Wichtiges für die Praxis

Die Häufigkeit von Schwangerschaften mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen betreffen etwa 1-4% in der Schweiz und ist sowohl bei Frauen mit angeborenen Herzfehlern wie auch mit erworbenen Herzkrankheiten zunehmend (1). Die häufigsten kardialen peri- und postpartalen Manifestationen sind Arrhy-thmien und Herzinsuffizienz, seltener Myokardinfarkt oder Aortendissektion (2, 3).

La fréquence de grossesses compliquées de maladies cardio-vasculaires se situe en Suisse à env. 1-4 %. Elle est en augmentation aussi bien chez les femmes porteuses de vices cardiaques congénitaux comme chez celles souffrant de maladies cardiaques acquises (1). Les répercussions péri- et postpartales les plus fréquentes sont des arythmies et l’insuffisance cardiaque, plus rarement un infarctus du myocarde ou une dissection aortique (2, 3).

Die Diagnose kardialer Erkrankungen während der Schwangerschaft kann eine Herausforderung sein, weil die Überlappung von kardiovaskulären Symptomen mit denen einer normalen Schwangerschaft sowohl Diagnosestellung wie auch den Beginn einer zeitgerechten und adäquaten Therapie verzögern kann (4). Dieser Artikel beinhaltet die Darlegung der physiologischen Veränderungen des Kreislaufs während der Schwangerschaft, bespricht die Risikostratifizierung von Frauen mit und ohne vorbestehende Herzkrankheiten und zeigt einen praktischen Algorithmus zur Diagnosefindung während der Schwangerschaft.

Physiologische Veränderungen des Kreislaufs in der Schwangerschaft

Hämodynamische Veränderungen
Antepartum. Wegen des Anstiegs von Östrogen und Progesteron und der Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron Systems verursacht die Schwangerschaft einen kontinuierlichen Anstieg der Herzleistung und des Plasma-Volumens sowie eine Abnahme des mütterlichen systemischen Gefässwiderstandes (5). Der Blutdruck nimmt zunächst ab, steigt aber im dritten Trimester an (6).
Intra- und postpartum. Während und nach der Geburt kommt es zu dramatischen Veränderungen von Herzleistung, Herzfrequenz, Blutdruck und Plasmavolumen (7).
Obwohl Herzfrequenz und Blutdruck normalerweise innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt sinken, kann der Blutdruck aufgrund von Flüssigkeitsverschiebungen zwischen den Tagen 3-6 postpartum steigen. Während dieses Zeitraums treten hypertensive Komplikationen und solche die mit einer Volumenbelastung zusammenhängen gehäuft auf (8). Der erhöhte hydrostatische Druck und der verringerte kolloidale osmotische Druck erhöhen zudem das Risiko eines Lungenödems bei Frauen mit Herzinsuffizienz oder Präeklampsie. Die mütterliche Hämodynamik kehrt normalerweise 3-6 Monate nach der Entbindung in den Zustand vor der Schwangerschaft zurück.

Strukturelle Veränderungen
Die Herzkammern passen sich während der Schwangerschaft an die Zunahme des Plasma-Volumens an. Das enddiastolische Volumen des linken Ventrikels steigt um etwa 10% (9).
Daten über die Auswurffraktion während der Schwangerschaft sind widersprüchlich (9, 10). Bei ungefähr 20% der Schwangeren besteht eine diastolische Dysfunktion, was während der Schwangerschaft zu Belastungsdyspnoe führen kann (11). Auch die strukturellen Veränderungen des gesunden mütterlichen Herzens kehren innerhalb 12 Monaten zum Ausgangswert zurück.

Hämatologische und metabolische Veränderungen
Hämatologische und metabolische Veränderung sowie ein Ungleichgewicht des Gerinnungssystems sind wichtige Faktoren für das kardiovaskuläre Risiko während der Schwangerschaft. Der überproportionale Anstieg des Plasma-Volumens im Vergleich zu den Erythrozyten führt zu einer physiologischen Anämie durch Hämodilution. Dies kann eine asymptomatische Herzinsuffizienz oder Myokardischämie demaskieren; und deshalb sollten die Hämatokrit-Werte jedes Trimenon kontrolliert werden.
Das erhöhte Thromboembolie-Risiko während der Schwangerschaft basiert auf einer Hyperkoagulabilität, einer venösen Stase, einer Kompression der unteren Hohlvene und Beckenvenen durch die sich vergrössernde Plazenta und auf einer verringerten Mobilität (12). Die Schwangerschaft hat auch einen Einfluss auf die Gerinnungsfaktoren, was sich insbesondere bei bestimmten Erkrankungen wie das Antiphospholipid-Syndrom negativ auswirken kann. Rauchen erhöht das Thromboserisiko in der Schwangerschaft zusätzlich.

Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen in der Schwangerschaft

Die Risikostratifizierung für kardiale Komplikationen in der Schwangerschaft unterscheidet sich bei Frauen mit und ohne vorbestehende Herzkrankheiten:
Bei Frauen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankungen konnten vier Hauptrisikofaktoren evaluiert werden, welche die kardiovaskulär bedingte Sterblichkeit während der Schwangerschaft erhöhen:
1. Alter: Frauen über 40 Jahren haben eine 30-fach erhöhtes kardial bedingtes Sterblichkeitsrisiko im Vergleich zu Frauen unter 20 Jahren (13).
2. Rasse/Ethnizität: Schwarze Frauen haben ein 3-4-fach erhöhtes kardial bedingtes Sterblichkeitsrisiko im Vergleich zu weissen Frauen (14). Diese Daten wurden in den USA erhoben und sind teilweise durch strukturelle und soziale Probleme zu erklären.
3. Bluthochdruck: Hypertensive Erkrankungen betreffen bis zu 10% der Schwangerschaften und können zu mütterlicher Morbidität und Mortalität beitragen. Hypertensive Komplikationen während der Schwangerschaft tragen auch zu einem erhöhten kardiovaskulären Risiko nach der Schwangerschaft bei. So ist bei Frauen mit einer hypertensiven Komplikation während der Schwangerschaft die Inzidenz eines Myokardinfarktes 13-fach und die einer Herzinsuffizienz 8-fach höher im Langzeitverlauf als bei gesunden Frauen (15).
4. Adipositas: Die kardial bedingte Sterblichkeit erhöht sich bei adipösen Frauen, insbesondere in Assoziation mit einem obstruktiven Schlaf-Apnoe Syndrom.
Bei Vorhandensein einer oder mehrerer dieser Risikofaktoren sollte während der Schwangerschaft ein Risikoscreening durchgeführt werden. Die Risikofaktoren für eine mütterliche kardiale Erkrankung sind in Tabelle 1 aufgelistet.
Frauen mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten idealerweise vor der Schwangerschaft, spätestens aber so früh wie möglich während der Schwangerschaft kardiologisch beurteilt werden. Dabei muss eine genaue Diagnose gestellt und die Auswirkungen der Schwangerschaft auf die zugrunde liegende Herz-Kreislauf-Erkrankung benennt sowie die potenziellen Risiken für die Frau und den Fötus abgeschätzt werden. Hilfreich ist dabei die Tabelle der modifizierten WHO Schwangerschafts-Risiko-Klassifizierung (Tab. 2). Schwangere mit einem WHO-Risiko II-III und höher bedürfen auf Grund des erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisikos einer interdisziplinären Konsultation sowie Betreuung und Geburt an einem Zentrumsspital.

Kardiale Symptome und deren Abklärungen in der Schwangerschaft

Symptome von Herzkrankheiten
Symptome und klinische Befunde einer normalen Schwangerschaft können sich mit denen einer symptomatischen Herzerkrankung überschneiden. Um eine zugrunde liegende Herzerkrankung frühzeitig zu erkennen, müssen diese Zeichen von den Fachkräften erkennt werden. Ein frühzeitiges Erkennen und somit der frühzeitige Beginn einer adäquaten Therapie ist der wichtigste Schritt für eine verbesserte Prognose. Tabelle 3 listet die wichtigsten Symptome und Befunde auf und hilft zur weiteren Differenzierung (16).

Klinisches Assessment bei kardiovaskulären Symptomen in der Schwangerschaft

Alle Schwangeren mit vorbekannten Herzkrankheiten sowie Schwangere mit kardiovaskulären Symptomen (Kurzatmigkeit, Brustschmerzen oder Herzklopfen) brauchen ein kardiologisches Assessment. Abbildung 1 zeigt einen praktischen Algorithmus zur Abklärung von kardiovaskulären Symptomen in der Schwangerschaft (modifiziert von: California Department of Public Health, 2017).
Zusätzlich zu einer ausführlichen Anamnese (inklusive Familien- und Sozialanamnese) und einem kardiovaskulären Status stehen verschiedene diagnostische Hilfsmittel zur Verfügung:
NT-proBNP eignet sich in der Schwangerschaft sehr gut zur weiteren Diagnostik bei symptomatischen Patienten. Obwohl NT-proBNP in der Schwangerschaft ansteigt, übersteigt es bei herzgesunden Patienten die Normwerte nicht (17). Erhöhte NT-proBNP Werte bei Dyspnoe in der Schwangerschaft sind Hinweise für eine Herzinsuffizienz im Rahmen einer systolischen und/oder diastolischen Dysfunktion aber auch im Rahmen von hypertensiven Erkrankungen inklusive Präeklampsie (18, 19, 20). Deshalb sind bei Frauen mit vorbekannten Herzkrankheiten oder mit Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten Messungen von NT-proBNP im ersten Trimenon als Baseline-Untersuchung sinnvoll.
Die Wertigkeit von hs-Troponin in der Schwangerschaft im Rahmen eines akuten Koronarsyndroms ist vergleichbar zu nicht schwangeren Frauen (21). Deshalb sollte hs-Troponin bei akuten Thoraxschmerzen immer bestimmt werden. Zu beachten ist jedoch, dass hs-Troponin in gewissen Situationen wie Präeklampsie, akuter Lungenembolie und bei Niereninsuffizienz erhöht sein kann. Die Bestimmung von D-Dimeren bei akuter Dyspnoe zum Ausschluss einer Lungenembolie ist in der Schwangerschaft wegen der tiefen Spezifizität nicht empfohlen. Ein EKG sollte bei allen Schwangeren mit Palpitationen, Herzrasen, Schwindel, Dyspnoe und Thoraxschmerzen durchgeführt werden. Bei pathologischem EKG muss eine kardiologische Standortbestimmung erfolgen (siehe Abb. 1). Bildgebende Diagnostik sollte individuell in Absprache nach kardiologischer Standortbestimmung erfolgen.

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PD Dr. med. Daniel Tobler

Oberarzt Kardiologie
Leiter angeborene Herzfehler
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

daniel.tobler@usb.ch

Der Autor hat keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel.

  • Kardiovaskuläre Komplikationen in der Schwangerschaft sind zunehmend häufig
  • Ein frühzeitiges Erkennen einer kardiovaskulären Komplikation ist der wichtigste Schritt zur Verbesserung der Prognose
  • Mit einem einfachen Algorithmus können die meisten kardiovaskulären Erkrankungen auch in der Praxis frühzeitig diagnostiziert werden.

