Aufgrund der raschen Entwicklung im molekular-genetischen VerstƤndnis primƤrer Hirntumoren wird 2021 eine Revision der WHO Klassifikation publiziert. Dort finden sich wesentliche Neuerungen zum diagnostischen Algorithmus und zur Nomenklatur primƤrer Hirntumoren. Diese werden unter anderem den Empfehlungen des interdisziplinƤren Konsortiums Ā«cIMPACT-NOWĀ» (Consortium to Inform Molecular and Practical Approaches to CNS Tumour Taxonomy ā Not Officially WHO) entnommen.
Die letzte und vierte Auflage der WHO-Klassifikation von Hirntumoren, die 2016 veröffentlicht wurde, führte zu einer wesentlichen Umstrukturierung des diagnostischen Ansatzes für Hirntumoren. Obwohl streng histologische Kriterien für bestimmte Tumoren informativ sind, wurden zunehmend Bedenken hinsichtlich des subjektiven Einflusses der Neuropathologen auf die histo-pathologische Beurteilung laut. Ein klassisches Beispiel war die geringe Interobserver-Konkordanz bei der Diagnose von diffusen Gliomen mit überlappenden astrozytären und oligodendroglialen Merkmalen. Nach dem Aufkommen der standardmässigen Suche nach IDH 1/2 Mutationen und einer Ko-Deletion von 1p19q im Falle einer IDH Mutation, fielen jedoch die meisten diffusen Gliome in die Kategorien Astrozytom oder Oligodendrogliom, wodurch die mehrdeutige Bezeichnung Oligoastrozytom weitgehend obsolet wurde. Im letzten Jahrzehnt hat die umfassende molekulare Hochdurchsatz-Profilierung in Verbindung mit Fortschritten beim maschinellen Lernen die Diagnose von Hirntumoren weiter verändert, indem sie eine genauere Orientierung der Ursprungszellen eines Tumors erlauben und Hinweise auf das Therapieansprechen liefern. Zum ersten Mal wurden molekulare Parameter mit histologischen Merkmalen in einem komplementären, integrativen Format zusammengeführt, wodurch die WHO-Klassifikation einer zunehmenden Anzahl von primären Hirntumoren verfeinert wurde (1).
Angesichts des rasanten Fortschritts im molekular-genetischen Verständnis, ist es nicht verwunderlich, dass die WHO Klassifikation 2016 zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits veraltet war. Die fortlaufende Entdeckung von Biomarkern und neuer medikamentöser Targets verstärkte die Notwendigkeit, den Revisionsprozess zu beschleunigen. Deshalb wurde cIMPACT-NOW gegründet, um eine zeitnahe Aktualisierungen zu vermitteln und Empfehlungen für zukünftige WHO-Publikationen zu geben (2).
Bis heute hat das Konsortium 7 Positionspapiere verƶffentlicht.
Das erste Update widmet sich der Klärung der Verwendung der Begriffe NOS (Not Otherwise Specified) und NEC (Not Elsewhere Classified). Die NOS-Bezeichnung sollte angewendet werden, wenn für die Diagnose dafür notwendige diagnostische (z. B. molekulare) Informationen für eine spezifischere Klassifizierung fehlen. Der NEC-Qualifikator kann angewendet werden, wenn eine Nichtübereinstimmung zwischen histologischen Merkmalen und molekularen Ergebnissen besteht. Alternativ kann NEC verwendet werden, wenn diagnostische Tests nicht-kanonische Ergebnisse zeigen, die eine Zuordnung zu einer bekannten WHO-Entität ausschliessen und daher auf einen neuen/entstehenden Tumortyp hindeuten (3) (Abb. 2).
Nach mehreren Fallberichten über H3K27-Mutationen bei so unterschiedlichen Tumoren wie Ependymomen der hinteren SchƤdelgrube (4), pilozytischen Astrozytomen und glioneuronalen Tumoren (5), entschied cIMPACT-NOW, dass hier eine KlƤrung angebracht ist. Daher wurde in einem zweiten Update empfohlen, den Begriff Ā«diffuses Mittelliniengliom, H3K27mĀ» und die dazugehƶrige WHO-Grad 4-Bezeichnung auf diffuse Mittelliniengliome zu beschrƤnken und nicht auf andere Tumoren anzuwenden, die lediglich diese Mutation aufweisen. Die prognostische Bedeutung einer H3K27-Mutation in einer nicht-kanonischen Lokalisation oder TumorentitƤt ist noch unklar. In der gleichen Aktualisierung wurde die Diagnose des diffusen Astrozytoms, IDH-mutiert, durch die Einführung von Diagnosekriterien vereinfacht, welche eine molekulare LOH (loss of heterzygosity)-1p19q-Bestimmung nicht zwingend notwendig machen. Basierend auf immunhistochemischen Ergebnissen allein, kƶnnen IDH-mutierte Gliome mit Nachweis eines Verlustes der nukleƤren ATRX-Expression und gleichzeitiger p53-Ćberexpression sicher den Astrozytomen zugeordnet und von Oligodendrogliomen abgegrenzt werden (6).
Nach dem dritten Update cIMPACT-NOWā3 kƶnnen IDH-wild type Astrozytome der WHO-Grade 2 und 3 de facto als Glioblastome angesehen werden, wenn sie die folgenden molekularen Kriterien erfüllen: EGFR-Amplifikation und/oder Gewinn des gesamten Chromosoms 7 und Verlust des gesamten Chromosoms 10 (+7/-10) und/oder TERT (Telomerase reverse Transkriptase)-Promotor-Mutation.
Mit anderen Worten, zuverlässige molekulare Marker ermöglichen es, am Beispiel einer Biopsie die Diagnose eines Glioblastoms zu stellen, ohne dass die sonst notwendigen histologischen Kriterien, wie Nekrosen oder mikrovaskuläre Proliferation, vorhanden sein müssen (7).
Das vierte Update konzentriert sich auf Durchbrüche bei der Klassifizierung von IDH-, H3-Wildtyp, meist hemisphƤrische, pƤdiatrische diffuse Gliome. Es wurden sechs neue Gliom-Subtypen eingeführt, darunter diffuses Gliom, MYB-verƤndert, diffuses Gliom, MYBL1-verƤndert, diffuses Gliom, FGFR1 TKD-dupliziert, diffuses Gliom, FGFR1-mutiert, und diffuses Gliom, BRAFV600E-mutiert (ohne CDKN2A/2B-Deletion) sowie diffuses Gliom mit anderen MAPK-Signalweg-VerƤnderungen. Das Fazit dieses Updates war, dass diffuse Gliome im Kindesalter trotz histologischer Ćhnlichkeiten zu Gliomen Erwachsener eindeutige molekulare VerƤnderungen aufweisen. Molekulare Tests sind für eine genaue Klassifizierung und die Identifizierung potenzieller therapeutischer Ziele unerlƤsslich (8).
In der fünften cIMPACT-NOW Publikation werden IDH-mutierte Astrozytome in einer eigenen Kategorie in WHO Grad 2-4 unterteilt. Sie haben generell einen weniger aggressiven klinischen Verlauf im Vergleich zu ihren Wildtyp-Pendants, mit Ausnahme der IDH-mutierten Astrozytome mit einer homogzygoten CDKN2A/B Deletion WHO Grad 4.
Anstelle von römischen Ziffern wurden arabische Ziffern für die Grade 2-4 vergeben, wobei Tumore des Grades 3 eine «signifikante» mitotische Aktivität aufweisen. Aufgrund der prognostischen Auswirkungen wird empfohlen, Astrozytome WHO Grad 2 und 3 auf homozygote CDKN2A/B-Deletionen zu testen. Tumoren mit homozygoten CDKN2A/B-Deletionen oder mikrovaskulärer Proliferation und/oder Nekrose sollen fortan als IDH-mutierte Astrozytome WHO Grad 4 und nicht mehr als Glioblastome bezeichnet werden (9).
Im sechsten Update werden allgemeine Prinzipien für die künftige Einteilung und Klassifizierung der hirneigenen Tumoren skizziert. So wird z. B. die Ersetzung von Ā«EntitƤtĀ» und Ā«VarianteĀ» durch Ā«TypĀ» und Ā«SubtypĀ» empfohlen. Vier weitere wichtige Empfehlungen werden in der WHO Klassifikation erscheinen: die erste Kategorie umfasst neu anerkannte Typen, Subtypen, DiagnoseĀkriterien oder Tumorfamilien. Ein Beispiel ist das neu anerkannte diffuse Gliom, H3.3 G34-mutant mit einem insgesamt lƤngeren Ćberleben im Vergleich zum klassischen IDH-Wildtyp-Glioblastom. Ein weiteres Beispiel ist das Astroblastom, MN1-alteriert (10). Zu den NomenklaturƤnderungen (Kategorie 2), gehƶrt der Wegfall der Lokalisation für das chordoide Gliom (ehemals Ā«of the third ventricleĀ»). Darüber hinaus sollen Ependymome kombinierte histologisch-molekulare Bezeichnungen tragen, die auf den einzigartigen epigenetischen und genetischen Signaturen an verschiedenen anatomischen Stellen beruhen. Die Kategorie der supratentoriellen Ependymome umfasst die klinisch aggressiven RELA-Fusion (C11orf95)-positiven und YAP1-Fusion-positiven Tumoren, die mit einer günstigeren Prognose assoziiert sind. Ependymome, die in der hinteren SchƤdelgrube entstehen, werden in den pƤdiatrischen Typ/PFA und den Erwachsenentyp/PFB unterteilt, wobei letzterer mit einer besseren Prognose assoziiert ist (10).
Einige bestehende Typen wie das extraventrikulƤre Neurozytom und das pilozytische Astrozytom (Kategorie 3) werden keine Ćnderungen erfahren. Die vierte Kategorie umfasst EntitƤten mit unzureichender Literatur, um eine Empfehlung auszusprechen. Beispiele sind pilozytƤre Astrozytome mit anaplastischen Merkmalen, die durch ihr Methylierungsprofil definiert sind, und verschiedene infantile hemisphƤrische Gliome, die durch eine spezifische molekulare Signatur charakterisiert sind, z. B. Tyrosinrezeptor-Kinase-Fusionen wie NTRK, MET, ALK oder ROS1 (8).
cIMPACT-NOW 7 konzentriert sich erneut auf Fortschritte in der Klassifikation von Ependymomen, wobei die meisten Ćnderungen bereits im sechsten Update angedeutet wurden. Angesichts der hƤufigen Rezidive wurde das myxopapillƤre Ependymom auf WHO-Grad 2 hochgestuft. Darüber hinaus wurde eine neue, klinisch aggressive, molekulare Untergruppe des spinalen Ependymoms, das MYCN-amplifizierte Ependymom, anerkannt (10,ā11).
Jüngste Publikationen, die seit dem letzten cIMPACT-NOW Update erschienen sind, unterstreichen die unterschiedliche molekulare Landschaft von Hirntumoren bei Kindern. Bis heute wurden vier molekulare Subtypen des diffusen Mittellinienglioms mit H3.1/3.2 K27-, H3.3 K27-Mutationen, EZHIP-Ćberexpression und EGFR-Mutationen berichtet (13). Die meisten EGFR-mutierten Tumoren sind bithalamisch, wƤhrend H3.1 K27-Mutationen die Pons bevorzugen (14). Der polymorphe niedriggradige neuroepitheliale Tumor (PLNTY) der Jugend ist ein neu anerkannter, Epilepsie-assoziierter Tumortyp mit MAPK-VerƤnderungen, der bei Kindern und jungen Erwachsenen gefunden wurde (15). Zwei weitere EntitƤten, der diffuse glioneuronale Tumor mit oligodendroglialen Merkmalen und nukleƤren Clustern (DGONC) und der myxoide glioneuronale Tumor, haben sich der wachsenden Liste glioneuronaler und neuronaler Tumoren angeschlossen (16).
Zusätzlich zu den pädiatrischen Tumoren unterstreicht die Entdeckung aktionsfähiger Zielmoleküle in etwa einem Drittel der Gliome die Bedeutung eines optimalen Gewebemanagements, um der Herausforderungen der personalisierten Medizin zu begegnen. Vor dem Hintergrund begrenzter Gewebeverfügbarkeit besteht der Bedarf an einem optimalen Diagnosealgorithmus (Abb. 1), einschliesslich der Wahl der Analysemethoden sowie der Gewebeanalyse im Rahmen von Studien.
Patientenalter, histologische Diagnose und Tumorlokalisation sind wichtige Faktoren für die Auswahl geeigneter Nukleinsäuretests wie FISH, PCR, DNA- und RNA-Sequenzierung.
Next Generation Sequencing, (NGS) setzt sich als kosteneffiziente Methode zur gleichzeitigen Untersuchung mehrerer Gene durch.
Bei histologisch unklaren Tumoren ist das DNA-Methylom-Profiling ein weiteres Analyseverfahren, das den diagnostischen Prozess ergƤnzen kann. So lassen sich z. B. infantile hemisphƤrische Gliome, die histologisch vielfƤltig sind und eine Vielzahl von Genfusionen beherbergen, tendenziell einer eigenen Methylierungsklasse zuordnen (18). Noch sind nicht alle regulatorischen und methodologischen Fragen geklƤrt. Im Falle von NTRK-Fusionen z.B. hat sich das Methylierungsprofiling als nicht informativ erwiesen (19).
Zusammenfassend:
Nach den neuen Empfehlungen der cIMPACT-NOW kann bei einem Gliom der histologischen WHO-Grade 2 oder 3, das keine IDH-Mutation aufweist, ein Glioblastom diagnostiziert werden, wenn entweder eine EGFR-Amplifikation oder ein chromosomaler Gewinn auf Chromosom 7 bei komplettem Verlust von einem Chromosom 10 oder aber eine TERT (Telomerase reverse Transkriptase)-Promotor-Mutation vorliegt.
