ASCO 2026: Interviews mit Schweizer Experten aus Chicago

Eleonore E. Droux, Verlegerin des Aerzteverlag medinfo AG war persönlich am ASCO und traf die Experten vor Ort. Hier die wichtigsten Eindrücke der Schweizer Experten.

Was sind die wichtigsten Highlights des ASCO in diesem Jahr? Und wie lassen sich die aktuellen Forschungsergebnisse in der Schweiz in die Praxis übertragen?

Sehen Sie folgende Videos von:

Pharma-Info: Video organisiert von PharmaMar – PD Dr. med. Michael Mark, Kantonsspital Graubünden

 

Prof. Dr. med. Reinhard Dummer, Universitätsspital Zürich/Kantonsspital Aarau

Prof. Dr. med. Roger von Moos, Kantonsspital Graubünden

PD Dr. med. Michael Mark, Kantonsspital Graubünden

 Prof. Dr. med. Richard Cathomas, Kantonsspital Graubünden

 Prof. Dr. med. Arnoud Templeton, St. Claraspital, Basel

 Dr. med. Michael Schwitter, Kantonsspital Graubünden

Dr. med. Tämer El Saadany, Kantonsspital Graubünden / zur Zeit in Kanada

Pharma-Info mit PD Dr. med. Michael Mark, Kantonsspital Graubünden

Gatekeeping statt medizinischer Selbstbedienung

Nach 17 Jahren in der eigenen Hausarztpraxis und 37 Jahren in der Medizin komme ich zu folgendem Schluss: Wir brauchen ein obligates Gatekeeper Modell.

In diesem Modell muss jeder Patient primär mit seinen Beschwerden in ein kleines Gesundheitszentrum gehen. Dort arbeiten ein Hausarzt, ein Kinderarzt, ein Gynäkologe und ein Dermatologe. Ausserdem gibt es eine Laborantin, MPA’s, eventuell einen Physiotherapeuten und eventuell einen Psychologen oder Psychiater. An der Zusammensetzung kann man studieren und man kann diese auch aufgrund der Dynamik anpassen.

Der Gatekeeper-Arzt würde die primären Untersuchungen durchführen. Nur er kann an die Radiologie, Gastroenterologie, Chirurgie, Orthopädie usw. weiterleiten. Dies würde verhindern, dass Patienten direkt zu Spezialisten gehen. Es würde auch verhindern, dass Patienten, wenn sie bei Hausarzt A keine Knie-MRT erhalten, zu Hausarzt B oder Hausarzt C wechseln. Es würde verhindern, dass jemand mit Sodbrennen direkt zum Gastroenterologen geht. Es würde auch verhindern, was ich erlebt habe, dass jemand mit Hämorrhoiden zum Urologen geht.

Unter dem Strich würde dieses System die Grundversorger aufwerten und meines Erachtens massiv Kosten sparen.
Denn aktuell ist es wie wenn ich in der Schweiz gratis essen gehen könnte. Würde ich dann am Sternengrill nur eine Bratwurst essen oder im Dolder ein Chateaubriand? Oder beides? Würde ich zu Hause essen, hätte ich vielleicht in der Stadt gar keinen Hunger mehr? Mir ist es ein Rätsel, wieso jetzt mit dem Tardoc einfach Ende des Jahres der External Factor angepasst werden kann. Das ist wie wenn ich in der Migros (inklusive Digitec-Galaxus) Ende Jahr die Preise nach unten korrigiere. Ich würde mir sehr wünschen, dass so ein Modell, wie es im Norden schon ähnlich läuft, auch hier kommt. Aber wie man so schön sagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.

Dr. med. Dr. sc. nat. Andreas Bäbler

Herrliberg

Journal Watch von unseren Experten

Subakromiale Dekompression ohne Überlegenheit nach 10 Jahren

Schulteroperationen sind häufig. Oft werden sie bei Abnützungserscheinungen der Rotatorensehnenmanschette, wie sie bereits im mittleren Lebensalter (40–50-jährig) die Regel sind, nach Versagen der konservativen Therapie empfohlen. Eine finnische Studie dokumentiert nun die 10-Jahres-Resultate einer randomisierten Studie mit arthroskopischer subakromialer Dekompression.

