Die Sommerferien sind nun zu Ende. Viele Daheimgebliebene haben sich im eher kühlen und nassen Juli aus Protest gegen einen wärmenden Pulli eine Erkältung geholt. Andere kommen aus dem heissen Süden und erkranken zuweilen nach der Rückkehr. So ist es auch mir ergangen.
Meine Reise durch Sardinien war atemberaubend schön. Sonne, Wind und Meer mit perfekt klarem Wasser und unendlichen Stränden. Die sardische Küche ist einfach köstlich mit typischen Spezialitäten wie im Restaurant «Sa Domu Sarda Pula» mit «Culurgiones al Pomodoro» und «Seadas» zum Dessert, einer süss-salzigen Verführung aus Käse und Honig.
Aber eigentlich wollte ich Ihnen einen kulinarischen Reisebericht ersparen. Am letzten wunderbaren Abend im Ā«OrtoristoranteĀ» in Santa Margherita di Pula, entdeckte ich SIE ā (nach kühlendem Ā«VermentinoĀ» und abschliessendem Ā«MirtoĀ»).
DIE asiatische TIGERMĆCKE zwischen der Sprinkleranlage und meinem Wadenbein hin und her tigernd, bis mich das kleine Ding (im StrƤflingsanzug) voll erwischt hat. Den Sonnenuntergang habe ich trotzdem genossen, abgesehen von Kratzeffekten am Unterschenkel überstand ich die Reise unbeschadet. Nach blumig-geschƶntem Reisebericht an die Zurückgebliebenen freute ich mich wieder auf meinen Praxisalltag.
Getaktet mit ersten kurzweiligen Konsultationen von gebrƤunten Reiserückkehrern fragte mich eine langjƤhrige Patientin, ob es mir wirklich gut gehe ā was sich nach Ferien eher irritierend anhƶrte. Schnell setzten Schüttelfrost, hohes Fieber, massive Glieder- und Kopfschmerzen ein. Kurzerhand hat mich meine jüngste PraxisƤrztin mit der Bemerkung Ā«Ich wollte schon immer mal eine Chikungunya diagnostizierenĀ», nach Hause geschickt. In meinem Zustand dauerte es eine Weile, bis ich bei Google die etwas weit hergeholte Verdachtsdiagnose fehlerfrei eingeben konnte: Inkubationszeit und Klinik (entschuldigt liebe Rheumatiker/-innen: jetzt weiss ich, wie Arthritis sich anfühlt!), Chikungunya-Virus-IgG mit 1.9 (<ā1.0) erhƶht, Anti-SARS-CoV-2 IgG (Spike-Protein) 3338.5 BAU/ml (<ā7.1), CRP 200; Thorax-Rƶntgen: Pneumonie rechts thorakal. Ja, was denn jetzt?
Kurzum: es geht mir heute wieder blendend, habe sogar eine Ausrede an die Redaktion, wieso mein Editorial so spƤt eingetroffen ist, und freue mich wieder gesund und leistungsfƤhig zu sein.
Was gelernt?
ā Auch Ćrztinnen und Ćrzte kƶnnen erkranken
ā Erkrankte Reiserückkehrer nach Souvenirs fragen
ā Der Klimawandel bringt neue Gesundheitsrisiken mit sich
ā Flƶhe und LƤuse kannās geben
ā Geriebener Pecorino mit frischem Basilikum eignet sich hervorragend zu Culurgiones al Pomodoro. Buon Appetito!
Der Ersatz eines Sauerstoffatoms im E-Ring der Morphin-Grundstruktur durch eine Methylengruppe soll zum Ausbleiben von Nebenwirkungen wie Atemdepression und Sucht bei gleichzeitiger Beibehaltung der schmerzstillenden Funktion führen. Dies stellen Dr. Sato Akijama und seine Forschungsgruppe von der University of California in Berkeley fest.
Morphin ist ein starker Agonist am µ-Opioidrezeptor (MOR) und ein potentes Analgetikum. Es zeigt jedoch mehrere Nebenwirkungen, darunter Atemdepression und Sucht.
