Dramatische Reduktion der Komplikationen

Die klinische Einführung der Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) hat in den letzten 18 Jahren einen regelrechten Paradigmen-Wechsel in der Behandlung der degenerativen Aortenklappenstenose herbeigebracht. Seit der weltweit ersten TAVI in 2002 haben signifikante Verbesserungen in Material und Technik sowie die zunehmende Erfahrung der Operateure zu einer dramatischen Reduktion der Komplikationen geführt. Dank der sehr guten Resultate einer Reihe von publizierten randomisierten Studien hat sich die TAVI als wertvolle Alternative zum chirurgischen Aortenklappen-Ersatz bei Patienten mit hohem und intermediärem chirurgischem Risiko etabliert. Das wachsende Portfolio randomisierter Studien deutet im Moment zudem auf eine Ausweitung der Indikationen auf Patienten mit tiefem chirurgischem Risiko, sowie jüngere und asymptomatische Populationen. Der folgende Übersichtsartikel orientiert über zukünftige Indikationsbereiche der TAVI sowie bestehende Limitationen und offene Fragen.

Lā€™ā€Šā€Šintroduction clinique de lā€™ā€Šimplantation de la valve aortique par transcathĆ©tĆ©risme (TAVI) a entraĆ®nĆ© un changement de paradigme dans le traitement de la stĆ©nose dĆ©gĆ©nĆ©rative de la valve aortique au cours des 18 derniĆØres annĆ©es. Depuis le premier TAVI au monde en 2002, des amĆ©liorations significatives du matĆ©riel et de la technique ainsi que lā€™ā€ŠexpĆ©rience croissante des chirurgiens ont permis de rĆ©duire considĆ©rablement les complications. GrĆ¢ce aux excellents rĆ©sultats de plusieurs Ć©tudes randomisĆ©es publiĆ©es, le TAVI sā€™ā€Šest imposĆ© comme une alternative valable au remplacement chirurgical des valves aortiques chez les patients Ć  risque chirurgical Ć©levĆ© et intermĆ©diaire. Le portefeuille croissant dā€™ā€ŠĆ©tudes randomisĆ©es indique Ć©galement que les indications sont actuellement Ć©tendues aux patients Ć  faible risque chirurgical et aux populations jeunes et asymptomatiques. Lā€™ā€Šarticle de synthĆØse suivant fournit des informations sur les futures indications pour le TAVI, les limitations existantes et les questions ouvertes.

Seit den AnfƤngen der Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) im Jahre 2002 hat diese Technologie zu einem Umdenken in der Behandlung der degenerativen Aortenklappenstenose geführt. Die fortwƤhrende Verbesserung der Prothesen und des Implantations-Materials, die zunehmende Erfahrung der Operateure und die Simplifizierung der technischen Schritte haben zu dramatischen Reduktionen der Komplikationsraten und guten und reproduzierbaren Resultaten geführt. Eine Reihe von prospektiv randomisierten Studien bei Patienten mit schwerer Aortenklappenstenose und prohibitivem, hohem oder intermediƤren chirurgischen Risiko haben die Überlegenheit der TAVI gegenüber konservativen Therapieformen, sowie die Ebenbürtigkeit (in gewissen Studien sogar Überlegenheit) gegenüber dem chirurgischen Aortenklappenersatz (cAKE) belegt (Abb. 1). Einhergehend mit der Ausweitung der TAVI-Indikationen auf Tief-Risiko-Populationen zeigt sich auch eine Reduktion der 30-Tage-MortalitƤt von 5 – 8% (bei Hochrisiko-Patienten) auf < 1% (Abb. 2). Eine kürzlich verƶffentlichte Metaanalyse der bisher publizierten randomisierten TAVI-Studien zeigte eine signifikante 12%ige relative Reduktion der Gesamt-MortalitƤt, sowie eine 19%ige relative Reduktion des Hirnschlag-Risikos im Vergleich zum cAKE (1). Dieser Effekt war konsistent über das gesamte Risikospektrum und unabhƤngig vom verwendeten Prothesentyp. Als Folge dessen empfehlen die EuropƤischen Richtlinien die TAVI bei Patienten mit mehr als moderatem chirurgischen Risiko (> 4% STS Risiko) sofern gute femorale Zugangswege vorhanden sind (2). In der Schweiz zeigt sich innerhalb der letzten Dekade eine deutliche Zunahme der TAVI-Prozeduren (> 1ā€™ā€Š500/ Jahr aktuell), bei abnehmendem kalkulierten Risiko der Patienten (3). Folgende Indikationserweiterungen werden aktuell untersucht:

Patienten mit tiefem chirurgischem Risiko

Die erste randomisierte Studie bei Tief-Risiko-Patienten (< 4% STS Risiko) war NOTION, eine kleine investigator-gesponserte all-comer Studie mit 280 Patienten, welche trotz tiefem chirurgischen Risiko (mittl. STS score 3.0%) bis zu 5 Jahre nach Randomisierung keine Unterschiede im primƤren Endpunkt (Tod, Myokardinfarkt, Stroke) zwischen dem TAVI (CoreValve)- und dem cAKE-Arm zeigte (4). Die beiden grƶsseren industrie-gesponserten Studien waren PARTNER-3 und Evolut Low-Risk (LR). In PARTNER-3 wurden 1ā€™ā€Š000 Tief-Risiko-Patienten (mittl. STS score 1.9%) zu TAVI (Edwards SAPIEN-3) versus cAKE randomisiert (5): Nach einem Jahr war der primƤre Endpunkt (Tod, Stroke, Rehospitalisation) signifikant tiefer in der TAVI-Gruppe (8.5% versus 15.1%). Nach 30 Tagen kam es in der TAVI-Gruppe zu weniger TodesfƤllen und HirnschlƤgen (1.0% versus 3.3%) und die Dauer der Gesamthospitalisation war kürzer. Ƅhnliche Resultate zeigten sich in der Evolut LR Studie mit der selbstexpandierbaren CoreValve Evolut R oder Evolut PRO (6): Eine signifikante Reduktion des kombinierten Endpunkts Tod/Hirnschlag nach 30 Tagen (0.8% versus 2.6%) in der TAVI-Gruppe. Diese hervorragenden Resultate konnten auch unter Ā«Real-WorldĀ»-Bedingungen in prospektiven Beobachtungsstudien reproduziert werden (7). Ausserdem wurden deshalb die beiden Prothesen offiziell für diese Indikation in den USA zugelassen (FDA approved for low risk patients). Inwieweit die TAVI-Indikation auch auf jüngere Patienten (< 75 Jahren) erweitert werden kann, muss in künftigen Studien (z.B. NOTION-2, NCT02825134) geklƤrt werden. Offene Fragen sind unter anderem die Dauerhaftigkeit der TAVI Klappenprothesen sowie die optimale antithrombotische Therapie nach einer TAVI Prozedur.

Asymptomatische Patienten, mittelschwere Stenosen

Asymptomatische Patienten mit schwerer Aortenklappenstenose wurden bisher konservativ behandelt, da die Progression der Erkrankung sehr variabel sein kann und bisher keine Daten für einen cAKE bei asymptomatischen Patienten mit normaler systolischer LV-Funktion vorliegen. Mit der Einführung der TAVI als Tief-Risiko-Prozedur wird dieses Paradigma in Frage gestellt. Eine kürzlich publizierte kleinere randomisierte Studie bei 145 asymptomatischen Patienten mit sehr schwerer Aortenklappenstenose (mittl. Druckgradient ≄ 50 mmHg) zeigte eine signifikante Reduktion der GesamtmortalitƤt durch cAKE im Vergleich zu einem konservativ-expektativen Prozedere (8). Es ist zu erwarten, dass diese Resultate mit TAVI Ƥhnlich ausfallen werden. Diese Hypothese soll in der EARLY-TAVR Studie (NCT03042104) getestet werden. Dazu werden 1’109 asymptomatische Patienten mit schwerer Aortenklappenstenose zu TAVI vs. konservativ-expektativem Vorgehen randomisiert werden. Eine eingeschrƤnkte linksventrikulƤre (LV) Auswurffraktion findet sich hƤufig in Kombination mit einer schweren Aortenklappenstenose und stellt eine Klasse I-Indikation für einen cAKE dar (2). Bei einer mittelschweren Aortenklappenstenose mit eingeschrƤnkter LV Funktion gibt es jedoch keine Empfehlungen. Die TAVR UNLOAD Studie (NCT02661451) mƶchte diese Frage klƤren: 300 symptomatische Patienten mit reduzierter LV Funktion und mittelschwerer Aortenstenose werden zu TAVR versus medikamentƶser Therapie randomisiert werden. Die ersten Resultate werden 2022 erwartet.

Bikuspide Aortenklappen

Bikuspide Aortenklappen sind mit einer Reihe ungünstiger anatomischer Eigenschaften für die perkutane Behandlung assoziiert: exzentrischer ovaler Anulus, asymmetrische schwere Verkalkungen, Dilatation von Sinus und Aorta ascendens, und eine horizontale Aortenlage. Daher wurden bikuspide Aortenklappen systematisch von randomisierten Studien ausgeschlossen und galten als DomƤne der Chirurgie. Die ersten TAVI Prozeduren bei Hochrisikopatienten mit bikuspider Anatomie zeigten mehr paravalvulƤre Insuffizienzen sowie insgesamt eine hƶhere Komplikationsrate als bei trikupiden Aortenklappen (9, 10). Eine kürzlich publizierte propensity-score-adaptierte Analyse aus dem STS/ACC TVT Register mit einer modernen ballon-expandierbaren Prothese fand für bikuspide Aortenklappen jedoch keine signifikant hƶhere 30-Tage und 1-Jahres-MortalitƤt als bei trikuspiden Klappen, jedoch leicht hƶhere postoperative Hirnschlag-Raten sowie eine hƶhere Konversion zur offenen Herzchirurgie (11). Eine detaillierte Analyse der Aortenklappen-Anatomie in der CT Angiographie vor dem Eingriff ist besonders bei den bikuspiden Klappen für die Planung des Eingriffs entscheidend. Es ist davon auszugehen, dass spezifische Charakteristika wie z.B. der Raphe-Typ oder die KommissuralitƤt Auswirkungen auf die prozeduralen Resultate haben und dies im Detail noch untersucht werden muss (Abb. 3).

