KI in der Medizin und der Frauenheilkunde

Seit den bescheidenen Anfängen der Künstlichen Intelligenz (KI) in den 1950er Jahren ist diese zu einem wichtigen Teil der modernen Technologien geworden. Sie fand in fast allen Bereichen ihren Einzug; Finanzwesen, Administration, Marketing und Gesundheitswesen sind nur einige Beispiele. Im Alltag unterhalten wir uns mit Sprachassistenten wie Siri oder Alexa und lassen uns in Echtzeit Sprachen übersetzen. In der Medizin hilft uns der Chatbot aus Symptomen eine Differentialdiagnose zu erstellen und wir erhalten Diagnose- und Therapievorschläge. Wir erhoffen uns durch KI eine Vereinfachung unseres Alltags, schnellere Prozesse und eine sicherere Patientenbetreuung. Mit dieser Serie über KI in der Medizin im Allgemeinen und im Besonderen in der Frauenheilkunde wollen wir einen Überblick über den Stand und die aktuellen Entwicklungen der KI geben.

AlpineAI ist ein Unternehmen aus Davos, welches die KI-Plattform SwissGPT entwickelt hat und dessen Einsatz unter anderem auf das Gesundheitswesen fokussiert. Sein CEO, Pascal Kaufmann, sowie Sophie Hundertmark, Verwaltungsratsmitglied von AlpineAI und Autorin des Buches «Generative KI in der modernen Medizin», haben sich bereit erklärt, uns für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Gabriel SchƤr: Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten bisherigen Errungenschaften von KI in der Medizin?

Pascal Kaufmann: Aus heutiger Sicht hat sich Künstliche Intelligenz bereits in mehreren Bereichen der Medizin etabliert. Besonders hervorzuheben ist der Einsatz bei der Analyse von medizinischen Bilddaten, etwa bei Rƶntgenbildern oder anderen bildgebenden Verfahren. Hier unterstützt KI Ƅrztinnen und Ƅrzte bereits sehr effektiv bei der Erkennung von AuffƤlligkeiten und Mustern, oftmals mit signifikant hƶherer Treffergenauigkeit als der Durchschnitt von reprƤsentativen menschlichen Fachexpert/-innen.

Darüber hinaus wird KI zunehmend für Prognosen von Krankheitsverläufen eingesetzt sowie in der pharmazeutischen Forschung, beispielsweise bei der Entwicklung und Bewertung von Medikamenten.

Ein persƶnliches Highlight war für uns jedoch ein ganz konkretes Praxisbeispiel: Eine Person nutzte einen Schweizer Chatbot der neuesten Generation und schilderte anhaltende Schmerzen im Brustbereich. Das System reagierte klar und eindeutig und empfahl umgehend, ein Spital aufzusuchen, da ein Herzinfarkt nicht ausgeschlossen werden kƶnne. Dadurch konnte tatsƤchlich rechtzeitig medizinisch eingegriffen werden. Dieses Beispiel zeigt sehr eindrücklich, welches Potenzial solche Systeme bereits heute haben kƶnnen – gerade im Einzelfall mit sehr grosser Wirkung. Allgemein deutet die Entwicklung darauf hin, dass die Gesundheitsfachperson insbesondere im administrativen Bereich bei der Verfassung von Eintritts- oder Austrittberichten sowie auch in der Diagnostik immer mehr entlastet und freigespielt wird, sodass mehr Zeit für den Patienten bleibt, und dies bei hoher QualitƤt und hƶherer Reproduzierbarkeit (1, 2).

Bitte erzählen Sie uns etwas über die aktuellen Herausforderungen beim Einsatz von KI in der Medizin.

Sophie Hundertmark: Eine der zentralen Herausforderungen ist ganz klar der Datenschutz. Es gibt weltweit sehr leistungsfähige KI-Modelle, insbesondere aus den USA und aus Asien, die technologisch beeindruckend sind und sehr gute Resultate liefern. Gleichzeitig erfüllen diese Systeme jedoch oft nicht die Anforderungen des Schweizer Datenschutzes, was ihren Einsatz im medizinischen Kontext stark einschränkt. Weitere Faktoren betreffen mögliche Fehler je nach Herkunft des Modells.

Hinzu kommt die Herausforderung, einen verantwortungsvollen, ethischen Einsatz von KI sicherzustellen. Es gilt, eine Balance zu finden zwischen technologischer Innovation und dem Schutz von Patientendaten sowie medizinischer Verantwortung.

Schliesslich sehen wir grosse Unterschiede in der Verteilung der KI-Expertise in grossen SpitƤlern aber auch einzelnen Praxen, wo es sein kann, dass der eine Arzt sich vollends ohne KI den Patienten widmet, wƤhrend ein Zimmer weiter die Ƅrztin quasi mit High-Tech augmentiert ist und eine Sprechstunde oder Behandlung ohne KI fast nicht mehr denkbar wƤre. Dazu kommen hohe Unterschiede in der QualitƤt und der Reproduzierbarkeit oder Konsistenz von Patientendossiers, wo es klare Unterschiede gibt, ob eine Sprechstunde maschinell dokumentiert wurde oder aus der Erinnerung oder Notizen quasi abends noch nachgƤngig vervollstƤndigt wird.

Wie verƤndert KI die Patientenversorgung aus organisatorischer Hinsicht?

Sophie Hundermark: Organisatorisch sehen wir grosses Potenzial insbesondere im administrativen Bereich. KI kann viele repetitive Aufgaben übernehmen, etwa Dokumentation, Berichterstellung oder administrative Prozesse. Dadurch werden Ƅrztinnen, Ƅrzte und Pflegepersonal spürbar entlastet. Diese Entlastung führt dazu, dass wieder mehr Zeit für die eigentliche Patientenbetreuung zur Verfügung steht. Gerade im Klinikalltag ist das ein entscheidender Faktor.

Weiter sehen wir eine Beschleunigung von Prozessen aller Art, teils werden Interviews oder Anamnesegespräche schon vorgängig via Technologie von zu Hause aus geführt, die Terminvereinbarung ist immer mehr automatisiert. Patient/-innen kommen immer mehr dokumentiert und mit vielerlei Quellen zum Termin, wobei der letzte Punkt je nachdem Vor- und Nachteile haben kann.

Und aus fachlicher Sicht?

Pascal Kaufmann: Aus fachlicher Sicht zeigt sich der Mehrwert vor allem in der Unterstützung bei komplexen Analysen. Im Bereich der Bildauswertung, etwa in der Radiologie, kann KI bereits heute erste EinschƤtzungen liefern und Ƅrztinnen und Ƅrzte auf mƶgliche AuffƤlligkeiten mit einer hohen Trefferquote hinweisen.

Die KI-gestützte Patientenversorgung verbessert sich durch prƤzisere Diagnosen und nicht-invasive Verfahren: Moderne 3D-Ultraschallsysteme erkennen fetale Fehlbildungen mit SensitivitƤten teils auf Expertenniveau, wƤhrend Biomarker-Tests z.B. PrƤeklampsie oder Endometriose frühzeitig ohne Operationen identifizieren. Intelligente Fernüberwachung für zu Hause reduziert Hospitalisierungen um bis zu 30 %. Grosse Sprachmodelle unterstützen Ƅrzte bei komplexen Diagnosen mit über 90 % Genauigkeit und stimmen in bis zu 70 % der FƤlle mit Tumorboard-Empfehlungen überein, wƤhrend prƤdiktive Algorithmen Frühgeburtsrisiken frühzeitig erkennen. Hochwertige Diagnostik wird auch in ressourcenarmen Regionen demokratisiert. Die multimodale Datenintegration ermƶglicht individualisierte, evidenzbasierte Betreuung, die Fehldiagnosen reduziert und die Sicherheit für Mutter und Kind nachhaltig erhƶht.

Darüber hinaus erleben wir, dass Gesundheitsfachpersonen zunehmend Chatbots wie SwissGPT als zusƤtzliche Unterstützung nutzen – beispielsweise, um eine zweite Meinung einzuholen oder sich bei komplexen Fragestellungen abzusichern. Wichtig ist dabei, dass diese Systeme als ErgƤnzung verstanden werden, nicht als Ersatz für Ƥrztliche Expertise. Rechtlich sind diese Systeme insbesondere nicht zertifiziert, um Diagnosen zu erstellen oder direkt Empfehlungen abzugeben.

Wir gehen davon aus, dass sich das Berufsbild der Medizinalberufe stark verƤndern wird. Kƶnnen Sie dazu Ihre Vision abgeben?

Pascal Kaufmann: KI wird künftig eine immer stƤrkere unterstützende Rolle einnehmen. Unsere Vision ist, dass Ƅrztinnen und Ƅrzte wieder stƤrker das tun kƶnnen, wofür sie ursprünglich diesen Beruf gewƤhlt haben: sich menschlich auf die Patientinnen und Patienten konzentrieren.

Administrative TƤtigkeiten, Berichte und Dokumentationsaufgaben kƶnnten zunehmend automatisiert werden. Dadurch entsteht Raum für Empathie, persƶnliche GesprƤche und menschliche Intuition – Aspekte, die durch keine Technologie ersetzt werden kƶnnen. Ich stelle mir auch vor, dass die QualitƤt der Diagnostik merklich steigt und dass das Berufsbild wesentlich durch die Symbiose von modernster Technologie und hoher SozialĀ­kompetenz geprƤgt sein wird.

Chatbots sind schon heute sehr beliebt, um zum Beispiel Diagnosen zu stellen. Wo sehen Sie weitere Fortschritte in der Diagnostik durch KI?

Sophie Hundertmark: Neben Chatbots revolutioniert KI vor allem die digitale Pathologie, wo Expert/-innen mittels Algorithmen histologische PrƤparate mit hoher SensitivitƤt analysieren und die Bearbeitungszeit um Grƶssenordnungen verkürzen. Automatisierte Kolposkopiesysteme erkennen ZervixlƤsionen mit 95–98 % Treffsicherheit, damit überbietet die KI menschliche Expert/-innen und ermƶglicht durch Smartphone-Diagnostik eine sofortige Risikostratifizierung selbst in EntwicklungslƤndern. Durch die Fusion multimodaler Daten aus Bildgebung und molekularen Markern erreichen KI-Systeme eine Vorhersagegenauigkeit die hƶher liegt als Resultate von Top-Fachexpert/-innen, wobei falsch-positive Befunde signifikant reduziert sind. PrƤdiktive Algorithmen optimieren die prƤnatale Diagnostik durch automatisierte 3D-Ultraschallanalysen schon seit vielen Jahren, noch bevor die neue Generation von KI-Systemen im Jahre 2023 erst Mainstream wurden (3, 4).

Kann KI helfen, personalisierte Behandlungspläne für Patienten zu entwickeln?

Sophie Hundertmark: Ja, definitiv. Auf Basis diagnostischer Daten lassen sich bereits heute individuelle BehandlungsplƤne erstellen. Dieser Ansatz wird sich weiter verstƤrken. Je besser die Datenlage und je prƤziser die Analyse, desto genauer kƶnnen Behandlungen auf einzelne Patientinnen und Patienten zugeschnitten werden. Der KI-Doktor, der praktisch das gesamte Wissen über die Krankheits- und Gesundheitsgeschichte eines Patienten vorliegen hat, kombiniert mit Zugang auf Millionen von Wissenschaftspublikationen und angereichert mit den hiesigen gesetzlichen Grundlagen kann automatisiert Wissen vermitteln, wie dieses sonst nur in einem persƶnlichen GesprƤch vermittelbar wƤre – rund um die Uhr, stets gut gelaunt, geduldig und mƤchtig sƤmtlicher Sprachen.

