deutlich erhöhten Blutungsrisikos kontraindiziert. Tabelle 1 gibt einen Überblick über absolute und relative Kontraindikationen für den Einsatz einer thrombolytischen Therapie. Minimal-invasive und kathetergestützte Verfahren zur Embolektomie oder Thrombaspiration komplementieren das Armamentarium für die Behandlung der akuten LE. Zwei unterschiedliche Embolektomie-Systeme haben aufgrund der verfügbaren Studienergebnisse Einzug in den klinischen Alltag gefunden.
Das FlowTriever® Embolektomie/Aspirationssystem (Inari Medical, Irvine, CA, USA) besteht aus einem flexiblen, grosslumigen (16/20/24 French)-Aspirationskatheter, welcher über einen femoralen Venenzugang in die pulmonale Zirkulation eingebracht werden kann. Dabei ist die Spitze des Katheters weich und atraumatisch, erleichtert die Passage durch den RV und vermeidet lokale Traumata an der dünnen Gefässwand. Der Katheter wird mit einer Aspirationsspritze verbunden, und nach Herstellen eines manuellen Vakuums wird der Sog direkt an die Katheterspitze freigegeben. Die manuelle Aspiration verhindert auf der einen Seite eine unkontrolliert starke Sogwirkung auf die Gefässwand und zudem einen unkontrollierten Blutverlust (Abb. 3). Neben der Aspirationsmöglichkeit verfügt das FlowTriever®-System über einen speziellen Katheter, der anhand von drei Nitinol-Disks die zusätzliche manuelle Extraktion des Embolus in den Aspirationskatheter möglich macht. In der multizentrischen FLARE-Studie konnte die unmittelbare Effektivität des FlowTriever® bei niedriger Komplikationsrate gezeigt werden (9). Eindrücklich war dabei, dass durch den sofortigen Effekt der Aspirationstherapie auf Hämodynamik und Beschwerden des Patienten in 4 von 10 Patienten keine Behandlung auf einer Intensivstation oder einer Intermediate-Care-Überwachung notwendig war.
Dem FlowTriever®-Embolektomie/Aspirationssystem steht das Penumbra Indigo®-Aspirationssystem gegenüber. Hier wird über einen 8–12 French-Aspirationskatheter und eine automatisierte Vakuum-Pumpe die Embolektomie bis in die peripheren Gefässe durchgeführt. Während die automatisierte Vakuum-Pumpe einen gewissen Vorteil in der kontinuierlichen Aspiration von Emboluspartikeln hat, ist ein unkontrollierter Blutverlust durch die kontinuierliche Aspiration unbedingt zu vermeiden. Im multizentrischen EXTRACT-PE-Trial wurde der bei 73.1% der Patienten der peri-prozedurale Blutverlust mit <400ml beschrieben (10). Dabei war die Effektivität und das Sicherheitsprofil von Penumbra insgesamt vergleichbar mit der Extraktionstechnologie des FlowTriever®.

Beurteilung

Unterschiedliche interventionelle Behandlungsstrategien finden ihren Einsatz für den Patienten mit akuter LE in der klinischen Routine und im Studiensetting. Dennoch verbietet die aktuell sehr limitierte Studienlage jedoch den unselektiven Einsatz der Katheterverfahren bei Patienten mit akuter LE. Nach einem Update der ESC Guidelines zur Diagnose und dem Management der akuten LE im Jahr 2019 ist es zu einem Upgrade der Behandlungsempfehlung von einer Klasse-IIb- auf eine Klasse-IIa-Empfehlung für die alternative Behandlung mittels Kathetertherapie gekommen (11). Der Einsatz der Katheterbehandlung ist in diesem ESC-Dokument jedoch noch auf Patienten mit einer Hochrisiko-LE, bei denen eine systemische Lysetherapie kontraindiziert ist oder auf Patienten mit hämodynamischer Verschlechterung als Alternative zu einer systemischen Thrombolyse beschränkt.

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Prof. Dr. med. Stefan Stortecky

Zentrum für Lungenembolien
Klinik und Poliklinik für Kardiologie
Universitätsspital, Inselspital Bern
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

stefan.stortecky@insel.ch

Der Autor hat Forschungsgelder an die Institution von Edwards Lifesciences, Medtronic, Abbott Vascular und Boston Scientific erhalten; er fungiert als Berater für Boston Scientific/BTG und Teleflex und hat Honorare für Vortragstätigkeit von Boston Scientific und BTG erhalten.