Aortenklappeninsuffizienz

Eine reine Insuffizienz der nativen Aortenklappe gilt in der Regel als Kontraindikation für TAVI. Meist sind die Aorten-Anuli sehr gross und Verkalkungen zur sicheren Fixierung der Prothese fehlen. Das hohe Pendelvolumen zwischen Aorta und LV stellt ebenfalls eine grosse Herausforderung für eine kontrollierte Implantation dar. Die meisten kommerziell erhƤltlichen TAVI-Prothesen sind nicht für die Behandlung der reinen nativen Aortenklappeninsuffizienz konzipiert. Die Erfahrungen mit TAVI beschrƤnken sich daher auf einige Fallserien und Registerdaten. Mit Zweit-Generation Prothesen (meist selbstexpandierbare Prothesen) zeigten sich jedoch bei ausgewƤhlten FƤllen gute Resultate (87– 96% device success) mit sehr geringen Komplikationsraten und günstigem Outcome (<2% intraoperative MortalitƤt, 30-d MortalitƤt 9.6 – 13.3%, 30-d Hirnschlagrisiko 1.5 – 3.7%) (12). Die J-ValveTM (JC Medical) und die JenaValveTM Transkatheter Klappe (JenaValve Technology) verfügen über spezifische Metallbügel, welche eine anatomische Verankerung der Klappe im Aorten-Sinus ermƶglichen. Letztere ist als einzige Prothese in Europa für die Behandlung der reinen nativen Aorteninsuffizienz zugelassen (CE Mark approval 2013), seit 2016 ist jedoch das transapikale System nicht mehr verfügbar, und das transfemorale System befindet sich noch in den Zulassungsstudien. Die native Aortenklappeninsuffizienz ist also nach wie vor eine chirurgische DomƤne. Die TAVI stellt jedoch bei ausgewƤhlten Patienten mit hohem chirurgischen Risiko nach interdisziplinƤrer Diskussion im HeartTeam eine mƶgliche Alternative dar (Abb. 4).

Valve-In-Valve

Die Valve-In-Valve (ViV)-TAVI hat in den letzten Jahren als therapeutische Option bei degenerierten Bioprothesen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Resultate des ViV International Registry (VIVID), der PARTNER 2 nested and continued access registries und der CoreValve US Expanded Use Study belegen eine hohe prozedurale Erfolgsrate mit geringen Komplikationsraten mit sowohl ballon- wie auch selbstexpandierbaren Prothesen (13-15). Das Langzeitüberleben in den ViV-Kohorten ist vergleichbar zur TAVI-Behandlung bei nativen Aortenklappenstenosen in Risiko-gematchten Kollektiven (1-JahresmortalitƤt 12 – 16.8%, 3-JahresmortalitƤt 28.6 – 32.7%). Im PARTNER 2 Register zeigte sich auch ein deutliche Verbesserung der Symptomatik nach ViV (von 90.4% in NYHA-Klasse III/IV auf 7.9% nach 3 Jahren). Wiederum spielt bei ViV-TAVI die prƤoperative Planung des Eingriffs eine entscheidende Rolle. Koronar-Verschlüsse aufgrund von VerdrƤngung der Klappentaschen in Richtung der Koronarostien durch den Frame der TAVI-Prothese sind eine gefürchtete Komplikation. Das Risiko steigt bei engem Sinus, tiefgelegenen Koronarostien, Ā«stentlessĀ» oder supra-anulƤr implantierten Bioprothesen. Sehr kleine Bioprothesen (<21mm) oder ein signifikanter Patient-Prosthesis-Mismatch (PPM) stellen eine besondere Herausforderung dar und sind idR. auch mit schlechterem Outcome nach ViV-TAVI verbunden. In gewissen FƤllen kann der Ring der Bioprothese mit einem Hochdruckballon gesprengt werden, um dann eine grƶsssere TAVI-Prothese implantieren bzw. einen niedrigeren Gradient erreichen zu kƶnnen.
Neuere chirurgische Bioprothesen haben spezifische Expansions-Zonen, welche eine spƤtere ViV-TAVI vereinfachen sollen.

Prof. Dr. med. Oliver Gaemperli, FESC
PD Dr. med. Patric Biaggi

Dr. med. Thierry Aymard
Prof. Dr. med Jürg Grünenfelder
Prof Dr. med. Roberto Corti
Prof. Dr. med. Peter M. Wenaweser, FESC
HerzKlinik Hirslanden
Witellikerstrasse 40, 8032 Zürich

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Prof. Dr. med. Oliver Gaemperli

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Oliver.Gaemperli@hirslanden.ch

PMW: TAVI Proctor Edwards Lifesciencies und Medtronic

  • Die TAVI ist heute eine etablierte Therapie für die Behandlung der schweren Aortenklappenstenose.
  • Durch die Vereinfachung der Implantations-Technik und die Abnahme der Komplikationsrate ist eine Erweiterung der Indikationen auf andere Bereiche wie Tief-Risiko-Patienten, bikuspide Anatomien, Aortenklappeninsuffizienz, Valve-In-Valve, moderate Stenosen und asymptomatische Patienten mƶglich.
  • Gerade in solchen Grenz-Indikationen ist jedoch in jedem Falle eine Diskussion der therapeutischen Mƶglichkeiten sowie eine metikulƶse Planung des Eingriffs anhand aller prƤoperativen Befunde in einem erfahrenen Klappen-Herz-TEAM absolut entscheidend, wo auch der minimal-invasive chirurgische Aortenklappenersatz zum Standard gehƶrt.

Messages Ć  retenir

  • Aujourdā€™ā€Šhui, le TAVI est une thĆ©rapie Ć©tablie pour le traitement des stĆ©noses valvulaires aortiques sĆ©vĆØres.
  • En simplifiant la technique dā€™ā€Šimplantation et en rĆ©duisant le taux de complications, il est possible dā€™ā€ŠĆ©tendre les indications Ć  dā€™ā€Šautres domaines tels que les patients Ć  faible risque, lā€™ā€Šanatomie bicuspide, lā€™ā€Šinsuffisance valvulaire aortique, la valve dans la valve, la stĆ©nose modĆ©rĆ©e et les patients asymptomatiques
  • Toutefois, dans ces indications limites, il est absolument essentiel de discuter des options thĆ©rapeutiques et de planifier minutieusement lā€™ā€Šintervention en se basant sur toutes les dĆ©couvertes prĆ©opĆ©ratoires au sein dā€™ā€Šune Ć©quipe expĆ©rimentĆ©e dans le domaine des valves cardiaques, où le remplacement chirurgical des valves aortiques est Ć©galement standard.

1. Siontis GCM, Overtchouk P, Cahill TJ, et al. Transcatheter aortic valve implantation vs. surgical aortic valve replacement for treatment of symptomatic severe aortic stenosis: an updated meta-analysis. Eur Heart J. 2019;40(38):3143-53.
2. Baumgartner H, Falk V, Bax JJ, et al. 2017 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease. Eur Heart J. 2017;38(36):2739-91.
3. Stortecky S, Franzone A, Heg D, et al. Temporal trends in adoption and outcomes of transcatheter aortic valve implantation: a SwissTAVI Registry analysis. Eur Heart J Qual Care Clin Outcomes. 2019;5(3):242-51.
4. Thyregod HGH, Ihlemann N, Jorgensen TH, et al. Five-Year Clinical and Echocardiographic Outcomes from the Nordic Aortic Valve Intervention (NOTION) Randomized Clinical Trial in Lower Surgical Risk Patients. Circulation. 2019.
5. Mack MJ, Leon MB, Thourani VH, et al. Transcatheter Aortic-Valve Replacement with a Balloon-Expandable Valve in Low-Risk Patients. N Engl J Med. 2019;380(18):1695-705.
6. Popma JJ, Deeb GM, Yakubov SJ, et al. Transcatheter Aortic-Valve Replacement with a Self-Expanding Valve in Low-Risk Patients. N Engl J Med. 2019;380(18):1706-15.
7. Waksman R, Corso PJ, Torguson R, et al. TAVR in Low-Risk Patients: 1-Year Results From the LRT Trial. JACC Cardiovasc Interv. 2019;12(10):901-7.
8. Kang DH, Park SJ, Lee SA, et al. Early Surgery or Conservative Care for Asymptomatic Aortic Stenosis. N Engl J Med. 2020;382(2):111-9.
9. Jilaihawi H, Chen M, Webb J, et al. A Bicuspid Aortic Valve Imaging Classification for the TAVR Era. JACC Cardiovasc Imaging. 2016;9(10):1145-58.
10. Yoon SH, Bleiziffer S, De Backer O, et al. Outcomes in Transcatheter Aortic Valve Replacement for Bicuspid Versus Tricuspid Aortic Valve Stenosis. J Am Coll Cardiol. 2017;69(21):2579-89.

PlƤttchenhemmer – was, wann, wie lange?

Plättchenhemmer stellen einen zentralen Baustein in der Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen dar. Während sie aus der Primärprävention in den letzten Jahren praktisch verschwunden sind, hat ihre Anwendung und die Vielfalt an unterschiedlichen Schemata in der Sekundärprävention deutlich zugenommen. Dies liegt nicht zuletzt an der Einführung neuerer P2Y12-Antagonisten und neuen Daten zu Patienten unter Antikoagulation. Dieser Artikel bietet einen Überblick über die aktuellen Leitlinien und Studienlage.

Les antiplaquettaires sont un Ć©lĆ©ment central dans le traitement des maladies cardiovasculaires. Si elles ont pratiquement disparu de la prĆ©vention primaire ces derniĆØres annĆ©es, leur utilisation et la variĆ©tĆ© des diffĆ©rents dispositifs de prĆ©vention secondaire ont considĆ©rablement augmentĆ©. Cela est notamment dĆ» Ć  l’introduction de nouveaux antagonistes du P2Y12 et Ć  de nouvelles donnĆ©es sur les patients sous anticoagulation. Cet article donne un aperƧu des orientations actuelles et de la situation des Ć©tudes.

Thrombozytenaggregationshemmer (kurz PlƤttchenhemmer) sind seit fast 40 Jahren in der Behandlung von kardiovaskulƤren Erkrankungen im Einsatz. Wichtigste Vertreter sind AcetylsalicylsƤure (Aspirin) sowie die P2Y12-Antagonisten Clopidogrel, Prasugrel und Ticagrelor. Hierzulande kaum eingesetzt werden Thrombinrezeptor-Antagonisten, Dipyridamol oder Cilostazol. Im letzten Jahr haben sich dank neuer Evidenz einige geƤnderte Leitlinienempfehlungen ergeben, welche in diesem Artikel kurz zusammengefasst werden (Tab. 1 und 2).