210 finnische Patienten (Alter 51 Jahre) mit einem subakromialen Schmerzsyndrom (> 3 Monate) wurden randomisiert entweder mit arthroskopischer subakromialer Dekompression (ASD) (n = 59), Placebo-Chirurgie (diagnostische ­Arthroskopie) (n = 63) oder Bewegungstherapie (n = 71) behandelt. Für die beiden operativen Arme (ASD versus Placebo-Chirurgie) wurden die Teilnehmer und die Evaluationspersonen hinsichtlich Gruppenzuweisung verblindet. Die primären Endpunkte waren Schulterschmerzen in Ruhe und bei Armaktivität nach 10 Jahren. Der minimal relevante Unterschied bezüglich Schmerzen wurde auf der visuellen Analogskala [VAS] von 0 bis 100 mit 15 definiert. 168 Teilnehmer (87 %) (ASD n = 56, Placebo-Chirurgie n = 55, Bewegungstherapie n = 57) schlossen die 10-Jahres-Nachbeobachtung ab.

In der primären Intention-to-Treat-Analyse (ASD vs. Placebo-Chirurgie) wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen für die beiden Hauptendpunkte nach 10 Jahren beobachtet: Der mittlere Unterschied zwischen den operativen Gruppen (ASD vs. Placebo-Operation) betrug –1.5 Punkte für VAS in Ruhe und –3.2 Punkte für VAS bei Armaktivität. Für keinen der sekundären Endpunkte oder unerwünschten Ereignisse wurden signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt.

Im pragmatischen Vergleich betrug der mittlere Unterschied zwischen ASD und Bewegungstherapie –4.0 Punkte für VAS in Ruhe und –9.4 Punkte für VAS bei Armaktivität. Für die sekundären Endpunkte oder unerwünschten Ereignisse wurden keine signifikanten Unterschiede ­zwischen den Gruppen beobachtet.

Fazit
Diese finnischen Patienten mit subakromialem Schmerzsyndrom hatten während der 10-jährigen Nachbeobachtung keinen Vorteil von einer arthroskopischen Intervention gegenüber Placebo-Arthroskopie oder gegenüber Physiotherapie. Dies kontrastiert mit der zunehmenden Häufigkeit von entsprechenden Schulteroperationen an Schweizer Schulter-Zentren. Weitere Langzeitstudien, allenfalls auch Registerstudien, sollten sich dieser Therapiemodalität dringend annehmen. Vielleicht wäre es sinnvoll, dass das BAG ein HTA (Health technology assessment) durchführen würde. Bei der Beratung unserer Patienten sollte diese Studie nicht vergessen werden.

KD Dr. med. lic. phil. Marcel Weber

Literatur
Kanto K. et al. Arthroscopic subacromial decompression versus placebo surgery for subacromial pain syndrome: 10 year follow-up of the FIMPACT randomised, placebo surgery controlled trial. BMJ 2025 Dec 2:391:e086201. doi: 10.1136/bmj-2025-086201. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41330610/

Aktuelle und aufkommende therapeutische Ansätze bei vaskulärer kognitiver Beeinträchtigung und Demenz