Messages à retenir

  • Les complications cardiovasculaires pendant la grossesse sont en constante augmentation.
  • L’identification précoce d’une complication cardiovasculaire est la pierre angulaire pour l’amélioration du pronostic.
  • Un algorithme simple permet de diagnostiquer la plupart des maladies cardiovasculaires tôt, aussi au cabinet.

1. Elkayam, U., et al., High-Risk Cardiac Disease in Pregnancy: Part I. J Am Coll Cardiol, 2016. 68(4): p. 396-410.
2. Curry, R., L. Swan, and P.J. Steer, Cardiac disease in pregnancy. Curr Opin Obstet Gynecol, 2009. 21(6): p. 508-13.
3. Fett, J.D., Peripartum cardiomyopathy: challenges in diagnosis and management. Expert Rev Cardiovasc Ther, 2016. 14(9): p. 1035-41.
4. Hameed, A.B., et al., Pregnancy-related cardiovascular deaths in California: beyond peripartum cardiomyopathy. Am J Obstet Gynecol, 2015. 213(3): p. 379 e1-10.
5. Sanghavi, M. and J.D. Rutherford, Cardiovascular physiology of pregnancy. Circulation, 2014. 130(12): p. 1003-8.
6. Shen, M., et al., Trajectory of blood pressure change during pregnancy and the role of pre-gravid blood pressure: a functional data analysis approach. Sci Rep, 2017. 7(1): p. 6227.
7. Kuhn, J.C., R.S. Falk, and E. Langesaeter, Haemodynamic changes during labour: continuous minimally invasive monitoring in 20 healthy parturients. Int J Obstet Anesth, 2017. 31: p. 74-83.
8. Sibai, B.M., Etiology and management of postpartum hypertension-preeclampsia. Am J Obstet Gynecol, 2012. 206(6): p. 470-5.
9. Savu, O., et al., Morphological and functional adaptation of the maternal heart during pregnancy. Circ Cardiovasc Imaging, 2012. 5(3): p. 289-97.
10. Melchiorre, K., et al., Maternal Cardiovascular Function in Normal Pregnancy: Evidence of Maladaptation to Chronic Volume Overload. Hypertension, 2016. 67(4): p. 754-62.
11. Goland, S., et al., Shortness of Breath During Pregnancy: Could a Cardiac Factor Be Involved? Clin Cardiol, 2015. 38(10): p. 598-603.
12. ACOG Practice Bulletin No. 196: Thromboembolism in Pregnancy: Correction. Obstet Gynecol, 2018. 132(4): p. 1068.
13. James, A.H., et al., Acute myocardial infarction in pregnancy: a United States population-based study. Circulation, 2006. 113(12): p. 1564-71.
14. Creanga, A.A., et al., Pregnancy-Related Mortality in the United States, 2011-2013. Obstet Gynecol, 2017. 130(2): p. 366-373.
15. Melchiorre, K., R. Sharma, and B. Thilaganathan, Cardiovascular implications in preeclampsia: an overview. Circulation, 2014. 130(8): p. 703-14.
16. Thorne, S., Pregnancy and native heart valve disease. Heart, 2016. 102(17): p. 1410-7.
17. Mayama, M., et al., Factors influencing brain natriuretic peptide levels in healthy pregnant women. Int J Cardiol, 2017. 228: p. 749-753.
18. McCullough, P.A., et al., B-type natriuretic peptide and clinical judgment in emergency diagnosis of heart failure: analysis from Breathing Not Properly (BNP) Multinational Study. Circulation, 2002. 106(4): p. 416-22.
19. Kampman, M.A., et al., N-terminal pro-B-type natriuretic peptide predicts cardiovascular complications in pregnant women with congenital heart disease. Eur Heart J, 2014. 35(11): p. 708-15.
20. Resnik, J.L., et al., Evaluation of B-type natriuretic peptide (BNP) levels in normal and preeclamptic women. Am J Obstet Gynecol, 2005. 193(2): p. 450-4.
21. Shade, G.H., Jr., et al., Troponin I in the diagnosis of acute myocardial infarction in pregnancy, labor, and post partum. Am J Obstet Gynecol, 2002. 187(6): p. 1719-20.

Pruritus in der Schwangerschaft

Pruritus ist das häufigste dermatologische Symptom in der Schwangerschaft und tritt in 14-20% aller Schwangerschaften auf (1). Der Pruritus kann für die Schwangere extrem belastend werden und die Lebensqualität relevant einschränken. In 1 von 5 physiologischen Schwangerschaften tritt ein Pruritus auf (physiologischer Pruritus), kann aber auch Ausdruck einiger Schwangerschaftsdermatosen sein.

Le prurit est le symptôme dermatologique le plus fréquent pendant la grossesse et survient dans 14 à 20 % des grossesses (1). Le prurit peut affecter la qualité de vie de la femme enceinte de manière significative. Dans une grossesse physiologique sur 5, un prurit est présent (prurit physiologique). Mais le prurit peut aussi être l’expression de plusieurs dermatoses spécifiques à la grossesse.

Hautprobleme sind in der Schwangerschaft sehr häufig und können in drei Kategorien unterteilt werden:

  • physiologisch
  • schwangerschaftsspezifische Dermatosen
  • häufige Hauterkrankungen (2) (Tab. 1).

Verschiedene Klassifikationen der schwangerschaftsspezifischen Dermatosen wurden vorgeschlagen (3): 1983 die Klassifikation nach Holmes and Black (4) und 1998 nach Schornick (5). Ambros-Rudolph et al. schlugen 2006 in einer retrospektiven Analyse von über 500 Schwangeren mit Dermatose eine revidierte Klassifikation vor (6). Die schwangerschaftsspezifischen Dermatosen wurden neu in vier Gruppen unterteilt: Atopic eruption of pregnancy (AEP), Polymorphic eruption of pregnancy (PEP), Pemphigoid gestationis (PG), Intrahepatic cholestasis of pregnancy (ICP) (6) (Tab. 2). Auch wenn die Hautläsionen sekundär nach dem Kratzen erscheinen, wurde weiterhin die ICP in der Klassifikation eingeschlossen. Neu wurden drei Entitäten – Eczema in pregnancy (EP), Prurigo of pregnancy (PP), Pruritic folliculitis of pregnancy (PF) – unter dem Namen AEP zusammengefasst, da sie sich klinisch und histopathologisch überlappen. Mögliche andere nicht schwangerschaftsspezifische Hauterkrankungen sind in der Tabelle 3 dargestellt (6). Beispiele von pruritischen Dermatosen in der Schwangerschaft sind in den Abbildungen 1-3 dargestellt.

Abklärungen

Damit Schwangerschaftsdermatosen mit potentiellen Auswirkungen auf die Mutter und den Fetus erkannt werden können, sind eine gezielte Anamnese und eine detaillierte klinische Untersuchung sehr wichtig (7) (Tab. 4 und 5). Die Abb. 4, adaptiert nach (2) und (6-8), fasst die diagnostischen und therapeutischen Schritte bei den pruritischen Dermatosen in der Schwangerschaft zusammen. Es werden Schwangerschaftsdermatosen mit oder ohne primäre Hautläsionen unterschieden. Das Gestationsalter beim ersten Auftreten spielt ebenfalls eine wichtige Diagnosehilfe, sowie der Aspekt und die Verteilung der Läsionen und des Pruritus. Der Pruritus in der Schwangerschaftscholestase (ICP) betrifft vor allem die Handfläche, Fusssohle und ist häufig ausgeprägter in der Nacht, was beim physiologischen Pruritus in der Schwangerschaft nicht den Fall ist. Nur das PG zeigt spezifische Veränderungen in der Hautbiopsie. Laborveränderungen werden in der ICP, eventuell in der AEP und dem PG beobachtet. Eine potentielle fetale Gefährdung ist bei ICP (9) und PG möglich, nicht aber bei PEP und AEP.
In unklaren Fällen ist eine interdisziplinäre Beurteilung mit den Geburtshelfern und Dermatologen angezeigt.

Therapie

Die Therapiemöglichkeiten sind ebenfalls in der Abbildung 4 zusammengefasst. Die Therapie basiert auf topischen Massnahmen wie Salben mit oder ohne juckreizhemmenden Zusatz (Menthol, Polidocanol, Urea), systemischen Antihistaminika, topischen Steroiden sowie in therapierefraktären Fällen systemischen Steroiden. Selten können Immunsuppressiva bei schweren Formen des PG nötig werden. Bei den schweren Formen von AEP kann auch eine UVB-Lichttherapie eingesetzt werden (7). Die symptomatische Therapie der ICP basiert zusätzlich zu den Salben mit juckreizhemmenden Zusätzen auf hochdosierter systemischer Ursodeoxycholsäure, welche die Gallensäure im Blut der Mutter bindet und den Juckreiz somit lindert (10). Ob diese Therapie die fetalen Komplikationen reduziert, wird kontrovers diskutiert. (11). Eine Einleitung vor dem Termin kann je nach Höhe der Gallensäure im mütterlichen Blut diskutiert werden (9-10).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Cécile Monod

Oberärztin, Geburtshilfe und Ultraschall
Universitätsspital Basel
Frauenklinik
Spitalstrasse 21
4031 Basel

cecile.monod@usb.ch

Dr. med. Maria Tropea

Assistenzärztin
Universitätsspital Basel
Frauenklinik
Spitalstrasse 21
4031 Basel

maria.tropea@usb.ch

Prof. Dr. med. Irène Hösli

Basel

Die Autorinnen deklarieren keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel.

  • Pruritus ist das häufigste dermatologische Symptom in der Schwangerschaft und kann zur Beeinträchtigung der Lebensqualität der Schwangeren führen.
  • Eine genaue Diagnosestellung ist wichtig, damit das fetale Risiko identifiziert und die optimale Therapie eingeleitet werden kann.
  • Eine gezielte Anamnese, eine detaillierte klinische Untersuchung sowie Laboruntersuchung, gegebenenfalls auch eine Hautbiopsie sind die wichtigen Schritte zur korrekten Diagnose.
  • Bei Unklarheiten ist eine interdisziplinäre Beurteilung durch den Geburtshelfer und Dermatologen unabdingbar.
  • Die Therapie basiert prinzipiell auf Salbe bzw. Creme ohne oder mit juckreizhemmende/n Zusätze/n, topischen und systemischen Steroiden sowie hochdosierter Ursodeoxycholsäure im besonderen Fall der ICP. In seltenen Fällen der AEP und PG können Lichttherapie und Immunsuppressiva zum Einsatz kommen.

Messages à retenir

  • Le prurit est le symptôme dermatologique le plus fréquent pendant la grossesse. Il peut affecter la qualité de vie de la femme enceinte.
  • Il est important de poser un diagnostic précis afin d’identifier les risques pour le fÅ“tus et d’initier la thérapie optimale.
  • L’anamnèse ciblée, l’examen clinique détaillé, ainsi que des analyses de laboratoire et une biopsie cutanée le cas échéant, sont les étapes importantes pour arriver au diagnostic correct.
  • En cas d’ incertitude, une évaluation interdisciplinaire entre l’ obstétricien et le dermatologue est indispensable.
  • Les bases de la thérapie sont les émollients sans ou avec adjonction d’anti-prurigineux, les stéroïdes topiques ou systémiques ainsi que l’acide ursodésoxycholique dans le cas particulier de la cholestase intrahépatique (ICP). Rarement, en cas de AEP (dermatite atopique de grossesse) et PG (pemphigoïde gravidique), on peut avoir recours
    à la photothérapie et aux immunosuppresseurs.