PrimƤrprƤvention

Der Stellenwert von Plättchenhemmern in der Primärprävention ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Grund hierfür waren enttäuschende Ergebnisse mehrerer Primärpräventionsstudien mit Aspirin (zuletzt ASCEND, ARRRIVE und ASPREE (1-3)). Wichtigstes Hemmnis ist das erhöhte Risiko gastrointestinaler Blutungen bei nur marginalem Benefit für ischämische Endpunkte (4). Aus diesem Grund rät die europäische Gesellschaft für Kardiologie in Ihrer Präventionsleitlinie von einer Plättchenhemmung bei Patienten ohne bekannte kardiovaskuläre Erkrankung ab (Klasse III, Evidenzniveau B) (5). Eine eventuelle Ausnahme sind Patienten mit Diabetes mellitus mit hohem bis sehr hohem kardiovaskulären Risiko, bei denen eine primärprophylaktische Gabe gemäss der aktuellen europäischen Diabetesleitlinie erwogen werden kann (Details siehe Tab. 1) (6). In Zukunft bleibt allenfalls zu klären, ob eine gewichtsadaptierte Dosis von Aspirin (7), eine gemeinsame Gabe mit Protonenpumpenhemmern (PPI) oder eine noch selektivere Indikationsstellung ein besseres Nutzenrisikoprofil aufweisen könnte. Die Serie der oben erwähnten negativen Studien macht dies jedoch eher unwahrscheinlich.

SekundƤrprƤvention

Koronare Herzkrankheit

Im Gegensatz zur Primärprävention ist der Benefit einer langfristigen Plättchenhemmung nach Herzinfarkt oder koronarer Intervention klar und unbestritten. Allgemein wird eine dauerhafte Therapie mit Aspirin empfohlen, ergänzt mit einer zeitlich begrenzten Therapie mit einem P2Y12-Antagonisten nach akutem Koronarsyndrom und/oder Koronarinterventionen (auch bekannt als duale Plättchenhemmung, DAPT). Nach elektivem Stenting wird Aspirin als Dauertherapie und Clopidogrel für 6 Monate empfohlen (8). Nach Stenting im Rahmen eines akuten Koronarsyndroms besteht der Standard aus Aspirin als Dauertherapie und Ticagrelor oder Prasugrel für 12 Monate. Clopidogrel wird im Akutsetting nur noch empfohlen bei Kontraindikationen oder fehlender Verfügbarkeit von Ticagrelor und Prasugrel oder wenn eine Antikoagulation nötig ist (siehe unten). Eine längerfristige DAPT über 12 Monate hinaus kann gemäss aktueller Leitlinien bei höherem ischämischem Risiko erwogen werden. Hier sollte jedoch das erhöhte Blutungsrisiko gut gegenüber dem recht geringen Benefit auf die Mortalität abgewogen werden (9).
In den letzten Jahren zeichnet sich ein klarer Trend zu einer kürzeren DAPT-Dauer ab, u.a. bedingt durch bessere Stentdesigns, welche ein geringeres Risiko für Stentthrombosen aufweisen. Gemäss Leitlinien kann die DAPT bei hohem Blutungsrisiko nach individueller Abwägung im elektiven Setting gar bis auf 1 Monat und im Akutsetting bis auf 6 Monate verkürzt werden (10). Individuelle Faktoren wie die Koronar- und Stentanatomie sollten jedoch in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.
Neuere Studien wie GLOBAL LEADERS, TWILIGHT und TICO untersuchten eine kürzere DAPT mit Aspirin und Ticagrelor mit Fortführung einer Ticagrelor-Monotherapie bei Hochrisikopatienten. Während in GLOBAL LEADERS kein Vorteil dieser Strategie erkennbar war (11), zeigte sich in TWILIGHT und TICO eine dreimonatige DAPT mit Ticagrelor mit anschliessender Ticagrelor-Monotherapie der üblichen 12-monatigen DAPT überlegen (deutlich niedrigeres Blutungsrisiko bei vergleichbarer Protektion gegenüber ischämischen Ereignissen) (12, 13). Interessant ist, dass sowohl elektive Fälle als auch Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom oder einer komplexen Koronarintervention von der kürzeren DAPT-Dauer profitierten (kein Unterschied hinsichtlich ischämischen Ereignissen in Subgruppenanalysen) (12, 14). In den Leitlinienempfehlungen haben sich diese alternativen Schemata noch nicht wiedergefunden, eine Aufnahme ist jedoch in Kürze zu erwarten.
Neuigkeiten gibt es auch bei der Plättchenhemmung von Patienten unter oraler Antikoagulation, welche eine Koronarintervention erhalten haben (z.B. bei Vorhofflimmern). Studien zeigen, dass eine Tripletherapie (Aspirin und Clopidogrel kombiniert mit einem Antikoagulanz) zu einer deutlich höheren Rate an Blutungsereignissen führt bei gleichzeitig unklarem Benefit hinsichtlich ischämischer Endpunkte im Vergleich zur Dualtherapie (ein Plättchenhemmer mit einem Antikoagulanz) (15). Die AUGUSTUS-Studie zeigte, das eine einwöchige Tripletherapie (Aspirin, Clopidogrel und Antikoagulanz; Zeit bis zur Randomisierung in der Studie) gefolgt von einer 12-monatigen Dualtherapie mit Clopidogrel und Apixaban einer 6-monatigen Tripletherapie überlegen ist (16). In einer kürzlich publizierten Subanalyse zeigte sich der Vorteil der Tripletherapie mit Aspirin hinsichtlich ischämischen Endpunkten nur in den ersten 30 Tagen nach Koronarintervention (17). Analog hierzu kann gemäss Leitlinien eine kürzere Triple-Therapie-Dauer erwogen werden, welche abhängig vom Blutungs- und ischämischen Risiko individualisiert werden sollte (Tab. 2) (8). Die Leitlinien empfehlen zudem, wo immer möglich, ein direktes orales Antikoagulans (DOAK) einem Vitamin K-Antagonisten vorzuziehen und (insbesondere bei erhöhtem Blutungsrisiko) niederschwellig einen nicht-CYP2C19-abhängigen PPI zu verordnen (8). 12 Monate nach einer Koronarintervention oder einem akuten Koronarereignis wird die Umstellung auf eine alleinige Antikoagulation empfohlen. Nur in ausgewählten Risikofällen kann zusätzlich ein Plättchenhemmer zum Antikoagulanz in der Dauertherapie eingesetzt werden.

Schlaganfall/Transitorische ischƤmische Attacke (TIA)

Nach nicht-kardioembolischem Schlaganfall/TIA besteht eine Indikation für eine langfristige einfache Plättchenhemmung mit Aspirin oder (nach individueller Abwägung) Clopidogrel (18). Aspirin sollte innerhalb von 24-48 Stunden nach ischämischem Schlaganfall begonnen werden, mit Ausnahme von Patienten mit intravenöser Lyse, bei welchen empfohlen wird, 24 Stunden sowie eine zerebrale Kontrollbildgebung zum Blutungsausschluss abzuwarten (18). Ein Wechsel des Plättchenhemmers (z.B. von Aspirin auf Clopidogrel) kann nach einem zerebrovaskulären Ereignis unter bereits eingenommenen Plättchenhemmern erwogen werden, es ist jedoch unklar ob dies die Endpunkte verbessert (18).
Analog zur koronaren Herzkrankheit haben Studien den Nutzen einer DAPT in der Frühphase nach zerebrovaskulƤren Ereignissen untersucht, in welcher das Rezidivrisiko am hƶchsten ist. In der CHANCE und POINT-Studie reduzierte eine 3-monatige DAPT mit Clopidogrel signifikant erneute ischƤmische Ereignisse bei Patienten mit Minor-Stroke (NIHSS ≤ 3 Punkte) oder Hochrisiko-TIA. Es zeigte sich jedoch ein signifikant erhƶhtes Blutungsrisiko. Der ischƤmische Benefit bestand vor allem in den ersten Wochen, weshalb die aktuellen amerikanischen Leitlinien bei dieser Patientenpopulation nun neu eine zeitlich limitierte DAPT mit Clopidogrel für 3 Wochen empfehlen (18).
Die Empfehlungen bei signifikanten Carotisstenosen sind weitgehend unverändert. Bei asymptomatischer Carotisstenose >50% oder nach Carotis-Endarteriektomie sollte eine einfache Plättchenhemmung mit Aspirin oder Clopidogrel verordnet werden, während nach Carotisstenting eine DAPT für mindestens 1 Monat empfohlen wird (19). Je nach Zentrum existieren aber auch Empfehlungen zur längeren DAPT-Dauer bei symptomatischen Carotisstenosen.
Die neueren P2Y12-Antagonisten Ticagrelor und Prasugrel spielen noch keine relevante Rolle nach ischämischem Schlaganfall. In der SOCRATES-Studie zeigte sich kein Vorteil einer Monotherapie mit Ticagrelor gegenüber Aspirin in den ersten 3 Monaten nach Schlaganfall (20). Analog dazu verpasste eine Studie mit einer reduzierten Dosis Prasugrel vs. Clopidogrel bei Schlaganfallpatienten <75 Jahren ihren primären Endpunkt (21). Die THALES-Studie (30-tägige DAPT mit Aspirin und Ticagrelor vs. Aspirin-Monotherapie) hat gemäss einer kürzlichen Pressemitteilung ihren primären Endpunkt erreicht, die Ergebnisse sind jedoch noch nicht publiziert (22).

Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)

Bei symptomatischer PAVK, nach Revaskularisationen oder nach infra-inguinalem Bypass wird eine einfache Plättchenhemmung mit Clopidogrel (vorzugsweise) oder Aspirin als Dauertherapie empfohlen (19. Bei asymptomatischer PAVK der unteren Extremitäten ohne weiteres betroffenes Gefässbett wird von dieser abgeraten. Eine DAPT wird in der Regel nach infra-inguinalem Stenting für 1 Monat verordnet. Nach prothetischem Bypass unterhalb des Knies kann aufgrund des erhöhten thrombotischen Risikos eine längerfristige DAPT erwogen werden. Unter Antikoagulation wird allgemein analog zum Schlaganfall und der stabilen koronaren Herzkrankheit von einer zusätzlichen Plättchenhemmung abgeraten (19). Eine ergänzende Plättchenhemmung kann bei ausgewählten Hochrisikopatienten erwogen werden. Nach endovaskulären Interventionen wird eine einfache Plättchenhemmung mit Clopidogrel oder Aspirin für 1 Monat zusätzlich zur Antikoagulation empfohlen, sofern das Blutungsrisiko niedrig ist.

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Dr. med.Matthias NƤgele

Assistenzarzt
Klinik für Kardiologie
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

matthias.naegele@usz.ch

Prof. Dr. med. Jürg Hans Beer

Leiter Gerinnungssprechstunde Kantonsspital Baden, 5404 Baden
Labor für Molekulare Kardiologie, Leiter Plättchenforschung,
Universität Zürich
Wagistrasse 12
8952 Schlieren

juerg-hans.beer@ksb.ch

M.P.N. deklariert keine Interessenkonflikte.
J.H.B. deklariert Grants des schweizerischen Nationalfonds und der schweizerischen Herzstiftung.

