Impfen oder doch nicht?

Wie ein schöner und farbiger Frühlingsstrauss präsentiert sich die aktuelle Ausgabe von info@gynäkologie und ladet Sie zum spannenden Lesen ein.

Unterschiedliche aktuelle Themen aus dem Gebiet der Gynäkologie und Geburtshilfe werden mit fundiert geschriebenen Artikeln beleuchtet und diskutiert. Neben diesen neu erarbeiteten Themen bleibt weiterhin das Coronavirus hochaktuell und in den Medien omnipräsent. Das Auftreten von diversen Mutanten, wie aktuell die indische Corona-Variante B.1.617, erhöht die Gefahr einer erneuten starken Zunahme der Fallzahlen. Es ist deswegen nicht erstaunlich, dass wir alle in unserem klinischen Alltag regelmässig mit der Frage konfrontiert werden, ob Schwangere sich mit einer Covid-19-Impfung schützen sollen. Die weltweit durchgeführten Studien zeigen, dass die zugelassenen mRNA-Impfstoffe bislang keinen Anlass für Sicherheitsbedenken gegeben haben. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hatte bisher eine Impfung nur Schwangeren mit einer zusätzlichen chronischen Erkrankung empfohlen.

Neu hat das BAG auch schwangere Frauen, welche einem erhöhten Ansteckungsrisiko (z.B. Angehörige des Gesundheitspersonals) ausgesetzt sind, auf die Indikationsliste genommen. Aus unserer Sicht ist es sehr sinnvoll, die Covid-19 Impfung individuell und offen mit jeder Schwangeren anzusprechen inklusive der zu erwartenden reversiblen Nebenwirkungen. Die Diskussionen werden in der Zukunft sicher weitergeführt werden und die Impfempfehlungen bei den Schwangeren sukzessive der veränderten Lage erneut angepasst werden.

Wir wünschen Ihnen somit viel Freude beim Lesen der aktuellen Ausgabe von info@gynäkologie

Prof. Dr. med. Irene Hösli
Irene.Hoesli@usb.ch

Prof. Dr. med. Irène Hösli

Basel

Zentrale Rolle der systemischen Inflammation

Nach weiteren neutralen Studienergebnissen mit pharmakologischen Hoffnungsträgern wie Sacubitril/Valsartan oder den Guanylat-Zyklase Aktivatoren bleibt die Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF) ein Sorgenkind.
Bisher konnten lediglich Sport und Gewichtsreduktion die Leistungsintoleranz und Lebensqualität verbessern. Ein besseres Verständnis der Pathophysiologie dieser heterogenen Erkrankung ist deshalb dringend von Nöten. Neuste Erkenntnisse der Pathophysiologie der HFpEF untermauern die zentrale Rolle der systemischen Inflammation und erweitern den Bogen von der reinen diastolischen Dysfunktion zum Multiorgan-Syndrom.

Selon d’  autres résultats d’ études neutres portant sur des produits pharmacologiques prometteurs comme le sacubitrile/valsartan ou les activateurs de la guanylate cyclase, l’ insuffisance cardiaque avec fraction d’ éjection préservée (HFpEF) reste un problème. Jusqu’ à présent, seuls le sport et la réduction du poids ont permis d’ améliorer l’ intolérance à la performance et la qualité de vie. Une meilleure compréhension de la physiopathologie de cette maladie hétérogène est donc nécessaire de toute urgence. De récentes découvertes dans la physiopathologie de la HFpEF soulignent le rôle central de l’ inflammation systémique et élargissent l’ arc du dysfonctionnement diastolique pur au syndrome multi-organes.

Bei über 50% aller Patienten, die sich mit einer symptomatischen Herzinsuffizienz in der Praxis/Klinik vorstellen, liegt eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF) zugrunde. Aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung und den pandemisch verbreiteten kardiovaskulären Risikofaktoren (Hypertonie, Diabetes, Dyslipidämie, Adipositas, körperlicher Inaktivität) wird die Prävalenz der HFpEF auch in den kommenden Jahren weiter ansteigen. Diese Aussichten sind umso besorgniserregender, da die Morbidität und Mortalität bei HFpEF nur unwesentlich geringer als bei HFrEF sind und bis heute keine prognostisch wirksamen pharmakologischen Therapien zur Behandlung der HFpEF zur Verfügung stehen.
Für die Diagnose einer HFpEF müssen folgende Kriterien erfüllt sein: 1) Klinische Zeichen und Symptome einer Herzinsuffizienz;
2) Linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) > 50% zusammen mit funktionellen / strukturellen Veränderungen in der Echokardio­grafie; 3) Nachweis von erhöhten Füllungsdrücken (1). Die erhöhten linksseitigen Füllungsdrücke können entweder direkt durch eine Rechtsherzkatheteruntersuchung (Wedge-Druck) oder Linksherzkatheteruntersuchung (Enddiastolischer LV Füllungsdruck) gemessen werden (Goldstandard). Im klinischen Alltag werden meist nichtinvasive Techniken mittels Echokardiografie und/oder Bestimmung der natriuretischen Peptide (NT-proBNP, BNP) zur indirekten Abschätzung der Füllungsdrücke verwendet.

Eine HFpEF ist mehr als eine diastolische Dysfunktion

Die Pathophysiologie der HFpEF ist sehr heterogen und noch nicht abschliessend geklärt. Während Jahrzehnten wurde der pathophysiologische Fokus ausschliesslich auf die diastolische Dysfunktion des linken Ventrikels gelegt. Die erhöhte Steifigkeit und verminderte Compliance des linken Ventrikels stehen dabei mechanisch im Zentrum der diastolischen Füllungsstörung. Physiologisch lässt sich die Diastole in drei Phasen unterteilen: 1) Aktive isovolumetrische, ventrikuläre Relaxation (energieabhängig); 2) Passive LV-Füllung entlang des transmitralen Druckgradienten; 3) Atriale Kontraktion. Eine Störung einer einzelnen oder mehrerer dieser Komponenten führt zu einer unvollständigen Ventrikelfüllung. Um eine vollständige Ventrikelfüllung und damit ein adäquates Schlagvolumen zu gewährleisten, muss der Füllungsdruck ansteigen. Deshalb ist der enddiastolische Füllungsdruck für ein vorgegebenes Volumen im Vergleich zum Herzgesunden erhöht. In der klassischen Druck-Volumenkurve zeigt sich dieser Effekt in einer Verschiebung der Kurve nach links oben (Abb. 1). Durch die chronisch erhöhten LV-Füllungsdrücke steigen auch die Füllungsdrücke im linken Atrium und im benachbarten pulmonal-venösen System, was wiederum zur pulmonal-venösen (postkapillären) Hypertonie und schlussendlich zur Dyspnoe führt.
Obwohl dieser traditionelle Erklärungsansatz im Grundsatz nachvollziehbar und richtig ist, greift er in Bezug auf die komplexe Pathophysiologie der HFpEF zu kurz. Eine isolierte diastolische Dysfunktion ist noch lange nicht ein Garant für eine Herzinsuffizienz. Deshalb muss die exklusive Rolle des Myokardes in der Pathogenese der HFpEF hinterfragt werden. Ausserdem hat die neuro-hormonelle Inhibition und Modulation mit ACE-Hemmern, ARNI, Betablockern und Mineralocorticoid-Rezeptor Blockern, welche bei der Therapie der Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion (HFrEF) ausnahmslos erfolgreich war, zu keiner wesentlichen Verbesserung der Symptomatik und Prognose bei HFpEF geführt. Es ist deshalb anzunehmen, dass sich die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen und Signalwege bei HFrEF und HFpEF, sowohl systemisch als auch im Myokard, deutlich unterscheiden.

Chronische systemische Inflammation: Primum movens der HFpEF

Eine HFpEF ist typischerweise mit Komorbiditäten wie Adipositas (84%), arterielle Hypertonie (60-80%), Diabetes Mellitus Typ II (20-45%), Niereninsuffizienz und dem Schlaf-Apnoe Syndrom vergesellschaftet (2). Diese Komorbiditäten unterhalten eine chronische systemische sterile Inflammation durch Aktivierung von Zytokin-produzierenden Prozessen, unabhängig von einer eigentlichen Infektion. Obwohl auch bei HFrEF erhöhte inflammatorische Zytokine gemessen werden, ist deren Erhöhung bei HFpEF noch ausgeprägter. In der Health, Aging and Body Composition (ABC) Studie waren erhöhte Tumor Nekrose Faktor alpha (TNFa) Werte deutlich mit einer Entwicklung einer HFpEF innerhalb von 10 Jahren assoziiert, wohingegen eine solche Assoziation mit HFrEF fehlte (3). Dieser chronische Entzündungsprozess und die darin involvierten Signal-Kaskaden konnten in den letzten Jahren von verschiedenen Arbeitsgruppen aufgeschlüsselt und direkt in Verbindung mit der Pathogenese der HFpEF gebracht werden. Die Entzündung des mikrovaskulären Endothels spielt dabei eine zentrale Rolle. Durch das entzündlich aktivierte Endothel wandern aktivierte Makrophagen in das Myokard und stören die parakrine Balance zwischen Endothelzellen und Kardiomyozyten. Dies führt zu einer Unterversorgung von Stickstoffmonoxid (NO) und zyklischem Guanosinmonophosphat (cGMP). Die NO-cGMP-Signal Kaskade ist sowohl für die Endothelfunktion als auch für den Kardiomyozyten essentiell. Ein Mangel führt zur Hypertrophie und Versteifung des Myokards (4). Die extramyokardiale Genese der HFpEF wurde in einem parabiotischen Experiment untermauert, indem junge Mäuse durch chronische Transfusion von Blut von alten Tieren einen HFpEF Phänotyp entwickelten. Andererseits konnte der HFpEF Phänotyp von alten Mäusen durch die Transfusion von Jungblut revertiert werden (5). Somit unterscheidet sich die Pathogenese des myo­kardialen Remodellings bei HFpEF grundsätzlich von derjenigen der HFrEF. Während bei HFrEF hauptsächlich intramyokar­diale Prozesse wie der Ischämie-bedingte oder toxische Zelluntergang ein Remodelling triggern, sind es bei der HFpEF extramyokardiale systemisch-entzündliche Prozesse, welche über die Kommunikation zwischen Endothel und Myokard Remodellingprozesse anstossen. Diese Unterschiede wiederspiegeln sich auch in markanten strukturellen und ultrastrukturellen Unterschieden der jeweiligen Myokardbeschaffenheit.

Viszerale und epikardiale Adipositas

Die Adipositas ist die häufigste mit HFpEF assoziierte Komorbidität. Insbesondere die viszerale Adipositas potenziert eine systemische Inflammation und prädisponiert so Patienten mit Hypertonie oder Diabetes für eine HFpEF. Eine Adipositas fördert die Natrium Resorption in den Nieren und vermindert die Kapazitäten für ein venöses Blut-Pooling. Dies resultiert in einer Expansion des zentralen Blutvolumens, was von einem kleinen, steifen linken Ventrikel äusserst schlecht toleriert wird. In den letzten Jahren wurde auch das epikardiale Fettgewebe als wichtiger Mediator einer HFpEF identifiziert (6). Die Adipositas und andere für eine HFpEF prädisponierende entzündliche und metabolische Erkrankungen gehen mit einer Zunahme des epikardialen Fettgewebes einher. Das epikardiale Fettgewebe ist ein inflammatorisch-sekretorisch äusserst aktives Gewebe. Durch die unmittelbare Nähe zum Myokard mit gemeinsamer Mikrozirkulation wirkt das epikardiale Fettgewebe wie ein Resonanzkörper der systemischen Inflammation direkt auf das Myokard. Das epikardiale Fettvolumen ist direkt mit dem Schweregrad der koronaren mikrovaskulären Dysfunktion und der LV-Hypertrophie assoziiert und korreliert mit dem Ausmass der diastolischen Dysfunktion und dem links-atrialen Volumen. Auch Vorhofflimmern ist mit dem Ausmass der «epikardialen Adipositas» assoziiert.

Geschlechterunterschiede bei HFpEF

Es ist allgemein bekannt, dass Frauen ein höheres Risiko haben, eine HFpEF zu entwickeln als Männer. Frauen verfügen über ein kleineres linksventrikuläres Volumen (auch indexiert auf die Körperoberfläche). Umso mehr ist das Schlagvolumen abhängig von einer höheren Ejektionsfraktion. Weitere Gründe für diese geschlechtsspezifische Prädominanz lassen sich gut durch die oben erwähnten pathophysiologischen Mechanismen herleiten. Einerseits ist die Prävalenz inflammatorischer und metabolischer Erkrankungen, sowie die Ausprägung des epikardialen Fettgewebes grösser bei Frauen, andererseits verfügen vor allem ältere Frauen über eine geringere diastolische Reserve und einen steileren Anstieg des pulmonal-venösen Druckes im Verhältnis zur Volumenüberlastung als Männer. Auch führen die beiden Hauptkatalisatoren einer inflammatorisch-metabolischen HFpEF, Adipositas und Diabetes, zu ausgeprägteren kardialen Veränderungen bei Frauen. Im Gegensatz zu Männern sind Adipositas und Diabetes wesentliche Determinanten einer erhöhten Myokardmasse bei älteren Frauen. Auch die zentrale Adipositas wirkt sich geschlechterspezifisch unterschiedlich aus, indem sie bevorzugt bei Frauen die altersabhängige vaskuläre Steifigkeit akzeleriert.

Chronotrope Inkompetenz und gestörtes ventrikulär-arterielles Coupling

Das Herzminutenvolumen in Ruhe ist bei HFpEF Patienten meist erhalten. Die Steigerungsreserven unter körperlicher Belastung sind aber oft deutlich reduziert. Einerseits gelingt es dem steifen Ventrikel nicht, das Schlagvolumen adäquat zu steigern, andererseits verhindert eine chronotrope Inkompetenz, den Anforderungen des Körpers an die Belastung gerecht zu werden. Die Herzfrequenz-Antwort steht in direkter Beziehung zur maximalen Sauerstoffaufnahme und ist deshalb zentral für eine normale körperliche Leistungsfähigkeit. Eine zusätzliche Hemmung der Chronotropie durch Betablocker oder Ivabradin wirkt sich deshalb oft besonders limitierend auf die körperliche Leistungsfähigkeit bei HFpEF Patienten aus (7).
HFpEF ist auch durch eine erhöhte Steifigkeit der grossen zentralen Arterien gekennzeichnet. Die steifen Arterienwände führen zu einer vermehrten retrograden Reflexion von Pulswellen in Richtung Ventrikel. Diese reflektierten Pulswellen treffen noch während der Systole auf den Ventrikel und potenzieren so dessen Nachlast, was wiederum die Hypertrophie und Fibrosierung des Ventrikels fördert.

HFpEF als Multiorganerkrankung mit unterschiedlichen klinischen Phänotypen

Die durch die chronische Inflammation verursachten mikrovaskulären Störungen betreffen nicht nur die Mikrovaskulatur des Herzens, sondern auch in unterschiedlicher Ausprägung Lunge, Niere und Skelettmuskulatur. Die Involvierung dieser Organsysteme trägt wesentlich zum HFpEF Syndrom und der damit verbundenen Leistungsintoleranz bei. Zusätzlich zu den erhöhten Füllungsdrücken potenziert bei manchen Patienten eine inadäquate Vasokonstriktion des pulmonalen Gefässbettes die postkapilläre pulmonale Hypertonie (7). Eine verminderte Vasodilatation der Kapillaren der peripheren Muskulatur reduziert die maximale arterio-venöse Sauer­stoffausschöpfung (8). Dadurch werden die Metabolik und Leistungsfähigkeit der Skelettmuskulatur verschlechtert. Schliesslich führen die inflammatorischen Prozesse in den Nieren zu einer verminderten Kochsalzausscheidung, was wiederum die Hypervolämie unterhält.
Aufbauend auf diesen Beobachtungen können je nach Auslöser einer HFpEF und Ausprägung der kardialen und extrakardialen mikrovaskulären Störungen verschiedene klinische HFpEF Phänotypen unterschieden werden (Abb. 2). Es bleibt zu hoffen, dass in absehbarer Zukunft doch noch ein universales HFpEF Therapeutikum gefunden wird. Bis es soweit ist, müssen wir uns mit der optimalen Therapie der prädisponierenden Faktoren und des dominierenden klinischen Phänotypen begnügen (Abb. 3). Besonderes Augenmerk gilt der Prävention einer HFpEF. Ganz nach dem Motto von Benjamin Franklin: An ounce of prevention is worth a pound of cure.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Otmar Pfister

Klinik für Kardiologie
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

otmar.pfister@usb.ch

Die Autoren deklarieren keinen Interessenskonflikt im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit.