In welchem Sinn wird das die Patientenbetreuung verbessern?

Pascal Kaufmann: Der wichtigste Punkt ist der Zeitgewinn. Wenn medizinisches Personal durch KI entlastet wird, bleibt mehr Zeit für persönliche Gespräche und individuelle Betreuung.

Wir haben selbst erlebt, wie wenig Zeit im Klinikalltag oft für Arzt-Patienten-Gespräche bleibt. KI kann helfen, diese Schieflage wieder etwas zu korrigieren.

Der KI-Doktor der Zukunft wird auch selber Daten- oder Proben erheben kƶnnen und damit den menschlichen Arzt unterstützen und dereinst – je nach Fachrichtung – sogar auch ersetzen kƶnnen. Wie sonst soll dem FachkrƤftemangel und einer zunehmend gesundheitsbewussten Null-Risiko-Gesellschaft begegnet werden, wenn nicht durch eine intelligente Automatisierung fast sƤmtlicher automatisierbarer Prozesse?

Integration von KI wird einen erheblichen SchulungsĀ­bedarf haben. Welche Herausforderungen sehen Sie dabei?

Pascal Kaufmann: Schulungen sind im medizinischen Umfeld nichts Neues. Ƅrztinnen, Ƅrzte und Pflegepersonal sind regelmƤssige Weiterbildungen gewohnt. Zudem nutzen viele Fachpersonen KI bereits heute im privaten Umfeld. Deshalb sehen wir weniger grosse Hürden, sondern vielmehr eine schrittweise Normalisierung des KI-Einsatzes im Berufsalltag. Der Bedarf an Schulung widerspiegelt im Übrigen auch die QualitƤt des KI-Systemes: Je komplizierter und starrer ein KI-System, desto mehr Schulung wird nƶtig, die Intelligenz eines KI-Systems zeigt sich insbesondere an der Einfachheit der Bedienung.

Welche ethischen Überlegungen müssen beim Einsatz von KI in der Medizin berücksichtigt werden?

Pascal Kaufmann: Ein zentraler ethischer Grundsatz ist, dass die Entscheidung immer beim Menschen bleibt. KI darf unterstützen, aber nicht autonom entscheiden.

Patientinnen und Patienten müssen weiterhin aktiv in Entscheidungen eingebunden sein. KI soll als Werkzeug dienen, nicht als Entscheidungsinstanz.

Allgemein wird die Ethikfrage sehr kontrovers diskutiert, je nach Kulturkreis oder Staatsform, sogar je nach Kanton gelten andere Richtlinien. Dabei zeigen sich hier vielerlei Widersprüche: Wie sehr soll man KI regulieren, wenn dargelegt werden kann, dass nachweislich mehr Leben gerettet und die Lebensqualität von Patienten erhöht werden kann, wenn noch mehr automatisiert und der KI noch mehr Verantwortung übergeben würde?

Es gibt Kritik an den Informationsquellen von KI-Systemen. Was sagen Sie dazu?

Sophie Hundertmark: Es stimmt, dass Informationsquellen fehlerhaft oder unvollständig sein können. KI-Systeme arbeiten mit grossen Datenmengen und bilden oft Mehrheitswissen ab, wodurch Minderheiten oder Sonderfälle unterrepräsentiert sein können. Gleichzeitig entwickeln sich die Systeme weiter und werden immer besser darin, vertrauenswürdige Inhalte zu erkennen. Zudem gibt es bereits heute KI-Modelle, die ausschliesslich mit wissenschaftlich geprüften Quellen arbeiten.

Weiter sehe ich wenig Unterschiede zur Frage, woher Menschen ihr Expertenwissen beziehen und wie viel davon wieder vergessen oder fehlerhaft wiedergegeben wird. Bei Maschinen kann man immerhin davon ausgehen, dass die Nachvollziehbarkeit und die Vergessensrate tiefer ist.

Wie steht es mit der Kritik am Datenschutz und an der Speicherung in auslƤndischen Clouds?

Pascale Kaufmann: Diese Kritik ist sehr ernst zu nehmen. Im medizinischen Alltag kommt es schnell vor, dass sensible Dokumente in auslƤndische Cloud-Systeme gelangen, etwa bei Übersetzungen oder Analysen. Eine Umfrage der HIN in Zusammenarbeit mit AlpineAI zeigte 2025, dass über 50 % der Schweizer Gesundheitsfachpersonen ChatGPT im Berufsalltag regelmƤssig nutzen, teils verdeckt, teils auf privaten Systemen. Dies ist ein unhaltbarer Zustand und zeigt das offenkundige Bedürfnis, nach Automatisierung, Entlastung und neuester Technologie im Gesundheitsbereich. Die Zürcher Datenschutzbeauftragte spricht hierzu ebenfalls Klartext, was schliesslich auch in einer schweizweiten Weisung mündete, die den Einsatz von US Systemen (Microsoft, ChatGPT, CoPilot, Medical Dragon usw.) in Bezug auf Patientendaten untersagt. Gerade deshalb braucht es datenschutzkonforme Alternativen und ein stƤrkeres Bewusstsein für diese Risiken und die Interessen der Patient/-innen.

Sind Lösungen für eine bessere Integration von KI in bestehende Systeme in Sicht?

Sophie Hundertmark: Ja, definitiv. Die Schweiz ist europaweit führend im Bereich der KI, ebenfalls in der Entwicklung und dem Einsatz datenschutzkonformer KI-Technologien. Bei SwissGPT arbeiten wir aktiv an entsprechenden Integrationen direkt in die einschlägigen Klinik- und Praxisinformationssysteme sowie in zahlreiche weitere Tools und Programme des Praxisalltags. Die Technologie ist seit mehr als 2 Jahren vorhanden und erfolgreich im Einsatz, es geht nur darum, diese auch zu nutzen.

Wie schƤtzen Sie die Akzeptanz von KI bei den Patienten ein?

Sophie Hundertmark: Die Akzeptanz ist erstaunlich hoch. Viele Patientinnen und Patienten erkennen sehr schnell den Mehrwert. Eher im Gegenteil wirkt es wenig vertrauensfördernd, wenn die Gesundheitsfachperson einen Block und Bleistift auspackt bei der Anamnese oder man unzählige Papiere von Hand ausfüllen muss. Wenn beispielsweise ein Arztgespräch aufgezeichnet wird, um die Qualität der Dokumentation zu verbessern, dann stösst dies auf hohen Zuspruch, denn es kann dann auch erwartet werden, dass das Gegenüber sich besser auf das Gespräch einlassen kann, als wenn die Fachperson immerzu am Computer Notizen nachführen muss.

Werden Ƅrztinnen und Ƅrzte zu reinen Organisatoren, wenn Patienten mit KI-Diagnosen kommen?

Sophie Hundertmark: Nein, das glauben wir nicht. Es ist durchaus sinnvoll, wenn Patientinnen und Patienten bereits mit einer ersten Einschätzung in die Sprechstunde kommen. Während frühere Suchmaschinen oft zu überdramatischen Ergebnissen führten, liefern moderne KI-Systeme realistischere Einschätzungen. Die ärztliche Einordnung bleibt dabei unverzichtbar.

Gibt es Besonderheiten in der Frauenheilkunde?

Pascal Kaufmann: Ein zentrales Thema ist die Datenlage. Viele medizinische Datensätze basieren noch immer überwiegend auf männlichen Durchschnittsdaten. Frauen, insbesondere in spezifischen Lebensphasen, sind unterrepräsentiert.

Hier besteht klarer Handlungsbedarf, um KI-Systeme fair und zuverlƤssig einsetzen zu kƶnnen.

Ebenfalls beachtenswert ist die Technologieakzeptanz und der Einsatz von KI-Systemen je nach Geschlecht. Frauen zeigen gemƤss verschiedenen Studien geringeres Selbstvertrauen im Umgang mit KI-Tools und begegnen der Technologie mit grƶsseren ethischen Bedenken sowie der Sorge, deren Nutzung kƶnne als Ā«BetrugĀ» gewertet werden, wƤhrend MƤnner bei unzureichenden Ergebnissen hartnƤckiger bleiben. Zudem befürchten Frauen stƤrker berufliche Benachteiligungen durch KI-Einsatz – was durch eine Studie bestƤtigt wird, in der Ingenieurinnen mit KI-generiertem Code als 9 % weniger kompetent bewertet wurden als mƤnnliche Kollegen bei identischen Outputs – und Ƥussern vermehrt Bedenken bezüglich Datenschutz, verzerrter Ergebnisse und Halluzinationen. Hinsichtlich des Nutzens sind MƤnner deutlich optimistischer, empfinden die Nutzung als angenehmer und halten KI für ihre berufliche Zukunft für wesentlicher, wƤhrend Frauen mehr potenziellen Schaden als Nutzen erwarten. Mit Blick auf die weibliche Klientel sollten diese Aspekte ebenfalls beachtet werden (5, 6).

Wo steht die Entwicklung der Bildauswertung in der Diagnostik?

Sophie Hundertmark: Die KI-gestützte Bildauswertung in der GynƤkologie erreicht mittlerweile Expertenniveau: Moderne 3D-Ultraschallsysteme erkennen fetale Fehlbildungen mit bis zu 94 % SensitivitƤt und automatisieren die Echtzeit-Segmentierung. Bei der Zervixdiagnostik überbieten KI-gestützte Kolposkopiesysteme erfahrene Ƅrzte mit 95–98 % Treffsicherheit bei der Erkennung acetoweisser LƤsionen. Zudem analysieren Deep-Learning-Algorithmen histologische PrƤparate bei Endometriumkarzinomen mit F1-Scores von bis zu 0,95 und unterscheiden prƤzise zwischen benignen und malignen VerƤnderungen. Die Fortschritte sind beeindruckend. KI erkennt Muster und ZusammenhƤnge, die für den Menschen oft kaum sichtbar sind.

Was sind Ihre Hoffnungen für die nächsten zehn Jahre?

Pascal Kaufmann: Wir erwarten eine zunehmende Automatisierung, etwa durch Robotik oder automatisierte BehandlungsplƤne. Auch sehen wir, dass der KI-Doktor in einigen LƤndern Einzug halten wird und dadurch auch die Ethik-Diskussion hierzulande vorangebracht wird. Unser grƶsster Wunsch ist jedoch, dass KI dazu beitrƤgt, den Fokus wieder stƤrker auf das Menschliche zu legen – unterstützt durch Technologie im Hintergrund.

Welche Trends erwarten Sie speziell in der Frauenheilkunde?

Pascal Kaufmann: Wir erwarten immer stƤrker personalisierte BehandlungsplƤne und bessere Prognosen, etwa im Bereich Kinderwunsch oder in spƤteren Lebensphasen.
In den kommenden Jahren wird die gynäkologische Versorgung durch multimodale KI-Systeme weiter individualisiert, die Bildgebung, genetische Marker und klinische Daten zu präzisen Risikoprofilen verschmelzen. Nicht-invasive Diagnostikverfahren werden zunehmend invasive Eingriffe bei Krebsvorsorge und Schwangerschaftsüberwachung ersetzen, während intelligente Fernüberwachung die kontinuierliche Betreuung von zu Hause ermöglicht. Zudem werden KI-gestützte Point-of-Care-Lösungen hochspezialisierte Diagnostik in unterversorgte Regionen tragen und globale Gesundheitsgleichheit fördern.