  • Eine primƤrprophylaktische Gabe von PlƤttchenhemmern bei Hochrisikopatienten wird nicht mehr empfohlen, mit der (restriktiven) Ausnahme von Patienten mit Diabetes mellitus und einem hohen bis sehr hohem kardiovaskulƤren Risiko oder bei asymptomatischer signifikanter Carotisstenose.
  • Bei stabiler koronarer Herzkrankheit wird eine dauerhafte einfache PlƤttchenhemmung mit Aspirin empfohlen mit einer 6-monatigen DAPT mit Clopidogrel nach elektivem Stenting oder einer 12-monatigen DAPT mit Ticagrelor oder Prasugrel nach Stenting im Rahmen eines akuten Koronarsyndroms. Eine kürzere oder lƤngere DAPT ist nach individueller Nutzenrisikobeurteilung mƶglich.
  • Bei Patienten unter Antikoagulation wird nach koronarem Stenting eine mƶglichst kurze Tripletherapie aus Aspirin, Clopidogrel und (vorzugsweise) einem DOAC empfohlen mit anschliessender Dualtherapie bis zu einem Jahr. Die Dauer der Tripletherapie ist zu individualisieren, sie sollte jedoch mindestens 1 Woche betragen.
  • Nach nicht-kardioembolischem Schlaganfall/TIA ist eine langfristige einfache PlƤttchenhemmung mit Aspirin oder Clopidogrel indiziert. Neu wird eine dreiwƶchige DAPT mit Clopidogrel bei Minor-Stroke (NIHSS ≤ 3 Punkte) oder Hochrisiko-TIA empfohlen.
  • Bei symptomatischer PAVK wird eine dauerhafte einfache PlƤttchenhemmung mit Aspirin oder Clopidogrel empfohlen sowie eine 1-monatige DAPT mit Clopidogrel nach endovaskulƤren Interven-tionen.

Messages Ć  retenir

  • L’administration prophylactique primaire d’antiplaquettaires chez les patients Ć  haut risque n’est plus recommandĆ©e, Ć  l’exception (restrictive) des patients atteints de diabĆØte sucrĆ© et prĆ©sentant un risque cardiovasculaire Ć©levĆ© Ć  trĆØs Ć©levĆ© ou une stĆ©nose carotidienne importante asymptomatique.
  • En cas de coronaropathie stable, une simple inhibition plaquettaire permanente avec de l’aspirine est recommandĆ©e avec une DAPT de 6 mois avec du clopidogrel aprĆØs pose d’une endoprothĆØse Ć©lective ou une DAPT de 12 mois avec du ticagrelor ou du prasugrel aprĆØs pose d’une endoprothĆØse dans le contexte d’un syndrome coronarien aigu. Une DAPT plus courte ou plus longue est possible aprĆØs une Ć©valuation individuelle des risques et des bĆ©nĆ©fices.
  • Chez les patients soumis Ć  une anticoagulation, il est recommandĆ© d’administrer une trithĆ©rapie la plus courte possible, composĆ©e d’aspirine, de clopidogrel et (de prĆ©fĆ©rence) d’un DOAC, aprĆØs la pose d’un stent coronarien, suivie d’une double thĆ©rapie pendant un an au maximum. La durĆ©e de la trithĆ©rapie doit ĆŖtre individualisĆ©e, mais elle doit ĆŖtre d’au moins une semaine.
  • AprĆØs un AVC non cardio-embolique, une simple inhibition plaquettaire Ć  long terme avec de l’aspirine ou du clopidogrel est indiquĆ©e. Depuis peu, une DAPT de trois semaines avec clopidogrel est recommandĆ© en cas d’accident vasculaire cĆ©rĆ©bral mineur (NIHSS ≤ 3 points) ou d’un accident ischĆ©mique transitoire Ć  haut risque.
  • En cas de PAVK symptomatique, une inhibition plaquettaire unique permanente avec de l’aspirine ou du clopidogrel est recommandĆ©e, ainsi qu’un DAPT d’un mois avec du clopidogrel aprĆØs des interventions endovasculaires.

1. The ASCEND Study Collaborative Group. Effects of Aspirin for Primary Prevention in Persons with Diabetes Mellitus. New England Journal of Medicine 2018;379(16):1529-1539.
2. Gaziano JM, Brotons C, et al. Use of aspirin to reduce risk of initial vascular events in patients at moderate risk of cardiovascular disease (ARRIVE): a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. The Lancet 2018;392(10152):1036-1046.
3. McNeil JJ, Wolfe R, et al. Effect of Aspirin on Cardiovascular Events and Bleeding in the Healthy Elderly. New England Journal of Medicine 2018;379(16):1509-1518.
4. Zheng SL, Roddick AJ. Association of Aspirin Use for Primary Prevention With Cardiovascular Events and Bleeding Events: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 2019;321(3):277-287.
5. Piepoli MF, Hoes AW, et al. 2016 European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice: The Sixth Joint Task Force of the European Society of Cardiology and Other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice. Eur Heart J 2016;37(29):2315-2381.
6. Cosentino F, Grant PJ, et al. 2019 ESC Guidelines on diabetes, pre-diabetes, and cardiovascular diseases developed in collaboration with the EASD. Eur Heart J 2020;41(2):255-323.

Kardiale Folgen der akuten Lungenembolie

Die akute Lungenembolie gehört zu den häufigsten kardiovaskulären Erkrankungen. Je nach Ausprägung und Ausmass der embolisierten Partikel ist vor allem die frühe klinische Phase von einer akuten Rechtsherzbelastung dominiert, welche bis zum Rechtsherzversagen und kardiogenem Schock führen kann. Aktuelle Behandlungsstrategien umfassen daher neben medikamentösen Ansätzen auch interventionelle oder operative Massnahmen, um vor allem die Nachlasterhöhung für den rechten Ventrikel zu minimieren.

Lā€™ā€Šā€Šembolie pulmonaire aiguĆ« est lā€™ā€Šā€Šune des maladies cardiovasculaires les plus courantes. En fonction de la gravitĆ© et de lā€™ā€ŠĆ©tendue des particules embolisĆ©es, la phase clinique prĆ©coce en particulier est dominĆ©e par un stress aigu du cœur droit, qui peut entraĆ®ner une insuffisance cardiaque droite et un choc cardiogĆ©nique. Par consĆ©quent, les stratĆ©gies de traitement actuelles comprennent non seulement des approches mĆ©dicamenteuses mais aussi des mesures interventionnelles ou chirurgicales, notamment pour minimiser lā€™ā€Šā€Šaugmentation de la post-charge ventriculaire droite.

Die akute Lungenembolie (LE) gehört mit einer jährlichen Inzidenz von 39-115/100 000 Personen und einer Sterblichkeit von bis zu 30% zu den relevantesten Notfällen in der kardiovaskulären Medizin (1, 2). Die hohe Mortalität ist dabei vor allem auf eine akute Belastung des rechten Ventrikels (RV) und einer damit verbundenen Verminderung der RV Funktion zurückzuführen (3). Das umfangreiche Verständnis der Pathophysiologie der akuten Lungenembolie und der sekundären rechtsventrikulären Herzinsuffizienz ist daher unumgänglich, um ein rasches und zielgerichtetes Patientenmanagement gewährleisten zu können.

Akute kardiale Folgen der Lungenembolie

Der Lungenkreislauf ist im Gegensatz zum systemischen Kreislauf ein Niederdrucksystem welcher auch auf grosse VerƤnderungen des Herzminutenvolumens mit nur minimalen DruckverƤnderungen reagiert. Der gravierende Unterschied zwischen den beiden KreislƤufen wird vor allem unter kƶrperlicher Belastung deutlich – wƤhrend der linke Ventrikel auf starke kƶrperliche Belastungen mit einem Anstieg des systemischen Blutdrucks reagiert, kompensiert der rechte Ventrikel den Anstieg des Herzminutenvolumens durch ein Rekrutieren der unterfüllten Mikrozirkulation der Lunge und der alveolƤren Kapillaren. Anders als im systemischen Kreislauf jedoch ist in der pulmonalen Zirkulation der vaskulƤre Widerstand gering und benƶtigt somit keinen relevanten kompensatorischen Anstieg des Blutdrucks. Entsprechend den daraus resultierenden Anforderungen ist es nicht verwunderlich, dass relevante anatomische Unterschiede zwischen RV und LV bestehen. Der RV ist dünnwandig (enddiastolisch 3-5 mm), muskelschwach und als Halbmondsichel an den muskelstarken (enddiastolisch 6-10mm), als Hohlorgan konstruierten LV aufgelagert (4). Durch die Konfiguration des RV ist die Funktion von der Vorlast und einer entsprechenden Dehnbarkeit des Myokards abhƤngig. Es kƶnnen so zwar grosse Blutvolumina verarbeitet werden, das Schlagvolumen gegen einen erhƶhten Widerstand ist jedoch stark eingeschrƤnkt. In der Akutphase einer Lungenembolie resultiert die embolische Verlegung der Lungenstrombahn in einem abrupten Anstieg des pulmonalen Widerstandes. Durch diese plƶtzliche Erhƶhung der Nachlast kommt es zu einer Dilatation des RV und einer Abnahme der KontraktilitƤt. Der dilatierte RV führt durch eine Druckverschiebung des interventrikulƤren Septums zu einer verminderten Füllung des LV (Ā«D-ShapeĀ» des LV Cavums). Zudem kommt es zu einer Erweiterung des Trikuspidalklappen-Annulus mit einer daraus resultierenden Trikuspidalklappeninsuffizienz, welche den VorwƤrtsfluss zusƤtzlich negativ beeinflusst und das Herzminutenvolumens weiter reduziert (4). Durch die vermehrte Wandspannung des dilatierten RV und die Reduktion des Herzminutenvolumens resultiert eine verminderte Koronarperfusion und kardiale IschƤmie (5), die diese AbwƤrtsspirale weitergehend unterhƤlt (Abb. 1). Die durch die Embolie ausgelƶste Hypoxie im Lungengewebe führt durch die Freisetzung von Serotonin und Thromboxan A2 zu einer Vasokonstriktion der KapazitƤtsgefƤsse der Lunge mit einer weiteren Erhƶhung des GefƤsswiderstandes (6). Eine Okklusion von 25-30% des pulmonalen GefƤssbettes resultiert bereits in einer Erhƶhung des pulmonal-arteriellen Druckes (7). UngefƤhr die HƤlfte aller LE Patienten haben Zeichen einer Rechtsherzbelastung, die man meist bei einer GefƤssobstruktion von 50-70% vorfindet (8). Eine beginnende Rechtsherzinsuffizienz stellt einen entscheidenden Faktor in der Risikostratifizierung, Therapiestrategie und Prognose der akuten LE dar (9).