Kardiovaskuläre Risikofaktoren tragen zu den meisten Fällen von Demenz bei, wobei etwa 20 % direkt auf vaskuläre kognitive Beeinträchtigung und Demenz (VCID) zurückzuführen sind. Die Entwicklung von Therapien für VCID ist im Vergleich zur Alzheimer-Krankheit (AD), die inzwischen mehrere von der FDA zugelassene symptom- und krankheitsmodifizierende Mittel hat, langsam verlaufen. In diesem Teil dieser JACC-Seminarreihe werden Fortschritte und neue Perspektiven im Management und in der Prävention von VCID vorgestellt. Es gibt hinreichende Belege dafür, dass kognitive Stimulanzien (Donepezil, Galantamin und Memantin) die Kognition bei vaskulärer Demenz (VaD), der schwersten Form von VCID, moderat verbessern, insbesondere wenn eine begleitende AD-Pathologie vorliegt. Antidepressiva können bei Patienten mit Depression und Schlaganfall von Vorteil sein, zeigen jedoch nur eine geringe Wirksamkeit bei Depression allein oder bei VaD. Verhaltens-, soziale und umweltbezogene Interventionen sind Erstlinienbehandlungen zur Bewältigung von mit VCID assoziierter Agitation und Psychose. Sekundäre Antipsychotika wurden bei diesen Patienten bisher nicht getestet. Antipsychotika der zweiten Wahl wurden bei Patienten mit alleiniger vaskulärer Demenz (VaD) nicht getestet, sind jedoch vorteilhaft, wenn Alzheimer-Krankheit (AD) und VaD zusammen auftreten, wobei Risperidon und Quetiapin wirksam zur Reduktion von Psychosen und Unruhe sind. Die primäre Prävention von VCID umfasst die Identifizierung und Behandlung kardiometabolischer Risikofaktoren sowie die Erkennung von Anzeichen einer versteckten zerebrovaskulären Erkrankung. Sowohl die primäre als auch die sekundäre Prävention von VCID beinhalten das Management kardiovaskulärer Risiken, insbesondere Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Rauchen, Vorhofflimmern, Übergewicht und Bewegungsmangel. Die Behandlung vaskulärer Risikofaktoren kann das Risiko für das Auftreten kognitiver Beeinträchtigungen moderat senken. Neue Interventionen, die derzeit in klinischen Studien untersucht werden, werden diskutiert. Die Entdeckung und Nutzung von VCID- und AD-Biomarkern wird die Spezifität und Wirksamkeit von Interventionen verbessern, sodass ein Ansatz der personalisierten Medizin für die krankheitsspezifische medikamentöse Therapie möglich wird.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

Quelle
Goodall LS et al J Current and Emerging Therapeutic Approaches for Vascular Cognitive Impairment and Dementia. J Coll Cardiol 2026; 87:77-100. doi: 10.1016/j.jacc.2025.09.1502.

Fortschritt hat seinen Preis – aber Stillstand ist teurer

Wir erleben in der Onkologie derzeit eine Ära, in der sich das Rad der Innovation so schnell dreht wie nie zuvor. Fast monatlich erreichen uns neue Zulassungen, präzisere Diagnostiktools und therapeutische Durchbrüche, die das Überleben und die Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten bei chronischen Krebserkrankungen massiv verbessern. Doch während wir in den Kliniken und Praxen die Erfolge dieser Forschung täglich sehen, dominiert in der gesundheitspolitischen Debatte oft ein ganz anderer Ton: die Sorge um die Kosten.

Es ist eine unbequeme Wahrheit, dass diese Fortschritte nicht zum Nulltarif zu haben sind. Innovation kostet. Was jedoch in der staatlichen und regulatorischen Betrachtung zunehmend verloren geht, ist die Balance zwischen Aufwand und Nutzen. Die Diskussion verengt sich fast ausschliesslich auf den Kostenaspekt, während der enorme Gewinn an Lebensjahren und die Verbesserung der Teilhabe am sozialen Leben oft nur als Randnotiz behandelt werden. Wenn wir den Wert einer Therapie nur noch nach dem Preisschild beurteilen und nicht nach dem Nutzen für den Menschen, riskieren wir, den medizinischen Standard zu untergraben.

Interessanterweise könnte gerade die Forschung selbst ein Schlüssel zur Kostendämpfung sein – allerdings nicht jene, die primär von der Industrie getrieben ist. Die pharmazeutische Industrie investiert dort, wo neue Patente und Märkte entstehen. Forschung zur Optimierung bestehender Therapien, zur Deeskalation oder zur Effizienzsteigerung in der Versorgung wird von privater Seite kaum finanziert. Hier ist die akademische, unabhängige Forschung gefragt. Sie kann aufzeigen, wie wir Ressourcen klüger einsetzen, ohne die Behandlungsqualität zu gefährden.