◆ Die Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF) ist eine inflammatorische Systemerkrankung mit multiplen pathophysiologischen Manifestationen und klinischen Phänotypen
◆ Das myokardiale Remodelling bei HFpEF wird wesentlich durch extramyokardiale Entzündungsprozesse mitverursacht
◆ Viszerales und epikardiales Fett spielen bei der Pathogenese einer HFpEF eine wichtige Rolle
◆ Die chronotrope Inkompetenz, der dysproportionale Anstieg des pulmonal-venösen Drucks sowie eine verminderte Sauerstoffextraktion der Skelettmuskulatur tragen wesentlich zur Leistungsintoleranz bei HFpEF bei

Messages à retenir
◆ L’ insuffisance cardiaque avec fraction d’ éjection préservée (HFpEF) est une maladie systémique inflammatoire présentant de multiples manifestations physiopathologiques et phénotypes cliniques
◆ Le remodelage du myocarde dans la HFpEF est principalement causé par des processus inflammatoires extramyocardiques
◆ La graisse viscérale et épicardique joue un rôle important dans la pathogenèse de l’ HFpEF
◆ L’ incompétence chronotropique, l’ augmentation dysproportionnelle de la pression veineuse pulmonaire et une extraction réduite d’ oxygène de la musculature squelettique contribuent de manière significative à l’ intolérance aux performances de la HFpEF

1. Pieske B, Tschope C, de Boer RA, Fraser AG, Anker SD, Donal E, Edelmann F, Fu M, Guazzi M, Lam CSP, Lancellotti P, Melenovsky V, Morris DA, Nagel E, Pieske-Kraigher E, Ponikowski P, Solomon SD, Vasan RS, Rutten FH, Voors AA, Ruschitzka F, Paulus WJ, Seferovic P and Filippatos G. How to diagnose heart failure with preserved ejection fraction: the HFA-PEFF diagnostic algorithm: a consensus recommendation from the Heart Failure Association (HFA) of the European Society of Cardiology (ESC). Eur Heart J. 2019;40:3297-3317.
2. Shah SJ, Kitzman DW, Borlaug BA, van Heerebeek L, Zile MR, Kass DA and Paulus WJ. Phenotype-Specific Treatment of Heart Failure With Preserved Ejection Fraction: A Multiorgan Roadmap. Circulation. 2016;134:73-90.
3. Kalogeropoulos A, Georgiopoulou V, Psaty BM, Rodondi N, Smith AL, Harrison DG, Liu Y, Hoffmann U, Bauer DC, Newman AB, Kritchevsky SB, Harris TB, Butler J and Health ABCSI. Inflammatory markers and incident heart failure risk in older adults: the Health ABC (Health, Aging, and Body Composition) study. J Am Coll Cardiol. 2010;55:2129-37.
4. van Heerebeek L, Hamdani N, Falcao-Pires I, Leite-Moreira AF, Begieneman MP, Bronzwaer JG, van der Velden J, Stienen GJ, Laarman GJ, Somsen A, Verheugt FW, Niessen HW and Paulus WJ. Low myocardial protein kinase G activity in heart failure with preserved ejection fraction. Circulation. 2012;126:830-9.
5. Loffredo FS, Steinhauser ML, Jay SM, Gannon J, Pancoast JR, Yalamanchi P, Sinha M, Dall’Osso C, Khong D, Shadrach JL, Miller CM, Singer BS, Stewart A, Psychogios N, Gerszten RE, Hartigan AJ, Kim MJ, Serwold T, Wagers AJ and Lee RT. Growth differentiation factor 11 is a circulating factor that reverses age-related cardiac hypertrophy. Cell. 2013;153:828-39.
6. Packer M. Epicardial Adipose Tissue May Mediate Deleterious Effects of Obesity and Inflammation on the Myocardium. J Am Coll Cardiol. 2018;71:2360-2372.
7. Pal N, Sivaswamy N, Mahmod M, Yavari A, Rudd A, Singh S, Dawson DK, Francis JM, Dwight JS, Watkins H, Neubauer S, Frenneaux M and Ashrafian H. Effect of Selective Heart Rate Slowing in Heart Failure With Preserved Ejection Fraction. Circulation. 2015;132:1719-25.
8. Dhakal BP, Malhotra R, Murphy RM, Pappagianopoulos PP, Baggish AL, Weiner RB, Houstis NE, Eisman AS, Hough SS and Lewis GD. Mechanisms of exercise intolerance in heart failure with preserved ejection fraction: the role of abnormal peripheral oxygen extraction. Circ Heart Fail. 2015;8:286-94.

Kongressausgabe der info@onkologie

Hier finden Sie das PDF der Kongresszeitung

EDITORIAL Best of ASH 2020 «Die Hämatoonkologie in Zeiten von COVID-19»

Die Pandemie hat die Hämatoonkologie in besonderer Weise getroffen. Nicht nur dass wissenschaftliche Aktivitäten ausgebremst wurden und der Kongress der American Society of Hematology (ASH) diesmal virtuell stattfinden musste, sondern Patienten mit einer hämatoonkologischen Erkrankung sind besonders gefährdet für eine Infektion mit dem COVID-19-Virus und auch der Verlauf ist schwerer und die Prognose schlechter. Dazu kommen Beeinträchtigungen und Engpässe bei der Versorgung, d.h. Patienten meiden aus Angst vor einer Infektion medizinische Einrichtungen, so dass Diagnosen verspätet gestellt werden oder die Therapie erst mit einer Verzögerung eingeleitet oder unterbrochen wird. Was dies für die Prognose betroffener Patienten bedeutet, ist im Moment noch nicht absehbar.
Doch auch unter erschwerten Bedingungen konnte der Kongress wieder einmal unter Beweis stellen, welche Dynamik diesem Fachgebiet inne ist und mit welchen innovativen Strategien man bei vielen hämatologischen und hämatoonkologischen Erkrankungen dem Ziel näher kommt, aus einer potentiell tödlichen eine zwar noch nicht heilbare aber chronische Erkrankung zu machen. Was waren die Höhepunkte des Kongresses?
Bei monogenetischen hämatologischen Erkrankungen wie Hämophilie, Thalassämie und Sichelzellkrankheit geben Ergebnisse erster Studien Anlass zur Hoffnung, dass mit einer Gentherapie mittels viraler Vektoren oder mittels mRNA solche Erkrankungen in Zukunft geheilt werden könnten.
Bzgl. COVID-19 konnte in einer experimentellen Studie eine günstige Wirkung von T-Zellen von Genesenen gezeigt werden. Ein anderer Ansatz ist die Hemmung von Komponenten des stark aktivierten Komplementsystems mit monoklonalen Antikörpern. Beim cGVH überzeugte der JAK1/2-Inhibitor Ruxolitinib in der Second line (REACH3-Studie). Was die CAR-T-Zelltherapie beim DLBCL betrifft, so stellt sich die Frage, warum nur jeder zweite dauerhaft anspricht. Ist es die im Verlauf nachlassenende Expression oder eine Mutation von CD19? Gibt es Patienten, bei denen andere Targets entscheidend sind? Neue CAR-T-Zellpräparate und bispezifische Antikörper könnten hier einen Fortschritt bringen. Auch hat die CAR-T-Zelltherapie beim MM Einzug in die Therapie gehalten und es gibt erste positive Daten bei der CLL.
Dass weniger mehr sein kann, zeigt eine Studie, bei der das bisher etablierte hochdosierte Methotrexat beim DLBCL nicht vor einem ZNS-Rezidiv schützt. Die HARMONY-Studie belegt erneut, dass Big-data-Plattformen das individualisierte Management bei hämatoonkologischen Erkrankungen wesentlich optimieren können. Im Rahmen der APOLLO-3-Studie konnte gezeigt werden, dass der monoklonale Anti-CD38-Antikörper Daratumumab (Darzalex®) s.c. zusätzlich gegeben zu Pomalidomid und Dexamethason bei Patienten mit einem rezidivierten oder refraktären MM die Prognose verbessert. Und auch für CML-Patienten gibt es Neues. Mit Asciminib steht der erste Vertreter einer ganz neuen Substanzklasse, nämlich der STAMP (Specifically Targeting the ABL Myristoyl Pocket) – Inhibitoren zur Verfügung, dessen Wirkmechanismen sich von den etablierten TKIs wesentlich unterscheidet. Im Vergleich mit dem TKI Bositinib erwies sich Asciminib bei Pateinten mit einer neu diagnostizierten CML oder bei solchen, die bereits mindestens zwei TKIs erhalten hatten, als überlegen.
Ein innovativer Therapieansatz sind auch die bispezifischen T-Zell-Antikörper wie Mosunetuzumab, Glofitamab und Cevostamab. In ersten Studien konnten mit Mosunetuzumab und Glofitamab CR-Raten von über 50% bei Patienten mit einem r/r DLBCL und r/r NHL dokumentiert werden. Und in der Fist line bei Patienten, die nicht für eine komplette Immunchemotherapie geeignet waren, lag die Erfolgsrate bei 45,5%. Und auch beim MM erwies sich Cevostamab bei intensiv vorbehandelten Patienten mit einer CR-Rate von über 50% als gut wirksam.
Diese kleine Auswahl möge Ihnen «Appetit» machen. Das Team von info-Onkologie hat den Kongress verfolgt und für Sie liebe Leserinnen und Leser die wichtigsten News in der vorliegenden Zeitung zusammengetragen.

Viel Spass bei der Lektüre wünscht Ihnen

Ihre Eleonore E. Droux
Verlegerin

HARMONY-Big-Data-Plattform

Eine Informationsquelle für die personalisierte Medizin bei Blutkrebs

Dank neuer Analysemethoden wurden wichtige neue Erkenntnisse generiert, die die Therapie von Patienten mit einer akuten myeloischen Leukämie und Multiplen Myelom i.S. einer Individualisierung optimieren können.

Die HARMONY-Alliance präsentierte neueste Daten einer Big-Data-Plattform von 12.000 AML- und MM-Patienten, die faszinierende Einblicke in die molekulare Landschaft dieser beiden Erkrankungen ermöglichen. Dadurch gelingen eine bessere Charakterisierung und ein besseres pathophysiologisches Verständnis dieser Malignome. Ausgehend von diesen Daten entwickelten die Forscher ein verbessertes Risikostratifizierungsmodell. Darüber hinaus hat diese Big Data das Potential, neue Wirkstoffziele zu identifizieren und somit auch neue zielgerichtete Wirkstoffe zu entwickeln.
Der klinische Verlauf von Patienten mit einer AML ist sehr unterschiedlich. Im Rahmen von HARMONY wurden die Genprofile von 4.986 Patienten mit einer AML analysiert. Dabei gelang auch ein Einblick in die Dynamik der Mutationen, d.h. welche Mutationen zuerst und welche erst später im Krankheitsverlauf auftreten.
Außerdem wurde auch der Zusammenhang von Mutationsmustern mit klinischen Ergebnissen wie Remissionen, Rückfall und Überleben untersucht. Die Analyse ergab, dass viele Patienten mit Hochrisiko-Mutationsmustern nur wenig von einer allogenen Stammzelltransplantation profitieren. Jetzt gelang es spezifische Hochrisiko-Genotyp-Kombinationen zu identifizieren, die mit diesem Therapie einen größeren Überlebensvorteil zeigen.
Auch beim MM sind die klinischen Ergebnisse sehr unterschiedlich, die Überlebenszeit reicht von wenigen Monaten bis zu mehr als
10 Jahren. Die Analyse der HARMONY-Daten von 7.077 MM-Patienten ergaben, dass Patienten, die bisher als mittleres Risiko eingestuft wurden, eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichem Risiko für Progression oder Tod darstellen. Es gelang jetzt eine Unterteilung dieser Patienten in vier verschiedene Risikogruppen. Die Hälfte konnte einem niedrigen oder niedrigen Zwischenrisiko zugeordnet werden, die andere Hälfte einem mittelhohen oder hohem Risiko. Mit dieser neuen Einteilung gelingt eine bessere Abschätzung der Prognose eine auf das individuelle Risiko jedes Patienten zugeschnittene Therapie.

PS

Quelle: ASH 2020, #1077 und #1329

DLBCL

Polatuzumab Vedotin bewährt sich auch in der Real World

Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Polatuzumab Vedotin hat in einer klinischen Studie in Kombination mit Bendamustin und Rituximab bei Patienten mit einem r/r DLBCL seine gute Wirksamkeit unter Beweis stellen können. Dass diese Ergebnisse auch in der Real World erreicht werden, das konnte jetzt in einer Registerstudie der German National Compassionate Use Program (CUP) gezeigt werden.

Dabei wurden die Daten von 97 Patienten mit einem r/r DLBCL ausgewertet und zwar bezüglich PFS und OS. Davon erhielten 49 Patienten Polatuzumab Vedotin als Bridging-Therapie und zwar 39 vor einer geplanten CAR-T-Zelltherapie, 9 vor einer allogenen Stammzelltherapie und 1 vor einer Therapie mit einem bispezifischen Antikörper. 48 Patienten erhielten Polatuzumab Vedotin in einem palliativen Setting, d.h. sie waren für eine Transplantation nicht geeignet. Alle Patienten waren maximal vorbehandelt. Dem behandelnden Arzt war freigestellt, ob Polatuzumab Vedotin als Monotherapie oder in Kombination mit Rituximab oder in Kombination mit einer Chemotherapie verabreicht wurde.
Die ORR betrug im Bridging-Kollektiv 33%, davon 1 Patient mit einer kompletten Remission und 9 Patienten mit einer partiellen Remission. Es zeigte sich ein Trend zugunsten der Kombination mit der Chemotherapie im Vergleich mit den beiden anderen Strategien (42% vs. 20%). 15 Patienten (24%) konnten einer CAR-T-Zelltherapie oder einer Stammzelltransplantation zugeführt werden. 4 Patienten (8%) zeigten eine rasche Progression und wurden dann nur palliativ behandelt.
Im Palliativ-Kollektiv erreichten unter der Therapie mit Polatuzumab Vedotin 19% eine komplette Remission und die ORR betrug 56%. Das PFS nach 6 Monaten lag bei 36% und das OS bei 51% bei einem medianen Follow up von 9,7 Monaten. Auch in diesem Setting schnitt die Kombination mit der Chemotherapie etwas besser ab. Je intensiver die Vorbehandlung umso schlechter das PFS.
Insgesamt waren die Ergebnisse der Registerstudie etwas schlechter als in der Zulassungsstudie, was damit zu erklären ist, dass bei Patienten in der Registerstudie die Erkrankung weiter fortgeschritten war.