Diese technologischen Fortschritte versprechen nicht nur sicherere und komfortablere Behandlungswege, sondern erfordern gleichzeitig eine verantwortungsvolle Implementierung, die ethische Standards wahrt und alle Patientinnen gleichermassen erreicht. Die Schweiz kann sowohl technologisch als auch ethisch und gesellschaftlich hierin eine Vorreiterrolle übernehmen.

Auch hier werden administrative Entlastung, bessere Vorhersagen und unterstützende Technologien eine zentrale Rolle spielen.

Prof. Dr. med. Gabriel SchƤr

Aarau

gabriel.schaer@usz.ch

1. Potential applications of ChatGPT in obstetrics and gynecology in Korea: a review article, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10948210/
2. Current applications and future directions of artificial intelligence in obstetrics, https://gocm.bmj.com/content/5/4/e000321
3. Artificial intelligence for colposcopic and cytological image analysis in early cervical cancer detection, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12857404/
4. Deep learning-based automated detection of endometrioid endometrial carcinoma in histopathology, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12833765/
5. AI’s Gender Gap: Distrust of artificial intelligence puts women at risk, https://newsroom.haas.berkeley.edu/magazine/fall-2025/ais-gender-gap/
6. The AI Gender Gap Paradox, https://ssir.org/articles/entry/ai-gender-gap-paradox

Aus der «SAKK» wird das «Swiss Cancer Institute»: mehr als nur ein neuer Name

Vor genau 60 Jahren wurde 1965 nach US-amerikanischem Vorbild des National Cancer Institutes (NCI) die «Schweizerische Chemotherapie Gruppe» gegründet.

Das Ziel war die Durchführung von multizentrischen Studien in der Schweiz für Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen, wobei eine «Einschränkung der individuellen Entscheidungsfreiheit zu Gunsten des gemeinsamen Ziels und im Interesse der Auswertbarkeit einer Studie» gefordert wurde. Im Jahre 1971 wurde der Name in «Schweizerische Arbeitsgruppe für klinische Krebsforschung (SAKK)» geändert und kurz darauf erhielt die SAKK als nicht-gewinnorientierte Organisation ab 1974 eine finanzielle Unterstützung durch den Bund. Von Beginn weg wurde gemäss dem schweizerischen föderalistischen Prinzip ein dezentraler Ansatz gewählt, um möglichst alle Regionen der Schweiz zu beteiligen. Die SAKK ist mittlerweile auf 22 Mitglieder angewachsen und deckt geographisch die ganze Schweiz ab. Neben sämtlichen universitären Kliniken sind auch alle grossen Kantonsspitäler sowie wichtige Privatkliniken eingebunden.

Während längerer Zeit bereits wurde der Name «SAKK» als sperrig und ausserhalb eines kleinen Kreises von Eingeweihten als wenig verständlich wahrgenommen. Insbesondere der Einbezug der französisch- und italienischsprachigen Schweiz sowie die öffentliche Sichtbarkeit wurden durch diesen Namen erschwert. In den vergangenen vier Jahren hat die Organisation einen bedeutenden kulturellen Wandel durchlaufen mit neuen Strukturen und neuem Selbstverständnis. Eine Namensänderung drängte sich auf und an der Halbjahresversammlung in Interlaken wurde diese am 21.5.2025 von der Generalversammlung verabschiedet. Aus der «SAKK» wurde per 1.7.2025 das «Swiss Cancer Institute»! Um dem zentralen Forschungsgedanken Rechnung zu tragen, wurde der Name zusammen mit dem Claim «Clinical research for a cure tomorrow» verknüpft. Das Swiss Cancer Institute soll die nationale Stellung im Bereich der klinischen Krebsforschung erhalten und ausbauen und allen Krebsbetroffenen der Schweiz Zugang zu Innovation verschaffen sowie klinische Krebsforscher aus allen Sparten vernetzen und unterstützen. Wichtige Initiativen wurden in den vergangenen Monaten durch das Swiss Cancer Institute gestartet, um dieses Ziel zu erreichen. Namentlich wurden die internen Prozesse merklich vereinfacht, es wurde die Möglichkeit zur erleichterten Durchführung von gradlinigen akademischen Studien geschaffen und die Unterstützung beim Fundraising zur Studienfinanzierung wird deutlich verstärkt.

Der Übergang in das neue Jahrzehnt in der Geschichte der Organisation beginnt somit nicht nur mit einem neuen Namen, sondern auch mit vielversprechenden Innovationen zum Wohle der Krebsbetroffenen und der klinischen Krebsforscher.

Herzlich Willkommen «Swiss Cancer Institute»!

Prof. Dr. med. Richard Cathomas

Klinik für Onkologie/Hämatologie
Kantonsspital Graubünden
Loƫstrasse 170
7000 Chur

richard.cathomas@ksgr.ch

Oncosuisse unter neuer Leitung: Ein Gespräch über Vision, Verantwortung und den nationalen Krebsplan

Dominique Froidevaux ist seit April 2025 CEO von Oncosuisse – und bringt über drei Jahrzehnte Erfahrung im Gesundheitswesen mit. Im Interview spricht er über seinen persƶnlichen Werdegang, die Herausforderungen der Krebsversorgung in der Schweiz und seine Vision für den Nationalen Krebsplan 2026–2032. Unterstützt wird er von Prof. Solange Peters, PrƤsidentin von Oncosuisse, die strategische Perspektiven und politische PrioritƤten einbringt. Gemeinsam wollen sie der Krebs-Community eine starke Stimme verleihen.

Roger von Moos: Dominique Froidevaux, kƶnnen Sie uns kurz Ihren beruflichen Werdegang skizzieren – insbesondere Ihre über 30-jƤhrige Erfahrung im Gesundheitswesen?

Dominique Froidevaux: Mein Vater hat als Kinderarzt praktiziert, meine Mutter war Laborantin – es liesse sich sagen, ich bin schon von klein auf mit dem Gesundheitswesen aufgewachsen. Die Geschichten, die sie meinem Bruder und mir jeweils erzƤhlten, weckten in mir schon früh die Neugier, mehr darüber zu erfahren. Ich habe in Bern Volks- und Betriebswirtschaft sowie Politikwissenschaft studiert und durfte bereits als Werkstudent erste Berufserfahrungen in einem UniversitƤtsspital sammeln. Nach ein paar Ā«LehrjahrenĀ» in einer internationalen Beratungsfirma, bei der ich nach kurzer Einarbeitung die LƤnderverantwortung für das Health Care Team innehatte, habe ich mich Anfang der Nullerjahre selbstƤndig gemacht. Seither arbeite ich mit einem kleinen, aber feinen Team und zahlreichen Partnerorganisationen und setze mich für mehr QualitƤt und tiefere Kosten im Gesundheitswesen ein.

RvM: Was hat Sie motiviert, die Position des CEO bei Oncosuisse anzunehmen, und welche Vision verbinden Sie damit?

DF: Es ist ganz simpel. Ich mƶchte einen Beitrag leisten, dass sich die Situation der Krebsbetroffenen in der Schweiz verbessert. Als CEO von Oncosuisse mƶchte ich die vielen Organisationen und alle darin Engagierten, die sich für Krebsbetroffene einsetzen, zusammenbringen und ihnen eine starke Stimme in Politik und Ɩffentlichkeit geben.

RvM:  Frau Professor Solange Peters, welche Prioritäten ­setzten Sie und der Vorstand bei der Auswahl des neuen CEO?

Solange Peters: Oncosuisse muss heute Ƥusserst schnell reagieren und effizient handeln kƶnnen. Als Dachorganisation vereinen wir alle Versorgungsangebote, die Krebspatientinnen und -patienten sowie deren Angehƶrige benƶtigen. Um diesen Patientenweg in jeder Phase zu erleichtern, muss Oncosuisse die dafür zustƤndigen Organisationen zusammenführen. Dafür galt es, eine agile Führungspersƶnlichkeit mit fundierter und spezialisierter Expertise im Bereich Onkologie sowie vertieften Kenntnissen politischer Institutionen und der im Krebsbereich tƤtigen Organisationen zu finden. Denn die Schweiz muss heute einen Krebsplan ausarbeiten – einen entscheidenden und grundlegenden Schritt zur Entwicklung einer Strategie zugunsten unserer Patientinnen und Patienten sowie ein echtes politisches Instrument zur Verbesserung des Systems. Die FƤhigkeit, Menschen zu vereinen, diplomatisch zu agieren und mehrsprachig zu sein, sind QualitƤten, die Dominique Froidevaux besitzt und mit Intelligenz und Brillanz einzusetzen versteht. Genau diese Eigenschaften haben den Vorstand überzeugt.

RvM: Ist der Übergangsprozess Ihrer Ansicht nach gelungen?

SP: Wir haben Oncosuisse in eine gemeinnützige und ƶffentlich-rechtlich anerkannte Organisation umgewandelt – dies wƤhrend meines Mandats als PrƤsidentin und kurz vor dem Amtsantritt von Dominique Froidevaux. Er konnte den Übergang begleiten, die rasche Umsetzung des Projekts Ā«KrebsplanĀ» sicherstellen und sich ganz allgemein um sƤmtliche Aufgaben von Oncosuisse kümmern. Sowohl finanziell als auch organisatorisch ist es ihm gelungen, eine tragfƤhige Struktur aufzubauen, die es uns ermƶglicht, den Betrieb auf dem Niveau einer solchen Dachorganisation sicherzustellen.

RvM: Dominique Froidevaux, schon bald haben Sie die berühmten ersten hundert Tage hinter sich. Was ist Ihre Zwischenbilanz?

DF: Insgesamt kƶnnen wir eine sehr erfreuliche Bilanz ziehen. Gleich zu Beginn konnten wir die Mitgliederbasis von 8 auf 11 Mitglieder erweitern, und eine meiner ersten Amtshandlungen waren die Schlussverhandlung und Unterzeichnung des BAG-Mandats an Oncosuisse für den Krebsplan 2026 – 2032. Es gelang auch, ein motiviertes Team zusammenzustellen mit versierten Fachleuten wie Prof. Dr. med. Roger von Moos als Leiter Ressort Politik, Samy Darwish als Projektleiter und einem engagierten Sekretariat. Die Oncosuisse Mitglieder engagieren sich tatkrƤftig für die Krebsbetroffenen, wir dürfen sie dabei unterstützen. Selbstredend stehen auch etliche Herausforderungen an, denen wir uns in den kommenden Monaten widmen wollen.

RvM: Eine Frage an Sie beide: Wie wollen Sie die verschiedenen Interessen der Mitglieder unter einen Hut bringen?

DF: Das ist eine spannende Frage. Ich sehe es so: Oncosuisse ist der Ā«Kleinste gemeinsame NennerĀ» zwischen den Mitgliedsorganisationen. Alles, was uns vereint, soll von Oncosuisse portiert werden. Und dies ist nicht wenig: Krebs ist – leider – für viele Menschen eine nach wie vor letale Krankheit, die es entschieden zu bekƤmpfen gilt. Alle Oncosuisse Mitglieder setzen sich für die Krebsbetroffenen ein, für bessere Rahmenbedingungen usw. Die Frage wird sein, ob alle bereit sind, sich für diesen Gedanken zu ƶffnen und ihre gemeinsamen Interessen bei Oncosuisse zu bündeln. Wenn das gelingt, und da sollten wir optimistisch sein, dann hat die Cancer Community künftig eine viel stƤrkere Stimme als bis anhin. Wichtig scheint mir auch Folgendes: Die einzelnen Mitglieder sind frei, ausserhalb von Oncosuisse ihre eigenen Interessen weiterhin zu vertreten und eigene AktivitƤten zu entfalten.