◆ Minimal-invasive, kathetergestützte Reperfusionstechniken haben in den letzten Jahren Einzug in lokale Behandlungsalgorithmen der akuten LE gefunden,und versprechen neben einer zielgerichteten vor allem auch eine schonende Behandlung des Patienten bei niedriger Komplikationsrate.
â—† Der Therapieansatz einer niedrig-dosierten, lokalen Lysetherapie oder mechanischer Aspiration und Embolusextraktion mittels Kathetertechnik wird Patienten mit akuter LE in erfahrenen Lungenemboliezentren angeboten.
◆ Grossangelegte Studienresultate über die Effektivität und die Sicherheit der einzelnen Systeme fehlen aktuell noch, werden jedoch die entsprechende Literatur in der nahen Zukunft bereichern.

1. Schmitz-Rode T, Janssens U, Schild HH, Basche S, Hanrath P, Gunther RW. Fragmentation of massive pulmonary embolism using a pigtail rotation catheter. Chest 1998;114:1427-36.
2. Dudzinski DM, Giri J, Rosenfield K. Interventional Treatment of Pulmonary Embolism. Circ Cardiovasc Interv 2017;10.
3. Kucher N, Boekstegers P, Muller OJ et al. Randomized, controlled trial of ultrasound-assisted catheter-directed thrombolysis for acute intermediate-risk pulmonary embolism. Circulation 2014;129:479-86.
4. Piazza G, Hohlfelder B, Jaff MR et al. A Prospective, Single-Arm, Multicenter Trial of Ultrasound-Facilitated, Catheter-Directed, Low-Dose Fibrinolysis for Acute Massive and Submassive Pulmonary Embolism: The SEATTLE II Study. JACC Cardiovasc Interv 2015;8:1382-1392.
5. Tapson VF, Sterling K, Jones N et al. A Randomized Trial of the Optimum Duration of Acoustic Pulse Thrombolysis Procedure in Acute Intermediate-Risk Pulmonary Embolism: The OPTALYSE PE Trial. JACC Cardiovasc Interv 2018;11:1401-1410.
6. Sista AK. Is it Time to Sunset Ultrasound-Assisted Catheter-Directed Thrombolysis for Submassive PE? JACC: Cardiovascular Interventions 2021;14:1374-1375.
7. Avgerinos ED, Saadeddin Z, Abou Ali AN et al. A meta-analysis of outcomes of catheter-directed thrombolysis for high- and intermediate-risk pulmonary embolism. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord 2018;6:530-540.
8. Avgerinos ED, Jaber W, Lacomis J et al. Randomized Trial Comparing Standard Versus Ultrasound-Assisted Thrombolysis for Submassive Pulmonary Embolism: The SUNSET sPE Trial. JACC Cardiovasc Interv 2021;14:1364-1373.
9. Tu T, Toma C, Tapson VF et al. A Prospective, Single-Arm, Multicenter Trial of Catheter-Directed Mechanical Thrombectomy for Intermediate-Risk Acute Pulmonary Embolism: The FLARE Study. JACC Cardiovasc Interv 2019;12:859-869.
10. Sista AK, Horowitz JM, Tapson VF et al. Indigo Aspiration System for Treatment of Pulmonary Embolism: Results of the EXTRACT-PE Trial. JACC Cardiovasc Interv 2021;14:319-329.
11. Konstantinides SV, Meyer G, Becattini C et al. 2019 ESC Guidelines for the diagnosis and management of acute pulmonary embolism developed in collaboration with the European Respiratory Society (ERS). Eur Heart J 2020;41:543-603.

Vitaminmangel am Beispiel der Folate

Ein Vitaminmangel ist anzunehmen, wenn die Versorgung einer Person mit diesem lebenswichtigen Mikronährstoff über längere Zeit zu gering und damit ungenügend ist. Dies kann sich in bekannten Krankheiten äussern wie beim Vitamine D (Rachitis) oder Vitamin C (Skorbut). Die Ernährungserhebung 2017 in der Schweiz sowie deutsche und europäische Studien zeigen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung mit einzelnen Vitaminen unterversorgt ist.