Diagnostik und Risikostratifizierung

Das klinische Erscheinungsbild einer LE ist sehr variabel und betroffene Patienten werden mit unterschiedlicher Ausprägung von Dyspnoe, Thoraxschmerzen, synkopalen Zuständen, Husten oder Hämoptysen im Notfallzentrum vorstellig. Aufgrund der Vielfalt der Symptome eignet sich zur klinischen Abschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie der Wells-Score (9) (Tab. 1), welcher in Verbindung mit einer D-Dimer Bestimmung im Blut eine hohe Vortestwahrscheinlichkeit für die LE ermöglicht. Weitere klinische Hinweise ergeben sich oft aus bestehender Hypoxie, Hypokapnie, abnormem Thoraxröntgen, sowie typischen EKG-Veränderungen mit Zeichen der Rechtsherzbelastung (inkompletter oder kompletter Rechtsschenkelblock, SI-QIII Typ, T-Negativierung über den Brustwandableitungen) (9).
Der Goldstandard zur Diagnosesicherung einer LE ist die CT-Pulmonalisangiographie, welche neben der Diagnosesicherung auch noch eine Risikostratifizierung durch indirekte Zeichen der Rechtsherzbelastung (RV Dilatation mit einer RV/LV ratio > 0.9) zulƤsst (10). (Abb. 2) Die transthorakale Echokardiographie (TTE) hat ihren Stellenwert vor allem bei hƤmodynamisch instabilen Patienten, und ermƶglicht neben einem raschen Ausschluss der wichtigsten kardialen Differentialdiagnosen, wie LV Dysfunktion, relevanten Klappenvitien, einem Perikarderguss auch die Beurteilung einer mƶglichen RV-Druckbelastung, RV Dilatation oder Dysfunktion als Folge der LE (11).
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat erst im letzten Jahr die Richtlinien zur Diagnostik und Therapie der akuten Lungenembolie revidiert (9). Unverändert zur Vorversion wird auch im 2019 Update die akute LE entsprechend dem prognostizierten frühen Mortalitätsrisiko anhand eines Ampelsystems stratifiziert. Je nach hämodynamischer Relevanz, klinischem Schweregrad, bildgebendem Befund einer Rechtsherzbelastung oder kardialer Ischämie wird die klinische Akutsituation der LE in ein niederes, intermediäres oder hohes Risiko unterteilt. Der klinische Schweregrad wird dabei anhand eines validierten Risiko-Scores («Pulmonary Embolism Severity Score» (PESI), bzw. dessen vereinfachte Version (sPESI)) klassifiziert (12, 13) (Tab. 2). Die schematische Darstellung der ESC Empfehlung für die Stratifizierung von LE Patienten nach ihrem Risiko ist in Abb. 3 dargestellt.

Therapie der akuten Lungenembolie

Das Akutmanagement der Lungenembolie beinhaltet neben unterstützenden Massnahmen wie Sauerstoffgabe, milder Volumengabe und Flüssigkeitsmanagement, dem Einsatz von kreislaufunterstützenden Medikamenten und vereinzelt Bronchodilatatoren oder Antibiotika, auch therapeutische Schritte zur Reperfusion der Lungenstrombahn. Die supportive Gabe von O2 bei einer peripheren O2-Sättigung <90% verringert bereits früh eine durch Hypoxie verursachte pulmonale Vasokonstriktion und somit eine weitere Nachlasterhöhung. Eine assistierte oder mechanische Beatmung sollte so lange wie möglich hinausgezögert und nur bei respiratorischer Erschöpfung des Patienten in Erwägung gezogen werden (14, 15). In der Tat kann die Verringerung der Vorlast während der medikamentösen Narkoseeinleitung (16), oder die Erhöhung der Nachlast durch hypoxische Phasen während der orotrachealen Intubation oder durch hohe Tidalvolumina und positivem end-exspiratorischen Druck während der maschinellen Ventilation zu einer Verschlechterung der Hämodynamik führen.
Ein hämodynamischer Einbruch bei akuter LE ist zumeist durch eine abrupte Rechtsherzbelastung mit RV Dilatation und -insuffizienz bedingt. In dieser Situation kann ein langsames Anheben der Vorlast durch vorsichtige Volumen-Bolusgaben zu einer stimulierenden Dehnung des RV führen mit kompensatorischem Anstieg der Kontraktilität und des Herzminutenvolumens. Grosse und rasche Infusionsmengen jedoch können zu einer weiteren Dekompensation des RV in das klinische Bild des manifesten kardiogenen Schocks führen. In dieser Situation ist die kontinuierliche Infusion vasoaktiver Substanzen (Dobutamin, Noradrenalin) notwendig, um einen entsprechenden Kreislauf und Perfusion aufrecht zu erhalten.
Das Ausmass der Akuttherapie der LE richtet sich nach dem Schweregrad und der klinischen Präsentation der Patienten und ist bereits während der diagnostischen Phase indiziert. Eine Antikoagulation wird dabei bereits bei klinischem Verdacht auf eine LE und nach sorgfältiger Berücksichtigung des individuellen Blutungsrisikos initiiert bis weitere Testresultate zur Verfügung stehen. Unfraktioniertes oder niedermolekulares Heparin in gewichtsadaptierter Dosierung wird speziell dann eingesetzt, wenn aufgrund der klinischen Risikokonstellation eine Reperfusionstherapie noch nicht ausgeschlossen ist. Bei LE Patienten mit niedrigem Risiko kann direkt mit einer oralen Therapie begonnen werden. In dieser Situation, wie auch in der weiterführenden Anti­koagulation nach stattgehabter LE sind die neuen oder direkten oralen Antikoagulantien (NOAKs) (Apixaban, Rivaroxaban, Dabigatran und Edoxaban) die Therapie der Wahl (9).
Bei Patienten mit massiver bzw. fulminanter Lungenembolie und hämodynamischer Instabilität oder therapierefraktärem kardiogenen Schock sollte eine systemische thrombolytische Therapie, zur raschen Auflösung des embolischen Materials und zügiger Entlastung des RV, in Betracht gezogen werden. Obwohl die Thrombolyse in dieser gut selektionierten Patientenpopulation mit einem Überlebensvorteil verbunden ist, werden hohe Raten an schweren Blutungskomplikationen und auch ein fehlendes Therapieansprechen mit dieser Therapie in Verbindung gebracht. Zudem ist die Langzeit-Überlegenheit der systemischen Thrombolyse im Hinblick auf funktionales Outcome und Entwicklung einer CTEPH aktuell nicht gesichert. Alternative Methoden der LE Behandlung umfassen minimal-invasive, katheter-gestützte Lyse- oder Embolusextraktionstherapien wie auch die chirurgische Embol­ektomie (9), welche lediglich in erfahrenen Lungenemboliezentren durchgeführt werden.

Chronische kardiale Folgen āˆ’ Chronisch Thrombo-Embolische Pulmonale Hypertonie (CTEPH)

In 3-4% aller LE Patienten führen unzureichend aufgelƶste und verbleibende Lungenembolien zu einer chronischen Belastung des RV (17). Durch entzündliche Prozesse vernarben die verbleibenden Emboliepartikel und verursachen durch den obstruktiven Charakter eine dauerhafte RV-Nachlasterhƶhung (18). Daneben kommt es durch die chronische Drucksteigerung im Lungenkreislauf zu mikrovaskulƤren LƤsionen und einem GefƤssremodelling in den verbleibenden nicht-okkludierten Anteilen der Lunge mit einem weiteren Anstieg des pulmonal-vaskulƤren Widerstands. Der RV reagiert auf die chronisch erhƶhte Nachlast mit einer adaptiven Hypertrophie, um den erhƶhten Widerstand durch eine verbesserte Pumpleistung und einen erhƶhten Blutdruck kompensieren zu kƶnnen. Die Zunahme der RV Muskeldicke führt dabei zu einem erhƶhten Sauerstoffbedarf, der jedoch nur unzureichend gedeckt werden kann – eine chronische IschƤmie, zunehmende Fibrosierung und Nekrose des RV Myokards sind die Folge (19, 20). Der RV verliert damit seine ElastizitƤt und RelaxationsfƤhigkeit (21), und es entwickelt sich im spƤteren Krankheitsverlauf eine klinisch relevante Rechtsherzinsuffizienz, die unbehandelt mit einer erhƶhten Sterblichkeit verbunden ist. (Abb.  4)

Als Kardinalsymptome der CTEPH wird von betroffenen Patienten eine progrediente Belastungsdyspnoe beschrieben, welche zudem von anhaltender Abgeschlagenheit, Müdigkeit oder auch von Synkopen begleitet werden kann. Bereits frühzeitig und vor Absetzen der oralen Antikoagulation sollte bei verbleibend symptomatischen Patienten die Verdachtsdiagnose einer CTEPH ausgeschlossen werden. Eine transthorakale Echokardiographie und eine Ventilations-/ Perfusions-Szintigraphie liefern die dafür benötigte Information (3). Bei echokardiographischen Zeichen einer RV-Hypertrophie, Trikuspidalinsuffizienz mit hohen Flussgeschwindigkeiten (>3.8 m/s) bzw. hohem systolischen Gradienten (>60mmHg), sollte eine Rechtsherzkatheteruntersuchung mit Pulmonalisangiographie durchgeführt werden. [9] Nach Bestätigung einer CTEPH ist neben einer dauerhaften oralen Antikoagulation auch eine gezielte medikamentöse Behandlung einzuleiten. Riociguat, als Stimulator der löslichen Guanylatcyclase, ist in dieser Situation das Mittel der Wahl. Riociguat wirkt über eine gezielte Stimulation der glatten Muskelzellen der Pulmonalarterien, und führt über eine Ausschüttung von zyklischem Guanosinmonophosphat (cGMP) zu einer pulmonal-vasodilatorischen Wirkung und einer Entlastung des RV. Die operative pulmonale Endarterektomie ist die einzig potentiell kurative Therapie der CTEPH. Dabei wird in einer aufwändigen Operation unter Einsatz der Herz-Lungenmaschine das Narbengewebe innerhalb der Pulmonalarterien manuell herausgeschält. Aufgrund der Komplexität dieser Operationstechnik wird diese nur in sehr selektionierten und erfahrenen Zentren angeboten, kann jedoch dann mit niedrigem Operationsrisiko durchgeführt werden. Patienten mit zentralen Gefässokklusionen und langstreckigen Verschlüssen sollten zur operativen Sanierung vorgestellt werden; periphere Läsionen jedoch sind dieser Operationstechnik nicht zugängig. In dieser Situation und vor allem bei Patienten mit segmentaler und subsegmentaler Pathologie hat sich in den letzten Jahren eine perkutane Behandlungsoption durchgesetzt. Mittels Kathetereingriff werden dabei intraluminale fibrotische Strikturen mittels Ballon aufgedehnt und die Lungensegmente somit der Perfusion wieder freigegeben. Auch für diese Behandlungsoption ist eine langjährige Erfahrung und Spezialisierung notwendig, ist dann jedoch mit reproduzierbar guten Ergebnissen und einer niedrigen Komplikationsrate verbunden (3).