AstrozytƤre Tumoren mit IDH-Mutation werden als Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 2, 3 oder 4 klassifiziert. Der Verlust von CDKN2A wird als schlechter prognostischer Marker erkannt, der die Zuordnung zu einem WHO Grad 4 erlaubt.
Frühere IDH-mutierte Glioblastome gelten jetzt als Astrozytome, IDH-mutiert, WHO-Grad 4. Zu den IDH-mutierten Astrozytomen mit einer schlechteren Prognose gehƶren infratentorielle IDHmut Astrozytme, welche zudem non-IDH1-R132H Varianten aufweisen (21) und primƤr Mismatch-Repair defiziente IDHmut Astrozytome mit einem medianen Ćberleben von lediglich 15 Monaten (22).
Neue Kategorien sind auch die Histon-mutierten Gliome, hier speziell das Histon-3 K27M-mutierte diffuse Mittellinien-Gliom mit schlechter Prognose, und das Histon-3.3 G34-mutierte diffuse hemisphƤrische Gliom. Beide Gliome wurden früher uĢberwiegend als Glioblastome diagnostiziert.
Ein Ƥhnlicher Artikel zu diesem Thema wurde auf Anfrage an Prof. E. J. Rushing in der englischsprachigen Zeitschrift MEMO (Magazine of European Medical Oncology) eingereicht.
Die Autorinnen haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.
ā Die aktuelle Revision der WHO-Klassifikation von Tumoren des Zentralnervensystems 2021 führt entscheidende VerƤnderungen in der Diagnostik und Nomenklatur ein, mit Folgen auf die Art, wie wir Patienten mit Gliomen behandeln.
ā Heute kann die Diagnose eines Glioblastoms nicht nur auf der Grundlage morphologischer Kriterien gestellt werden, sondern zweifelsfreier auf der Basis mehrerer molekularer Marker, was im Falle von kleinen Gewebeproben besonders hilfreich ist.
ā Für viele der neu definierten KrankheitsentitƤten in der neuesten WHO-Klassifikation sind noch keine Daten über spezifische Behandlungsergebnisse verfügbar; die Extrapolation aus Daten früherer klinischer Studien bleibt eine Herausforderung.
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Seit der Zulassung der ersten CAR-T-Therapie in der Schweiz im Oktober 2018 und der schweizweit ersten Behandlung am Inselspital im Januar 2019 wurden bis zum Januar 2021 hierzulande 110 dieser Behandlungen durchgeführt (SBST, Bern Januar 2021). In diesem Ćbersichtsartikel besprechen wir die aktuelle Datenlage dieser neuen Therapieoption und kommentieren sie mit unseren eigenen Erfahrungen von bisher ca. 80 PatientInnen, welche wir bei aggressivem B-Zell-Lymphom, akuter lymphatischer LeukƤmie, Mantelzelllymphom und multiplem Myelom behandelt haben.
Die Zulassung der ersten CAR-T-Therapie (KymriahĀ®, Tisagenlecleucel, Novartis) zur Behandlung von rezidivierender oder refraktƤrer B-ALLā(1) und rezidivierendem diffusem grosszelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL)ā(2), in beiden FƤllen nach mindestens zwei Vortherapien, erfolgte in der Schweiz im Oktober 2018. Im April 2019 wurde auch YescartaĀ® (Axicabtagen Ciloleucel, Gilead) zur Behandlung von rezidivierendem DLBCL oder primƤr mediaĀstinalem grosszelligem B-Zell-Lymphom (PMBCL) nach zwei vorgegangenen Therapielinien zugelassen (3). BreyanziĀ® (Lisocabtagen Maraleucel, BMS) wurde Anfang 2021 durch die FDA aufgrund der Resultate der Transcend-Studieā(4) ebenfalls für die Behandlung von DLBCL nach zwei Therapielinien zugelassen, die Zulassung in der Schweiz steht derzeit noch aus. Das Inselspital hat an einer Phase II und einer Phase-III-Studie mit diesem Produkt teilgenommen. Weiter verabreichten wir PatientInnen mit rezidivierendem Mantelzelllymphom (MCL) nach zwei Therapielinien inklusive Versagen von Ibrutinib das CAR-T-PrƤparat TecartusĀ® (Brexucabtagen Autoleucel, Kite)ā(5) im Rahmen eines Early Access Programmes. Im Frühling/Sommer 2021 wurden zudem die ersten drei PatientInnen mit dem anti-BCMA CAR-T-Konstrukt Ā«bb2121Ā» von BMS/Celgene bei rezidivierendem multiplem Myelom (RRMM) im Rahmen der Phase-III-Studie KarMMa-3 behandelt. Der aktuelle Stand der Zulassungen ist in Tabelle 1 zusammengefasst. Bis zum 2.āAugust 2021 haben wir am Inselspital Bern total 82 CAR-T-Behandlungen durchgeführt. WƤhrend aggressive Lymphome weiterhin den grƶssten Teil der Behandlungen ausmachen, nimmt die Zahl der Behandlungen in den weiteren Indikationen stetig zu (Abb. 1).
Ablauf
Auf Zuweisung hin werden die PatientInnen, die für eine CAR-T-Therapie in Frage kommen, zu einem Vorgespräch gesehen. Die Indikationsstellung zur CAR-T-Behandlung erfolgt interdisziplinär am Lymphom-, Myelom- oder Leukämie-Tumorboard. Neben der Medizinischen Onkologie, der Radiologie und der Pathologie sind auch die SpezialistInnen der Hämatologie und des Hämatologischen Zentrallabors beteiligt, welche sowohl diagnostische (Morphologie, Flowzytometrie, molekulare Diagnostik) Aufgaben übernehmen als auch die Apherese, die initiale Präparation für das Kymriah-Produkt, den Export und Import der Zellen, die Lagerung und die Reinfusion der CAR-T-Zellen durchführen. Im Rahmen der Indikationsstellung zur CAR-T-Zell-Therapie fordern wir eine bioptische Verifizierung des vermuteten Lymphomprogresses oder Rezidivs, da sich hier auch Zweitmalignome gezeigt haben, und damit die Indikation zur CAR-T-Behandlung entfällt. Auch wenn die Voraussetzungen für eine Kostenübernahme der Behandlung klar geregelt sind, machen wir nicht selten die Erfahrung, dass die Erteilung der Kostengutsprache durch die Krankenkassen immer noch mit viel Mühe und Arbeit verbunden ist, und dies die Behandlung weiter verzögern kann. Im Rahmen einer Dissertation haben wir eine durchschnittliche Bearbeitungsdauer auf Seiten der Krankenkasse von 34 Tagen (1-70 Tage) ermittelt. Dieser Zeitrahmen und die verbleibenden Möglichkeiten für die Bridging-Therapie müssen bei der Indikationsstellung für eine CAR-T-Zell-Therapie berücksichtigt werden.
Während für die Behandlung in CAR-T Studien strikte Einschlusskriterien weit über den Zulassungstext hinaus gelten, haben wir die Erfahrung gemacht, dass die CAR-T Therapie auch von älteren PatientInnen und solchen mit gewissen Komorbiditäten, welche für eine Studienbehandlung nicht qualifiziert hätten, gut toleriert wird. Wenn immer möglich und falls noch nicht durchgeführt, sollten die PatientInnen, bei welchen eine CAR-T-Zell Therapie vorgesehen ist, gegen Covid-19 geimpft sein.
Erster Schritt in Richtung Behandlung mit CAR-T-Zellen ist die Lymphapherese, welche in der Regel die Einlage eines Dialysekatheters erfordert. Die ModalitƤten der Sammlung sind für alle Produkte unterschiedlich, und die KomplexitƤt zu deren Implementierung im Rahmen der Zertifizierung durch die Firmen sind nicht zu unterschƤtzenā(6). Nach erfolgter Sammlung werden die T-Zellen je nach Produkt bei Raumtemperatur oder, nach einer Aufarbeitung durch das Stammzelllabor, tiefgefroren an den Hersteller verschickt. Der Produktionsprozess umfasst die Isolation der T-Zellen aus dem Lymphapheresat, die Aktivierung der isolierten T-Lymphozyten, die Transfektion der T-Zellen mit dem spezifischen Genkonstrukt, sodass diese den entsprechenden chimƤren T-Zell-Rezeptor exprimieren, und die abschliessende Vermehrung der transfizierten T-Lymphozyten. Der ganze Prozess ist von den Behƶrden zugelassen, d.h. Modifikationen kƶnnen ohne grossen Aufwand der involvierten Firmen nicht vorgenommen werden. Für Aussenstehende ist die Produktion weitgehend eine Blackbox, und detaillierte Informationen zum individuellen Produkt liegen nicht vor. Das gefrorene Endprodukt wird anschliessend zurück in unser Stammzelllabor gesandt, wo es bis zur finalen Verwendung bei -170°C in Stickstoff gelagert wird. Zwischen der Sammlung und der Lieferung vergehen gewƶhnlich 3-4 Wochen. Wir haben für beide kommerziellen CARs auch Produktionsversager verzeichnen müssen, was mehrere Lymphapheresen zur Herstellung eines finalen Produktes erforderlich gemacht hat. In einzelnen FƤllen haben wir auch Ā«out-of-specificationĀ» Produkte verabreichen müssen.
Eine meist erfolgreiche Produktion vorausgesetzt, werden die PatientInnen anschliessend für die eigentliche CAR-T-Therapie hospitalisiert. Dies ist gesetzlich gefordert, da die Vergütung derzeit nur im stationären Setting möglich ist. Gewöhnlich ist mit einer Aufenthaltsdauer von 3 Wochen zu rechnen. Wenn nicht kürzlich erfolgt, wird bei Therapiebeginn eine radiologische Standortbestimmung mittels CT Hals-Thorax-Abdomen und Schädel-MRI durchgeführt. Diese dienen neben dem Therapiemonitoring auch dazu, bei Auftreten von Nebenwirkungen eine initiale Vergleichsuntersuchung zur Verfügung zu haben. Während die Lymphodepletion per se nicht kardiotoxisch ist, gehört eine kardiologische Standortbestimmung inklusive EKG und Echokardiographie, wenn nicht kürzlich erfolgt, zum Workup ebenso dazu wie definierte Laboruntersuchungen. Zudem werden vor der Aufnahme der Therapie wie auch an verschiedenen Zeitpunkten im Verlauf Blut- und ggf. Knochenmarksproben für unsere Biobank abgenommen.
Die lymphodepletierende Chemotherapie mit Fludarabin und Cyclophosphamid wird über drei Tage durchgeführt und meist gut toleriert. Für beide kommerziellen Produkte verwenden wir hierzu Fludarabin und Cyclophosphamid mit den Dosierungen der Zulassungsstudien, lediglich für beide Medikamente etwas hƶhere Dosierungen vor der Applikation von YescartaĀ® (30 statt 25 mg/m2 Fludarabin und 500 statt 250 mg/m2 Cyclophosphamid). Die wichtigsten Nebenwirkungen dieser lymphodepletierenden Therapie umfassen Müdigkeit, Ćbelkeit, Erbrechen, Diarrhoe und eine vorübergehende Myelosuppression. Da die PatientInnen in der Regel umfangreich vorbehandelt sind und es durch die Lymphodepletion lƤngerfristig zu einer relevanten B-Zell-Depletion kommt, verabreichen wir an den Tagen -2 und +7 Immunglobuline. Zur Verkürzung der mƶglichen Neutropenie erhalten die PatientInnen einmalig peg-Filgrastim, da infektiƶse Trigger das Auftreten von Nebenwirkungen begünstigen kƶnnen.
Nach der CAR-T-Reinfusion, in der Regel 1-2 Tage nach Ende der Lymphodepletion, müssen die PatientInnen mindestens 14 Tagen stationär überwacht werden. Nach dieser Zeit ist das Auftreten von Nebenwirkungen unwahrscheinlich. Eine Betreuung im ambulanten Setting ist schon nur aus regulatorischen Gründen nicht möglich. Wir haben aber auch PatientInnen behandelt, bei welchen die Betreuung aus rein medizinischer Sicht sicherlich im ambulanten Setting möglich gewesen wäre.
Nebenwirkungen und deren Management
Im Allgemeinen ist die CAR-T-Therapie gut vertrƤglich und kann somit auch bei Ƥlteren PatientInnen zum Einsatz kommen. Schwerwiegende Nebenwirkungen, vor allem das Cytokine Release Syndrom (CRS) und das Immunoeffektorzell-assoziierte NeurotoxizitƤtssyndrom (CAR-Related Encephalopathy Syndrome (CRES) oder Immune Effector Cell-Associated Neurotoxicity Syndrome (ICANS)), mit potentiell letalem Ausgang sind jedoch mƶglich; in der Literatur wird dies mit 1-2 % angegebenā(7). Prospektiv validierte Screeninginstrumente fehlen, sodass für den Einzelfall nicht zuverlƤssig vorausgesagt werden kann, bei welchen PatientInnen stƤrkere Nebenwirkungen zu erwarten sind. Dennoch wurden in den bisherigen Studien Risikofaktoren identifiziert, welche Anhaltspunkte für die Entwicklung hƶhergradiger CRS geben kƶnnen. So sind eine hohe Tumorlast, ein reduzierter Allgemeinzustand und die frühe Entwicklung eines CRS in den ersten drei Tagen nach der T-Zell-Reinfusion mit schweren VerlƤufen assoziiertā(8,9). Mit zunehmender klinischer Erfahrung der Zentren und früherer medikamentƶser Intervention hat die Inzidenz von schweren CRS über die Zeit abgenommenā(10ā12).