Heute werden 13 für den Stoffwechsel unabdingbare Substanzen aus historischen Gründen als Vitamine bezeichnet. Bei einer ausgewogenen Ernährung, wie sie anhand der Lebensmittelpyramide der Schweiz. Gesellschaft für Ernährung (SGE) und des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) empfohlen wird, werden genügend Vitamine aufgenommen. Leider ist dies nur bei einem geringen Anteil der Bevölkerung der Fall, wie in der 2017 publizierten Ernährungsstudie «menue-CH» gezeigt wurde (1). Daraus lässt sich schliessen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung ungenügend mit einzelnen Vitaminen versorgt ist. Insbesondere trifft dies für Folsäure, Vitamin D und B12 zu, wie dies auch deutsche und europäische Studien zeigen (2).

Referenzwerte, Wirkung, Verwertung, Mangel und Überdosierung

Seit der Entdeckung der Vitamine in den Jahren 1909-1941 haben sich die Kenntnisse über die einzelnen Vitamine so vermehrt, dass heute Referenzwerte für den täglichen Bedarf, Wirkung, Verwertung sowie Mangel- und Überdosierungserscheinungen bei allen Vitaminen bekannt sind (Tab. 1) (3). Neueste Erkenntnisse betreffen v.a. epigenetische Einflüsse, insbesondere von Vitamin D oder Folsäure, und Wirkungen im Zusammenhang mit dem Mikrobiom.
Die einzelnen Referenzwerte der Vitamine wurden durch wissenschaftliche Studien bestimmt oder durch Schätzungen festgelegt. Es handelt sich dabei um eine Verteilkurve mit einer optimalen Zufuhr und solchen im unteren oder oberen Normbereich mit Grenzwerten, da der Bedarf je nach körperlicher Verfassung, Leistung und Lebensstil schwanken kann (4). Durch gezielte Ernährungserhebungen von Bevölkerungsgruppen bei Gesundheitsanalysen ist es möglich, die Versorgung nach Altersgruppen, Regionen oder speziellen Fragestellungen zu bestimmen und bei Mangel entsprechende präventive Massnahmen einzuleiten. Indem epidemiologische Studien Personen mit einer Zufuhr im unteren Bereich und solche mit einer Zufuhr im oberen Bereich vergleichen, lassen sich allenfalls unterschiedliche Gesundheitsfaktoren finden, die auf einen marginalen oder subklinischen Vitaminmangel hinweisen. Dabei bestehen meist nur sogenannte Allgemeinsymptome, während sich die typischen Mangelsymptome erst bei einem markanten Vitaminmangel zeigen (4).
Manche Vitamine benötigen für ihre Aufnahme in die Zellen spezielle Rezeptoren und Transportproteine und müssen für die Wirkung in eine aktive Form umgewandelt werden. Diese Vorgänge können durch genetische und andere Faktoren beeinflusst werden und führen so zu Vitaminmangel (so genannter funktioneller Mangel). Dabei kann das ursprüngliche Vitamin, wenn es als solches im Blut bestimmt wird, normal sein. In Tabelle 2 sind die aktiven Wirksubstanzen und die für den Nachweis eines Vitaminmangels im Blut messbaren Wirksubstanzen und andere Indikatoren (Biomarker) zusammengefasst.

Verdacht auf Vitaminmangel

In der Praxis wird der Arzt bei entsprechenden Symptomen eines Patienten einen Vitaminmangel in Betracht ziehen und in der Folge die entsprechenden Untersuchungen zur Bestätigung der Diagnose einleiten. Dies kann einerseits durch eine Ernährungsanamnese oder eine Bestimmung des Vitamins im Blut, in Körperflüssigkeiten und Geweben sein oder kann mit anderen Indikatoren (Biomarkern) erfolgen (Tab. 2).
Steht ein Vitaminmangel fest, erhebt sich die Frage der Ursache eines solchen Mangels. Diese kann vielschichtig sein (Tab. 3). Neben einer Mangelernährung oder einseitigen Ernährung können auch ein erhöhter Bedarf bei Wachstum, Schwangerschaft und sportlichen Leistungen, sowie Einflüsse von Rauchen, Alkohol und Medikamenten von Bedeutung sein. Verluste bei Lagerung und Zubereitung wie auch Krankheiten, v.a. des Darms, können die Aufnahme behindern. Beim funktionellen Mangel fehlt oder ist die Wirkung des aktiven Vitamins reduziert, auch wenn die Nahrungsaufnahme normal erfolgt.
Die Vielschichtigkeit der Ursachen eines Vitaminmangels soll im Folgenden am Beispiel der Folate dargestellt werden.

