Veränderung der Spermienparameter nach metabolischer und antioxidativer Supplementierung

Weltweit treten bei einem Sechstel aller Paare Unfruchtbarkeitsfaktoren auf. Bei der Hälfte ist der Mann betroffen, die genaue Ursache bleibt dabei bei 40% unbekannt. Die Samenqualität kann von zahlreichen Faktoren beeinflusst werden, wie ein ungünstiger Energiestoffwechsel, ein unvorteilhaftes Milieu und/ oder oxidativer Stress, Rauchen, Adipositas u.a.m. Ein Schutzeffekt ist für die Antioxidantien Vitamin C, Selen, Zink, Coenzym Q10 und L-Carnitin am besten untersucht.

Der therapeutische Effekt von antioxidativer Nahrungsergänzung wie Proxeed®Plus auf die Spermienqualität bei männlicher Infertilität wurde in zahlreichen randomisierten klinischen Studien erwiesen. Jedoch sind Daten aus dem mitteleuropäischen Umfeld untervertreten. In einer Schweizer Studie wurde der therapeutische Effekt einer gezielten antioxidativen Nahrungsergänzung (Proxeed® Plus) auf die Spermienqualität von Männern mit Oligoasthenoteratospermie und unerfülltem Kinderwunsch (Temime RB et al. Clin Res Trials, 2020; (7)1-6) untersucht im Hinblick auch die Auswirkungen einer Vitamin- und Antioxidantien-Supplementierung auf Spermaparameter und Schwangerschaftsraten.

Experimentelles

Studiendesign

Die prospektive Beobachtungsstudie über 15 Monate verglich das Spermiogramm vor und nach 3-monatiger Supplementation mit Proxeed®Plus, mit Probenahme nach 3–5-tägiger Abstinenz. Statistisch signifikant wurden p-Werte < 0.05 eines Wilcoxon-Rang-summen-Tests definiert. Ziel der Studie war, die Untersuchung des therapeutischen Effekts von gezielter antioxidativer Nahrungsergänzung (Proxeed® Plus) auf die Spermienqualität von Männern mit Oligoasthenoteratozoospermie und unerfülltem Kinderwunsch.

Studienmedikation

Die Studienmedikation (Proxeed®Plus) bestand aus: L-Carnitin (1000 mg), Fructose (1 g), Zitronensäure (50 mg), Coenzym Q10 (20 mg), Vitamin C (90 mg), Zink (10 mg), Folsäure (200 μg), Vitamin B12 (1.5 μg), Selen (50 μg).

Patientencharakteristika

Der BMI war im Durchschnitt 25.9 mit 17.3% adipösen Patienten. 71.1% der Paare hatten eine primäre und 32.6% eine sekundäre Unfruchtbarkeit. 42.3% der Partnerinnen hatten selbst eine verminderte Fruchtbarkeit. Anamnetisch diagnostiziert war Diabetes in 7.6% und Asthma in 5.7% der Fälle. 23% der Studienteilnehmer hatten Varikozele, 9.6% operierte Leistenhernien und 7.6% eine Orchitis-Anamnese.

Studien-Endpunkte

Primärer Endpunkt: Veränderung der Spermienqualität nach Proxeed®Plus-Supplementation gemäss WHO-Kriterien 2010.
Sekundärer Endpunkt: Schwangerschaftsraten nach Proxeed®Plus Supplementation.

Resultate und Diskussion

Nach gründlichen urologischen und genetischen Untersuchungen (11 bakterielle Infektionen mit Antibiotika-Verordnung, zwei neue Varikozele-Diagnosen, ein Fall von CFTR-Polymorphismus) blieben 34.6% der Unfruchtbarkeiten idiopathisch.
Die Einnahme von Proxeed®Plus über 3 Monate führte zu einer Normalisierung der Spermienkonzentration bei 23% der Patienten und der progressiven Motilität bei 22.1% der Patienten.
Über die gesamte Studienpopulation gesehen, ergab die statistische Analyse eine signifikant erhöhte Spermienkonzentration (p = 0.05 (Tab. 1). Eine Subgruppenanalyse zeigte, dass bei idiopathischer Unfruchtbarkeit der therapeutische Effekt von Proxeed®Plus am grössten war (n = 18), verglichen mit Patienten mit Varikozelen (n = 12) oder Infektionen (n = 11). Bei der Spermienkonzentration trat bei 61.1% eine Verbesserung auf.
Die progressive Motilität verbesserte sich bei 50% der Patienten. Die begrenzte Stichprobenzahl erlaubt keine statistische Analyse.
Während den 15 Studienmonaten traten 16 Schwangerschaften auf (30.7% aller Paare), davon 5 spontan und 11 mittels assistierter Reproduktionstechniken. Die Verträglichkeit der Proxeed®Plus-Supplementation war gut: Es trat nur ein Fall von gastrointestinaler Verstimmung (1.9%) auf.

Fazit

Proxeed®Plus ist empfohlen für Männer in der Familienplanung, die ihre Fruchtbarkeit optimieren möchten, für Männer, die sich auf eine Behandlung wie IVF, ICSI vorbereiten und eine bestmögliche Spermienqualität anstreben sowie Männer, die durch eine Spermienproduktionsstörung ein eingeschränktes Spermiogramm haben und ihre natürliche Fertilität optimieren möchten. Proxeed®Plus ist nicht zur Diagnose, Behandlung, Heilung oder Vorbeugung von Krankheiten bestimmt.

Quelle: Temime RB, Fahrni AC, Attilah L, Feki A. Variation of sperm parameters after metabolic and antioxidant supplementation in infertility patients with Oligoasthenoteratospermia. Clin Res Trials, 2020; (7)1-6.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Impfen ja, aber so nicht mit uns!

Als mein Praxiskollege, Johann Batea, und ich im Dezember hörten, dass Hausärzte die Impfung gegen COVID-19 verabreichen dürfen, freuten wir uns und meldeten uns beim Ärztefon gleich an. Ohne zu wissen, was auf uns zukommt und wie entschädigt wird. Denn wir fanden es wichtig, der Pandemie ein Ende zu setzen, und der Weg aus dieser heraus führt unseres Erachtens nur über die Impfungen.

Erstaunlicherweise erhielt dann im Februar nur ich 100 Moderna-Impfdosen zugesprochen, Johann musste sich nochmals anmelden und wurde erst Monate später mit 100 Impfdosen beliefert. Der Aufwand für die Durchführung der ersten 100 Impfungen war riesig. Wir wurden förmlich überrannt von über 75-Jährigen und Hochrisikopatienten: Auf unserer Warteliste hatten sich innert 2 Tagen 600 Patienten angemeldet! Ein Gerangel entstand und viel Druck wurde auf uns ausgeübt, wer geimpft werden dürfe. Wir suchten die 100 Ältesten und alle Hochrisikopatienten heraus, doch die anderen fragten uns: «Wieso ich nicht?».

Nach Zustellung dieser ersten 100 Impfdosen wurden alle weiteren Bestellungen für Hausarztpraxen abgesagt und die ÄrztInnen vertröstet, denn wegen Lieferengpässen gingen nun spontan die Moderna-Impfdosen statt der Pfizer-Impfstoff in die Pflegeheime. So kamen meine ArztkollegInnen in die unangenehme Lage, 100 Personen kurzfristig den zugeteilten Termin ohne Verschiebedatum absagen zu müssen. Dies trug zum Unmut bei.

Der Aufwand, das Administrative zu bewältigen und die vielen Fragen der Patienten zu beantworten war enorm. Die Termin-Organisation und das Erfassen der 100 Patienten im Ärztefon-Tool benötigte 3 Arbeitstage. Die Vergütung war noch offen, es wurde verhandelt. Unglücklicherweise waren unter den 100 PatientInnen noch 3, welche auch zu einer anderen Hausärztin gehen, was zu einem interkollegialen Konflikt führte, zumal die Impftermine bei der Kollegin abgesagt wurden. Parallel musste ich die PatientInnen der Pflegeheime impfen, die ich ärztlich betreue, denn die Aufgabe des Impfens wurde den Heimärzten überantwortet. Ich erfuhr jeweils nur einige Tage zuvor den Termin der Heimlieferungen, so dass ich kurzfristig einen gefüllten Sprechstundentag umorganisieren musste.
Im weiteren Verlauf wurde das Ärztefon-Tool obligatorisch durch die kantonale Plattform VacMe ersetzt und wir mussten einige Patienten nochmals neu erfassen.
Einmal fiel meinem Kollegen aus Versehen ein Fläschchen zu Boden, es zerbrach – und 10 geplante Impfungen waren weg. Ersatz zu besorgen, bedeutete 3 Stunden Aufwand einschliesslich Weg. Wir Ärzte und unsere MPAs waren am Limit, denn all dies lief zusätzlich zum normalen Praxisbetrieb.

Nach 1000 Impfungen zogen wir die Notbremse. Wir sind raus! Von all meinen KollegInnen höre ich dasselbe. Zumal nun die Mindestbestellung auf 400 Dosen angewachsen ist. Gewünscht hätte ich mir eine Handhabung wie bei allen anderen Impfungen, mit Tarmed und Einzelspritzen. Impfen Ja, aber so nicht mit uns!

Dr. med. Dr. sc. nat. Andreas Bäbler
praxis.baebler@hin.ch

Dr. med. Dr. sc. nat. Andreas Bäbler

Herrliberg

Opioide bei älteren Patienten

Die Durchführung einer Opioidanalgesie bei älteren Patienten ist oft eine Herausforderung. Während Opioide zu gefährlichen Nebenwirkungen führen können, insbesondere bei einer gefährdeten geriatrischen Population, kann eine unzureichende Schmerzkontrolle zu einer dramatischen Abnahme des Funktionsstatus und der Lebensqualität führen. In diesem Artikel sollen diese Fragen diskutiert und die Grundsätze für eine sicherere Verschreibung von Opioiden in der Geriatrie überprüft werden.

