Von Kilos zu Kraft: GLP-1-RA in der hausƤrztlichen Praxis

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die aktuelle Begeisterung für GLP-1-Rezeptoragonisten ist nachvollziehbar: weniger Gewicht, bessere glykämische Kontrolle, günstige Effekte auf Begleiterkrankungen. Für ältere Patientinnen und Patienten zählt in der Praxis jedoch vor allem, ob Mobilität, Kraft und Selbstständigkeit bleiben.

Genau hier setzt der in diesem Heft enthaltene Artikel «GLP-1-Rezeptoragonisten:
Zwischen Gewichtsverlust und SarkopenierisikoĀ» an: Er zeigt, wie wir GLP-1 sinnvoll einsetzen und gleichzeitig die Muskulatur schützen. Der Fahrplan ist alltagstauglich: früh screenen, bei Verdacht gezielt prüfen und die Pharmakotherapie konsequent mit ErnƤhrung und Bewegung koppeln. Empfohlen werden eine bedarfsgerechte Eiweisszufuhr bei moderatem Kaloriendefizit sowie alltagsnahes, betreutes Krafttraining von Beginn an – so reduzieren wir Fettmasse, bremsen den Muskelverlust und verbessern die MuskelqualitƤt. Wichtig ist auch die Zielverschiebung: Erfolg messen wir nicht an verlorenen Kilos, sondern an funktionalen Endpunkten wie schnellerem Aufstehen, sichererem Gang und geringerer Erschƶpfung; nach 4–6 Wochen gehƶren Re-Assessments mit Anpassung von Dosis, Portionsgrƶssen, Mahlzeitenrhythmus und AktivitƤt dazu – inklusive offener GesprƤche über mƶgliche Gewichtsschwankungen nach Absetzen.

Diese Haltung deckt sich mit dem, was in der Hausarztpraxis wirkt: flexible, individualisierte, multikomponentielle Interventionen, die Funktion und LebensqualitƤt in den Mittelpunkt stellen. Der betreffende Artikel übersetzt dies in sofort umsetzbare Schritte für die Schweizer Grundversorgung – ohne Alarmismus, mit klinischer Nüchternheit. Es lohnt sich, den Beitrag vollstƤndig zu lesen: Er macht die nƤchste Entscheidung in der Konsultation einfacher – und die Schritte Ihrer Patientinnen und Patienten spürbar sicherer!

Herzlichst

PD Dr. med. Mathias Schlƶgl, MPH, EMBA HSG

Chefarzt Geriatrie
Stv. Leiter Department Innere Medizin
5017 Barmelweid

mathias.schloegl@barmelweid.ch

Journal Watch von unseren Experten

Neuronale Antizipation und ImmunitƤt: Das Gehirn bereitet sich auf virtuelle Infektionen vor

Im Journal of Nature Neuroscience haben Sara Trabanelli (UniversitƤt Lausanne, UniversitƤt Genf) und Andrea Serino (UniversitƤt Lausanne) erstaunliche Ergebnisse zusammengefasst. Ihre im Juli 2025 verƶffentlichte Studie zeigt, dass das menschliche Gehirn die Gefahr einer Infektion antizipieren kann, selbst wenn diese nur in der virtuellen RealitƤt dargestellt wird, und eine messbare Immunantwort auslƶst.

Vorwegnahme durch das Gehirn im peripersonalen Raum

Das Immunsystem reagiert in der Regel, nachdem ein Krankheitserreger in den Kƶrper eingedrungen ist. Die Studie untersucht jedoch eine andere Hypothese: Das Gehirn sei in der Lage, eine Infektionsgefahr vor jedem physischen Kontakt zu signalisieren.

Zu diesem Zweck verwendeten die Forscher Avatare in der virtuellen Realität, die sichtbare Anzeichen einer Krankheit aufwiesen. Als diese Avatare in den peripersonalen Raum (den unmittelbaren Bereich um den Körper herum) eindrangen, zeigten die Teilnehmer eine frühzeitige Aktivierung der multisensorischen frontoparietalen Regionen und des Salienz-Netzwerks. Diese Bereiche des Gehirns, die auf die Erkennung bedrohlicher Reize spezialisiert sind, reagierten bereits, als der infektiöse Avatar noch weit entfernt war.

Die Immunreaktionen waren vergleichbar mit denen, die nach einer Impfung beobachtet wurden

Über die neurophysiologischen Messungen hinaus analysierte das Team das Blut der Teilnehmer. Nach der Exposition gegenüber infektiösen Avataren zeigten die angeborenen Lymphozyten (ILC) und NK-Zellen Veränderungen, die mit denen nach einer Grippeimpfung vergleichbar waren. Die ILC2 und die Vorläufer der ILC nahmen zu, während die ILC1 abnahmen, was auf eine schnelle Mobilisierung des Immunsystems hindeutet. Diese Modulation war spezifisch für infektiöse Reize und trat bei neutralen oder beängstigenden Reizen nicht auf.

Ein neuroimmuner Dialog

Anschliessend griffen die Forscher auf funktionelle MRT und Konnektivitätsmodellierung zurück. So konnten sie nachweisen, dass die Antizipation einer virtuellen Infektion den Austausch zwischen dem Kortex und dem Hypothalamus, dem Schlüsselzentrum der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA), verstärkte.

Dieser neuroimmunologische Kreislauf ging mit einer Freisetzung von hormonellen Mediatoren und entzündungsfördernden Lipiden einher. Ein künstliches neuronales Netzwerk, das auf diesen Daten trainiert wurde, ermöglichte es, die Immunaktivierung anhand der im Blut gemessenen Hormonspiegel und Lipidmediatoren vorherzusagen.

Reichweite und Grenzen der Studie

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Organismus nicht nur nach einer Infektion reagiert, sondern über eine
vorausschauende Strategie verfügt: Das Gehirn bereitet die Immunität vor, sobald es eine Bedrohung in der Umgebung wahrnimmt.
Diese Entdeckung erƶffnet neue Wege, insbesondere bei der Nutzung der virtuellen RealitƤt zur Modulation der ImmunitƤt. Die Autoren weisen jedoch auf mehrere Grenzen hin:
• Es handelt sich um eine explorative Studie an jungen, gesunden Erwachsenen.
• Der Vergleich beschrƤnkt sich auf eine einzige Impfung.
• Es ist unklar, ob die Ergebnisse auf andere Kontexte oder Populationen übertragbar sind.

Schlussfolgerung

Die Studie zeigt eine bisher unbekannte neuroimmunologische Integration: Die Antizipation einer Infektion, selbst wenn sie in der virtuellen RealitƤt simuliert wird, reicht aus, um eine Aktivierung der Immunabwehr auszulƶsen.

Diese Daten bestƤtigen, dass die Barriere zwischen dem Verhaltenssystem und dem biologischen Immunsystem durchlƤssiger ist als bisher angenommen. Das Gehirn spielt nicht nur eine zentrale Rolle bei der Vermeidung von Gefahren, sondern auch bei der aktiven Vorbereitung der Immunantwort.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

Quellen
Trabanelli, S., Akselrod, M., Fellrath, J. et al. Neural anticipation of virtual infection triggers an immune response. Nat Neurosci (2025).
https://doi.org/10.1038/s41593-025-02008-y

Chronische Nierenkrankheit – 20 praxisrelevante Punkte für Grundversorger/-innen

Die chronische Nierenkrankheit (CKD) betrifft etwa 10 % der Erwachsenen und ist durch eine dauerhafte SchƤdigung der Nierenfunktion oder -struktur gekennzeichnet. Aufgrund der hƤufig asymptomatischen Frühstadien erfolgt die Diagnose oft spƤt, was das Risiko für schwerwiegende Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder das Erreichen der Nierenersatzpflichtigkeit erhƶht. Für HausƤrzt/-innen sind Früherkennung, adƤquate Diagnostik und Therapie zentral, um die Progression zu verlangsamen und Folgeerkrankungen zu minimieren. Wichtige Massnahmen umfassen das Screening bei Risikopatient/-innen, regelmƤssiges Monitoring, die Anpassung der Medikation und nichtmedikamentƶse Interventionen wie LebensstilƤnderungen. Die enge Kooperation mit Nephrolog/-innen unterstützt eine umfassende Versorgung und verhindert FolgeschƤden.