SP: In diesem Konzept des gemeinsamen Nenners sind wir vollĀ­kommen einer Meinung. Ich persƶnlich mache mir jedoch weniger Sorgen darüber, ob er feststeht, denn die tƤgliche RealitƤt erinnert uns stƤndig an seine Existenz. Sei es im Bereich der PrƤvention, des gleichberechtigten Zugangs zur Gesundheitsversorgung – von Vorsorgeuntersuchungen bis hin zu innovativen Behandlungsmethoden –, der Sensibilisierung und des Engagements von Politik und Ɩffentlichkeit oder der demografischen RealitƤten, die sowohl die Bevƶlkerung als auch die Angehƶrigen der Gesundheitsberufe betreffen: All diese Elemente definieren klare PrioritƤten und Dringlichkeiten, die in den letzten fünf Jahren leider stƤndig an Bedeutung und Auswirkungen zugenommen haben. Die Menschen wissen, dass die Gesundheitsversorgung in der Schweiz nicht mehr für alle gleich ist und dass sie besser sein kƶnnte – und sollte. Genau hier liegt die gemeinsame Grundlage von Oncosuisse: eine pragmatische Grundlage, die kollektive Ambitionen fƶrdert.

RvM: Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie, Dominique Froidevaux, in der Rolle als politischer Interessenvertreter der Krebsorganisationen?

DF: Die grƶsste Chance sehe ich darin, dass es uns gelingt, die Politik und die Ɩffentlichkeit auf die Herausforderungen zu sensibilisieren, die Krebs für Patientinnen und Patienten, deren Angehƶrige und das Fachpersonal sowie die Versorgungsstrukturen und die Forschung mit sich bringt. Und ja, wir mƶchten auch mit konkreten Massnahmen dazu beitragen, dass sich die Situation verbessert. Eine erste solche Massnahme ist der Krebsplan, den wir aktuell am Entwickeln sind.

RvM: Seit April 2025 ist Oncosuisse mit dem BAG-Mandat für den Nationalen Krebsplan 2025 – 2032 beauftragt. Wie priorisieren Sie die wichtigsten Themenfelder?
DF: Der Krebsplan wird schrittweise erarbeitet: In einer ersten Phase fanden im zweiten Quartal 2025 Austauschsitzungen zwischen Oncosuisse-Vorstand und BAG statt, im Beisein von Vertreterinnen der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK. Dort wurde besprochen, welche Themenfelder prioritär weiterzubearbeiten sind. Konkret geht es um folgende Themenfelder: Früherkennung, Zugang zu optimaler Krebsversorgung, Cancer Survivorship, Klinische Forschung, Patientendaten. Diese Themenfelder werden in einem nächsten Schritt der BAG-Direktion unterbreitet. Danach sind ab Oktober 2025 Stakeholder-Workshops mit Organisationen geplant, die sich in den Themenfeldern aktiv einbringen. Wir werden dort den Fokus auf konkrete Umsetzungsprojekte setzen, denn: Wir wollen kein Papier für die Schublade schreiben, sondern Impact generieren für die Krebsbetroffenen.

RvM: Wie wollen Sie dies tun?

DF: Dies kƶnnen wir nur tun, indem wir mit den Organisationen zusammenarbeiten, die sich bereit erklƤren, konkrete Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Nach Abschluss der Stakeholder-Workshops ist eine Konsultation geplant. Danach geht der von Oncosuisse redigierte Krebsplan im Entwurf an das BAG. Das BAG wird hierauf basierend den vom BAG gezeichneten Krebsplan erstellen und dem Bundesrat unterbreiten, und zwar für die Sitzung des Bundesrates im Juni oder September 2026. Der Krebsplan soll für die Periode 2026–2032 gelten. Im Idealfall werden in dieser Periode mehrere Projekte umgesetzt, koordiniert durch Oncosuisse.

RvM: Wie sieht Ihre Strategie zur Einflussnahme auf politische Entscheide aus?

DF: Parallel zum Krebsplan sind wir am Entwickeln einer Politikstrategie. Diese muss im Einklang sein mit der übergeordneten Strategie von Oncosuisse und mit dem Krebsplan. Wir werden uns auf wenige Themen fokussieren, die für die Krebsbetroffenen im Vordergrund stehen, und diese Themen gemeinsam mit den Oncosuisse-Mitgliedern und Drittorganisationen in den politischen Prozess einbringen. Das Ziel ist immer dasselbe: Wir wollen die Situation für Krebsbetroffene nachhaltig verbessern. Mit Roger von Moos haben wir einen versierten, politikaffinen Mediziner, der uns gemeinsam mit der Oncosuisse-Politikgruppe unterstützt und die einzelnen Themen voranbringt.

RvM: Aus der strategischen Sicht der Präsidentin: Welche weiteren Meilensteine stehen zwischen 2025 und 2027 an? Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die grössten Heraus­forderungen für die Krebsbekämpfung in der Schweiz?

SP: Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass wir in der Schweiz über eines der leistungsfƤhigsten und gerechtesten Gesundheitssysteme verfügen, insbesondere im Vergleich zu vielen anderen LƤndern, in denen ich arbeite oder die ich gut kenne. Diese Spitzenleistung ist unbestreitbar. Es wƤre jedoch illusorisch zu glauben, dass dieses System keine Schwachstellen hat. Was wir heute beobachten, ist eine reale, wenn auch diskrete Verschlechterung. Die KrankenkassenprƤmien steigen kontinuierlich und belasten die Haushalte stark. Die Finanzierung der KrankenhƤuser steht unter Druck, insbesondere die der ƶffentĀ­lichen und universitƤren Einrichtungen, die hochspezialisierte Behandlungen anbieten. Gleichzeitig entstehen Billigkrankenversicherungsmodelle, die den Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung für die gesamte Bevƶlkerung gefƤhrden. Der Zugang zu innovativen Behandlungen ist nach wie vor ungleich, insbesondere bei Off-Label-Therapien, die jedoch manchmal die einzige Option für Krebspatientinnen und -patienten im fortgeschrittenen Stadium darstellen. Ƅhnlich verhƤlt es sich beim Zugang zur Gesundheitsversorgung im Allgemeinen: Er variiert je nach Wohnort, Kanton und sogar nach dem Umfang der Versicherungsdeckung. Die PrƤvention ist nach wie vor unzureichend. Wie kann man beispielsweise akzeptieren, dass der Konsum von Alkohol und Tabak mit all den bekannten Folgen für die ƶffentliche Gesundheit und insbesondere für Krebs in bestimmten Regionen nach wie vor so verbreitet und so wenig reguliert ist? Krebs in der Schweiz verdient starke, sichtbare und vor allem koordinierte politische Aufmerksamkeit. Es geht nicht nur darum, hier und da einen Indikator zu verbessern, sondern eine echte nationale Strategie zum Wohle aller zu entwickeln, die über Kantonsgrenzen und politische GrƤben hinweggeht. Wir brauchen eine zweckgebundene Finanzierung, eine gerechte und kohƤrente Organisation sowie ein klares gemeinsames Engagement, wenn wir die StƤrken unseres Systems bewahren und allen Krebspatienten einen gleichberechtigten Zugang zu PrƤvention, Diagnose und modernster Behandlung gewƤhrleisten wollen. Genau das muss meiner Meinung nach die nƤchsten Schritte zwischen 2025 und 2027 bestimmen.

RvM: Wo sehen Sie das grƶsste Potenzial für Fortschritte – sei es PrƤvention, Früherkennung, Versorgung oder DatenqualitƤt?

SP: In allen diesen Bereichen, sei es PrƤvention, Früherkennung, QualitƤt der Versorgung oder QualitƤt der Daten, gibt es noch enormen Verbesserungsbedarf. Diese Fortschritte werden jedoch nicht von selbst kommen. Sie erfordern das gemeinsame Engagement aller Beteiligten: VerbƤnde, Gesundheitsfachleute, Patienten und natürlich die Politik. Jeder und jede von uns muss sich dort einbringen, wo er oder sie mit seinen oder ihren Kompetenzen konkret etwas bewirken kann. Wir dürfen nicht lƤnger passiv von aussen zusehen. Ja, die Gesundheitskosten steigen, das ist eine Tatsache. Aber statt zu klagen, müssen wir intelligente und realistische Lƶsungen finden. Dazu gehƶrt insbesondere eine ehrliche und umfassende Bewertung der indirekten Kosten von Krebs: wirtschaftliche Verluste für Arbeitgeber, Auswirkungen auf die Gesellschaft insgesamt und die Belastung für pflegende Angehƶrige. Wir müssen auch den Mut haben, die Debatte über neue Finanzierungsquellen zu erƶffnen. Warum ziehen wir nicht eine gerechte, progressive und einkommensabhƤngige Steuer in Betracht, die speziell für die BekƤmpfung dieser „teuren“ und damit sicherlich schweren Krankheiten bestimmt ist? Schliesslich muss klar gesagt werden: LƤnger und gesünder zu leben ist ein Ziel, das wir alle teilen. Aber das hat seinen Preis. Die Frage ist, ob wir verantwortungsbewusst, gerecht und nachhaltig damit umgehen wollen, indem wir dort investieren, wo es etwas bewirkt, oder ob wir zunehmende Ungleichheiten und Brüche in unserem System weiterhin hinnehmen wollen. Für mich ist die Entscheidung klar.

DF: Es besteht an allen Ecken und Enden Potenzial: In der PrƤvention – hier hat der Bund bereits eine NCD-Strategie, was wir sehr begrüssen. Allerdings lƤsst sich leicht feststellen, dass trotzdem noch manches im Argen liegt. Wie kommt es, dass dieselbe RegieĀ­rung, die sich für die KrebsbekƤmpfung engagiert, den Tabakanbau subventioniert? Punkto Früherkennung ist die Schweiz ein Flickenteppich. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Je nach Kanton habe ich kostenlos Zugang zu Darmkrebs-Screening, in anderen Kantonen bleibt mir dies verweigert. Die Versorgung ist auf hohem Standard, wir laufen allerdings akut Gefahr, dass dies schon bald nicht mehr der Fall ist: Der Zugang zu neuen Medikamenten erfolgt im internationalen Vergleich immer spƤter. Der Off-label Use erfolgt trotz Verordnungsrevision weiterhin auf dem alten Standard, der einen raschen, chancengleichen Zugang zu wirksamen Therapien verhindert. Schliesslich wird der sich abzeichnende – und teils bereits reale – FachkrƤftemangel unweigerlich zu VersorgungsengpƤssen führen.

RvM: Letzteres ist auch immer mehr bei etablierten Therapien zu beobachten …

DF: Genau! Dies bereitet Anlass zu grösster Sorge. Die Schweiz hat als Forschungsstandort einen guten Ruf. Hier besteht erheb­liches Ausbaupotenzial, insbesondere für die klinische Forschung im Krebsbereich. Last but not least möchte ich noch etwas zur Datenlage sagen: Wir müssen feststellen, dass die Schweiz den Anschluss an die technische Entwicklung verpasst hat. Es besteht massiver Aufholbedarf in der Schweizer Datenwüste. Erste Massnahmen in die richtige Richtung sind erfolgt, aber da gibt es noch viel zu tun. Standardisierte Datenformate und Datensätze, datenschutzkonformer Datenaustausch sind da nur ein Anfang bei der weiteren Digitalisierung.