Einsatz von Opioiden in der Geriatrie

Laut dem Bundesamt für Statistik sind Analgetika aller Klassen die am häufigsten konsumierten Medikamente in der Schweiz, insbesondere bei älteren Menschen (1). Der gesamte Opioidkonsum, ausgedrückt in Morphinäquivalenten pro Kopf, ist auch in der Schweiz in der Allgemeinbevölkerung über einen Zeitraum von 30 Jahren (1985-2015) um mehr als das 20-Fache gestiegen (2). Eine Genfer Beobachtungsstudie zeigte, dass 20% der geriatrischen Patienten, welche die Notaufnahme aufsuchten, zu Hause ein Opioid einnahmen und von diesen wiederum 1/3 wegen unerwünschter Wirkungen im Zusammenhang mit dieser Behandlung eine Konsultation beanspruchte (3). Es scheint jedoch so zu sein, dass über 65 Jahre alte Personen in der Schweiz nicht mehr starke Opioide erhalten als jüngere Patienten (4). Dies mag überraschend erscheinen, da Schmerzen ein sehr häufiges Symptom sind und ihre Prävalenz mit dem Alter zunimmt (5). Es scheint jedoch, dass die Angst vor der Verschreibung von Opioiden bei Patienten mit Polymorbidität und Multimedikation weiterhin eine wichtige Rolle spielt (6).
Das Vorhandensein von Komorbiditäten und das erhöhte Risiko von unerwünschten Wirkungen bei älteren Patienten verändern oft das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Analgetika und schränken deren Auswahl in dieser Bevölkerungsgruppe ein. Opioide sind die wirksamsten Analgetika, die für starke Schmerzen zur Verfügung stehen. Ihr Einsatz ist in der Regel mässigen bis starken akuten Schmerzen vorbehalten oder dann angezeigt, wenn andere verfügbare Behandlungen versagt haben, und in der Geriatrie werden Opioide manchmal zur einzigen medikamentösen Behandlungsoption.

Die Bedeutung einer adäquaten Schmerzbehandlung

Die geriatrische Bevölkerung wird manchmal im Verhältnis zur Intensität der vorliegenden Schmerzen unterbehandelt (7-10) und starke Opioide werden zu wenig eingesetzt. Dies kann auf eine Trivialisierung seitens der Patienten zurückzuführen sein, die Schmerzen als unvermeidlich ansehen, und seitens des Pflegepersonals, das nicht immer darin geschult ist, Schmerzen bei älteren Patienten angemessen zu beurteilen und zu behandeln, insbesondere bei eingeschränkter verbaler Kommunikation oder bei kognitiven Einschränkungen. Darüber hinaus verwenden Pflegekräfte Opioide in dieser Population häufig nicht, da sie Angst vor unerwünschten Wirkungen haben und nicht ausreichend geschult sind (6, 11).
Unzureichend behandelte Schmerzen können chronisch werden und sich bei älteren Menschen sowohl in Bezug auf die Lebensqualität als auch auf die Funktionalität nachteilig auswirken. Sie können mit Schlaf- und Appetitstörungen, Depression, eingeschränkter Mobilität, Stürzen und der Unfähigkeit, Aktivitäten des täglichen Lebens durchzuführen, einhergehen und möglicherweise zu einem Verlust der Unabhängigkeit führen (12, 13). Darüber hinaus kann eine unzureichende Kontrolle der akuten Schmerzen, insbesondere in der postoperativen Phase, zu Verwirrung führen (14).
Während die Verabreichung von Opioiden ursprünglich der Behandlung akuter nozizeptiver oder tumorbedingter Schmerzen vorbehalten war, ist die Mitverschreibung eines oralen Opioids zur Behandlung chronischer, nicht krebsbedingter Schmerzen bei geriatrischen Patienten für die kurzfristige Behandlung an-haltender mässiger bis starker muskuloskelettaler Schmerzen erlaubt, wie z.B. Arthrose-Schub oder Kreuzschmerzen und wenn andere medikamentöse oder nicht-medikamentöse Ansätze versagt haben (11, 15, 16).

Geriatriespezifisches Gefährdungspotenzial der Opioide

Die weit verbreitete Sorge hinsichtlich vermehrter unerwünschter Ereignisse mit schwerwiegenden Folgen bei älteren Patienten, die Opioide einnehmen, ist berechtigt. Altersbedingte pharmakokinetische und pharmakodynamische Veränderungen sowie Komorbiditäten und Polymedikation, die in dieser Bevölkerungsgruppe extrem häufig vorkommen, machen die Gruppe anfälliger für opioidbedingte unerwünschte Ereignisse, die in ihren Merkmalen denen der übrigen Bevölkerung ähneln (17), aber häufig schwerwiegendere Folgen haben (Tab. 1). So kann eine Opioidtherapie ohne Indikation die Lebensqualität genauso stark oder stärker einschränken als die Schmerzen, gegen die sie verordnet wird (16).
Von einer erhöhten pharmakodynamischen Empfindlichkeit bei älteren Menschen, die zu einer stärkeren Wirkung bei einer gegebenen Dosis führt, wurde bei allen Opioiden berichtet. Dies führt vor allem zu Beginn der Behandlung zu einem dosisabhängigen Sturz- und Frakturrisiko (18, 19), das sich bei der Einnahme anderer Sedativa wie Benzodiazepinen, Antipsychotika, trizyklischen Antidepressiva oder Antihistaminika weiter erhöht. Diese erhöhte Empfindlichkeit fordert zu einer sorgfältigen Titration auf und ermöglicht manchmal auch ein therapeutisches Ansprechen bei Dosen, die oft niedriger sind als die bei Erwachsenen verwendeten Durchschnittsdosen.

Grundsätze für eine sicherere Verschreibung von Opioiden

Obwohl die potenziell schädlichen Wirkungen von Opioiden bei geriatrischen Patienten eine Realität sind, gibt es einfache Möglichkeiten, ihr Auftreten in dieser Bevölkerungsgruppe zu verhindern oder zu begrenzen (Tab. 1).
In erster Linie sollten Opioide ausschliesslich bei Patienten mit mässigen bis starken Schmerzen, die die Lebensqualität und das Funktionsniveau erheblich beeinträchtigen, verschrieben werden (16).
Opioide sollten, wann immer möglich, von nicht-medikamentösen Massnahmen begleitet werden. Die Therapie sollte mit einer um 25-50% niedrigeren Dosis begonnen und vorsichtiger erhöht werden als bei jüngeren Patienten (13).
Es ist wichtig, zu Beginn der Behandlung mit dem Patienten ein realistisches Therapieziel zu definieren, wie z.B. eine 30-50%ige Schmerzreduktion oder eine deutliche Verbesserung des Schlafes, der Lebensqualität, des funktionellen Status und der Wiederaufnahme sozialer Aktivitäten. Wenn diese Ziele nach maximal 4 Wochen nicht erreicht werden, sollte das Opioid schrittweise abgesetzt werden (Reduktion um 25-50% pro Woche bis zum Absetzen). Wird die Therapie fortgesetzt, sollte spätestens nach 6 Monaten eine erneute Beurteilung der Behandlung erfolgen und eine Dosisreduktion oder ein Absetzen erwogen werden (13, 16).
Die bevorzugte galenische Form ist die orale Verabreichung, aber auch die Anwendung eines Pflasters ist manchmal möglich, insbesondere bei Schluckstörungen oder Problemen mit der Adhärenz. Eine osmotische oder reizlindernde Abführbehandlung sollte die Verschreibung systematisch begleiten (19).
Bei älteren Patienten mit Niereninsuffizienz sind die Analgetika der Wahl Buprenorphin und Hydromorphon und eventuell Fentanylpflaster, die bei eingeschränkter Nierenfunktion nicht akkumulieren (20). Es ist zu beachten, dass zur Abschätzung der Nierenfunktion bei älteren Patienten mit verminderter Muskelmasse die Cockroft-Formel unter Berücksichtigung des Gewichts verwendet werden sollte.
Liegt eine Leberschädigung vor, sind sofort glucuronidierte Opioide wie Morphin und Hydromorphon zu bevorzugen. Buprenorphin oder Fentanyl sind mögliche Alternativen (21, 22).
Aufgrund des hohen Risikos pharmakokinetischer Wechselwirkungen ist es sinnvoll, die Verschreibung von Codein und Oxycodon bei polymedizierten Patienten zu vermeiden und bei der Verschreibung anderer Cytochrom P450 (CYP)-Substrat-Opioide, wie Tramadol (CYP 2D6) oder Fentanyl (CYP 3A4/5), besonders auf das Auftreten von unerwünschten Wirkungen oder unzureichendes therapeutisches Ansprechen zu achten (23). Die Wirkung der letztgenannten Opioide kann bei Vorhandensein von Arzneimittelinteraktionen und/oder genetischem CYP-Polymorphismus verändert werden, was zum Risiko einer Überdosierung oder zu Unwirksamkeit führt.
In diesen Situationen ist Buprenorphin oder Morphin zu bevorzugen, da bei beiden einige dieser Wechselwirkungen entfallen, und das Risiko sollte abgewogen werden.
Ausserdem sollte die Polymedikation so weit wie möglich eingeschränkt werden, insbesondere sedierende Behandlungen, um das Sturzrisiko zu verringern.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck, aktualisiert und übersetzt aus «la gazette médicale» 03_2020.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Myriam El Biali

Département de médecine aiguë, HUG
Rue Gabrielle Perret-Gentil 4
1211 Genève 14

Myriam.elbiali@hcuge.ch

Prof. Dr. med. Jules Desmeules

Département de médecine aiguë, HUG
Rue Gabrielle Perret-Gentil 4
1211 Genève 14

Dr. med. Marie Besson

Département de médecine aiguë, HUG
Rue Gabrielle Perret-Gentil 4
1211 Genève 14

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

◆ Wenn die Indikation gestellt ist, sollte die Einleitung einer oralen Opioid-Analgesie einem älteren Patienten in der niedrigsten wirksamen Dosis angeboten werden, mit dem Ziel, eine Schmerzreduktion von mindestens 30% und/oder eine signifikante Verbesserung der funktionellen Kapazität zu erreichen.
◆ Eine vorsichtige Dosiseinführung und Titration ist erforderlich, ebenso wie eine regelmässige Neubewertung der Wirksamkeit und Verträglichkeit.
◆ Bei ungenügendem Ansprechen innerhalb weniger Wochen muss die Behandlung abgebrochen werden.
◆ Es ist zwar wichtig, Schmerzen in der Geriatrie angemessen zu behandeln, aber es ist auch wichtig zu vermeiden, eine Behandlung fortzusetzen, die keinen ausreichenden analgetischen Nutzen bietet und deren potenzielle unerwünschte Wirkungen in einer vulnerablen älteren Bevölkerung besonders schädlich sein können.