Chronic kidney disease (CKD) affects approximately 10 % of the adult population and is characterized by persistent impairment of kidney function or structure. Due to the often asymptomatic early stages, diagnosis is frequently made late, which increases the risk of serious complications such as cardiovascular disease or the need for renal replacement therapy. For general practitioners, early detection, adequate diagnostics, and treatment are central to slow progression and minimize secondary diseases. Important measures include screening of at-risk patients, regular monitoring, adjustment of medication, and non-pharmacological interventions such as lifestyle changes. Close cooperation with nephrologists supports comprehensive care and helps prevent further complications.
Keywords: Chronische Nierenkrankheit, CKD, Screening, Hausarzt, Therapie, Progression, SGLT2-Inhibitoren

Einführung

Die chronische Nierenkrankheit (CKD) betrifft etwa 10 % der erwachsenen Bevƶlkerung und stellt somit eine bedeutende gesundheitliche Herausforderung dar. Die Erkrankung ist besonders in den frühen Stadien hƤufig asymptomatisch und wird daher oft zu spƤt diagnostiziert. Im fortgeschrittenen Stadium ist sie mit schwerwiegenden gesundheitlichen Komplikationen verbunden, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenfunktionsverlust. Die Bedeutung der CKD wurde lange Zeit unterschƤtzt. Sie zƤhlt zu den am schnellsten wachsenden Todesursachen weltweit und kƶnnte bis 2050 zur fünfthƤufigsten Todesursache werden. In einer am 23.05.2025 verabschiedeten Resolution (EB156/CONF./6) erkennt die WHO die CKD als eine zunehmende globale Gesundheitsbedrohung an, von der etwa 674 Millionen Menschen betroffen sind. Die vorgeschlagene Resolution fordert dazu auf, die Nierengesundheit systematisch in nationale Gesundheitssysteme zu integrieren. Zentrale Massnahmen sind dabei die StƤrkung des ƶffentlichen Bewusstseins, der Ausbau von Überwachungssystemen zur frühzeitigen Erkennung der CKD, die Fƶrderung der Gesundheitskompetenz sowie der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung. Ziel ist es, die Nierengesundheit weltweit als gesundheitspolitische PrioritƤt zu verankern und bestehende Versorgungslücken zu schliessen. HausƤrzt/-innen nehmen neben Nephrolog/-innen in der Umsetzung dieser Massnahmen eine zentrale Rolle ein.

Dieser Artikel vermittelt eine fundierte Übersicht zur CKD und soll Hausärztinnen und Hausärzten eine praxisnahe Unterstützung bei Screening, Diagnostik und therapeutischem Management bieten.

1. Was ist CKD und wie ist diese definiert?

Die CKD ist eine typischerweise fortschreitende Erkrankung der Nieren, die mit einer dauerhaften Beeinträchtigung der Nierenfunktion oder Nierenstruktur einhergeht und negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Eines oder mehrere der unten genannten Kriterien müssen für mehr als 3 Monate vorliegen, damit die Diagnose gestellt werden kann.
• glomerulƤre Filtrationsrate (eGFR) < 60 ml/min/1,73 m²
• Albuminurie > 30 mg/Tag
• abnormales Urinsediment
• Strukturelle Nierenanomalien in bildgebenden Verfahren oder in der Histologie (z.B. polyzystische Nieren oder dünne Basalmembran)
• Zustand nach Nierentransplantation
• Elektrolytstƶrungen renaler Genese oder renal tubulƤre Azidose

2. Was sind die hƤufigsten Ursachen einer CKD?

• Diabetes mellitus: 30–35 %
• Arterielle Hypertonie: 30–35 %
• Glomerulonephritiden: 15 %
• Polyzystische Nierenkrankheit: ca. 8 %

3. Warum ist eine frühe Diagnose wichtig?

Eine Früherkennung ermöglicht eine Anpassung des Krankheitsmanagements und eine Prävention von schwerwiegenden Konsequenzen:
1. Vermeidung einer (schnellen) Progression: Eine unentdeckte CKD kann zu einem fortschreitenden Nierenversagen führen, was eine Nierenersatztherapie (Dialyse oder Transplantation) erforderlich machen kann.
2. Gesteigertes kardiovaskulƤres Risiko: Patient/-innen mit einer CKD weisen ein deutlich erhƶhtes Risiko für praktisch alle kardiovaskulƤren Erkrankungen auf (Abb. 1). Dieses Risiko nimmt proportional zur Abnahme der GFR zu und übersteigt in der Mehrzahl der FƤlle das Risiko eines terminalen Nierenversagens. Deswegen gelten tiefere Lipidzielwerte als für gleichaltrige Patient/-innen ohne CKD (https://agla.ch/). UnabhƤngig davon wird, gemƤss den KDIGO-Guidelines, bei allen Patient/-innen mit CKD und einem Alter ≄ 50 Jahren der Einsatz eines hochpotenten Statins empfohlen.
3. Komplikationen der CKD: Hierzu gehören Anämie, Azidose, sekundärer Hyperparathyreoidismus, Hyperkaliämie und Störungen des Mineral- und Knochenstoffwechsels (CKD-MBD). Diese nehmen mit abnehmender GFR zu und müssen erkannt und ggf. therapiert werden.
4. Medikamentenanpassungen: Der Einsatz nephroĀ­toxischer Substanzen muss strikt vermieden werden. Die Dosierung vieler Medikamente muss an die Nierenfunktion angepasst werden, wenn die eGFR < 60 ml/min abfƤllt (www.dosing.de). Dies gilt auch für Ƥltere Patienten mit einer GFR < 60 ml/min, bei denen die EinschrƤnkung der GFR als altersbedingt eingeschƤtzt wird.

4. Warum ist das Thema für mich in der Grund­versorgung wichtig?

Die CKD betrifft mehr als 10 % der erwachsenen Bevƶlkerung und ist damit hƤufiger als Diabetes mellitus oder Herzinsuffizienz. In den frühen Stadien sind keine oder nur unspezifische Symptome vorhanden. Die hausƤrztliche Grundversorgung spielt eine elementare Rolle in der frühen Identifikation dieser Patient/-innen. Hier wird entschieden, ob eine Überweisung zur Nephrologie nƶtig ist. Zugleich ist die hausƤrztliche Betreuung entscheidend für das Management und die Therapie der CKD, besonders in frühen Stadien.

5. Wen sollte ich auf eine CKD screenen und wie oft?

Bei Vorliegen von folgenden Risikofaktoren wird ein Screening empfohlen:
• Diabetes mellitus
• arterielle Hypertonie
• andere kardiovaskulƤre Erkrankungen (z.B. Herzinsuffizienz)
• familiƤre Vorgeschichte von Nierenkrankheiten (z.B. polyzystische Nierenerkrankung)
• nephrotoxische Medikamente (Lithium, NSAR, bestimmte HIV-Medikamente)
• prƤdisponierende Systemerkrankung (z.B. HIV, Vaskulitis, Lupus)
Bei Diabetes mellitus Typ 2 sollte das Screening jährlich erfolgen, beginnend mit der Diagnosestellung. Bei Typ-1- Diabetes mellitus wird empfohlen, das Screening erstmals 5 Jahre nach Diagnosestellung und anschliessend jährlich durchzuführen. Bei allen anderen Indikationen gibt es keine klare Evidenz für die Screeningfrequenz, sodass sie individuell festgelegt werden sollte.

6. Wie sollte ich auf CKD screenen?

• SchƤtzung der GFR mittels CKD-EPI Formel anhand der Bestimmung des Serum-/Plasmakreatinins oder in ausgewƤhlten FƤllen durch Cystatin C.
• Albuminurie: anhand der Albumin-Kreatinin-Ratio (ACR) im Spontanurin
• Wenn eGFR oder ACR pathologisch sind:
– Urinstreifentest: zur Detektion von Blut im Urin
– Ultraschall der Nieren: Dieser hilft, strukturelle Ursachen der CKD wie etwa eine Obstruktion (Hydronephrose) oder Zysten zu erkennen.

7. Was versteht man unter CKD-Progression?

Die CKD führt typischerweise zu einem fortschreitenden Verlust der glomerulƤren Filtrationsrate (GFR). Dabei ist zwischen dem altersbedingten natürlichen GFR-Abfall (ca. 0,2–1 ml/min/Jahr ab dem 30. Lebensjahr) und der krankheitsbedingten Progression zu unterscheiden. Die GFR muss stets im Alterskontext bewertet werden: Ein eGFR-Wert < 60 ml/min ist nicht automatisch pathologisch, wie mƶglicherweise bei einer 81-jƤhrigen Frau mit eGFR von 55 ml/min ohne Albuminurie. Dagegen ist eine GFR von 62 ml/min bei einem 32-jƤhrigen Mann pathologisch. Bei einer CKD beschleunigt sich der GFR-Verlust über das natürliche Mass, beeinflusst durch Grunderkrankung, Blutdruck und Albuminurie. Je hƶher der Blutdruck und je hƶher die Albuminurie, desto schneller ist das Fortschreiten der CKD, also die GFR-Abnahme (Abb. 2). Die Therapie zielt darauf ab, die Progression auf die physiologische Rate zu verlangsamen, denn je hƶher die eGFR, desto geringer die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen.

8. Was mache ich, wenn ich die Diagnose CKD gestellt habe?

Nach Diagnosestellung gilt es zu prüfen, ob die zugrundeliegende Erkrankung (z. B. Diabetes, Hypertonie) tatsƤchlich die Hauptursache der CKD ist oder ob eine andere Ursache vorliegt. Bei Bedarf sind weitere Untersuchungen zur AbklƤrung einer alternativen Ƅtiologie erforderlich. Dazu gehƶren ein Urinstreifentest, bei HƤmaturie eine mikroskopische Sedimentanalyse sowie eine Nierensonografie zur AbklƤrung postrenaler oder struktureller Ursachen. Anschliessend sollte eine Risikobewertung erfolgen (siehe Punkt 9).

9. Wie kann ich das CKD-Progressionsrisiko und das kardiovaskulƤre Risiko bei meinen CKD-Patient/-innen abschƤtzen?

Die KDIGO-Heatmap beschreibt das Progressions- und kardiovaskulƤre Risiko von Patient/-innen anhand eGFR und Albuminurie (Abb. 3).