WƤhrend bei Hochdosischemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation infektiƶse Komplikationen wƤhrend der Aplasiephase im Vordergrund stehen, sind die Nebenwirkungen von CAR-T-Behandlungen vor allem auf ImmunphƤnomene, ausgelƶst durch die Zytokinfreisetzung, zurückzuführen. Da aufgrund der lymphodepletierenden Chemotherapie eine relevante Myelosuppression eintritt, gehƶrt eine Infektfokussuche und ggf. āBehandlung aber in jedem Fall zum Workup bei Fieber im Rahmen der CAR-T-Therapie dazu.
Cytokine release syndrome (CRS)
Durch aktivierte oder lysierte Effektorzellen (CAR-T-Zellen, Makrophagen) können grosse Mengen proinflammatorischer Zytokine wie IFN-Gamma, TNF-Alpha, IL-6 und IL-1 freigesetzt werden. Diese Zytokinfreisetzung führt zu einer weiteren Aktivierung des Immunsystems und zu Symptomen wie Fieber, Hypotonie und Hypoxämie. Weiter kann es zu einer Endothelaktivierung mit «capillary leak» und disseminierter intravaskulärer Gerinnung kommen.
Die HƤufigkeit von CRS in allen Schweregraden wird in den Zulassungsstudien mit einer Frequenz von 40 bis 80% angegebenā(13).Neben Unterschieden im Nebenwirkungsprofil der verschiedenen CAR-Konstrukte erschweren auch verschiedene Methoden der Gradierung des CRS die Vergleichbarkeit zwischen den Studien. Wir verwenden die Gradierung nach Lee et alā(14).
Mit der Einführung neuer CAR-T-Konstrukte mit neuen Zielen wandeln sich auch die HƤufigkeit und vor allem das zeitliche Auftreten der Nebenwirkungen. WƤhrend Zytokin-vermittelte Nebenwirkungen bei mit Anti-CD19-CARs behandelten PatientInnen gewƶhnlich um den 3.- 6.āTag nach Infusion der Zellen auftretenā(2,ā3), entwickeln PatientInnen, die mit Anti-BCMA-CARs therapiert werden tendenziell früher CRS, hƤufig bereits am 1. und 2.āTag nach der Infusionā(15). Auch hier deckt sich unsere bisher beschrƤnkte Erfahrung mit den Daten aus den Zulassungsstudien.
Die Behandlung des CRS umfasst neben Antipyretika zur Fiebersenkung und intravenƶser Volumengabe zur Stabilisierung des Kreislaufes auch Medikamente, welche in den Zytokinstoffwechsel eingreifen. Etabliert hat sich einerseits die Anwendung von Tocilizumab, welches mit hoher AffinitƤt an den IL-6-Rezeptor bindet und diesen blockiert. Am Inselspital verabreichen wir Tocilizumab nach erstmaligem Auftreten von Fieber nach der CAR-T-Reinfusion und nach PrƤmedikation mit Dexamethason. In refraktƤren FƤllen kommt auch der lƶsliche IL-6-Rezeptor Siltuximab zum Einsatz. Durch frühe Intervention und den niederschwelligen Einsatz von Tocilizumab und Steroiden kann die Entwicklung eines hƶhergradigen CRS verhindert werden, ohne dass dadurch der Therapieerfolg negativ beeinflusst wird (11,ā12,ā16). Dennoch kann bei schweren Symptomen eine intensivmedizinische Behandlung nƶtig werden. In einem Fall haben wir ein letal verlaufendes Makrophagenaktivierungssyndrom am Tag 43 gesehen.
Aufgrund der Immunsuppression müssen auch infektiƶse Ursachen von Fieber und Hypotonie ausgeschlossen bzw. proaktiv adƤquat behandelt werden, zumal auch infektiƶse Trigger schwere CRS-VerlƤufe auslƶsen oder begünstigen kƶnnenā(7). Etwa jeder vierte Patient erleidet im Rahmen der CAR-T-Behandlung einen Infekt, meist sind dies BakteriƤmien und virale Atemwegsinfekteā(17). Die immunsuppressive Wirkung von Tocilizumab scheint hier nicht die primƤre Ursache zu seinā(18).
Neben der klinischen Ćberwachung kƶnnen auch verschiedene Laborparameter Anhaltspunkte zum Verlauf des CRS liefern, so z.B. das im Serum gemessene IL-6 oder das Ferritin. Es muss jedoch beachtet werden, dass die Aussagekraft der gemessenen Werte durch die zytokinhemmende Therapie verfƤlscht werden kann, insbesondere nach Verabreichung von Siltuximab, welches das freie IL-6 bindet. So kann es unter dieser Behandlung zu relevanten Infekten bei normwertigem CRP kommen.
Die Ursache der NeurotoxizitƤt der CAR-T-Zellen ist nicht vollstƤndig geklƤrt. Die CAR-T-Zellen scheinen Zytokine auszuschütten, welche das Endothel aktivieren und so eine Stƶrung der Blut-Hirn-Schranke bewirken. In der Folge kƶnnen einerseits T-Zellen das Hirngewebe infiltrieren und so direkt entzündliche Reaktionen auslƶsen, andererseits kommt es durch die Stƶrung der Blut-Hirn-Schranke zu einem Ćdemā(19). PatientInnen mit ZNS-Lymphom waren unter anderem aufgrund der Befürchtung, hƤufiger NeurotoxizitƤt zu entwickeln, für die erwƤhnten Zulassungsstudien nicht zugelassen. Fallserien legen jedoch nahe, dass weder die Rate noch die IntensitƤt der NeurotoxizitƤt exzessiv hoch sindā(20,ā21). Hingegen scheint die Remissionsdauer bei diesen PatientInnen kürzer zu seinā(21).
In den meisten FƤllen (>90%) geht dem Auftreten eines ICANS ein CRS voran, die Entwicklung von neurologischen Nebenwirkungen ohne CRS ist seltenā(22). Das Risiko von neurologischen Nebenwirkungen hƤngt nicht zuletzt auch vom eingesetzten CAR-T-Produkt ab: In den Zulassungsstudien wurden ICANS aller Schweregrade mit KymriahĀ® wƤhrend den ersten 8 Wochen nach der Infusion in 39% der PatientInnen beobachtetā(2), bei YescartaĀ® aber in 64%ā(3). Diese Zahlen decken sich mit unseren Erfahrungen. Das Risiko von NeurotoxizitƤt bei der Behandlung von Myelomen mit dem Anti-BCMA-Produkts bb2121 scheint mit 18% in der Phase-2-Studie etwas kleiner zu seinā(15).
Die mediane Zeit bis zum Auftreten von neurologischen Symptomen lag in den Studien bei Anti-BCMA-CARs bei 2 Tagen, bei YescartaĀ® waren es 5 Tage und bei KymriahĀ® 6 Tage, gefolgt von einer kompletten Remission der Symptome nach 3, 17 und 14 Tagen nach der Infusion des jeweiligen CAR-T-Produktes (2,ā3,ā15).
Zum Monitoring der kognitiven und exekutiven Funktionen wird der ICE (Immune Effector Cell Encephalopathy) Score oder CARTOX-Test verwendet, welcher täglich zwei Mal durchgeführt wird. Neben der zeitlichen und örtlichen Orientierung und einer einfachen Rechenübung wird das Schriftbild geprüft, welches oft erste Anzeichen für eine sich entwickelnde Neurotoxizität liefert. Die Symptome des ICANS reichen von Kopfschmerzen, Schriftbildveränderungen und Desorientiertheit über Vigilanzstörungen und epileptische Anfälle bis hin zu motorischen Ausfällen wie Hemi- und Paraparesen. Schwere derartige Verläufe haben wir bisher glücklicherweise nur ganz vereinzelt gesehen.
Bei klinischen Hinweisen für eine Neurotoxizität erfolgen weitere Abklärungen, einerseits die Wiederholung der Bildgebung, um Blutungen oder Ischämien als Ursache auszuschliessen. In unserer bisherigen Kohorte sind spezifische radiologische Befunde selten. Ein EEG führen wir bei Verdacht auf ein ICANS regelmässig durch, um iktale Ereignisse auszuschliessen, allerdings behandeln wir alle PatientInnen bei Auftreten eines ICANS prophylaktisch anti-epileptisch.
Die Behandlung von PatientInnen mit ICANS erfordert eine interdisziplinƤre Zusammenarbeit. Bei schweren VerlƤufen ist eine intensivmedizinische Ćberwachung zwingend und ggf. eine Schutzintubation nƶtig. Bei erhƶhtem Hirndruck erfolgt die Anlage einer externen Ventrikeldrainage zum Monitoring und zur Therapie. Die medikamentƶse Therapie umfasst neben der zytokinhemmenden Behandlung und der Gabe von Antiepileptika auch den Einsatz hochdosierter Steroide. WƤhrend in den Zulassungsstudien der Anti-CD19-CARs vor allem Methylprednisolon zum Einsatz kam, findet in unserem klinischen Alltag aufgrund der guten ZNS-GƤngigkeit vor allem Dexamethason Anwendung. Bei klinischer Besserung kƶnnen die Steroide schrittweise ausgeschlichen, und in der Folge auf eine perorale Verabreichung umgestellt werden. In seltenen FƤllen ist eine lƤngerdauernde Steroidbehandlung, d.h. auch nach Austritt notwendig. Gerade bei Ƥlteren PatientInnen ist die Beurteilung einer neurologischen Verschlechterung hƤufig erschwert, da die Abgrenzung zwischen ICANS und Delir schwierig sein kann. Dies ist insbesondere auch bei PatientInnen zu berücksichtigen, welche unter Steroidtherapie erneut neurologische Symptome zeigen.
Prolongierte Zytopenien und Infektionen:
Bei bis zu einem Drittel der behandelten PatientInnen verlƤuft die hƤmatologische Erholung nach der CAR-T-Therapie verzƶgert, bei vielen über mehrere Monate, wobei insbesondere Neutro- und Thrombopenien auftretenā(23,ā24). Diesbezüglich sei auf die kürzlich erschienene Zusammenstellung zur beobachteten HƤmatotoxizitƤt der Deutschen Kollegen hingewiesenā(25). WƤhrend die frühe HƤmatotoxizitƤt durch die lymphodepletierende Chemotherapie gut erklƤrt ist, sind die Ursachen der protrahierten Erholung (definiert als persistierende Zytopenien >28 Tage nach CAR-T-Therapie) weniger gut verstanden. Eine mƶgliche ErklƤrung ist, dass die PatientInnen in der Regel umfangreich vorbehandelt und zu einem Teil bereits stammzelltransplantiert sind, sodass die Knochenmarkreserven eingeschrƤnkt sind. Weiter scheinen aber auch durch die CAR-T-Zellen ausgelƶste Immun- und EntzündungsphƤnomene eine Rolle zu spielen. Hierfür spricht auch, dass prolongierte Zytopenien bei PatientInnen mit hƶhergradigem CRS hƤufiger auftretenā(26). Diesbezüglich zu beachten ist, dass der Einsatz von Tocilizumab bei rheumatologischen PatientInnen ebenfalls zu Zytopenien geführt hat, sodass eine medikamentƶse Genese nicht gƤnzlich ausgeschlossen werden kannā(27).
Neben der Neutropenie erhöhen auch eine prolongierte B-Zell-Aplasie und Hypogammaglobulinämie das Risiko infektiöser Komplikationen, sodass eine adäquate Prophylaxe gegen Herpesviren, Pneumozystis und Pilzinfektionen nötig ist. Valaciclovir, Trimpetoprim/Sulfometoxazol und Fluconazol oder Posaconazol haben ihren festen Platz in der Infektprophylaxe bei aplasierenden Chemotherapien, und sind auch im Rahmen der CAR-T-Behandlung essentiell. Die supportive Therapie ist derzeit individuell und in Analogie zum Usus im autologen und allogenen Setting. Wir würden uns wünschen, dass die Evidenz hierzu mit akademischen Studien erarbeitet würde.
Einfluss von Nebenwirkungen und deren Behandlung auf das Outcome:
Aus der klinischen Erfahrung mit Checkpoint-Inhibitoren gibt es immer mehr Evidenz dafür, dass das Auftreten von immunvermittelten Nebenwirkungen ein Therapieansprechen anzeigt und mit einer besseren Prognose assoziiert istā(28). Ob dies auch für die CAR-T-Therapie gilt, ist derzeit noch unklar. Die aktuellen Daten weisen eher darauf hin, dass die Entwicklung von CRS und ICANS ein Surrogatmarker für eine hohe Tumorlast und so eher mit einem schlechten Outcome assoziiert sindā(29). Frühe Studien zeigten einen negativen prognostischen Effekt der Behandlung von CRS und ICANS mit Steroiden9,30, sodass aktuell primƤr Tocilizumab zum Einsatz kommt. In neueren Untersuchungen konnte aber gezeigt werden, dass auch der Gebrauch von hochdosierten Steroiden primƤr einen Einfluss auf die Nebenwirkungen hat, ohne dabei die AktivitƤt der CAR-T-Zellen zu beeintrƤchtigenā(11,ā31). Es ist also mƶglich, Steroide zur Behandlung von Nebenwirkungen früher einzusetzen.
Zusammenfassung und Ausblick:
Unsere Erfahrung aus der Behandlung von bisher ca. 80 CAR-T-PatientInnen ist grösstenteils positiv. Die Anzahl an PatientInnen ist für Schweizer Verhältnisse gross, aber international immer noch vergleichsweise klein, und wir lernen mit jeder Behandlung dazu. Wie in den Zulassungsstudien zeigen sich bei diesem, teils intensiv vorbehandelten Kollektiv sehr gute Ansprechraten und auch langanhaltende Remissionen. Da die CAR-T-Zell-Therapie in kurativer Absicht durchgeführt wird, haben wir unser Programm auch während der Covid-19 Pandemie ohne wesentliche Einschränkung fortgesetzt.