Ein wesentlicher Hebel für eine nachhaltige Onkologie liegt zudem in der Versorgungsoptimierung. Eine engmaschige, professionelle Begleitung verhindert Komplikationen und teure Notfalleintritte. Es ist daher vollkommen widersinnig, dass ausgerechnet in diesem Bereich, etwa bei den Tarifen für die Onkologiepflege, Kürzungen vorgenommen werden. Solche Massnahmen laufen den Bemühungen um eine effiziente und gleichzeitig menschliche Versorgung fundamental entgegen. Wer bei der Pflege spart, zahlt am Ende an anderer Stelle im System doppelt drauf.

Wir müssen zurück zu einer ganzheitlichen Sicht­weise. Fortschritt ist kein Luxusgut, sondern die Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft, die chronisch Kranke nicht nur verwaltet, sondern ihnen ein würdevolles Leben ermöglicht. Dafür braucht es faire Rahmenbedingungen für die Pflege, Raum für unabhängige Forschung und eine Politik, die den Nutzen einer Therapie wieder über die reine Buchhaltung stellt.

Prof. Dr. med. Roger von Moos

Direktor Tumor- und Forschungszentrum
Kantonsspital Graubünden
7000 Chur

tumorzentrum@ksgr.ch

Nationaler Krebsplan: Stakeholder-Workshops erfolgreich abgeschlossen

Wie kann die onkologische Versorgung in der Schweiz weiter verbessert werden – vom Zugang zu Früherkennung über optimale Behandlungsstrukturen bis hin zu einer besseren Nachsorge und Dateninfrastruktur? Diese Fragen stehen im Zentrum des neuen Nationalen Krebsplans, den Oncosuisse im Auftrag des BAG ausarbeitet. Ziel ist es, medizinische Fortschritte konsequent in die Versorgung zu überführen, damit Patientinnen und Patienten überall in der Schweiz von einer modernen, evidenzbasierten Onkologie profitieren.

Breite Mitwirkung und Engagement

Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg waren die von Oncosuisse in der zweiten Jahreshälfte 2025 organisierten Stakeholder-Workshops. Über 200 Akteurinnen und Akteure aus dem gesamten Krebsbereich – aus Behörden, Verbänden, Fachgesellschaften, Forschungsorganisationen, Versorgungseinrichtungen, Patientenorganisationen und Direktbetroffenen – brachten ihre Perspektiven ein.

Bereits im Vorfeld fand ein Workshop mit rund 70 Direktbetroffenen und Angehörigen statt, um ihre Perspektiven und Erfahrungen gezielt einzubeziehen. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern danken wir herzlich für ihr engagiertes Mitwirken.

Fünf zentrale Handlungsfelder

In fünf Stakeholder-Workshops wurden zentrale Ziele und Massnahmen erarbeitet, die nun in die nächste Phase überführt werden. Im Mittelpunkt standen folgende Themenbereiche:
• Früherkennung
• Zugang zu optimaler Versorgung
• Cancer Survivorship
• Klinische Forschung
• Patientendaten
Darüber hinaus werden die Primärprävention und Fachkräftemangel im Krebsplan thematisiert. Für diese beiden Bereiche sind jedoch gemäss Vorgabe des BAG keine eigenen Umsetzungsprojekte vorgesehen, da sie bereits weitgehend in anderen nationalen Strategien und Plattformen bearbeitet werden, unter anderem im Rahmen der Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie).

Nächste Schritte: Abstimmung und ­Vernehmlassung

Die erarbeiteten Ergebnisse werden derzeit mit dem Oncosuisse-Vorstand, den zuständigen Mitgliedsorganisationen und dem BAG abgestimmt. Die Vernehmlassung ist für Juni vorgesehen. In dieser Phase haben die Stakeholder die Möglichkeit, zu den vorgeschlagenen Zielen und Massnahmen Stellung zu nehmen.