10. Wann sollte eine nephrologische Mitbeurteilung erfolgen?

• Albuminurie > 30 mg/mmol (300mg/d)
• rasche Verschlechterung der GFR
• eGFR < 30 ml/min/1,73 m²
• glomerulƤre MikrohƤmaturie
• hereditƤre Nierenkrankheit
• CKD und therapieresistente arterielle Hypertonie
• anhaltende Hypo- oder HyperkaliƤmie unklarer Ƅtiologie
• rezidivierende oder ausgedehnte Nephrolithiasis

11. Welche Therapieziele und welche nicht­medikamentösen Massnahmen gibt es bei der Behandlung der CKD?

PrimƤr sollte die Konzentration auf die Verlangsamung der CKD-Progression und die Reduktion des kardiovaskulƤren Risikos gelegt werden. In Zusammenarbeit mit den nephrologischen Kolleg/-innen liegt der hausƤrztliche Fokus auch auf dem Management der verschiedenen CKD-Komplikationen, wie der AnƤmie, metabolischen Azidose, HyperkaliƤmie, und Stƶrungen des Mineral- und Knochenstoffwechsels (CKD-MBD). Zuerst sollten folgende nichtmedikamentƶse Massnahmen empfohlen werden:
• Ausreichende Bewegung: mindestens 150 Minuten pro Woche oder so viel wie der Patient toleriert
• Ausgewogene ErnƤhrung
• Moderater Kochsalzkonsum (NaCl < 5g/d)
• Rauchstopp: Das Rauchen beschleunigt die CKD-Progression und erhƶht das kardiovaskulƤre Risiko
• Gewichtsmanagement (Übergewicht führt zur Hyperfiltration und beschleunigten CKD-Progression)

12. Welche medikamentösen Therapie­optionen gibt es bei der CKD?

• Blutdruckeinstellung: Individualisierte Zielwerte gemƤss ESC-Guidelines, meist <130/80 mmHg. Bei Ƥlteren Patient/-innen mit Frailty oder diabetischer autonomer Neuropathie sollte der Blutdruck im Stehen gemessen werden, um eine orthostatische Hypotonie zu erkennen. Liegt eine solche vor, erfolgt die Blutdruckeinstellung anhand der Messung im Stehen.
• RAS-Inhibitoren (RASi): ACE-Hemmer oder AT1-Blocker sind erste Wahl zur Blutdruckkontrolle und Reduktion der Albuminurie bei CKD mit arterieller Hypertonie, besonders bei pathologischer Albuminurie (ACR > 3 mg/mmol).
• SGLT2-Inhibitoren: empfohlen bei CKD zur Verzƶgerung der Progression und Senkung kardiovaskulƤrer Risiken. Sie ergƤnzen RASi und sind initiierbar, solange die eGFR > 20 ml/min betrƤgt. Sie kƶnnen bis zur Dialyse/Transplantation belassen werden.
Indikationen:
– CKD mit Typ-2-Diabetes mellitus und/oder
Herzinsuffizienz
– CKD mit eGFR 20–45 ml/min
– CKD mit eGFR > 45 ml/min und
Albuminurie ≄ 20 mg/mmol
– Canagliflozin ist nur für Typ-2-Diabetes evidenzbasiert, Empagliflozin und Dapagliflozin auch bei nichtdiabetischer CKD
• Weitere Medikamente bei Diabetes mellitus, welche das CKD-Progressionsrisiko und das kardiovaskulƤre Risiko verringern und die Albuminurie reduzieren:
– Finerenon kann bei erhƶhter Albuminurie zusƤtzlich zu RASi und SGLT2i bei Typ 2 DM eingesetzt werden.
– Der GLP-1-Rezeptor-Agonist Semaglutid ist vorteilhaft bei Typ-2-Diabetes mit CKD und senkt ausserdem die MortalitƤt sowie das ardiovaskulƤre Risiko.

13. Was ist das Therapieziel bei pathologischer Albuminurie?

Das Ziel der Therapie ist die maximal mƶgliche Reduktion der Albuminurie, wenn machbar in den Normbereich (< 3mg/mmol Kreatinin). Eine signifikante Reduktion der Albuminurie korreliert mit einer besseren kardiovaskulƤren Prognose und einer verlangsamten Progression der CKD.

14. Kann es unter Therapie zu einer Abnahme der eGFR kommen?

Unter Therapie mit RAS- oder SGLT2-Inhibitoren kommt es typischerweise zu einer moderaten eGFR-Abnahme, was erwünscht ist, da die Reduktion der Hyperfiltration die CKD-Progression verlangsamt. Nach Beginn von SGLT2-Inhibitoren muss routinemƤssig keine eGFR-Kontrolle erfolgen. Nach Beginn eines RAS-Inhibitors sollte bei CKD-Patient/-innen mit eingeschrƤnkter eGFR hingegen eine eGFR-Kontrolle nach 7–14 Tagen durchgeführt werden. Ein Rückgang der eGFR um bis zu 25 % bzw. ein Kreatininanstieg bis 30 % gilt als unproblematisch, erfordert aber eine sorgfƤltige Kontrolle. Ein Funktionsverlust > 30 % sollte eine nephrologische AbklƤrung veranlassen.

15. Weitere Aspekte der Behandlung und Therapie der CKD-Komplikationen

• Patient/-innen unter RAS-Blockern und/oder SGLT2-Inhibitoren sollten über die Ā«Sick-day rulesĀ» (siehe Kasten) informiert werden, da diese Medikamente bei Volumenverlust, Dehydration oder akuten Erkrankungen schƤdlich sein kƶnnen. Besonders bei Diabetiker/-innen besteht wƤhrend Fastenphasen (z. B. vor Operationen) das Risiko einer (euglykƤmischen) Ketoazidose.
• Kaliumwerte sollten vor sowie 7–10 Tage nach Beginn oder Dosiserhƶhung von RASi, sMRA, nsMRA oder Bactrim kontrolliert werden. Bei HyperkaliƤmie empfiehlt sich eine ErnƤhrungsberatung; chronische HyperkaliƤmie kann den Einsatz von Kaliumbindern erfordern, um die Fortsetzung der nephroprotektiven Therapie (z.B. RASi oder Finerenon) zu ermƶglichen.
Die Behandlung von CKD-Komplikationen im hausƤrztlichen Bereich konzentriert sich auf Volumen- und Blutdruckeinstellung sowie eine ausreichende Versorgung mit Substraten und Vitamin D.
Zielwerte bei CKD sind:
• 25-OH-Vitamin-D-Spiegel > 75 nmol/l (> 30 ng/ml)
• Ferritin > 300 ng/ml, TransferrinsƤttigung > 30%
• Normwerte für Vitamin B12 und FolsƤure gemƤss Labor

Folgende CKD-Komplikationen bedürfen einer nephrologischen Mitbeurteilung:
• Persistierende AnƤmie von <10 g/dl trotz suffizienten Substraten
• Progrediente metabolische Azidose mit einem Serumbikarbonat <18 mmol/l
• Unkontrollierte HyperkaliƤmie
• Progrediente HypokalziƤmie oder Hyperparathyreoidismus trotz suffizientem 25-OH-Vitamin-D- Spiegel.

16. Was ist bei Diabetiker/-innen mit CKD zu beachten?

Bei Diabetiker/-innen mit fortgeschrittener CKD besteht ein erhöhtes Hypoglykämierisiko. Hypoglykämien sind mit einer deutlich erhöhten akuten Morbidität und Mortalität vergesellschaftet. Unter Behandlung mit Medikamenten, welche keine Hypoglykämie auslösen (Metformin, SGLT2i, DPP-IV-Inhibitoren, GLP1-RA) sollte ein möglichst niedriger HbA1c-Wert angestrebt werden. Werden hypoglykämieauslösende Medikamente eingesetzt (Insulin), empfiehlt sich ein konservativeres HbA1c-Ziel (z. B. < 8 %). Das individuelle HbA1c-Ziel sollte unter Berücksichtigung von Risikofaktoren wie Alter, Frailty und Lebenserwartung angepasst werden. Sulfonylharnstoffe sollten aufgrund der Hypoglykämiegefahr bei CKD mit eingeschränkter Nierenfunktion nicht eingesetzt werden.

17. Was ist bei der Schmerztherapie von CKD-Patient/-innen zu beachten?

Paracetamol und Metamizol sind bevorzugte Schmerzmittel bei CKD, jeweils mit einer Maximaldosis von 3 × 1 g/Tag; eine Kombination ist mƶglich. NSAR müssen wegen nephrotoxischer Effekte vermieden werden. Opioide kƶnnen sich anreichern, toxische Metabolite bilden und müssen an die Nierenfunktion angepasst werden. Buprenorphin und Fentanyl werden extrarenal eliminiert und benƶtigen keine Dosisanpassung. Hydromorphon (Palladon) kann verwendet werden, birgt aber das Risiko der Akkumulation. Bei Gichtarthritis sind Glukokortikoide intraartikulƤr oder systemisch mƶglich.