1. Bundesamt für Statistik.
2. Ruchat D, Suter MR, Rodondi PY, Berna C. [Opioid consumption from 1985 to 2015 : The situation in Switzerland, with an international comparison]. Rev Med Suisse. 2018;14(612):1262-6. Consommation d’opioides entre 1985 et 2015 : chiffres suisses et mise en perspective internationale.
3. Lorenzini KI, Desmeules J. Frequency and causes of opioid-related visits in adult and geriatric emergency departements of a swiss university hospital. 2020.
4. Wertli MM, Reich O, Signorell A, Burgstaller JM, Steurer J, Held U. Changes over time in prescription practices of pain medications in Switzerland between 2006 and 2013: an analysis of insurance claims. BMC Health Serv Res. 2017;17(1):167.
5. Guido D, Leonardi M, Mellor-Marsa B, Moneta MV, Sanchez-Niubo A, Tyrovolas S, et al. Pain rates in general population for the period 1991-2015 and 10-years prediction: results from a multi-continent age-period-cohort analysis. The journal of headache and pain. 2020;21(1):52. Epub 2020/05/15.
6. Spitz A, Moore AA, Papaleontiou M, Granieri E, Turner BJ, Reid MC. Primary care providers‘ perspective on prescribing opioids to older adults with chronic non-cancer pain: a qualitative study. BMC geriatrics. 2011;11:35. Epub 2011/07/15.
7. Bernabei R, Gambassi G, Lapane K, Landi F, Gatsonis C, Dunlop R, et al. Management of pain in elderly patients with cancer. SAGE Study Group. Systematic Assessment of Geriatric Drug Use via Epidemiology. JAMA. 1998;279(23):1877-82.
8. Cleeland CS, Gonin R, Hatfield AK, Edmonson JH, Blum RH, Stewart JA, et al. Pain and its treatment in outpatients with metastatic cancer. N Engl J Med. 1994;330(9):592-6.
9. Xing X, Sun K, Yan M. Delayed Initiation of Supplemental Pain Management is Associated with Postherpetic Neuralgia: A Retrospective Study. Pain Physician. 2020;23(1):65-72.
10. Wioletta MD, Sebastian D, Andrzej B. Perception of barriers to postoperative pain management in elderly patients in Polish hospitals – a multicentre study. J Nurs Manag. 2016;24(8):1049-59.
11. O’Brien MDC, Wand APF. A systematic review of the evidence for the efficacy of opioids for chronic non-cancer pain in community-dwelling older adults. Age Ageing. 2020.
12. American Geriatrics Society Panel on Pharmacological Management of Persistent Pain in Older P. Pharmacological management of persistent pain in older persons. J Am Geriatr Soc. 2009;57(8):1331-46.
13. Schuler M, Griessinger N. [Opioids for noncancer pain in the elderly]. Schmerz. 2015;29(4):380-401. Opioide bei Nichttumorschmerz im hoheren Lebensalter.
14. Morrison RS, Magaziner J, Gilbert M, Koval KJ, McLaughlin MA, Orosz G, et al. Relationship between pain and opioid analgesics on the development of delirium following hip fracture. J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2003;58(1):76-81.
15. Naples JG, Gellad WF, Hanlon JT. The Role of Opioid Analgesics in Geriatric Pain Management. Clin Geriatr Med. 2016;32(4):725-35.
16. Schuning J, Maier C, Schwarzer A. [Pain treatment with opioids for non-cancer pain by the family physician]. MMW Fortschr Med. 2017;159(Suppl 3):52-61. Opioide in der Hausarztpraxis.
17. Els C, Jackson TD, Kunyk D, Lappi VG, Sonnenberg B, Hagtvedt R, et al. Adverse events associated with medium- and long-term use of opioids for chronic non-cancer pain: an overview of Cochrane Reviews. The Cochrane database of systematic reviews. 2017;10:CD012509. Epub 2017/10/31.
18. Vestergaard P, Rejnmark L, Mosekilde L. Fracture risk associated with the use of morphine and opiates. J Intern Med. 2006;260(1):76-87. Epub 2006/06/23.
19. Abdulla A, Adams N, Bone M, Elliott AM, Gaffin J, Jones D, et al. Guidance on the management of pain in older people. Age Ageing. 2013;42 Suppl 1:i1-57. Epub 2013/02/27.
20. Ionescu M, Hemett OM, Descombes E, Blondel N, Hayoz D. [Geriatric patients with chronic kidney insufficiency: which antalgia?]. Rev Med Suisse. 2014;10(425):804, 6-10. Patients geriatriques insuffisants renaux chroniques: quelle antalgie ?
21. Bosilkovska M, Walder B, Besson M, Daali Y, Desmeules J. Analgesics in patients with hepatic impairment: pharmacology and clinical implications. Drugs. 2012;72(12):1645-69.
22. Innaurato G, Piguet V, Simonet ML. [Analgesia in patients with hepatic impairment]. Rev Med Suisse. 2015;11(480):1380, 2-4. Antalgie chez les patients avec une atteinte hepatique.
23. Interactions médicamenteuses, cytochromes p450 et P-glycoprotéine. disponible sous: https://www.hug-ge.ch/pharmacologie-toxicologie-cliniques.

Kontrolle der nicht schmerzhaften Symptome in der Palliativmedizin

Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung weisen durchschnittlich 11 Symptome auf. Von diesen ist der Schmerz eines der häufigsten, aber bei weitem nicht das einzige, das mit Medikamenten oder nicht medikamentösen Ansätzen behandelt werden kann. Diese Übersicht bietet einen Überblick über das Management von sechs weiteren Symptomen, die am Lebensende häufig auftreten: Dyspnoe, Übelkeit/Erbrechen, Müdigkeit, Anorexie, Verwirrtheitszustand und Rasselgeräusche des Sterbenden.

Die Palliativmedizin hat als Hauptziel die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen, die eine fortschreitende, unheilbare Krankheit haben. Eine Möglichkeit, diese Lebensqualität zu verbessern, ist die Kontrolle der vielfältigen Symptome, an welchen die Patienten leiden. Eine systematische Bewertung dieser Symptome mit Hilfe der Edmonton Symptom Assessment Scale (ESAS) kann neun von ihnen identifizieren und quantifizieren. Diese Selbsteinschätzungsskala wurde zwar ins Deutsche übersetzt, aber bisweilen noch nicht validiert, im Gegensatz zur französischen Version (1).

Dyspnoe

Dyspnoe, definiert als subjektives Empfinden von Atembeschwerden, ist eines der vom Patienten am häufigsten geäusserten Symptome. Sie wird oft von Sorgen und Angst zu ersticken begleitet und ist bei Menschen am Lebensende mit Prävalenzen von bis zu 75% beschrieben worden (2). Die effektivste Behandlung bleibt die Optimierung der Behandlung der zugrunde liegenden Krankheit. In dieser Hinsicht werden Behandlungen bei Herzinsuffizienz und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) so lange wie möglich aufrechterhalten, auch wenn das Lebensende sich nähert. In Bezug auf die symptomatische Behandlung hat sich Morphin als die wirksamste Substanz erwiesen (3). Die Wirkungsweise ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wurden µ-Rezeptoren im Bronchialsystem gefunden. Es handelt sich also wahrscheinlich um einen Effekt, der mit dieser Medikamentenklasse zusammenhängt. Andere Wirkstoffe wie Oxycodon, sublinguales oder inhaliertes Fentanyl und Hydromorphon werden derzeit untersucht. Meistens handelt es sich dabei um kleine Studien, manchmal mit widersprüchlichen Ergebnissen. Eine aktuelle randomisierte kontrollierte Studie zeigte jedoch keinen Unterschied zwischen Oxycodon und Morphin bei chronischer Dyspnoe (4). Zusammenfassend eröffnen diese Informationen die Möglichkeit, bei persistierender Dyspnoe in der palliativen Situation auch andere Opiate einzusetzen. Die Angst vor Atemnot ist unbegründet, sofern die Substanz peroral verabreicht wird, die Dosis an die Situation angepasst ist und die Titration progressiv erfolgt (Kasten 1) (5).


Als Alternative kann dem Patienten angeboten werden, in Momenten der Dyspnoe einen Ventilator auf sein Gesicht zu richten. Diese Therapie ist erwiesenermassen genauso wirksam wie die Sauerstofftherapie (6). Bis heute hat jedoch keine Studie die Wirksamkeit von letzterer gegenüber einem Placebo bei fehlender Hypoxämie nachgewiesen (7).
In der stationären Umgebung werden die nicht invasive Beatmung (NIV) und die nasale High-Flow-Sauerstofftherapie (High Flow Nasal Cannula – HFNC) immer häufiger eingesetzt. Es hat sich gezeigt, dass die NIV einen Einfluss auf die Lebensqualität hat, aber keinen auf das Überleben und den natürlichen Krankheitsverlauf (8). Die Studien zur HFNC sind sogar noch ermutigender. Die HFNC vermindert nicht nur die Dyspnoe bei hypoxämischen Patienten (9), sondern kann die Symptome auch bei nicht hypoxämischen Patienten in Ruhe und bei Belastung positiv beeinflussen (10, 11). Im Gegensatz zur NIV ermöglicht diese Therapie dem Patienten einen verbalen Austausch mit seinem Umfeld und die Aufrechterhaltung der oralen Ernährung/Hydratation dadurch, dass der Sauerstoff nasal verabreicht wird (12). Diese Therapien gehören zusammen mit Morphin heute zum therapeutischen Arsenal der palliativen Behandlung der Dyspnoe.
Benzodiazepine werden bei chronischer Dyspnoe oft mit Opiaten kombiniert, auch wenn es dafür keine wissenschaftlichen Belege gibt (13). Allerdings ist wegen den kummulierten Nebenwirkungen zusammen mit den Opiaten Vorsicht geboten. Die Hauptindikation muss die Behandlung von Angstzuständen bleiben, die mit dem Gefühl der Dyspnoe einhergehen können. Es wird eine progressive Titration, beginnend mit kleinen Dosen, empfohlen.

Übelkeit und Erbrechen

Übelkeit und Erbrechen (N/V) sind in der Palliativmedizin relativ häufig. Bei Krebs sind bis zu 70% der Patienten betroffen (14). Aber auch andere unheilbare Krankheiten wie Herz- oder Nierenversagen und COPD verursachen bei 50% der Patienten N/V (2). Einige spezifische Ursachen, wie z. B. Chemo- oder Strahlentherapie, Opiatbehandlung, gastrointestinale Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder intrazerebrale Erkrankungen (Metastasen, intrakranielle Hypertonie) sollten identifiziert und behandelt werden; meist wird bei diesen Patienten jedoch keine Ursache oder eine multifaktorielle Ursache gefunden (15). Metoclopramid ist das Mittel der ersten Wahl bei N/V ausgelöst durch Opioide und Stoffwechselstörungen. Das Ansprechen ist dosisabhängig und erfordert manchmal eine Titration auf bis zu 80mg/Tag (16). Bei N/V induziert durch Chemo- oder Strahlentherapie hat sich Ondansetron als sehr wirksam erwiesen (17). Die onkologischen Fachgesellschaften haben kürzlich den Einsatz von Olanzapin und Neurokinin-1-Rezeptor-Antagonisten zur Prävention von N/V infolge Chemo- und Strahlentherapie anerkannt (18). Es gibt nur wenige Fallserien in der Palliativmedizin mit Olanzapin, die aber alle einen günstigen Effekt bereits ab einer Dosis von 1,25 mg pro Tag zeigen (19). Wenn Haloperidol gegen Übelkeit nicht wirkt, wird manchmal Levomepromazin empfohlen. Dieses zeigte in einer kürzlich durchgeführten randomisierten kontrollierten Studie keinen Unterschied in der Wirksamkeit im Vergleich zu Haloperidol. Allerdings waren die Patienten unter Levomepromazin signifikant stärker sediert (20). Kortikosteroide sind bei intrakranieller Hypertension indiziert, können aber auch als Ergänzung zu anderen Antiemetika verordnet werden (21). Schliesslich ist Haloperidol bei unzureichender Kontrolle mit anderen Antiemetika und bei mechanischem Darmverschluss indiziert (22). Ein Ileus tritt bei 3-15% der Krebspatienten auf, vor allem bei Patienten mit Ovarial- (20-50 %) und Kolonkarzinomen (10-29%) (23). Abhängig von der Lage, dem Ursprung der Obstruktion, den Wünschen des Patienten und seinem Allgemeinzustand kann ein chirurgischer Eingriff in Betracht gezogen werden, einschliesslich Stenting oder Entlastungs-Gastrostomie. Meistens ist jedoch eine symptomatische Behandlung angezeigt (24). Eine Medikamentenkombination sollte auf folgende drei Achsen wirken: 1) Übelkeit; 2) Darmsekretion und -entzündung; 3) Schmerzen (25). Details zur medikamentösen Behandlung sind in Tabelle 1 ersichtlich.