Konsens und Praxisnähe sichern

Bereits während der Workshop-Phase wurde der Krebsplan auf wichtigen Plattformen vorgestellt und diskutiert, darunter auf dem Swiss Oncology and Hematology Congress 2025 (SOHC) und auf dem SGMO Onco Summit 2026. Weitere Gespräche mit verschiedenen Anspruchsgruppen stellen sicher, dass der Plan auf einem breiten Konsens basiert und praxisnah umgesetzt werden kann.

Prof. Dr. med. Solange Peters, Präsidentin Oncosuisse
M Sc Dominique Froidevaux, Geschäftsführer Oncosuisse

4. SGMO ONCO SUMMIT 2026

Wege aus der Systemblockade – Zwischen ­politischen Herausforderungen und technologischem Aufbruch

Vom 29. bis 30. Januar 2026 fand in Bern der vierte Onco Summit der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (SGMO) statt. Als Tagung «by invitation only» brachte die Veranstaltung gezielt Akteure der Gesundheitspolitik zusammen: BAG, GDK, Swissmedic, Krankenversicherer, Vertreter von Universitäten und der EPFL, medizinische Versorger (Onkologen und Hämatologen), Patientenvertreter sowie die Industrie. Um einen völlig freien Austausch zu ermöglichen, fand die Veranstaltung unter den Chatham-House-Regeln statt.

Marktzugang und Pricing: Ursachen und ­Strategien gegen den Delay

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Überwindung der massiven Verzögerungen beim Therapiezugang. Der «Submission Gap» bei Swissmedic entsteht oft durch eine spätere Einreichung der Zulassungsgesuche durch die Industrie im Vergleich zu den USA oder der EU. Swissmedic wirkt dem aktiv durch internationale Verfahren wie dem «Project Orbis» und «ACCESS» entgegen, um parallele Zulassungen zu fördern, und nutzt Instrumente wie befristete Zulassungen sowie den «Early Dialogue».

Nach der Zulassung folgt der «Reimbursement Gap» beim BAG, wobei die Wartezeit bis zur Aufnahme in die Spezialitätenliste (SL) durchschnittlich 200 Tage beträgt. Als Hauptgrund für diese Verzögerungen wurden verschiedene Preisvorstellungen von BAG und Industrie identifiziert. Das BAG setzt hierbei auf Preismodelle, Kostendämpfungsmassnahmen und ebenfalls auf den frühzeitigen Dialog mit der Industrie. Schlussendlich geht es darum wieder Kompromisse im Sinne der Patienten und der Bevölkerung zu finden.

In diesem Kontext wurde auch das Pricing-Problem im Zusammenhang mit den jüngsten Entwicklungen in den USA beleuchtet: Da die Schweiz neu als Referenzland für die USA Preise dienen soll und die Preise kaufkraftbereinigt berechnet werden, steigt der Druck auf die Schweizer Medikamentenpreise. Ob und in welcher Form das direkt auf den Zugang zu innovativen Medikamenten einen Einfluss haben wird, war umstritten.

Kritik am OLU-Tool der Vertrauensärzte

Scharf kritisiert wurde das neue Off-Label-Use-Tool (OLU-Tool) der Vertrauensärzte, das aktuell in Überarbeitung ist. Es wird als realitätsfremd, aufwendig und in seinen Ergebnissen als nicht reproduzierbar eingestuft. Da die Beurteilungen oft ungleich ausfallen, öffne dies der Willkür bei Kostengutsprachen die Tür. Die wissenschaftlich fundierten Gegenentwürfe aus der Onkologie-Community müssen nun in die überarbeitete Version einfliessen.

Nationaler Krebsplan 2026–2032: Fokus und Silo-Problematik

Der vorgestellte Nationale Krebsplan adressiert die Themen Früherkennung, Zugang zu optimaler Behandlung, Cancer Survivorship, klinische Forschung und Datennutzung. Bemängelt wurde die Ausklammerung der Primärprävention (z. B. HPV-Impfung), die in anderen administrativen Silos wie der Strategie für nichtübertragbare Krankheiten und im Impfplan abgehandelt wird. Dies wird kritisch gesehen, da dort oft andere Prioritäten als die spezifische Krebsbekämpfung dominieren.