Folate

Natürlicherweise vorkommende Folatverbindungen (Folate) finden sich in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln. Sie bestehen aus einem Pteridin- und einem Para-Aminobezoesäure-Ring mit bis zu 8 Glutamatresten am Carboxylende (Pteroylpolyglutamate). Sie sind gegen Licht, Sauerstoff und Hitze empfindlich und zerfallen in verschiedene Abbauprodukte. Es ist deshalb mit Lagerungs- und Zubereitungsverlusten zu rechnen. Die aktive Absorption im Darm nach Hydrolyse zu Monogluta-maten beträgt 50-60% (4). Die synthetische Folsäure (FS),
die zur Nahrungsergänzung und als Medikament eingesetzt wird, hat nur einen Glutaminsäurerest (Monoglutamat). Sie ist die stabilste Form des Vitamins, wird durch äussere Einflüsse wenig verändert und nüchtern zu annähernd 100% absorbiert. Wegen der unterschiedlichen Zusammensetzung und Absorptionsrate der Folate und FS wurde für die praktische Bedarfs- und Zufuhr-Berechnung der Begriff Folat-Äquivalent (FÄ) eingeführt: 1 FÄ = 1µg Nahrungsfolat = 0.5µg synth.FS = 0.6µg FS der Nahrung zugesetzt.

Wirkung der Folate

Folate wirken in der Form von Tetrahydrofolat (THF) und dessen Derivaten (5-Methyl-THF und 5,10 Methylen-THF) als Coenzyme, die C1 (Methyl)–Einheiten binden und auf Akzeptoren übertragen (so genannte C1-Donatoren). Sie sind an der Purin- und Pyrimidinsynthese wie auch an der DNS-Synthese und RNS- und DNS-Methylierung beteiligt und haben damit für Zellteilung, Zellwachstum, Zelldifferenzierung und Zellregeneration wichtige Bedeutung (Abb. 1) (5).

Versorgung mit Folaten

Diese erfolgt am besten durch eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Besonders folatreich sind Leber, rohe Grüngemüse wie Grünkohl, Erbsen, Spinat und Salate. Nach Angaben in den schweizerischen Ernährungsberichten (4./5/.6./1998 – 2012) ist die Zufuhr grenzwertig (295µg /Tag) (6) oder bei manchen Altersgruppen (v.a. Jugendliche und Senioren) unter den Empfehlungen (D-A-CH-Referenzwert 300µg, bis zum Jahr 2015 400µg pro Tag). Serumfolatkonzentrationen < 7nmol/l sind als Folatmangel definiert, Werte < 10nmol/l gelten als subklinischer Mangel (Umrechnung in µg/l durch Division mit 2.266) (4). Besonders für Schwangere und Stillende wird mit einer ausgewogenen Ernährung der Bedarf von 550µg und 450µg/Tag nicht erreicht. Deshalb wird zur Verhütung eines Neuralrohrdefekts (NRD) für Frauen, die schwanger werden können oder möchten, eine zusätzliche tägliche Einnahme von mind. 400µg FS (am besten als Multivitamin) mindestens 4 Wochen vor Beginn der Schwangerschaft und in den ersten 12 Schwangerschaftswochen empfohlen (7). Eine Untersuchung in der Ostschweiz im Jahre 2002 zeigte, dass 97 % der Frauen in der Schwangerschaft Folsäure-Supplemente einnahmen, aber nur 37% bereits 4 Wochen vor Beginn und in den ersten 4 Wochen der Schwangerschaft (8). Dies ist wichtig, weil sich das Neuralrohr aus der Neuralplatte vom 18. – 26. Tag der Schwangerschaft entwickelt. In einer Untersuchung der Erythrocyten-Folat-Werte bei schwangeren Frauen im Jahre 2019 erreichten nur 47% einen Folatwert, der für eine Prävention des offenen Rückens erwünscht wäre (906 nmol/L) (9) Das BAG hat im Jahre 2008 mit der Broschüre «Folsäure ist unentbehrlich für die normale embryonale Entwicklung des Kindes» auf wichtige Aspekte zur Verhütung von NRD und andern Fehlbildungen wie Herzfehler oder Lippen-Kiefer-Gaumenspalten hingewiesen (10) und auch die Stiftung Folsäure Schweiz (SFS) versucht, die Bevölkerung über die optimale Zufuhr der Folsäure zu informieren und hat erreicht, dass in Zusammenarbeit mit ihren Partnern einzelne Nahrungsmittel mit Folsäure angereichert werden (11). Leider kann eine zu hohe Zufuhr von Folsäure auch gewisse negative Folgen haben (siehe unten) so dass die tägliche Zufuhr nicht über 1mg /Tag betragen sollte (12).