PS

Quelle: ASH 2020, Poster #1206

Maligne Lymphome

Response-Beurteilung nach RECIL bewährt sich auch in der GALLIUM-Studie

Der bisherige Standard zur Beurteilung des Therapieerfolgs bei malignen Lymphomen sind die Lugano 2014-Kriterien. Dieses Assessment basiert vorwiegend auf dem PET-CT mit 18F Fludeoxyglukose (FDG). Doch nicht alle Lymphome sind FDG-avide und es steht nicht immer eine PET-CT zur Verfügung. Dann bedient man sich ausschliesslich des CTs, wobei bis zu sechs tumoröse Zielläsionen zweidimensional vermessen werden. In den letzten Jahren hat sich ein neuer Kriterienkatalog etabliert, nämlich „The Response Evaluation Criteria in Lymphoms (RECIL)“. Dieser basiert auf nur eindimensionalen Messungen von bis zu 3 Zielläsionen. Die Frage, ob RECIL eine ebenso zuverlässige Beurteilung des Therapieerfolgs erlaubt wie die Lugano 14-Kriterien, wurde jetzt anhand der Patienten der GALLIUM-Studie überprüft. Der Vergleich ergab eine hohe Konkordanz der beiden Kriterienkataloge im Hinblick auf das Vorliegen einer kompletten Remission und somit der Prognose (92,1%). Nur bei der Beurteilung des PFS (85,7%) war die Konkordanz schlechter. Somit ist RECIL beim FL eine gut praktikable und zuverlässige Alternative für Lugano 14.
Ein Update der GALLIUM-Studie verfestigt den Stellenwert von Obinutuzumab (Gazyva®) plus Chemotherapie beim unbehandelten Follikulären Lymphom. Dabei erwies sich der MRD-Status als zuverlässiger prädiktiver Marker und somit als wichtiger Schritt zu einer individualisierten Therapieentscheidung.
Der MRD (minimal residual disease)-Status nach einer Therapie sagt etwas über die Tiefe des Behandlungserfolges aus, mit anderen Worten, Patienten, die MRD-positiv sind, haben eine höhere Rezidivrate und somit eine schlechtere Prognose. In der GALLIUM-Studie erwies sich die Obinutuzumab -basierte Immunochemotherapie der Rituximab-basierten deutlich überlegen, d.h. die Rate an PFS-Events (Progression oder Tod) war um 28 Prozent niedriger. Auch der Anteil der Patienten, die MRD-negativ wurden, war höher (92 Prozent vs. 85 Prozent). Patienten, die eine MRD-Negativität erreichten, hatten insgesamt eine bessere Prognose, vor allem dann, wenn dieser Status früh erzielt wurde.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #1124

Obinutuzumab bewährt sich als Backbone auch ohne Chemotherapie

Die Therapie der CLL hat in den letzten Jahren durch die Einführung neuer Substanzen wie Acalabrutinib (BTKi A), Venetoclax (V) und Obinutuzumab (O) grosse Fortschritte gemacht. Jetzt konnte in einer Studie gezeigt werden, dass eine Triple-Therapie mit diesen Substanzen in der Frontline eine geringere Toxizität ausweist.

In früheren Studie konnte gezeigt werden, dass eine duale Therapie mit BTKi wie Ibrutinib (I) und V oder die Triple-Therapie mit I, V und O gut wirksam ist, aber mit kardialen und infektbedingten Komplikationen assoziiert ist, die die Anwendung limitieren. Im Rahmen dieser Studie wurde der Frage nachgegangen, ob eine zeitlich limitierte Triple-Therapie mit dem spezifischer wirkenden BTKi Acalabrutinib in der First line bei CLL-Patienten mit einem ungünstigen Risikoprofil besser verträglich ist. Eingeschlossen wurden 44 Patienten mit einer nicht vorbehandelten CLL. wobei 39% der Patienten eine TP53-Aberration oder -mutation aufwiesen. Die Daten von 36 Patienten mit einem mittleren Follow up von 16 Monaten konnten ausgewertet werden. Die ORR bei ihnen lag bei 100% (43% CR/CRi, 57% PR). Die BM-uMRD (bone marrow undetectable MRD) betrug nach Zyklus 16 31%. Bei einer ITT-Auswertung lag diese Zahl bei 78%. Eine Progression wurde nicht beobachtet. Diese Ergebnisse waren unabhängig vom TP53-Status.Die Verträglichkeit und Sicherheit war gut: Nur bei 2% trat eine ≥ Grad 3-Infektion auf. Die Daten belegen, dass Obinutuzumab sich als Backbone-Therapie auch bei einer Chemotherapie-freien Therapie der CLL in der First line bewährt.

PS

Quelle: ASH 2020 Abstract #2216

Allogene T-Zellen

Neuer Therapieansatz bei COVID-19?

Ca. 20% der Patienten mit COVID-19 entwickeln einen schweren Verlauf mit einem ARDS bzw. einem Multiorganversagen und die Gesamtmortalität beträgt 4%. Bei Patienten mit einem kompromittierten Immunsystem wie bei einer Hochdosis-Chemotherapie bzw. einer Transplantation steigt die Mortalität auf 20% an. Erste Daten sprechen dafür, dass T-Zellen von Genesenen einen protektiven Effekt entfalten könnten; denn Patienten mit einer geringeren Zahl an T-Zellen bzw. einer Dysregulation des zellulären Immunsystems zeigen einen schwereren Verlauf als solche mit einer normalen Zahl an T-Zellen.
In einer Studie wurde bei 30 genesenen COVID-19-Patienten mit einem milden Verlauf Virus-spezifische- aktive T-Lymphozyten gewonnen. Dabei handelt es sich um CD4+- und CD8+-T-Zellen. Diese wurden dann in vitro mit allogenen COVID-19-infizierten Zellen konfrontiert, die virale Antigene bilden. Die Patienten-Lymphozyten konnten in dieser experimentellen Studie die virale Antigen-Produktion stoppen. Jetzt soll dieser Therapieansatz bei Patienten mit einem schweren Verlauf im Rahmen einer klinischen Studie untersucht werden.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #703

DLBCL

Hochdosiertes Methotrexat verhindert nicht das ZNS-Rezidiv

Retrospektiv ausgewertet wurden die Daten von 906 Hochrisiko-Patienten mit einem DLBCL, die eine hochdosierte R-CHOP-Therapie und anschliessend zur Konsolidierung eine autologe Stammzell-Transplantation erhalten hatten. Ein Drittel (n=115; 35,3%) hatte zusätzlich Methotrexat in hoher Dosierung bekommen (im Median 2 Dosen).
Insgesamt entwickelten 6,1% einen ZNS-Relaps, wobei das Risiko mit dem CNS-IPI-Score zunahm. Das ZNS-Rezidiv entwickelte sich früh, im Durchschnitt nach 7,4 Monaten nach der Diagnosestellung. Die Prognose war bei den Patienten mit einem ZNS-Rezidiv mit einem OS von nur 7 Monaten sehr schlecht.
Was die Verhinderung eines ZNS-Relaps betrifft, so fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen der Methotrexat-Gruppe und der Gruppe ohne Methotrexat (11,2% vs. 12,2%; HR=0,92, p=0,82). Insgesamt hatten Patienten mit einer hochdosierten Immunchemotherapie oder einer konsolidierenden Stammzelltransplantation ein geringeres Risiko für einen ZNS-Relaps im Vergleich zu Patienten mit einer konventionellen R-CHOP-Therapie, aber der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Aber auch Patienten mit einer hochdosierten Immunchemotherapie profitierten nicht von einer zusätzlichen hochdosierten Methotrexat-Gabe. Die Rate an ZNS-Rezidiven, das PFS und das OS waren nicht unterschiedlich.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #477

Chronic Graft-Vs-Host Disease (cGVHD)

Ruxolitinib ist wirksamer als der bisherige Standard

Die First-line-Standardtherapie bei cGVHD ist ein Steroid. Aber über 50% der betroffenen Patienten sind Steroid-refraktär oder Steroid-abhängig (SR/D). Deshalb besteht dringender Bedarf an Strategien für eine Second-line.

Eine neue vielversprechende Substanz ist der oral verfügbare JAK1/2-Inhibitor Ruxolitinib. Im Rahmen der randomisierten REACH3-Studie wurde bei 329 Patienten mit einer cGVHD, die Steroid-abhängig oder –refraktär waren, die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Ruxolitinib im Vergleich mit der besten zur Verfügung stehenden Therapie (Steroide mit oder ohne Calcineurin-Inhibitor) (BAT) verglichen. Der primäre Endpunkt der Studie war die ORR an Tag 1 nach 7 Zyklen.
Unter RUX wurde bei 7% eine komplette und bei 43% eine partielle Remission erzielt. Die ORR betrug bei RUX 50%, bei BAT nur 26%. Auch die Symptomkontrolle war unter RUX effektiver. Die Gesamtrate an Nebenwirkungen war vergleichbar (RUX 98% vs. BAT 92, Grad ≥ 3 3,57% vs. 3,58%).

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #732

Mantelzell-Lymphom

BTK-Inhibitor LOXO-305 wirkt bei vorbehandelten Patienten

Im Rahmen der Phase-1/2-BRUIN-Studie zeigte der hoch-selektive, nicht-kovalente Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor LOXO-305 eine hohe Response-Rate bei vorbehandelten Patienten mit einem Mantelzell-Lymphom.

Die Prognose von Patienten mit einem Mantelzell-Lymphom, die unter einem kovalenten BTK-Inhibitor ein Rezidiv bzw. eine Progression entwickeln, ist sehr schlecht. Bei LOXO-305 handelt es sich um einen hoch-selektiven und nicht-kovalenten BTK.
Im Rahmen der BRUIN-Studie wurde LOXO-305 bei 323 intensiv vorbehandelten Patienten (61 mit einem Mantelzell-Lymphom, 26 mit einem Morbus Waldenström und 66 mit einem anderen Non-Hodgkin-Lymphom) untersucht. Die Substanz wurde alle 28 Tage verabreicht. Die Gesamtansprechrate war sehr unterschiedlich in Abhängigkeit von der Art des Lymphoms. Beim Morbus Waldenström betrug sie 68%, beim Marginalzell-Lymphom aber nur 22%.
Die isolierte Auswertung von Patienten mit einem Mantelzell-Lymphom ergab eine ORR von 52%. 25% zeigten eine komplette Remission, 27% eine partielle und 17% eine Stabilisierung. Bei einem Follow-up von 6 Monaten zeigten 24 der 29 Patienten eine anhaltende Wirkung. Die Verträglichkeit war gut. 5 Patienten mussten die Therapie wegen Nebenwirkungen beenden.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #117

r/r Multiples Myelom

Zusätzliche Gabe von Daratumumab verbessert das PFD

Im Rahmen der APOLLO-3-Studie konnte gezeigt werden, dass der monoklonale Anti-CD38-Antikörper Daratumumab (Darzalex®) s.c. zusätzlich gegeben zu Pomalidomid und Dexamethason bei Patienten mit einem rezidivierten oder refraktären MM die Prognose verbessert.

Aufgenommen in diese Studie wurden 304 Patienten mit einem r/r MM. Sie erhielten randomisiert die Standardtherapie mit Pomalidomid plus Dexamethason (Pd) oder die Standardtherapie plus Daratumumab (DPd).
Mit DPd konnte das PFS um 37% reduziert werden im Vergleich zu Pd allein (HR 0,63; p=0,0018). Das mediane PFS lag unter DPd bei 12,4 Monaten gegenüber 6.9 Monaten im Pd-Arm. Auch die Ansprechraten waren bei DPd signifikant höher als bei Pd allein. Beim ORR betrug diese 69%, unter Pd 46%. Die Vergleichszahlen beim sehr guten partiellen Ansprechens (VGPR) waren 51% vs. 20%. Die Raten an vollständigen Remissionen war mehr als sechs Mal so hoch (25% vs. 4%).
Dir Rate der injektionsbedingten Reaktionen lag bei DPd bei 5% und 2% erlitten örtliche Reaktionen an der Einstichstelle. Die Rate an Abbrüchen wegen unerwünschter Reaktionen betrug bei DPd 2% und bei Pd 3%. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Pneumonie (13% vs. 7%) und Infektionen der unteren Atemwege (11% vs. 9%).

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #412

Multiples Myelom

Erste Daten für die CAR-T-Zelltherapie

Im Rahmen der CARTITUDE-1-Studie wurde die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Ciltacaptabene autoleucel (cilta-cell) bei intensiv vorbehandelten Patienten mit einem Multiplen Lymphom (MM) untersucht.

Ausgewertet wurden die Daten von 97 Patienten mit einem intensiv vorbehandelten MM. Sie hatten 3 oder mehr Vortherapien erhalten oder waren doppelt-resistent gegenüber einem Immunmodulator und einem Proteasom-Inhibitor. Sie erhielten einmal die CAR-T-Zellen und zusätzlich über drei Tage eine Lymphodepletion mit Cyclophosphamid und Fludarabin.
97% der Patienten zeigten ein Ansprechen, davon 67% eine komplette Remission, 26% eine sehr gute partielle und 4% ein partielle Remission. Beim Cutoff im September 2020 lag die Ansprechquote noch bei 72%. 93% der 57 Patienten, bei denen eine MRD-Negativität nachgewiesen werden konnte, waren weiterhin MRD-negativ. Bei einem medianen Follow-up von 12,4 Monaten lag die PFS-Rate nach einem Jahr bei 77%. 85% der Patienten mit einer kompletten Remission waren auch nach einem Jahr in der kompletten Remission, bei einer sehr guten partiellen Remission waren es noch 68%.
Was die Nebenwirkungen betrifft, so entwickelten 96% eine Neutropenie, 81% eine Anämie und 79% eine Thrombozytopenie ohne Komplikationen. Bei 95% trat ein CRS auf, 14 Patienten verstarben, davon aber nur 6 Patienten an Therapie-assoziierten Nebenwirkungen.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #177

Indolente Non-Hodgkin-Lymphome

Axicaptagene Ciloleucel zeigt gute Wirksamkeit

Nach dem DLBCL und dem MM scheint die CAR-T-Zelltherapie auch bei fortgeschrittenen indolenten Lymphomen (iNHL) wie dem follikulären Lymphom (FL) und dem Marginalzelllymphom (MZL) eine neue vielversprechende Therapieoption zu sein. Dafür sprechen die Ergebnisse der ZUMA-5-Studie mit Axicaptagene Ciloleucel (axi cel).

Axi cel ist eine autologe anti-CD 19 chimäre Antigen Rezeptor (CAR) –T-Zelltherapie. Bei Patienten mit einem refraktären oder rezidivierten DLBCL konnte dieses Präparat seine gute Wirksamkeit und Sicherheit unter Beweis stellen. Jetzt wurde diese Therapie im Rahmen einer Phase-2-Studie (ZUMA-5-Studie) erstmals bei Patienten mit einem refraktären bzw. rezidivierten iNHL wie FL und MZL untersucht. Alle diese Patienten hatten vorher mindestens zwei systemische Therapien erhalten. Eingeschlossen wurden 146 Patienten mit einem r/r iNHL (124 mit FL und 22 mit MZL). Das mediane Follow-up betrug 17,5 Monate.
Die ORR betrug 92%, wobei 76% eine komplette Remission aufwiesen. Beim FL lagen die ORR bei 94% und die Rate an kompletten Remissionen bei 80%. Beim MZL konnte eine ORR von 85% bei einer Rate an kompletten Remissionen von 60% dokumentiert werden. Diese überzeugende Wirksamkeit fand sich in allen Subgruppen und war unabhängig vom Risikoprofil. Beim letzten Cutoff zeigten noch 62% aller Patienten eine Response. Die medianen Werte für DOR, PFS und OS sind noch nicht erreicht. Die geschätzten Werte nach 12 Monaten sind 72% für DOR, 74% für PFS und 93% für OS.
Unerwünschte Nebenwirkungen Grad ≥ 3 wurden bei 86% der Patienten beobachtet (85% beim FL und 95% beim MZL). Ein CRS Grad ≥ 3 trat bei 7% auf (6% beim FL und 9% beim MZL). Die Rate an Neuropathien lag bei 19% im Gesamtkollektiv (15% beim FL und 41% beim MZL).