Abkürzungen: CTEPH Chronisch thromboembolische pulmonale Hypertonie, LE Lungenembolie, LV Linker Ventrikel, NOAKs Neue, direkte orale Antikoagulantien, RV Rechter Ventrikel (s)PESI (simplified) Pulmonary Embolism Severity Score, TAPSE tricuspid annular plane systolic excursion

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Prof. Dr. med. Stefan Stortecky

Abteilung für Kardiologie, Bürgerspital Solothurn
Schöngrünstrasse 42
4500 Solothurn

stefan.stortecky@insel.ch

PD Dr. med. et phil. Dominik F. Draxler MBA

Zentrum für Lungenembolie
Klinik und Poliklinik für Kardiologie
UniversitƤtsspital, Inselspital Bern
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

Dr. Stortecky ist der Empfänger von Forschungsgrants an die Institution von Edwards Lifesciences, Medtronic, Abbott Vascular und Boston Scientific; er ist ein Berater für BTG und Teleflex und hat Honorare für Vorträge von BTG und Boston Scientific erhalten. Dr. Draxler berichtet über keine Interessenskonflikte.

ā—† Akute kardiale Folgen der Lungenembolie mit RV Belastung und schwerer Rechtsherzinsuffizienz sind ursƤchlich für klinisch kritische Situationen und die erhƶhte MortalitƤt der akuten LE.
ā—† Eine RV Belastung unterschiedlichen Ausmasses wird bei annƤhernd jedem zweiten Patienten mit einer LE diagnostiziert.
ā—† RV Dilatation und -dysfunktion sind wichtige Faktoren bei der Risikostratifizierung und der Therapieentscheidung bei Patienten mit akuter LE.
ā—† Nur 3-4% aller Patienten mit akuter LE entwickeln das klinische Bild einer CTEPH im weiteren klinischen Verlauf.
ā—† Eine CTEPH ist assoziiert mit einer initial adaptiven, jedoch spƤter maladaptiven RV Hypertrophie, welche aufgrund einer Minderperfusion zur Bildung von Myokardfibrose und -nekrose führt, mit dem Resultat einer systolischen und diastolischen RV Insuffizienz.

Messages Ć  retenir
ā—† Les consĆ©quences cardiaques aiguĆ«s de lā€™ā€Šembolie pulmonaire avec charge du ventricule droit et lā€™ā€Šinsuffisance cardiaque droite sĆ©vĆØre sont la cause de situations cliniquement critiques et de la mortalitĆ© accrue de lā€™ā€Šembolie pulmonaire aiguĆ«.
ā—† Le stress liĆ© Ć  une charge du ventricule droit est diagnostiquĆ© Ć  des degrĆ©s divers chez environ un patient sur deux atteint dā€™ā€Šune embolie pulmonaire.
ā—† La dilatation et le dysfonctionnement du ventricule droit sont des facteurs importants dans la stratification du risque et les dĆ©cisions de traitement chez les patients atteints dā€™ā€Šune embolie pulmonaire aiguĆ«.
ā—†Seuls 3 Ć  4 % des patients atteints dā€™ā€Šā€Šune embolie pulmonaire aiguĆ« dĆ©veloppent le tableau clinique de lā€™ā€Šhypertension pulmonaire thromboembolique chronique au cours de lā€™ā€ŠĆ©volution clinique ultĆ©rieure.
ā—†Lā€™ā€Šā€Šhypertension pulmonaire thromboembolique chronique est associĆ©e
Ć  une hypertrophie du ventricule droit dā€™ā€Šabord adaptative, mais ensuite maladaptive, qui entraĆ®ne une fibrose et une nĆ©crose du myocarde dues Ć  une mauvaise perfusion, entraĆ®nant une insuffisance systolique et diastolique du ventricule droit.

am Online-Beitrag unter: www.medinfo-verlag.ch

Update Brachytherapie

Die Brachytherapie ist eine Behandlungsmodalität in der Radio-Onkologie mit sehr langem geschichtlichen Hintergrund. Die ersten gynäkologischen Radiumeinlagen folgten kurz nach der Entdeckung der Radioaktivität um 1904. Anschliessend hatte die Brachytherapie über Jahrzehnte einen festen Einsatz bei vielen definitiven und adjuvanten Tumorbehandlungen. Über die unterschiedlichsten Applikatoren intraluminal oder interstitiell kann dabei mit der radioaktiven Quelle eine entsprechend hohe Dosis in einem umschriebenen Volumen direkt an Ort und Stelle appliziert werden. Dieses Prinzip wurde als alleinige Behandlung (z.B. beim Prostata-Karzinom) oder als Dosisaufsättigung (z.B. beim Zervix-Karzinom) fast alternativlos eingesetzt.

La brachyhĆ©rapie est une modalitĆ© de traitement en radio-​
oncologie ayant un trĆØs long historique. Les premiers inserts de radium gynĆ©cologique ont suivi peu aprĆØs la dĆ©couverte de la radioactivitĆ© vers 1904, aprĆØs quoi la brachythĆ©rapie a eu une place de choix dans de nombreux traitements tumoraux dĆ©finitifs et adjuvants pendant des dĆ©cennies. En utilisant une grande variĆ©tĆ© d’applicateurs intraluminaux ou interstitiels, la source radioactive peut ĆŖtre utilisĆ©e pour appliquer une dose suffisamment Ć©levĆ©e dans un volume dĆ©fini directement sur place. Ce principe a Ć©tĆ© utilisĆ© comme seul traitement (par exemple pour le cancer de la prostate) ou comme saturation de la dose (par exemple pour le cancer du col de l’utĆ©rus) sans pratiquement aucune alternative.

Während der letzten 20 Jahre verzeichnete sich ein deutlicher Rückgang der Brachytherapie-Anwendungen. Dies wurde weltweit festgestellt und analysiert. Ausschlaggebend waren dabei unterschiedliche Faktoren. Einerseits erfordert die Brachytherapie teils chirurgisch anatomische Kenntnisse des Radio-Onkologen, aber eben auch Spezialisierungen des Physikers, des technischen sowie pflegerischen Personals, was kleinere, meist nicht akademische Abteilungen nicht mehr anbieten konnten. Auf der anderen Seite waren die technischen Fortschritte in der perkutanen Radiotherapie so attraktiv und auch für nicht-operativ tätige Strahlenthera­peuten breit nutzbar und von der Industrie angepriesen. In den USA dokumentiert, führten auch abrechnungstechnische Veränderungen zu einem Rücklauf der Brachytherapie. Um die Kosten der Abteilung decken zu können, wurden die lukrativeren perkutanen Verfahren, wie intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT), Rotationsbestrahlungen (VMAT) und die Körperstereotaxie (SBRT) eingesetzt. Die Auswirkungen auf das Outcome der Tumorbehandlungen und weitere Aussichten der Brachytherapie sollen hier im Folgenden dargestellt werden.

Zervixkarzinom

Bereits 1997 zeigte die Publikation von Landis et al., dass schon beim Zervixkarzinom FIGO IB bis IIA die alleinige Radiotherapie, in Form einer kombinierten perkutanen Bestrahlung und einer intra­uterinen Brachytherape, hinsichtlich des Overall-survivals gleichwertig ist im Vergleich zur operativen Behandlung. 1999 konnten mehrere Studien einen Vorteil der Radio-Chemotherapie gegenüber der alleinigen Bestrahlung darstellen, was eigentlich bedeuten würde, dass die Radiochemotherapie des Zervixkarzinoms der Operation überlegen sein dürfte. Die randomisierten Daten hierzu fehlen und doch ist auch in der neuesten Version u.a. der europäischen Leitlinie (1) die kombinierte Radiochemotherapie unter Einschluss der intrauterinen Brachytherapie als lokale Tumor­aufsättigung die Therapie der ersten Wahl beim lokoregionär fortgeschrittenen Karzinom (> FIGO IIB, Klassifikation von 2018). Trotz dieser Ausgangssituation verzeichnete man seit der Jahrtausendwende weltweit einen Rückgang des Einsatzes der Brachytherapie. Die Amerikaner haben dies in zwei unterschiedlichen Datenanalysen deutlich demonstrieren können (2, 3). Während die Anzahl der Anwendungen der Brachytherapie als lokale Dosis­aufsättigung sank, stieg auf der anderen Seite der Einsatz der perkutanen Verfahren (IMRT, VMAT, SBRT). Es konnte gleichzeitig eindeutig gezeigt werden, dass mit sinkendem Einsatz der Brachytherapie, sich parallel das Outcome, das Überleben verschlechterte.
Unbeirrt dieser Tendenzen gegen die Brachytherapie beim Zervixkarzinom hat sich die GEC-ESTRO-Gyn-Workinggroup über viele Jahre nicht nur um die technische Verbesserung der intrauterinen und interstitiellen HDR-Brachytherapie bemüht. Durch die Integration der MR-Bildgebung (Abb. 1) in die Bestrahlungsplanung, sowie der breiten Auswertung der retrospektiven wie prospektiven (EMBRACE) Daten und Verbesserung der Dosisspezifikationen (ICRU), konnten diese Bemühungen auch anderen Institutionen helfen, die lokoregionären Kontrollen deutlich zu verbessern und gleichzeitig die Nebenwirkungen zu reduzieren (4, 5).

Prostatakarzinom

Wie bereits in der Ausgabe 05, September 2020 in info@onkologie von M. Shelan dargestellt, ist die extreme Hypofraktionierung beim Prostatakarzinom, d.h. ein verkürztes perkutanes Therapieschema durch die Applikation höherer Einzeldosen aber geringerer Gesamtdosen, eine immer mehr eingesetzte Behandlungsstrategie in der Strahlentherapie. Das Konzept der verkürzten Therapiedauer verfolgt im Prinzip auch die Brachytherapie und doch konnten auch hier die Amerikaner zeigen, dass die Anwendung der Brachytherapie beim Prostatakarzinom trotz günstiger publizierter Daten zurückging. Die Begründung hierbei sehen die Autoren in der invasiven Methode mit notwendiger hoher operativer Expertise sowie in der finanziellen Abgleichung im Gegensatz zu den perkutanen und insbesondere stereotaktischen strahlentherapeutischen Alternativen (6).