Müdigkeit

Müdigkeit kann als ein häufiges Symptom betrachtet werden, das wenig Aufmerksamkeit erhält. Dennoch kann es einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität haben. Die Prävalenz liegt im Durchschnitt aller Erkrankungen bei etwa 60%, wobei Patienten unter Chemo- oder Strahlentherapie deutlich häufiger betroffen sind (26). Um Müdigkeit zu erkennen, schlägt die European Association of Palliative Care vor, die einfache Frage «Fühlen Sie sich ungewöhnlich müde oder schwach?» zu stellen, bevor die Ermüdung mit dem ESAS quantifiziert wird (26). Sekundäre Ursachen wie Infektionen, Stoffwechsel- und endokrine Störungen und Anämie, um nur einige zu nennen, sollten, soweit möglich und sinnvoll, abgeklärt und behandelt werden. Dies erfordert einen mehrdimensionalen Ansatz (Tab. 2). Medikamentöse Behandlungen sind eher enttäuschend und es ist vor allem körperliche Bewegung, die eine gewisse Wirksamkeit gezeigt hat (27). Es kann jedoch ein Versuch mit Kortikosteroiden (z.B. Dexamethason 4-8 mg täglich) für 5 Tage durchgeführt werden. Bei Erfolg kann die Behandlung bis zu zwei Wochen lang fortgesetzt werden; danach lässt die Wirkung nach. Andere Studien bei jungen Krebspatienten zeigen gute Ergebnisse mit Methylphenidat. Sein Nebenwirkungsprofil legt jedoch Vorsicht bei älteren Patienten nahe.

Anorexie

Die Anorexie ist definiert als Appetitlosigkeit oder eine reduzierte Nahrungsaufnahme. Sie kommt sehr häufig vor in der Terminalphase onkologischer Erkrankungen (85 %) (28)), aber auch bei Herz-, Nieren- oder Lungenversagen (50 %) (29)). Oft ist die reduzierte Nahrungsaufnahme eine der Hauptsorgen der Familie und eine Quelle der Angst. Die Behandlung erfolgt daher individuell nach einer gründlichen Erfassung, die nicht nur die Anamnese der Essgewohnheiten, das Vorhandensein von Faktoren, die eine Anorexie begünstigen (Kasten 2), sondern auch die Form, wie die Nahrung präsentiert wird und die Erwartungen des Patienten und seines Umfelds umfasst. Die Faktoren, die eine Anorexie begünstigen, sollten so weit wie möglich behandelt werden. In den frühen Stadien der Erkrankung kann eine künstliche Ernährung in Betracht gezogen werden. Im fortgeschrittenen Stadium (Lebenserwartung < 3 Monate) ist eine genussvolle Ernährung zu bevorzugen. Oft ist eine Anpassung der Portionen und deren Häufigkeit, der Textur, aber auch des Inhalts der Mahlzeiten notwendig. Die Hilfe einer Ernährungsberaterin kann von Vorteil sein. Orale Nahrungsergänzungsmittel sind manchmal angezeigt. Als appetitanregende Medikation kann eine Kur mit Kortikosteroiden (Prednison 0,5 mg/kg/Tag oder Dexamethason 0,1 mg/kg/Tag) vorgeschlagen werden, deren Wirksamkeit bereits nach 5 Tagen erkennbar ist, aber nach 2 Wochen nachlässt (30). Das Antidepressivum Mirtazapin zeigte in einer kleinen Pilotstudie bei Krebspatienten nach 7-wöchiger Behandlung eine Tendenz zur Appetitverbesserung. Umfassendere Studien sind noch nötig, um den Stellenwert dieses Wirkstoffs bei der Behandlung der Anorexie wirklich zu belegen (31). Andererseits vermochten weder Cannabis noch THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) die Appetitlosigkeit in einer grossen multizentrischen Studie zu verbessern (32).

Verwirrtheitszustand

Ein solcher liegt bei 13-88% der Patienten vor, wobei die Inzidenz gegen Ende des Lebens zunimmt (33). Bei 30-50% wird der Verwirrtheitszustand durch reversible Ursachen (Infektion, Fäkalom/Verstopfung, Harnverhalt, Elektrolytstörungen, Medikamente) beschleunigt. Je nach Zustand und Prognose des Patienten können diese Ursachen gesucht und behandelt werden, während parallel dazu eine symptomatische Behandlung erfolgt. Eine aktuelle Studie, in der Haloperidol und Risperidon mit nicht pharmakologischen Massnahmen verglichen wurden, zeigte jedoch, dass letztere zur Entlastung der Patienten effektiver waren als Neuroleptika (34). Der aktuelle Trend in der Palliativmedizin geht dahin, auf den systematischen Einsatz von Neuroleptika zu verzichten. Sie sind (wahrscheinlich) immer noch in Fällen von schwerem hyperaktivem Verwirrtheitszustand indiziert, der der Person grosses Leid zufügt. Die Substanzen und Dosierungen sind in Tabelle 3 aufgeführt, wohlwissend, dass sich kein Molekül als einem anderen überlegen erwiesen hat.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein nicht pharmakologischer Ansatz eindeutig zu bevorzugen ist.

Rasselgeräusche des Sterbenden

Eine starke bronchiale Obstruktion, auch als «Todesröcheln» bekannt, tritt in den letzten Lebenstagen oder sogar Stunden vor dem Tod auf. Bis zu 92% der Menschen sind davon betroffen. Bei Bewusstseinsstörungen ist der Schluckreflex beeinträchtigt, wodurch sich Sekrete in der Luftröhre und den Bronchien sammeln können. Die vorbeiströmende Luft erzeugt oszillierende Schwingungen, die als Rasselgeräusche wahrgenommen werden. Diese Stauung ist nicht zu verwechseln mit der alveolären Stauung aufgrund einer Lungeninfektion oder kardialen Dekompensation. Obwohl dieses Geräusch für Angehörige sehr störend sein kann, gibt es keinen Hinweis darauf, dass diese Rasselgeräusche dem Patienten Unbehagen bereiten. Eine medikamentöse Behandlung ist daher nicht unbedingt erforderlich (35). In erster Linie ist es wichtig, den Kontakt und die Kommunikation mit den Angehörigen zu suchen, um sie zu beruhigen. Ist jedoch eine Reduktion dieser Sekrete erwünscht, kann ein Versuch mit einer Behandlung mit Antimuskarinika unternommen werden, auch wenn die Wirkung dieser Substanzen gegenüber einem Placebo nie nachgewiesen wurde (36). In der Schweiz sind drei Substanzen verfügbar (Tab. 4). Eine weitere Möglichkeit ist die mechanische Absaugung, die sparsam eingesetzt werden sollte, da bei wiederholter Anwendung die Gefahr eines Traumas besteht.

Fazit

Um das Lebensende von Patienten angenehm zu gestalten, stehen den Ärzten mehrere Medikamente zur Verfügung, die eine Reihe von Symptomen kontrollieren. Aber auch Zuhören, Beziehungspflege und die Begleitung von Angehörigen haben ihren Platz in der Gesamtbetreuung eines Menschen mit einer fortschreitenden, unheilbaren Krankheit.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck, aktualisiert und übersetzt aus la «gazette médicale» 03_2021.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Petra Vayne-Bossert

Hôpitaux Universitaires de Genève, Hôpital de Bellerive
Service de médecine palliative
11 chemin de la Savonnière
1245 Collonge-Bellerive

petra.vayne-bossert@hcuge.ch

Die Autorin deklariert, dass keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag bestehen.

◆ Die regelmässige Bewertung der Symptome kann mit der ESAS-Skala leicht durchgeführt werden.
◆ Dyspnoe spricht gut auf kleine Dosen von Morphin an.
◆ Zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen in der Palliativmedizin stehen mehrere Medikamente zur Verfügung, darunter Metoclopramid, Ondansetron und Haloperidol.
◆ Müdigkeit ist ein schleichendes Symptom, das wenig Beachtung findet. Ein Versuch mit Kortikosteroiden kann eine gewisse Verbesserung bringen.
◆ Verwirrtheitszustände sind am Ende des Lebens sehr häufig. Ein nicht pharmakologischer Ansatz wird bevorzugt, aber manchmal sind kleine Dosen von Neuroleptika notwendig.