Wie bereits aus anderen LƤndern berichtet, haben auch wir einige PatientInnen mit aggressiven Lymphomen erfolgreich mit der CAR-T-Zelltherapie behandelt, welche die Einschlusskriterien der Studien z. B. aufgrund von KomorbiditƤten nicht erfüllt hƤttenā(10). Trotzdem scheinen sich die Ergebnisse mit den Zulassungsstudien mindestens zu decken und die Toleranz ā wahrscheinlich durch die frühe, niederschwellige Behandlung von CRS und ICANS ā sogar besser zu seinā(12,ā32ā35). Die enge Patientenselektion für die Studienbehandlung ist insbesondere bei der KarMMa-3-Studie (für das Multiple Myelom) problematisch. Die Optionen für eine Bridging-Therapie sind durch die Studie sehr limitiert, sodass bei raschem Myelomprogress die Wartezeit bis zur eigentlichen CAR-T-Therapie zu lang sein kann. Hier werden die kommerziellen Produkte andere Mƶglichkeiten erƶffnen. Wir haben auch Erfahrungen mit Hepatitis-B-positiven PatientInnen und solchen mit Lymphommanifestionen im ZNS sammeln kƶnnen, allesamt Ausschlusskriterien für eine Studienbehandlung. Ćber diese FƤlle sowie die klinischen Resultate an unserem Zentrum werden wir in wissenschaftlichen Publikationen ebenso berichten wie über den Prozess zur Erteilung der Kostengutsprachen. Die CAR-T-Produkte für LymphompatientInnen unterscheiden sich von der Lymphapherese bis zum Nebenwirkungsprofil. Wir sind daher angehalten, die Produkte in unsere Algorithmen einzubauen, und haben hierzu eine Initiative unter Einbezug der EMBT gestartet.
Die CAR-T-Therapie hat die Behandlung von fortgeschrittenen lymphoiden Neoplasien revolutioniert. Auch die bisherigen Studienergebnisse bei der Behandlung des multiplen Myeloms und anderen indolenten Lymphomen sind vielversprechendā(15,ā36).Die Voraussetzungen wƤren also gegeben, die CAR-T-Therapie für andere Krankheiten, insbesondere auch solide Tumoren, weiterzuentwickeln. Die Hürde hierfür ist jedoch gross: WƤhrend die malignen Zellen bei lymphoiden Neoplasien in der Regel in grƶsserer Zahl im Blutstrom vorliegen und die CAR-T-Zellen so aktiviert werden kƶnnen, ist bei soliden Tumoren zuerst eine Migration ins Gewebe nƶtig. ZusƤtzlich besitzt das Tumormikromilieu meist eine immunsuppressive Wirkung, sodass die AktivitƤt von CAR-T-Zellen hier abgeschwƤcht werden kann. Aktuell lƤuft eine Vielzahl von Phase I/II-Studien mit verschiedenen CAR-T-Konstrukten in soliden Tumoren, deren Ergebnisse mit Spannung erwartet werden.
Dr. med. Alexander D. Heini1, Dr. med. Marie-Noƫlle Kronig/1, Dr. med. Barbara Jeker1, Dr. med. Myriam Legros/2, PD Dr. med. Michael Daskalakis/3,4, Prof. Dr. med. Ulrike Bacher/3,
Prof. Dr. med. Thomas Pabst/1, Prof. Dr. med. Dr. phil. nat. Sacha Zeerleder/3, Prof. Dr. med. Urban Novak/1, urban.novak@insel.ch
1/Universitätsklinik für Medizinische Onkologie, Inselspital, Universitätsspital Bern, 3010 Bern
2/Zentrum für Labormedizin, Inselspital, Universitätsspital Bern, 3010 Bern
3/Universitätsklinik für Hämatologie und Hämatologisches Zentrallabor, Inselspital, Universitätsspital Bern, 3010 Bern
4/Department of BioMedicalResearch (DMBR), UniversitƤt Bern, Murtenstrasse 40, 3008 Bern
Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
ā Am Inselspital sind die Erfahrungen aus der Behandlung von bisher
ca. 80 CAR-T-PatientInnen grƶsstenteils positiv.
ā Einige PatientInnen mit aggressiven Lymphomen, welche die
Einschlusskriterien der Studien z.āB. aufgrund von KomorbiditƤten
nicht erfüllt hätten, wurden mit der CAR-T-Zelltherapie erfolgreich behandelt.
ā Die CAR-T-Therapie hat die Behandlung von fortgeschrittenen
lymphoiden Neoplasien revolutioniert. Auch die bisherigen Studien-ergebnisse bei der Behandlung des multiplen Myeloms und anderen indolenten Lymphomen sind vielversprechend.
ā Die Voraussetzungen wƤren gegeben, die CAR-T-Therapie auch
für andere Krankheiten, insbesondere solide Tumoren, weiterzu-
entwickeln, auch wenn die Hürden hierfür gross sind.
ā Aktuell lƤuft eine Vielzahl von Phase I/II-Studien mit verschiedenen CAR-T-Konstrukten in soliden Tumoren.
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Aufgrund der raschen Entwicklung im molekular-genetischen Verständnis primärer Hirntumoren wird 2021 eine Revision der WHO Klassifikation publiziert. Dort finden sich wesentliche Neuerungen zum diagnostischen Algorithmus und zur Nomenklatur primärer Hirntumoren. Wir haben in der Ausgabe 03-21 der «info@onkologie« darüber berichtet. Therapeutische Anpassungen an die neue Klassifikation sind Thema des folgenden Beitrags.
IDH1– und viel seltener IDH2-Mutationen sind frühe Ereignisse in der Gliomentwicklung. Biologisch und prognostisch unterscheiden sich Gliome dahingehend, ob sie mit oder ohne diese Mutationen auftreten und auch die Therapiestruktur richtet sich danach. Wir gliedern deshalb im Folgenden die Gliome in die beiden Gruppen Ā«IDH-mutiertĀ» und Ā«IDH-wild-typeĀ».
Therapie IDH-mutierter diffuser Gliome
Hintergrund:
Mutationen im Gen für Isozitrat-Dehydrogenase (IDH) sind mit bis zu 80 % die weitaus hƤufigste genetische VerƤnderung diffuser Gliome der WHO-Grade 2-4. Sie unterscheiden sich in Bezug auf den natürlichen Verlauf und das Therapieansprechen von IDH-wild-type Gliomen. In klinischen Studien werden Therapien gegen mutiertes IDH in Form von spezifischen Inhibitoren oder Impfungen mit dem Peptid, welches die charakteristische Mutation enthƤlt, geprüft (Abb.ā1).
IDH-Mutationen treten in Gliomen überwiegend in Form einer IDH1R132H-Mutation auf. Sie führen zu einer neomorphen, d.h. Tumor definierenden enzymatischen Funktion des IDH-assoziierten Proteins mit Konversion von α-Ketoglutarat (α-KG) zu 2-Hydroxyglutarat (2-HG).
Der Onkometabolit 2-HG akkumuliert in Tumorzellen und führt über verschiedene epigenetische Mechanismen zu genomischer InstabilitƤt, Akkumulation weiterer Mutationen und maligner Transformation. IDH-Mutationen werden in der klinischen Routine anhand eines mutationsspezifischen Antikƶrpers, welcher die hƤufige IDH1R132H-Mutation erkennt, immunhistochemisch diagnostiziert. Bei fehlender ReaktivitƤt und Vorliegen eines diffusen Glioms ist eine Sequenzierung erforderlich, um das Vorliegen seltener IDH1– oder IDH2-Mutationen auszuschliessen. Viele Institutionen machen dies bis zu einem Patientenalter von 60 Jahren, da darüber hinaus kaum IDH-mutierte Gliome zu erwarten sind. Indirekte Hinweise für das Vorliegen einer IDH-Mutation kƶnnen Methylierungs-Arrays liefern, die eine charakteristische, durch die Akkumulation von 2-HG bedingte globale DNA-Hypermethylierung anzeigen. Mit der 2-HG-Magnetresonanzspektroskopie ist ein Verfahren in Entwicklung, das eine nicht-invasive bildgebende DiaĀgnose von IDH-mutierten Gliomen ermƶglichen soll.
In der grossen Gruppe IDH-mutierter Gliome wird eine zunehmende Zahl molekular definierter Subtypen mit Bedeutung für Prognose und Therapiewahl zusammengefasst. IDH-mutierte Astrozytome weisen einen nukleären Verlust des Transkriptionsregulators ATRX auf und unterscheiden sich damit von den IDH-mutierten Oligodendrogliomen, die ihrerseits einen kombinierten Allelverlust auf den Chromosomen 1p und 19q aufweisen. Innerhalb der IDH-mutierten Astrozytome ist das Vorliegen von mikrovaskulären Proliferaten, Nekrosen und insbesondere der homozygote Verlust von CDKN2A/B mit einer ungünstigen Prognose assoziiert und wird dem WHO-Grad 4 zugeordnet. Diese Tumoren werden somit nicht mehr als Glioblastome bezeichnet, sondern als «Astroyztom, IDH-mutiert, WHO-Grad 4».
Therapie WHO Grad 2 und 3, IDH-mutierte Gliome:
Nach bildgebender Verdachtsdiagnose erfolgt eine möglichst vollständige und neurologisch schonende Resektion und eine integrierte neuropathologische Diagnose. Diese beinhaltet die histomorphologische und molekulargenetische Gewebeanalyse, welche auch anhand einer stereotaktischen Biopsie gestellt werden kann, wenn eine umfangreichere Resektion nicht indiziert ist. Zunehmend wird bei den Oligodendrogliomen die klinische Bedeutung des WHO-Grades 2 versus 3 in Frage gestellt. Dabei ist allerdings nicht geklärt, was dies für die zu wählende Radiotherapiedosis bedeutet, da es hierfür keine Studiendaten gibt.
Astrozytome und Oligodendrogliome WHO-Grad 2 kƶnnen bei Fehlen der zwei wichtigsten Prognose bestimmenden Risikofaktoren (RF) ā nƤmlich unvollstƤndige Resektion und Alter über 40 Jahre ā zunƤchst beobachtet werden. Basierend auf den Daten grosser randomisierter Studien wird bei Progress oder Vorhandensein der genannten RF eine Radiotherapie mit 50.4-54 Gy, gefolgt von Procarbazin, CCNU und Vincristin (PCV-Schema) für 6 Zyklen empfohlen oder alternativ, jedoch nicht evidenzbasiert, mit Temozolomid (2,ā3).
Die Strahlentherapie bleibt nach wie vor Teil der Standardtherapie bei WHO-Grad-2-Gliomen. In einer randomisierten Phase-III-Studie (EORTC 22033-26033) war die Radiotherapie im Vergleich zur alleinigen Chemotherapie in der molekularen Subgruppenanalyse bei IDH-mutierten Astrozytomen ohne 1p,19q Ko-Deletion der alleinigen Chemotherapie mit Temozolomid über ein Jahr hinsichtlich des progressionsfreien Ćberlebens überlegen (4).
Die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt einer Radio-Chemotherapie bei Grad 2-(und 3-) Astrozytomen ohne LOH 1p,19q ist nicht abschliessend geklärt. Das Abwägen einer postoperativen Tumorkontrolle gegenüber dem Auftreten von Toxizität nach Radiotherapie soll in der laufenden EORTC 1635 IWOT-Studie geklärt werden (NCT03763422). Die Studie vergleicht die postoperative Radio-Chemotherapie mit einer aktiven Nachsorge.
Bei Oligodendrogliomen WHO-Grad 3 belegen Langzeitdaten aus zwei randomisierten Phase-III-Studien (RTOG 9402 und EORTC 26951) den Benefit einer postoperativen Radiotherapie mit 59.4 Gy üblicherweise gefolgt von 6 Zyklen PCV oder wie in der RTOG-Studie mit 4 Zyklen PVC vor der Radiotherapie (5,ā6.). Die noch nicht abgeschlossene, internationale CODEL-Studie (NCT00887146) vergleicht bei Oligodendrogliomen in einem Nichtunterlegenheits-Design eine sequenzielle Radiochemotherapie mit PCV (bis 6 Zyklen) mit einer kombinierten (konkomitanten und adjuvanten) Radiochemotherapie mit 6-12 Zyklen Temozolomid.
Bei IDH-mutierten Astrozytomen WHO Grad 3 unterstützen die Ergebnisse der EORTC 26053-22054 CATNON-Studie den Einsatz einer sequenziellen Radiochemotherapie mit 59.4 Gy gefolgt von Temozolomid über 12 Zyklen. Hier ist der Nutzen einer konkomitanten Temozolomid-Therapie parallel zur Radiotherapie noch nicht abschliessend geklƤrt (7,ā8).
Astrozytome WHO-Grad 4, IDH-mutiert sollten wie Glioblastome behandelt werden (Abb. 2). Aufgrund der IDH-Mutation kann von einer Empfindlichkeit gegenüber alkylierenden Substanzen ausgegangen werden.
Neue Therapieansätze für IDH-mutierte Gliome
Neben der Verbesserung des Therapiealgorithmus konventioneller Therapien zielen neue AnsƤtze auf die IDH-Mutation selbst ab. In den letzten Jahren wurde eine ganze Reihe von IDH-Inhibitoren entwickelt.
Sicherheit, gute Verträglichkeit und biologische Wirkung gemessen an der Reduktion der 2-HG-Produktion im Tumorgewebe konnte in Phase-I-Studien nachgewiesen werden (9). Die bisherigen Effektivitätsdaten mit Tumorvolumenreduktion v. a. bei Patienten mit nicht-kontrastmittelaufnehmenden Tumoren sind ermutigend. Mit der laufenden INDIGO-Studie ist eine internationale randomisierte Phase-III-Studie initiiert, welche die Effektivität (gemessen am PFS) des IDH-Inhibitors AG-881 bei Patienten mit postoperativem Resttumor oder bei progredientem IDH-mutiertem WHO-Grad-2-Gliom untersucht (NCT04164901). Diese Studie rekrutiert Patienten an mehreren Zentren in der Schweiz. Neben spezifischen IDH-Inhibitoren eröffnen spezifische metabolische Abhängigkeiten Möglichkeiten für weitere zielgerichtete Therapien wie beispielsweise DNA-Demethylierungsstrategien oder Glutaminase-Inhibitoren, die bereits in frühen klinischen Studien getestet werden.