Abkƶmmlinge von Morphin und verwandten schmerzlindernden Opioiden werden seit fast zwei Jahrhunderten untersucht. Allerdings konzentrieren sich die meisten Derivate auf VerƤnderungen in der Peripherie dieser Strukturen. Die Forscher um Dr. Akijama haben nun eine 15-stufige Synthese eines Morphin-Abkƶmmlings entwickelt, bei der ein Sauerstoffatom im E-Ring durch eine Methylengruppe (CHā) ersetzt wurde. Dieser einzelne Austausch führte zu deutlichen VerƤnderungen im biologischen Profil der resultierenden Verbindung, einschliesslich einer verringerten Atemdepression und eines fehlenden Nachweises konditionierter PlatzprƤferenz bei MƤusen. VerƤnderungen am Kernatom des Opioidantagonisten Nalorphin zeigten ebenfalls AktivitƤten, die sich von denen der Elternverbindung unterscheiden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Abkömmlinge von Opioiden, die auf Modifikationen an Kernatomen beruhen, zu neuartigen Analgetika führen können, die möglicherweise vorteilhaftere Eigenschaften besitzen.
Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen
Literatur
Akijama S et al. Total synthesis and biological activity of Ā« carabamorphine Ā» : O-to-CH2 replacement in the E-ring of the morphine core structure. PNAS 2025 ; 122 : e2425438122
Impfung als neue Form der kardiovaskulären Prävention: eine klinische Konsensuserklärung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie
Der nachfolgende hochaktuelle ESC-Artikel (1) ist für die kommende Herbst-/Wintersaison sehr lesenswert und sollte in der Hausarzt- und Facharztpraxis berücksichtigt und umgesetzt werden, um die MorbiditƤt und MortalitƤt unserer vor allem Ƥlteren Patienten zu reduzieren. So kann z.āB. eine Influenza-Impfung kardiovaskulƤre Ereignisse wie einen akuten Myokardinfarkt oder einen Schlaganfall verhindern und die MorbiditƤt sowie MortalitƤt deutlich senken. Eine PrƤvention ist sowohl bei Patienten mit einer chronischen Erkrankung als auch bei Personen ā„ 65 Jahre zu empfehlen. Diese Massnahmen sind einfach, effizient und kosteneffektiv.
Impfungen werden daher zunehmend als wirksame PrƤventionsmassnahme nicht nur gegen bestimmte Infektionen, sondern auch zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Hochrisikopatienten anerkannt. Insbesondere gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass Impfstoffe gegen Influenza, SARS-CoV-2, das Respiratorische Synzytial-Virus, Herpes zoster, andere Virusinfektionen sowie gegen Pneumokokken die HƤufigkeit schwerwiegender kardiovaskulƤrer Ereignisse bei geimpften Personen deutlich reduzieren.
Diese klinische Konsensuserklärung untersucht die vorhandene Literatur und die gesammelten Erkenntnisse und bietet praktische klinische Empfehlungen zum Zeitpunkt der Impfung und zur Zielgruppe, wobei insbesondere komplexe klinische Szenarien mit Schwerpunkt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandelt werden. Sie enthält Leitlinien für die Impfung gefährdeter Bevölkerungsgruppen wie immunsupprimierte Personen, Patienten mit angeborenen Herzfehlern und Schwangere sowie Informationen zur Sicherheit und zu möglichen Komplikationen des Verfahrens.
Dr. med. Urs Dürst
Literatur
Heidecker B. et al., Vaccination as a new form of cardiovascular prevention: a European Society of Cardiology clinical consensus statement, European Heart Journal (2025) 00, 1ā14 https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf384
1. Kato K, et al. Nivolumab plus chemotherapy or ipilimumab versus chemotherapy in patients with advanced esophageal squamous cell carcinoma (CheckMate 648): 29-month follow-up from a randomized, open-label, phase III tria. l Cancer Med. 2024;13:e7235.