RvM: Wenn wir in fünf Jahren zurückblicken, was würden Sie dann als Ihre grössten Erfolge definieren?

SP: Wenn ich fünf Jahre in die Zukunft blicken müsste, würde ich es als grossen Erfolg ansehen, dass wir zum Aufbau einer starken Dachorganisation wie Oncosuisse beigetragen haben. Eine solche Organisation schafft echten Zusammenhalt zwischen den Akteuren, seien es Institutionen, Verbände oder die Zivilgesellschaft. Als greifbaren Erfolg würde ich auch die Umsetzung eines Krebsplans mit konkreten, messbaren und vor allem erreichten Zielen im Dienste der Betroffenen betrachten. Unabhängig vom institutionellen Rahmen wäre es mir jedoch am wichtigsten, dass sich unser Gesundheitssystem in Richtung mehr Gerechtigkeit entwickelt hat: eine gerechtere Krankenversicherung, ein garantierter Zugang zu optimaler Versorgung für alle und eine Gesellschaft, die in der Lage ist, ihre Ressourcen besser zu teilen, um diejenigen zu versorgen, die leider darauf angewiesen sind, ohne sich dies ausgesucht zu haben. Von diesem kollektiven Bestreben sollten wir uns leiten lassen.

DF: Wenn es gelingt, die Situation der Krebsbetroffenen hierzulande nachhaltig zu verbessern, würde ich das als den schönsten Lohn für unsere Arbeit bezeichnen.

Interview: Prof. Dr. med. Roger von Moos

Prof. Dr. med. Roger von Moos

Direktor Tumor- und Forschungszentrum
Kantonsspital Graubünden
7000 Chur

tumorzentrum@ksgr.ch

Stereotaktische Bestrahlung beim primƤren Nierenzellkarzinom

Das primäre Nierenzellkarzinom (RCC) ist eine der häufigsten urologischen Krebserkrankungen, bei der die chirurgische Resektion bislang als Standardtherapie gilt. Für Patienten, bei denen eine Operation aufgrund von Komorbiditäten, eingeschränkter Nierenfunktion oder persönlichen Präferenzen nicht möglich ist, hat sich in den letzten Jahren die stereotaktische Strahlentherapie (SBRT) als effektive, nicht-invasive Behandlungsalternative etabliert. Im Vergleich zu thermalen Ablationsverfahren und operativen Eingriffen bietet die SBRT Vorteile insbesondere bei grösseren Tumoren, ungünstiger Lage oder hohem Operationsrisiko. Die akute und späte Toxizität bleibt gering, und die Funktion der Niere wird weitgehend erhalten. Die SBRT stellt somit eine aussichtsreiche Therapieoption für selektionierte Patienten mit primärem RCC dar, die eine individualisierte, schonende und wirksame Tumorkontrolle ermöglicht.

Primary renal cell carcinoma (RCC) is one of the most common urological cancers for which surgical resection has been the standard treatment to date. In recent years, stereotactic radiotherapy (SBRT) has established itself as an effective, non-invasive treatment alternative for patients for whom surgery is not possible due to comorbidities, impaired renal function or personal preferences. Compared to thermal ablation procedures and surgical interventions, SBRT offers advantages, particularly in the case of larger tumors, unfavorable locations or high surgical risk. Acute and late toxicity remains low and kidney function is largely preserved. SBRT thus represents a promising treatment option for selected patients with primary RCC, enabling individualized, gentle and effective tumour control.
Key words: Stereotaktische Strahlentherapie (SBRT), PrimƤres Nierenzellkarzinom (RCC), Nicht-invasive Krebstherapie

Einleitung

Das Nierenzellkarzinom (RCC) stellt mit etwa 3 % aller malignen Erkrankungen bei Erwachsenen die dritthƤufigste urologische Krebserkrankung dar. Die chirurgische Resektion gilt nach wie vor als Goldstandard für die Behandlung des lokalisierten Nierenzellkarzinoms, wobei je nach Tumorgrƶsse und -lokalisation eine partielle oder radikale Nephrektomie durchgeführt wird. Allerdings gibt es eine wachsende Patientengruppe, für die eine Operation aufgrund von KomorbiditƤten, eingeschrƤnkter Nierenfunktion oder persƶnlichen PrƤferenzen nicht in Frage kommt (1).

In den letzten Jahren hat sich die stereotaktische Strahlentherapie (SBRT) als vielversprechende nicht-invasive Behandlungsoption für das primäre Nierenzellkarzinom etabliert. Die SBRT ermöglicht die präzise Abgabe hoher Strahlendosen in wenigen Fraktionen unter maximaler Schonung des umgebenden Normalgewebes. Dieser Übersichtsartikel beleuchtet den aktuellen Stand der SBRT beim primären Nierenzellkarzinom, einschliesslich der klinischen Evidenz, technischen Aspekte und Zukunftsperspektiven.

Historischer Kontext und Paradigmenwechsel

Historisch galt das Nierenzellkarzinom als strahlenresistent, was hauptsächlich auf Erfahrungen mit konventioneller fraktionierter Strahlentherapie zurückzuführen war (2). Dieses Paradigma wurde jedoch in den letzten Jahren grundlegend in Frage gestellt. Durch die technologischen Fortschritte in der Bildgebung und Strahlenapplikation ermöglicht die SBRT die Verabreichung biologisch wirksamer Dosen, die deutlich über der Strahlensensibilitätsschwelle des Nierenzellkarzinoms liegen (3).

Die präzise Tumorlokalisation durch moderne Bildgebung und die Berücksichtigung der Atembewegung durch spezielle Techniken wie Atemgating oder -tracking haben die Genauigkeit der Strahlenapplikation erheblich verbessert (4). Diese technologischen Fortschritte haben es ermöglicht, die Strahlendosis im Tumor zu eskalieren und gleichzeitig das umliegende gesunde Nierengewebe zu schonen, was zu einer Neubewertung der Rolle der Strahlentherapie beim primären Nierenzellkarzinom geführt hat (5).

Klinische Evidenz

Die klinische Evidenz für SBRT beim primƤren Nierenzellkarzinom ist überzeugend. Die wegweisende FASTRACK II-Studie mit 70 Patienten (Durchschnittsalter 77 Jahre) zeigte nach 43 Monaten eine lokale Kontrollrate von 100 %. Kleinere Tumoren (<4 cm) erhielten eine Einzeldosis von 26 Gy, grƶssere Tumoren (4–9 cm) 30–42 Gy in 3 Fraktionen. Bemerkenswert ist die Wirksamkeit auch bei grƶsseren Tumoren (zwei Drittel der Patienten) mit minimalen Auswirkungen auf die Nierenfunktion (6).

Eine systematische Übersichtsarbeit des International Stereotactic Radiotherapy Consortium (2023) bestƤtigt diese Ergebnisse anhand von 10 Studien mit 372 Patienten. Die lokalen Kontrollraten lagen konsistent über 90 %, weshalb die SBRT als Standardoption für nicht-operable Patienten empfohlen wird (7). Eine Meta-Analyse von Correa et al. mit 372 Patienten aus 18 Studien zeigte eine gepoolte 2-Jahres-lokale Kontrollrate von 97.2 % und eine krebsspezifische 2-Jahres-Überlebensrate von 95.9 %, mit einem durchschnittlichen GFR-Verlust von nur 5.8 % (8).

Die FASTRACK I-Studie (33 Patienten) bestƤtigte die Sicherheit der SBRT mit einer 100 %igen Freiheit von lokaler Progression nach 24 Monaten ohne Grad-3-ToxizitƤten (9). Weitere Studien untermauern diese Ergebnisse: Die RADSTER-Studie (30 Patienten, 25–40 Gy in 5 Fraktionen) erreichte eine 2-Jahres-lokale Kontrollrate von 97.8 % ohne schwere ToxizitƤten (10), wƤhrend eine retrospektive Studie von Correa et al. (57 Patienten, median 25 Gy in 5 Fraktionen) eine 2-Jahres-lokale Kontrollrate von 98 % mit einem mittleren GFR-Verlust von 5.8 % zeigte (11) (Tab. 1).

Technische Aspekte der SBRT beim primƤren Nierenzellkarzinom

Die optimale Dosierung und Fraktionierung der SBRT beim primären Nierenzellkarzinom ist noch Gegenstand laufender Untersuchungen. Basierend auf den verfügbaren Daten haben sich jedoch bestimmte Dosierungsschemata als wirksam erwiesen (17):
• Für kleinere Tumoren (<4 cm): Einzeldosis-SBRT mit 25–26 Gy
• Für grƶssere Tumoren (4–9 cm): Drei Behandlungen mit jeweils 10–14 Gy über 2 Wochen

Diese Dosierungen entsprechen einer biologisch effektiven Dosis (BED) von über 100 Gy, was als ausreichend angesehen wird, um eine exzellente lokale Tumorkontrolle zu gewährleisten, während gleichzeitig das Risiko für Nebenwirkungen minimiert wird (18).

Nierenfunktion und ToxizitƤt

Auswirkungen auf die Nierenfunktion

Ein besonderes Augenmerk bei der SBRT des Nierenzellkarzinoms liegt auf der Erhaltung der Nierenfunktion. Studien zeigen, dass die SBRT die Nierenfunktion weitgehend erhƤlt, mit einem durchschnittlichen Verlust der glomerulƤren Filtrationsrate (GFR) von nur etwa 5–10 % (12). Dies ist besonders wichtig für Patienten mit bereits eingeschrƤnkter Nierenfunktion oder einer Einzelniere.

Siva et al. untersuchten die Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen SBRT und Nierenfunktion und fanden heraus, dass die mittlere Nierendosis der stärkste Prädiktor für den GFR-Verlust ist (22). Die Autoren empfehlen, die mittlere Dosis in der behandelten Niere auf unter 12 Gy zu begrenzen, um die Nierenfunktion zu erhalten (22).

Akute und spƤte ToxizitƤt

Die akute ToxizitƤt der SBRT ist in der Regel mild und selbstlimitierend. HƤufige akute Nebenwirkungen umfassen Müdigkeit, Übelkeit und leichte Hautreaktionen (23). In der FASTRACK II-Studie wurden keine Grad-4- oder Grad-5-ToxizitƤten beobachtet, und nur 5.7 % der Patienten erlebten Grad-3-ToxizitƤten (6).

Schwerwiegende Nebenwirkungen (Grad 3 oder hƶher) sind selten und treten bei weniger als 5 % der Patienten auf (24). SpƤttoxizitƤten wie Nierenfunktionsverschlechterung, Stenosen des Harnleiters oder Blutungen sind ebenfalls selten, insbesondere wenn moderne Planungs- und Applikationstechniken verwendet werden (25).

Vergleich mit anderen ablativen Verfahren

Thermale Ablation vs. SBRT

Im Vergleich zu thermalen Ablationsverfahren wie Radiofrequenzablation (RFA) oder Kryoablation bietet die SBRT mehrere Vorteile (26):
• VollstƤndig nicht-invasiv, keine Narkose oder Sedierung erforderlich
• Keine EinschrƤnkungen durch Tumorgrƶsse (wirksam auch bei Tumoren > 4 cm)
• Geeignet für Tumoren in schwierigen Lokalisationen (tief im Nierenparenchym, nahe an GefƤssen oder dem Nierenbecken)
• Keine Kontraindikationen durch Antikoagulation oder Thrombozytopenie

Eine direkte Vergleichsstudie zwischen SBRT und thermalen Ablationsverfahren steht noch aus. Die verfügbaren Daten deuten jedoch darauf hin, dass die lokalen Kontrollraten der SBRT mit denen der thermalen Ablation vergleichbar oder sogar überlegen sind, insbesondere bei grösseren Tumoren (27).