Spezifische Impfungen zielen auf die IDH1R132H-Mutation. Die mutierte Sequenz induziert spezifische T-Helferzellen, die das Wachstum IDH-mutierter Tumoren in Tiermodellen kontrollieren kƶnnen. Die multizentrische NOA-16-Studie (NCT02454634) hat bei Patienten mit neu diagnostizierten IDH1R132H-mutierten Grad 3- und 4-Astrozytomen die Sicherheit und ImmunogenitƤt einer IDH1R132H-Peptidvakzine nachweisen kƶnnen. Die hohe Frequenz an Pseudoprogressionen als Hinweis auf eine intratumorale Immunantwort sowie der Nachweis IDH1R132H-spezifischer T-Helferzellen im Tumorgewebe nach Vakzinierung legen eine biologische EffektivitƤt nahe. Basierend auf prƤklinischen Hinweisen untersucht die aktuell rekrutierende multizentrische NOA-21-Studie in einer Phase-I-Studie die Sicherheit einer Kombination der IDH1R132H-Vakzine mit dem Immuncheckpoint-Inhibitor Avelumab (NCT03893903). Dabei werden auch mƶgliche Resistenzmechanismen am Tumorgewebe unter Therapie untersucht (Abb. 1).
Hintergrund: Mutationen im MAPK/ERK Signalweg wurden in ungefƤhr 95% pilozytischer Astrozytome (PA) gefunden und gelten mittlerweile als krankheitsdefinierend. Die hƤufigste molekulare Alteration ist die KIAA1549āBRAF Fusion, welche in 60-70% der FƤlle auftritt und mit einer besseren Prognose einhergeht, verglichen mit PA ohne diese Fusion. Die BRAF-V600E-Mutation wird in ca. 10% der PA nachgewiesen.
Therapie: Die initiale Therapie der PA besteht in der maximal mƶglichen Resektion. Erst bei Tumorprogress oder nicht mƶglicher OperabilitƤt wird eine Radiotherapie empfohlen und es kƶnnen auf experimenteller Basis zielgerichtete Therapien eingesetzt werden.
Diffuse Astrozytome WHO-Grad 2 und 3, IDH-wild-type
Hintergrund: Diffuse Astozytome IDH-wild-type sind eine heterogene Tumorgruppe, meist mit molekularen Eigenschaften wie bei Glioblastomen und seltener mit einem eher indolentem Verlauf. Bei Gliomen WHO-Grad 2 oder 3, die keine IDH-Mutation aufweisen, kann molekular ein Glioblastom diagnostiziert werden, wenn entweder eine EGFR-Amplifikation oder ein chromosomaler Gewinn auf Chromosom 7 bei komplettem Verlust von einem Chromosom 10 oder aber eine TERT (Telomerase reverse Transkriptase)-Promotor-Mutation vorliegt.
Die postoperative Radiotherapie ist vorlƤufig die Standardtherapie für Tumoren, die nicht die Kriterien eines Glioblastoms erfüllen. Ein Ćberlebensvorteil einer zusƤtzlichen Chemotherapie zur Radiotherapie bei WHO-Grad-2-Astrozytomen war in der RTOG-9802-Studie nur bei Patienten mit IDH-mutierten Tumoren nachweisbar, nicht aber bei IDH-wild-type-Tumoren (3). Es bleibt zu erforschen, weshalb Glioblastome von einer konkomitierenden und adjuvanten Chemotherapie profitieren und Astrozytome vom IDH-wild-type nicht. Die Rolle des MGMT-Promoter-Methylierungsstatus ist bei diesen Gliomen im Gegensatz zu den Glioblastomen auch weniger gut definiert. Nach Versagen der PrimƤrtherapie ist eine molekulare Charakterisierung bei IDH-wild-type-Gliomen mit der Suche therapierbarer Targets eine Option. Therapie: Nach maximal und neurologisch sicherer Resektion kann in AusnahmefƤllen und bei fehlenden klinisch-radiologischen Risikofaktoren (d.h. Alter < 40, kein Resttumor) und WHO-Grad 2 eine initiale Wait-and-see-Strategie verfolgt werden. Bei allen anderen WHO-Grad-2-Astrozytomen empfiehlt sich eine postoperative Radiotherapie mit 50.4-54 Gy optional gefolgt von PCV oder Temozolomid. Bei WHO-Grad 3, IDH-wild-type-Astrozytomen ist aufgrund fehlender Alternativen eine postoperative Therapie analog den Glioblastomen empfohlen, d.h. eine kombinierte Radio-Chemotherapie (59.4-60 Gy) und Temozolomid, gefolgt von einer Temozolomid-Erhaltungstherapie über 6 Zyklen. Bei Kontraindikationen für eine Chemotherapie kann auch eine alleinige RT mit einem Aequivalent von 60 Gy durchgeführt werden (Abb.ā3).
Die Gruppe der Glioblastome enthält auch histologische Sub-typen wie das Riesenzell-Glioblastom, das Gliosarkom und epitheloide Glioblastome (welche in bis zu 50% eine BRAF-Mutation aufweisen). Therapie: Die Therapierichtlinien berücksichtigen das Alter, den Karnofsky-Performance-Status (KPS) und den MGMT-Promoter-Methylierungsstatus, wie im Algorithmus in Abb. 4 dargestellt.
Die postoperative Therapie bei Glioblastomen wurde 2005 weltweit standardisiert mit konkomitierender Radio-Chemotherapie mit 60 Gy und Temozolomid, gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit Temozolomid über 6 Zyklen (10). 2019 wurde die NOA-09-Studie publiziert, welche zusätzlich zur Standardtherapie bei methyliertem MGMT-Promoter Lomustin (CCNU) ergänzt (11). Die Kombination beider Alkylantien, Temozolomid und Lomustin, hat bei insgesamt kleiner Patientenzahl zwar zu einer Verlängerung des OS, aber auch zu erhöhter Knochenmarkstoxizität geführt, weshalb diese Chemotherapie-Kombination eher bei jungen Patienten und nicht breit Anwendung findet. Für neu diagnostizierte Glioblastome ist optional die Tumor-Treating-Field-Therapie (TTFields) in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern zugelassen. Es handelt sich dabei um elektrische Wechselfelder mit niedriger Intensität und mittlerer Frequenz (200 kHz), die über der Tumorregion mit speziellen Transducern angelegt werden. Diese Therapie, welche der Patient über mindestens 18 Stunden pro Tag tragen soll, hat in einer randomisierten Phase-III-Studie zu einer Verlängerung des PFS und des OS geführt verglichen mit der Standardtherapie bei Glioblastom. TTFields werden, bis auf mögliche Hautirritationen, gut vertragen und sind in ihrer Wirkung unabhängig von Glioblastom-Subgruppen (12). Bei hohem Alter und schlechtem KPS ist im Gespräch mit Patient und seinen Angehörigen auch «best supportive care» eine mögliche gemeinsame Entscheidung.
Bevacizumab, als hauptsƤchlich Ćdem-reduzierende, antiangiogene Substanz, hat bei neu diagnostizierten Glioblastomen in zwei grossen randomisierten Studien keinen Ćberlebensvorteil gebracht und wird deshalb nur im Rezidiv oder bei Radionekrose zur Symptombeeinflussung eingesetzt.
Es gibt bislang noch keine positiven Studiendaten, welche einen Immuncheckpoint-Inhibitor in der postoperativen Phase zusätzlich zur Standardtherapie stützen. Die Suche nach Subgruppen, für welche eine Immuntherapie einen Vorteil bringen könnte, geht weiter. Studien hierzu sind in der Schweiz offen und können bei den Verfassern dieses Artikels angefordert werden.
Histon-mutierte Gliome, IDH-wild-type
Hintergrund: Histon H3.3 Missense-Mutationen beeinflussen die epigenetische Regulation der Genexpression. Therapie: Diffuse Mittelliniengliome mit der Mutation H3K27M, WHO-Grad 4 werden mit 54-60Gy radiotherapiert, alternativ chemo-radiotherapiert mit Temozolomid analog den Glioblastomen, aber noch mit ungenügender Evidenzlage.
Diffuse HemisphƤren-Gliome mit der Mutation H3.3.G34, WHO-Grad 4 sind zu einem hohen Prozentsatz MGMT methyliert und werden chemo-radiotherapiert mit Temozolomid analog den Glioblastomen. Bisher liegen für diese vergleichsweise neuen TumorĀentitƤten nur limitierte Daten und Erfahrungswerte vor.
Das diagnostische und therapeutische Management bei Patienten mit neu diagnostizierten Gliomen sollte den Empfehlungen eines interdisziplinären neuro-onkologischen Tumorboards folgen, welche sich auf die neue WHO-Klassifikation, die aktuelle Datenlage abgeschlossener Studien, den Zugang zu laufenden Studien oder auf einen internationalen Konsensus abstützen.
Dabei sind der Allgemeinzustand und die Bedürfnisse der Betroffenen zu berücksichtigen. Neurorehabilitation, Psychoonkologie und soziale Beratung gehören zur ganzheitlichen Betreuung. Für weiterführende Informationen verweisen wir auf die aktuelle EANO (Europiean Association of Neuro-Oncology) Guideline (13).
Die Autorinnen und der Autor haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.
ā Die aktuelle Revision der WHO-Klassifikation 2021 von Tumoren des Zentralnervensystems führt entscheidende VerƤnderungen in der Diagnostik und Nomenklatur ein, mit Folgen in Bezug auf die Art, wie wir Patienten mit Gliomen behandeln.
ā Für viele der neu definierten KrankheitsentitƤten in der neuen WHO-Klassifikation sind noch keine Daten über spezifische Behandlungsergebnisse verfügbar; die Extrapolation aus Daten früherer klinischer Studien bleibt eine Herausforderung.
1. Friedrich M, Bunse L, Wick W et al.: Perspectives of Immunotherapy in isocitrate dehydrogenase-mutant gliomas. Curr Opin Oncol 30(6): 368-374, 2018. DOI: 10.1097/CCO.0000000000000478
2. Buckner JC, Chakravarti A, Curran WJ Jr et al.: Radiation plus procarbazine, CCNU, and vincristine in Low-Grade Glioma. NEJM 374:1344-1355, 2016. DOI:10.1056/NEJMc1605897
3. Bell EH , Zhang P, Shaw EG et al.: Comprehenisve Genomic Analysis in NRG
Oncology/RTOG 9802: A Phase III Trial of Radiation versus Radiation plus Procarbazine, Lomustine (CCNU), and Vincristine in High-Risk Low Grade Glioma. J Clin Oncol 38:3407-3417, 2020. DOI: 10.1200/JCO.19.02983
4. Baumert BG, Hegi ME, van den Bent MJ et al.: Temozolomide chemotherapy
versus radio- therapy in high-risk low-grade glioma (EORTC 22033-26033): a randomised, open-label, phase 3 intergroup study. Lancet Oncol 17(11):1521-1532, 2016. DOI:10.1016/ S1470-2045(16)30313-8
5. Cairncross G, Wang M, Shaw E et al.: Phase III trial of chemo- radiotherapy for anaplastic oligodendroglioma: long-term re- sults of RTOG 9402. J Clin Oncol 31: 337ā343, 2013. DOI:10.1200/JCO.2012.43.2674
6. van den Bent MJ, Brandes AA, Taphoorn MJ, et al.: Adjuvant procarbazine,
lomustine, and vincristine chemotherapy in newly diagnosed anaplastic oligodendroglioma: long-term follow-up of EORTC brain tumor group study 26951. J Clin Oncol 31: 344ā350, 2013. DOI: 10.1200/JCO.2012.43.2229
7. van den Bent MJ, Baumert B, Erridge SC et al.: Interim results from the CATNON trial (EORTC study 26053-22054) of treatment with concurrent and adjuvant temozolomide for 1p/19q non-co-deleted anaplastic glioma: a phase 3, randomised, open-label intergroup study. Lancet 390(10103):1645-1653, 2017. DOI:10.1016/S0140-6736(17)31442-3. Erratum in: Lancet. 390(10103):1644, 2017
8. van den Bent MJ, Tesileanu CMS, Wick W et al.: 2nd interim analysis and IDH status of the EORTC randomized phase III CATNON trial on adjuvant and concurrent temozolomide in anaplastic astrocytoma. Lancet Oncology 22 (6) 813-823, 2021. DOI:https://doi.org/10.1016/S1470-2045(21)00090-5
9. Mellinghoff I, Ellingson BM, Touat M et al.: Ivosidenib in Isocitrate Dehydrogenase 1 Mutated Advanced Glioma. J Clin Oncol 38(29): 3398-3406, 2020. DOI: 10.1200/JCO.19.03327
10. Stupp R, Mason WP, van den Bent MJ et al.: Radiotherapy plus concomitant and adjuvant temozolomide for glioblastoma. N Engl J Med 352: 987ā996, 2005. DOI:10.1056/ NEJMoa043330
11. Herrlinger U, Tzaridis T, Mack F, et al.: Lomustine-temozolomide combination therapy versus standard temozolomide therapy in patients with newly diagnosed glioblastoma with methylated MGMT promoter (CeTeG/NOA-09): a randomised, open-label, phase 3 trial. Lancet 393(10172):678-688, 2019. DOI:10.1016/S0140-6736(18)31791-4
12. Stupp R, Tailllibert S, Kanner A et al.: Effect of Tumor-Treating Fields Plus Maintenance Temozolomide vs Maintenance Temozolomide Alone on Survival in Patients With Glioblastoma.A Randomized Clinical Trial. JAMA 318 (23): 2306-2316, 2017. DOI:10.1001/jama.2017.18718
13. Weller M, van den Bent M, Preusser M et al.: EANO Guidelines on the diagnosis and treatment of diffuse gliomas of adulthood. Nature Reviews | Clinical Oncology 2020. doi.org/10.1038/s41571-020-00447-z
Brustkrebspatientinnen wünschen sich eine Integration von Komplementärmedizin in die ärztliche Versorgung. Dieser Artikel gibt Antworten auf eine häufig gestellte Frage: «Was kann ich noch tun, um meinen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen oder Nebenwirkungen der Therapie zu reduzieren?» Es gibt evidenzbasierte supportive Massnahmen aus der Komplementärmedizin, die laut Praxis-Leitlinien für bestimmte Symptome oder zur Besserung der Lebensqualität empfohlen werden können.