18. Umgang mit jodhaltigen Kontrastmitteln bei CKD

Nur parenterale jodhaltige Röntgenkontrastmittel sind bei CKD potenziell problematisch, wobei das Risiko einer Kontrastmittel-induzierten Nierenschädigung, besonders bei intravenöser Gabe, deutlich geringer ist als früher angenommen. Intraarterielle Applikation scheint nephrotoxischer zu sein als intravenöse. Enterale jodhaltige Kontrastmittel belasten die Nieren nicht. Bei klarer Indikation und fehlenden Alternativen sollten CKD-Patient/-innen jodhaltige Kontrastmittel nicht vorenthalten werden. Wichtig ist, dass sie euvoläm sind; bei prärenalem oder hypervolämen Zustand sollte auf die Gabe möglichst verzichtet werden oder die Untersuchung verschoben werden, wenn medizinisch verantwortbar. Makrozyklische gadoliniumhaltige MR-Kontrastmittel (z.B. Dotarem, Gadovist) sind unbedenklich.

19. Wie monitorisiere ich meine CKD-Patient/-innen?

Das Monitoring ist wichtig, um eine rasche Verschlechterung der Nierenfunktion nicht zu verpassen und die Wirksamkeit der eingeleiteten Massnahmen zu überprüfen. Die KontrollhƤufigkeit richtet sich nach CKD-Stadium und Krankheitsprogression (Abb. 3/KDIGO Heatmap).
Wesentliche Monitoring-Parameter sind:
• Messung des arteriellen Blutdrucks
• eGFR
• ACR
• Kalium
Bei Medikamentenänderungen sind gegebenenfalls zusätzliche Laborkontrollen nötig. Nach Beginn oder Dosiserhöhung von RAS-Blockern oder Mineralokortikoidrezeptor­antagonisten sollte das Kalium kontrolliert werden. Bei Beginn eines SGLT2-Inhibitors ist nur bei Risiko für Hypovolämie (z. B. Herzinsuffizienz mit Schleifendiuretika) eine Nierenfunktionskontrolle erforderlich. Bei unerklärtem raschen GFR-Abfall oder stark steigendem Albuminurie-Wert sollte eine nephrologische Abklärung erfolgen.

20. Wo kann ich aktuelle Empfehlungen zur Ā­Diagnose und Therapie der CKD finden?

www.swissnephrology.ch
«KDIGO Executive Summary CKD 2024» (via Internetsuche eingeben)

Fazit

Die CKD ist eine häufige Krankheit mit erheblichem Potenzial für schwerwiegende Komplikationen. Früherkennung und gezieltes Management sind entscheidend. Dies beinhaltet sowohl nichtmedikamentöse Massnahmen als auch eine sorgfältige medikamentöse Einstellung. Hausärzt/-innen spielen eine Schlüsselrolle in der Versorgung und sollten eng mit Nephrolog/-innen zusammenarbeiten, um die Progression der Erkrankung zu verlangsamen, das kardiovaskuläre Risiko zu senken, Komplikationen zu verhindern und damit die Lebensqualität der betroffenen Patient/-innen zu erhalten.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Nicola Bortel

Institut für Nephrologie und Dialyse
Kantonsspital Baden
Im Ergel 1
5404 Baden

PD Dr. med. Harald Seeger

Institut für Nephrologie und Dialyse
Kantonsspital Baden
Im Ergel 1
5404 Baden

Harald Seeger: Vortrags-und Beratungstätigkeit für AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, CSL Vifor, Medice und Novo Nordisk.

  • CKD ist eine hƤufige, meist asymptomatische Erkrankung mit hohem kardiovaskulƤren Risiko.
  • Die Früherkennung durch Screening bei Risikogruppen ist essenziell.
  • Die Behandlung zielt auf Progressionsverlangsamung und Risikoreduktion ab und kombiniert nichtmedikamentƶse und medikamentƶse Massnahmen.
  • RegelmƤssiges Monitoring und Anpassung der Medikation sind notwendig.
  • Zusammenarbeit mit der Nephrologie verbessert die Patient/-innenversorgung.

Auf Anfrage bei den Autoren

PAVK, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronisch-venƶse Insuffizienz

Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) und die chronisch venöse Insuffizienz (CVI) werden im klinischen Alltag oft als unterschiedliche Entitäten betrachtet. Chronisch venöse Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben gemeinsame Risikofaktoren und eine gemeinsame Pathophysiologie. Studien konnten zeigen, dass häufig eine Koexistenz beider Krankheitsbilder vorhanden ist, die sich gegenseitig beeinflussen. Dieser Artikel soll eine Übersicht verschaffen über die epidemiologische Koexistenz, die pathophysiologischen Interaktionen sowie die therapeutischen Herausforderungen im klinischen Alltag.

Cardiovascular diseases such as peripheral arterial disease (PAD) and chronic venous insufficiency (CVI) are often regarded as distinct entities in clinical practice. However, chronic venous disorders and cardiovascular diseases share common risk factors and pathophysiological mechanisms. Studies have demonstrated that the coexistence of both conditions is frequent and that they can mutually influence each other. This article aims to provide an overview of the epidemiological coexistence, pathophysiological interactions, and therapeutic challenges in clinical practice.
Keywords: PAVK, CVI, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, KomorbiditƤt, Gesamtsterblichkeit

Epidemiologie und Relevanz der KomorbiditƤt im klinischen Alltag

Die PAVK manifestiert sich hƤufig im Rahmen einer systemischen Arteriosklerose und betrifft in Europa ca. 15–20 % der über 65-JƤhrigen (1). KardiovaskulƤre Erkrankungen wie die zerebrovaskulƤre Verschlusskrankheit und die koronare Herzkrankheit sind hƤufige KomorbiditƤten bei der PAVK und führen zu einer deutlich erhƶhten MortalitƤt. Als kardiovaskulƤre Risikofaktoren gelten die positive Familienanamnese, Bewegungsmangel, Nikotin, Diabetes mellitus, Adipositas, arterielle Hypertonie und DyslipidƤmie.

Die CVI hat eine PrƤvalenz von 30–40 % in der erwachsenen Bevƶlkerung, wobei mit zunehmendem Alter und Adipositas die PrƤvalenz der schweren FƤlle zunimmt (2, 4). Als rein venƶse Erkrankung wird die CVI im klinischen Alltag hƤufig als alleinstehende EntitƤt betrachtet.
Obwohl die PAVK und CVI unterschiedliche GefƤsssysteme betreffen, zeigen Studien, dass eine CVI das Risiko für Arteriosklerose und kardiovaskulƤre Ereignisse erhƶht (3, 4). In einer grossen Untersuchung von Prochaska et al. wurde bei 12ā€˜423 Teilnehmern der bevƶlkerungsbasierten Kohortenstudie zwischen 40 und 80 Jahren nachgewiesen, dass das Risiko, in den nƤchsten 10 Jahren an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern zu erkranken, bei Patienten mit einer chronisch venƶsen Insuffizienz doppelt so hoch ist wie bei Patienten ohne CVI (4). In einer weiteren Untersuchung mit PAVK-Patienten konnte eine gleichzeitige PrƤvalenz einer CVI von 21 % nachgewiesen werden (5).

Pathophysiologie, Risikofaktoren

Die Pathophysiologie beider Erkrankungen ist zwar im Wesentlichen unterschiedlich, da die PAVK auf arteriosklerotischen Veränderungen der Arterien beruht, während die Ursache der CVI auf eine venöse Hypertension bei Venenklappeninsuffizienz oder auf eine funktionelle venöse Insuffizienz bei intakten Venenklappen zurückgeführt werden kann.

Sie teilen jedoch gemeinsame Risikofaktoren und Schnittstellen in der Pathophysiologie (Abb. 1). Gemeinsame Risikofaktoren wie Adipositas, arterielle Hypertonie, Nikotin, Diabetes mellitus und Alter spielen eine zentrale Rolle bei der Ausbildung beider Erkrankungen. In einer Studie von Rabe et al. (2) konnte gezeigt werden, dass 37 % der Patienten mit chronischen Venenerkrankungen eine arterielle Hypertonie und 12 % einen Diabetes mellitus haben (Tab. 1).

Auf pathophysiologischer Ebene findet man als Gemeinsamkeit der Erkrankungen die endotheliale Dysfunktion, Inflammation und Thromboseneigung. Eine chronisch venöse Stauung bewirkt über eine Endothelaktivierung eine Mikroangiopathie und lokale Hypoxie (6), die durch eine arterielle Minderperfusion noch verstärkt wird. Bei einer fortgeschrittenen CVI kommt es zu einer erhöhten Kapillarpermeabilität und fibrinogener Exsudation in das Interstitium, so dass die Diffusion von Sauerstoff und Nährstoffen beeinträchtigt wird und dadurch die Ischämietoleranz im Gewebe sinkt. Durch eine gleichzeitig vorhandene PAVK potenziert sich die Hypoxie.

Eine relevante PAVK wird bei ca. 10–15 % der Patienten mit schwerer CVI übersehen, da die venƶsen Beschwerden die arterielle Symptomatik überlappen kƶnnen. Das führt dazu, dass die Symptome einer falschen Ƅtiologie zugeordnet werden, was die adƤquate Versorgung des Patienten verzƶgert. Eine eingeschrƤnkte arterielle Perfusion kann wie die CVI zu trophischen Stƶrungen wie Ulzerationen führen und diese bei bestehender CVI noch verschlechtern. Ɩdeme kƶnnen wiederum die arterielle Perfusion kompromittieren und ebenfalls zu einer eingeschrƤnkten Wundheilung von Ulzera führen.