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #623

Thalassämie

Erste Erfolge mit der Gentherapie

Die Beta-Thalassämie ist eine Erberkrankung, die durch eine Mutation des HbB-Gens verursacht wird. BCL11A ist der zentrale Transcriptionsfaktor, der normalerweise die Produktion von fetalem Hb in den roten Blutzellen inhibiert. Dies führt dann zur Bildung des adulten Hb. Bei der Thalassämie ist das BCL11A-Gen defekt mit der Folge, dass zu wenig adultes Hb gebildet wird. Eine Anhebung des fetalen Hb durch eine Aktivierung bzw. Ersatz von BCL11A ist deshalb ein wirksames Therapiekonzept.
Die Erkrankung ist charakterisiert durch eine verminderte Hämoglobin-Synthese mit konsekutiver Anämie, so dass bei schweren Formen lebenslang regelmäßige Bluttransfusionen erforderlich sind. Eine gefürchtete Komplikation solcher Bluttransfusionen ist die Eisenüberladung, die wiederum zu tödlichen Komplikationen führen kann. Eine potentielle Alternative ist die Gentherapie, d.h. der Ersatz des defekten Gens durch ein gesundes. Dazu muss mittels eines Vektors nämlich eines Virus, das quasi als Gentaxi fungiert, so dass eins gesunde Gen in die erythropoetischen Stammzellen des Knochenmarks gebracht werden. CRISPR/Cas9 CTX001 ist ein solches gentherapeutisches Verfahren, wobei ein gesundes Gen mittels autologer hämatopoetischer Stammzellen bzw. Progenitorzellen in den Patienten eingeschleusst wird mit dem Ziel, die BCL11A-Bildung zu erhöhen.
CTX001 wird im Rahmen zweier Studien (CLIMB-111 bei Thalassämie-Patienten) und CLIMB-121 bei Patienten mit Sichelzellanämie) geprüft. Bei den ersten 7 Patienten in CLIMB-111 konnte mit der Gentherapie eine Transfusionsfreiheit erreicht werden bei einem Follow-up zwischen 3 bis 6 Monaten. Auch die Ergebnisse der CLIMB-121 bei den ersten 3 Patienten mit einer Sichelzellanämie sind vielversprechend. Es traten nach CTX001 keine vasookklusiven Ereignisse mehr auf und der Hb-Wert normalisierte sich.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract LBA-4

Myeloproliferative Neoplasmen

Treibermutationen erfolgen schon sehr früh

Wiederholte Mutationen in Tu-mor-assoziierten Genen sind die Ursache für die Manifestation von myeloproliferativen Neoplasmen. Über den Zeitpunkt der Mutationen und die Dynamik der klonalen Expansion ist bisher wenig bekannt. Die entscheidende Mutation ist JAK2V617F allein oder in Kombination mit der Mutation von DNMT3A oder TET2.
Eine neue genanalytische Studie ergab, dass die Treibermutation schon sehr früh in der Kindheit, ja sogar schon in utero erfolgt und zu einer lebenslangen klonalen Evolution führt. Daraus ergeben sich neue Strategien für die Therapie; denn der frühe Nachweis von mutiertem JAK2 zusammen mit einer Bestimmung der klonalen Expansionsrate eröffnet die Möglichkeit für eine frühzeitige Therapie, um das thrombotische Risiko zu minimieren und die Expansion des mutierten Klons zielgerichtet zu stoppen.

PS

Quelle: ASH 2020, LBA-1

Asciminib bei CML

STAMP-Inhibitor ist ein vielversprechender neuer Therapieansatz

Asciminib ist der erste Vertreter einer ganz neuen Substanzklasse, nämlich der STAMP (Specifically Targeting the ABL Myristoyl Pocket) – Inhibitoren, dessen Wirkmechanismen sich von den etablierten TKIs wesentlich unterscheidet. Letztere binden an die ATP-Domäne des BCR-ABL1 Onkoproteins. Bei Bositinib handelt es sich um einen ATP-kompetitiven TKI, der in prospektiven Studien bei Pateinten mit einer neu diagnostizierten CML oder bereits mindestens zwei TKIs erhalten hatten, seine klinische Wirksamkeit unter Beweis stellen konnte.

Im Rahmen der ASCEMBL-Studie wurden diese beiden Substanzen miteinander verglichen und zwar bei 233 Patienten in einer stabilen Phase der CML, die mit ≥ 2 TKIs vorbehandelt waren. Dabei erwies sich der STAMP-Inhibitor dem TKI signifikant überlegen und zwar in allen Subgruppen. Die mit Asciminib behandelten Patienten erreichten nach 24 Wochen eine tiefere Remission (MMR-Rate unter Asciminib 25,5% vs. 13,2% unter Bositinib). Die Zeit bis zum Erreichen der MMR betrug unter Asciminib 12,7 Wochen, unter Bositinib 14,3 Wochen. MR4 und MR4,5 erreichten mit Asciminib 10,8% bzw. 8,9%, mit Bositinib nur 5,3% bzw. 1,3%.Bei der CCyR-Rate waren es 40,8% vs. 24,2%.
Grad ≥ 3 Nebenwirkungen traten unter Asciminib bei 50,6%, unter Bositinib bei 60,5% der Patienten auf. Thrombozytopenien und Neutropenien waren bei Asciminib, Diarrhoen und Leberwerterhöhungen bei Bositinib häufiger.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract LBA-4

CAR-T-Zelltherapie

CD58: Ein wichtiger prädiktiver Biomarker für das Ansprechen auf die Immuntherapie

Die gegen CD19 gerichtete CAR-T-Zelltherapie hat die Behandlung des r/r DLBCL in revolutionärer Weise verbessert. Mit dieser innovativen Strategie wird bei 40-50% der Patienten eine anhaltende komplette Remission erreicht. Doch warum kommt es zu einem Therapieversagen? Eine mögliche Erklärung ist die Tatsache, dass die Lymphom-Zellen im Laufe der Zeit weniger CD19 exprimieren. Aber auch Mutationen von CD58, die zu einer Abnahme der Expression von CD58 führen, dürften eine wichtige Rolle spielen. Als ein Ligand für CD2 auf den T-Zellen bewirkt CD58 eine Kostimulation der T-Zellen. Eine Abnahme bzw. eine Mutation von CD58 hat zur Folge, dass das DLBCL gegenüber der Immuntherapie resistent wird. Der CD58-Status ist also ein wichtiger prädiktiver Biomarker für eine anhaltende Wirkung der CAR-T-Zellen beim DLBCL. Solche CD58-Mutationen gibt es bei vielen Malignomen, insbesondere beim MM und Kolonkarzinom. Diese Daten sprechen dafür, bei allen Patienten, die eine CAR-T-Zelltherapie erhalten, den CD58-Status zu bestimmen, und evtl. eine CAR-T-Zelltherapie gegen ein anderes Target einzusetzen.

PS

Quelle: ASH 2020, Abstract #703

Kongressausgabe der info@gynäkologie

Hier finden Sie das PDF der Kongresszeitung

EDITORIAL Virtuell und aktuell «Ein Kongress in Corona Zeiten»

Wie haben wir es geschätzt, während dem Kongress am River Walk von San Antonio zu flanieren, in einem Tex Mex Restaurant mit einem Corona anzustossen und über das Gelernte zu diskutieren! Wie schön war es, den Grossen der Brustkrebs-Forschung zu zuhören, in den gefüllten Kongresshallen Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt zu treffen und zu sehen, mit wie viel Engagement sich alle für die Patientinnen mit Brustkrebs einsetzen. Natürlich waren auch die Live-Präsentationen der Breaking News von teilweise lange erwarteten Studienresultaten ein Höhepunkt. Diesmal war alles etwas anders. Wir sassen vor dem Bildschirm. Der Austausch mit Kollegen und Kolleginnen fand nur sehr spärlich statt. Dafür hatte die Umgebung, aus der die Forscher und Forscherinnen berichteten, etwas Skurriles. Da sitzt ein Moderator in einem unaufgeräumten kellerähnlichen Raum, mit Fitnessgerät und gestapelten Büchern. Eine andere Person sitzt eindeutig in einem Hochhaus mit fantastischer Aussicht und jemand gar in einem einladenden Wintergarten. Die Referentinnen wirken so viel nahbarer, manchmal gar witzig, die Distanz zu den grossen Rednern und Rednerinnen, welche sonst von der Bühne auf uns runterblicken ist geschrumpft, sie kommen sogar zu uns nach Hause.
Die Aufmerksamkeit ist wahrscheinlich vor dem Bildschirm sogar höher, Ablenkungen fehlen weitgehend und doch ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ein ganz wesentlicher Bestandteil dieser Kongresse. Hoffen wir, dass diese bald wieder persönlich stattfinden können. In der Zwischenzeit haben wir Ihnen in der Kongress-Zeitung einige Highlights zusammengestellt. Wie immer gilt es, die publizierten Studienresultate abzuwarten, bis Resultate definitiv in die Leitlinien einfliessen werden. Wir erhalten so jedoch einen Eindruck, wohin die Reise gehen wird.

KD Dr. med. Stephanie von Orelli

Interview

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Thomas Ruhstaller, Brustzentrum Ostschweiz, St. Gallen

Welche Resultate/Erkenntnisse am SABCS 2020 haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?
Schon am ESMO 2020 wurden die ersten Daten der beiden Adjuvantstudien mit CDK4/6-Inhibitor vorgestellt. Die Pallaststudie zeigte ein bis jetzt negatives Resultat, die MonarchE-Studie ein signifikant positives, aber im sehr frühen Verlauf. In San Antonio wurde nun von dieser MonarchE-Studie schon die nächste Interimsanalyse vorgestellt mit wenigen Monaten mehr Follow-up. Der Unterschied zugunsten des CDK4/6-Inhibitors persistiert mit noch mehr Events.
Gleichzeitig wurde aber auch das finale Resultat der Penelope-B-Studie vorgestellt. Diese Studie untersucht ebenfalls die adjuvante Gabe von Palbociclib, jedoch nur über ein Jahr und mit einem anderen Design. Randomisiert wurden nur Frauen, bei denen keine pCR erreicht wurde nach neoadjuvanter Chemotherapie. Das Interessante daran ist nun, dass der Unterschied nach 2 Jahren zugunsten des CDK4/6-Inhibitors in etwa gleich gross war wie in der MonarchE-Studie, die Kurven aber nach 4 Jahren wieder zusammengekommen sind.
Insgesamt war dies eine negative Studie, mit deutlich weniger Patientinnen und dadurch Power wie die MonarchE-Studie. Dadurch steht die Frage im Raum, ob das frühe positive Resultat der MonarchE-Studie dadurch zustande kommt, dass in dieser Hochrisikopopulation vor allem früh metastasierte Patientinnen mit der Kombination besser behandelt wurden. Diese Frage bleibt offen, bis wir einen längeren Follow-up haben werden.

Positiv überrascht hat mich die kritischere Beurteilung gegenüber den molekularen Signaturen Mammaprint und Recurrence Score als Entscheidungshilfen für adjuvante Chemotherapien. Im 8-Jahres Follow-up der Mindact-Studie zeigten sich bei den beiden diskordanten Gruppen (klinisch high-risk/genomisch low-risk und klinisch low-risk/genomisch high-risk) keine signifikanten Unterschiede bezüglich Prädiktion des Effektes der Chemotherapie, numerisch sogar leichte Vorteile für die klinisch high risk/genomisch low-risk-Gruppe. Und dies in Anbetracht der sehr rudimentären klinischen Einteilung beschränkt auf die Parameter T- und N-Stadium, sowie das Grading. Der Expressionsgrad von ER und PgR, Ki-76 und LVI wurden nicht einbezogen in diese klinische Beurteilung. Es scheint, dass die (deutlich billigere) qualitätskontrollierte Pathologie nicht schlechter abschneidet als der molekulare Test.
In die gleiche Richtung geht die Präsentation des neu entwickelten und validierten RSClin, dabei wird die molekulare Signatur Recurrence Score zusammengefügt mit klinischen Parametern. Auch hier wurde gezeigt, dass die Prädiktion des Benefits einer adjuvanten Chemotherapie mit Zusatz des T-Stadiums, des Gradings und dem Alter deutlich besser ist als mit dem OncotypeDX alleine.
Für uns gilt deshalb weiterhin primär qualitätskontrollierte, konventionelle Pathologie, bei Unsicherheit Hinzunahme einer molekularen Gensignatur. Der integrierte RSClin ist zur Zeit bei uns nicht verfügbar.

Welches sind Bereiche mit noch grösstem Forschungsbedarf?
Der grösste «need» besteht sicherlich bei Frauen mit Metastasen eines triple-negativen Mammakarzinoms. Die Checkpoint Inhibitoren sind zwar neu als Therapieoption hinzugekommen, haben aber beim Mammakarzinom im Gegensatz zu anderen Tumoren nur einen Effekt in einem sehr kleinen Segment. Die Hoffnung beruht nun hier auf neuen Substanzen wie z.B. dem am ESMO 2020 gezeigten Antikörper-Drug-Konjugat «Sacituzumab Govitecan», welches an TROP-2 bindet und schon in einer Phase-III-Studie bei stark vorbehandelten Patientinnen mit TNBC eine Verdoppelung des Überlebens gezeigt hat. Am SABCS wurde demonstriert, dass die TROP-2-Expression nicht prädiktiv ist für das Ansprechen.

Ihre Eindrücke zum virtuellen SABCS?
Das virtuelle SABCS wurde technisch sehr gut durchgeführt. Leider ist der Service für die Teilnehmer aber deutlich weniger geworden. Die Präsentationen konnten nicht als PDF wie üblich nach der Präsentation runtergeladen werden. Für die nachfolgenden Weiterbildungen in der Schweiz musste jedes Slide einzeln rauskopiert werden. Dies schmälert natürlich die Strahlkraft eines solchen Meetings enorm, da die wenigsten Leute sich die Zeit nehmen können, über mehrere Tage alle Präsentationen anzuschauen. Post-SABCS-Meetings, wo alles in konzertierter Art aufbereitet präsentiert und diskutiert wird, werden deshalb in der Ära der rein virtuellen Meetings umso wichtiger, auch für die Verbreitung des neuen Wissens.

Welche Probleme hat die Sars-CoV2-Pandemie für Ihre persönliche Arbeit mit den Patienten gebracht?
Für die eigentliche Behandlung der Patientinnen hat es eher wenig Einfluss. Der Diskussionsbedarf aufgrund von Corona, Risiken, Impfung etc. hat aber deutlich zugenommen und nimmt nun oft einen erheblichen Teil der Sprechstunde ein.

Eleonore E. Droux

HER2+ Mammakarzinom

Vielversprechende Daten für neues Antikörper-Wirkstoff-Konjugat

Für Patientinnen mit einem nicht-resezierbaren bzw. metastasierten HER2+ Mammakarzinom gibt es bisher keine etablierte Third line-Strategie. Erste Ergebnisse einer Phase-II-Studie zeigen, dass mit dem neuen Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) in der Third line die Überlebenszeit um das Zwei- bis Dreifache verlängert werden kann.

Trotz grosser Fortschritte gehört das Mammakarzinom weiterhin zu den führenden Malignom-bedingten Todesursachen bei Frauen. 37% der neu diagnostizierten Mammakarzinome sind HER2+. HER2 ist ein Protein, das einen Tyrosinkinase-Rezeptor aktiviert, der wiederum das Zellwachstum fördert. Es findet sich auf der Oberfläche von Krebszellen, die sich speziell durch ein aggressives Wachstum auszeichnen. Ein HER2+ Status ist somit ein Prädiktor für eine schlechtere Prognose.