Mammakarzinom

Die Brachytherapie beim Mammakarzinom war über viele Jahrzehnte eher eine seltenere Möglichkeit der Dosisaufsättigung bei Hochrisikosituationen in wenigen meist akademischen Institutionen. Ein eindeutiger Vorteil der Brachytherapie konnte auf Grund der geringen Fallzahlen in der Boost-versus-no-Boost-Studie (7) nicht dargestellt werden. Der Einsatz konzentrierte sich vielmehr seit den 90er Jahren auf die alleinige Teilbrustbestrahlung (PBI) (Abb. 2) in der low-risk-Situation. Die 2016 erstmalig publizierten 5-Jahres-Follow-up-Daten der randomisierten Phase-III-Studie der GEC-ESTRO-Breast-Group um V. Strnad und C. Polgar konnten für die interstitielle Multikatheter-Brachytherapie eine Gleichwertigkeit der akzellerierten Teilbrustbestrahlung (APBI) (8 x 4 Gy, 2x/die) gegenüber der Standard-Ganzbrustbestrahlung (25 x 2 Gy, + 5 x 2 Gy Boost, 1x/die) darlegen (8). Es folgten ebenso hochrangige Publikationen zur Akut- und Langzeittoxizität, die die gleichwertige oder teils bessere Verträglichkeit unterstreichen (9, 10). Das einzige, was den Kritikern der Multikatheter-APBI noch blieb, war das Argument der Inakzeptanz der Patientinnen durch die Invasivität des Eingriffes. Aber auch hier konnte die Studie durch Veröffentlichung der Quality-of-Life-Daten zeigen, dass die interstitielle APBI keinesfalls der Standard-Ganzbrustbestrahlung unterlegen ist (11). Eine Alternative zur invasiven Multikatheter-APBI stellten anfangs noch die intraoperativen Verfahren, mittels Elektronen oder 50-kV-Photonen (Intrabeam-Gerät) dar, deren Follow-up-Daten jedoch der Standardbehandlung nicht standhalten konnten. Neuere Daten zur perkutanen Teilbrustbestrahlung scheinen zwar bezogen auf das onkologische Outcome gleichwertig zu sein, können aber bezogen auf die Langzeittoxizitätsrate oder die Kosmetik nicht mit dem Fraktionierungsschema (Behandlung über 1 Woche mit 2 Bestrahlungen täglich) konkurrieren (RAPID-Trial) oder weisen ein deutlich grösseres Bestrahlungsvolumen und eine längere Behandlungsdauer (40 Gy, 15 Fraktionen) auf (UK LOW-IMPORT-Trial) (12, 13).
Ein weiteres Einsatzgebiet ergibt sich bei den Inbrust-Rezidiven nach initialer brusterhaltender Operation mit Ganzbrustbestrahlung, die bis vor einigen Jahren noch standardmƤssig mit einer Ablatio behandelt wurden. Die GEC-ESTRO-Breast-Group konnte auch hier in einer matched-pair-Analyse darlegen, dass die erneute brusterhaltende Therapie mit anschliessender interstitieller Multikatheter-Teilbrustbrachytherapie der Mastektomie nicht unterlegen ist (14).

Weitere Einsatzbereiche

Die weiteren Einsatzbereiche der Brachytherapie kƶnnen im kurativen Setting zum Organerhalt oder als palliative Methode zur Symptomlinderung dienen. Neue Daten z.B. beim seltenen Vaginalkarzinom konnten in der Arbeit von Reshko et al. das gleiche PhƤnomen zeigen wie beim Zervixkarzinom (15): Durch den Einsatz der interstitiellen Brachytherapie zur pelvinen Radio-Chemotherapie an Stelle einer perkutanen lokalen DosisaufsƤttigung, kann eine Verbesserung des Overall-Survivals erreicht werden (62,9% vs. 49,3%, p=0,0126). Hierdurch lƤsst sich, wie auch beim fortgeschrittenen Vulvakarzinom, ggfs. eine ausgedehnte Operation wie z.B. eine Exenteratio vermeiden.
Beim Lippenkarzinom ist der Einsatz der Brachytherapie ebenfalls eine kurative Behandlungsstrategie mit Organerhalt, was wir bei dieser EntitƤt mit eigenen Daten belegen konnten (16). Weitere zahlreiche Einsatzgebiete sind sowohl in der primƤren Behandlung der HNO-Tumore, wie bei den Zungenkarzinomen, als auch in der palliativen Situation zur Verbesserung der Schluckbeschwerden beim rezidivierenden Oesophaguskarzinom.
Eine sehr klassische, einfache und wenig invasive Brachytherapiebehandlung stellt die Vaginalstumpfbehandlung mittels eines Vaginalzylinders dar, die auf Grund der geringen Wahrscheinlichkeit an Spättoxizitäten früher häufig bereits in Frühstadien (FIGO IA, G 2) eingesetzt wurde. Da diese Patientinnen jedoch auch ohne eine adjuvante Behandlung eine sehr gute Prognose haben, reduzierte sich der Einsatz dieser Behandlung auf der einen Seite. Andererseits wurde in den Europäischen Guidelines zur Behandlung des Endometriumkarzinoms (17) der Einsatz der perkutanen Beckenbestrahlung zu Gunsten der alleinigen vaginalen Brachytherapie gewechselt. Grundlage hierfür waren die europäischen PORTEC-Studien sowie diverse GOG-Studien der Amerikaner.

Durchführung der Brachytherapie an spezialisierten Zentren – eine Frage der Kooperation

Die (interstitielle) Brachytherapie, die heute durchgeführt wird, ist eine bildgestützte Behandlung. D.h. es werden nicht nur Schnittbilder (CT, MRI, PET-CT) zur Hilfestellung bei der Implantation der Applikatoren benutzt, sondern auch die Bestrahlungsplanung erfolgt zumindest mit einer CT-Bildgebung, beim Zervixkarzinom auch mit MRI (Abb. 1). Dies bedeutet einen erheblichen logistischen und zeitlichen Mehraufwand. Mit vorhandenen Bilddaten lƤsst sich nicht nur ein Zielvolumen für die Planung definieren, sondern auch alle umgebenden Risikostrukturen werden erfasst. So sind in den vergangenen Jahren Guidelines für die Dosisoptimierung sowohl für das Tumorgeschehen selbst, als auch für die Risikostrukturen entstanden. Diese Bestrahlungsplanung erfordert ein spezialisiertes Team aus Pflege, MTRA’s, Physikern und Ƅrzten. Da diese personellen AufwƤnde, wie die Daten zeigen, gerechtfertigt sind, sind die Brachytherapien nur noch in wenigen Brachytherapie-Zentren mƶglich. Es bestehen Kooperationen unter den radio-onkologischen Instituten, die heimatortnah für den Patienten die perkutane Bestrahlung und im spezialisierten Zentrum die lokalisierte Brachytherapie ermƶglichen. Diese Tendenz zeichnet sich in vielen europƤischen LƤndern bereits ab und verspricht vor allem den Zervixkarzinom-Patientinnen eine optimale kurative Behandlung. Man konnte aber noch andere Entwicklungen u.a. in den USA feststellen. Die Erfahrung und Fertigkeit, die es für diese Therapien benƶtigt, muss an die nƤchste Generation weitergegeben werden. Es gibt gerade im Bereich der Brachytherapie weltweit wenige Ausbildungsmƶglichkeiten. Die GEC-ESTRO versuchte im letzten Jahr durch einen Fragebogen an die auszubildenden zukünftigen Radio-Onkologen die Wünsche und Erwartungen bezogen auf die Brachytherapie und deren Ausbildung einzuholen. Die Resultate dieser europƤischen Umfrage stehen noch aus. Ziel ist, den Nachwuchs zur Durchführung der Brachytherapie auch in Zukunft sicherzustellen, denn dank zunehmenden publizierten Daten, erfolgsoptimierten und toxizitƤtsreduzierten Bestrahlungsplanungen, Patienten-orientierten AblƤufen und kostengünstigen Behandlungen sind auch die zuweisenden mitbehandelnden Ƅrzte wieder zunehmend von dieser alten, Ā«renoviertenĀ» Brachytherapie überzeugt.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Kristina Lƶssl

Stv. ChefƤrztin
Klinik und Poliklinik für Radio-Onkologie
Inselspital/UniversitƤt Bern
Freiburgstrasse 18
3010 Bern

Kristina.Loessl@insel.ch

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Brachytherapie ist eines der Ƥltesten Verfahren in der Strahlentherapie und eignet sich in gewissen anatomischen Lokalisationen hervorragend, um in kleinen Zielvolumina viel Dosis zu applizieren und Risikostrukturen zu schonen.
  • Beim Zervixkarzinom führt ein Verzicht auf die Brachytherapie zu einer Verschlechterung der Überlebenswahrscheinlichkeit.
  • Die interstitielle Brachytherapie kann in vielen Bereichen, adjuvant (z.B. Teilbrustbestrahlung) oder definitiv (z.B. Lippenkarzinome) eingesetzt, durch kurzzeitige, kleinvolumige Behandlungen den Patientenkomfort verbessern.
  • Die interstitielle Brachytherapie kann durch Kooperationen mit spezialisierten Zentren weit verbreitet angeboten werden.

Messages Ć  retenir

  • La brachythĆ©rapie est l’une des plus anciennes procĆ©dures de radiothĆ©rapie et convient parfaitement dans certains endroits anatomiques pour appliquer de fortes doses dans de petits volumes cibles et pour Ć©pargner les structures Ć  risque.
  • Dans le carcinome cervical, l’abandon de la brachythĆ©rapie entraĆ®ne une dĆ©tĆ©rioration de la probabilitĆ© de survie.
  • La brachythĆ©rapie interstitielle peut ĆŖtre utilisĆ©e dans de nombreux domaines, de maniĆØre adjuvante (par exemple, irradiation partielle du sein) ou dĆ©finitive (par exemple, carcinome des lĆØvres), pour amĆ©liorer le confort du patient grĆ¢ce Ć  des traitements de courte durĆ©e et de faible volume.
  • La brachythĆ©rapie interstitielle peut ĆŖtre proposĆ©e Ć  grande Ć©chelle grĆ¢ce Ć  la coopĆ©ration avec des centres spĆ©cialisĆ©s.

Erste Erfahrungen der ersten reproduktions-endokrinologischen Direktorin der Schweiz

Brigitte, du bist seit einigen Monaten in deinen neuen Positionen. Welche Überraschungen musstest du in dieser Zeit meistern?