1. Bechtel MA, Pruritus in Pregnancy and its management, Dermatol Clin 2018; 36: 259-265
2. Vaughan Jones S, Ambros-Rudolph C, Nelson-Piercy C. Skin disease in pregnancy. BMJ 2014; 348:g3489
3. Danesh M, Keltz Pomeranz M, McMenimm E, Murase JE, Dermatoses of pregnancy: Nomenclature, misnomers, and myths, Clinics in Dermatology 2016; 34: 314-319
4. Holmes RC, Black MM. The specific dermatoses of pregnancy. J Am Acad Dermatol 1983; 8:405-12.
5. Shornick JK. Dermatoses of pregnancy. Semin Cutan Med Surg 1998; 17:172-81.
6. Ambros-Rudolph CM, Müllegger RR, Vaughan-Jones SA, Kerl H, Black MM. The specific dermatoses of pregnancy revisited and reclassified: results of a retrospective two-center study on 505 pregnant patients. J Am Acad Dermatol 2006; 54:395-404.
7. Maharajan A, Aye C, Ratnavel R, Burova E. Skin eruptions specific to pregnancy: an overview. The Obstetrician & Gynaecologist 2013; 15:233–40.
8. Nelson-Piercy C, Handbook of Obstetric Medicine, Fifth Edition, 2015CRC Press, Taylor and Francis Group
9. Ovadia C, Seed PT, Sklavounos A et al. Association of adverse perinatal outcomes of intrahepatic cholestasis of pregnancy with biochemical markers: results of aggregate and individual patient data meta-analyses. Lancet. 2019 Mar
10. Green-top Guideline 43, Obsteric Cholestasis, RCOG, April 2011 https://www.rcog.org.uk/globalassets/documents/guidelines/gtg_43.pdf
11. Chappell LC, Bell JL, Smith A, Linsell L et al. (PITCHES Study group) Ursodeoxycholic acid versus placebo in women with intrahepatic cholestasis of pregnancy (PITCHES) Lancet 2019; 394:849-60

Welchen Stellenwert hat das MRI?

Lage- und Funktionsveränderungen von Beckenorganen sind ein häufiges Problem und betreffen fast jede zweite Frau im Verlauf ihres Lebens. In der westlichen Welt wird sich jede fünfte Frau bis zum Alter von 80 Jahren einer Prolaps- oder Kontinenzoperation unterziehen (lifetime risk 19 %) (1). Bei bis zu 30 % der operierten Patientinnen ist wiederum eine Rezidiv-Deszensusoperation erforderlich.

Les altérations de position et de fonction des organes du petit bassin sont un problème fréquent et touchent presque une femme sur deux au courant de sa vie. Dans le monde occidental, une femme sur 5 aura subi jusqu’à ses 80 ans une intervention pour prolapsus ou incontinence (lifetime risk 19 %) (1). Et jusqu’à 30 % de ces femmes devront se faire réopérer pour récidive de prolapsus.

Eine statistische Auswertung der Daten der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Frauenkliniken (ASF), die die stationären gynäkologischen Operationen erfassen, zeigte, dass die Anzahl urogynäkologischer Operationen zwischen 1998 und 2013 um 57% zugenommen hat.
Doch welche anatomische Läsion Ursache für die Beckenbodenpathologie ist, bleibt im Einzelfall meist ungeklärt. Diese Wissenslücke könnte mitunter ein Grund für die relativ hohe Rezidivrate sein.
Dank Magnet-Resonanz-Tomographie (2) können wir anatomische Supportstrukturen wie die Subdivisionen des Levator ani Muskels, den urethralen Sphinkterkomplex und ligamentäre Strukturen visualisieren (3, 4). Dies sind wichtige Strukturen in der Pathogenese von urogynäkologischen Erkrankungen.

Technik der Magnetresonanztomographie des Beckenbodens

Die Magnetresonanztomographie ist ein diagnostisches Verfahren, das keine Röntgenstrahlung zur Bilderstellung verwendet, sondern mit Magnetfeldern und Radiowellen arbeitet. Nach derzeitigem Erkenntnisstand (seit 1984 in der Patientenanwendung) hat die MRT keinen schädigenden Einfluss auf den menschlichen Organismus. Im Gegensatz zur Tumordiagnostik kann die MRT Untersuchung für die urogynäkologischen Untersuchungen kontrastmittelfrei durchgeführt werden. Nachteilig gegenüber anderen Bildgebungen wie dem Ultraschall sind die höheren Kosten.
Die Untersuchungsparameter werden organ- und untersuchungsspezifisch (T1, T2, Protonendichte-Wichtung) gewählt. Die T2-gewichteten multiplanaren Schichten eignen sich besonders gut für die Darstellung der feinen anatomischen Schichten und Strukturen, was z.B. die Beurteilung der Schichtung der Vagina (Mukosa, Muskulatur und Adventitia), Urethra und ihrer Sphinkter, Uterus, aber auch zur Beurteilung der Faserverläufe des Levator ani erlaubt (3). Die T1 gewichteten Sequenzen sind ideal für die Detektion von Fett und Blut (Hämatokolpos/-metra bei Fehlbildungen). Mit dem technischen Fortschritt können dynamische Untersuchungen von 14 bis 16 Sekunden lang dauernden Pressmanövern abgebildet werden, was für die Patientin zeitlich zumutbar ist. Damit könnte in Zukunft die MRT für die Funktionsabklärung an Bedeutung gewinnen, insbesondere durch den Fortschritt der Technik und der sinkenden Preise der MRT-Untersuchung. Kontraindikationen für den Einsatz der MRT sind nicht-MRT-taugliche Herzschrittmacher und Implantate sowie eine schwere Klaustrophobie. Bei anamnestisch angegebenen Hirn- oder Herzoperationen ist wegen der Verwendung potentiell nicht-MRT-tauglicher Clips oder Prothesen Vorsicht geboten.

Was können wir mit MRT visualisieren?

Mit der MRT können anatomische Strukturen mit einer hohen Detailtreue abgebildet werden (5, 6). Durch die hohe Bildauflösung der Weichteile gelingt die Darstellung der Morphologie von Harnblase, Urethra (7), Rektum, Anus inklusive Analsphinkterkomplex, Vagina, Musculus levator ani und benachbarter Faszien- und Bandkomplexe (Abb. 1 und 2) (8, 9). Die meisten Beckenbodenstrukturen verlaufen nicht exakt in einer der multiplanaren Schichten, weshalb auf jedem Schnittbild nur ein Teil der Struktur abgebildet wird. Die Identifikation intakter Strukturen, z. B. bei jungen, nulliparen Frauen, ist wichtig, um weiteres Wissen über die Morphologie und Funktion des Beckenbodens zu gewinnen (Tab. 1). Denn basierend auf dem Wissen über die intakten Strukturen können Insuffizienzen in einem späteren, präsymptomatischen Stadium detektiert werden, was für das Verständnis der Pathomechanismen, die später im Leben zum symptomatischen Prolaps führen, von Bedeutung ist (10). Auch ein wichtiger Stellenwert der MRT liegt in der Abklärung von urogenitalen Malformationen. Nicht selten liegen hierbei komplexe Fehlbildungen vor, die verschiedene Organe wie Vagina, Uterus, Wirbelsäule und Nieren betreffen können. Aus Platzgründen kann diese Problematik in diesem Artikel nicht vertieft dargestellt werden.
Die MRT beantwortet auch wissenschaftliche Fragestellungen zur Pathomorphologie der Belastungsharninkontinenz (11), der Analinkontinenz und des Descensus urogenitalis (12), sowie zu qualitativen und quantitativen Fragestellungen schwangerschafts- und altersbedingter Veränderungen der Beckenbodenstrukturen.

Abbildung 3 zeigt postpartale Defekte. Intrapartal kann es zum Ausriss des Levator ani (genauer gesagt des M. pubovisceralis-Anteils symphyhysennahe am Os pubis) kommen. Ein solcher Levatorabbriss (im englischen Sprachgebrauch auch «Levator avulsion» genannt) ist in Abb. 3a dargestellt. Solche Muskeldefekte können im vorderen Kompartiment eine Zystozele und im mittleren Kompartiment einen Deszensus uteri oder Scheidenstumpfprolaps zur Folge haben. In der Abbildung 3b ist eine Muskelschädigung durch eine intrapartale Kompression dargestellt: Durch die kindliche Kopfkompression können neurologische Traumata und Ischämien resultieren, worauf der geschädigte Muskel durch fibrotisches Gewebe (helle Struktur) ersetzt wird. Eindrücklich ist in diesem Bildvergleich auch die interindividuelle Variation der Muskeldicke des Levator ani zwischen den beiden Primiparae.
Die MRT hat weitere Kenntnisse zur in-vivo Anatomie der Beckenbodenmuskulatur und endopelvinen Faszie ermöglicht: Bei Nulliparae liegen 2- bis 3-fache interindividuelle Volumenschwankungen der Beckenbodenmuskulatur vor, und in 10% fehlt der Nachweis der Insertion des M. levator ani am Os pubis und der muskulofaszialen Verschmelzung zwischen seitlicher Vaginalwand und Levatormuskulatur, was ein konstitutionelles Risiko für die Harninkontinenz-Entstehung bedeuten könnte (13).

Folgende Zeichen in der MRT sind Hinweise für pathomorphologische Veränderungen der Beckenbodenmuskulatur und der endopelvinen Faszie:
1. eine in T2-gewichteten Bildern erhöhte Signalintensität des M. levator ani, bedingt durch Verlust quer gestreifter Muskelfasern und vermehrter Fett- und Bindegewebseinlagerung (Abb. 3),
2. der Verlust der symphysenwärts konkaven Scheidenkonfiguration und das Fehlen der muskulofaszialen Verschmelzung zwischen seitlicher Vaginalwand und Levatormuskulatur weisen auf laterale Defekte der endopelvinen Faszie hin,
3. der Verlust der Faszienstruktur der vorderen Vaginalwand weist auf zentrale Defekte der endopelvinen Faszie (11).