Keine etablierte dritte Therapielinie

Die Einführung von HER2-zielgerichteten Substanzen hat die Behandlungsmöglichkeiten von Patientinnen mit einem HER2+, nicht-resezierbaren oder metastasierten Mammakarzinom wesentlich bereichert. «Doch kommt es nach zwei oder mehr gegen HER2 gerichteten Therapien zu einem Fortschreiten der Erkrankung, so sind die therapeutischen Optionen sehr begrenzt», so Prof. Pierfranco Conte, Padua. Häufig bleibt dann nur noch eine Chemotherapie. Eine etablierte Therapiestrategie ab der dritten Therapiestrategie gibt es bisher nicht. Ein besonderes Problem sind auch die häufig bei HER2+ Patientinnen auftretenden Hirnmetastasen. Somit besteht ein dringender Bedarf an neuen Wirkstoffen gegen HER2+ Brusttumoren.

Ein neues Antikörper-Wirkstoff-Konjugat

Eine solche neue vielversprechende Option ist Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd). Dabei handelt es sich um ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat, welches eine zielgerichtete zytotoxische Wirkung ermöglicht, da die chemotherapeutische «Ladung» über einen Linker an einen
monoklonalen Antikörper gebunden ist, der an spezifische Rezeptoren auf der Oberfläche der Krebszellen bindet. Der Anti-Tumorwirkstoff Deruxtecan ist ein Derivat des Topoisomerase-I-Inhibitors Exatecan. Da Topoisomerase-I-Inhibitoren bisher nur selten bei Mammakarzinomen zum Einsatz kommen, ist die Chance gross, dass die Tumoren noch keine Resistenz gegen eine solche Substanz entwickelt haben.
Die Wirksamkeit und Sicherheit von T-DXd wurde im Rahmen der DESTINY-Breast01-Studie, einer Phase-II-Studie, bei 122 Patientinnen mit einem nicht-resezierbaren bzw. metastasierten HER2+ Brustkrebs geprüft. Die Studienteilnehmerinnen hatten sich im Median bereits sechs Therapielinien unterzogen, darunter auch Trastuzumab und T-DM1. Die Gesamtansprechrate betrug bei einem medianen Follow-up von 20,5 Monaten 61,4 %, wobei in 6,5% der Fälle sogar eine komplette Remission erreicht wurde. Bei 54,9% fand sich eine partielle Remission, bei 35,9% eine stabile Erkrankung. Das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 19,4 Monaten, das OS bei 24,6 Monaten und die Dauer des Ansprechens betrug 20,8 Monate. «Das ist das Doppelte bis Dreifache von dem, was wir bisher üblicherweise in dieser Situation sehen», so Prof. Fabrice André, Villejuif.

Dr. Peter Stiefelhagen

Quelle: Virtuelles Press Briefing der Fa. Daiichi Sankyo: Improving Outcomes in HER2 Positive Breast Cancer Treatment, im Rahmen des SABCS 2020, 10.12.2020

Literatur:
Modi S et al., N Engl J Med 11. Dezember 2019; DOI: 10.1056/NEJMoa1914510

Highlights

Wieviel Therapie ist nötig, um den Brustkrebspatientinnen zu helfen? Was sind die Langzeitfolgen unserer Therapien? und wie leben die Patientinnen nach unserer Therapie weiter? Auch 2020 bekamen wir neue und spannende Hinweise zu diesen Themen. Einige Studienresultate sind widersprüchlich, so die Monarch-E-Studie und die Penelope-B Studie, in welchen zusätzlich zur endokrinen Therapie ein CDK4/6 Inhibitor gegeben wurde. Durch die Zugabe von Abemaciclib (Verzenio®) in der Monarch E Studie wurde das ereignisfreie Überleben verbessert, nicht aber mit Palbociclib (Ibrance®) in der Penelope B Studie. Welche Frauen nicht von einer Chemotherapie profitieren zeigen die neuen Daten zum Genexpressionstest Oncotyp DX in der RxPONDER Studie. Eine weitere Studie ging auf den möglichen Vorteil der Radiotherapie bei über 65-jährigen Hormonrezeptor positiven Brustkrebspatientinnen ein. In der Prime II Studie hatten die Patientinnen ohne postoperative Radiotherapie nach zehn Jahren vergleichbare Raten an Metastasen, Rückfall in der kontralateralen Brust, respektive Gesamtüberleben gezeigt. Die Lokalrezidivrate war ohne Radiotherapie jedoch grösser. Aufmerksamkeit soll mehr auch auf die Folgen der Schmerzmedikation nach Mastektomie mit Rekonstruktion gelegt werden, wie eine Studie zur Begünstigung der Opioid Abhängigkeit von Betroffenen zeigt. Wichtig zu wissen für unsere jungen Brustkrebs Patientinnen ist, dass sie nach überstandener Brust Krebserkrankung zwar weniger häufig schwanger werden, im Fall eine Schwangerschaft dafür meist gesunde Kinder zur Welt bringen.

Verhindern der Übertherapie

Welche Frauen brauchen wirklich eine Chemotherapie? Dieser Frage ging die ADAPT HR+/HER2- Studie der westdeutschen Studiengruppe (WSG) nach (Sherko Kuemmel et al. GS4). Sherko Kuemmel aus Essen stellte die Resultate aus dem neoadjuvanten Studienarm vor. In dieser randomisierten Multizenterstudie wurden Hochrisiko-, Her2 negative, Hormonrezeptor (HR) positive Brustkrebs Patientinnen mit neoadjuvant Nab-Paclitaxel (nab-pac) wöchentlich respektive dose-dense Paclitaxel gefolgt von dose-dense EC (pac) behandelt. In einigen früheren Studien zeigte sich Nab-Paclitaxel effektiver als Paclitaxel. Das Ziel war es hier, Prädiktoren für ein komplettes pathologisches Ansprechen (pCR) auf die Chemotherapie zu finden. In dem Studienteil mit neoadjuvant behandelten Patientinnen wurden 864 Patientinnen eingeschlossen, etwa die Hälfte der Patientinnen war prämenopausal. Knapp die Hälfte hatten einen wenig differenzierten Tumor. Die mit nab-pac behandelten Patientinnen zeigten ein signifikant besseres Ansprechen mit einem pCR von 20.8% versus 12.9% mit pac (p=0.002). In der multivariaten Analyse waren lediglich die Tumorgrösse und der Recurrence Score (RS), bestimmt hier mit dem Oncotyp Dx prädiktiv für ein pCR. Gespannt sein können wir nun auf die Daten bezüglich «desease-free-survival (DFS)» und «overall-survival (OS), welche in ein paar Monaten erwartet werden.
Nadia Harbeck aus München präsentierte den Endokrinen Teil der ADAPT HR+/HER2- Studie (Nadia Herbeck et al. GS4). Darin nahmen die Patientinnen vor Therapiebeginn einen Aromatasehemmer oder Tamoxifen über drei Wochen ein. Zu Beginn und nach 3 Wochen wurde der Ki 67 in der Tumorbiopsie gemessen. Ob nach der Operation noch eine Chemotherpie sinnvoll ist, hängt stark davon ab, wie gut die endokrine Therapie alleine wirkt. Eingeschlossen wurden Her2-, HR + Brustkrebspatientinnen mit bis zu drei befallenen Lymphknoten und einem genomisch intermediären Rückfallrisiko (RS 12-25). Das 5-jahres OS beträgt mit endokriner Therapie alleine und einem RS 12-25 bei einem Abfall des Ki 67 auf <10% bereits 97.3.% und bei Frauen mit RS 0-11 98% (Oncoletter Nadia Harbeck). Fällt der Ki 67 unter 10% kann postoperativ auf eine zusätzliche Chemotherapie verzichtet werden, da die endokrine Therapie alleine ausreicht. In wie weit die Patientinnen nun vor der Operation neoadjuvant endokrin behandelt werden sollen, um diesen Ki 67 Verlauf zu prüfen, muss diskutiert werden.
Auch die RxPONDER Studie soll prüfen, bei welchen Patientinnen mit Hilfe des Oncotyp DX Recurrence Score® (RS) auf eine Chemotherapie verzichtet werden kann (Kevin Kalinsky et al: GS3-00). Die bereits seit längerem bekannten Resultate der TAILORx Studie zeigten, dass nodal negative Patientinnen über 50 Jahre alt mit einem RS von < 25 nicht von einer Chemotherapie profitieren. Unklar blieb, ob diese Resultate auch für Patientinnen mit 1-3 positiven Lymphknoten gelten. Dies soll nun mit der RxPONDER Studie geklärt werden. Darin wurden 5’083 Patientinnen mit HR positivem Her2 negativem Brustkrebs und 1-3 positiven Lymphknoten eingeschlossen. Bei allen wurde der Gen-Expressionstest Oncotyp DX durchgeführt und die Patientinnen mit einem Recurrence-Score von 0 – 25 eingeschlossen. Zudem mussten die Frauen in der Verfassung für eine Taxan oder Anthrazyklin-basierte Chemotherapie sein und eine adäquate axilläre Lympknoten-Operation gehabt haben. Nach der Randomisierung erhielten die einen lediglich eine adjuvante endokrine Therapie und die anderen zusätzlich eine Chemotherapie. Bei den postmenopausalen (N=3350) Patientinnen ergab sich kein Unterschied im ereignisfreien Überleben innert 5 Jahren mit oder ohne Chemotherapie (91.6% versus 91.9%). Die Prognose war sehr gut. Bei postmenopausalen Frauen mit niedrigem bis mittlerem Recurrence Score kann auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Bei den Prämenopausalen hingegen (N= 1665) zeigte sich ein statistisch signifikanter Vorteil durch die Chemotherapie in Bezug auf Ereignisfreies Überleben über 5 Jahre (94.2% versus 89.0%). Das heisst die «Number Needed to Treat» liegt bei etwa 20. Erstaunlicherweise hatten von den prämenopausalen Frauen in dieser Studie sehr wenige eine ovarielle Suppression, nämlich 16% im Arm mit lediglich endokriner Therapie und 3% in der Chemotherapie Gruppe, wobei bei denen nach 6 Monaten in 26% eine Amenorrhöe persistierte. Martine J. Piccart Gebhart aus Brüssel meint in ihrem Kommentar dazu, dass der Gebrauch von genetischen Tests und deren Sensitivität in den letzten 15 Jahren massiv zugenommen hat. Sie wird in Zukunft postmenopausale Frauen mit Hormonrezeptor positivem, Her-2 negativem Brustkrebs und bis maximal zwei befallenen Lymphknoten bei einem Recurrence-Score von < 25 nicht länger mit Chemotherapie behandeln. Anders ist es für die prämenopausalen Frauen. Bei einem RS von > 26 sollten alle eine Chemotherapie erhalten, unabhängig vom Nodalstatus, wohingegen bei tieferem RS diejenigen mit positiven Lymphknoten eine Chemotherapie erhalten sollten. Hier stellt sich die Frage, was die Durchführung eines OncotypDX für einen zusätzlichen Nutzen hat. Zu diskutieren wäre noch, ob den prämenopausalen Frauen mit einem RS von 22-25 auch eine ovarielle Suppressionstherapie mit Aromatasehemmern angeboten werden kann.
Eine weitere Studie widmete sich der Frage nach Radiotherapie bei über 65-jährigen mit HR positivem Brustkrebs (Ian H Kunkler et al.: Abstr. GS2-03). In der PRIME II Studie wurden 1’326 Patientinnen nach brusterhaltender Operation eingeschlossen. Alle waren über 65 Jahre alt, hatten einen Tumor unter 3 cm, nodal negativ und wurden adjuvant endokrin therapiert. Sie wurden randomisiert in eine Gruppe mit und eine ohne Radiotherapie. Der mediane Follow Up betrug 7.3 Jahre. Signifikante Unterschiede ergaben sich lediglich in Bezug auf Lokalrezidive (9.8% versus 0.9%), nicht jedoch auf die Metastasierung, Brustkrebsspezifisches oder Gesamtüberleben betrug 80.4% ohne RT und 81% mit RT (p=0.68). Die Autoren kommen zum Schluss, dass bei Frauen > 65 Jahre mit einem HR positiven T1-2, pN0 Tumor der Verzicht auf die Radiotherapie diskutiert werden kann. In einer ungeplanten Subgruppenanalyse wurde zwischen High ER und Low ER unterschieden. Die Low ER hatten signifikant mehr Lokalrezidive (18.8 vs. 9.2%, p=0.007) deshalb stellt sich die Frage, ob Frauen, die wenig endokrin sensible Tumore haben und damit auch mehr Lokalrezidive ohne Radiotherapie, eine Radiotherapie erhalten sollen. Hingegen muss bei einer Patientin, die keine Radiotherapie möchte oder haben kann, nicht sofort eine Mastektomie empfohlen werden.
Als weiterer Prognosefaktor werden seit langem die zirkulierenden Tumorzellen diskutiert (Circulating Tumor cells, CTC). Von Wolfgang Janne aus Ulm wurde eine Metaanalyse präsentiert aus verschiedenen peer-reviewed publizierten, randomisierten Studien mit über 4079 Patientinnen (Wolfgang J Jane et al: GS4-08).
Darin aufgenommen wurden metastasierte Patientinnen, bei welchen unter der Therapie die CTC sowohl vor Therapiebeginn wie nach 29 Tagen Therapie mit Hilfe des CellSearch Test gemessen wurden. Die beste Prognose in Bezug auf das Gesamtüberleben (OS) hatten, wie erwartet, Patientinnen, bei denen sowohl zu Beginn wie auch nach 29 Tagen keine CTC im Blut messbar waren (OS 47 Monate). Auch prognostisch positiv scheint ein kompletter Abfall der CTC zu sein (OS 32 Monate). Schlechter schnitten die Patientinnen ab, die unter Therapie positiv blieben (OS 18 Monate). Die Messung der CTC ist im klinischen Alltag noch nicht etabliert und es ist zu diskutieren, welche Konsequenzen wir aus einer solchen Untersuchung ziehen würden. Soll eine sehr toxische Therapie bei fehlendem Abfall der CTC abgebrochen werden, oder ist der Zeitpunkt der Messung mit 29 Tagen einfach noch zu früh? Üblicherweise verlassen wir uns auf das klinische Ansprechen und die Bildgebung, welche jedoch meist nach einigen Monaten erst wiederholt wird. Die Konsequenzen dieser Untersuchung sind also noch offen.
Ein Up-Date für die IBISII DCIS Studie mit dem Vergleich von Anastrozol 1mg/Tag (N=1471) versus Tamoxifen 20mg /Tag (N=1509) bei postmenopausalen Frauen mit ER positivem DCIS, atypische Hyperplasie respektive LCIS (Ivana Sestak et al: GS2-02). Nach medialer Nachkontrolle von 11,6 Jahren besteht kein Vorteil von Anastrozol gegenüber Tamoxifen. Zu diskutieren wäre inwieweit die adjuvante endokrine Therapie beim DCIS überhaupt eingesetzt werden soll. Keine Studie konnte eine Verbesserung des Überlebens auf Grund der endokrinen Therapie beim DCIS belegen. Die Zahl der zu behandelnden Patientinnen (NNT) um ein Lokalrezidiv durch die Einnahme von Tamoxifen über 5 Jahre zu verhindern, beträgt gemäss früheren Studien 15.
Eine mögliche Hilfe zur Beurteilung, ob eine Patientin von einer erweiterten adjuvanten endokrinen Therapie profitiert, kann der «Breast Cancer Index(BCI)» sein (Dennis C Sgroi et al GS4-09). Ein Genexpressionstest, welcher mit 789 nodal positiven Patientinnen aus der Trans-aTTom Studie geprüft wurde. Verglichen wurde der BCI mit herkömmlichen Biomarkern wie ER, PgR, AR, Ki-67, AR/ER Ratio. Patientinnen mit einem BCI high hatten einen signifikanten Benefit von einer auf 10 Jahre verlängerten Tamoxifen Therapie gegenüber den BCI low, welche keinen Benefit hatten. Hingegen waren die Biomarker alleine kein Prädiktor für den Benefit einer verlängerten Therapie. Das Problem bei der Trans-aTTom Studie ist leider, dass lediglich Tamoxifen 5 versus 10 Jahre untersucht wurde, was ein veraltetes Therapieschema insbesondere bei den Hochrisikopatientinnen darstellt. Diese erhalten in den meisten Fällen bereits 5 Jahre Aromatasehemmer.