Im Juli 2021 wurde die erste S3-Leitlinie zu komplementƤren Therapien im deutschen Leitlinienprogramm Onkologie publiziert. Ein grosser Teil der dort zusammengestellten Studien wurde mit Brustkrebspatientinnen durchgeführt und je nach Umfrage ist mindestens jede zweite Patientin eine Nutzerin (1). Die Beweggründe der Patientinnen für das Interesse an KomplementƤrmedizin sind vielfƤltig. Es ist wichtig, diese zu erfragen, um auch passende Informationen und Empfehlungen geben zu kƶnnen. Wenn die Erwartungen der Patientin und der Ćrztin, des Arztes an die Inhalte des GesprƤchs und an die Frage, was KomplementƤrmedizin leisten kann, nicht abgeglichen werden, kann dies zu MissverstƤndnissen oder gar zu Unzufriedenheit führen.
Der Fokus dieses Artikels liegt auf der supportiven Anwendung von komplementƤren Therapien im Sinne einer integrativen Onkologie. Diese wurde von der internationalen Society for Integrative Oncology definiert (2) (Definition s. Box 1).
Drei Aspekte aus dieser Definition ā Patientenzentrierung, Evidenz und Patientinnen als aktive Teilnehmerinnen in der Krebsbehandlung ā sollen in diesem Artikel nƤher ausgeführt werden.
Ziel ist es auch, das Thema KomplementƤrmedizin in den Kontext der alltƤglichen Praxis zu setzen.
Evidenz aus Leitlinien
Seit einiger Zeit liegt bereits die Praxisleitlinie der Society for Integrative Oncology (SIO) zur Komplementärmedizin bei Brustkrebs vor, die von der American Society for Clinical Oncology (ASCO) (3) anerkannt wurde. Diese wird nun durch die deutlich umfangreichere S3-Leitlinie zu Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen der AWMF ergänzt (4). Ein Auszug wichtiger Empfehlungen aus beiden Leitlinien ist in Tab. 1 dargestellt. Bei den beiden Leitlinien wird deutlich, dass hauptsächlich die nicht-pharmakologischen Therapien, wie z.B. Yoga, Achtsamkeitstraining oder Akupunktur/Akupressur empfohlen werden. Diese werden in Tab. 2 etwas näher ausgeführt. Diese Verfahren berücksichtigen zumeist den Wunsch vieler Frauen mit Brustkrebs, selber etwas aktiv tun zu können. Neben der positiven Evidenz aus wissenschaftlichen Studien haben sie auch den Vorteil, dass sie sich zumeist gut mit der antitumoralen Therapie kombinieren lassen, ohne dass man auf Interaktionen achten muss.
Hingegen liegt für Phytotherapeutika und Nahrungsergänzungsmittel weniger Evidenz vor, und diese sind eher mit einem Risiko der Interaktion mit der antitumoralen Behandlung assoziiert. In der Schweiz wird aber auch die Misteltherapie häufig von Patientinnen mit Brustkrebs nachgefragt. Nach der S3-Leitlinie kann die subkutan verabreichte Misteltherapie im Einzelfall zur Verbesserung der Lebensqualität empfohlen werden, während die Leitlinie der SIO sich aufgrund der unterschiedlichen Präparate und wenig Erfahrung mit Misteltherapie in den USA eher zurückhaltend äussert. In der S3-Leitlinie gibt es jedoch auch Therapien, von denen abgeraten wird. Diese sind in Tab. 3 zusammengefasst.
Die Patientin im Zentrum
Es ist wichtig die Empfehlungen zur Komplementärmedizin und das Gespräch dazu an die Patientin anzupassen, denn «one size fits all» widerspricht dem Prinzip einer Integrativen Onkologie. Es ist gut, die Werte und Wünsche der Patientin sowie mögliche kulturelle Einflüsse zu kennen oder zu erfragen, bevor man spezifische Empfehlungen ausspricht. Es gibt z.B. Patientinnen, denen achtsamkeitsbasierte Verfahren zu «spürig» sind, während andere sich davon stark angesprochen fühlen.
Auch Vorerfahrungen spielen eine Rolle. Viele Frauen haben bereits vor ihrer Brustkrebserkrankung Komplementärmedizin genutzt. Daraus entstehen Erwartungen, die sich auf die Auswahl und möglicherweise auch die Wirksamkeit komplementärer Therapien während der Brustkrebserkrankung auswirken können. Bisherige Forschung zu Erwartungen an das Therapieergebnis zeigt, dass positive Vorerfahrungen sich auf die Erwartungen auswirken und dass hohe Erwartungen an den Therapieoutcome den Placeboeffekt steigern können. Umgekehrt kann die Erwartung von Nebenwirkungen auch zu mehr Nebenwirkungen führen. Eine Beobachtungsstudie mit 111 Patientinnen über 24 Monate (5) weist z.B. darauf hin, dass negative Erwartungen bzgl. einer endokrinen Behandlung bei Brustkrebs das Risiko von behandlungsspezifischen Nebenwirkungen, Nocebo-Nebenwirkungen und Non-Adhärenz erhöhen können. Placebo und Nocebo spielen in der Medizin eine wichtige Rolle (6) und die Aufklärung der Patientin darüber kann helfen, Nebenwirkungen zu reduzieren (7). Es ist kein primär komplementärmedizinisches Thema, lässt sich aber im Gespräch gut damit kombinieren.
Das Interesse an Komplementärmedizin und die Vorerfahrungen mit Komplementärmedizin lassen sich gut anhand von Fragebögen erfassen. Verwendet man Fragebögen in der Praxis, ist es aber zwingend, diese auch zusammen mit den Patientinnen in der Sprechstunde zu besprechen, um die Sinnhaftigkeit des Ausfüllens aufzuzeigen.
Die Patientin zur aktiven Teilnehmerin am Behandlungsprozess machen
Die aktive Einbindung der Patientinnen in die Behandlung ist ein wichtiges Element in der integrativen Onkologie und eine StƤrke einiger komplementƤrmedizinischer Therapien. Eine Akupressur (z.B. bei Ćbelkeit oder Fatigue), welche die Patientin selbst durchführen kann, hat sehr viel mehr aktiven Anteil als eine vom Behandler oder von der Behandlerin durchgeführte Akupunktur. Bei der aktiven Teilnahme geht es auch um eine Verbesserung der Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit wird von Schwarzer beschrieben als die subjektive Ćberzeugung, kritische Anforderungssituationen aus eigener Kraft erfolgreich bewƤltigen zu kƶnnen (8). Dabei wird an neue oder schwierige Situationen aus allen Lebensbereichen gedacht sowie an Barrieren, die es zu überwinden gilt. Dabei wird auch von der Annahme ausgegangen, dass Menschen ihre Erfolgs- und Misserfolgserfahrungen sich selbst zuschreiben und danach generalisieren. Dies zeigt auch, wie wichtig es ist, mit der Patientin realistische Ziele bei geplanten LebensstilƤnderungen zu vereinbaren. Bei zu hoch gesteckten Zielen (z.B. ich mache ab morgen jeden Tag 30 Minuten Sport) ist die Gefahr einer Misserfolgserfahrung zu gross. Auch ist es wichtig, LebensstilƤnderungen mit sog. Ā«Behavioural Change TechniquesĀ» zu begleiten, um die langfristige Umsetzung zu sichern. Zu den bewƤhrten Techniken gehƶren z.B. die Setzung von realistischen Zielen, die Identifikation von Barrieren, eine Umsetzungsplanung sowie die soziale Unterstützung bei der Durchführung.
Integration in die Praxis und Zugang zu Ressourcen
KomplementƤrmedizin kann man unterschiedlich in den gynƤkologischen Praxisalltag integrieren. Man kann Patientinnen Informationen zu dem Thema geben, mit Patientinnen komplementƤre Therapien auswƤhlen oder auch Patientinnen mit komplementƤren Therapien behandeln (9).
Viele Patientinnen erwarten von ihrer Gynäkologin oder von ihrem Gynäkologen zumindest eine kompetente Beratung zum Thema Komplementärmedizin oder besser noch ein konkretes Angebot. Die Leitlinien zeigen, dass es dabei nicht um die Verordnung von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln geht, sondern zumeist um nicht-pharmakologische Verfahren. Es geht aber auch darum, der Patientin Zugang zu entsprechenden qualitätsgesicherten Angeboten vermitteln zu können, wenn diese in der eigenen Praxis oder Klinik nicht vorhanden sind. Unser in einem wissenschaftlichen Konsensusprozess (10) entwickelte Flyer für seriöse Anbieter kann hier heruntergeladen und mit einem Verweis auf die eigene Praxis oder Klinik versehen werden: http://www.iki.usz.ch/forschung/Seiten/kokon-kto.aspx.
Auch Online-Angebote können hilfreich sein. Laut S3-Leitlinie «Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten» sollen jeder Krebspatientin Entspannungsverfahren empfohlen werden (11). Jedoch haben nicht alle Patientinnen dazu Zugang. Auf unserer Webseite am Universitätsspital Zürich ermöglichen wir einen kostenlosen Zugang zu Audios mit Entspannungsübungen für Menschen mit Krebserkrankungen: https://www.mbm-usz.ch/krebs/.
Mƶchte man sich selbst fortbilden, so bietet die Kommission Integrative Medizin der Arbeitsgemeinschaft gynƤkologische Onkologie ein strukturiertes Fortbildungscurriculum zur integrativen Medizin (12) für Ćrztinnen und Ćrzte an, welches auch unser evidenzbasiertes Training beinhaltet und international abgestimmte Kompetenzen für integrative Onkologie vermittelt (13,ā14).
Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in der «info@gynäkologie» 04-2021 erschienenen Originalartikels.
Renate Rugieri Stiftung; Schweizer Fachverband Mind Body Medicine; International Association for Mind-Body-Medicine and -Health e.V. (IAM); Arbeitsgruppe Supportive and Palliative Care der Swiss Group for Clinical Cancer Research (SAKK); Arbeitsgruppe «Interprofessionalität» der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW); Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie;
Society of Integrative Oncology (SIO); Society of Acupuncture Research.
ā Brustkrebspatientinnen wünschen sich eine Integration von KomplementƤrmedizin in die Versorgung und das Thema sollte besprochen werden.
ā Es ist wichtig, die Beweggründe der Patientin zu verstehen und die Erwartungen bezüglich des GesprƤchs und an die komplementƤren Therapien vorher abzugleichen.
ā Die Empfehlungen zur KomplementƤrmedizin sollten evidenzinformiert und patientenzentriert sein.
ā Verfahren, die eine aktive Beteiligung der Patientinnen ermƶglichen, sollten bevorzugt werden und LebensstilƤnderungen sollten unterstützend begleitet werden.
1. Keene MR, Heslop IM, Sabesan SS, Glass BD. Complementary and alternative medicine use in cancer: A systematic review. Complementary therapies in clinical practice 2019;35:33-47
2. Witt CM, Balneaves LG, Cardoso MJ, Cohen L, Greenlee H, Johnstone P, et al. A comprehensive definition for integrative oncology. J Natl Cancer Inst Monogr 2017;2017(52):lgx012
3. Lyman GH, Bohlke K, Cohen L. Integrative therapies during and after breast cancer treatment: ASCO endorsement of the SIO clinical practice guideline summary. Journal of oncology practice 2018;14(8):495-499
4. Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF. Leitlinienprogramm Onkologie: Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen. 2021 (Verfügbar: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/032-055OL.html)
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11. Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF. Leitlinienprogramm Onkologie: Leitlinie Psychoonkologie. 2021 (Verfügbar: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie/)
12. Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. AGO. Kommission IMed (Integrative Onkologie in der Medizin). 2021 (Verfügbar: https://www.ago-online.de/ago-kommissionen/kommission-imed)
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Das kutane Plattenepithelkarzinom (PEK) stellt nach dem Basalzellkarzinom den zweithäufigsten Hauttumor in der hellhäutigen Bevölkerung dar und ist histologisch charakterisiert durch die maligne Proliferation von epidermalen Keratinozyten (1). Das PEK tritt vornehmlich an UV-Licht exponierten Hautarealen auf (80%-90% in der Kopf-Hals-Region) und ist ein Tumor des höheren Alters (>70 Jahre) (2-4). Hauptrisikofaktor für die Entstehung des PEK stellt die kumulative UV-Belastung dar.
In genomischen Analysen lƤsst sich für PEKs die typische UV-Mutationssignatur mit ihren charakteristischen C >āT oder CCā> TT Dinukleotid-Mutationen nachweisen, welche auch für das kutane Melanom charakteristisch sind. Im Vergleicht der verschiedenen TumorentitƤten weist das kutane Plattenepithelkarzinom bei weitem die hƶchsten Mutationsraten mit durchschnittlich 61,2/Megabase auf und liegt damit um das 4-5-fache hƶher als beim malignen Melanoms mit 13,2/Megabase (5). Die Heilungschancen sind für die meisten Patienten mit lokalisiertem Plattenepithelkarzinom nach adƤquater Therapie (vollstƤndige chirurgische Exzision +/- adjuvanter Radiotherapie im Falle einer R1-Situation oder ausgeprƤgter Perineuralscheiden-Infiltration) hoch, mit 10 Jahres krankheits-spezifischem Ćberleben von deutlich über 90% (6). Lediglich 2,8% des von Eigentler et al. prospektiv untersuchten Kollektivs von über 1400 Pateinten entwickelten nach PrimƤrtherapie Metastasen und verstarben an den Folgen der Erkrankung (6). Eine Alternative zur Exzision stellt die primƤre Radiotherapie dar mit lokalen Rezidivraten von 3-11% (7).