MRT Indikationen im Alltag

Im klinischen Alltag begegnen uns Patientinnen mit unterschiedlichen Beckenbodenbeschwerden. Die wohl am schwierigsten fassbaren Beschwerden sind die prolongierten postpartalen Schmerzen, die chronischen Unterbauchschmerzen (chronic pelvic pain syndrome, CPP) oder Schmerzen nach Operationen, wo die klinische gynäkologische Untersuchung an ihre Grenzen stösst (14, 15). Hierzu hat sich die MRT als gutes Diagnostikum zur Abklärung von Infektionen, Abszessen, Ödemen oder Fisteln gezeigt. Netzkomplikationen resp. netzverursachte Erosionen in Blase oder Darm können mit MR sichtbar gemacht werden (Abb. 4). Diese Diagnostik ist auch wichtig für den interdisziplinären Einbezug von Kollegen in der Operationsplanung.
Eine neuere Studie zu Netz-assoziierten Beschwerden zeigte, dass die MRT-Untersuchung bei 42,1% der Frauen ein Versagen des Netzes oder der OP-Technik (Netzausriss vaginal oder am Promontorium, Netzlaxität oder Netzbruch), bei 12,6% eine Infektion (Abszedierung, Spondylodiszitis), bei 12,6% eine Netzerosion in benachbarte Organe, bei 11,5% eine Umgebungsentzündung, bei 2,3% eine Kompression von Organen und bei 2,3% eine Darmextrusion detektierte. Die Übereinstimmung zwischen dem MRT-Bericht und der chirurgischen Diagnose war bei Netzversagen, Infektion und Kompression nahezu perfekt, während die Übereinstimmung bei Netzerosion und Entzündungszeichen mässig war (15).
Der Stellenwert der MRT bei CPP lässt dagegen zu wünschen übrig. Auch eine oberflächliche peritoneale Endometriose, Adhäsionen, aber auch die Diagnose des idiopathischen Schmerzsyndroms können nicht zuverlässig gestellt werden (14). Hier zeigte sich in einer neueren Studie die Laparoskopie der MRT in der CPP-Diagnostik überlegen. Trotzdem können bei CPP in der MRT Periostitiden, Symphysitis oder neurologische Pathologien entdeckt werden, welche wiederum laparoskopisch nicht erfasst werden können. Somit sind MRT und Laparoskopie je nach Fragestellung komplementäre Untersuchungen.
Junge Frauen mit urogenitalen Fehlbildungen können verschiedene Fehlbildungen in Kombination aufweisen. Die MRT erfasst diese einseitig, was für die Aufklärung und die Operationsplanung von Bedeutung ist. Auf der Grundlage der Bildgebung können Fragen zur Reproduktion, Entartungsrisiken und zur nephrologischen Vorsorge beantwortet werden.

MR-Defäkographie

Bei einer Diskrepanz zwischen der geschilderten Darmfunktionsstörung (Obstipation, Nachschmieren, Stuhldrang oder manuell unterstützte Darmentleerung) und der klinischen Ausprägung einer Rektozele sollte die Defäkographie indiziert werden. Sie ermöglicht eine objektive Beurteilung der Lageveränderung des Rektums (anteriore Rektozele, Intussuszeption, siehe Abb. 5), eines Anal- bzw. Rektumprolapses bzw. die Kompression des Rektums durch eine durchhängende Sigmaschleife (Cul-de-sac-Phänomen). Die aufgezeichneten Sequenzen erlauben weiter eine Beurteilung der Motorik der Beckenbodenmuskulatur und können Hinweise auf eine dyssynerge Defäkation geben.
Bei der MR-Defäkographie wird der Patientin peranal ein Gel appliziert. Es werden dynamische sagittale Sequenzen aufgezeichnet: Ruhe, Kneif-, Press-, und Entleerungsphase, während denen die Bewegung der Beckenorgane und schliesslich der Defäkationsvorgang abgebildet werden. Die Deszensusqualität, im Speziellen beim Scheidenstumpfprolaps, lässt sich zuverlässig diagnostizieren: Darstellung von Enterozele (Defekt-Level I), Urethrozysto- und Rektozele (Defekt-Level II und III) (16). Ganz wichtig und nicht durch eine andere Bildgebung ersetzbar ist die Diagnostik der Intussuszeption (17), was therapeutische Konsequenzen hat, da sie durch eine klassische Kolpoperineoplastik nicht behoben werden kann.

Wie werden Beckenbodendefekte quantifiziert?

Die Beckenbodeninsuffizienz ist ein Phänomen, das der Schwerkraft unterliegt. Bis anhin fand die Klassifizierung semiquantitativ mittels der Baden-Walker oder POP-Q Klassifikation statt. MRT dagegen ermöglicht eine millimetergenaue und untersuchungsabhängige Lokalisierung im Raum: Mit vier Fixpunkten in zwei Ebenen lässt sich ein Koordinatensystem aufstellen, worin jedes Organ, Ligament oder Muskel mit einer oder – wenn es sich um einen Verlauf oder wie bei Muskeln um Ursprung und Ansatz handelt – mehreren Koordinaten versehen werden kann. Ein solches System ist das 3D Pelvic Inclination Correction System (3D PICS) (18). Das 3D PICS definiert sich über die knöchernen Fixpunkte der Symphyse, des Promontorium und den Spinae ischiadicae (Abb. 6). Organe oder Strukturen, die sich im Lauf des Lebens senken können, werden mit einer Koordinate im 3D Raum (x/y/z) versehen. Die Koordinate lässt sich unabhängig von der Lage der Patientin im Scanner und unabhängig vom Senkungs- und Füllungszustand der Organe rekonstruieren und erlaubt, Studienkollektive und operative Outcomes zu vergleichen. Im Gegensatz zu den MR-Referenzlinien, welche sich nur in einer Ebene, nämlich der midsagittalen Ebene anwenden lassen, kann mit dem 3D PICS System jede Struktur im Raum in jeder der drei MRT Ebenen quantifiziert werden. Dieses System findet zunehmend Verbreitung und die Autoren*innen werden bald ein user-freundliches Online System vorstellen können.

PD Dr. med. Cornelia Betschart
Dr. med. Ioannis Dedes
Dr. med. David Scheiner
PD Dr. med. Cäcilia Reiner
Klinik für Gynäkologie, Universitätsspital Zürich
Frauenklinikstrasse 10, 8091 Zürich

Wir bedanken uns beim Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung für die Projektunterstützung «Beckenbodenanatomie in der Bildgebung» (SNF Project PBBEP3_139382).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Cornelia Betschart Meier

Stellvertretende Klinikdirektorin
Klinik für Gynäkologie, USZ
Frauenklinikstrasse 10
8006 Zürich

cornelia.betschart@usz.ch

PD Dr. med. Cäcilia Reiner

Klinik für Gynäkologie
Universitätsspital Zürich
Frauenklinikstrasse 10
8091 Zürich

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

  • Klinische Indikationen für eine Becken-MRT sind Beschwerden nach Operationen, nach Netzeinlagen, komplexe Urethraldivertikel, v.a. vesikovaginale oder rektovaginale Fisteln, sowie urogenitale Fehlbildungen. Bei urogenitalen Fehlbildungen empfiehlt sich, die MRT bis zu den Nieren zu fahren.
  • MRT und Laparoskopie beim Chronic Pelvic Pain Syndrome sind je nach Fragestellung und Anamnese differenziert zu indizieren und komplementär zu betrachten.
  • Die dynamische MR-Defäkographie ermöglicht die Differenzierung zwischen anteriorer Rektozele und Intussuszeption. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Wahl des chirurgischen Verfahrens.
  • Spezielle MR-Protokolle dienen der Wissenschaft zur Erforschung der Krankheitsmechanismen von Prolaps und dessen Haltestrukturen sowie der Inkontinenz.

Messages à retenir

  • Les indications cliniques pour une résonance magnétique (IRM) du petit bassin sont les troubles après opération ou pose de mesh, des diverticules urétraux complexes, la suspicion de fistule vésico- ou rectovaginale et les malformations urogénitales. Dans ces derniers cas, il convient de monter avec l’imagerie jusqu’aux reins.
  • En cas de douleurs pelviennes chroniques (Chronic Pelvic Pain Syndrome), l’IRM et la laparoscopie ont leurs indications différenciées selon l’anamnèse et les questions précises à résoudre. Ce sont des examens complémentaires.
  • La défécographie dynamique par IRM permet de différencier la rectocèle antérieure de l’intussusception. Cette distinction est importante pour le choix de la procédure opératoire.
  • Des protocoles IRM scientifiques étudient les mécanismes du prolapsus, les structures de soutien du plancher pelvien et la génèse de l’incontinence.

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Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie

Bis zur Jahrtausendwende war die chronische myeloische Leukämie (CML) eine meist letal verlaufende Krankheit mit einer mittleren Überlebenszeit von etwa 7 Jahren. Durch die Einführung der Tyrosinkinase-Hemmer (TKI) steht heute eine orale Therapie zur Verfügung, welche für die Mehrzahl der Betroffenen eine normale Lebenserwartung ermöglicht. Bei einem Teil der Patienten kann die Therapie nach einigen Jahren sogar abgesetzt werden, ohne dass es zu einem Rezidiv kommt. Für einen guten Behandlungserfolg sind insbesondere ein gutes Monitoring des molekularen Ansprechens und Kenntnisse über das Nebenwirkungs-Profil der verschiedenen TKIs erforderlich.

Die CML war die erste Krankheit, bei der ein erworbener chromosomaler Defekt als Treiber für eine maligne transformierte Hämatopoiese entdeckt wurde. Durch eine Translokation zwischen den Chromosomen 22 und 9 entsteht das nach dem Ort seiner Entdeckung benannte Philadelphia-Chromosom. Daraus resultiert das pathologische Fusionsgen BCR-ABL, welches für ein Protein codiert, das die hämatopoietischen Zellen in eine ungebremste Teilungsaktivität bringt. Diese Erkenntnisse führten zur Entwicklung eines Medikamentes, welches direkt die Expression des BCR-ABL Gens inhibiert. Der Tyrosinkinase-Inhibitor Imatinib (Glivec®) wurde im Jahr 2000 verfügbar und revolutionierte die Behandlung der CML. So zeigten die Verlaufskontrollen nicht nur ein kontinuierliches Verschwinden des Philadelphia-Chromosoms, sondern auch des viel präziser messbaren BCR-ABL Gens, es kam zu molekularen Remissionen. Zudem war der orale TKI wesentlich besser verträglich als die zuvor verabreichten Interferon-Behandlungen. In der IRIS-Studie mit 553 Patienten auf dem Imatinib-Arm waren nach 10 Jahren 84% am Leben, lediglich 9% waren an den Folgen der CML verstorben.
In der Zwischenzeit sind nebst Imatinib drei weitere TKIs für die Erstlinientherapie zugelassen. Diese haben eine etwas stärkere Wirkung und führen schneller zu einer guten molekularen Remission. Alle TKIs unterscheiden sich aber wesentlich in ihrer Toxizität. Deshalb empfehlen alle aktuellen Guidelines, den TKI der Erstlinientherapie aufgrund der Komorbidität und auch des CML-Risiko-Scores auszuwählen.

Therapieindikation

Im Gegensatz zur chronischen lymphatischen Leukämie ist bei der CML immer die Indikation für eine Therapie gegeben, also auch bei fehlenden Allgemeinsymptomen, normaler Milzgrösse oder nur geringfügigen Blutbildveränderungen. Das Aufschieben der Therapie könnte einen Übergang in eine akzelerierte Phase oder Blastenkrise begünstigen und damit die Prognose deutlich verschlechtern.