1. Pautex S, Vayne-Bossert P, Bernard M, Beauverd M, Cantin B, Mazzocato C, et al. Validation of the French Version of the Edmonton Symptom Assessment System. Journal of pain and symptom management. 2017;54(5):721-6 e1.
2. Solano JP, Gomes B, Higginson IJ. A comparison of symptom prevalence in far advanced cancer, AIDS, heart disease, chronic obstructive pulmonary disease and renal disease. Journal of pain and symptom management. 2006;31(1):58-69.
3. Abernethy AP, Currow DC, Frith P, Fazekas B. Prescribing palliative oxygen: a clinician survey of expected benefit and patterns of use. Palliative medicine. 2005;19(2):168-70.
4. Ferreira D, Louw S, McCloud Ph, Fazekas B, McDonald Ch, Agar M et al. Controlled-Release Oxycodone vs. Placebo in the Treatment of Chronic Breathlessness-A Multisite Randomized Placebo Controlled Trial. Journal of Pain and Symptom Management. 2020 Mar;59(3):581-589.
5. Pattinson KT. Opioids and the control of respiration. British journal of anaesthesia. 2008;100(6):747-58.
6. Abernethy AP, McDonald CF, Frith PA, Clark K, Herndon JE, 2nd, Marcello J, et al. Effect of palliative oxygen versus room air in relief of breathlessness in patients with refractory dyspnoea: a double-blind, randomised controlled trial. Lancet. 2010;376(9743):784-93.
7. Uronis HE, Currow DC, McCrory DC, Samsa GP, Abernethy AP. Oxygen for relief of dyspnoea in mildly- or non-hypoxaemic patients with cancer: a systematic review and meta-analysis. British journal of cancer. 2008;98(2):294-9.
8. Quill M, Quill T. Palliative use of noninvasive ventilation: navigating murky waters. Journal of Palliative Medicine. 2014 Jun;17(6):657-61.
9. Peters S, Holets S, Gay P. High-flow nasal cannula therapy in do-not-intubate patients with hypoxemic respiratory distress. Respiratory Care. 2013 Apr;58(4):597-600.
10. Hui D, Mahler D, Larsson L, Wu J, Thomas S, Harrison C et al. High Flow Nasal Cannula Therapy for Exertional Dyspnea in Cancer Patients: A Pilot Randomized Clinical Trial. The Oncologist. 2020 Dec 2. doi: 10.1002/onco.13624. Online ahead of print.
11. Hui D, Hernandez F, Urbauer D, Thomas S, Lu Z, Elsayem A, Bruera E. High-Flow Oxygen and High-Flow Air for Dyspnea in Hospitalized Patients with Cancer: A Pilot Crossover Randomized Clinical Trial. The Oncologist. 2021 May;26(5):e883-e892.
12. Koyauchi T, Hasegawa H, Kanata K, Kakutani T, Amano Y, Ozawa Y et al. Efficacy and Tolerability of High-Flow Nasal Cannula Oxygen Therapy for Hypoxemic Respiratory Failure in Patients with Interstitial Lung Disease with Do-Not-Intubate Orders: A Retrospective Single-Center Study. Respiration. 2018;96(4):323-329.
13. Simon ST, Higginson IJ, Booth S, Harding R, Weingartner V, Bausewein C. Benzodiazepines for the relief of breathlessness in advanced malignant and non-malignant diseases in adults. The Cochrane database of systematic reviews. 2016;10:CD007354.
14. Harris DG. Nausea and vomiting in advanced cancer. Br Med Bull. 2010;96:175-85.
15. Fainsinger R, Miller MJ, Bruera E, Hanson J, Maceachern J. Symptom control during the last week of life on a palliative care unit. Journal of palliative care. 1991;7(1):5-11.
16. Bruera E, Belzile M, Neumann C, Harsanyi Z, Babul N, Darke A. A double-blind, crossover study of controlled-release metoclopramide and placebo for the chronic nausea and dyspepsia of advanced cancer. Journal of pain and symptom management. 2000;19(6):427-35.
17. Billio A, Morello E, Clarke MJ. WITHDRAWN: Serotonin receptor antagonists for highly emetogenic chemotherapy in adults. The Cochrane database of systematic reviews. 2013(12):CD006272.
18. Sutherland A, Naessens K, Plugge E, Ware L, Head K, Burton M, Wee B. Olanzapine for the prevention and treatment of cancer-related nausea and vomiting in adults. Cochrane Database Systematic Review. 2018 Sep 21;9(9).
19. Passik SD, Lundberg J, Kirsh KL, et al. A pilot exploration of theantiemetic activity of olanzapine for the relief of nausea in patientswith advanced cancer and pain. Journal of Pain and Symptom Management. 2002;23:526–32.
20. Hardy JR, Skerman H, Philip J, Good P, Currow DC, Mitchell G, Yates P. Methotrimeprazine versus haloperidol in palliative care patients with cancer-related nausea: a randomised, double-blind controlled trial. BMJ Open. 2019 Sep 12;9(9).
21. Vayne-Bossert P, Haywood A, Good P, Khan S, Rickett K, Hardy JR. Corticosteroids for adult patients with advanced cancer who have nausea and vomiting (not related to chemotherapy, radiotherapy, or surgery). The Cochrane database of systematic reviews. 2017;7:CD012002.
22. Hardy JR, O’Shea A, White C, Gilshenan K, Welch L, Douglas C. The efficacy of haloperidol in the management of nausea and vomiting in patients with cancer. Journal of pain and symptom management. 2010;40(1):111-6.
23. Tuca A, Guell E, Martinez-Losada E, Codorniu N. Malignant bowel obstruction in advanced cancer patients: epidemiology, management, and factors influencing spontaneous resolution. Cancer Manag Res. 2012;4:159-69.
24. Romeo M, de Los LGM, Cuadra Urteaga JL, Vila L, Ahlal S, Indacochea A, et al. Outcome prognostic factors in inoperable malignant bowel obstruction. Supportive care in cancer : official journal of the Multinational Association of Supportive Care in Cancer. 2016;24(11):4577-86.
25. Walsh D, Davis M, Ripamonti C, Bruera E, Davies A, Molassiotis A. 2016 Updated MASCC/ESMO consensus recommendations: Management of nausea and vomiting in advanced cancer. Supportive care in cancer : official journal of the Multinational Association of Supportive Care in Cancer. 2017;25(1):333-40.
26. Radbruch L, Strasser F, Elsner F, Goncalves JF, Loge J, Kaasa S, et al. Fatigue in palliative care patients — an EAPC approach. Palliative medicine. 2008;22(1):13-32.
27. Cramp F, Byron-Daniel J. Exercise for the management of cancer-related fatigue in adults. The Cochrane database of systematic reviews. 2012;11:CD006145.
28. Laviano A, Meguid MM, Rossi-Fanelli F. Cancer anorexia: clinical implications, pathogenesis, and therapeutic strategies. The lancet oncology. 2003;4(11):686-94.
29. Collins PF, Elia M, Stratton RJ. Nutritional support and functional capacity in chronic obstructive pulmonary disease: a systematic review and meta-analysis. Respirology. 2013;18(4):616-29.
30. Tuca A, Jimenez-Fonseca P, Gascon P. Clinical evaluation and optimal management of cancer cachexia. Critical reviews in oncology/hematology. 2013;88(3):625-36.
31. Theobald D, Kirsh K, Holtsclaw E, Donaghy K, Passik S. An open-label, crossover trial of mirtazapine (15 and 30 mg) in cancer patients with pain and other distressing symptoms. Journal of Pain and Symptom Management. 2002 May;23(5):442-7.
32. Strasser F, Luftner D, Possinger K, Ernst G, Ruhstaller T, Meissner W et al. Comparison of orally administered cannabis extract and delta-9-tetrahydrocannabinol in treating patients with cancer-related anorexia-cachexia syndrome: a multicenter, phase III, randomized, double-blind, placebo-controlled clinical trial from the Cannabis-In-Cachexia-Study-Group. Journal of Clinical Oncology. 2006 Jul 20;24(21):3394-400.
33. Hosie A, Davidson PM, Agar M, Sanderson CR, Phillips J. Delirium prevalence, incidence, and implications for screening in specialist palliative care inpatient settings: a systematic review. Palliative medicine. 2013;27(6):486-98.
34. Agar MR, Lawlor PG, Quinn S, Draper B, Caplan GA, Rowett D, et al. Efficacy of Oral Risperidone, Haloperidol, or Placebo for Symptoms of Delirium Among Patients in Palliative Care: A Randomized Clinical Trial. JAMA internal medicine. 2017;177(1):34-42.
35. Campbell ML, Yarandi HN. Death rattle is not associated with patient respiratory distress: is pharmacologic treatment indicated? Journal of palliative medicine. 2013;16(10):1255-9.
36. Lokker ME, van Zuylen L, van der Rijt CC, van der Heide A. Prevalence, impact, and treatment of death rattle: a systematic review. Journal of pain and symptom management. 2014;47(1):105-22.

Update Demenz 2021

Ernüchtert von den vielen Fehlschlägen der vergangenen Jahre hat sich die Demenzforschung neuen Ansätzen geöffnet. Diese scheinen erfolgversprechend, doch ein klarer klinischer Durchbruch ist nach wie vor nicht in Sicht. Ob zumindest ein Vertreter der Amyloid-Immunisierungstherapie eine Marktzulassung erhalten soll, wird im Juni 2021 durch die amerikanische FDA entschieden. Kognitive Störungen im Alter sind dagegen unverändert häufig und können – wenn früh und richtig diagnostiziert – auch bereits mit heute vorhandenen medikamentösen und nicht-medikamentösen Massnahmen entscheidend beeinflusst, aber eben (noch) nicht geheilt werden. Die Abklärung wie auch die Therapie sind auf den einzelnen Patienten abgestimmt und hängen wesentlich von Einverständnis, Gesundheitszustand und den sozialen Lebensumständen des Patienten ab.

Mit Patientenklagen über kognitive Störungen können wir bei jüngeren Erwachsenen, aber ganz speziell im 3. und 4. Lebensalter konfrontiert werden. In jedem Fall müssen solche Klagen ernst genommen werden, da bei richtiger Diagnosestellung und frühzeitiger Einleitung von therapeutischen Massnahmen der weitere Verlauf massgeblich beeinflusst werden kann. Obwohl es seit Einführung der DSM-5 den Begriff «Demenz» eigentlich nicht mehr gibt, ist dieses im Alter häufige Krankheitsbild (jeder 3. über 85-Jährige ist betroffen!) natürlich nicht verschwunden. Zwar hat die Demenz-Inzidenz infolge deutlich besserer Behandlung von vaskulären Risikofaktoren in den letzten 20 Jahren bis zu 50% abgenommen – doch, der demographische Wandel hat diesen medizinischen Fortschritt zahlenmässig praktisch neutralisiert. Das moderne Management von Hirnleistungsstörungen bei dementieller Entwicklung fusst auf 4 Pfeilern (Abb. 1): Frühe und präzise Diagnostik, medikamentöse Therapie, nicht-medikamentöse Therapiemassnahmen und gezielte Unterstützung/Begleitung der Angehörigen und Betreuer (1).

Gibt es im Alter «normale» kognitive Störungen?