Systemische BehandlungsansƤtze des fortgeschrittenen PEK
WƤhrend für das lokalisierte PEK zwei TherapiemodalitƤten mit ausgezeichneten Heilungschancen (>ā90%) zur Verfügung stehen, ist die Behandlung des bereits fortgeschrittenen PEK deutlich problematischer. Dabei wird klinisch zwischen einem rein lokal fortgeschrittenen PEK und dem metastasierten (lymphogen oder peripher) PEK unterschieden. Für beide klinischen Szenarien sind die lokaltherapeutischen Massnahmen entweder wie im Falle des lokal fortgeschrittenen PEK ausgeschƶpft (z. Bsp. lokales Rezidiv nach mehrmaliger Exzision oder vorangegangener Radiotherapie), oder aber nicht mehr sinnvoll wie im Falle beim Vorliegen von peripheren Metastasen.
Für diese Patientengruppen liegt eine palliative Gesamtsituation vor und eine systemische Behandlung ist primƤr indiziert. Bis zur Einführung der Immun-Checkpoint Inhibitoren (ICI) in den klinischen Alltag existierte kein Standard bei der Wahl der Systemtherapie für diese Patienten und die medianen Ćberlebenszeiten bei Einsatz von konventionellen Chemotherapeutika (z.Bsp. Cisplatin/5-FU, Carboplatin/Taxol) oder Medikamenten gegen den EGF-Rezeptor (Cetuximab, Panitumuab) und dessen Kinase-DomƤne (Erlortinib, Gefitinib) betrugen nicht mehr als 16 Monate (8-10).
Immun-Checkpoint Inhibitoren als neue Therapiemƶglichkeit des fortgeschrittenen PEK
Seit der Zulassung des ersten Immun-Checkpoint Inhibitors Ipilimumab (anti-CTLA4-Antikörper) im März 2011 durch die FDA für das metastasierte Melanom hat sich die Behandlungslandschaft in der Onkologie rasant verändert. Insbesondere Antikörper zur Blockierung der PD1/PD-L1 Achse, die ein besseres Wirkungs- und günstigeres Nebenwirkungsprofil als die anti-CTLA-4 Antikörper in der Monotherapie aufweisen finden heute Anwendung im klinischen Alltag.
Auf Grund der kausalen Beteiligung der kumulativen UV-Exposition an der Entstehung der PEKs weisen diese, wie bereits eingangs erwƤhnt, die hƶchste Mutationsrate unter den verschiedenen TumorentitƤten auf. Unter der Annahme, das für Tumoren mit hohen Mutationsraten, die Wahrscheinlichkeit für die Bildung von Neoantigenen steigt die in der Folge vom Kƶrpereigenen Immunsystem als Ā«fremdĀ» erkannt werden kƶnnen, sollten die PEKs für die Behandlung mit ICI geradezu prƤdestiniert sein. Erste klinische Hinweise für die Wirksamkeit von ICIs beim fortgeschrittenen PEK lieferten Fallbeschreibungen zum Einsatz der anti-PD1 Antikƶrper Pembrolizumab, Nivolumab oder Cemiplimab mit zum Teil langanhaltenden, kompletten Remissionen (>ā24 Monate) (10-12). In Abbildung 1 ist der erfreuliche Verlauf eines 83-jƤrigen Patienten mit multiplen PEK unter einer Behandlung mit Cemiplimab dargestellt. Basierend auf diesen vielversprechenden Fallbeschreibungen wurde eine erste prospektive, multizentrische Phase 1/2 Studie mit Cemiplimab lanciert (13): 26 Patienten (10 lokal fortgeschrittenes PEKā+ā16 metastasiert) aus der erweiterten Phase 1, sowie 59 Patienten mit metastasiertem (lymphogenā+āperipher) PEK erhielten 2-wƶchentlich Cemiplimab in einer Dosierung von 3āmg/Kg Kƶrpergewicht intravenƶs. Die Behandlung wurde in der Phase 1 bis maximal 48 Wochen in Phase 2 bis insgesamt 96 Wochen fortgeführt. Für 13 der 26 Patienten (50%) aus der Phase 1 und 28 der 59 Patienten (47%) aus der Phase 2 konnte unter der Behandlung ein objektives Ansprechen mit kompletten Remissionen für vier metastatische Patienten erzielt werden. Ein weiterer Zugewinn für einen Teil der Patienten war neben den hohen Ansprechraten auch die Dauer des Ansprechens von mindestens 6 Monaten in mehr als der HƤlfte (57%) der Ā«ResponderĀ». Als hƤufigste Nebenwirkungen traten die für eine ICI-Behandlung typischen Symptome wie Durchfall (27%, Müdigkeit (24%), Ćbelkeit (17%) und Hautauschlag (15%) auf. In den 12-Monats Verlaufsdaten der Kohorte für metastasierte PEK bestƤtigte sich die hohe Ansprechrate von rund 50% mit einer Dauer des Ansprechens von mehr als 12 Monaten für 75% der Ā«ResponderĀ», das mediane Progressionsfreie Ćberleben betrug 18.4 Monate. (14).
Cemiplimab als neuer Standard in der Systemtherapie
Basierend auf diesen Daten wurde Cemiplimab am 28.9.2018 durch die FDA und von der EMA am 28.6.2019 als Monotherapie zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit metastasiertem oder lokal fortgeschrittenem kutanen Plattenepithelkarzinom, die für eine kurative Operation oder kurative Strahlentherapie nicht in Betracht kommen zugelassen. Die Behandlung erfolgt in einer fixen Dosierung von 350mg in 3 wöchentlichen Intervallen gewichtsunabhängig, basierend auf pharmakokinetischen Studien.
Eine separate Phase 2 Studie untersuchte parallel die Wirksamkeit von Cimiplimab für rein lokal fortgeschrittene PEK (Patienten ohne lymphogene oder periphere Metastasen) für die eine kurativ intendierte chirurgische oder radiotherapeutische Behandlung nicht (mehr) in Frage kam (15). Insgesamt 78 Patienten erhielten Cemiplimab 3mg/kg in 2-wƶchentlichen Intervallen für maximal 96 Wochen. Dabei konnte erneut eine hohe Ansprechrate von 44% (34 von 78 Patienten mit 10 kompletten Remissionen) erzielt werden. 23 der 34 Ā«ResponderĀ» (68%) zeigten zudem eine Dauer des Ansprechens von mindestens 6 Monaten, das mediane progressionsfreie Ćberleben, sowie das mediane Gesamtüberleben ist für die Kohorte zum Zeitpunkt des Data-cutoffs noch nicht erreicht gewesen. Diese zweite Studie unterstützt nachdrücklich die Entscheidung der FDA und EMA für die Zulassung von Cemiplimab in entsprechender Indikation. Neben der Wirksamkeit wurde in dieser Studie auch der PD-L1 Status und die individuelle Mutationsrate des Tumors als mƶgliche prƤdiktive Marker untersucht. Weder der PD-L1 Ā«tumor proportion scoreĀ» (TPS), noch die Hƶhe der Mutationsrate (im Mittel 74/Megabase) erwiesen sich diesbezüglich als aussagekrƤftig.
Neben Cemiplimab werden auch Pembrolizumab (anti-PD1 Antikörper) und Avelumab (anit-PD-L1 Antikörper) in klinischen Studien für das fortgeschrittene PEK untersucht: Erste Daten zu Pembrolizumab als Erstlinien-Therapie zeigten ein Ansprechen für 15 der 39 behandelten Patienten (38.5%). Avelumab wird in einer randomisierten Phase 2 Studie als Monotherapie oder in Kombination mit Cetuximab untersucht und in einer weiteren Phase 2 Studie wird Cemiplimab in Kombination mit einer lokalen Therapie (intraläsionale Applikation eines oncolytischen Virus, RP1) getestet. Aktuell rekrutieren zudem auch zwei randomisierte Phase 3 Studien zur adjuvanten Behandlung mit entweder Cimiplimab oder Pembrolizumab (NCT03969004, NCT03833167).
Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.
Die Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem PEK hat sich mit der Einführung der Checkpoint-Inhibitoren deutlich verbessert. So lassen sich mit dem Einsatz von Cemiplimab Ansprechraten von bis zu 50% der behandelten Patienten erzielen, für ca. 2/3 der «Responder» ist zudem ein Langzeitansprechen von mindestens 6 Monaten möglich.
Weiterhin fehlen aber verlƤssliche prƤdiktive Marker: Weder der PD-L1 TPS-Score noch die Bestimmung der globalen Mutationsrate im Tumor sind in diesem Falle aussagekrƤftig. Ein weiterhin schwierig zu behandelndes Kollektiv bleibt das fortgeschrittene PEK von Organ-EmpfƤngern unter Immunsuppression. Hier ist der Einsatz von ICI in der Regel mit einer Transplantatabstossung verbunden und es kommen konventionelle Chemotherapien oder anti-EGFR gerichtete Therapien zum Zuge.
Die Behandlung des fortgeschrittenen PEK mit Cemiplimab stellt bei fehlenden Kontraindikationen gegenwƤrtig den neuen Standard in der systemischen Therapie dar.
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Sarkome sind seltene Tumore: die altersstandardisierte Erkrankungsrate in der Schweiz lag 2011āāāā2015 bei 4.43/100 000/Jahr für Weichgewebssarkome und bei 0.91/100 000/Jahr für Knochensarkome (1). Die aktuelle 5. Edition der WHO Klassifikation listet über 100 EntitƤten intermediƤrer (lokal aggressiv, sehr selten metastasierend) und maligner Weichgewebs- und Knochentumore. Entsprechend ist die Inzidenz auch bei den hƤufigeren EntitƤten wie dem Liposarkom und dem Leiomyosarkom <ā1/100 000/Jahr.
Um Fortschritte in der Behandlung von Sarkomen zu erzielen, ist ā wie bei allen seltenen Erkrankungen ā die internationale Zusammenarbeit in der Forschung und ein Wissenstransfer zentral, ebenso die Behandlung der Patienten durch erfahrene multidisziplinƤre Teams. Dies bedingt den Aufbau von Referenzzentren respektive Referenznetzwerken sowie die entsprechende Zuweisung von Patienten. Bei den Sarkomerkrankungen relevant ist, dass die Zuweisung bereits zum Zeitpunkt der bildgebenden VerdachtsdiaĀgnose und noch vor der Biopsie erfolgt, dies setzt das entsprechende Wissen um AbklƤrungsalgorithmen beim PrimƤrbehandler voraus. Diagnostik und Behandlung in Referenzzentren korreliert positiv mit dem Gesamtüberleben der Patienten und hat entsprechend Eingang in die Guidelines gefunden (2, 3).
Fortschritte sind im letzten Jahr in verschiedenen Bereichen zu verzeichnen, worauf in der Folge eingegangen werden soll.
WHO Klassifikation 5. Edition
Seit diesem Jahr gilt die 5. Edition der WHO-Klassifikation der Weichgewebs- und Knochentumore. Die Fortschritte in der molekularen Charakterisierung verschiedener SarkomentitƤten finden darin Eingang. So wurde die Gruppe der ehemals Ewing-like Sarkome in die rundzelligen Sarkome mit EWSR1-non-ETS Fusionen, CIC-rearrangierte Sarkome und Sarkome mit BCOR Alteration aufgeteilt. Dies bei klinisch differentem, meist aggressiverem Verlauf verglichen mit dem klassischen Ewing Sarkom (4). Ebenso wurden neu die Gruppe der NTRK-rearranged spindel cell neoplasm und der EWSR1-SMAD3-positive fibroblastic tumors geschaffen. Nicht immer ist die molekulare Neuzuordnung bislang mit therapeutischen Konsequenzen verbunden. Die hƤufiger durchgeführten molekularen Analysen haben zudem die Anzahl bekannter Translokationen deutlich erhƶht ā dabei ist die Frage offen, wann diese Genfusionen auch Driver sind und damit in Zukunft therapeutisch angegangen werden kƶnnen (5)
Ewing Sarkom
Am ASCO 2020 wurden die Resultate der Euro Ewing 2012 / R1-Randomisierung (6), der Ewing 2008 / R3-Arm (9) sowie die zweite Interimsanalyse der rEECur Studie (12) prƤsentiert.
Euro Ewing 2012: AnnƤherung in der Definition eines interĀnationalen Standards für die Erstlinien Behandlung des Ewing Sarkoms Die R1 Randomisierung der Euro Ewing 2012 verglich den europƤische Behandlungsstandard (Arm A: Induktion mit 6 Zyklen VIDE, Lokaltherapie, Konsolidierung mit 8 Zyklen VAC/VAI respektive bei lokalisierter Erkrankung mit hohem Risiko 1 Zyklus VAI/HochĀdosischemotherapie mit Busulfan/Melphalan) mit der amerikanischen Standardbehandlung (Arm B: Induktion mit VDC/IE 2-wƶchentlich, Lokaltherapie, Konsolidierung mit IE/VC 2-wƶchentlich), wobei Patienten mit poor risk lokalisierter Erkrankung im Arm B analog dem europƤischen Standard mit Hochdosischemotherapie behandelt wurden (Abb.āā1). In der Schweiz haben die Zentren Bern, Zürich und St.Gallen an der Studie teilgenommen.