Glücklicherweise war das, was zu meistern war, eher erwartet und nicht überraschend. Da ich vor der Übernahme meiner neuen Aufgaben als Klinikdirektorin bereits viele Jahre am USZ und in der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie tätig war, kannte ich die Klinik sehr gut und konnte auf dieser Basis Pläne für die Zukunft entwickeln. Erfreulicherweise konnten wir bereits viele dieser Ideen umsetzen und sind äusserst zufrieden mit dem Ergebnis. So haben wir mit dem Wechsel die Räumlichkeiten für die Chefsprechstunden so gestalten können, dass Sie nun auch für Sprechstunden der Kaderärztinnen genutzt werden können. Ausserdem sind wir sehr erfolgreich am Circle gestartet, wo wir in modernem, architektonisch sehr interessantem Ambiente nun auch alle unsere Sprechstunden anbieten. Im Februar haben wir mit unserem klinik-internen Team den Empfang unserer Patientinnen in unsere Klinik integriert.
Weiter konnten wir zusätzliche hervorragende Mitarbeiterinnen sowohl für unser ärztliches Team als auch für das Labor und bei den MPAs gewinnen, so dass wir sehr gute Voraussetzungen haben, unseren Patientinnen und Kinderwunschpaaren fachlich und menschlich die bestmögliche Unterstützung zukommen zu lassen.

Wie fühlst du dich als Frau in deiner neuen, noch weitgehend von Männern dominierten Berufswelt?

Aus meiner Sicht zƤhlt in dieser Position die Kompetenz, dem Team der Klinik die Rahmenbedingungen anzubieten, so dass alle ihren Aufgaben optimal nachkommen kƶnnen. Dies ist weniger eine Frage des Geschlechts als des Führungskonzeptes sowie des Einsatzes und der FƤhigkeit, dieses Konzept umzusetzen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass QualitƤt überzeugt – und diese mache ich auch jetzt. Ich glaube, dass der Stil von Frauen etwas anders als der von MƤnnern sein muss, um das gleiche Ziel zu erreichen, da die gleichen Eigenschaften bei MƤnnern anders wahrgenommen werden als bei Frauen. Aber dies macht es ja so spannend …

Du bist für viele Bereiche in deiner Klinik verantwortlich: für klinische Dienstleistung, Lehre, Forschung, Betriebsor-ganisation und -wirtschaft, Personalmanagement und vieles mehr. Was hat dich in diesen ersten Monaten am meisten herausgefordert?

Da ich das Glück hatte, von dir, meinem Vorgänger, über eine lange Zeit vor dem tatsächlichen Wechsel in meine zukünftigen Aufgaben eingeführt zu werden und zunehmend mehr Verantwortung übernehmen durfte, konnte ich meine neue Funktion als Klinikdirektorin auf einer sehr gut etablierten Basis beginnen.
Zudem hatte ich das Glück, dass ich ein ärztliches Team übernehmen durfte, das sich nicht nur durch hohe Kompetenz, sondern auch durch grosse Einsatzbereitschaft auszeichnet. Mit PD Dr. Ruth Stiller als stellvertretender Leiterin des Kinderwunschzentrums und sehr engagierten kompetenten Oberärztinnen habe ich in der Klinik eine sehr gute Unterstützung. Das Team der MPAs wird durch Yllka Pacolli zu meiner vollsten Zufriedenheit geführt und wir freuen uns sehr, dass dieses Team wie auch das neue Team am Empfang und zur Planung der Erstkonsultationen stabil und hochmotiviert sind, unseren Patient*innen eine optimale Betreuung zukommen zu lassen. Dr. Min Xie sorgt mit ihrem Team und ihrem unglaublichen Einsatz im Kinderwunschlabor für exzellente Ergebnisse. Ausserdem konnten wir dank meiner hervorragenden und sehr engagierten Klinikmanagerin, Lisa Martin, die Strukturen der Klinik deutlich effizienter gestalten, wodurch wir Zeit für unsere PatientInnen gewonnen haben. Bei der Forschung habe ich sehr gute Projektleiter*innen, so dass wir, insbesondere wenn man die Anzahl hochkarätiger Forschungsprojekte betrachtet, sehr stolz auf die aktuelle Situation und hinsichtlich der kommenden Jahre sein dürfen.
Die Herausforderung für mich ist, die vielen guten Ideen in die richtige Reihenfolge zu bringen und dafür zu sorgen, dass wir in einem sinnvollen Tempo Schritt für Schritt die aktuellen Strukturen weiterentwickeln. Aktuell arbeite ich noch daran, das Gleichgewicht zwischen den einzelnen Komponenten auszutarieren – aber da es immer wieder unerwartete Herausforderungen gibt und ich neben der Klinik, die mir sehr viel Freude bereitet, auch wissenschaftlich aktiv bleiben mƶchte, wird dies wohl auch eine Herausforderung bleiben. Ich mag Vielseitigkeit und Lebendigkeit und die Aufgaben einer Klinikdirektorin kommen diesem Profil sehr entgegen.

Du bist kurz nach deinem Amtsantritt direkt in die zweite COVID-Welle hineingeschlittert. Welche Auswirkungen hatte das auf deinen Berufsalltag und deine Klinik?

Natürlich ist der klinische Alltag immer noch sehr von Corona geprägt. Wir tragen den ganzen Tag Masken und der Kontakt untereinander sowie mit Patientinnen ist Covid-bedingt distanzierter. Aber wir hatten bisher das Glück, dass die Rahmenbedingungen und die sorgfältige Planung durch die COVID-19-Taskforce am USZ uns ermöglicht haben, unsere Eingriffe ohne Einschränkungen durchzuführen.
Corona-bedingt haben wir unseren Anteil an Telefonkonsultationen deutlich erhöht, was z.B. für Therapiebesprechungen sehr gut möglich ist und wir auch in Zukunft beibehalten werden, um Patient*innen den Weg in die Klinik zu ersparen.
Ausserdem ist durch Corona die Kompetenz im Umgang mit elektronischer Kommunikation z.B. für Fortbildungen und auch im Studentenunterricht deutlich gestiegen, was uns auch den Zusammenhalt des nun an zwei Standorten tätigen Teams erleichtert.

In dieser Zeit erfolgte zudem auch noch die Erƶffnung des USZ-Flughafens am Circle. Wie hƤufig bist du persƶnlich am Flughafen? Hat die starke Reduktion des Flugverkehrs Auswirkungen auf die dortigen AktivitƤten deiner Klinik?

In den ersten Wochen war ich häufiger am Circle, nun gibt es feste Sprechstundenzeiten der Ober- und Assistenzärztinnen und ich übernehme punktuell Ferienabwesenheiten.
Der grösste Anteil unserer Patient*innen kommt aus dem Umfeld Zürich, so dass die Reduktion des Flugverkehrs kaum Auswirkungen zeigt. Da wir bisher ausschliesslich unter Corona-geprägten Bedingungen am Circle tätig sind, könnte ich mir jedoch vorstellen, dass eine Zunahme des Flugverkehrs und damit auch der am Flughafen arbeitenden Frauen zu einem höheren Bedarf an Konsultationen am Circle führt.

In welchen Forschungsgebieten bewegst du dich in den nƤchsten Jahren?

Erfreulicherweise hat die Universität Zürich unser Projekt «Human Reproduction Reloaded» als einen universitären Forschungsschwerpunkt für die kommenden 8 Jahre ausgewählt. Gemeinsam mit Gerald Schwank werde ich hier einen Forschungsschwerpunkt zum Thema CRISPR leiten. Ziel dieses Schwerpunktes ist zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen der Einsatz von CRISPR an menschlichen Keimzellen eventuell denkbar ist. Am Gesamtprojekt sind insgesamt sechs Fakultäten beteiligt und es werden rechtliche, soziale, ökonomische, psychische, theologische, historische, ethnologische und ethische Facetten der modernen Reproduktionsmedizin untersucht.
Ausserdem arbeiten wir seit Herbst 2021 an einer hoffentlich kurativen immunologischen Therapie der Endometriose.
Mit einer Start-up-Firma und einem internationalen Partner führen wir derzeit Big-data-Analysen mit Machine-learning-Ansätzen durch, um in einem ersten Schritt Paare auf ihren individuellen Voraussetzungen basierend zu beraten im Hinblick auf ihre Chance auf ein Kind. In weiteren Schritten sollen die Analysen für Optimierungen von Kinderwunschbehandlungen eingesetzt werden. Darüber hinaus beginnen wir in Kürze mit einer Real-life-Studie zum Einsatz eines elektronischen Wearable (Ava) zur Antikonzeption.

Welches sind deine Hobbys und hast du noch Zeit für sie?

Neben meinen wissenschaftlichen AktivitƤten – wo die Grenze zwischen Hobby und Arbeit oftmals fliessend ist, gehe ich sehr gerne Rudern – leider ist das Mannschaftsrudern Corona-bedingt aktuell schwierig. Ausserdem habe ich einen grossen Bio-Gemüsegarten, welcher sehr von den Corona-bedingten ReiseeinschrƤnkungen profitiert. Und last but not least hat die Gestaltung von Ferien in der Schweiz auch dazu geführt, dass ich meine etwas eingestaubten FƤhigkeiten am Klavier wieder reaktiviert habe. Ich habe den Eindruck, dass verschiedene erfüllende TƤtigkeiten sich gegenseitig befruchten. Da ich auch meine Arbeit, ganz besonders seit meiner TƤtigkeit als Klinikdirektorin, als sehr erfüllend erlebe, weiss ich manchmal nicht so ganz genau, was ich als Arbeit und was ich als Hobby sehen soll …

Was sind deine Lieblingsspeisen und GetrƤnke?

Hm – das ist schwierig, ich habe sehr viele Dinge, die ich gerne esse und trinke – der jeweilige Favorit ist sehr tagesabhƤngig. Vielleicht in etwa so: Im Sommer die vegetarische Küche meiner Tochter, im Herbst das Taco-Schnitzel mit Guacamole meines Sohnes, im Winter das Osso bucco mit getrockneten Tomaten meines Mannes und im Frühling vielleicht die erste Ernte aus dem Garten … nur scharf darf es nicht sein.
Und zu den GetrƤnken: Am Morgen Milchkaffee, am Mittag und Abend Tee und am Wochenende gelegentlich einen guten, schweren, trockenen Rotwein.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Aktuell denke ich vor allem an die nähere Zukunft, d.h. daran, unsere Klinik zu einer Besonderheit in der universitären Landschaft zu machen, an der sich so viele Patientinnen/Kinderwunschpaare wie möglich rundum perfekt betreut fühlen und sich alle Mitarbeiter*innen so wohl fühlen, dass sie unbedingt weiter in unserem Team arbeiten möchten. Die Forschung, die wir an dieser Klinik durchführen, soll entscheidend zur Verbesserung der Behandlungserfolge z.B. von Infertilität und gynäkologisch-endokrinologischen Erkrankungen beitragen.
Bisher hatte ich das Glück, dass ein sehr hoher Anteil meiner Tätigkeiten sehr erfüllend war und es wäre perfekt, wenn dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Besten Dank, Brigitte, für das Gespräch!

Prof. em Dr. med. Bruno Imthurn

Prof. em. Dr. med. Bruno Imthurn

Senior Consultant Kinderwunschzentrum
360° Zürich

bruno.imthurn@uzh.ch