2. Xu J, et al. Tislelizumab plus chemotherapy versus placebo plus chemotherapy as first-line treatment for advanced or metastatic oesophageal squamous cell carcinoma (RATIONALE-306): a global, randomised, placebo-controlled, phase 3 study. Lancet Oncol. 2023;24:483-495.
3. Yoon HH, et al. First-Line Tislelizumab Plus Chemotherapy Shows OS Benefit in PD-L1+ ESCC Subgroups. J Clin Oncol. 2024;42(Suppl 16):4032.
4. European Medicine Agency. Tevimbra 100mg concentrate for solution for infusion. Summary of product characteristics. https//www.ema.europa.eu/en/documents/product .information/Levimbra-epar-product-information_en.pdf. Assessed December 19,2 024.
Comorbidities play a central role in the clinical trajectory of individuals living with dementia, accelerating cognitive decline and increasing the risk of acute complications. Their management requires a reasoned adaptation of therapeutic goals: preventing decompensations, minimizing iatrogenic risks, and preserving quality of life. This review provides an up-to-date synthesis of available evidence and guidelines, highlighting the need to individualize decisions based on patient frailty and preferences. Comprehensive geriatric assessment is as a cross-cutting, essential tool to guide these choices. By examining four common conditions ā hypertension, dyslipidemia, atrial fibrillation, and diabetes ā this article offers practical guidance for a cautious and patient-centered approach. Keywords: dementia, comorbidities, frailty, comprehensive geriatric assessment
Wie tief sollte der Blutdruck beim Diabetiker sein?
Frage
Wie stark sollte der Blutdruck bei ĀPatienten mit Hypertonie und Typ-2-ĀDiabetes gesenkt werden?
Hintergrund
Hypertoniker mit einem Typ-2-Diabetes als Komorbidität haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Die ESC-Leitlinien von 2024 empfehlen für diese Population, ein Blutdruckziel < 130 mmHg systolisch anzustreben (Klasse IA). Die Studienlage dazu ist bis dato nicht ganz eindeutig. In der SPRINT-Studie hat eine intensivierte Therapie bei Hypertonikern auf systolische Werte < 120 mmHg gegenüber der Standardbehandlung (< 140 mmHg) die Rate kardiovaskulärer Ereignisse und Gesamtmortalität signifikant gesenkt, jedoch waren Diabetiker von der Studie ausgeschlossen (2). In der ACCORD-Studie hat eine Blutdrucksenkung auf < 120 mmHg keinen signifikanten Vorteil für die teilnehmenden Diabetiker erbracht (3). Allerdings hat diese Studie sowohl blutzucker- als auch blutdrucksenkende Interventionen getestet und hatte keine ausreichende statistische Power, den unabhängigen Effekt der strengeren Blutdruckeinstellung zu zeigen.
Studienort
Die Blood Pressure Control Target in Diabetes (BPROAD)-Studie ist eine multizentrische, randomisierte Studie aus 145 Studienzentren in China (1).
Studiendesign und Methode
Die Studienteilnehmer erhielten randomisiert entweder eine intensive Blutdrucksenkung (systolischer Zielwert < 120 mmHg) oder eine Standardbehandlung (Zielwert < 140 mmHg). Der Blutdruck wurde in den ersten 3 Monaten monatlich und danach alle 3 Monate kontrolliert (als PraxisblutdruckĀmessung).
Ein- und Ausschlusskriterien
Eingeschlossen wurden Personen im Alter ℠50 Jahren mit Diabetes mellitus Typ 2, erhöhtem kardiovaskulären Risiko und einem systolischen Blutdruck ℠130 mmHg unter antihypertensiver Therapie oder ℠140 mmHg ohne Blutdruckmedikation.
Outcome
Als primärer Endpunkt wurde der Komposit aus kardiovaskulären Ereignissen, einschliesslich nicht tödlicher Myokardinfarkte, nicht tödlicher Schlaganfälle, behandelter oder hospitalisierter Herzinsuffizienz und kardiovaskulärer Tod über 5 Jahre erfasst.