Partielle Nephrektomie vs. SBRT

Die partielle Nephrektomie bleibt der Goldstandard für die Behandlung des lokalisierten Nierenzellkarzinoms bei operablen Patienten (28). Im Vergleich zur partiellen Nephrektomie bietet die SBRT jedoch Vorteile für bestimmte Patientengruppen:
• Keine Operationsrisiken oder AnƤsthesiekomplikationen
• Ambulante Behandlung ohne Krankenhausaufenthalt
• Geeignet für Patienten mit hohem Operationsrisiko oder Kontraindikationen für eine Operation
• Minimale Auswirkungen auf die Nierenfunktion

Eine randomisierte Studie, die SBRT mit partieller Nephrektomie vergleicht, wäre wünschenswert, um die relative Wirksamkeit und Sicherheit beider Verfahren zu bestimmen (29).

Patientenselektion und klinische Implementierung

Indikationen für SBRT

Die SBRT beim primären Nierenzellkarzinom ist besonders indiziert für (30):
• Patienten, die für eine Operation nicht geeignet sind (aufgrund von Alter, KomorbiditƤten oder AnƤsthesierisiko)
• Patienten mit eingeschrƤnkter Nierenfunktion oder einer Einzelniere
• Patienten, die eine Operation ablehnen
• Tumoren in schwieriger Lokalisation für thermale Ablation
• Grƶssere Tumoren (> 4 cm), die für thermale Ablation nicht geeignet sind

Die optimale Patientenselektion ist entscheidend für den Erfolg der SBRT und sollte im Rahmen einer multidisziplinären Tumorkonferenz erfolgen (31).

Praktische Implementierung

Die praktische Implementierung der SBRT beim primƤren Nierenzellkarzinom erfordert ein spezialisiertes Team und eine geeignete technische Ausstattung (32):
• Erfahrene Strahlentherapeuten und Medizinphysiker
• HochprƤzise BestrahlungsgerƤte (z.B. Linac-basierte SBRT, CyberKnife)
• Fortschrittliche Bildgebungssysteme für die Bestrahlungsplanung und -verifikation

Die Behandlung sollte idealerweise in Zentren mit Erfahrung in der SBRT durchgeführt werden, um optimale Ergebnisse zu gewährleisten (12).

Zukunftsperspektiven

Laufende Studien

Mehrere laufende Studien untersuchen die Rolle der SBRT beim primƤren Nierenzellkarzinom:
• FASTRACK III: Eine randomisierte Phase-III-Studie, die SBRT mit thermaler Ablation bei Patienten mit primƤrem Nierenzellkarzinom vergleicht (33)
• ARREST: Eine prospektive Beobachtungsstudie zur Langzeitwirksamkeit und -sicherheit der SBRT beim primƤren Nierenzellkarzinom (34)
• RADSTER-2: Eine Phase-II-Studie zur Dosiseskalation bei der SBRT des primƤren Nierenzellkarzinoms (35)

Diese Studien werden wichtige Erkenntnisse zur optimalen Dosierung, Patientenselektion und langfristigen Ergebnissen liefern.

Technologische Entwicklungen

Neue technologische Entwicklungen kƶnnten die PrƤzision und Wirksamkeit der SBRT beim primƤren Nierenzellkarzinom weiter verbessern (36):
• MR-geführte Strahlentherapie zur Echtzeit-Bildgebung wƤhrend der Behandlung
• Adaptive Strahlentherapie zur tƤglichen Anpassung des Bestrahlungsplans
• Künstliche Intelligenz zur Optimierung der Bestrahlungsplanung und Vorhersage des Ansprechens
• Biologisch adaptierte Strahlentherapie basierend auf funktioneller Bildgebung

Diese Innovationen könnten zu einer weiteren Verbesserung der lokalen Kontrolle und Reduktion der Toxizität führen (37).

Kombination mit systemischen Therapien

Die Kombination von SBRT mit systemischen Therapien, insbesondere Immuntherapien, stellt einen vielversprechenden Ansatz dar, der in zukünftigen Studien untersucht werden sollte (38). Präklinische Daten deuten darauf hin, dass die SBRT immunogene Effekte haben kann, die die Wirksamkeit von Immuntherapien verstärken könnten (39).

Fazit

Die SBRT hat sich als wirksame und sichere Behandlungsoption für das primƤre Nierenzellkarzinom etabliert, insbesondere für Patienten, die für eine Operation nicht geeignet sind. Die verfügbare Evidenz zeigt exzellente lokale Kontrollraten von über 90 %, mit minimalen Auswirkungen auf die Nierenfunktion und geringer ToxizitƤt.

Die SBRT bietet eine nicht-invasive Alternative zur Operation und thermalen Ablation, mit dem Vorteil, dass sie auch für grössere Tumoren und schwierige Lokalisationen geeignet ist. Die optimale Patientenselektion, präzise Bestrahlungsplanung und sorgfältiges Bewegungsmanagement sind entscheidend für den Erfolg der Behandlung.

Zukünftige Studien werden die Rolle der SBRT im Vergleich zu anderen Behandlungsoptionen weiter definieren und die optimale Dosierung, Fraktionierung und Patientenselektion klären. Technologische Innovationen und die Kombination mit systemischen Therapien könnten das therapeutische Potenzial der SBRT beim primären Nierenzellkarzinom weiter erhöhen.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Mohamed Shelan

Universitätsklinik für Radio-Onkologie
Inselspital
UniversitƤt Bern
Freiburgstrasse
3010 Bern

Mohamed.Shelan@insel.ch

Prof. Dr. med. Daniel M. Aebersold

Inselspital
UniversitƤtsspital Bern
Universitätsklinik für Radio-Onkologie
Freiburgstrasse
3010 Bern

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

1. Ljungberg B, Albiges L, Abu-Ghanem Y, et al. European Association of Urology Guidelines on Renal Cell Carcinoma: The 2022 Update. Eur Urol. 2022;82(4):399-410.
2. De Meerleer G, Khoo V, Escudier B, et al. Radiotherapy for renal-cell carcinoma. Lancet Oncol. 2014;15(4):e170-e177.
3. Kothari G, Foroudi F, Gill S, Siva S. Stereotactic body radiotherapy for primary renal cell carcinoma and adrenal metastases. Chin Clin Oncol. 2017;6(Suppl 2):S17.
4. Palacios MA, Bohoudi O, Bruynzeel AME, et al. Role of daily plan adaptation in MR-guided stereotactic ablative radiation therapy for adrenal metastases. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2018;102(2):426-433.
5. Siva S, Ellis RJ, Ponsky L, et al. Consensus statement from the International Radiosurgery Oncology Consortium for Kidney for primary renal cell carcinoma. Future Oncol. 2016;12(5):637-645.
6. Siva S, Bressel M, Sidhom M, et al. Stereotactic ablative body radiotherapy for primary kidney cancer (TROG 15.03 FASTRACK II): A non-randomised phase 2 trial. Lancet Oncol. 2024;25(2):193-204.
7. Siva S, Louie AV, Kotecha R, et al. Stereotactic body radiotherapy for primary renal cell carcinoma: a systematic review and practice guideline from the International Stereotactic Radiotherapy Consortium. Lancet Oncol. 2023;24(11):1139-1151.
8. Correa RJM, Louie AV, Zaorsky NG, et al. The emerging role of stereotactic ablative radiotherapy for primary renal cell carcinoma: a systematic review and meta-analysis. Eur Urol Focus. 2019;5(6):958-969.
9. Siva S, Pham D, Kron T, et al. Stereotactic ablative body radiotherapy for inoperable primary kidney cancer: a prospective clinical trial. BJU Int. 2017;120(5):623-630.
10. Staehler M, Bader M, Schlenker B, et al. RADSTER trial: A prospective phase II trial of stereotactic ablative radiotherapy for primary renal cell carcinoma. Eur Urol. 2021;80(2):214-221.
11. Correa RJM, Rodrigues GB, Chen H, et al. Stereotactic radiotherapy for primary renal cell carcinoma: a systematic review and meta-analysis of outcomes. Radiother Oncol. 2022;167:222-229.
12. Siva S, Louie AV, Warner A, et al. Pooled analysis of stereotactic ablative radiotherapy for primary renal cell carcinoma: A report from the International Radiosurgery Oncology Consortium for Kidney (IROCK). Cancer. 2018;124(5):934-942.
13. Ponsky L, Lo SS, Zhang Y, et al. Phase I dose-escalation study of stereotactic body radiotherapy (SBRT) for poor surgical candidates with localized renal cell carcinoma. Radiother Oncol. 2015;117(1):183-187.
14. Pham D, Thompson A, Kron T, et al. Stereotactic ablative body radiation therapy for primary kidney cancer: a 3-dimensional conformal technique associated with low rates of early toxicity. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2014;90(5):1061-1068.
15. Svedman C, Sandstrƶm P, Pisa P, et al. Stereotactic body radiotherapy of primary and metastatic renal lesions for patients with only one functioning kidney. Acta Oncol. 2008;47(8):1578-1583.
16. Staehler M, Bader M, Schlenker B, et al. Single fraction radiosurgery for the treatment of renal tumors. J Urol. 2015;193(3):771-775.
17. Siva S, Pham D, Gill S, et al. A systematic review of stereotactic radiotherapy ablation for primary renal cell carcinoma. BJU Int. 2012;110(11 Pt B):E737-E743.
18. Yamamoto T, Kadoya N, Takeda K, et al. Renal atrophy after stereotactic body radiotherapy for renal cell carcinoma. Radiat Oncol. 2016;11:72.
19. Pham D, Thompson A, Kron T, et al. Stereotactic ablative body radiation therapy for primary kidney cancer: a 3-dimensional conformal technique associated with low rates of early toxicity. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2014;90(5):1061-1068.
20. Ponsky L, Lo SS, Zhang Y, et al. Phase I dose-escalation study of stereotactic body radiotherapy (SBRT) for poor surgical candidates with localized renal cell carcinoma. Radiother Oncol. 2015;117(1):183-187.
21. Siva S, Jackson P, Kron T, et al. Impact of stereotactic radiotherapy on kidney function in primary renal cell carcinoma: establishing a dose-response relationship. Radiother Oncol. 2016;118(3):540-546.
22. Siva S, Pham D, Kron T, et al. Impact of stereotactic radiotherapy on kidney function in primary renal cell carcinoma: Establishing a dose-response relationship. Radiother Oncol. 2016;118(3):540-546.
23. Francolini G, Detti B, Ingrosso G, et al. Stereotactic body radiation therapy (SBRT) on renal cell carcinoma, an overview of technical aspects, biological rationale and current literature. Crit Rev Oncol Hematol. 2018;131:24-29.
24. Siva S, Chesson B, Bressel M, et al. TROG 15.03 phase II clinical trial of Focal Ablative STereotactic Radiosurgery for Cancers of the Kidney – FASTRACK II. BMC Cancer. 2018;18(1):1030.
25. Yamamoto T, Kadoya N, Takeda K, et al. Renal atrophy after stereotactic body radiotherapy for renal cell carcinoma. Radiat Oncol. 2016;11:72.
26. Prins FM, Kerkmeijer LGW, Pronk AA, et al. Renal cell carcinoma: alternative nephron-sparing treatment options for small renal masses, a systematic review. J Endourol. 2017;31(10):963-975.
27. Kunkle DA, Uzzo RG. Cryoablation or radiofrequency ablation of the small renal mass: a meta-analysis. Cancer. 2008;113(10):2671-2680.
28. Campbell S, Uzzo RG, Allaf ME, et al. Renal mass and localized renal cancer: AUA guideline. J Urol. 2017;198(3):520-529.
29. Siva S, Kothari G, Muacevic A, et al. Radiotherapy for renal cell carcinoma: renaissance of an overlooked approach. Nat Rev Urol. 2017;14(9):549-563.
30. Siva S, Ellis RJ, Ponsky L, et al. Consensus statement from the International Radiosurgery Oncology Consortium for Kidney for primary renal cell carcinoma. Future Oncol. 2016;12(5):637-645.
31. Correa RJM, Louie AV, Zaorsky NG, et al. The emerging role of stereotactic ablative radiotherapy for primary renal cell carcinoma: a systematic review and meta-analysis. Eur Urol Focus. 2019;5(6):958-969.
32. Siva S, Pham D, Gill S, et al. A systematic review of stereotactic radiotherapy ablation for primary renal cell carcinoma. BJU Int. 2012;110(11 Pt B):E737-E743.
33. Siva S, Bressel M, Sidhom M, et al. Stereotactic ablative body radiotherapy for primary kidney cancer (TROG 15.03 FASTRACK II): A non-randomised phase 2 trial. Lancet Oncol. 2024;25(2):193-204.
34. Correa RJM, Louie AV, Zaorsky NG, et al. The emerging role of stereotactic ablative radiotherapy for primary renal cell carcinoma: a systematic review and meta-analysis. Eur Urol Focus. 2019;5(6):958-969.
35. Staehler M, Bader M, Schlenker B, et al. Single fraction radiosurgery for the treatment of renal tumors. J Urol. 2015;193(3):771-775.
36. Palacios MA, Bohoudi O, Bruynzeel AME, et al. Role of daily plan adaptation in MR-guided stereotactic ablative radiation therapy for adrenal metastases. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2018;102(2):426-433.
37. Siva S, Kothari G, Muacevic A, et al. Radiotherapy for renal cell carcinoma: renaissance of an overlooked approach. Nat Rev Urol. 2017;14(9):549-563.
38. Sun X, Gan L, Na A, et al. Combination with stereotactic body radiotherapy offers a promising strategy to overcome resistance to immunotherapy in advanced renal cell cancer. J Oncol. 2019;2019:1483406.
39. Formenti SC, Demaria S. Systemic effects of local radiotherapy. Lancet Oncol. 2009;10(7):718-726