Therapiewahl

In den meisten Fällen liegt bei Diagnose eine chronische Phase der CML vor. Dafür sind vier TKIs zugelassen. Die robustesten Daten zur Langzeit-Toxizität gibt es für Imatinib, weshalb die meisten Experten zumindest bei niedrigem CML-Risiko-Score die Therapie damit beginnen. Der CML Risiko-Score basiert auf dem Patientenalter, der Milzgrösse unter dem Rippenbogen sowie der Blasten- und Thrombozytenzahl im Blut. Unter https://www.leukemia-net.org/content/leukemias/cml/elts_score/index_eng.html findet sich ein online-calculator für den aktuell gebräuchlichen ELTS-Risiko-Score. Liegt eine CML mit hohem Risiko-Score vor, wird aufgrund der schnelleren und stärkeren Wirkung ein TKI der 2. Generation, also Dasatinib (Sprycel®), Nilotinib (Tasigna®) oder Bosutinib (Bosulif®) bevorzugt. Bei der Medikamentenwahl ist aber stets die Komorbidität des Patienten zu berücksichtigen. So sind aufgrund der spezifischen Toxizität gewisse TKIs bei gewissen Patienten kontraindiziert (Tab. 1).
Im Verlauf der CML können sich molekulare Mutationen einstellen. Dadurch verändert sich die sterische Konfiguration der BCR-ABL-Tasche, in der die TKIs angreifen. Dies kann die Wirkung beeinträchtigen oder verunmöglichen. Bisher sind über 200 Mutationen beschrieben worden. Bei der Mutation T315I ist ausschliesslich der TKI Ponatinib (Iclusig®) wirksam. Eine Mutationsanalyse soll vor allem bei Nicht-Erreichen der therapeutischen Meilensteine und bei verloren gegangener Wirkung, sowie bei akzelerierter Phase oder Blastenkrise bereits initial veranlasst werden.
In der Zeit vor den TKIs war die CML die häufigste Indikation für eine allogene Stammzell-Transplantation. Heute müssen CML-Patienten nur noch selten transplantiert werden, etwa bei Blastenkrise oder akzelerierter Phase, bei ABL1-Mutationen, die mit einer Resistenz auf TKI einhergehen oder bei Intoleranz aller TKIs.

Monitoring

Das molekulare Monitoring ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine optimale Therapiesteuerung und Prognose. Die aktuellen Guidelines definieren die therapeutischen Meilensteine, die zu erreichen sind. So muss das BCR-ABL nach 3 Monaten auf 10%, nach 6 Monaten auf 1% und nach 12 Monaten auf 0,1% (= MR3) abfallen. Ist dies nicht der Fall, liegt ein Warnsignal oder ein Therapieversagen vor. Dies impliziert eine erhöhte Wachsamkeit, bzw. eine Mutationsanalyse und einen Therapiewechsel.
Durch Erreichen einer stabilen MR3 ist die Gefahr einer Transformation in eine akzelerierte Phase oder Blastenkrise gebannt. Damit kann man sich aber noch nicht zufrieden geben. Das nächste Ziel ist eine tiefe Remission (MR4, MR4.5 oder MR5), denn nur so kann später ein Absetzen der Therapie in Betracht gezogen werden.

Therapiestopp

Bereits vor 10 Jahren wurden erste Resultate von Patienten publiziert, die den TKI aus eigenem Antrieb abgesetzt hatten. Es zeigte sich, dass etwa die Hälfte der Patienten nicht rezidivierte, sofern sie den TKI über mehrere Jahre eingenommen und eine tiefe molekulare Remission erreicht hatten. Mittlerweile sind Daten solcher Absetzstudien mit weit über 2000 Patienten publiziert und definierte Kriterien zum Therapiestopp haben in den Guidelines Aufnahme gefunden. Bei Einhaltung dieser Kriterien bleiben etwa 50% der Patienten ohne Therapie dauerhaft rezidivfrei.
Als Voraussetzungen für einen Therapiestopp gelten gemäss Oncopedia-Guidelines eine TKI-Einnahme von mindestens 5 Jahren und das Erreichen einer tiefen molekularen Remission (mindestens MR4 = BCR-ABL < 0,01%) während der letzten 2 Jahre.
In der therapiefreien Zeit ist ein engmaschiges molekulares Monitoring im ersten Jahr monatlich, danach alle 2-3 Monate zwingend nötig. Kommt es zu einem molekularen Rezidiv (Verlust einer MR3) muss die TKI-Therapie wieder aufgenommen werden. Allenfalls kann ein späterer Absetzversuch erfolgreich verlaufen.
Eine therapiefreie Remission spart nicht nur erheblich Kosten, sondern vor allem auch Toxizität, die durch eine lebenslange Therapie früher oder später zu erwarten ist. Es sollte deshalb kein CML-Patient lebenslang auf Autopilot unter einer TKI-Therapie stehen.

CML und Kinderwunsch

Angesichts der ausgezeichneten Prognose der CML unter einer TKI-Therapie, kann in der Sprechstunde die Familienplanung zum Thema werden. Neuere Daten zeigen, dass die Zeugung eines Kindes unter einer TKI-Behandlung nicht zu einer erhöhten Missbildungs- oder Abortrate führt, sodass werdende Väter die Therapie beibehalten können. Für Schwangerschaften ist die Datenlage weniger klar. Zwar wurden in neuerer Zeit zahlreiche Kasuistiken über problemlose Schwangerschaften, die unter TKI-Therapie begannen, berichtet. Im Tierversuch erwiesen sich die TKIs jedoch als teratogen, sodass diese vor der Schwangerschaft abgesetzt werden sollten. Da vor einer Schwangerschaft eine stabile tiefe molekulare Remission bestehen sollte, dürfte in den meisten Fällen eine Therapiepause während der Schwangerschaft vertretbar sein. Ist dies nicht der Fall, bietet sich ab dem 2. Trimenon eine Interferon-Behandlung an. Falls dies nicht geht und eine Therapie unabdingbar ist, kann allenfalls ein nicht Placenta-gängiger TKI (Imatinib, Nilotinib) in Betracht gezogen werden.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Urs Hess

Benslistrasse 6a
9034 Eggersriet

Urs.Hess1@bluewin.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die TKIs haben die Therapie der CML revolutioniert. CML Patienten in chronischer Phase können mit diesen Medikamenten in den allermeisten Fällen mit einer normalen Lebenserwartung rechnen.
  • Die Wahl des TKI für die Erstlinientherapie sollte aufgrund des CML Risiko-Scores und der Komorbidität erfolgen.
  • Für den Behandlungserfolg ist es wichtig, dass die molekularen Verlaufskontrollen gemäss Guidelines durchgeführt werden und dass bei Nicht-Erreichen der therapeutischen Meilensteine oder Verlust des Ansprechens eine Mutationsanalyse und eine Therapieanpassung erfolgt.
  • Unter der Therapie sollte eine tiefe molekulare Remission (mindestens MR4) angestrebt werden. Bei einer TKI-Einnahme von mindestens 5 Jahren und einer MR4 von mindestens 2 Jahren kann nach Therapiestopp etwa die Hälfte der Patienten rezidivfrei weiterleben.
  • Bei jüngeren CML-Patienten mit tiefem molekularem Ansprechen kann eine Familienplanung zum Thema werden.

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Einsatz von Opioiden aus der Sicht des Schmerztherapeuten

Die Opioidkrise in den USA gipfelte 2015 in einem starken Anstieg von Opioidabhängigen und damit verbundenen Todesfällen. Ein aggressives Marketing mit einer Opioid-verharmlosenden Strategie einiger Pharmafirmen führte dazu, dass schnell anflutende Opioide einer breiteren Patienten-klientel verschrieben wurden. In einem ersten Teil des Artikels (1) wurden der Stellenwert einer Opioidtherapie sowie das rationale und praktische Vorgehen bei einer analgetischen Therapie mit Opioiden in Bezug auf schweizerische Verhältnisse kritisch diskutiert. Im aktuellen Teil werden hierzulande zugelassene Opioide vorgestellt, Überlegungen zur Opioid-Sicherheit in der Schweiz präsentiert sowie die Eingangsfrage nach einer drohenden Opioidkrise in der Schweiz eingehend erörtert.

Im Hinblick auf einen angemessenen Einsatz von Opioiden unter Vermeidung von Überverordnung, aber auch Vermeidung von nicht sinnvoller Vorenthaltung von Opioiden, ist es sinnvoll, die Wirkstoffe zu kennen, die derzeit in der Schweiz zur Verfügung stehen (Kasten 1).

Droht nun der Schweiz, analog zu den USA, eine Opioidkrise?