Verwertung der Folate

In der Darmmucosa wird Folsäure zu THF reduziert und methyliert und so an das Blut abgegeben. Die Kapazität dieser Umwandlung zu 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF) ist beschränkt, so dass bei hoher Zufuhr auch unmetabolisierte freie FS ins Blut gelangen kann. Diese wird zu Dihydrofolat umgewandelt. Die Leber ist Hauptstoffwechsel- und Hauptspeicherorgan von Folat und reguliert die Versorgung der anderen Organe (4). Der intrazelluläre Transport erfolgt über verschiedene Transportsysteme (Tab. 4). Es sind dies «Carrier-, Rezeptor- und Transporter-vermittelte» Prozesse, bei denen auch genetische Defekte bekannt sind, wie z.B. die hereditäre Folatmalabsorption oder der cerebrale Folatmangel (13). Die Gesamt-Folatmenge im Körper beträgt 10-100 mg, wobei 3-16 mg in der Leber gespeichert sind. Diese Körperreserven gewährleisten bei fehlender Einnahme eine wünschenswerte Serum-Folatkonzentration über 3-4 Wochen (4). In Abb 1 ist die Bedeutung der FS für den Homocystein (Hcy)–Methionin–Stoffwechsel ersichtlich, bei dem auch andere Vitamine, B2, B6 und B12, beteiligt sind. Dabei ist auch die besondere Bedeutung der FS als Methyl (C1-) Donator erkennbar.
Die Methylierung von DNS/RNS ist ein wichtiger epigenetischer Faktor. Bei der 5,10-MTHF-Reduktase bestehen verschiedene Polymorphismen (z.B. MTHFR C677T), die mit einer verminderten Enzymaktivität verbunden sind und damit den Folatbedarf der Betroffenen erhöhen. Der Folatmangel kann – wie ersichtlich – zu einer verminderten Umwandlung von Hcy zu Methionin und damit zu einer Erhöhung von Hcy führen, was auch indirekt auf einen Folatmangel hinweist neben der direkten Bestimmung der Folate im Serum (Momentanwert) oder in den Erythrocyten (Speicherwert). Hereditäre Defekte der aufgezeigten Enzyme sind bekannt, aber selten, und führen zu deutlichen Entwicklungsstörungen bei den betroffenen Kindern.

Präventive Aspekte der Folsäure

Neben der bedeutenden präventiven Bedeutung der Folsäure (FS) zur Verhütung von Neuralrohrdefekten (NRD) sind bei FS auch Risiken bekannt für chronische Krankheiten, die mit einer Erhöhung von Hcy einhergehen, wie bei kardiovaskulären Krankheiten und Schlaganfall oder Depressionen. Auch eine Risikosenkung durch FS bei neurodegenerativen Krankheiten wurde diskutiert (14). Tabelle 5 fasst einige präventive Aspekte der FS zusammen (15). Insbesondere in der Schwangerschaft (SS) und in den beiden ersten Lebensjahren können sich epigenetische Veränderungen (DNS-Methylierung) auswirken. So haben epidemiologische Untersuchungen in nordischen Ländern mit Mutter-Kind-Paaren mit niedrigem Folatspiegel in der SS ein erhöhtes Risiko für Autismus oder ADHS bei den Kindern gezeigt (16). Zahleiche Arbeiten weisen auf eine präventive Wirkung der FS bei Depressionen und Demenz im Alter hin (14).