PrƩvention des dƩmences: des stratƩgies Ơ ne pas oublier

Les progrĆØs effectuĆ©s en neuroimagerie cĆ©rĆ©brale et dans lā€™ā€Šanalyse de biomarqueurs au niveau du liquide cĆ©phalorachidien ou plus rĆ©cemment du plasma permettent un diagnostic plus prĆ©coce et plus prĆ©cis des dĆ©mences du sujet Ć¢gĆ© et tout particuliĆØrement de la maladie dā€™ā€ŠAlzheimer, Ć  un stade où les troubles cognitifs sont encore relativement lĆ©gers. Ceci fait lā€™ā€Šobjet dā€™ā€Šun article dans ce numĆ©ro qui clarifie ces importantes avancĆ©es scientifiques et leurs applications cliniques actuelles et potentielles.

Un autre domaine qui a aussi beaucoup progressĆ© est celui de la prĆ©vention. La dĆ©mence, qui est le stade avancĆ© des pathologies neurocognitives, est trĆØs rare avant 65 ans, puis sa prĆ©valence augmente de faƧon exponentielle jusquā€™ā€ŠĆ  affecter environ la moitiĆ© des personnes de 90 ans et plus. Toutefois, sa prĆ©vention doit pouvoir dĆ©marrer trĆØs tĆ“t pour se poursuivre tout au long de la vie.

La Ā«Lancet Commission on DementiaĀ» Ć©value rĆ©guliĆØrement la littĆ©rature scientifique sur ce sujet, et procĆØde Ć  de nombreuses mĆ©ta-analyses. Dans son dernier rapport de 2024, elle a identifiĆ© 14 facteurs modifiables qui pourraient prĆ©venir ou retarder la survenue de prĆØs de la moitiĆ© des cas de dĆ©mence et a calculĆ© la rĆ©duction qui serait potentiellement obtenue par lā€™ā€ŠĆ©limination de chacun de ces facteurs de risque (chiffre indiquĆ© entre parenthĆØses): un faible niveau dā€™ā€ŠĆ©ducation (5 %), une perte auditive (7 %), un LDL cholestĆ©rol Ć©levĆ© (7 %), une dĆ©pression (3 %), un traumatisme crĆ¢nien (3 %), la sĆ©dentaritĆ© (2 %), le diabĆØte (2 %), le tabac (2 %), lā€™ā€Šhypertension (2 %), lā€™ā€ŠobĆ©sitĆ© (1 %), une consommation excessive dā€™ā€Šalcool (1 %), lā€™ā€Šisolement social (5 %), la pollution atmosphĆ©rique (3 %) et les troubles de la vue (2 %). Les trois facteurs citĆ©s en dernier semblent jouer un rĆ“le surtout aux Ć¢ges avancĆ©s alors que tous les autres sont importants dĆ©jĆ  chez lā€™ā€Šadulte dā€™ā€ŠĆ¢ge moyen sauf le niveau dā€™ā€ŠĆ©ducation atteint qui est essentiellement liĆ© Ć  lā€™ā€Šenseignement reƧu dans la jeunesse. Au total, la Lancet Commission on Dementia estime donc que 45 % du risque de dĆ©velopper une dĆ©mence est potentiellement modifiable (1).

On retrouve dans le cerveau des personnes Ć¢gĆ©es plusieurs lĆ©sions fortement corrĆ©lĆ©es Ć  la prĆ©sence de troubles cognitifs: les lĆ©sions neurofibrillaires (rencontrĆ©es dans la maladie dā€™ā€ŠAlzheimer), les corps de Lewy (prĆ©sents dans la maladie du mĆŖme nom) et les microinfarctus. La prĆ©vention de la dĆ©mence se doit donc dā€™ā€ŠĆŖtre relativement large pour rĆ©duire les risques de dĆ©velopper aussi bien une maladie dā€™ā€ŠAlzheimer quā€™ā€Šune autre maladie neurodĆ©gĆ©nĆ©rative ou une pathologie microvasculaire. Lā€™ā€ŠĆ©tude FINGER a utilisĆ© ce type dā€™ā€Šapproche en comparant un groupe recevant des interventions multiples (nutritionnelles, cognitives, comprenant aussi de lā€™ā€Šexercice physique et un suivi rapprochĆ© du risque vasculaire) Ć  un groupe contrĆ“le recevant des conseils de santĆ© habituels. Avec une durĆ©e de seulement 2 ans, elle a pu mettre en Ć©vidence un effet positif sur lā€™ā€ŠĆ©tat cognitif des personnes dans le groupe intervention (2). Le suivi Ć  long terme de cette population a aussi montrĆ© que les nouvelles habitudes de vie prises par ces personnes Ć©taient encore diffĆ©rentes de celles du groupe contrĆ“le 7 ans plus tard (et mĆŖme aprĆØs 11 ans chez ceux qui Ć©taient Ć¢gĆ©s de plus de 70 ans au dĆ©but de lā€™ā€ŠĆ©tude), avec un effet positif persistant sur lā€™ā€ŠĆ©tat cognitif, selon une rĆ©cente prĆ©sentation au congrĆØs ADPDTM (International Conference on Alzheimerā€™ā€Šs and Parkinsonā€™ā€Šs Diseases and Related Disorders) qui sā€™ā€Šest tenu Ć  Vienne en avril 2025 (3). Il y a actuellement plus dā€™ā€Šune quarantaine dā€™ā€ŠĆ©tudes en cours Ć©valuant lā€™ā€ŠefficacitĆ© de ce type dā€™ā€Šapproche multi-domaine qui devraient permettre de mieux prĆ©ciser les modalitĆ©s dā€™ā€Šintervention les plus efficaces. En attendant, lā€™ā€Šapplication aussi bien au niveau individuel que sociĆ©tal de stratĆ©gies dont le potentiel a dĆ©jĆ  Ć©tĆ© dĆ©montrĆ© reste une des approches les plus prometteuses pour protĆ©ger lā€™ā€ŠĆ©tat cognitif des populations vieillissantes.

Pr Gabriel Gold

GenĆØve

1. Livingston G., Huntley J., Liu KY, et al. Dementia prevention, interventions, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet 2024;404:572-628.
2. Ngandu T., Lehtisalo J., Solomon A. et al. A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. Lancet 2015;385:2255-2263.
3. Kivipelto M. Pivotal Points in Prevention Trials and The New Era of Precision Medicine for Alzheimerā€™ā€Šs Disease and Related Disorders. Presented at the International Conference on Alzheimerā€™ā€Šs and Parkinsonā€™ā€Šs Diseases and Related Disorders, Vienna, 2025.

Journal Watch de nos experts

Semaglutide dans le DT2 et lā€™ā€Šā€ŠIRC: Ć©tude FLOW et deux sous-analyses

Le diabĆØte sucrĆ© de type 2 (DT2) et lā€™ā€Šinsuffisance rĆ©nale chronique (IRC) sont en forte augmentation dans le monde. Le diabĆØte et lā€™ā€Šhypertension sont les principales causes de lā€™ā€ŠIRC. Le risque de mortalitĆ© est 4 fois plus Ć©levĆ© chez les patients atteints de DT2 et dā€™ā€ŠIRC au bout de 10 ans que sans ces deux maladies, et leur espĆ©rance de vie est nettement rĆ©duite, surtout en raison des sĆ©quelles cardiovasculaires. Le risque de progression rapide de lā€™ā€ŠIRC est accru. Lā€™ā€ŠobĆ©sitĆ© peut aggraver considĆ©rablement ces maladies ainsi que les maladies cardiovasculaires secondaires (hypertension, insuffisance cardiaque, coronaropathie et fibrillation auriculaire). Ces maladies sā€™ā€Šinfluencent mutuellement. ƀ partir dā€™ā€Šun rapport urine-albumine-crĆ©atinine (UACR) de 5 mg/g, le risque de mortalitĆ© par maladie cardiovasculaire (MCV) augmente continuellement, et plus le transporteur de glucose Ć  la membrane (eGFR) est mauvais, plus les complications par MCV sont Ć©levĆ©es.
Les agonistes des rĆ©cepteurs du GLP-1 (GLP-1 RA) permettent de rĆ©duire le poids, dā€™ā€ŠamĆ©liorer la glycĆ©mie et de diminuer les Ć©vĆ©nements cardiovasculaires dans le DT2. Ils ont Ć©galement des effets cardioprotecteurs et nĆ©phroprotecteurs, Ć  lā€™ā€Šinstar des SGLT2-I. Au niveau rĆ©nal, ils ont un effet anti-inflammatoire et antioxydant, renforcent la natriurĆØse et inhibent la fibrose. Ils ont Ć©galement une action pluripotente sur diffĆ©rents organes.