Die Kombination aus PAVK und CVI bleibt im klinischen Alltag oft unterdiagnostiziert. Dabei treten beide Erkrankungen häufig zusammen auf und sind prognostisch relevant. Eine Komorbidität mit der PAVK führt ausserdem zu einem höheren Risiko für Ulzerationen, schlechte Wundheilung und eingeschränkte Mobilität.

Diagnostische und therapeutische Herausforderungen

Das gleichzeitige Auftreten einer PAVK und CVI kann im klinischen Alltag die Diagnosestellung erschweren, insbesondere da Ƥhnliche Symptome sowie Ulzerationen arteriell, venƶs oder arterio-venƶs auftreten kƶnnen. Die parallele Diagnostik der arteriellen und venƶsen Strombahn ist klinisch anspruchsvoll.

Die PAVK-Diagnostik in der hausƤrztlichen Praxis orientiert sich an der Anamnese (kardiovaskulƤre Risikofaktoren, typische Claudicatio), der klinischen Untersuchung und dem Knƶchel-Arm-Index (ABI). Die Einteilung der PAVK erfolgt in den Stadien I–IV nach Fontaine, um den Schweregrad der Erkrankung anhand der klinischen Symptome zuzuordnen. Die ABI-Messung zur AbschƤtzung einer mƶglichen PAVK kann durch Symptome der CVI wie Ɩdemen und Ulzerationen an den unteren ExtremitƤten nur erschwert durchgeführt werden. Da viele dieser Patienten auch einen Diabetes mellitus haben, kƶnnen die Arterien im Knƶchelbereich bei einer Mediasklerose oftmals nicht oder nicht mehr vollstƤndig komprimiert werden, so dass es zu falsch hohen Messwerten kommt. Der ABI-Wert kann so nicht mehr für die Diagnostik herangezogen werden. Auch bei Patienten mit gut kollateralisierten, chronischen arteriellen Verschlüssen, kann die Diagnose einer PAVK aufgrund einer alleinigen ABI-Messung verpasst werden, da diese Patienten auch normale Druckwerte aufweisen kƶnnen. In diesen Situationen ist die Durchführung einer Duplexsonographie sinnvoll.

Die CVI-Diagnostik erfolgt in der hausƤrztlichen Praxis primƤr durch die Anamnese und klinische Untersuchung. Die chronisch venƶse Insuffizienz ist eine klinische Diagnose mit Nachweis einer Corona phlebectatica paraplantaris. ZusƤtzlich kann es zur Ausbildung von Varizen, Ɩdemen, Ulzerationen, Hyperpigmentationen sowie Zeichen einer Stauungsdermatitis kommen. Im klinischen Alltag wird die CVI im Rahmen der CEAP-Klassifizierung (C0–C6) eingeteilt oder in die Ƥltere, einfachere Klassifikation nach Widmer. Im Rahmen der CEAP-Klassifikation werden die pathophysiologischen Kategorien auf nachweisbare strukturelle VenenklappenverƤnderungen oder postthrombotische VerƤnderungen fokussiert. Aber

nicht jeder Patient mit Zeichen einer chronisch venƶsen Insuffizienz weist sonographisch relevante Klappeninsuffizienzen oder postthrombotische VerƤnderungen auf. Durch Faktoren wie ImmobilitƤt, MuskelschwƤche oder neurologische Erkrankungen kann eine funktionelle venƶse Insuffizienz vorliegen, bei der die muskulƤre Venenpumpe unzureichend arbeitet. In dieser Situation kommt es trotz suffizienter Venenklappen zu einer chronisch venƶsen Hypertonie.

Therapeutisch sind bei der PAVK und CVI verschiedene Massnahmen notwendig. Bei der PAVK steht je nach Stadium eine konservative Behandlung im Vordergrund mit Elimination der kardiovaskulären Risikofaktoren, strukturiertem Gehtraining und einer medikamentösen Therapie mit Statinen und eventuell weiteren cholesterinsenkenden Substanzen (LDL-Ziel: <1,4mmol/l) und einem Thrombozytenaggregationshemmer. In weiter fortgeschrittenen Stadien stehen bei entsprechender Symptomatik revaskularisierende Massnahmen zur Verfügung.

Bei der CVI steht die Kompressionstherapie im Vordergrund, mittels Kompressionsverbänden oder -strümpfen der Klasse 2. Ausserdem stehen venotonische Medikamente zur Verfügung sowie interventionelle Verfahren zur Varizensanierung wie die Thermoablation und das klassische Varizenstripping.

Die Herausforderung liegt im Management der Behandlung der chronisch venƶsen Insuffizienz bei gleichzeitig vorhandener PAVK, da eine Kompressionstherapie bei einem ABI unter 0.5 kontraindiziert ist. Bei einem ABI von 0.5–0.8 besteht eine relative Kontraindikation, eine Kompressionstherapie sollte dann nur unter strenger Indikationsstellung und Monitoring stattfinden. Daher ist eine genaue Standortbestimmung mittels nicht-invasiver Messmethoden und Duplexsonographie der arteriellen Strombahn notwendig, bevor eine Kompressionstherapie durchgeführt werden darf. Mittels farbkodierter Duplexsonographie kann eine simultane Beurteilung des arteriellen und venƶsen GefƤsssystems erfolgen.

Klinische Relevanz

Die PAVK und die CVI sind Ausdruck einer systemischen vaskulƤren Dysfunktion, insbesondere bei Ƥlteren Patienten oder solchen mit multiplen kardiovaskulƤren Risikofaktoren. Es konnte gezeigt werden, dass die CVI das Risiko für Arteriosklerose und kardiovaskulƤre Ereignisse erhƶht. Im klinischen Alltag wird die Koexistenz von PAVK, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronisch venƶser Insuffizienz hƤufig unterschƤtzt. Folge davon ist, dass die kardiovaskulƤre Risikokonstellation von CVI-Patienten leicht übersehen werden kann. Eine weitere Folge sind inadƤquate Therapien, insbesondere die unkritische Verordnung einer Kompressionstherapie bei fortgeschrittener PAVK, die zu ischƤmischen Ereignissen führen kann. Auch für die Bewertung von Ulzerationen ist eine Standortbestimmung beider GefƤsssysteme essentiell, da diese je nach Ƅtiologie arteriell, venƶs oder arterio-venƶs auftreten kƶnnen und jeweils einer anderen Therapie bedürfen.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Silviana Spring

Innere Medizin und Angiologie FMH
Rƶmerhofplatz 5
8032 Zürich

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • PAVK, kardiovaskulƤre Erkrankungen und CVI treten hƤufig zusammen auf und teilen sich die typischen kardiovaskulƤren Risikofaktoren.
  • Die hƤufige chronisch venƶse Insuffizienz sollte als Indikator für eine kardiovaskulƤre Erkrankung in ErwƤgung gezogen werden.
  • Eine arterio-venƶse Erkrankung ist mit einer erhƶhten MorbiditƤt und einer eingeschrƤnkten LebensqualitƤt assoziiert. Die Patienten haben eine signifikant schlechtere Prognose hinsichtlich kardiovaskulƤrer Ereignisse, Ulcusheilung, MobilitƤt und Gesamtsterblichkeit.
  • Eine unerkannte KomorbiditƤt kann zu Komplikationen und FehleinschƤtzungen führen.
  • Eine differenzierte Diagnostik beider GefƤsssysteme ist essentiell für eine optimale Patientenversorgung.
  • Eine Kompressionstherapie ist bei schwerer PAVK kontraindiziert ohne vorherige AbklƤrung der arteriellen Strombahn.

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Polyzystische Erkrankungen des Pankreas

Aufgrund verbesserter Diagnostik stellen Polyzystische Erkrankungen des Pankreas eine zunehmend häufiger diagnostizierte Entität dar. Die Bandbreite reicht von benignen Pseudozysten über prämaligne Läsionen wie intraduktal papilläre muzinöse Neoplasien (IPMN) bis hin zu potenziell malignen Neoplasien wie der muzinösen zystischen Neoplasie (MCN) oder der solid-pseudopapillären Neoplasie (SPN). Die Magnetresonanz-Cholangiopankreatikographie (MRCP) gilt neben endoskopischen Verfahren, Blutuntersuchungen und genetischen Analysen als Goldstandard in der Diagnostik. Der Therapieentscheid basiert auf Malignitätsrisiken, klinischer Symptomatik sowie morphologischen Merkmalen und bedingt meist die Resektion oder Überwachung. Die Betreuung dieser Patient/-innen gehört in spezialisierte Referenzzentren.