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Prof. em. Dr. med. Kurt Baerlocher

Tanneichenstrasse 10
9010 St. Gallen

k.baerlocher@bluewin.ch

Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Folsäure Schweiz.

◆ Bei Arbeiten über die Versorgung mit Folsäure, Vitamin B12 und D wird immer wieder auf einen Mangel in bestimmten Bevölkerungsgruppen hingewiesen.
◆ Die Ursachen für einen Mangel können vielschichtig sein. Eine besondere Bedeutung haben funktionelle Mängel, bei denen – meist durch genetische Faktoren – das aktive Vitamin im Organismus nicht oder nur zu wenig gebildet werden kann.
◆ Folate sind ein gutes Beispiel, um die verschiedenen Ursachen eines Vitaminmangels und auch die präventive Bedeutung eines Vitamins aufzuzeigen. Beispiel dafür ist die Verhütung von NRD bei Frauen, die schwanger werden können oder möchten durch die tägliche Supplementierung von mindestens 400µg Folsäure während der prä- und perikonzeptionellen Phase und in den ersten 12 Schwangerschafts-
wochen.
◆ Bei unausgewogener Ernährung und entsprechenden Symptomen kann sich eine Vitaminsubstitution als hilfreich und präventiv erweisen.

1. Chatelan A, Beer-Borst S, et al. Major Difference in Diet across Three Linguistic Regions of Switzerland; results from the First National Nutrition Survey menueCH. Nutrients 2017, 9, 1163
2. Boeing H, Bechtold A et al. Gemüse und Obst in der Prävention ausgewählter chronischer Krankheiten. DGE, Bonn 2012
3. Baerlocher K. Vitamine: Lebenswichtig für Stoffwechsel und Energiegewinnung. Der informierte Arzt 2014, 5; 14-19
4. D-A-CH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, DGE, Bonn 2017
5. Tönz O. Das präventive Potential der Folsäure In: Eichholzer M, Camenzind.-Frey E, Matzke A et al. Fünfter Schweiz. Ernährungsbericht. Bundesamt für Gesundheit, Bern 2005; 597-621
6. Schweizerische Ernährungsberichte (SEB) 1998, 2005, 2012, Bundesamt für Gesundheit (BAG) Bern
7. Baerlocher K, Eichholzer M, Lüthy M et al. Folsäure Expertenbericht der Eidg. Ernährungskommission zur Prophylaxe von Neuralrohrdefekten. Bundesamt für Gesundheit, Bern 2002
8. Jans-Ruggli S, Baerlocher K. Kenntnisse über Folsäure und Folsäurestatus bei Müttern; häufige Einnahme von Folsäuresupplementen, aber ungenügende Prävention von Neuralrohrdefekten. Sechster Schweiz. Ernährungsbericht, Bundesamt für Gesundheit, Bern, 2005;71-86
9. Herter- Aeberli I, Wehrli N, Bärlocher K et al. Inadequate Status und Low Awareness of Folate in Switzerland – A Call to Strengthen Public Health Measures to Ensure Sufficient Intakes. Nutrients 2020, 12, 3729
10. Bundesamt für Gesundheit: «Folsäure ist unentbehrlich für die normale Entwicklung des Kindes», Broschüre BAG, Bern 2008
11. Stiftung Folsäure Schweiz: https://stiftung-folsaeure.ch
12. Baerlocher K: Folsäure perikonzeptionell und in der Schwangerschaft. Einfluss auf die kindliche Entwicklung SZE (Schweiz Zschr Ernährung) 2012,3; 9- 14
13. Compan Gabucio LM, Garcia de la Hera M et al. The Use of Lower or Higher Than Recommended Doses of Folic Acid Supplements during Pregnancy Is Associated with Child Attentional Dysfunction at 4-5 years of Age in the INMA Project. Nutrients, 2021, 13, 327
14. Smith AD, Refsum H. Homocysteine – from disease biomarker to disease prevention. J Internal Medicine 2021
15. Baerlocher K. Die vielfältigen gesundheitlichen Vorteile einer ausreichenden Folsäure-Zufuhr. Hausarztpraxis 2014; 9: 28-34
16. DeVilbiss EA, Magnusson C et al. Antenatal nutritional supplementation and autism spectrum disorder in the Stockholm youth cohort: Population based cohort study. BMJ 2017; 359: j4273