Ältere Patienten – wie wir Ärzte – haben die Tendenz, bei vermehrter Vergesslichkeit und anderen «kleinen» Hirnfehlleistungen das Älterwerden oder das Alter im Allgemeinen dafür verantwortlich zu machen. Die Tatsache ist eine andere. Die normale Hirn-
alterung ist wissenschaftlich sehr gut untersucht und lediglich mit einer diskreten Verlangsamung von Denk- und Reaktionsprozessen verbunden. Kann also ein Name nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeit erinnert werden, ist dies noch «normal». Wenn man immer schon ein schlechtes Namensgedächtnis hatte, darf man im Alter keine diesbezügliche Verbesserung erwarten! Ist die Vergesslichkeit aber neu und der dadurch verursachte subjektive Leidensdruck der Patienten vorhanden (selbst bei neuropsychologischer Untersuchung mit Normalbefund), dann ist dies nach neuesten Erkenntnissen als «Subjective Cognitive Decline» zu werten, der in 25% der Fälle innerhalb von 6 Jahren zu einer Demenz führt (2). Leider werden Hirnleistungsstörungen von vielen immer noch primär auf Gedächtnis und Vergesslichkeit reduziert. Unser Hirn leistet jedoch viel mehr! Viele dementielle Prozesse beginnen denn auch in anderen Hirnleistungsbereichen, wo Verschlechterungen (bei erhaltener Gedächtnisleistung) primär über ein anderes Verhalten (z.B. mehr Probleme mit komplexen Aufgaben wie Management von finanziellen Angelegenheiten oder auch das Kochen von komplizierteren Menus!) sichtbar werden. Solche Veränderungen sind nicht normal und müssen abgeklärt werden!

Abgrenzung von «normal» versus «pathologisch»

Im Praxisalltag muss schnell und mit wenig Zeitaufwand entschieden werden können, ob kognitive Störungen schnell weiter abgeklärt werden müssen, ob weiter beobachtet werden muss oder kein weiterer Handlungsbedarf besteht! Das frühere (zeitaufwändige) Screening von kognitiven Störungen mittels MMSE und Uhrentest wurde in den letzten Jahren vom sensitiveren und gezielten «Case Finding» abgelöst (http://www.braincheck.ch/de). Die von den «Swiss Memory Clinics» und Schweizer Hausärzten entwickelte Testung «BrainCheck» trennt in wenigen Minuten «normal» von «pathologisch» mit einer Trennschärfe von 90% (3)! Dazu muss der Patient drei einfache Fragen beantworten und einen Uhrentest absolvieren. Gleichzeitig werden seinem engsten Angehörigen/Partner 7 kurze Fragen gestellt. Alle Resultate können sofort elektronisch erfasst und beurteilt werden.
Bei bestehender weiterer Abklärungsbedürftigkeit muss zusammen mit dem Patienten und seinen Angehörigen entschieden werden, wie die Diagnostik weiter vorangetrieben werden soll. Als erster Schritt ist hier sicherlich der (einfache) Ausschluss von schnellbehandelbaren Ursachen ein absolutes «Muss». Eine Schilddrüsenstörung kann mittels TSH-Bestimmung ausgeschlossen werden, eine Depression mittels Geriatric Depression Scale (GDS) und eine psychosoziale Belastungssituation (Stressbelastung) mit einer sorgfältigen Anamnese erkannt und im positiven Fall mit entsprechenden Gegenmassnahmen angegangen werden. Bei anamnestisch begründbarem Verdacht, kann auch ein Vitamin-B-Status und eine Lues-Serologie weiterführend sein. Wird man in den genannten Bereichen fündig und entsprechend therapie-aktiv, empfiehlt es sich rund 6 Monate später die Kognition mittels «BrainCheck» nachzukontrollieren.

Abklärungsbedürftige kognitive Störungen

Die Art der weiteren Abklärung von kognitiven Störungen ist sehr individuell und hängt vom Einverständnis, dem Gesundheitszustand/Lebenserwartung und den sozialen Lebensumständen des Patienten ab. Bei fitten Senioren sollte immer eine spezialisierte Abklärung bei einem Demenzspezialisten oder einer Memory Clinic erfolgen. Diese umfasst neben einer medizinischen Untersuchung mit Labor und Biomarkern eine neuropsychologische Abklärung mit Hirnbildgebung (MRI). Bei sehr hochaltrigen und fragilen Patienten kann auch eine verkürzte kognitive Abklärung (z.B. mittels MoCa-Assessment (4) erfolgen. Diese kann – mit etwas Erfahrung – in der hausärztlichen Praxis durchgeführt und diagnostisch ausgewertet werden. Dazu gehört auch hier imperativ eine Hirnbildgebung (MRI oder CT), um den wahrscheinlichsten neuropathologischen Grund der dementiellen Entwicklung festzulegen. Dies ist entscheidend für die Art der einzuleitenden Therapie.

Kognitive Störungen: Therapeutische Optionen

Handelt es sich gemäss DSM-5 um «milde» kognitive Störungen, befinden sich diese innerhalb von zwei Standardvariationen eines kognitiven Normalbefundes. Therapeutisch stehen hier neben medikamentösen (Ginkgo Biloba 240mg/d und Vitamin D (24 000 Einheiten pro Monat) v.a. nicht medikamentöse Massnahmen im Vordergrund: regelmässige körperliche und soziale (kognitive) Aktivität, gesunde altersgerechte Ernährung (regelmässig und genügend Protein (1.2 g/kg Körpergewicht pro Tag; mediterrane Diät mit genügend Omega3-Säuren) und eine gute hausärztliche Kontrolle von vaskulären Risikofaktoren (art. Hypertonie, Diabetes, Hypercholesterinämie). In der finnischen FINGER Studie (5) konnten allein mit diesen Lebensstilmassnahmen nach 2 Jahren signifikante kognitive Verbesserungen erzielt werden.

Medikamentöse Optionen

Bevor neue Medikamente zum Einsatz kommen, gilt es grundsätzlich, eine bereits vorhandene allfällige Polypharmazie auf kognitiv beeinträchtigende anticholinerge Substanzen zu überprüfen. Handelt es sich gemäss DSM-5 um «major» kognitive Störungen (Demenz) ist für die Festlegung der medikamentösen Therapie (meist mittels Bildgebung und/oder Biomarker) die dem Prozess zugrundeliegende Neuropathologie entscheidend. Handelt es sich um einen neurodegenerativen Prozess (Alzheimer Erkrankung), sind Stadium-abhängig Ginkgo, Cholinesterasehemmer und Memantine Mittel der ersten Wahl (Abb. 2). Bei dieser symptomatischen Therapie wird (bei frühzeitigem Beginn) der Verlauf der Krankheit bezüglich Funktionalitäts- und Selbständigkeitserhalt massgeblich verbessert. Diese Medikamente wirken ausgesprochen langsam, sind aber dank einer «Number Needed to Treat» (NNT) von unter 10 (für alle drei Substanzklassen!) mit einer hohen Responder-Rate versehen. Im Vergleich zu nicht-behandelten Kontrollpopulationen treten erste klinische Differenzen jedoch erst nach einem Jahr Behandlung auf; diese werden in den weiteren Jahren aber sehr relevant, da die Behandlung zu eindrücklich weniger Pflegeheimeintritten führt (Abb. 3) (6). Hier hat sich v.a. auch die Kombinationstherapie von Memantine mit Cholinesterasehemmer (bei MMSE < 20) als sehr erfolgreich erwiesen. Diese ist in der Schweiz jedoch nur off-label-mässig möglich und wegen einer Limitatio nicht voll von der Grundversicherung übernommen. Trotzdem: Viele Patienten tragen (angesichts stark gefallener Antidementiva-Preise) die paar Hundert Franken pro Jahr gerne selber, wenn damit finanziell viel höhere Kosten einer Institutionalisierung gespart oder herausgeschoben werden können. Neben der durch Antidementiva länger erhaltenen Alltagsfunktionalität treten unter dieser Therapie auch signifikant weniger demenz-assoziierte Verhaltensauffälligkeiten auf (Aggression, Schreien, motorische Unruhe etc.).
Ist die der dementiellen Entwicklung zugrundeliegende Pathologie rein vaskulär, sind obige Antidementiva (ausser Ginkgo) nicht wirksam und entsprechend nicht indiziert. Hier gilt es mit allen Mitteln, mit Lebensstilmassnahmen und der Beherrschung von vaskulären Risikofaktoren das weitere Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Bei gemischten vaskulär-neurodegenerativen Demenzformen können Antidementiva eingesetzt werden. Bei selteneren Demenz-Pathologien wie Lewis-Body Krankheit, Parkinson- oder Fronto-Temporal-Demenz lohnt sich eine Rücksprache mit entsprechenden Spezialisten.

Nicht-medikamentöse Optionen

Nicht-medikamentöse Interventionen bei Demenzkranken werden von grossen Fachgesellschaften und Expertengruppen – ausser bei Notfallsituationen – in erster Linie und als primären Approach bei demenzassoziierten psycho-sozialen Verhaltensauffälligkeiten (BPSD) empfohlen (8). Gemäss Cohen-Mansfield (9) sind die meisten Ärzte für die Medikamentenverschreibung bei BPSD geschult und ausgebildet, jedoch nur die wenigsten verfügen über Kenntnisse zu diesbezüglichen nichtmedikamentösen Therapiemassnahmen und deren Wirkungserfolg. Entsprechend häufig werden deshalb antipsychotische Medikamente eingesetzt bevor nichtmedikamentöse Interventionen versucht werden.
Im Gegensatz zu den bei Demenz bereits früh eingeschränkten oder verlorenen kognitiven Fähigkeiten sind die emotionalen und psychosozialen Kompetenzen bis in späte Demenzkrankheitsstadien weit weniger vom Abbau betroffen. Hier setzen nicht-medikamentöse Interventionen an, in dem sie – weg vom Defizit-Fokus – auf vorhandene Hirnleistungs-Ressourcen zugreifen, diese gezielt nutzen und fördern. Körperliche Aktivität, musikbasierte Aktivitäten sowie proteinreiche, mit Vitamin D ergänzte Ernährung zum Erhalt der Muskelgesundheit bei Demenz haben sich am erfolgreichsten gezeigt (10). Spannend und immer wieder Gegenstand von Forschungen ist die Hirnwirkung von mit Musik kombinierten Bewegungsaktivitäten wie Tanz und Rhythmik. In der «Einstein-Aging» Kohortenstudie wurde regelmässiges Tanzen als Freizeitbeschäftigung mit einem bis zu 80% erniedrigten späteren Demenzrisiko assoziiert (11). In einer Interventionsstudie mittels Rhythmik nach Dalcroze konnte das motorisch-kognitive Dual-Task Vermögen von zuhause lebenden Senioren verbessert und das Sturzrisiko um über 50% reduziert werden (12). Bei fortgeschrittenen Demenzstadien scheint die Dalcroze-Rhythmik neben der positiven Beeinflussung von BPSD-Symptomen vor allem die sprachlichen Fähigkeiten zu fördern (13).
Nichtpharmakologische Interventionen bei Demenzerkrankten sind ein wesentlicher Bestandteil des modernen 4-Säulen-Demenz-Managements. Die zu erwartende Hauptwirkung solcher Massnahmen besteht in der positiven und nebenwirkungsfreien Beeinflussung von BPSD. Körperliche Aktivitätsprogramme zeigen zusätzliche Vorteile für die Alltags-Funktionalität, die insbesondere bei gleichzeitiger proteinreicher Ernährung und Vitamin-D-Supplementation deutlich länger erhalten werden kann. Musik und musikbasierte Bewegungsprogramme wie Tanz und Rhythmik scheinen besonders geeignet, Hirnreserven zu mobilisieren und damit die Kognition signifikant zu verbessern.