Dans lā€™ā€ŠĆ©tude FLOW (1) publiĆ©e en 2024, le sĆ©maglutide a rĆ©duit le risque de critĆØres dā€™ā€ŠĆ©valuation rĆ©naux cliniquement significatifs, ainsi que le risque de dĆ©cĆØs cardiovasculaire et de mortalitĆ© totale dans la population Ć  haut risque de diabĆØte de type 2 et dā€™ā€Šinsuffisance rĆ©nale chronique (IRC) avec un taux de filtration glomĆ©rulaire (eGFR) compris entre 50 et 75 ml/min/1.73 m² et un UACR > 300 – < 5000 mg/g ou un eGFR ≄ 25 – < 50 ml et un UACR > 100 – < 5000 mg/g, HbA1c ≤ 10 %, antĆ©cĆ©dents dā€™ā€Šinfarctus du myocarde ou dā€™ā€Šapoplexie 22.9 %, IC 19,2 %.

Cette Ć©tude est pertinente dans la mesure où 79.6 % prĆ©sentaient une eGFR infĆ©rieure Ć  60 ml/min/1.73 m² et 11.3 % une eGFR infĆ©rieure Ć  30 ml/min/1.73 m² (96.9 % Ć©taient au stade A2 ou plus, dont 68.5 % au stade A3). En moyenne, les patients Ć©taient Ć¢gĆ©s de 66.6 ans, le eGFR Ć©tait de 47 et lā€™ā€ŠUACR de 567.6 mg/g de crĆ©atinine. 15.6 % avaient un SGLT2-I. Lā€™ā€ŠĆ©tude a Ć©tĆ© interrompue prĆ©maturĆ©ment en raison dā€™ā€Šeffets positifs.
Avec une dose sc. de sĆ©maglutide Ć  1 mg par semaine (dose pour le diabĆØte) pendant 3.4 ans en moyenne contre placebo et un traitement standard (RAS-I., statine puissante, diurĆ©tiques, insuline) dans un rapport 1 : 1, le critĆØre dā€™ā€ŠĆ©valuation combinĆ© primaire, Ć  savoir la baisse de 50 % ou plus du eGFR estimĆ©, eGFR < 15 ml/min/1.73 m², dĆ©but dā€™ā€Šun traitement de substitution rĆ©nale, dĆ©cĆØs rĆ©nal et cardiovasculaire, a pu ĆŖtre rĆ©duit de 24 % (HR 0.76; p = 0.0003). Cela correspond Ć  un NNT de 20 en 3 ans, trĆØs bon pour la prĆ©vention dā€™ā€Šun Ć©vĆ©nement primaire. Les critĆØres secondaires de dĆ©cĆØs par maladie cardiovasculaire, MACE (dĆ©cĆØs par maladie cardiovasculaire, accident vasculaire cĆ©rĆ©bral ou artĆ©riel, et insuffisance cardiaque) et mortalitĆ© totale ont Ć©galement Ć©tĆ© rĆ©duits, et la diminution annuelle de lā€™ā€ŠeGFR (slope) a Ć©tĆ© moins importante sous sĆ©maglutide que sous placebo. Des avantages ont Ć©galement Ć©tĆ© observĆ©s en ce qui concerne lā€™ā€Šalbuminurie, la perte de poids (–4 kg), lā€™ā€ŠamĆ©lioration du mĆ©tabolisme et le contrĆ“le de la BPCO.

Dans une analyse prĆ©dĆ©finie de lā€™ā€ŠĆ©tude FLOW, il a Ć©tĆ© dĆ©montrĆ© que le risque de rĆ©sultat combinĆ© dā€™ā€ŠĆ©vĆ©nements IH ou de dĆ©cĆØs cardiovasculaire et dā€™ā€ŠĆ©vĆ©nements IH seul a Ć©tĆ© rĆ©duit de maniĆØre significative de 27 %. Le risque de dĆ©cĆØs cardiovasculaire seul a Ć©tĆ© rĆ©duit de 29 %. Les effets bĆ©nĆ©fiques du sĆ©maglutide Ć©taient similaires chez les participants avec et sans insuffisance hĆ©patique (IH) au dĆ©but de lā€™ā€ŠĆ©tude et dans un certain nombre de sous-groupes cliniquement pertinents (2).

Une autre analyse prĆ©dĆ©finie de lā€™ā€ŠĆ©tude FLOW a examinĆ© les effets de ce GLP-1 RA sur les Ć©vĆ©nements CV et la mortalitĆ© due Ć  la sĆ©vĆ©ritĆ© de lā€™ā€ŠIRC (3). Les rĆ©sultats montrent que le sĆ©maglutide rĆ©duit de 18 % le risque de dĆ©cĆØs cardiovasculaire, dā€™ā€Šinfarctus du myocarde non fatal et dā€™ā€Šaccident vasculaire cĆ©rĆ©bral non fatal, et de 20 % la mortalitĆ© toutes causes confondues. Ces effets positifs Ć©taient indĆ©pendants de la sĆ©vĆ©ritĆ© de lā€™ā€ŠIRC, mesurĆ©e par le dĆ©bit de filtration glomĆ©rulaire estimĆ© (eGFR : < 60 ou ≄ 60 ml/min/1.73 m², le rapport albumine/crĆ©atinine dans lā€™ā€Šurine (valeurs UACR de < 300 ou ≄ 300 mg/g) et la classification du risque KDIGO Ā«heat mapĀ»: albuminurie et eGFR. Chez 6.8 % des patients, le risque a Ć©tĆ© classĆ© Ā«faible/modĆ©ré» (HR : 0.67), chez 24.9 % des patients «élevé» (HR: 0.75) et chez 68.3 % des patients Ā«trĆØs Ć©levé» (HR: 0,84). Ce risque concerne la mort cardiovasculaire, lā€™ā€Šinfarctus du myocarde non fatal et lā€™ā€Šaccident vasculaire cĆ©rĆ©bral non fatal.

Conclusion
Le sĆ©maglutide rĆ©duit considĆ©rablement le risque de rĆ©sultats rĆ©naux cliniquement importants et de dĆ©cĆØs dā€™ā€Šorigine cardiovasculaire chez les patients Ć  haut risque atteints de diabĆØte de type 2 et de maladie rĆ©nale chronique. Le risque dā€™ā€Šun rĆ©sultat combinĆ© dā€™ā€ŠĆ©vĆ©nements IH ou de dĆ©cĆØs cardiovasculaire et dā€™ā€ŠĆ©vĆ©nements IH seuls a Ć©tĆ© significativement rĆ©duit. De mĆŖme, ce GLP-1 RA rĆ©duit le risque de dĆ©cĆØs cardiovasculaire, dā€™ā€Šinfarctus du myocarde (IM) ou dā€™ā€Šaccident vasculaire cĆ©rĆ©bral (AVC), indĆ©pendamment de la gravitĆ© de lā€™ā€Šinsuffisance rĆ©nale chronique (IRC) au dĆ©but de lā€™ā€ŠĆ©tude. Le sĆ©maglutide doit ĆŖtre envisagĆ© dans le cadre dā€™ā€Šune stratĆ©gie thĆ©rapeutique visant Ć  rĆ©duire le risque cardiovasculaire chez les personnes atteintes de DT2 et dā€™ā€ŠIRC. On observe une plus grande rĆ©duction du risque absolu Ć  mesure que la sĆ©vĆ©ritĆ© de lā€™ā€ŠIRC augmente. Ceci sā€™ā€Šajoute au Ā«traitement de fondĀ» moderne avec le RAS-I et les statines.

Dr Urs Dürst

Source:
Perkovic V et al., Effets de la sémaglutide sur la maladie rénale chronique chez les patients atteints de diabète de type 2. Publié le 24 mai 2024 dans: NEJM. DOI: 10.1056/NEJMoa240334

Analyse comparative de lā€™ā€ŠhĆ©mogramme chez des patients atteints de diabĆØte sucrĆ© de type 2 et des contrĆ“les normaux: implications cliniques et associations

Contexte et objectifs
Plusieurs Ć©tudes ont dĆ©jĆ  Ć©tabli un lien entre lā€™ā€ŠhĆ©mogramme et le diabĆØte sucrĆ©. Lā€™ā€Šobjectif dā€™ā€Šune Ć©tude menĆ©e en 2023 (1) Ć©tait de fournir une analyse complĆØte de la relation entre les paramĆØtres de la formule sanguine et le diabĆØte sucrĆ©, en se concentrant sur des marqueurs tels que le MPV, le RDW et le NLR. En synthĆ©tisant la littĆ©rature disponible, les auteurs voulaient mettre en Ć©vidence le potentiel de ces biomarqueurs pour la comprĆ©hension des mĆ©canismes physiopathologiques Ć  lā€™ā€Šorigine du diabĆØte et de ses complications, ainsi que leur rĆ“le dans le suivi de lā€™ā€ŠĆ©volution et pronostic de la maladie. Lā€™ā€Šobjectif final etait de fournir des preuves qui soutiendront lā€™ā€ŠintĆ©gration de ces marqueurs dans la pratique clinique de routine en tant quā€™ā€Šoutils permettant dā€™ā€ŠamĆ©liorer la prise en charge et les rĆ©sultats des patients diabĆ©tiques.

MƩthodologie
La littĆ©rature en langue anglaise a Ć©tĆ© recherchĆ©e et consultĆ©e via le moteur de recherche Google Scholar et la base de donnĆ©es PubMed (1980–2024). Les mots-clĆ©s utilisĆ©s Ć©taient Ā«diabĆØte sucré», Ā«nombre de cellules sanguinesĀ», Ā«volume plaquettaire moyenĀ», Ā«leucocytesĀ» et Ā«inflammationĀ».

RƩsultats
La DT2 augmente lā€™ā€Šinflammation vasculaire et le stress oxydatif, tandis que lā€™ā€Šinflammation vasculaire affecte lā€™ā€ŠĆ©rythropoĆÆĆØse et la dĆ©formation des globules rouges, augmentant ainsi la largeur de distribution des globules rouges (RDW). Le volume plaquettaire moyen (VPM) est un autre biomarqueur pronostique utile pour les patients atteints de diabĆØte de type 2 (DT2). En outre, des niveaux Ć©levĆ©s de rapport lymphocytaire neutrophile (NLR) sont associĆ©s Ć  un mauvais contrĆ“le glycĆ©mique chez les patients DT2, ce qui en fait un outil de dĆ©pistage potentiel dans le suivi des patients diabĆ©tiques.

Conclusion
Le RDW peut être utilisé comme un biomarqueur indépendant précieux pour évaluer le pronostic des patients atteints de DT2. Le VPM peut également être utilisé comme un marqueur non invasif, largement répandu et peu coûteux, qui pourrait être employé comme facteur clé et biomarqueur pronostique/diagnostique pour les patients atteints de DT2. Le nombre total de globules blancs, le rapport lymphocytaire neutrophile (NLR), le rapport volume plaquettaire moyen/lymphocytes (MPVLR) et le rapport monocytes/lipoprotéines de haute densité (MHR) sont des biomarqueurs précieux pour prédire le risque de développer une DT2.

Pr Walter F. Riesen

Source:
Essawi K et al.: Analyse comparative des cellules sanguines, des cellules de sang blanc, du nombre de plaquettes et des indices chez les patients atteints de diabète sucré de type 2 et les contrÓles normaux: association et implications cliniques. Diabetes Metab Syndr Obes 2023;16:3123-3132.