Die Antwort vorweg: Wir wissen es nicht, haben es aber als Schmerztherapeuten in der Hand, dies zu verhindern.
Opioidverschreibungen und Opioidgebrauch nehmen auch in der Schweiz in den letzten Jahren massiv zu (2). Dies in Einklang mit anderen europäischen Ländern. Die Indikationen, für die Opioide nun vermehrt verschrieben werden, sind auch hierzulande die Nicht-tumorbedingten Schmerzzustände, obwohl eine diesbezügliche Risiko-/Nutzenabwägung nicht immer positiv ausfällt. Zwischen 2006 und 2013 verzeichnet sich in der Schweiz eine Zunahme der Verschreibung schwacher Opioide per 100 000 Personen um 13% und um 121% für starke Opioide. Unter den starken Opioiden wurde Fentanyl meistgebraucht mit einem Anstieg zwischen 2006 und 2013 um 91%, gefolgt von Buprenorphin und Oxycodon. Der höchste proportionale Anstieg in der Einnahme von Morphinäquivalenten pro 100.000 Personen wurde für Methadon (+ 1414%) und Oxycodon (+ 313%) verzeichnet. Dabei existieren starke geographische Unterschiede in verschiedenen Kantonen. Im Spitzenreiter Fribourg beispielsweise hat die Verschreibung starker Opioide in diesem Zeitraum um 270% zugenommen, im Kanton Jura um 260%, in Basel-Stadt um 219%, in Uri um 220% und in Schaffhausen um 201% (2). Übrigens zog auch die Verschreibung von Nicht-Opioidanalgetika in diesem Zeitraum rasant an: Schweizweit für Metamizol beispielsweise um 324%, NSAIDs (+ 124%). Besorgniserregend ist, dass bei den Opioiden vor allem kurzwirksame galenische Formen wie orale (+ 509%) oder sublinguale (+301%) Formulierungen häufiger verschrieben wurden.
Zum Vergleich: In den vergangenen 20 Jahren liess sich in den USA ein 14-facher Anstieg der Verschreibung starker Opioide verzeichnen. Dieser ging einher mit einem erhöhten Risiko unintentioneller Überdosierungen. In Europa war dies weniger zu beobachten und das Risiko, durch eine chronische Opioidverschreibung abhängig zu werden, wird hierzulande als gering eingestuft (3). Ausnahme bildet vor allem die Fentanyl-Überdosierung, die sich in (Ost-)Europa häufiger für Todesfälle verantwortlich zeigt. In den USA waren dies v.a. Kombinationen aus Oxycodon oder Hydrocodon und Alprazolam. Die Toten, die in den Statistiken zur Opioidkrise in den USA erfasst werden, haben in 75% der Fälle Opioide in Kombination mit Sedativa wie Alkohol, Benzodiazepinen oder Antihistaminika konsumiert. In Europa wird die Opioidkrise auch als Phänomen der ökonomischen Misere in den deindustrialisierten Gegenden der USA wahrgenommen (4).
Genau zu differenzieren ist in diesem Kontext, ob Abhängigkeit und Überdosierung durch illegalen Drogengebrauch oder im Kontext einer schmerztherapeutischen Behandlung entstanden und erfasst sind. In Europa wird bei Eintritt in eine Entzugsbehandlung Heroin von 80% der Patienten als Droge konsumiert. Dies gefolgt von Methadon (8%), Buprenorphin (5%), Fentanyl (0,3%) und anderen Opioiden (7%) (5). Heroin hat in der Schmerztherapie in Europa keinen wesentlichen Platz, so dass davon ausgegangen werden kann, dass der Grossteil von Abhängigkeitserkrankungen im Rahmen eines illegalen Abusus und nicht einer Schmerztherapie vorkommt.
Eindeutig festzustellen ist aber, dass vor allem schnell anflutende Opioide wie Oxycodon oder das Folgepräparat Oxycontin, welche neben rascher Schmerzlinderung auch stärker das zentrale Belohnungszentrum aktivieren, eher abhängig machen als retardierte Präparate – sogar Dr. House, der es besser wissen sollte, war davon betroffen. Oxycodon wurde 1919 erstmalig in der Schmerztherapie verwendet. In Europa war die Substanz schnell reguliert, nur auf Betäubungsmittelrezept erhältlich und zwischenzeitlich aufgrund erhöhter Suchtgefahr sogar vom Markt genommen. In den USA hingegen war Oxycodon ununterbrochen auf dem Markt, gefolgt vom Folgepräparat der Familie Sackler, Oxycontin. Dessen Abhängigkeitspotenzial wurde verharmlost und die Substanz intensiv beworben, immense Geldsummen flossen in aktive Bewerbung und Zuwendungen an verschreibende Ärzte. Von seiner Markteinführung 1996 bis zum Jahr 2000 hatte seine Verordnung schon um das 18-fache zugenommen. Und Drogenabhängige entdeckten, dass man die Substanz gemörsert auch intravenös verwenden konnte – was zu zahlreichen akzidentellen Intoxikationen und Todesfällen führte. Eine positive Drogen-anamnese zählt bei uns demnach auch zu den von den Leitlinien definierten Kontraindikationen für einen Einsatz von Opioiden. Nach dem Skandal um die Firma Purdue und Rekordstrafen, die sie wegen der unerlaubten Vermarktung von Oxycontin eingefahren hat, wird man in Europa kaum die gleichen Fehler machen (6). Schon aus regulatorischen Gründen wäre eine ähnliche Vermarktungspraxis hierzulande unmöglich.
Leider lesen wir momentan eine Flut an Kommentaren mehr oder weniger in der Schmerztherapie bewanderter Therapeuten, Opioide seien gefährlich, verantwortlich für eine Flut an vermeidbaren Todesfällen und man solle diese Substanzklasse komplett verbieten. Auffällig, dass diese Kommentare häufig von Therapeuten kommen, welche alternativmedizinisch arbeiten und so ihre Angebote promoten und/oder wenig mit der Behandlung chronischer und schwer betroffener Schmerzpatienten zu tun haben. Dazu ein simpler Vergleich: Antibiotika, Benzodiazepine oder Insulin sind wertvolle Medikamente, solange man sie indikationsgerecht, gezielt, wohldosiert und gemäss geltenden Therapierichtlinien einsetzt. Bei einem Zuviel oder bei unkritischer Verwendung sind diese Sub-stanzen gefährlich − dennoch würde niemand behaupten, diese Substanzen seien so riskant oder schädlich, dass man sie nicht mehr verwenden dürfe. Analog gilt für Opioide: Diese Substanzklasse ist wirksam und bei kundiger Anwendung (welche sowohl einen informierten Arzt als auch einen informierten Patienten bedingen) halten sich die Gefahren in Grenzen.

Ein häufiger Spezialfall: Die analgetische Behandlung des alten Patienten

Diese Situation stellt den Schmerztherapeuten vor grosse Herausforderungen. Demografisch bedingt suchen uns immer mehr alte Patienten im schmerztherapeutischen Setting auf. Nicht-Opioidanalgetika sind bei Alten häufig kontraindiziert oder deren Langzeitanwendung bei chronischem Schmerz nicht untersucht. Eine Übersicht über den Einsatz und die Gefahren von Nicht-Opioidanalgetika beim geriatrischen Patienten findet sich unter (7).
Opioide werden mit breiter Evidenz vor allem bei alten Krebspatienten eingesetzt. Allerdings scheinen sich die Erwartungen der Patienten an ihre Schmerztherapie zu wandeln: Heute sind ein aktiver Lifestyle mit der Möglichkeit der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wichtiger denn je zuvor. Viele Patienten machen in Europa bzgl. Ihres Schmerzes daher eher Zugeständnisse zugunsten einer erhaltenen Funktionalität. Transdermale Fentanyl- oder Buprenorphin-Systeme zur Schmerzcoupierung werden von diesen Patienten häufig bevorzugt.
In der Behandlung von Nicht-Karzinomschmerzen fehlen Langzeitstudien für Opioide bei geriatrischen Patienten. Sicherheit und Verträglichkeit sollten mit individueller Titration und regelmässiger Monitorisierung von Leber- und Nierenfunktion gewährleistet werden. Neuropathischer Schmerz benötigt meist höhere Opioiddosen als nozizeptiver Schmerz und besonders neuropathischer Schmerz scheint gut auf Buprenorphin anzusprechen. Als einziges Opioid ist die Elimination von Buprenorphin nicht durch eine verminderte Nierenfunktion eingeschränkt, so dass diese Substanz in der geriatrischen Patientenklientel zu bevorzugen ist. Bei anderen Opioiden sollten die Dosen ggf. verringert und auf mehrere Einzelgaben verteilt werden.
Opioide und Atemdepression: Besonders bei Patienten mit eingeschränkter pulmonaler Reserve oder bei solchen, welche mehrere zentral depressive Substanzen einnehmen, müssen Opioide sorgfältig und zurückhaltend eingesetzt werden. Auch hier bieten transdermale Systeme Vorteile (8).

Opiatsicherheit in der Schweiz

Dass sich in den USA die Opioidkrise entwickeln konnte, ist eine traurige, aber im Nachhinein nachvollziehbare Tatsache. Es stellt sich die Frage, was wir aus den gemachten Erfahrungen lernen und verhindern können, dass sich in der Schweiz gleiches wiederholt? Nehmen wir dazu drei Positionen ein: Diejenige des Arztes, des Patienten und des Gesetzgebers.

Was kann der Arzt tun, damit nicht zu viele Opioide verschrieben werden?
Der informierte Arzt stellt die Indikation für Opioide eng, d.h. nach geltenden Therapieempfehlungen und nach Ausschöpfung aller verfügbaren und sinnvollen Optionen, welche pharmakologische und nicht-pharmakologische Therapien umfassen. Er vereinbart mit dem Patienten klare und erreichbare Therapieziele sowie regelmässige Konsultationen zur Reevaluation. Retardpräparate, welche nach einem fixen Dosierungsschema eingenommen werden, sind schnell anflutenden Galeniken vorzuziehen. Diese sollten als Reservemedikation Schmerzspitzen vorbehalten sein. Über potenzielle unerwünschte Wirkungen und Risiken muss der Patient ausführlich aufgeklärt werden, dies inklusive des Suchtrisikos. Es wird Kontakt zu mitbehandelnden Ärzten gesucht und vereinbart, in wessen Hand die Pharmakotherapie liegt (Kasten 2).

Was kann der Patient tun, damit er nicht abhängig wird?
Wichtig ist, dass Behandlungsziele zu Beginn der Behandlung abgemacht werden, dies möglichst schriftlich. Ist die dann durchgeführte Behandlung nicht zielführend – die eingesetzten Opioide beispielsweise nicht ausreichend schmerzlindernd – soll ein neues Therapieregime angewendet werden.
Der Patient muss realistische Therapieerwartungen haben – bei langjährigen schweren Schmerzerkrankungen ist eine völlige Schmerzfreiheit ein unrealistisches Ziel. Schmerzreduktion, Funktionalitätsverbesserung oder manchmal auch nur eine bessere Schmerzverarbeitung sind oft die realistischen Ziele.
Zudem darf der Patient nicht an verschiedenen Orten Medikamente beziehen, sich nicht von mehreren Ärzten Medikamente verschreiben lassen. Der behandelnde Arzt ist darüber genau zu informieren, wer bisher in die Therapie einbezogen ist und welche Massnahmen getroffen wurden. Offene Kommunikation und eine intakte Patient-/Arztbeziehung sind mandatorisch.
Und der Patient darf, was selbstverständlich sein sollte, keine illegalen Substanzen zusätzlich konsumieren. Auch über einen Cannabis-Konsum sollte der Behandler informiert sein.

Was kann der Gesetzgeber tun, damit Opioide nicht übermässig verschrieben werden?
Die Opioidverschreibung in der Schweiz ist klar geregelt und findet eine optimale Balance zwischen der kontrollierten Verschreibung und problemloser Erhältlichkeit für medizinische Zwecke. Erleichternd wäre, wenn Informationen zur Verschreibung auf einer Patientenkarte gespeichert würden, aus denen ersichtlich ist, was der Patient im individuellen Fall schon von wem verschrieben bekommen hat – nicht nur in Bezug auf Opioide, sondern auch auf andere, möglicherweise interagierende Substanzen, von denen der Verschreiber wissen sollte. Eine erhöhte Transparenz könnte hier zu verbesserter Arzneimittel- und damit Patientensicherheit führen. Pharmazeuten und Versicherer arbeiten schon lange an entsprechenden Lösungen, welche v.a. aus datenschutzrechtlichen Gründen bisher nicht realisiert sind.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Antje Heck

Fachärztin für Klinische Pharmakologie und Toxikologie FMH
Fachärztin für Anästhesie FMH, Schmerzspezialistin SGSS
Leiterin Sprechstunde Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit
Oberärztin Psychiatrische Klinik Königsfelden
Postfach 432
5201 Brugg

antje.heck@pdag.ch

Prof. Dr. med. Eli Alon

Facharzt für Anästhesiologie FMH, Schmerzspezialist SGSS
Professor für Anästhesiologie und Schmerzmedizin an der
Universität Zürich
Praxis für Schmerztherapie
Arzthaus Zürich City
Lintheschergasse 3
8001 Zürich

eli.alon@arzthaus.ch

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Opioide nehmen einen unverzichtbaren Stellenwert in einer modernen, multimodalen Schmerztherapie ein.
  • Angst ist bei der Handhabung von Opioiden fehl am Platz – ein gesunder Respekt des Verschreibers allerdings angebracht.
  • Gezielte Diagnosestellung, das Beherrschen des pharmakologischen Armamentariums, Behandlungsempfehlungs-gerechte Behandlung und Definition verbindlicher Therapieziele sind ebenso Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie des chronischen Schmerzpatienten wie das Ausschöpfen nicht-pharmakologischer Behandlungsoptionen, wie z.B. Psychotherapie, Physiotherapie und physikalischer Methoden.
  • Ebenso helfen nicht-Opioidanalgetika und Koanalgetika wie Antiepileptika und Antidepressiva, den Opioidbedarf zu minimieren. Denn auch hier sollte gelten: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.
  • Der Funktionalität und der Lebensqualität des Patienten gilt dabei mindestens gleich grosse Aufmerksamkeit wie der Schmerzreduktion.
  • Regelmässige Kontrolluntersuchungen mit engmaschiger Begleitung des informierten Patienten sind Voraussetzungen, das Risiko eines unkontrollierten Opioidgebrauchs mit entsprechenden Folgen, wie sie sich in der Opioidkrise der USA gezeigt haben, zu verhindern.