Aktuelle Forschungsansätze in der Alzheimer Therapie

Im Bemühen, eine Alzheimer Demenz therapeutisch zu stoppen oder gar zu heilen, hat die Forschung der letzten 20 Jahre leider keinen Durchbruch erzielt. Basiert auf die weitgehend akzeptierte Hypothese, dass die Alzheimer Erkrankung 10 bis 15 Jahre vor Sichtbarwerden von klinischen Symptomen beginnt, fokussieren neue Therapien weitgehend auf diese präklinische Phase der Erkrankung (Abb. 4).


Zur Identifizierung solcher erkrankten, aber asymptomatischen Alzheimer Patienten sind Risikoprofile und entsprechende Biomarker (Amyloid, Tau-Protein, Apo-E Status etc.) entscheidend geworden. Diese können mittlerweile mit speziellen Bildverfahren, aber auch in Körperflüssigkeiten (Liquor und Blut) mehr oder weniger verlässlich nachgewiesen werden. Die für die Alzheimererkrankung typischen Amyloid-Ablagerungen im Hirn waren in vielen aktiven und passiven Immunisierungsstudien Angriffspunkt der Therapie. Die meisten dieser Immunisierungsansätze waren sehr wirksam in der zerebralen Amyloid-Abräumung bei leicht bis mittelschwer dementen Alzheimerkranken. Leider konnte damit aber keine Verbesserung oder gar «Restitutio ad integrum» der Hirnleistung gefunden werden. Alle diesbezüglich bis Phase 3 durchgeführten Studien wurden wegen Unwirksamkeit abgebrochen. Dies geschah initial auch mit der Amyloid-Antikörper Studie «Aducanumab» (Biogen). Aufgrund einer Daten-Nachanalyse mit neuen therapeutischen Wirkungserkenntnissen wurde das Molekül im Herbst 2020 bei der FDA zur Prüfung eingereicht. Ein diesbezüglicher Zulassungsentscheid wird – nach einmaliger Verschiebung – am 7. Juni 2021 erwartet. Neueste Immunisierungsansätze der Forschung fokussieren nun auf die Abräumung der zweiten Alzheimer-typischen cerebralen Ablagerungen: den Tau-Proteinen. Anders als bei Amyloid korreliert das Ausmass von Tau-Ablagerungen sehr verlässlich mit der Hirnleistung. Die meisten diesbezüglichen Studien befinden sich in Phase 1 und 2, weshalb eine Beurteilung einer möglichen Wirksamkeit verfrüht wäre. Dass möglicherweise auch dieser Ansatz nicht der Weisheit letzter Schluss ist, kann aus einer von AC-Immune im Herbst 2020 kommunizierten Pressemitteilung geschlossen werden: Eine Phase 2 Studie mit dem Tau-Antikörper Semorinemab erreichte die erwarteten klinischen Endpunkte nicht. Die verbleibende «Pipeline» neuer Alzheimermedikamente mit verschiedensten Therapieansätzen ist gross (Abb. 5). Die Zukunft wird zeigen, welche Ansätze/Kombinationen letztlich zielführend sein werden.


Anders als in der westlichen Welt wurde in China im Herbst 2019 ein auf Braunalgen basiertes Medikament (GV-971) zur Behandlung der Alzheimer Demenz zugelassen. Dieses soll über eine Modulation des Darm-Mikrobioms wirksam sein. Zwei Jahre später ist nun dazu auch eine wissenschaftliche Publikation veröffentlicht worden (16), eine Phase-3-Studie («Green Memory») ist in Europa und Nordamerika geplant, aber noch nicht initiiert.
Inwieweit ketogene Therapien mit Zuführung von mittelkettigen Triglyzeriden in der Behandlung von Demenzerkrankungen eine Rolle spielen könnten, ist Gegenstand einer anderen neuen Forschungsrichtung. Erste Resultate mit gezeigter Wirkung auf aktuelle und im weiteren Verlauf auftretende Hirnleistungseinbussen bei «Mild Cognitive Impairment» und leichter Alzheimer-Demenz werden als erfolgsversprechend geschildert (17).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Reto W. Kressig

Ärztlicher Direktor & Klinischer Professor für Geriatrie
Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER & Universität Basel
Burgfelderstrasse 101
4002 Basel

RetoW.Kressig@felixplatter.ch

Geriatrische Beratungstätigkeit auf Anfrage bei Novartis, Roche, Takeda, Vifor, Schwabe, Biogen, Idorsia, Nestle, Omanda.

◆ Der kurative Ansatz in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit lässt weiter auf sich warten. Es bleiben uns deshalb «nur» die nicht-medikamentösen und medikamentösen symptomatischen Therapie von Hirnleistungsstörungen, die jedoch im Verlauf einer Demenzerkrankung – im Vergleich zu keiner Therapie – einen wesentlichen Unterschied machen können.
◆ Nichtmedikamentöse Ansätze zeigen marginale bis nicht nachweisbar kognitive Effekte, sind aber wirksam bei Verhaltensstörungen, psychiatrischen Symptomen und Betreuerbelastung.
◆ Bei der pharmakologischen Therapie gilt es, eine vorhandene Polymedikation soweit wie möglich zu reduzieren und potentiell schädliche Substanzen (Priscus-Liste) abzusetzen.
◆ Zum heutigen Zeitpunkt gibt es keine rationalen Gründe, die heute zur Verfügung stehenden symptomatisch wirkenden Antidementiva (Cholinesterasehemmer, Memantine und Ginkgo Extrakt) nicht einzusetzen.
◆ Bei klinisch relativ gering ausfallenden Sofortwirkungen bei Therapiebeginn stehen hier vor allem Vorteile im Langzeitverlauf (um Jahre verzögerte Institutionalisierung, signifikant weniger Verhaltensstörungen) im Vordergrund.

1. Kressig RW. Kognitive Störungen im Salter – Therapeutische Optionen. info@herz&gefäss 2019; 5: 13-15
2. Wolfsgruber S et al. Differential risk of incident Alzheimers Disease Dementia in stable versus unstable patients of subjective cognitive decline. J Alzheimers Dis 2016 ; 54 : 1135-1146
3. Ehrensperger MM et al BrainCheck – a very brief tool to detetc incipeint cognitive decline : optimized case-finding combining patient- and informant-based data- Alz. Res Ther 2014 ;6 : 69
4. Nasreddine ZS et al. The Montreal Cognitive Assessment, MOCA : A brief screening tool for mild cognitive impairment. J Am Geriatric Soc. 2005 ;53 :695-699
5. Kivipelto M et al. The Finnish Geriatric intervention Study tp prevent cognitive impairment and disability (FINGER) : Study design and progress. Alzmeiner’s and Demetia 2013 ;9 :657-665
6. Lopez OL et al. Long-term effects of the concomitant use of memantine with cholinesterase inhibition in Alzheimer’s disease. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2009; 80 : 600-607
7. Kressig RW. Demenz vom Alzheimer-Typ: Nicht medikamentöse und medikamentöse Therapie. Ther Umschau 2015;72: 233-238
8. Savaskan E et al. Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie der behavioralen und psychologischen Symptome der Demenz (BPSD). Praxis 2014; 103: 135-148
9. Cohen-Mansfield J. Nonpharmacologic interventions for inappropriate behaviour in dementia: a review, summary , and critique. Am J Geriatr Psychiatry 2001 ;9 :361-381
10. Krumm S et al. Internistische Praxis 2017;58:1-7.
11. Verghese J et al. Leisure activities and the risk of dementia in the elderly. N Engl J Med 2003;248:2508-2516
12. Trombetti A et al. Effect of music-based multitask training on gait, balance, and fall risk in elderly people. A randomized controlled trial Arch Intern Med. 2011 ;17 :525-533
13. Johnson DK et al Nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten bei Demenz. Gériatrie Pratique 2005;3:1-5
14. Selkoe DJ and Hardy J. The amyloid hypothesis of Alzheirr’s disease at 25 years. EMBO Mol Med 2016;8:595-608
15. Cummings et al. Alzheimers disease drug development pipeline 2020. Translational research & Clin Interventions.DOII 10.1002/trr2.12050 2020 ;
16. Xiao S et al. A 36-week multicenter, randomized, double-blind, parallel-group, phase 3 clinical trial of sodium oligomannate for mild-to-moderate Alzheimer’s dementia. Alzheimers Res Ther 2021;13(1):62. doi: 10.1186/s13195-021-00795-7.
17. Grammatikopoulou MG et al. To keto or not to keto. A systematic review of randomized controlled trials assessig the effects of ketogenic therapy on Alzheimer disease. Adv Nutr 2020;00:1-20.

Moderne Inhalationstherapie bei bronchialen Erkrankungen

In der heutigen Behandlung von Atemwegserkrankungen stehen sehr gut erprobte Inhalationsgeräte und Medikamente zur Verfügung. Die Inhalationstherapie hat in den letzten Jahrzehnten in der Behandlung vor allem der chronischen Atemwegserkrankungen massgebliche Bedeutung erhalten (1). Aufgrund des immer grösser werdenden Angebots der Medikamente für eine inhalative Therapie ist es für Grundversorger verständlicherweise schwieriger geworden, eine Entscheidung für den Patienten zu treffen.

Insbesondere Patienten mit chronisch bronchialen Erkrankungen, wie Asthmatiker und COPD-Patienten, können bei korrekter Inhalationstechnik mit Hilfe verschiedener Geräte lokal wirksame Medikamente inhalieren, welche einerseits als Betamimetika und Anticholinergika eine Bronchialerweiterung bewirken und anderseits als inhalative Steroide potent antinflammatorische Eigenschaften ausweisen.
Der grosse Vorteil inhalativer Deposition von Medikamenten ist die Tatsache, dass die systemischen Nebenwirkungen dieser Medikamente bei korrekter Dosierung ein ausgezeichnetes Wirkungs-Nebenwirkungs-Profil aufweisen (2).
In der folgenden Übersicht möchte ich aufzeigen, dass eine gute Kenntnis der verfügbaren Geräte und der korrekten Inhalationstechnik sowie die Schulung der betroffenen Patienten die Basis bilden, dass die Inhalation von Medikamenten ausgezeichnete und zuverlässige Wirkungen aufweist und dass unter diesen Voraussetzungen und bei Kenntnis der Indikationen sehr wenig Nebenwirkungen auftreten.