Ergebnisse
Eingeschlossen wurden 12 821 Probanden. Die Baseline-Charakteristika beider Gruppen waren ausgeglichen: Im Median waren die Teilnehmenden knapp 64 Jahre alt und hatten einen mittleren Blutdruck von 140/76 mmHg. 45ā% waren Frauen. 22.5ā% hatten nach eigenen Angaben eine kardiovaskulƤre Vorerkrankung. Auch weitere Risikofaktoren waren vergleichbar wie BMI (im Median 26.7), Raucherstatus, HbA1c, Cholesterin, Nierenfunktion und Dauer der Diabeteserkrankung. Nach 1 Jahr lag der mittlere Blutdruck unter intensiver Behandlung bei 121.6 mmHg und bei 133.2 mmHg in der Standardgruppe. WƤhrend des mittleren Follow-ups von 4.2 Jahren trat bei 393 Personen (1.65ā% pro Jahr) in der Intensiv- und bei 492 Personen (2.09ā% pro Jahr) in der Standardgruppe ein Ereignis des primƤren Endpunkts auf. Damit hat die intensivierte Strategie das relative Risiko für den primƤren Endpunkt um 21ā% gesenkt (Hazard Ratio, HR, 0.79; 95ā%-KI 0.69 bis 0.90; p < 0.001). ĀSignifikant niedriger war auch das Risiko für eine beginnende NierenschƤdigung im Sinne einer Albuminurie. Allerdings traten in der intensiv behandelten ĀGruppe signifikant hƤufiger FƤlle symptomatischer Hypotonie (8 [0.1ā%] vs.
1 [< 0.1ā%], p = 0.05) und HyperkaliƤmie auf (> 5.5 mmol/l: 177 [2.8ā%] vs. 125 [2.0ā%], p = 0.003).
Kommentar
⢠Die BPROAD-Studie liefert Evidenz, dass Typ-2-Diabetiker vergleichbar mit Hypertonikern ohne Diabetes prognostisch von einer intensivierten Blutdrucksenkung profitieren.
⢠Der mittlere systolische Blutdruck lag nach 1 Jahr unter intensiver Behandlung bei 121.6 mmHg, nur etwa 60ā% in dieser Gruppe erreichten das angestrebte Blutdruckziel von < 120 mmHg. Angesichts der unter diesem Blutdruckresultat trotzdem erzielten signifikanten Risikoreduktion scheint eine weitere Anpassung des Zielblutdrucks auf < 120 mmHg, wie von den Autoren der Studie zur Diskussion gestellt, aktuell nicht erforderlich. Auch gilt zu berücksichtigen, dass die Studie ausschliesslich in China durchgeführt wurde und die Ćbertragbarkeit der Ergebnisse auf andere ethnische Gruppen unklar ist.
⢠Somit bestƤtigt die Studie die Leitlinien der ESC 2024 zum Management der Hypertonie bei Diabetikern, die einen systolischen Zielblutdruck von 120ā129 mmHg empfehlen. Speziell wƤhrend des Beginns der intensivierten Blutdruckintervention sollten die Patienten auf das Vorliegen von Hypotonien und HyperkaliƤmien überwacht werden.
Dr. med. Andrea Rosemann
Literatur
1. Bi Y, Li M, Liu Y, et al. BPROAD Research Group. Intensive Blood-Pressure Control in Patients with Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2024 Nov 16. doi: 10.1056/NEJMoa2412006
2. Research Group; Lewis CE, Fine LJ, Beddhu S, Cheung AK, Cushman WC, Cutler JA, Evans GW, Johnson KC, Kitzman DW, Oparil S, Rahman M, Reboussin DM, Rocco MV, Sink KM, Snyder JK, Whelton PK, Williamson JD, Wright JT Jr, Ambrosius WT. Final Report of a Trial of Intensive versus Standard Blood-Pressure Control. N Engl J Med. 2021 May 20;384(20):1921-1930. doi: 10.1056/NEJMoa1901281. PMID: 34010531; PMCID: PMC9907774.