Due to improved diagnostic techniques, polycystic diseases of the pancreas are being diagnosed with increasing frequency. The spectrum ranges from benign pseudocysts to premalignant lesions such as intraductal papillary mucinous neoplasms (IPMN), and potentially malignant neoplasms like mucinous cystic neoplasms (MCN) or solid pseudopapillary neoplasms (SPN). Magnetic resonance cholangiopancreatography (MRCP), along with endoscopic procedures, blood tests, and genetic analyses, is considered the gold standard in diagnostics. Therapeutic decisions are based on malignancy risk, clinical symptoms, and morphological features, and typically involve either surgical resection or surveillance. The management of these patients should take place in specialized centers.
Keywords: PCL, IPMN, MCN, Pseudozysten, Pankreas

Einleitung

Die Inzidenz der diagnostizierten polyzystischen Erkrankungen des Pankreas hat in den letzten Jahren aufgrund der verbesserten und gehƤuften Diagnostik (insbesondere Sonographie- und CT-Untersuchung) stark zugenommen (1). So wird zwar in der Literatur zwischen sehr niedrigen bis relativ hohen Inzidenzen (0.2–44%) von zystischen LƤsionen des Pankreas berichtet, durch den jedoch immer breiteren Einsatz von Magnetresonanztomographien (MRT) steigt die Inzidenz zusƤtzlich (1). Es sollte bei allen Patient/-innen eine sorgfƤltige Diagnostik durch Spezialist/-innen durchgeführt werden, da es eine grosse Bandbreite zwischen benignen, prƤmalignen und malignen zystischen LƤsionen gibt (2). Durch eine sorgfƤltige und fachgerechte initiale AbklƤrung kann ein individueller Überwachungs- und/oder Behandlungsplan mit den Patient/-innen ausgearbeitet werden.

Die wichtigsten zu kennenden polyzystischen Erkrankungen des Pankreas, ihre Diagnostik und Therapie werden in den folgenden Zeilen nƤher erlƤutert.

EntitƤten

Die mit Abstand hƤufigste und zum Glück meist harmlose zystische Erkrankung des Pankreas ist die als Folge einer akuten Entzündung entstandene Pseudozyste. Sie macht ungefƤhr 75 % aller zystischen LƤsionen des Pankreas (PCL) aus (3). Einer der Schwerpunkte eines Pankreaszentrums besteht heute in der AbklƤrung und Beurteilung zystischer Tumore der Bauchspeicheldrüse, die mit unterschiedlichen PrƤvalenzen in vier Typen aufgeteilt werden. Die intraduktal papillƤre muzinƶse Neoplasie (IPMN), die serƶs zystische Neoplasie (SCN), die muzinƶs zystische Neoplasie (MCN) und die solid pseudopapillƤre Neoplasie (SPN) (4).

Als seltene Differentialdiagnose, vor allem bei multifokalen zystischen Pankreaspathologien, muss zudem eine zystische neuroendokrine Neoplasie zum Beispiel im Rahmen eines MEN-Syndroms im Hinterkopf behalten werden (5).

Pseudozysten

Pseudozysten entstehen als Folge einer Pankreatitis und kƶnnen definitionsgemƤss frühestens 4 Wochen nach einer akuten Entzündung des Pankreas als solche klassifiziert werden. Sie sind gewƶhnlich peripankreatisch lokalisiert und bestehen aus einer soliden entzündlichen Wand und Flüssigkeit unterschiedlicher Dichte. Solide Anteile kƶnnen Nekrosen entsprechen, die ein hƶheres Komplikationsrisiko mit sich bringen und deshalb engmaschiger überwacht werden müssen. Die enthaltene Flüssigkeit innerhalb der Zyste hat einen hohen Gehalt an PankreasĀ­enzymen und entsteht als Folge der Ruptur eines Pankreasganges im Rahmen der akuten meist schweren Entzündung mit zumindest lokalisierter Nekrose eines Nebenganges erster oder zweiter Ordnung (6). Obwohl mittels Sonographie und Computertomographie eine Pseudozyste diagnostiziert werden kann, gilt die Magnetresonanztomographie (MRCP) als Goldstandard (7). Bei der MRCP helfen insbesondere die T2-haste Sequenzen das pankreatobiliƤre System darzustellen und die Pseudozysten zu diagnostizieren (8). Sofern bei den Patient/-innen keine Beschwerden (Schmerzen, Druck, postprandiale Schmerzen, Fieber etc.) und keine Komplikationen wie Ruptur, HƤmorrhagie, Infektion oder Obstruktion gastrointestinaler oder vaskulƤrer Strukturen bestehen oder drohen zu entstehen, so gilt es keine Massnahme zu verfolgen (9, 10). Im Falle von Symptomen oder (drohenden) Komplikationen kommt es in der Regel zur endoskopischen (transgastrisch, transduodenal) perkutanen oder operativen Drainageneinlage (11), zur konservativen Behandlung (supportive care) (9) oder, wenn auch heute eher seltener, zur Operation. Im Falle einer Operation gibt es verschiedene Mƶglichkeiten die Zyste zu entlasten (Abb. 1). Dazu gehƶrt einerseits die meist minimal invasiv operativ durchgeführte Draineinlage oder die Durchführung einer inneren Stomie/Verbindung, welche in der Regel über den Magen (Gastrozystostomie) oder den Dünndarm (Enterozystostomie) geschieht (10, 12). Gleichzeitig sollte die in der Regel ursƤchliche Gewebsnekrose mƶglichst vollstƤndig entfernt werden (Nekrosektomie) (13).

Intraduktal papillƤre muzinƶse Neoplasie (IPMN)

Die IPMNs treten neben den Pseudozysten am hƤufigsten auf und müssen als prƤmaligne LƤsionen angesehen werden. Es sind schleimbildende zystische Tumore, welche aufgrund ihres Bezugs zum Pankreasgangsystem in Hauptgangs- (MD-), Nebengangs- (BD-) und Mixed-type-IPMNs unterteilt werden (14). Die Inzidenz betrƤgt bei uns ungefƤhr 2.6 % und sie werden, weil zu 80 % asymptomatisch, meist zufƤllig diagnostiziert. In rund 80 % der FƤlle handelt es sich um BD-IPMNs (15, 16) (Abb. 2) . Die morphologischen Subtypen der IPMNs sind der gastrische, intestinale, pankreatobiliƤre und onkozytƤre Typ und sie werden zusƤtzlich zwischen low-grade dysplastischen, high-grade dysplastischen und karzinomatƶs entarteten EntitƤten unterschieden (17-20). Dabei hat der pankreatobiliƤre Typ die grƶsste Wahrscheinlichkeit für eine maligne Entartung (18).

Nach einer obligaten MRCP wird oft zusätzlich eine Gastroduodenoskopie mit Endosonographie durchgeführt. Bei grosser Expertise des Untersuchers/Untersucherin kann eine EUS-gezielte Biopsie mit Gewebe-/Flüssigkeitsgewinnung erfolgen. Sie gibt bei genügendem Material Aufschluss über die genaue Entität sowie das Genmutationsmuster, was uns hilft, den Patient/-innen individuelle Therapie- und Überwachungspläne vorzuschlagen.

Dies ist eine alltägliche Herausforderung bei Patienten mit IPMNs, da vor allem bei betagten Menschen je nach biologischem/chronologischem Alter zusätzlich medizinische, sozioökonomische und ethische Faktoren in der Surveillance berücksichtigt werden müssen.

Verschiedene Guidelines helfen bei der Orientierung (14, 21, 22). Die bekannteste ist die erst kürzlich revidierte Fukuoka-Guideline, welche nun als Kyoto-Guideline bezeichnet wird. Als Hilfestellung kommen hierbei die sogenannten «high-risk-stigmata» (HRS) und «worrisome features» (WF) zum Zug. Hierbei werden radiologische Zeichen, welche in der Dysplasie- und Karzinomentwicklung typisch sind, als auch demographische Angaben der Patient/-innen beurteilt. Zu den Risikoformationen gehören beispielsweise Gangdilatationen (MPD >5mm), murale Knoten, Pankreatitiden, erhöhte Tumormarker (CA19-9) oder eine verdickte und meist auch unregelmässige Zystenwand. Auf der Basis dieser Erkenntnisse wird anschliessend ein Beobachtungsalgorithmus und/oder Behandlungsplan erstellt.

Durch die immer breitere Anwendung des Next Generation Sequencing (NGS) kƶnnen durch Gewebe- und/oder Flüssigkeitsgewinnung die IPMNs genauer differenziert werden. In verschiedenen Studien konnte somit gezeigt werden, dass Mutationen in den Genen KRAS oder GNAS früh in der Dysplasie – Karzinom Entwicklung auftreten kƶnnen und sich über die Zeit Mutationen in TP53, TP16/CDKN2 oder SMAD4 dazugesellen, die dann bei high-grade Dysplasien oder invasiven Karzinomen typischerweise vorkommen (23).

GrundsƤtzlich liegt das maligne Transformationspotenzial bei MD-IPMNs (40-60 %) deutlich über demjenigen von BD-IPMNs (19-30 %) und muss aufgrund dessen bereits dadurch entsprechend unterschiedlich überwacht werden. Eine in der jüngsten Vergangenheit neue Betrachtung sind die IPMNs aus dem Pankreasgang des Processus uncinatus. Es wird darüber diskutiert, diese aufgrund ihres Ursprungs (dorsale Anlage) nicht als BD sondern als MD oder zumindest als zusƤtzlicher Risikofaktor anzusehen (24).