Adjuvante Behandlung bei Hochrisiko mit CDK4/6 Inhibitoren

Bei vielen Frauen mit positivem Brustkrebs ist die Langzeitprognose gut. Trotzdem kommt es bei etwa 20% zu einem Rückfall in den ersten zehn Jahren, häufig mit einer Metastasierung. Dies insbesondere beim Vorliegen von positiven Lymphknoten, bei grossen, wenig differenzierten Tumoren. Zwei Studien zu adjuvant gegebenen CDK4/6 Inhibitoren zeigten ein sehr unterschiedliches Resultat. Frau Prof. Dr. Priya Rastogi von der Universität von Pittsburgh stellte die neuen Daten der MonarchE Studie zum CD K4/6 Inhibitor Abemaciclib (Verzenio®) kombiniert mit einer endokrinen Therapie vor (Joyce A O’Shaughnessy et al.: GS1-01). Insgesamt 5’637 Frauen mit hohem Risiko, Hormonrezeptor positivem und Her 2 negativem Brustkrebs wurden im median 19 Monate kontrolliert. Das hohe Risiko wurde in dieser Studie definiert mit über 4 positiven Lymphknoten oder 1-3 positiven Lymphknoten kombiniert mit einem weiteren Risikofaktor wie G3, Tumorgröße >5 cm oder Ki 67 > 20%. Die Frauen wurden randomisiert in eine Gruppe mit lediglich endokriner Therapie und eine Gruppe mit zusätzlich Abemaciclib 2x 150 mg über 2 Jahre. Das Zweijahres-ereignisfreie Überleben war in der Kombinationstherapie 92.3% und in der einfachen Therapie 89.3%, ein Unterschied von 3% und statistisch signifikant. Frauen mit einem hohen Ki67 Score hatten einen grösseren Vorteil durch die Kombination. Das ereignisfreie Überleben nach 2 Jahren lag bei bei ihnen bei 91.6% versus 87.1%. Seitens der Autoren wird angegeben, dass Nebenwirkungen vergleichbar mit denen in den vorigen Studien auftraten. Dies bedeutet in etwa bei 45% eine Neutropenie, in bis zu 85% Diarrhoe innert der ersten 6-8 Tage auftretend. Aufgrund der Resultate aus Tierexperimenten ist zudem davon auszugehen, dass Abemaciclib teratogen wirkt.
Enttäuschend waren die Resultate der Zweiten Studie mit einem CDK 4/6 Inhibitor aus der Penelope B Studie (Sibylle Loibl: GS1) welche von Sibylle Loibl für die German Breast Group (GBG) vorgestellt wurde. Auch hier wurden Hochrisiko Mammakarzinom Patientinnen mit positiven Hormonrezeptoren und negativem Her2 Status eingeschlossen. Bekannt ist der positive Effekt von Palbociclib (Ibrance®) in Kombination mit einer endokrinen Therapie bei metastasierten Brustkrebs Patientinnen. Hier sollte nun die Wirkung der Kombinationstherapie nach neoadjuvanter Chemotherapie (NACT) geprüft werden.
Insgesamt wurden in dieser Placebo-kontrollierten Phase III Studie 1250 Frauen mit fehlender Komplettremission nach Taxan-haltiger Chemotherapie und hohem Rückfallrisiko geprüft. 631 Frauen erhielten neben der adjuvanten Hormontherapie Palbociclib (Ibrance®). Über die Hälfte der Patientinnen war unter 50 Jahre alt und trotzdem zeigten lediglich 18% eine ovarielle Suppression. 50% der Patientinnen bekamen Tamoxifen als endokrine Therapie. Nach einem Medianen Follow Up von 42.8 Monaten ergab sich kein Unterschied in der Rückfallrate. In dieser Studie waren allerdings nur Frauen aufgenommen, die nach einer neoadjuvanten Therapie kein komplettes pathologisches Ansprechen zeigten. Die Behandlung erfolgte lediglich über ein Jahr. Welches ist wohl der Grund für diese unterschiedlichen Resultate? Ist Palbociclib weniger wirksam oder ist die Analyse in der Monarch E noch verfrüht für eine Aussage. Initial war die Penelope B Studie auch vielversprechend mit einem Benefit nach zwei Jahren Follow Up von über 4%. Wurde in der Penelope B Studie Palbociclib zu kurz gegeben (1 versus 2 Jahre in der Monarch E)?
Klärung wird wohl erst die NATALEE Studie bringen, welche Ribociclib über drei Jahre einsetzt.

Tripel-negative Brustkrebspatientinnen

Zwei Studien zur Immunotherapie mit dem Monoklonalen Antikörper Pembrolizumab (Keytruda®) respektive Atezolizumab (Tecentriq®) wurden gezeigt. In der metastasierten Situation sahen wir die aktualisierten Daten der Keynote 355. (Hope Rugo, GS3-02). Hierin wurde eine Chemotherapie mit oder ohne Immuntherapie mit Pembrolizumab als Firstline beim metastasierten Mammakarzinom verabreicht. Verschiedene Chemotherapien waren möglich (nab-Paclitaxel, Paclitaxel oder Gemcitabine mit Carboplatin). In der KEYNOTE-173 wurde bereits gezeigt, dass durch die Gabe von Pembrolizumab zu einer NACT eine pCR Rate von bis zu 60% erreicht werden kann. Bei PD-L1 Expression war das Ansprechen besser. Pembrolizumab war insbesondere für die Behandlung der Hochrisiko, frühen tripelnegativen Tumoren ein grosser Durchbruch. In die nun präsentierte KEYNOTE 355 wurden 847 Patientinnen mit lokal fortgeschrittenem inoperablem oder metastasiertem Mammakarzinom eingeschlossen und 2:1 randomisiert in einen Pembro + Chemo respektive Placebo+ Chemo Arm. PD-L1 wurde in dieser Studie mit dem «combined positive score (CPS)» angegeben und die Patientinnengruppen in Untergruppen mit CPS >10, respektive CPS >1 unterteilt. Am SABC 2020 sahen wir die Resultate nach einem medianen Follow-Up von 26 Monaten in Bezug auf die sekundären Endpunkte wie die «Objective Responserate (ORR)», die «Desease Control Rate» (DCR) und die «Duration of Responserate (DOR)». Durch die Zugabe von Pembrolizumab wurde ein signifikant besseres Ansprechen von im Median 19.3 versus 7.3 Monaten bei CPS > 10 demonstriert. Der grosse Benefit bei den Patientinnen mit einem CPS > 10 ist unabhängig von der dazu gegebenen Chemotherapie. Auf Grund der Daten wird Pembrolizumab in einem beschleunigten Zulassungsverfahren von der FDA geprüft.
Die ASCENT Studie geht als Phase III Studie der Wirksamkeit von Sacituzumab Govitecan(Trodelvy®), bei Patientinnen mit metastasiertem tripelnegativem Mammakarzinom nach. Eingeschlossen wurden Patientinnen mit mehr als zwei Chemotherapien in der metastasierten Situation (Sara A Hurvitz, GS3-06). Die Substanz ist ein monoklonaler Antikörper kombiniert mit einer Chemotherapie ähnlich Kadcyla® für die Her-2 positiven Patientinnen. Hier richtet sich der Antikörper gegen das Trophoblasten Cell Surface Antigen 2 (Trop-2), welches von vielen epithelialen Tumoren exprimiert wird und typischerweise auch beim Tripel negativen Mammakarzinom auftritt. Die eingeschlossenen Patientinnen hatten bereits zwei oder mehr Chemotherapien für fortgeschrittenes Leiden. Am ESMO 2020 wurden die ersten Daten gezeigt mit einem medianen PFS von 5.6 versus 1.7 Monaten , (HR 0.41; p<0.0001) und einem medianen OS von 12.1 versus 6.7 Monaten (HR 0.48; p<0.0001). Hier wurde nun der Therapieerfolg abhängig vom Trop2 und dem Vorliegen einer BRCA ½ Mutation geprüft. Die Erfolge sind unabhängig von Trop2 in der metastasierten Situation und das Trop2 Antigen muss somit nicht getestet werden. In Bezug auf BRCA1 /2 sind die Aussagen auf Grund der kleinen Patientinnen Zahl noch zu wenig aussagekräftig. Das Medikament ist bis jetzt nur bei der FDA zugelassen und noch nicht in Europa oder gar in der Schweiz verfügbar. Der Preis scheint hoch.

Nebenwirkung und Folgen der Brustkrebstherapie

In den letzten Jahren wird die Opioid-Abhängigkeit nach chirurgischen Eingriffen breit diskutiert. In der USA spricht man von 10.3 Mio. Morphinabhängigen nach Krebsoperationen, im allgemeinen werden bis 10% der PatientenInnen neu abhängig. Selbstverständlich sollen die Patientinnen schmerzfrei sein. Wichtig ist die richtige Auswahl der Medikation systemisch wie lokal. Jacob Cogan aus New York untersuchte den postoperativen Opioid Konsum der Patientinnen nach Mastektomie mit Rekonstruktion der Brust. (Jacob O Cogan et al: Abstract GS3-08). Mit Hilfe der MarketScan Datenbank suchten sie Patientinnen > 18 Jahre alt, welche nicht bereits Opioide präoperativ konsumierten. Nach der Operation wurden 13% chronische Opioid Konsumentinnen, das heisst sie konsumierten Opioide bis ein Jahr nach der Operation. Von den Patientinnen, die vor der Operation keine Opioide konsumierten (N= 18’931), waren es sogar 17.5%. Vor allem Patientinnen, die ein manifestes Mammakarzinom hatten, also keine prophylaktische Mastektomie, welche Chemotherapie brauchten und jünger waren, hatten ein höheres Risiko. Interessanterweise war der stärkste Risikofaktor für eine Abhängigkeit in dieser Studie aus den USA eine Krankenkasse zu haben (OR=2.31). Wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit einem Team von Schmerspezialistinnen.
Eine Beobachtungsstudie über das Erfassen von Nebenwirkungen bei der Radiotherapie nach Brusterhaltender Operation zeigte einen beeindruckenden Unterschied zwischen den Angaben der Patientinnen und den AerztenInnen. (Reshma Jagst et al, Abstract GS3-07)
Dazu wurden die Daten aus dem «patient-reported outcome» (PRO) mit den Erhebungen der AerzteInnen in der «Common Terminology Criteria for Adverse Events»(CTCAE) verglichen. Die untersuchten Symptome waren: Schmerz, Pruritus, Oedem und Fatigue.
Von insgesamt 13 725 Patientinnen, welche in der Region Michigan die Radiotherapie abgeschlossen hatten, haben 9 941 eine Rückmeldung über ihr Befinden in die PRO Datenbang gegeben.
Bei 31% der Patientinnen notierte der Arzt wenige oder keine Schmerzen wohingegen die Patientinnen moderate bis starke Schmerzen angaben. Bei 37% resp./ 51% wurden Juckreiz respektive Oedeme von den Ärzten als fehlend und von den Patientinnen mit häufig oder immer angegeben. Bei der Fatigue gäbe es eine Unterschätzung in 19%. Insgesamt hatten 53% mindestens ein Symptom, welches unterschätzt wurde. Das heisst über die Hälfte der Patientinnen wird somit nicht adäquat gegen die Nebenwirkungen behandelt.
In der Studie wurden Risikofaktoren für eine Unterschätzung evaluiert; so wurden Symptome bei unter 50-jährigen, farbigen und an einem Akademischen Zentrum behandelten Patientinnen häufiger unterschätzt. (OR= 1.4, 1.9 respektive 1.1). Welches die Gründe für dieses Missverstehen sein können ist unklar. Neu wird das Maskentragen wegen Covid die Situation wahrscheinlich noch verschärfen. Das Wahrnehmen von Gefühlen und die Interpretation der Mimik unserer Patientinnen ist mit Maske weit schwieriger.
Die Chancen nach einer Chemotherapie wegen Brustkrebs schwanger zu werden sind für die Patientinnen gegenüber der nicht therapierten Bevölkerung geringer. Werden sie schwanger haben sie dennoch häufig gesunde Babys und einen guten Krankheitsverlauf. Dies wurde in eine Metaanalyse aus Fall-Kontroll- und Kohorten-Studien mit 114’573 Brustkrebspatientinnen eruiert (Eva Blondeaux et al.: GS3-09).
Die Chance, nach einer Chemotherapie schwanger zu werden, war um 60% vermindert (RR 0.40, 95% CI 0.32-0.49). Im Vergleich zu anderen Krebspatientinnen hatten lediglich Frauen nach einem Zervixkarzinom noch schlechtere Schwangerschaftsraten. Obwohl die Kinder nicht vermehrt kongenitale Fehlbildungen zeigten, war das Risiko ein niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburt und Kaiserschnitt grösser als bei der übrigen Population (OR 1.50 95% CI 1.31-1.173, OR 1.45, 95% CI 1.11-1.88 resp. OR 1.14, 95% CI 1.04-1.25). Frauen nach Brustkrebs und Schwangerschaft hatten ein besseres Überleben als solche die nicht schwanger wurden (RR 0.56, 95% CI 0.46-0.67). Der «healthy mother effect», das heisst, dass die Frauen welche gesünder sind auch schwanger werden, wurde herausgerechnet, was vergleichbare Ergebnisse ergab. Verständlicherweise war der Effekt bei den Patientinnen mit Hormonrezeptor negativem Brustkrebs eindrücklicher als bei den Hormonrezeptor positiven (Krankheitsfreies Überleben HR 0.72, 95% CI 0.55-0.95 versus HR 1.10, 95% CI 0.73-1.66).

Chirurgische Studien

Mit der neoadjuvanten Chemotherapie werden etwa ein Drittel der Patientinnen mit initial positiven Lymphknoten nodal negativ. In der RISAS Studie wird die «targeted Axillary Dissection» als mögliches verfahren nach neoadjuvanter Chemotherapie (NACT) bei Patientinnen mit cT1-4-4N1,2,3 untersucht (RISAS Trial Janine Simons et al, GS1). In dieser Multizenterstudie konnten 227 Patientinnen mit Targeted Axillary Therapy eingeschlossen. Dabei wurde vor der neoadjuvanten Chemotherapie der histologisch bestätigte positive Lymphknoten mit einem jodhaltigen Clip markiert. Bei allen Patientinnen wurde nach der Chemotherapie der markierte Clip und die Sentinellymphknoten gefolgt von einer kompletten axillären Lymphonodektomie durchgeführt. Bei 71% der Patientinnen war der geklippte Lymphknoten auch der Sentinel. 35% hatten eine pathologische Komplettremission in den axillären Lymphknoten. Die Falsch-Negativ-Rate lag bei lediglich 3.5% (73/78, CI 87.0-97.4), der negativ prädiktive Wert bei 93.5% (5/144, CI 1.38-7.16). Somit wird bei einer von 16 Patientinnen eine Metastase mit der alleinigen Entfernung des Sentinellymphknotens und des markierten Lymphknotens verpasst. Die statistische non-inferiority wurde knapp verpasst, da die Studiendesigner zu deren Beweis eine Probandinnenzahl von 248 festgelegt hatten. Mit der Targeted Axillary Dissection kann wohl in Zukunft auf die komplette Axilladissektion nach neoadjuvanter Chemotherapie verzichtet werden. Diese Studie war allerdings lediglich eine Untersuchung des chirurgischen Verfahrens und Daten zur onkologischen Sicherheit sind noch ausstehend.
Als Poster stellte Walter Weber aus Basel die ersten Resultate der TAXIS Studie vor, in welcher es ebenfalls um das nötige Ausmass der axillären Therapie geht (OT-04-03, Walter Paul Weber et al.). Die hier als «Tailored Axillary Surgery (TAS) benannte Technik besteht aus einem Entfernen aller palpablen, des Sentinel sowie der bei der ersten Biopsie zur Metastasensicherung geklippten Lymphknoten. Möglich ist dann das Auffinden durch die Markierung präoperativ mit einem Draht oder bereits primär durch Einlegen eines radioaktiven Clips. Eingeschlossen wurden Brustkrebspatientinnen im Stadium II-III und pN+ oder ypN+. Intraoperativ wurden die Lyphknotenmetastasen bestätigt und die Patientinnen in eine Gruppe mit respektive ohne komplette Axilladissektion randomisiert. Danach folgte die Bestrahlung der Brust inklusive der regionalen Lymphknoten, wobei im Studienarm ohne Axilladissektion die Axilla im Sinne einer ausgedehnten regionären Radiotherapie behandelt wurde. Nach den nun ersten 296 Patientinnen wurde erkannt, dass 94% der Lymphknoten gefunden und erfolgreich entfernt werden konnten. Bei der TAS wurden im Durchschnitt 4 Lymphknoten entfernt, bei der totalen Axilladissektion 14. Bei 71% wurden in der ALND noch weitere Lymphknoten gefunden.