1. Heck A, Alon E: Einsatz von Opioiden aus der Sicht des Schmerztherapeuten (Teil 1). Der informierte arzt 2020;10(4):10-12
2. Wertli M et al: Changes over time in prescription practices of pain medications in Switzerland between 2006 and 2013: an analysis of insurance claims. BMC Health Serv Res. 2017 Feb 27;17(1):167
3. Hess B et al: Relevance and Application if Opioids in the Treatment of Chronic Pain in Switzerland- a National Survey. PRAXIS 2015;104 (11):557-63
4. Daniel Ryser 16.10.2018. Wir haben keine Opioid- Krise. Wir haben eine Krise der Ignoranz. Republik.ch
5. INCP Annual Report 2018
6. Zeit online: Oxycontin. Die Pillendreher. Nr 49/ 2017
7. Heck A, Alon E: Nicht-Opioid-Analgetika in der Geriatrie. Der Informierte Arzt 2019;9(9):33-37
8. Pergolizzi J et al: Opioids and the management of chronic severe pain in the elderly: consensus statement of an International Expert Panel with focus on the six clinically most often used World Health Organization Step III opioids (buprenorphine, fentanyl, hydromorphone, methadone, morphine, oxycodone). Pain Pract. 2008 Jul-Aug;8(4):287-313.
9. Häuser W eta al: Clinical practice Guideline: Long- term opioid use in non- cancer pain. Dtsch Arztebl. Int 2014; 111: 732-40.
10. Häuser W et al: Untying chronic pain: prevalence and societal burden of chronic pain stages in the general population- a cross- sectional survey. BMC Public Health 2014;14: 352.
11. Kissin I: Long-term opioid treatment of chronic nonmalignant pain: unproven efficacy and neglected safety? Journal of Pain Research 2013:6 513–529.
12. Alon E: Opioide sind nicht 1. Wahl, aber häufig unverzichtbar. Beilage Medical Tribune 49/2018.
13. Kraus M et al: Consensus and Controversies Between Pain and Addiction Experts on the Prevention, Diagnosis, and Management of Prescription Opioid Use Disorder. J Addict Med. 2020 Jan/Feb;14(1):1-11.
14. The Opioid Crisis and the Future of Addiction and Pain Therapeutics. J Pharmacol Exp Ther 371: 396-408; Nov 2019.

COVID-19 und das Herzgefäss-System

COVID-19, die durch das SARS-CoV-2-Virus verursachte Krankheit, dominiert gegenwärtig unser berufliches Tun. Deshalb versuche ich anstelle eines Editorials eine Zusammenfassung der Beteiligung respektive der Auswirkung von COVID-19 auf das Herzkreislaufsystem zu geben.

Obwohl COVID-19 vor allem die oberen Luftwege und die Lunge befällt, kommt es bei einigen Patienten zur schweren kardialen Mitbeteiligung. Zudem werden kardiovaskuläre Faktoren für die Pathogenese und den Krankheitsverlauf mitverantwortlich gemacht. Das Angiotensin-Converting-Enzyme-2 (ACE-2) dient als Rezeptor und Eintrittspforte für das SARS-CoV-2-Virus in die Zelle. Ob ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptoren-Blocker (ARB) das ACE-2 modifizieren und dadurch die Infektion begünstigen, ist nicht sicher geklärt. Für den Verlauf der SARS-CoV-2-Infektion könnte die vermehrte Expression von ACE-2 aber eine günstige Wirkung haben. Das von ACE-2 produzierte Angiotensin-(1-7) wirkt dem schädlichen Effekt von Angiotensin-II entgegen und vermindert den Lungenschaden. Die Schädigung des Myokards durch COVID-19 kann direkt oder indirekt erfolgen. Da auch Myozyten ACE-2-Rezeptoren exprimieren, kann es zu einer direkten Infektion des Herzens im Sinne einer Myokarditis kommen. Im Verlauf der schweren COVID-19-Infektion mit ARDS kann eine von Zytokinen vermittelte myokardiale Schädigung auftreten, welche mit einem schlechten Verlauf einhergeht. Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen gelten als besonders gefährdet und zählen zur Risikogruppe für eine COVID-19-Infektion. Der Einfluss kardiovaskulärer Vorerkrankungen auf die Infektanfälligkeit oder auf den Verlauf der COVID-19-Krankheit ist aber weitgehend unklar.

Klinische Manifestation von COVID-19

COVID-19 wird durch das Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus-2 (SARS-CoV-2) verursacht. Es ist das siebte bekannte, für den Menschen pathogene Coronavirus. Vier Coronaviren (229E, OC43, NL63 und HKU1) verursachen einen «gewöhnlichen» Schnupfen. Drei Coronaviren können mit einer, wie es im Namen ausgedrückt ist, schweren Lungenentzündung einhergehen. Das SARS-CoV-Virus war für das Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) des Jahres 2002 und das MERS-CoV-Virus für das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) des Jahres 2012 verantwortlich. Das SARS-CoV-2 hat mit dem SARS-CoV- und dem MERS-CoV-Virus gemeinsam, dass es wahrscheinlich von Fledermäusen über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen wurde. Beim SARS-CoV-2-Virus ist möglicherweise das malaiische Schuppentier dieser Zwischenwirt (1, 2). Zwei Oberflächenproteine der menschlichen Zellen interagieren mit dem SARS-CoV-2-Virus vor dessen Eintritt in die Zelle. Das erste ist eine Proteinase, die transmembrane Proteinase Serin 2 (TMPRSS2), das zweite das Angiotensin-Converting-Enzyme-2 (ACE-2) (3). Die Proteinase (TMPRSS2) aktiviert am Spike-Protein des SARS-CoV-2-Virus die sogenannte rezeptorbindende Domäne. ACE-2 ist eine membrangebundene Aminopeptidase, deren Aufgabe die Spaltung von Angiotensin-II ist. Im Falle einer Infektion mit SARS-CoV-2 dient es aber als Rezeptor für das aktivierte Spike-Protein des Virus. Der ACE-Virus-Komplex gelangt mittels Endozytose in die Zelle. ACE-2 wird in hohem Masse in den alveolären epithelialen Zellen und den Endothelzellen der Lunge, dem Herz, aber auch im Epithel des Magendarmtrakts, dem Endothel und der Niere exprimiert. Das Spike-Protein des SARS-CoV-2-Virus sitzt übrigens wie eine Zacke auf der ovalen Oberfläche des Virus. Im Elektronenmikroskop ergibt dies ein Bild ähnlich einer Krone mit Zacken, daher der Name Coronavirus.
Es wird angenommen, dass die Übertragung vorwiegend über Tröpfchen des Atemsystems erfolgt, ähnlich wie bei der Influenza (4). Die Inkubationszeit variiert zwischen 2-14 Tagen. Angesteckte Individuen bleiben infektiös, d. h. können die Krankheit zwischen acht bis 37 Tage übertragen. Bei über 90% der Infizierten können aber 10 Tage nach Ausbruch der Symptome keine Viren mehr nachgewiesen werden. Wie allgemein bekannt, variiert die Klinik der Krankheit stark und die Schwere der Krankheit ist altersabhängig. Ein unbekannter, vielleicht beträchtlicher Teil der angesteckten Personen kann asymptomatisch bleiben. Interessanterweise finden sich aber auch bei asymptomatischen Patienten in 50% in einer CT-Untersuchung der Lunge die Zeichen der Infektion mit typischen retikulären Zeichen und Verschattungen. Die klinischen Symptome sind in der Tabelle 1 zusammengefasst. Die Krankheit beginnt meist mit Symptomen einer Infektion der oberen Luftwege und des Nasenrachenraums. Selten können Übelkeit und Durchfall die ersten Symptome sein (5). Eine Pneumonie mit Dyspnoe entwickelt sich meist über Tage. Damit einhergehend steigt das Fieber an, welches am Anfang der Infektion fehlen kann. Ausgeprägte Hustenattacken provoziert durch die Passage der Nahrung im Rachenraum kann die Nahrungsaufnahme bei einigen Patienten praktisch verunmöglichen. Hohes Fieber, Tachypnoe und Sättigungsabfall deutlich unter 90% sind die häufigsten Gründe für eine Hospitalisation. Von den wegen der Tachypnoe und Hypoxämie hospitalisierten Patienten müssen 75% intubiert und beatmet werden. Bei 30% der wegen des ARDS beatmeten Patienten kommt es im Verlauf zu einem Nierenversagen, welches eine Hämodialyse erfordert. Gegenwärtig laufen viele klinische Studien mit Medikamenten, die den Krankheitsverlauf in den verschiedenen Stadien günstig zu beeinflussen versuchen. Die wichtigsten sind in der Tabelle 2 aufgeführt. Die Beherrschung der Infektion ist aber schlussendlich nur durch einen potenten Impfstoff möglich.

Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) und COVID-19

Initiale Berichte über eine erhöhte Prävalenz von COVID-19 bei Patienten mit Hypertonie haben Spekulationen geschürt, dass die Therapie mit ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptoren-Blockern (ARB) die Infektiosität erhöht durch eine Hochregulation des ACE-2 (6). Von einigen Wissenschaftlern, und von der Presse deutlich verstärkt, wurde empfohlen ACE-Hemmer und ARBs durch andere antihypertensive Medikamente zu ersetzen, um die Pandemie zu verlangsamen (6). Die Wirkung des RAAS-Systems und seine Regulation ist jedoch komplex, indem gegen jeden Wirkmechanismus systemeigene gegenregulatorische Mechanismen vorhanden sind. Darum ist ein direkter Zusammenhang zwischen ACE-2-Expression und Infektanfälligkeit nicht so einfach herzustellen. Das ACE-2 ist ein Schlüsselenzym der protektiven Achse des RAAS. Seine Rolle in der COVID-Infektion kann vielleicht am besten als zweischneidiges Schwert bezeichnet werden (7).
Um dies verständlich zu machen, müssen wir uns den Wirkmechanismus des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems vor Augen halten. Das RAAS wird in der Infektion angeregt und es kommt zur üblichen Spaltung von Angiotensin-I zu Angiotensin-II durch das Angiotensin-Converting-Enzyme. Das Angiotensin-II bindet sich an den AT1-Rezeptor und führt so zu den bekannten Wirkungen, d.h. Vasokonstriktion, Erhöhung der vaskulären Permeabilität, Fibrose, Zellproliferation, Entzündung und damit zu akutem Lungenschaden und unvorteilhaftem myokardialem Remodeling. Diesen Effekten des Angiotensin-II stehen zwei gegenläufige Regelkreise gegenüber. Zum einen bindet sich das Angiotensin-II nicht nur an den AT1-Rezeptor, sondern auch an den AT2-Rezeptor, welcher gegenteilige Effekte auslöst, z.B. zu einer Vasodilatation und Antiproliferation führt. Der wichtigere gegenregulatorische Regelkreis läuft aber über das Angiotensin-Converting-Enzyme-2 (ACE-2). Die Aufgabe von ACE-2 ist es, Angiotensin-II in Angiotensin-(1-7) zu spalten, welches über den Mas-Rezeptor den Wirkungen des Renin-Angiotensin-Systems entgegenwirkt. Das Angiotensin-(1-7) via Mas-Rezeptor hat eine antihypertrophe, antifibrotische, vasodilatierende, antiinflammatorische und antioxidative Wirkung (7). Im Rahmen der SARS-CoV-2-Infektion vermindert es die alveoläre Zellapoptose, die endotheliale Zellaktivierung, die Ödembildung und begrenzt die Bildung von proinflammatorischen und profibrotischen Zytokinen (8). In der COVID-19-Krankheit wird das ACE-2-Regelsystem aber folgendermassen nachhaltig gestört. Das SARS-CoV-2-Virus tritt als Komplex mit dem ACE-2 in die Zelle ein. Durch die gemeinsame Endozytose wird das ACE-2 von der Zelloberfläche entfernt. Dadurch wird potentiell die Wirkung des Angiotensin-II verstärkt und dies kann den Lungenschaden bei der COVID-19-Krankheit verstärken. In der SARS-Krankheit wurde der protektive Effekt von Angiotensin-(1-7) und des ACE-2 als wichtig für einen günstigen Krankheitsverlauf erkannt (9). Es ist gut möglich, dass eine Hochregulation des ACE-2 auch in der COVID-19-Krankheit protektiv ist (7, 10). In Tiermodellen konnte jedenfalls gezeigt werden, dass die Virusinfektion zu einer Abnahme des ACE-2 in den Zellmembranen führte und dass eine erhöhte Angiotensin-II-Aktivität zum Gewebeschaden beitrug. Dieser Gewebeschaden konnte experimentell mit ARBs vermindert werden. Des Weiteren hat die Gabe von rekombinantem ACE-2 in präklinischen Studien zu einer Abnahme des Lungenschadens geführt (11). Dazu sind nun klinische Studien im Gang. Ebenso sind Studien am Laufen, um bei hospitalisierten und nicht hospitalisierten Patienten mittels Losartan den Krankheitsverlauf der COVID-19-Infektion zu verbessern (5) (siehe Tab. 2).

Insgesamt spricht die Evidenz also eher dafür, dass die Therapie mit ACE-Hemmern und ARBs eine günstige Wirkung auf den Verlauf der Krankheit hat und dementsprechend haben die Schweizerische Gesellschaft für Kardiologie und die Schweizerische Gesellschaft für Hypertonie sowie praktisch alle grossen Fachgesellschaften empfohlen, dass diese Medikamente nicht abgesetzt resp. kein Wechsel auf ein anderes antihypertensives Medikament vorgenommen werden soll.

Akuter Myokardschaden

Die COVID-19-Krankheit kann mit einem Myokardschaden einhergehen. Es lassen sich zwei unterschiedliche Muster abgrenzen. Zum einen geht mit der allgemeinen Erkrankung des respiratorischen Systems auch eine kardiale Mitbeteiligung einher. Bei etwa 7-17% der COVID-19-Patienten liegt bei Eintritt eine leichte Troponin-Erhöhung vor. Der Anstieg und die erreichte Höhe des Troponins korrelieren mit der Mortalität der Patienten (12, 5, 13). Obwohl bei einigen Patienten auch elektrokardiographische Veränderungen und in der Echokardiographie eine abnehmende Pumpfunktion festgestellt werden konnten, ist die Ursache der kardialen Mitbeteiligung pathophysiologisch nicht geklärt. Es kann zu einer direkten Infektion der Myozyten kommen, wahrscheinlicher aber sind zytokininduzierte Schädigungen des Myokards (12). Da bei vielen Patienten bei ARDS und Schockzustand eine Niereninsuffizienz auftritt und eine Dialyse nötig ist, kann die Niereninsuffizienz zum Anstieg des Troponins beitragen.
Das SARS-CoV-2-Virus kann auch direkt das Myokard schädigen. Etwa 5-10% der Patienten zeigen denn auch als initiale Symptome Palpitationen und Thoraxschmerzen (13, 12). Bei einigen Patienten kommt es zur fulminanten Myokarditis (14). Die fulminante Myokarditis muss entsprechend einer akuten schweren Herzinsuffizienz behandelt werden. Nach Abklingen der Infektion kann sich die Pumpfunktion wieder normalisieren (14). In einigen Fällen scheint sie allerdings zum Tod zu führen (12).

Kardiovaskuläre Vorerkrankungen und Risiko der COVID-19-Krankheit

In den Berichten aus China werden kardiovaskuläre Vorerkrankungen, insbesondere die Hypertonie, als Risikofaktoren aufgeführt. Allerdings betrug die Prävalenz der Hypertonie in der grössten Studie (15) bei COVID-19-Patienten 15%, was unter der Prävalenz der normalen Bevölkerung in der berichteten Altersgruppe in China liegt.
Dass die Prävalenz der kardiovaskulären Vorerkrankungen und der Hypertonie bei den COVID-19-Patienten nicht höher als in der allgemeinen Population ist spricht eher dafür, dass sie nicht wesentlich die Gefahr einer Ansteckung erhöhen. Es bleibt die Frage zu klären, ob kardiovaskuläre Erkrankungen und die Hypertonie den Krankheitsverlauf beeinflussen. Auch in diesem Bereich gibt es keine guten Daten. Wenn die Patientencharakteristika einer multivariaten Analyse unterzogen wurden, war höheres Alter, aber nicht die kardiovaskulären Risikofaktoren und insbesondere nicht die Hypertonie mit dem Entwickeln eines ARDS in der COVID-19 Krankheit assoziiert (16). Des Weiteren hatten Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen keine erhöhte Sterblichkeit gezeigt, ausser Patienten, welche durch die Krankheit einen zusätzlichen akuten Myokardschaden erlitten haben (17). Die durch die Entzündung direkte und durch die Zytokin induzierte indirekte myokardiale Schädigung kommt bei Patienten mit und ohne kardiovaskulären Vorerkrankungen gleich häufig vor und ist ein prognostisch schlechtes Zeichen.

Akutes Koronarsyndrom und COVID-19

Entzündliche Krankheiten begünstigen einen akuten Myokardinfarkt. Bis jetzt gibt es allerdings nur wenige Fallberichte von COVID-19-Patienten, die einen akuten Myokardinfarkt erlitten haben. Ausnahmsweise präsentieren sich COVID-19-Patienten aber mit den klassischen Symptomen eines akuten Koronarsyndroms (ACS) mit Palpitationen, thorakalem Druckgefühl und gelegentlich leicht erhöhtem Troponin. Sollten Zeichen eines respiratorischen Infekts vorliegen oder keine Hinweise auf eine koronare Ursache der Beschwerden gefunden werden, muss eine SARS-CoV-2-Infektion ausgeschlossen werden. Umgekehrt sollen COVID-19-Patienten mit leicht ansteigendem Troponin nicht zum Ausschluss einer koronaren Herzkrankheit invasiv untersucht werden.
Interessanterweise ist es in den ersten Wochen der Pandemie in allen Ländern zu einem deutlichen Abfall der Myokardinfarktrate gekommen. Es wird vermutet – und die Vermutung kann durch die eigene Erfahrung unterstützt werden – dass Patienten aus Angst vor der COVID-19-Krankheit nicht ins Spital gekommen sind, insbesondere wenn die Symptome des Myokardinfarktes etwas atypisch waren. Es ist im Rahmen der COVID-19-Krankheit aber nicht nur zu einem spürbaren Anstieg des sogenannten patient delay gekommen, es ist vielerorts auch ein system delay eingetreten. Da die Prozesse auf dem Notfall auf die Corona-Epidemie ausgerichtet sind, kann es zu verzögerter Diagnose und zur verzögerten Behandlung beim ST-Hebungsinfarkt kommen (18). Es gilt also wachsam zu sein, um neben der Corona-Epidemie akute Koronarsyndrome rechtzeitig zu erkennen.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in info@herz+gefäss 02-2020 erschienenen Originalartikels.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Franz R. Eberli

Stadtspital Zürich Triemli
Klinik für Kardiologie
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

franz.eberli@triemli.zuerich.ch

  • Die Rolle von ACE-2 bei der SARS-CoV-2-Infektion ist noch nicht geklärt. ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptoren-Blocker haben aber eher eine günstige Wirkung und sollen nicht abgesetzt werden.
  • Patienten mit typischen Symptomen eines akuten Koronarsyndroms sollen ermutigt werden, sich trotz der Angst vor COVID-19-Krankheit auf die Notfallstation zu begeben.
  • SARS-CoV-2 kann eine akute fulminante Myokarditis auslösen.
  • Hypertonie und kardiovaskuläre Vorerkrankungen erhöhen die Infektanfälligkeit nicht. Hingegen führen kardiovaskuläre Vorerkrankungen zu einem schweren Verlauf und sind zusammen mit hohem Alter mit einer schlechten Prognose verbunden.

1. Andersen K, Rambaut A, Lipkin W, Holmes E and Garry R. The proximal origin of SARS-CoV-2. Nat Med. 2020;doi: 10.1038/s41591-020-0820-9.

2. Zhang T, Wu Q and Zhang Z. Probable Pangolin Origin of SARS-CoV-2 Associated with the COVID-19 Outbreak. Curr Biol. 2020;doi: 10.1016/j.cub.2020.03.022.

3. Hoffmann M, Kleine-Weber H, Schroeder S, Kruger N, Herrler T, Erichsen S, Schiergens TS, Herrler G, Wu NH, Nitsche A, Muller MA, Drosten C and Pohlmann S. SARS-CoV-2 Cell Entry Depends on ACE2 and TMPRSS2 and Is Blocked by a Clinically Proven Protease Inhibitor. Cell. 2020.

4. McIntosh K, Hirsch M and Bloom A. Coronavirus Disease 19 (COVID-19). UpToDate. 2020.

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15. Guan WJ, Ni ZY, Hu Y, Liang WH, Ou CQ, He JX, Liu L, Shan H, Lei CL, Hui DSC, Du B, Li LJ, Zeng G, Yuen KY, Chen RC, Tang CL, Wang T, Chen PY, Xiang J, Li SY, Wang JL, Liang ZJ, Peng YX, Wei L, Liu Y, Hu YH, Peng P, Wang JM, Liu JY, Chen Z, Li G, Zheng ZJ, Qiu SQ, Luo J, Ye CJ, Zhu SY, Zhong NS and China Medical Treatment Expert Group for C. Clinical Characteristics of Coronavirus Disease 2019 in China. N Engl J Med. 2020.

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18. Tam CF, Cheung KS, Lam S, Wong A, Yung A, Sze M, Lam YM, Chan C, Tsang TC, Tsui M, Tse HF and Siu CW. Impact of Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Outbreak on ST-Segment-Elevation Myocardial Infarction Care in Hong Kong, China. Circ Cardiovasc Qual Outcomes. 2020:CIRCOUTCOMES120006631.