Das Ziel einer Surveillance muss sein, die Patient/-innen nicht zu früh, aber dennoch im prƤmalignen Stadium zu operieren. Aus IPMN entstandene Adenokarzinome des Pankreas weisen die gleich triste Prognose auf wie die «üblichenĀ» Bauchspeicheldrüsenkrebse, sind zu 80% fernmetastasiert und kurativ behandelbare Patienten werden multimodal onkologisch und chirurgisch therapiert. Der Aufwand und insbesondere die Belastung perioperativ und in der Erholungsphase ist für den Patienten bei einer Operationsindikation bei einem IPMN-Dysplasiestadium unvergleichlich geringer. Pankreatektomien kƶnnen limitiert werden, lokale Resektionen oder Enukleationen sind Optionen. Das perationstrauma und –ausmass ist deutlich reduziert und entsprechend kann die LebensqualitƤt gesteigert werden (25). In vereinzelt kleineren Studien sind auch minimal invasivere Therapiemethoden wie beispielsweise endoskopisch gesteuerte Radiofrequenzablationen (RFA) oder Kryoablationen mit Überlebensvorteil und LebensqualitƤtsverbesserung beschrieben. Dies sollte jedoch nur bei Patient/-innen angewendet werden, die kontraindiziert für eine Resektion sind (26, 27).

Serƶs zystische Neoplasie (SCN)

Die serƶsen Zystadenome werden gehƤuft bei Frauen im 60. Lebensjahrzehnt diagnostiziert (28). Nicht selten ist zudem bei Patienten mit einem von-Hippel-Lindau Syndrom (VHL) ein SCN zu finden. Die SCN kƶnnen grob in mikrozystische, makrozystische, mixed type und solide Typen unterschieden werden, wobei die mikrozystische Variante am hƤufigsten vorkommt (28). In der BildĀ­gebung stellen sie sich je nach Variante als ein Zystenkonglomerat mit vielen kleinen und dünnwandigen ZystenwƤnden dar (Abb. 3). In bis zu 30 % kann in der Computertomographie eine Verkalkung gesehen werden. Charakteristisch ist eine zentrale Narbe. Bei SCN kommt es in der Regel eher selten zu einer Gangdilatation oder zur Parenchymatrophie (29). Analog zum IPMN wird die SCN in der Regel mittels MRCP, CT und/oder Endosonographie diagnostiziert. Im Vergleich zu den IPMNs ist per Definition kein Verbindungsgang zum Pankreashauptgang zu finden. Durch eine Flüssigkeitsanalyse mittels einer Feinnadelaspiration (FNA) kƶnnen verschiedene Marker wie Carcinoembryonic antigen (CEA), Amylase oder Glucose bestimmt und so Ausschlussdiagnosen gestellt werden. Typischerweise ist bei der SCN die Amylase und das CEA tief.

Maligne Transformationen bei SCNs wurden bis anhin nur in vereinzelten case studies beschrieben, kommen aber vor und das Risiko wurde auf Grund einer Literaturanalyse in den Bereich 2–3 % beziffert (30). Dadurch sind sie in der Regel nur bei Symptomen (ca. 20–30 %), einer Grƶsse >4cm oder bei (drohenden) Komplikationen zu entfernen (31, 32).

Muzinƶs zystische Neoplasie (MCN)

Die muzinƶs zystische Neoplasie bildet wie es der Name impliziert Schleim und ist somit den IPMNs sehr Ƥhnlich. MCNs bestehen aus einem Ovar-Ƥhnlichen Stroma und kommen beinahe nur bei Frauen vor. GehƤuft tritt sie im Alter zwischen 40–60 Jahren auf und befindet sich in der Regel im Pankreaskorpus oder -schwanz (33). Die MCN kƶnnen groteske Grƶssen annehmen und kƶnnen somit gemƤss Literatur und in der eigenen Erfahrung über 30cm gross werden. Im Vergleich zu den IPMNs besitzen die MCNs wie auch die SCN’s keine Verbindung zum Pankreasgang. Somit kann auch keine erhƶhte Konzentration an Lipase und Amylase in einer FNA-Probe aus der Zystenflüssigkeit beobachtet werden (33). Zur StandardabklƤrung gehƶrt jedoch wie praktisch immer bei zystischen Tumoren des Pankreas die Durchführung einer MRCP, Laborkontrollen (insbesondere CEA und CA19-9) und gegebenenfalls eine Endosonographie (33, 34). Aufgrund des Risikos einer malignen Entartung wird die Indikation zur Resektion im Vergleich zur SCN grosszügiger gestellt. Die in der Literatur jedoch berichtete MalignitƤtsrate liegt klar tiefer als die der IPMNs (35). Als grober Cut-off für eine Resektion gilt der Durchmesser von >4cm. Ab dieser Grƶsse steigt das Entartungs- und Rupturrisiko klar. ZusƤtzlich muss bedacht werden, dass es bei Frauen im gebƤrfƤhigen Alter im Rahmen einer Schwangerschaft zur Grƶssenprogredienz kommen kann (33, 36) (Abb.4).

Solid pseudopapilläre Neoplasie (früher Frantz-Tumor)

Die Eigenheit dieser seltensten zystischen Neoplasie des Pankreas ist, dass die Pathogenese bis heute unklar ist. Sie machen ungefƤhr 2 % aller Pankreastumoren aus und zeigen grƶsstenteils eine low-grade Dysplasie mit langsamer Progredienz (37). Sie kƶnnen allerdings metastasieren – dann typischerweise in die Leber. Ein hauptsƤchliches Vorkommen bei jüngerem weiblichen Geschlecht legt jedoch nahe, dass chromosomale und karyotypische Faktoren eine entscheidende Rolle in der Entwicklung dieser Neoplasie spielen (38, 39).

Histopathologisch zeigen sich SPNs in der Regel als solid und gut definiert, mit entsprechend verschiedenen hƤmorrhagischen, nekrotischen und pseudozystischen Anteilen (40) (Abb. 5).

Diagnostiziert werden SPNs in der Regel mittels CT und MRI. Dort sieht man typischerweise einen Tumor mit zystischen und soliden Anteilen mit klarer Abkapselung. Kalzifikationen im Randbereich können auftreten (41). Zur Bestätigung der Diagnose erfolgt anschliessend eine Endosonographie mit einer FNA (42). SPNs können die ganze Drüse befallen, werden jedoch hauptsächlich im Körper- oder Schwanzbereich vorgefunden. Vereinzelt sind auch extrapankreatische SPNs in der Literatur beschrieben (43). Die Therapie der Wahl ist die minimal invasive (laparoskopisch, Roboter-assistiert) Resektion. Obwohl ein Lymphknotenbefall selten ist, gibt es in der Literatur Hinweise dafür, dass es zu einem lymphatischen Rezidiv kommen kann, auch wenn initial keiner beschrieben wurde (44). Auch im metastasierten Stadium ist eine Resektion des Primärtumors mit, sofern möglicher, synchroner Resektion der Metastasen indiziert (45).

Artificial intelligence in der Radiologie

Der technologische Fortschritt macht logischerweise auch vor der Medizin nicht Halt und so kommen neuartige Hilfsmittel immer mehr zum Einsatz. Ein Beispiel dabei ist auch die Künstliche Intelligenz (AI). So konnte bereits in Studien aus dem Jahr 2001 gezeigt werden, dass AI eine bessere Sensitivität und Spezifität in der Unterscheidung zwischen fokaler benigner Pankreatitis und Malignität im Gegensatz zu erfahrenen Endoskopierern aufweist. Auch in der Risikostratifizierung von IPMNs zeigte AI deutlich bessere und verlässlichere Aussagen als Endoskopiererinnen und Endoskopierer. Analog zu der AI bei der Endosonografie kommen bei MRI- und CT- Untersuchungen sogenannte Radiomics zum Einsatz. In der Zukunft wird vermutlich aus den verfügbaren Daten eines Patienten mit Hilfe von Machine learning Algorithmen eine Diagnose und darauf aufbauend ein Behandlungsplan erstellt und somit Guidelines entsprechend ergänzt (46).

Fazit

Polyzystische Erkrankungen des Pankreas umfassen viele verschiedene Entitäten. In diesem Übersichtsartikel sind die wichtigsten beschrieben, die in einer spezialisierten Pankreassprechstunde einen wichtigen Platz einnehmen und wesentliche Ressourcen binden. Die Diagnosen dieser Erkrankungen bedürfen diverser Abklärungen in einem sehr erfahrenen multidisziplinären Team wie Radiolog/-innen, Gastroenterolog/-innen, Genetiker/-innen, Internist/-innen, Onkolog/-innen und Chirurg/-innen. Zusätzlich wird die AI eine zunehmend wichtige Rolle in der Diagnostik und dem Behandlungsalgorithmus spielen und in Zukunft können wir vermutlich anhand von prätherapeutischen Gewebeuntersuchungen das Dysplasiestadium deutlich genauer einteilen. Entscheidend dabei ist allerdings ein sich verantwortlich fühlendes häufig eher kleines Team an Pankreasspezialisten (Aficionados). Nur durch die Erfahrung und der gemeinsamen multidisziplinären Behandlung können diese Patient/-innen fachgerecht beraten, überwacht und therapiert werden. Wenn immer eine zystische Erkrankung diagnostiziert wurde, so ist dieser Patient oder diese Patientin in ein Referenzzentrum zuzuweisen.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Kaspar Z’graggen

Chefarzt Pankreas Klinik Schwei
Pankreas Klinik Schweiz
& Berner Viszeral Chirurgie,
SchƤnzlihalde 1
3013 Bern

Dipl. med. Janosch KrƤnzle

Assitenzarzt Chirurgie
Pankreas Klinik Schweiz
& Berner Viszeral Chirurgie,
SchƤnzlihalde 1
3013 Bern

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die hƤufigste zystische Erkrankung des Pankreas ist die Pseudozyste, gefolgt von den IPMNs.
  • Bei einer polyzystischen Erkrankung des Pankreas sollte in der Regel immer ein MRCP durchgeführt werden.
  • Nicht selten bedürfen polyzystische Erkrankungen keiner weiteren Therapie und kƶnnen überwacht werden. Je nach MalignitƤtspotenzial, Symptomen oder Komplikationsrisiken sollte jedoch früh genug therapiert werden.
  • Die AbklƤrung und Behandlung einer polyzystischen Erkrankung des Pankreas gehƶrt durch ein interdisziplinƤres Team in einem spezialisierten Referenzzentrum durchgeführt.