KD Dr. med. Stephanie von Orelli, Zürich

Das Drama der Hormone

«Frau Doktor, ich muss meine Hormone testen lassen!» Hinter diesem Wunsch liegen Beschwerden verschiedenster Art: Schmerzen, Stimmungsschwankungen, der lästige Fettgürtel. Das ganze Drama wird «den Hormonen» zugeschrieben. Die Hoffnung auf Besserung liegt auf dem Wundermittel bioidentische Hormone. Wenn vor fünfzig Jahren die Pille als Befreiung der Frau gefeiert wurde und vor dreissig Jahren Hormone zur Optimierung des Life-Styles eingesetzt wurden, so haben körpereigene Hormone und hormonelle Verhütung heute den Part des Bösewichts. «Bioidentische» Hormone gelten dagegen als «natürlich» und gut. Verherrlichung und Verteufelung führen beide zu einer unzulänglichen Reduktion der Komplexität der Sachlage.

« Madame le docteur, il faut que vous me fassiez un bilan hormonal ». Les raisons pour cette demande peuvent être des symptômes de tout genre : des douleurs, des changements d’humeur, un pannicule adipeux dérangeant etc. Tout est mis sur le compte « des hormones ». L’espoir de guérison est placé sur le remède miracle des « hormones bioidentiques ». Si il y a 50 ans, la pilule a été saluée en tant que libératrice de la femme et il y a 30 ans des hormones ont été utilisées pour optimiser le life-style , actuellement nos propres hormones et la contraception hormonale se trouvent dans le rôle de faiseurs de tous troubles. Des hormones « bioidentiques » par contre sont jugées « naturelles » et bonnes. Les deux appréciations extrêmes, la glorification et la diabolisation créent une distorsion inadmissible de la complexité du sujet.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) hat durchaus eine biologische Grundlage. Das zeigen Beobachtungen an Affen: Pavianweibchen haben prämenstruell eine gesteigerte Aggressivität – aber nur dominante Weibchen, die untergeordneten Artgenossinnen kennen kein PMS. Nicht alles, das biologisch begründet werden kann, ist auch als pathologisch zu werten. Testosteron kann einen Affen aggressiv machen, aber nur, wenn er sein Gegenüber schon vorher dominiert (1). Bei Männern erhöht Testosteron Aggression nur dann, wenn sie ohnehin zu Aggression neigen (1). Ein Mann, der viel auf seine Ehrlichkeit hält, wird im Spiel unter dem Einfluss von Testosteron hingegen weniger Schummeln. Testosteron fördert bei dem einen Männlichkeit und Aggressivität, unter anderen Grundbedingungen jedoch Sozialität und Ehrlichkeit (1). Oxytocin erleichtert das Bonding zwischen Mutter und Kind sowie die Festigung monogamer Beziehungen. Es reduziert Angst und fördert vertrauensvolles, kooperatives Verhalten – aber nur zwischen engen Bezugspersonen! Fremden gegenüber wirkt Oxytocin abweisend (1).
Hormone wirken auch über die Regulation von Neurotransmittoren: Exemplarisch erhöht Testosteron die Reizbarkeit von amygdaloiden Neuronen, Glucocorticoide hingegen senken die Reizbarkeit präfrontaler kortikaler Neurone. Progesteron unterstützt die Wirkung von GABA-ergen Neuronen, welche wiederum die Reizbarkeit anderer Neuronen senken. Neurone können sich innerhalb von Stunden plastisch adaptieren (1). Neurobiologie hängt nicht von einem absoluten Hormonwert ab, sondern vom Verhältnis und Wechselspiel verschiedener Hormone. Progesteron entwickelt seine zentrale Wirkung in der Regel erst nach einer Umwandlung in verschiedene «Neurosteroide», die wiederum je nach Hirnregion eine andere Wirkung aufweisen (1).
Es ist falsch, zu behaupten, die Pille mache dick oder depressiv. Hormone determinieren nicht direkt ein bestimmtes Verhaltensmuster, vielmehr erhöhen sie die Sensitivität für emotionale Trigger und verstärken vorbestehende Tendenzen.
Bisweilen entbehrt die ablehnende Haltung gegen kombinierte hormonelle Kontrazeptiva (KHK) jeglicher Rationalität. Lena ist 17-jährig, an der Grenze zu Untergewicht. Sie ernährt sich vegan, leidet an einer primären Hyper- und Dysmenorrhoe und kommt mit dem Wunsch nach einer Kupferspirale. Ich empfehle ihr eine 20mcg Ethinylestradiol/Levonorgestrel (EE/LNG) Pille aufgrund des günstigen Risiko-/Nutzenprofils. Lena und ihre Mutter beharren auf einer Kupferspirale. Erst nach einer Eiseninfusion, zwei Dislokationen, und einer Abruptio ist Lena bereit, die Pille zu nehmen. Sie verträgt sie zu ihrem Erstaunen problemlos und schätzt die deutliche Abnahme der Mensbeschwerden.
Was steckt hinter dem tiefen Misstrauen gegen die Pille? Wieso ist dieses sichere, nebenwirkungsarme Verhütungsmittel so in Verruf geraten? Meist sind die Begründungen diffus und irrational (man möchte keine «Hormonbombe» nehmen, es sei doch nicht gut usw.). Nur selten werden objektive Risiken als Argumente angeführt. Im Folgenden möchte ich einige Bedenken unserer Patientinnen an der aktuellen Datenlage prüfen.

«Die Pille ist gefährlich, man kann daran sterben»

Der Fall einer Lungenembolie unter Yasmin mit schweren Folgen aus dem Jahre 2008 wurde gross durch die Medien gezogen. Als Faustregel gilt heute, dass die Pille das Thromboserisiko verdoppelt, eine Schwangerschaft vervielfacht jedoch dieses Risiko. In absoluten Zahlen ist ein thromboembolisches Ereignis (VTE) unter einer kombinierten hormonellen Kontrazeption (KHK) extrem selten (Tab. 1) – sofern die gut bekannten Risikofaktoren berücksichtigt werden. Nicht erst seit den Blickartikeln erheben wir deshalb vor dem Ausstellen eines Pillenrezeptes eine sorgfältige Anamnese incl. Familienanamnese und verschreiben als erste Wahl in der Regel eine EE/LNG Pille, wenden jedoch die 3./4. Generation Pillen mit einem höheren VTE Risiko nur bei entsprechenden Zusatzindikationen (Hyperandrogenämie, Akne) an.

«Die Pille ist krebsfördernd»

Verschiedene neuere grosse Studien weisen auf ein geringfügig erhöhtes Mammakarzinomrisiko durch hormonelle Antikonzeption. So weist die prospektive Kohortenstudie von Mørch (2) für Frauen, die irgendwann einmal KHK brauchten, ein relatives Risiko (RR) auf von 1.2 (95% CI 1.14-1.26). Während des aktuellen KHK Gebrauchs wird das relative Risiko erhöht auf 1.46. Die Risikoerhöhung ist ähnlich für LNG-IUD mit einem RR 1.21 (Tab. 2.) Andererseits senken KHK das Risiko für Kolon-, Endometrium- und Ovarialkarzinom (3, 4). Berücksichtigt man also nicht das einzelne Krankheitsbild, sondern das lebenslängliche Krebsrisiko, so hat die Verhütungsmethode keinen signifikanten Einfluss (Tab. 3).

«Die Pille macht depressiv»

Stimmungsschwankungen sind multifaktoriell bedingt und gerade in der Adoleszenz sehr häufig. Hormonelle Umbruchsphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder die Menopause gehen oft mit einem Gefühl der erhöhten Vulnerabilität einher. Eine dänische Studie hat gezeigt, dass Frauen unter KHK verglichen mit Frauen, die nie eine KHK hatten, signifikant häufiger ein Erstrezept für Antidepressiva erhalten (RR 1.7 (95% CI, 1.66-1.71)) (5). Besonders hoch war die Risikoerhöhung bei Adoleszenten: RR 1.8 (95% CI 1.75-1.84)) und bei reinen Gestagenpräparaten (POP): RR 2.2 (95% CI 1.99-2.52). Noch beunruhigender ist die Korrelation von hormoneller Verhütung und Suiziden. Die gleiche Arbeitsgruppe fand eine Risikoerhöhung für erfolgreichen Suizid von RR 3.08 (95%CI = 1.34-7.08) (6).
Diese Daten sind seit ihrer Publikation breit kritisiert worden, meines Erachtens sollten wir sie aber nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein Verhütungsmittel ist kein lebenswichtiges Medikament. Wenn eine Frau merkt, dass sie unter der Pille depressiv wird oder gar suizidale Gedanken hat, so müssen wir sie ernst nehmen. In der Regel soll sie die KHK dann absetzen.
«Ich habe meine Pille gern», hat mir gestern eine 18-jährige junge Frau gesagt. Dabei ist mir aufgefallen, wie selten ich einen solchen Satz höre. Dennoch werde ich stutzig. Erst im weiteren Verlauf des Gesprächs erfahre ich den impliziten Grund für die Konsultation: Nach einem Einnahmefehler hatten wir das pillenfreie Intervall einmalig verkürzt, sodass seither das neue Blister am Donnerstag, nicht mehr am Montag beginnt. In der Folge fühlte sich die junge Frau emotional instabil, fast depressiv. Sie hat sich bei mir angemeldet, weil sie die Vermutung hatte, das Verschieben der Pille um drei Tage hätte eine Depression ausgelöst. Wie ich erfahre, ist aber auch sonst einiges in ihrem Leben passiert: Nach einem Austausch­aufenthalt hat die Patientin Panikstörungen entwickelt. Während der Coronakrise fiel ihr das Zusammensein auf Distanz sehr schwierig. In dieser Zeit ging es ihr nicht gut. Zum Zeitpunkt der Konsultation zu Beginn der Sommerferien hatte sie sich wieder erholt. Eine Verschiebung der ersten Pille um drei Wochentage schlimmer als Lebenskrise und Coronaisolation? Ich weiss nicht, wie eine solche Vermutung entstehen kann. Es scheint mir jedoch wichtig, wahrzunehmen, dass die junge Frau zwei widersprüchliche Botschaften aussendet: den Worten nach («ich ha mini Pille gern!») ist sie mit der Pille sehr zufrieden. Ihre Haltung und Handlung (vereinbart Termin, als es ihr psychisch schlecht ging) signalisieren aber, dass sie Angst hat vor der Pille. Es lohnt sich, im Beratungsgespräch auf solche impliziten Botschaften zu achten, um mit der Frau zusammen den individuell für sie richtigen Weg abzustecken.
Die tägliche Einnahme eines Hormons bedeutet für viele Frauen eine Veränderung ihrer Lebensweise. Auch Frauen, denen die zyklischen Beschwerden wie PMS oder Mensschmerzen stark zu schaffen machen, sind heute oft nicht bereit, durch KHK ihren Alltag grundsätzlich, «von innen her» zu verändern. Dies hat wenig zu tun mit rationalen Argumenten, es ist eine Frage der Einstellung. Vielleicht ist das Anliegen der heutigen Adoleszenten gar nicht so weit entfernt vom Anliegen, das ihre Mütter damals hatten: es ist ihnen wichtig, die Kontrolle über den eigenen Körper nicht aus der Hand zu geben. Für die Generation der jetzigen Mütter bedeutete dies, sich effizient vor einer Schwangerschaft zu schützen ohne aber auf Sex verzichten zu müssen – dank der Pille. Für die Tochtergeneration kommt nun die Befreiung von der Fremdsteuerung durch die Pille. Vielleicht möchten auch sie die Kontrolle über den eigenen Körper haben – auf ihre Art.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Christina Schlatter

FMH Gynäkologie und Geburtshilfe
Gentinetta, Sonneggstrasse 55
8006 Zürich

christina.schlatter@hin.ch

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Hormone sind ein kleiner Teil eines komplexen Ineinanderwirkens verschiedener Faktoren, die Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen.
  • Je nach Situation kann die Wirkung als positiv oder aber negativ empfunden werden.
  • Auch angesichts der neueren Studienlage bietet die KHK gesunden, risikoarmen Frauen eine effiziente, praktische und sichere Verhütung.
  • Im Beratungsgespräch gilt es zu besprechen, dass Selbstbestimmung auch die Übernahme von Selbstverantwortung bedeutet.

Messages à retenir

  • Les hormones sont de petits composants dans le jeu complexe des interactions des différents facteurs qui déterminent notre santé et bien-être.
  • Selon le contexte, leurs effets peuvent être ressentis comme positifs ou alors négatifs.
  • Aussi d’après les résultats d’études plus récentes, la contraception hormonale combinée offre à la femme à bas risque et en bonne santé une contraception pratique, sûre et efficace.
  • Pour l’entretien de conseil il est important de souligner qu’auto-détermination signifie aussi prise de responsabilité individuelle.

1. Sapolsky, Robert 2017: Behave, London
2. Mørch LS, Skovlund CW, Hannaford PC, Iversen L, Fielding S, Lidegaard Ø. Contemporary hormonal contraception and the risk of breast cancer. N Engl J Med. 2017; 377:2228-39.
3. Hannaford PC, Selvaraj S, Elliott AM, Angus V, Iversen L, Lee AJ. Cancer risk among users of oral contraceptives: cohort data from the Royal College of General Practitioner’s oral contraception study. BMJ. 2007; 335(7621):651
4. Iversen L, Sivasubramaniam S, Lee AJ, Fielding S, Hannaford PC. Lifetime cancer risk and combined oral contraceptives: the Royal College of General Practitioners‘ Oral Contraception Study. Am J Obstet Gynecol. 2017; 216(6):580.e1-580.e9
5. Skovlund CW, Lidegaard et al. Association of hormonal contraception with Depression. JAMA Psychiatry 2016;73:1154-62
6. Skovlund CW et al. Association of hormonal contraception with suicide attempts and suiciides Am J Psychiatry 2018; 175(4):336-42. doi: 10.1176

Genitourinary syndrome of the menopause (GSM)

Rund 50% aller Frauen in der Peri- und Postmenopause haben Symptome des «Genitourinary syndrome of the menopause» (GSM). Dieses Syndrom umfasst, ergänzend zur vulvovaginalen Atrophie (VVA), zusätzlich die durch absinkende Hormonspiegel entstehenden Symptome der ableitenden Harn­wege. Die Lebensqualität der betroffenen Frauen kann als Folge der Gewebeveränderungen stark eingeschränkt sein. Ziel dieser Übersicht ist die Darstellung der aktuellen Therapiemöglichkeiten und deren stufenweiser Einsatz.