Pädiatrie als Erfolg – Skepsis bei der IVHSM

In der Kinderonkologie wähnte man sich während des Kongresses kurz vor dem Durchbruch, leider haben sich seither erneute Verzögerungen ergeben: Die neue Medikamentenliste für krebskranke Kinder ist nach wie vor in Arbeit und nicht in Kraft gesetzt. Nach über zwei Jahren Arbeit scheint es nach wie vor herausfordernd, eine Lösung zu finden, was schwierig verständlich ist.

Ganz anders fiel die Bilanz zur interkantonalen Planung der Hochspezialisierten Medizin (IVHSM) aus: Diese wurde kritisch hinterfragt, da bisher valide Qualitäts- und Kostendaten fehlen, die den Nutzen der Zentralisierung belegen. Es wurde vor einem «Kompetenzparadox» gewarnt, bei dem komplexe Eingriffe zentralisiert werden, während die Behandlung von Komplikationen ohne entsprechende Expertise dezentral verbleibt.

Rolle der Kantone: Keine Postleitzahlmedizin

Die Kantone tragen die Verantwortung dafür, dass Patienten unabhängig von ihrem Wohnort einen gleichberechtigten Zugang zu Diagnostik, Therapie und Langzeitversorgung erhalten. Auch im Bereich Prävention und Früherkennung (z. B. Screenings) haben sie eine zentrale Funktion. Da die Voraussetzungen und politischen Rahmenbedingungen in den Kantonen derzeit noch sehr verschieden sind, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Eine differenzierte Versorgungsqualität nach Postleitzahl («Postleitzahlmedizin») wird entschieden abgelehnt.

Digitalisierung: Vom Minimaldatensatz zur KI-gestützten Datenrevolution

Technologisch markierte der Summit den Paradigmenwechsel von manuell gepflegten, starren Konzepten wie dem onkologischen Minimaldatensatz (oMDS) hin zu «maximalen Datensätzen» mittels Künstlicher Intelligenz.

Praxisnahe Strukturierung als Fundament

Ein zentraler Lösungsansatz, um den administrativen Flaschenhals zu lösen, ist der Einsatz spezialisierter Medical Reasoning Engines auf Basis modernster LLMs (wie z. B. Gemini 3.1). Statt auf manuelle Dateneingabe zu setzen, werden hierbei unstrukturierte klinische Freitexte, PDF-Befunde und Word-Berichte vollautomatisiert in hochstrukturierte Datenbanken überführt. Solche kliniknahen KI-Technologien, die bereits im direkten Spitalumfeld (etwa am Kantonsspital Graubünden) pilotiert werden, erlauben flexible, echtzeitnahe Auswertungen und entlasten die Versorger massiv.

Forschung und Praxis vernetzen (NAIPO)

Auf genau solchen strukturierten Datenbeständen aus der klinischen Breite baut die universitäre Forschung auf. So startet im Sommer 2026 das Projekt NAIPO (National AI-Initiative for Precision Oncology) der EPFL, der ETH Zürich und der Universitätsspitäler (Basel, Bern, Genf und Zürich). NAIPO will multimodale Modelle für die Präzisionsonkologie nutzbar machen und dem molekularen Tumorboard zur Verfügung stellen. Die Tagung verdeutlichte die Symbiose: Der Erfolg universitärer Leuchtturmprojekte wie NAIPO hängt massgeblich von funktionierenden KI-Strukturierungslösungen an der klinischen Basis ab. Erste strategische Gesprächsbrücken zwischen den Entwicklern solcher Basis-Technologien und den medizinischen Versorgern konnten während der Tagung erfolgreich etabliert werden.

Fazit

Der vierte SGMO Onco Summit verdeutlichte, dass ein chancengleicher Zugang zu Fortschritt nur durch den Abbau von Bürokratie, die Harmonisierung der kantonalen Angebote und die konsequente Nutzung digitaler Potenziale erreicht werden kann.

Prof. Dr. med. Roger von Moos
M Sc Dominique Froidevaux
Prof. Dr. med Andreas Wicki