Grundlagen der inhalativen Therapie

Um im Bronchialbaum deponiert zu werden, müssen einerseits der aerodynamische Durchmesser der inhalierten Tröpfchen und andererseits die Technik der Inhalation stimmen.
Der erste Prozess nach einem inhalativen Manöver ist die Deposition von Medikamenten-Partikeln oder Tröpfchen. Im Rahmen des inspiratorischen Flows gelangen die Partikel in den Rachenraum, die grossen und immer kleiner werdenden Bronchien, Bronchiolen und evt. auch in die Alveolen.
Die Deposition sowohl im Rachen als auch in den Atemwegen und auch noch peripherer ist abhängig von der aerodynamischen Partikelgrösse, dem inhalativen Fluss, den Eigenschaften des verwendeten Inhalators und den krankheitsbedingten Faktoren (z.B. aktuelle Lungenfunktion).

  • Sind die Tröpfchen zu gross, werden diese schon im Mundrachenraum deponiert und erreichen die Atemwege nicht. Sind sie zu klein, werden die Tröpfchen wieder ausgeatmet und nicht im Zielorgan deponiert.
  • Eine wichtige Rolle spielen ausserdem die pulmonale Verteilung der Medikamente, die mucociliäre und die Makrophagen-Clearance, die Absorption des Lungengewebes und die Absorption der Medikamente in die systemische Zirkulation (3).
  • Wird zudem die Inhalation vom Patienten nicht in genau definierten Schritten durchgeführt, so erreichen die Tröpfchen nur Mund und Rachen und werden dort deponiert, was insbesondere bei der Anwendung inhalativer Steroide lokale Nebenwirkungen verursachen kann.
  • Partikel, welche im Mund-Rachenraum verbleiben, werden runtergeschluckt. Partikel, die die Lunge erreichen aber nicht deponiert werden, werden wieder ausgeatmet (4).

Indikationen für eine Inhalationstherapie

• Asthma: topische Steroide, Betamimetika
• COPD: Betamimetika, Anticholinergika
• Bronchitis: NaCl, eventuell Betamimetika, topische Steroide
• Bronchiektasen: NaCl, Betamimetika, topische Steroide
• Zystische Fibrose: sowohl Betamimetika als auch Steroide und evt. inhalative Antibiotika gegen Pseudomonas aeruginosa

Moderne Inhalationsgeräte und deren korrekte Anwendung

Bei den modernen Inhalationsgeräten unterscheidet man zwischen Pulver-Inhalator, Dosier-Aerosol (DA), das meist mit einer Vorschaltkammer (VK) versehen ist, elektrisch betriebenem Düsen-Vernebler und Respimat.

Allgemeine Regeln für den geschulten Patienten (4):

→ Inhalation gemäss ärztlicher Verordnung 1x oder mehrmals täglich konzentriert und technisch korrekt durchführen
→ Körperstellung: wenn immer möglich in aufrechter Stellung des Thorax: stehend oder sitzend
→ Vor der Inhalation 3x tief ein- und ausatmen, um sich in einen ruhigen Zustand zu versetzen (gilt nicht bei notfallmässiger Inhalation!)

Pulver-Inhalatoren

Korrekte Anwendung: Allgemeine Regeln beachten
• Schritt 1: Mit dem Inhalator schon in der Hand zuerst vollständig einatmen.
• Schritt 2: Anschliessend, wenn möglich, durch die leicht geschlossenen Lippen alle Luft ausatmen (Vorsicht: nicht in den Inhalator blasen!).
• Schritt 3: Keine Luft mehr einatmen und Inhalator zum Mund führen und in dieser Expirationslage das Pulver vollständig aus dem Inhalator einatmen.
• Schritt 4: Atem anhalten und wenn möglich in Gedanken auf 8 bis 10 zählen.
• Schritt 5: Abschliessend langsam durch die leicht geschlossenen Lippen wieder ausatmen.
• Wenn Wirkstoffe auch Steroid enthalten, wenn möglich Mund und Rachen mit Wasser spülen und in Lavabo ausspucken.

Dosier-Aerosole – meist zusammen mit Vorschaltkammer

Korrekte Anwendung: Allgemeine Regeln beachten
• Schritt 1: Schutzkappe entfernen und das DA kräftig mehrmals schütteln!
• Schritt 2: 1 bis mehrere Sprühstösse in die VK geben.
• Schritt 3: Keine Luft mehr einatmen, DA zum Mund führen, mit den Lippen umschliessen und gleichzeitig Druck Ventil betätigen und vollständig einatmen.
• Schritt 4: Atem anhalten und wenn möglich in Gedanken auf 8 bis 10 zählen
• Schritt 5: Langsam und mit leicht geschlossenen Lippen wieder ausatmen.
Wenn Wirkstoffe auch Steroid enthalten, wenn möglich Mund und Rachen mit Wasser spülen und in Lavabo ausspucken.
Die Vorschaltkammer ermöglicht, dass das Aerosol zuerst in diese verabreicht wird und dadurch keine zu schnelle und unkoordinierte Inhalation direkt in den Mund erfolgt. Dies erleichtert vor allem älteren und geschwächten Patienten das Inhalieren.
So kann das Aerosol ohne Hast in 2 Schritten inhaliert werden:
• Schritt 1: Schütteln des Aerosols und 1 bis mehrere Sprühstösse in die VK geben.
• Schritt 2: Inhalation beschrieben wie bei der Pulver-Inhalation und in Ruhe aus der VK, da das Aerosol dort in der Schwebe verweilt.

Respimat (5)

Der Respimat erzeugt ohne Treibmittel oder elektrische Energie eine sich sehr langsam ausbreitende, langanhaltende und feine Sprühwolke. Der Wirkstoff befindet sich in einer Patrone. Produkte mit dem wiederverwendbaren Respimat gibt es mit einer bzw. drei Wirkstoffpatronen.

Flüssiginhalation

Die Flüssiginhalation für die Anwendung im Rahmen chronischer Atemwegserkrankungen hat eine lange Tradition und ist noch immer aktuell. Die Inhalation von flüssigen Mitteln, v.a. von Betamimetika, Anticholinergika und auch flüssigen Steroiden, erfolgt meist mittels Düsen-Vernebler. Sie dauert zwar bis zu 10 Minuten länger, ist aber einfacher handhabbar als die Pulver-Inhalatoren und Dosier-Aerosole, da keine koordinative Technik erforderlich ist, um eine gute bronchiale Deposition zu erreichen.
Diese Inhalationsoption ist also für Patientengruppen in folgenden Situationen besonders hilfreich:

  • Ältere Patienten, die in liegender Position mit einfachen Ein- und Ausatmungsmanövern das Aerosol problemlos inhalieren und in die Atemwege bringen können
  • Schwerkranke, bettlägrige Patienten mit COPD und/oder Asthma
  • Patienten, welche koordinativ oder aufgrund zu schwacher In-
    spirations-Kapazität unmöglich mittels Pulver-Inhalatoren oder Dosier-Aerosolen inhalieren können
  • Patienten auf der Notfallstation mit Asthma-Krise, COPD-Exazerbation
  • Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen auf eine unkomplizierte Inhalation von flüssigen Medikamenten angewiesen sind.

Nebenwirkungen inhalativer Medikamente

Topische Steroide

Da diese beim Inhalieren lokal verwendet werden, treten nur selten Nebenwirkungen auf.
Eine wichtige Prophylaxe zur Vermeidung allfälliger Halsentzündungen ist, nach dem Inhalieren Mund- und Rachenraum gut mit Wasser zu spülen.

Betamimetika

Falls Symptome wie innere Unruhe, Herzklopfen oder Zittern auftreten, Dosis reduzieren, bei flüssiger Inhalation das Mittel mit NaCl verdünnen

Anticholinergika

Häufigste Nebenwirkung ist gelegentliche Mundtrockenheit, systemische anticholinerge Nebenwirkungen sind selten.

Inhalative Medikamente und Geräte

Eine Übersicht aller verfügbaren inhalativen Medikamente (als Monotherapie oder Kombinationstherapie) und verfügbarer Geräte werden von den entsprechenden Firmen auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Zudem orientieren das Compendium und die MiGeL-Liste.

Zusammenfassung

Inhalierbare Medikamente sind in der Behandlung von v.a. Asthma und COPD nicht mehr wegzudenken.
Verglichen mit anderen Möglichkeiten, Medikamente zu verabreichen, können inhalierbare Medikamente grosse Vorteile bringen:

  • Die Medikation gelangt direkt in das betroffene Organ
  • Schneller Wirkungseintritt
  • Hohe und langandauernde bronchiale Wirkung
  • Deutliche Reduktion systemischer Nebenwirkungen

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Jürg Barandun

LungenZentrum Hirslanden
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Die moderne Inhalationstherapie für bronchiale Erkrankungen ist heute sehr gut etabliert und bei Beachtung der Empfehlungen sehr wirksam und meist frei von ernsthaften Nebenwirkungen.
◆ Entscheidend ist aber für den Hausarzt eine gute Kenntnis der Inhaltsstoffe und noch entscheidender die genaue Instruktion der korrekten Inhalationstechnik. Ein Verweis auf den Packungszettel genügt nicht!
◆ Während Pulver-Inhalatoren oder Dosier-Aerosole für Jugendliche aus Zeitgründen geeigneter sein können, ist der alte und kranke Patient oft mit der Anwendung dieser Geräte überfordert – sei es aus Gründen eines reduzierten inspiratorischen Flusses oder durch den als komplex wahrgenommenen Inhalationsablauf – und profitiert von der Flüssiginhalation
◆ Hat der Arzt selbst keine Zeit für eine genaue Demonstration des Inhalationsablaufes empfehle ich, eine Assistentin für diese Aufgabe entsprechend auszubilden.

1. G. Crompton, a brief history of inhaled asthma therapy over the last fifty years, Primary Care Respiratory Journal, vol. 15, no. 6, pp. 326–331, 2006.
2. J. F. Jin, L. L. Zhu, M. Chen et al., “The optimal choice of medication administration route regarding intravenous, intramuscular, and subcutaneous injection,” Patient Preference and Adherence, vol. 9, pp. 923–942, 2015.
3. N. R. Labiris and M. B. Dolovich, “Pulmonary drug delivery. part I: physiological factors affecting therapeutic effectiveness of aerosolized medications,” British Journal of Clinical Pharmacology, vol. 56, no. 6, pp. 588–599, 2003.
4. R.W. Dal Negro, “Dry powder inhalers and the right things to remember: a concept review,” Multidisciplinary Respiratory Medicine, vol. 10, no. 1, p. 13, 2015.
5. P. Brand, B. Hederer, G. Austen et al., “Higher lung deposition with Respimat Soft Mist inhaler than HFA-MDI in COPD patients with poor technique,” International Journal of Chronic Obstructive Pulmonary Disease, vol. 3, no. 4, pp. 763–770, 2008.