3. ACCORD Study Group; Cushman WC, Evans GW, Byington RP, Goff DC Jr, Grimm RH Jr, Cutler JA, Simons-Morton DG, Basile JN, Corson MA, Probstfield JL, Katz L, Peterson KA, Friedewald WT, Buse JB, Bigger JT, Gerstein HC, Ismail-Beigi F. Effects of intensive blood-pressure control in type 2 diabetes mellitus. N Engl J Med. 2010 Apr 29;362(17):1575-85. doi: 10.1056/NEJMoa1001286. Epub 2010 Mar 14. PMID: 20228401; PMCID: PMC4123215.
Schmerzmanagement bei Patienten nach Wirbelsäulenoperationen: Fortgeschrittene Strategien und zukünftige Wege
Eine wirksame postoperative Schmerzbehandlung ist in der WirbelsƤulenchirurgie nach wie vor eine grosse klinische Herausforderung. Schlecht kontrollierte Schmerzen betreffen bis zu 50 Prozent der Patienten und führen zu einer verzƶgerten Mobilisierung, einem verlƤngerten Krankenhausaufenthalt sowie einem erhƶhten Risiko für chronische postoperative Schmerzen. In einer kürzlich publizierten Ćbersichtsarbeit wurden aktuelle und neue Strategien zur Behandlung postoperativer WirbelsƤulenschmerzen zusammengefasst. Dabei wurde die Entwicklung von opioidzentrierten Paradigmen hin zu individualisierten, multimodalen AnsƤtzen verfolgt. Die multimodale Analgesie (MMA) ist zum Eckpfeiler der heutigen Behandlung geworden.
Kombination aus Pharmakologie, RegionalanƤsthesie und nicht-medikamentƶsen Verfahren
Die multimodale Analgesie kombiniert pharmakologische Wirkstoffe wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Paracetamol und Gabapentinoide mit regionalen AnƤsthesietechniken, einschlieĆlich der Blockade der Erector-spinae-Ebene und der Anwendung von liposomalem Bupivacain. ErgƤnzende nicht-pharmakologische MaĆnahmen wie Frühmobilisierung, kognitive Verhaltenstherapie und achtsamkeitsbasierte Interventionen optimieren die Genesung zusƤtzlich und berücksichtigen die biopsychosozialen Dimensionen von Schmerzen. Bei Patienten mit therapierefraktƤren Schmerzen zeigen Neuromodulationstechniken wie die Stimulation des Rückenmarks und der peripheren Nerven vielversprechende Ergebnisse.
KI, Biomarker und personalisierte Schmerzprotokolle
Fortschritte in den Bereichen künstliche Intelligenz (KI), Entdeckung von Biomarkern und Nanotechnologie ermöglichen personalisierte Schmerzprotokolle durch vorausschauende Modellierung und gezielte Medikamentenverabreichung. Verbesserte Genesungsprotokolle nach Operationen, die viele dieser Strategien integrieren, reduzieren nachweislich den Opioidverbrauch, die Dauer des Krankenhausaufenthalts und die Komplikationsrate. Dennoch bleiben die Variabilität bei der Umsetzung und die Notwendigkeit individualisierter Protokolle zentrale Herausforderungen. Zukünftige Entwicklungen umfassen KI-gesteuerte Analysen, regenerative Therapien und erweiterte Forschung zu langfristigen funktionellen Ergebnissen.
Schlussfolgerung
Diese Ćbersichtsarbeit bietet einen evidenzbasierten Rahmen für die Schmerzkontrolle nach WirbelsƤulenoperationen und betont die Integration multimodaler und innovativer AnsƤtze, die auf unterschiedliche Patientengruppen zugeschnitten sind.