Env. 50% de toutes les femmes autour et après la ménopause présentent des symptômes du « syndrome génito-urinaire de la ménopause » (GSM). Ce syndrome comprend, en plus de l’atrophie vulvo-vaginale (VVA), des symptômes des voies urinaires provoqués par les taux hormonaux qui baissent. La qualité de vie des femmes touchées peut en être fortement affectée en raison de l’altération des tissus dans la sphère uro-génitale. La présente revue décrit les modalités thérapeutiques actuelles et leur utilisation séquentielle.

Zu den typischen Symptomen des GSM gehören genitale Trockenheit, Dyspareunie, Irritation des Gewebes, Brennen und Juckreiz an der Vulva und Vagina sowie Dysurie, vermehrter Harndrang und Urge-Symptomatik. Die gängigen Behandlungsmethoden sind nur bei einem Teil der Patientinnen erfolgreich. Daher hat die Entwicklung neuer Methoden eine besondere Bedeutung.

Terminologie: VVA und GSM

Das «Genitourinary syndrome of the menopause» (GSM) ist ein Komplex von Symptomen der Vulva, der Vagina und der ableitenden Harnwege, welche bei postmenopausalen Frauen auftritt (1). Der neue Begriff wurde 2014 eingeführt. Die neue Terminologie GSM beinhaltet alle urogenitalen Symptome, die in der Menopause durch den Hormonabfall hervorgerufen werden können und sich an den Labien, am Introitus, an der Vagina, der Urethra und der Blase manifestieren. Ergänzend zu den Symptomen der VVA sind Belastungsinkontinenz, Dranginkontinenz und Bakteriurie typische Symptome des GSM. Sowohl die VVA als auch das GSM sind häufig unterdia­gnostiziert und auch untertherapiert. Deshalb soll im ärztlichen Gespräch gezielt nach Beschwerden des GSM gefragt werden, zumal diese von vielen Frauen nicht offen kommuniziert werden (2).

Veränderungen des Gewebes und Konzepte zur Behandlung

Infolge der menopausal absinkenden Östrogenspiegel entwickelt sich eine progrediente, chronische Involution des vaginalen Gewebes. Die daraus entstehenden Symptome sind Ausdruck der morphologischen und funktionellen Veränderungen. Die Haut der Vagina wird dünner und weniger elastisch. Die Vagina wird insgesamt enger und kürzer. Die Oberfläche der Vagina erscheint trocken und es können Blutungen nach minimalem Trauma entstehen. Die Vulva wird atrophisch und leichter vulnerabel, insbesondere im Bereich der Klitoris. Die Atrophie der Vagina kann mit der Zeit zunehmen und die Lebensqualität deutlich negativ beeinflussen. Etwa 50 % der postmenopausalen Frauen entwickeln eine VVA (3). Da die Lebenserwartung immer mehr zunimmt, können die Beschwerden für die Dauer von mehr als einem Drittel der Lebenszeit bestehen.
Zur Behandlung der Symptome der VVA werden meist folgende lokale Behandlungsoptionen genutzt (Abb. 1):
a) hormonfreie Produkte zur Lokaltherapie in Form von Gleitmitteln oder Befeuchtungsmitteln
b) lokale Hormontherapie.
Als weiteres Konzept etabliert sich momentan zunehmend die Lasertherapie der Vagina und der Vulva. Mit DHEA gibt es zudem ein neues, weiteres Konzept zur lokalen Behandlung.

Gleitmittel und Befeuchtungsmittel

Internationalen Leitlinien entsprechend sind Gleitmittel und Befeuchtungsmittel die Therapie der ersten Wahl zur Therapie der VVA. Der Hauptunterschied zwischen vaginalen Gleitmitteln und Befeuchtungsmitteln ist der Zeitpunkt der Anwendung.
Vaginale Gleitmittel sind indiziert bei Frauen, deren Hauptsorge die vaginale Trockenheit beim Geschlechtsverkehr ist. Gleitmittel können die Trockenheit kurzfristig lindern und die Dyspareunie lindern. Vaginale Befeuchtungsmittel sind nicht-lösliche hydrophile Polymere mit der Eigenschaft der Bioadhäsivität. Sie können häufiger verwendet werden als allein in Zusammenhang mit sexueller Aktivität, sind länger wirksam, verbessern die Feuchtigkeit der Vaginalhaut und reduzieren den pH-Wert.
Die initiale Dosierung besteht in der lokalen Anwendung am Abend, vor dem Schlafengehen, an 7 bis 10 aufeinanderfolgenden Tagen. Anschliessend erfolgt meist eine Erhaltungstherapie durch zwei Applikationen pro Woche. Die am häufigsten verwendeten Befeuchtungsmittel basieren auf Hyaluronsäure. Bei bestimmungsgemässer Anwendung können die auf Hyaluronsäure basierenden Produkte die Symptome der vaginalen Trockenheit lindern.

Hormonelle Behandlungen

Internationale Leitlinien empfehlen zur Behandlung der VVA, einschliesslich Dyspareunie, die lokale Hormontherapie als zweiten Schritt für den Fall, dass vaginal applizierte Gleit- und Befeuchtungsmittel nicht die gewünschte Wirkung haben  (4).
Für die lokale Therapie stehen Estriol und Estradiol zur Verfügung, die Applikation erfolgt in Form von Gels, Cremes, Ovula, Tabletten, oder Ringen. Vaginal applizierte Estrogene zeigten sich in Studien mit 6- bis 12-monatiger Dauer wirksamer als Gleit- und Befeuchtungsmittel.
Die häufigste Empfehlung zur Dosierung ist die tägliche einmalige Applikation vaginal für die Dauer von 2 Wochen und anschliessend eine Erhaltungstherapie durch die Anwendung zweimal pro Woche (5).
Bei Anwendung in niedriger Dosierung innerhalb der Empfehlung für das verwendete Präparat ist es nicht erforderlich, zusätzlich ein Progesteronpräparat zur Endometriumprotektion einzusetzen. In grossen Observationsstudien zeigte sich kein erhöhtes Risiko für ein Endometriumkarzinom bei Frauen, die Estrogene vaginal verwendeten.
Bei erhöhtem Risiko für ein Endometriumkarzinom oder bei höher dosierter vaginaler Oestrogengabe werden Kontrollen mittels Transvaginalsonographie oder der intermittierende Einsatz von Progesteron empfohlen. Vaginale Blutungen oder Spotting bei postmenopausalen Frauen unter lokaler Hormontherapie müssen unbedingt abgeklärt werden mit Ultraschall und/oder einer Histologie. Ein bestehendes oder früheres Mammakarzinom bzw. entsprechender Verdacht gelten als Kontraindikation. 12-13% der Frauen zeigen trotz lokaler Hormontherapie weiterhin Beschwerden eines GSM.

DHEA

Die Wirksamkeit von DHEA (Dehydroepiandrosteron) als Lokaltherapie ist durch mehrere Studien belegt, unter anderem durch eine prospektive randomisierte Placebo-kontrollierte Phase III-Studie (9). DHEA führt nicht zu Veränderungen am Endometrium, weder sonographisch noch histologisch. DHEA führt nicht zur Erhöhung der Estrogenspiegel. Jedoch ist auch DHEA für Frauen mit Mammakarzinom kontraindiziert. DHEA ist in der Schweiz zur Lokalbehandlung seit September 2020 zugelassen.

Vaginale Lasertherapie

Die Lasertherapie ist ein neues Konzept bei Patientinnen mit VVA, sie hat eine wachsende Akzeptanz und Verbreitung. Der grundsätzliche Mechanismus des Lasereffekts basiert auf der Bildung supraphysiologischer Hitze mit nachfolgender lokaler Hitzeschockreaktion. Zur vaginalen Lasertherapie wurden verschiedene Systeme eingesetzt. Die meisten wissenschaftlichen Daten basieren auf der CO2-Lasertechnologie. Dieser Laser besteht aus infra­roten Strahlen, die Hitze erzeugen und das Wasser in den Zellen des behandelten Gewebes vaporisieren.
Die CO2-Lasertechnologie wird in der vaginalen Therapie eingesetzt, um eine Regeneration mit minimalem Aufwand zu erreichen. So werden die Elastizität und die Hydratation der Vaginalwand verbessert, was zu einer Linderung der Beschwerden führt.
Das fraktionierte Lasersystem kann in tieferen Schichten der Haut der Vagina wirken und sowohl die extrazelluläre Matrix reaktivieren als auch die Bildung von Kollagen, was zu Veränderungen des vaginalen Gewebes führt, mit nur minimalem Trauma der oberflächlichen Schicht.

Studienergebnisse zur vaginalen Lasertherapie

Salvatore et al. veröffentlichten eine Studie zur Behandlung der VVA bei postmenopausalen Frauen (6). Die Linderung der Symptome der vaginalen Trockenheit, des vaginalen Brennens und des vaginalen Juckens, der Dyspareunie und der Dysurie war statistisch signifikant (p< 0,001).
Weitere Studien zeigten ebenfalls positive Ergebnisse zur Praktikabilität und Wirksamkeit. Dies konnte durch eigene Resultate mit dem für diese Indikation zugelassenen CO2-Laser MonaLisa Touch (Fa. Lasermed AG, Roggwil) bestätigt werden (7).
Aktuell wurde die grösste Studie zur Wirksamkeit der CO2-Lasertherapie bei VVA veröffentlicht, eine Multicenterstudie mit den Daten von 645 Patientinnen. Bei allen Patientinnen fand sich nach der Laserapplikation im Vergleich zu der Situation vor der Therapie eine signifikante Verbesserung der Symptome Dyspareunie, Schmerzen im Introitus vaginae, vaginale Trockenheit, Jucken, Brennen und pH-Wert-Veränderung bei gleichzeitig guter Toleranz der Behandlung (8).
Randomisierte kontrollierte Studien mit Langzeitdaten zur Sicherheit und Wirksamkeit der Lasertherapie liegen noch nicht vor und dementsprechend machte die amerikanische FDA 2018 darauf aufmerksam, dass die Lasertherapie des GSM nicht freigegeben oder genehmigt sei (11). Dieser Hinweis war wichtig, um einer Ausweitung von Indikationen jenseits der Zulassung entgegenzuwirken. Jedoch ist er nicht sehr präzise – es gibt unterschiedliche Lasergeräte mit unterschiedlicher FDA-Zulassung. Heute wird die Warnung aufgrund von Sicherheitsdaten als fraglich begründet diskutiert (12).

Praktische Aspekte der Lasertherapie

Die Laserbehandlung wird gut toleriert. Nebenwirkungen sind selten. Die meisten Patienten erleben die vaginale Anwendung nicht als schmerzhaft. Es ist keine Vorbehandlung und keine Nachbehandlung erforderlich. Zumeist werden 3 Lasertherapien im Abstand von 4 Wochen durchgeführt, gefolgt von einer Auffrischung nach Ablauf eines Jahres in Form von einer Sitzung.
Die Lasertherapie der Vulva wird im Vergleich zu vaginaler Lasertherapie mit einem anderen Applikator durchgeführt. Um auch die Lasertherapie der Vulva schmerzfrei durchführen zu können hat sich die Vorbehandlung mit Emla® Creme 5% unmittelbar vor der Laserbehandlung bewährt. Die Lasertherapie ist aktuell noch keine Pflichtleistung der Krankenkassen, dies muss den Patientinnen unbedingt mitgeteilt werden.
Zum Schluss sei erwähnt, dass weitere nichtpharmakologische Therapieoptionen zur Verfügung stehen, wie insbesondere Sexual­therapie und Becken-Bodentherapie, welche gemäss amerikanischer Konsensusempfehlungen bei durch GSM verursachten sexuellen Beschwerden zum Einsatz kommen können (10).

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in «der informierte arzt» 11-2020 erschienen Originalartikels.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Harald Meden

Spezialarzt Gynäkologie und Geburtshilfe FMH
Praxis am Bahnhof Rüti
Dorfstrasse 43, 8630 Rüti

meden@praxisambahnhof.ch

Der Autor hat deklariert, dass in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte bestehen.

  • Ziel der Lokaltherapie bei Frauen mit vulvovaginaler Atrophie ist die Optimierung der Lebensqualität.
  • Therapie der ersten Wahl sind Gleit- und Befeuchtungsmittel.
  • Therapie der zweiten Wahl sind Hormonpräparate.
  • DHEA als Lokaltherapie ist eine neue lokale Behandlungsmöglichkeit.
  • Die Lasertherapie ist eine weitere Option, insbesondere für Frauen,
    bei denen eine Hormonersatztherapie kontraindiziert ist oder nicht gewünscht wird.

Messages à retenir

  • L’ objectif d’un traitement local pour la femme souffrant d’atrophie vulvo-vaginale est l’optimisation de la qualité de vie.
  • Le premier choix thérapeutique sont les lubrifiants et les préparations hydratantes.
  • Le deuxième choix thérapeutique sont les préparations hormonales.
  • Le DHEA, en application locale, représente une nouvelle possibilité de traitement. .
  • Le traitement au Laser (CO2 fractionné) est une option supplémentaire, notamment pour les femmes présentant des contre-indications ou ne souhaitant pas de thérapie hormonale (systémique).

1. Portman DJ et al.: Genitourinary syndrome of menopause: new terminology for
vulvovaginal atrophy from the International Society for the Study of Women’s Sexual
Health and the North American Menopause Society. J Sex Med. 2014
Dec;11(12):2865-72.
2. Kingsberg S, Wysocki S, Magnus L, Krychman M. J. Sex Med. 2013 Jul;10(7)
1790-9
3. Nappi RE, Kokot-Kierepa M. Women’s voices in the menopause: results from an
international survey on vaginal atrophy. Maturitas 2010;67:233–8.
4. The NAMS 2017 Hormone Therapy Position Statement Advisory Panel. The 2017
hormone therapy position statement of the North American Menopause Society.
Menopause 2017, 24, 728–753
5. Salwowska, NM et al.: Physiochemical properties and application of hyaluronic
acid: A systematic review. J. Cosmet. Dermatol. 2016, 15, 520–526
6. Salvatore S et al.: A 12-week treatment with fractional CO2 laser for vulvovaginal
atrophy: a pilot study. Climacteric 2014;17:363–9.
7. Meden H, Zeller C.: Vulvovaginale Atrophie (VVA): CO2-Lasertherapie als neues
Konzept. In: Rabe T (Hrsg.). Seminar in Gynäkologischer Endokrinologie – Band
6: Update, Trends & Fallberichte. Ein Praxisleitfaden, Baier Digitaldruck Heidelberg
2017, S. 300-304, ISBN 978-3-00-053173-6.
8. Filippini M et al.: Efficacy of fractional CO2 laser treatment in postmenopausal
women with genitourinary syndrome: a multicenter study. Menopause. 2020
Jan;27(1):43-49.
9. Labrie, F et al. Efficacy of intravaginal dehydroepiandrosterone (DHEA) on moderate
to severe dyspareunia and vaginal dryness, symptoms of vulvovaginal atrophy,
and of the genitourinary syndrome of menopause. Menopause 2018, 25,
1339–1353
10. Faubion St. S et al: Consensus Recommendations: Management of genitourinary
syndrome of menopause in women with or at high risk for breast cancer:
consensus recommendations from The North American Menopause Society and
The International Society for the Study of Women’s Sexual Health. Menopause:
June 2018;25:596-608
11. https://www.fda.gov/medical-devices/safety-communications/fda-warns-againstuse-
energy-based-devices-perform-vaginal-rejuvenation-or-vaginal-cosmetic.
12. Guo J. et al.: Vaginal laser treatment of genitourinary syndrome of menopause:
does the evidence support the FDA safety communication? Menopause 2020;27:
1177-1184