Der Arm B zeigte sich sowohl bezüglich Ereignis-freiem Ćberleben (event free survival, EFS) wie bezüglich Gesamtüberleben (overall survival, OS) klar überlegen, sodass die R1 Randomisierung nach Erreichen der statistisch geforderten Minimalanzahl Patienten im Mai 2019 geschlossen wurde. Die nun gezeigten Daten bestƤtigen mit einer Hazard Ratio (HR) von 0.70 (95% CI 0.51-ā0.95) für das EFS und einer HR von 0.64 (95%āāCIāā0.42ā-0.96) für das OS den Vorteil des komprimierten VDC/IE Schemas. Die ToxizitƤten waren vergleichbar (Arm A 68% serious adverse events (SAE) vs. Arm B 67% SAEs) (6). Somit wird der europƤische Standard in der Erstlinientherapie des Ewing Sarkoms durch die amerikanische Standardbehandlung abgelƶst, ergƤnzt durch eine HochdosisĀchemotherapie bei lokalisierter Erkrankung mit hohem Risiko.
Diese Resultate bestätigen den Benefit einer dosisintensiveren Behandlung beim Ewing Sarkom, wie dies bereits vom Benefit der Hochdosischemotherapie bekannt ist. In welchem Ausmass damit vermehrt Langzeittoxizitäten in Kauf genommen werden müssen wird sich weisen, sicherlich sind diesbezüglich gewisse Limiten erreicht. Dringend sollten auch deswegen neue Substanzen in die Behandlung des Ewing Sarkoms integriert werden können. Die Voraussetzung einer einheitlichen Erstlinienbehandlung für zukünftige Studien in möglichst interkontinentaler Zusammenarbeit ist hiermit nun gegeben (7, 8).
Hochdosischemotherapie beim Ewing Sarkom: indiziert ausĀschliesslich bei lokalisierter Erkrankung mit hohem Risiko
Die Ewing 2008 Studie untersuchte in ihrem dritten Studienarm bei Patienten mit primƤr disseminierter Erkrankung den Nutzen einer zusƤtzlichen Hochdosischemotherapie mit Treosulfan und Melphan (Abb. 2). Das 3-Jahres EFS war mit und ohne Hochdosistherapie in der Gesamtkohorte vergleichbar bei 20.9% (95% CI 11.5āāā37.9%) vs. 19.2% (95% CI 10.8āāā34.4.%). Nur für Patienten < 14 Jahre zeigte sich ein mƶglicher Vorteil der Hochdosischemotherapie (3 Jahre EFS 39.9% vs. 9%) (9).
Der Stellenwert der Hochdosischemotherapie in der Erstlinienbehandlung des Ewing Sarkoms nach Induktionstherapie mit VIDE hat sich somit geklƤrt und ist einzig bei Patienten mit lokalisierter Hochrisiko Erkrankung gegeben. Eine lokalisierte Erkrankung wird der Hochrisikogruppe zugeordnet, wenn sich nach IndukĀtionschemotherapie ein schlechtes pathologisches Ansprechen zeigt (ā„ 10% residuelle Tumorzellen) respektive initial ein grosser Tumor vorliegt (ā„ 200 ml), welcher wegen primƤrer oder fehlender Resektion respektive prƤoperativer Radiotherapie bezüglich des pathologischen Ansprechens nicht evaluiert werden kann. Zudem bei Vorliegen eines unresezierten Tumors < 200 ml mit schlechtem radiologischen Ansprechen auf die Induktionschemotherapie. In dieser Patientengruppe konnte durch die Busulfan und Melphalan Hochdosischemotherapie ein klar verbessertes Gesamtüberleben erreicht werden: OS nach 8 Jahren 64.5% (95% CI, 54.4%āāā73.5%) versus 55.6% (95% CI, 45.8%āāā65.1%) (10).
rEECur, Therapie des rezidivierten und primƤr refraktƤren Ewing Sarkoms
In der rEECur Studie werden erstmals verschiedene Chemotherapieschemata in der rezidivierten und primƤr refraktƤren Situation beim Ewing Sarkom untersucht. Dabei erfolgte initial eine Randomisierung in folgende 4 Arme: Topotecan / Cyclophosphamid (TC), Irinotecan/Temozolomid (IT), Gemcitabin/Docetaxel (GD) und hochdosiertes Ifosfamid (IFOS) (Abb. 3). In der ersten geplanten Interimsanalyse zeigte sich eine geringere Effizienz der Therapie mit Gemcitabine/Docetaxel verglichen mit den übrigen 3 Armen (RR 11.5%, median PFS 3.0 Monate, medianes OS 13.7 Monate), sodass dieser Arm geschlossen wurde (11). In der zweiten Interimsanalyse war nun der IT-Arm unterlegen mit einer Ansprechrate von 20%, einem medianen progressionsfreien Ćberleben (progression free survial, PFS) von 4.7 Monaten und einem medianen Gesamtüberleben von 13.9 Monaten (12). In die beiden verbleibenden Arme (TC und IFOS) kƶnnen weiterhin Patienten eingeschlossen werden.
In der Schweiz wird die Studie durch die Schweizerische Pädiatrische Onkologie Gruppe (SPOG) durchgeführt, ein Einschluss von Patienten > 18 Jahren in SPOG-verantworteten Studien ist bislang nicht möglich. Für seltene Erkrankung wie das Ewing Sarkom ist zwingend, möglichst allen Patienten den Zugang zu Studien zu ermöglichen. Für altersübergreifende Erkrankungen sollte hierfür rasch eine möglichst administrationsarme Lösung zwischen Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) und der SPOG gefunden werden.
Dies erhƤlt zusƤtzlich Gewicht, gerƤt die Altersgruppe der Adoleszenten und jungen Erwachsenen (Adolescents and Young Adults, AYA, Alter 15āāā39 Jahre) zunehmend in den Fokus. Die dieser Altersgruppe eigenen oft komplexen medizinischen, psychologischen und sozialen Aspekte bedürfen sowohl in Studien wie im klinischen Alltag einer gesonderten Betrachtung. So ist es auch eine Tatsache, dass die Studienteilnahme von Patienten dieses Alters oft geringer ist als bei pƤdiatrischen Patienten resp. Ƥlteren Erwachsenen. Dies nicht zuletzt auf Grund der herkƶmmlich limitierten Zusammenarbeit zwischen Studiengruppen der pƤdiatrischen und der Erwachsenen Onkologie (13, 14).
Perioperative Systemtherapie
Die Resultate einer japanischen Phase II/III Studie zur perioperativen Systemtherapie beim Weichteilsarkom stützen erneut die Wirksamkeit einer entsprechenden Behandlung (15). In dieser randomisierten Non-InferioritƤtstudie wurde bei operablen G2/G3 Weichteilsarkomen eine perioperative Therapie mit Doxorubicin/Ifosfamid 10g/m2 (AI) mit Gemcitabine/Docetaxel (GD) verglichen. Es erfolgte die Verabreichung von 3 Zyklen prƤoperativ und 2 Zyklen postoperativ. In der zweiten geplanten Interimsanalyse zeigte sich ein 2-Jahresüberleben für AI von 94.3%, für GD von 91.6%. Das PFS für AI lag bei 81.9%, für GD bei 64% bei einer HR von 2.32 (95% CI 1.22āāā4.39). Die Studie wurde auf Grund der fehlenden Non-InferioritƤt von GD geschlossen. Somit bleibt AI Standard für eine perioperative Systemtherapie, falls eine solche durchgeführt wird (16). Die Resultate sind erneut kein formaler Beweis für die Wirksamkeit von AI (neo)adjuvant, legen eine mindestens PFS-relevante Wirkung jedoch sehr nahe ā es sei denn, eine Therapie mit GD stellt einen PFS-relevanten Nachteil dar.
Sehr spannend in diesem Kontext der perioperativen Behandlung sind auch die prƤliminƤren Daten einer Phase II Studie zur konkomitierenden neoadjuvanten Checkpoint Blockade (Nivolumab oder Ipilimumabā/āNivolumab) mit Radiotherapie bei dedifferenziertem retroperitonealen Liposarkom (DDLPS) und undifferenziertem pleomorphen Sarkom (UPS) der ExtremiƤt oder des Rumpfs (17). Es zeigte sich beim UPS ein sehr hohes pathologisches Ansprechen von 95% (95% CI 85%āāā99%), beim DDLPS von 22.5%. Dies unterstreicht die Wertigkeit der Checkpointinhibitortherapie bei gewissen SarkomentitƤten. Weitere zu beachten ist, dass das pathologische und radiologische Ansprechen gemƤss RECIST Kriterien nicht korrelieren ā diese erweisen sich somit zur Evaluation des Therapieansprechens bei Sarkomen erneut als ungenügend.
Ebenso erfreulich sind die Resultate der TRASTS Studie, in welcher Patienten mit myxoidem Liposarkom eine präoperative Radiochemotherapie erhielten: 3 Zyklen Trabectedin sowie Bestrahlung mit 45 Gy (18). Diese Kombination liegt bei bekannter Sensitivität des myxoiden Liposarkoms sowohl auf Radiotherapie als auch auf Trabectedin sowie radiosensitivierender Wirkung von Trabectedin nahe. Im Resektat zeigte sich bei 23/43 Patienten residueller Tumor >10%, in den restlichen 47% ⤠10% respektive bei 14% der Patienten (6/43) ein komplettes pathologisches Ansprechen.
Fortgeschrittenes Sarkom
Für die Behandlung fortgeschrittener Sarkome wurden am ASCO 2020 hauptsächlich Daten zu Kombinationstherapien bereits bekannter Substanzen präsentiert. Weiterhin eher im Hintergrund steht die Immuntherapie, wenn diese auch in einzelnen Entitäten gute Ansprechraten aufweist, wie bereits erwähnt.
So bestƤtigt die finale Analyse der LMS-02 Studie mit den OS-Daten die Wirksamkeit einer Kombinationstherapie mit Doxorubicin und Trabectedin beim Leiomyosarkom (LMS). Diese PhaseāII Studie prüfte beim uterinen LMS (u-LMS) wie beim Weichgewebs LMS (st-LMS) eine Therapie mit Doxorubicin + Trabectedin als Erstlinientherapie. Es zeigte sich ein Ansprechen (complete remission, CR und partial remisson, PR) für das u-LMS von 59.6% (47 Patienten), für das st-LMS von 39.4% (61 Patienten) (19). Nach einem medianen Follow-up von 7.2 Jahren betrug das mediane PFS 10.1 Monate und das mediane OS 34.4 Monate (20). Im indirekten Vergleich fand sich in der Phase III Announce Studie im Therapiearm Doxorubicin mono beim metastasierten LMS ein PFS von 6.9 Monaten und ein OS von 21.9 Monaten. Eine entsprechende randomisierte Phase III Studie lƤuft (LMS04).
Eine Phase Ib/II Studie zur Kombinationstherapie mit Lenvatinib und Eribulin beim fortgeschrittenen Lipo- und Leiomyosarkom nach maximal zwei Vortherapielinien weckt weitere Hoffnung, erreichte die Ansprechrate gemƤss CHOI Kriterien doch sehr gute 67% (Eribulin mono overall response rate 4%) mit einem medianen progressionsfreien Ćberleben von 56 Monaten (Eribulin mono 2.6 Monate) (21).
Von der FDA wurden im letzten Jahr zuĀĀdem verschiedene neue Substanzen für die Behandlung von Sarkomen zugelassen:
2019 Entrectinib, nach Larotrectinib der zweite TRK-Inhibitor für NTRK-fusionsassoziierte Tumore, basierend auf den drei zulassungsrelevanten Studien ALKA, STARTRK-1 und STARTRK-2 sowie Pexidartinib (CSF-1 Rezeptor Inhibitor) für die Behandlung tenosynovialer Riesenzelltumore (22).
2020 erfolgte bislang die Zulassung von Tazemetostat (EZH Inhibitor) für epithelioide Sarkome (23) sowie von Pomalidomid für das HIV-positive wie -negative Kaposi Sarkom (accelerated approval, basierend auf der NIH Studie 12-C-0047). Weiter zugelassen wurde Selumetinib, ein MEK-Inhibitor, für die Behandlung plexifomer Neurofibrome der Neurofibromatose Typ 1 (24), sowie in der Therapie des gastrointestinalen Stromatumors (GIST) Avapritinib (25), mit Wirksamkeit bei PDGFRA D842V Mutation, sowie Ripretinib (26) in der späteren Therapielinie.
Die Behandlung der Sarkome als GesamtentitƤt gehƶrt der Vergangenheit an. Digitalisierung mit verstƤrkter elektronischer Vernetzung sowie die Behandlung der Patienten in national und international kollaborierenden Netzwerken bilden die Voraussetzung, den therapeutischen Fortschritt dieser teils ultrararen Erkrankungen mƶglichst rasch weiter voranzutreiben.
Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.
Ab 2020 gilt die neue WHO Klassifikation 5. Edition der Weichgewebs- und Knochentumore.
Die optimale Erstlinientherapie des Ewing Sarkoms ist heute die Induktion mit VDC/IE, Lokaltherapie, Konsolidation mit IE/VC. Patienten mit lokalisierter Hochrisikoerkrankung erhalten zusƤtzlich eine Hochdosistherapie.
Checkpoint Inhibitoren insbesondere in Kombination mit Radiotherapie zeigen bei einigen Weichteilsarkomen ein sehr gutes pathologisches Ansprechen.
Neue Substanzen für die personalisierte Therapie spezieller Weichteilsarkome wie Larotrectinib und Entrectinib (NTRK+ Sarkome), Pexidartinib (tenosynoviale Riesenzelltumore), Tazemetostat (epithelioide Sarkome), Pomalidomid (Kaposi Sarkome), Selumetinib (Neurofibromatose Typ1), Avapritinib und Ripretinib (GIST) sind teilweise bereits zugelassen.
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