In den letzten fünf Jahren scheint Long COVID Ƥhnlich einer klassischen Tragƶdie fünf Akte durchlaufen zu haben. Exposition: Kaum war die Pandemie medizinisch und politisch einigermassen verdaut, wurden erste FƤlle von Fatigue im Zusammenhang mit zurückliegendem SARS-CoV2-Infekt beschrieben. Komplikation/Verzƶgerung: Die FƤlle hƤuften sich, es wurden engagierte Spezialsprechstunden eingerichtet und verzweifelt nach objektivierbaren Diagnosekriterien oder Therapieoptionen gesucht. Der Hƶhepunkt wurde erreicht durch die mediale Berichterstattung über hoffnungslose FƤlle und den zunehmend lauter werdenden Vorwürfen, die Schulmedizin würde die leidenden Patienten zu wenig ernst nehmen und die Forschung würde zu wenig schnell vorangetrieben. Der Akt der Verzƶgerung wurde geprƤgt durch wenige neue Erkenntnisse und parallel dazu durch einen neuen, lukrativen Markt für allerlei teilweise invasive und kostspielige Therapieangebote, die nur wenig Erfolg zeigten. Das Misstrauen gegenüber der Ćrzteschaft und eine Art Glaubenskonflikt standen im Vordergrund. Es bleiben die Medien als jammernder Chor, welcher die Ereignisse kommentiert und moralisch einschƤtzt bzw. anprangert. Glücklicherweise ist es rund um das Thema Long COVID ruhiger geworden, nun ist es dringend an der Zeit für den letzten Aufzug, die Auflƶsung.
Die Sonderstellung von Long COVID verflüchtigt sich und entsprechend werden auch die Spezialsprechstunden aufgehoben. Für viele Kolleginnen und Kollegen war die Mitarbeit in einer solchen Spezialsprechstunde sehr krƤftezehrend und erschƶpfend. Aus meiner Sicht bietet sich jetzt die Chance, das Krankheitsbild für die verbleibenden Patienten neu zu ordnen und den Symptomkomplex wieder so zu denken, wie wir es mit allen anderen Beschwerden auch machen. Mit dem Erheben einer sorgfƤltigen Anamnese, einer internistischen Untersuchung und dem Evaluieren von Differenzialdiagnosen. Dieser wichtige Prozess wurde in der Vergangenheit doch hƤufig durch die vorgefasste Meinung oder subjektive EinschƤtzung Ā«ich habe Long COVIDĀ» beschnitten. ZusƤtzliche ĀFraĀgen zur Anamneseerhebung wurden mit Argwohn quittiert und die Leidensgeschichten zweifelsfrei und stereotyp geschildert. Meine Routinefrage nach Schlafgewohnheiten, Bildschirmzeit, emotionaler Belastung etc. wurde oftmals mit einem spƶttischen LƤcheln quittiert. Es war schwierig, die Patienten sorgfƤltig internistisch zu erfassen und unmƶglich ganzheitlich in einem Bio-Psycho-Sozialen System einzuordnen. Der Einbezug der Aspekte Psyche und soziale Situation wurde von betroffenen Patienten gerne kategorisch abgelehnt. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum hinsichtlich Long COVID die Patienten nicht ganzheitlich erfasst werden durften und die psychotherapeutische oder psychiatrische Mitbetreuung auf so heftige Ablehnung gestossen ist.
Ich hoffe sehr, dass mit der Auflösung des Sonderlabels Long COVID wieder ein offener, umsichtiger Umgang mit den ME/CFS-Patienten möglich sein wird. Dass wieder ganzheitlich in einem Bio-Psycho-Sozialen Modell gedacht und bei einem chronischen Verlauf auch immer wieder von Neuem neurologische und internistische Differenzialdiagnosen durchgedacht werden. Ich zweifle nicht an der Existenz von ME/CFS, aber es wäre in der Tat eine Katastrophe, wenn eine möglicherweise therapierbare Ursache der Beschwerden nicht gesucht und das Potenzial einer ganzheitlichen Betreuung im psychosozialen Kontext nicht ausgeschöpft würden.
Herzliche Grüsse
Dr. med.Vera Stucki-HƤusler
Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Vera Stucki-HƤusler
Seestrasse 141
8703 Erlenbach