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GLP-1-Rezeptoragonisten: Zwischen Gewichtsverlust und Sarkopenierisiko

Glucagon-like Peptide-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) sind etablierte Wirkstoffe in der Therapie von Diabetes mellitus Typ 2 und gewinnen in der Adipositastherapie zunehmend an Bedeutung. Sie wirken sich nicht nur positiv auf die Gewichtsreduktion, sondern auch auf weitere adipositasassoziierte Erkrankungen aus. Jedoch kann der Einsatz von GLP-1-RA, insbesondere bei älteren Patient/-innen, das Sarkopenierisiko erhöhen. Da die Muskulatur sowohl essenzielle funktionelle als auch metabolische Funktionen erfüllt, ist der Erhalt von Muskelkraft, -masse und -funktion entscheidend. Ein frühzeitiges Assessment von Muskelgesundheit und Ernährungsstatus ist daher zentral. Die medikamentöse Therapie mit GLP-1-RA sollte individualisiert und interdisziplinär in Kombination mit Ernährungs- und Bewegungstherapie erfolgen, um Fettmasse zu reduzieren, die Muskelgesundheit zu erhalten und das Risiko einer sarkopenen Adipositas zu minimieren.

Glucagon-like peptide-1 receptor agonists (GLP-1-RA) are established agents in the treatment of diabetes mellitus type 2 and are becoming increasingly important in obesity therapy. They have beneficial effects not only on weight reduction but also on other obesity-associated comorbidities. However, the use of GLP-1-RA, especially in older patients, may increase the risk of sarcopenia. Since the skeletal muscle plays both essential functional and metabolic roles, preserving muscle strength, mass and function is critical. Early assessment of muscle health and nutritional status is therefore essential. Pharmacological therapy with GLP-1-RA should be individualized and implemented in an interdisciplinary approach, combined with nutritional and exercise interventions, to reduce fat mass, preserve muscle health and minimize the risk of sarcopenic obesity.
Keywords: GLP1 receptor agonists, diabetes mellitus, malnutrition, sarcopenia, sarcopenic obesity

Von der Blutzuckerkontrolle zur GewichtsĀ­reduktion – Potenzial der GLP-1-RA

Neue Einsatzgebiete von GLP-1-Rezeptoragonisten

Glucagon-like Peptide-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) sind bei Patient/-innen mit Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM) bereits ein etablierter Bestandteil der Therapie, insbesondere wenn gleichzeitig eine Gewichtsreduktion angestrebt wird (1). Mit der Zulassung der GLP-1-RA zur Behandlung von Adipositas hat deren Einsatz als Teil der multimodalen Therapie zur Gewichtsreduktion weiter an Bedeutung gewonnen. Aktuell sind in der Schweiz Semaglutid (WegovyĀ®) mit Vergütung aus der Grundversicherung bei entsprechender Indikation und der duale Rezeptoragonist Tirzepatid (MounjaroĀ®) ohne Kostendeckung durch die Krankenkasse zur Adipositastherapie zugelassen. Neben der Gewichtsreduktion und Verbesserung der glykƤmischen Kontrolle zeigen GLP-1-RA positive Effekte auf adipositasassoziierte KomorbiditƤten (z. B. Hypertonie, Herzinsuffizienz, metabolische Dysfunktions-assoziierte steatotische Lebererkrankung) und sind mit einer Reduktion kardiovaskulƤrer Ereignisse und der GesamtmortalitƤt assoziiert (2–5). Im Rahmen der Gewichtsreduktion besteht jedoch das Risiko, nicht nur Fettmasse zu verlieren, sondern potenziell wertvolle Muskelmasse abzubauen – ein Aspekt, der insbesondere bei Ƥlteren Patient/-innen nachteilig ist, da hierdurch das Risiko für funktionelle EinschrƤnkungen und für die Entwicklung einer Sarkopenie deutlich erhƶht ist (Abb. 1) (6). Vor diesem Hintergrund rückt das Krankheitsbild der sarkopenen Adipositas – das gleichzeitige Vorliegen von Adipositas und Sarkopenie – zunehmend in den Fokus der Forschung.

Wirkung GLP-1-RA

GLP-1-RA sind synthetische Polypeptide, die die Wirkung des körpereigenen GLP-1 imitieren, indem sie an GLP-1-Rezeptoren in Organen wie u. a. Pankreas, Lunge, ZNS und Gastrointestinaltrakt binden (7). Der duale Agonist Tirzepatid wirkt zusätzlich am Glucose-dependent insulinotropic polypeptide (GIP)-Rezeptor. Die glukose- und gewichtsmodulierende Wirkung der GLP-1-RA beruht auf mehreren synergetischen Mechanismen. Zum einen inhibieren sie die Glukagonsekretion aus den α-Zellen des Pankreas und damit die hepatische Glukoneogenese. Zum anderen fördern sie die glukoseabhängige Insulinsekretion aus den β-Zellen, verbessern die Insulinresistenz und senken den HbA1c-Wert signifikant (8). Durch die Expression von GLP-1-Rezeptoren in verschiedenen Regionen des ZNS, u. a. im Hypothalamus, beeinflussen GLP-1-RA das zentrale Sättigungs- und Belohnungssystem. Dies führt zu einem gesteigerten Sättigungsempfinden, verminderter und besser kontrollierbarer Nahrungsaufnahme sowie einer Reduktion von Heisshungerattacken (sog. «Cravings») über eine Reduktion der emotionalen Koppelung (9). Begleitend zeigt sich eine Reduktion der Häufigkeit nahrungsassoziierter Gedanken und Impulse («food noise») (10). Darüber hinaus modulieren GLP-1-RA metabolische Signalwege; u. a. kommt es zu einer Umwandlung von viszeralem, weissem Fettgewebe in thermogenes braunes Fettgewebe, was mit einem erhöhten Energieverbrauch assoziiert ist (11). Ein weiterer relevanter Mechanismus ist die Verzögerung der Magenentleerung, wodurch die postprandiale Glukoseabsorption und somit die glykämische Kontrolle verbessert werden. Insgesamt resultieren diese Mechanismen in einer verminderten Nahrungsaufnahme, einem Kaloriendefizit und folglich einer klinisch relevanten Gewichtsreduktion (12).
Die Applikation erfolgt in der Regel einmal wöchentlich subkutan. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und Obstipation. Darüber hinaus besteht ein leicht erhöhtes Risiko für akute Pankreatitis und Cholezystolithiasis (13). Um gastrointestinalen Nebenwirkungen vorzubeugen, wird eine schrittweise Titration der Dosis empfohlen (12).

Die Bedeutung von Mangelernährung, ­Sarkopenie und Muskelgesundheit im ­Rahmen der GLP-1-RA-Behandlung

MangelernƤhrung und Sarkopenie

Mit zunehmendem Alter steigt die PrƤvalenz von MangelernƤhrung, was vor dem Hintergrund der global alternden Bevƶlkerung eine zunehmende Herausforderung darstellt (14).

MangelernƤhrung bei Ƥlteren Patient/-innen resultiert aus einem komplexen Zusammenspiel von krankheitsassoziierten, inflammatorischen, endokrinologischen und sozioƶkonomischen Faktoren. Charakteristisch sind ein verminderter Appetit, eine reduzierte Nahrungsaufnahme, Energie- und NƤhrstoffdefizite, eine gesteigerte Katabolie sowie ein ungewollter Gewichtsverlust (15). Die PrƤvalenz der MangelernƤhrung bei Ƥlteren Patient/-innen variiert stark nach Versorgungssetting: Sie reicht von unter 5 % (selbststƤndig lebend) bis zu 50 % (Pflegeeinrichtungen, SpitƤler) (14, 16). MangelernƤhrung ist zudem ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung der hƤufig gleichzeitig auftretenden Sarkopenie.
GemƤss der European Working Group on Sarcopenia in Older People (EWGSOP2) besteht bei reduzierter Muskelkraft der Verdacht auf Sarkopenie. Die Diagnose erfordert zusƤtzlich eine verminderte Muskelmasse oder -qualitƤt. Eine schwere Sarkopenie liegt bei zusƤtzlich eingeschrƤnkter kƶrperlicher LeistungsfƤhigkeit vor (17). Patient/-innen mit Sarkopenie werden bei gleichzeitig bestehender Adipositas (sarkopene Adipositas) hƤufig nicht adƤquat diagnostiziert, da die vermehrte Fettmasse Defizite im ErnƤhrungs- und Muskelstatus maskieren kann (18, 19).

MangelernƤhrung und Sarkopenie sind sowohl im stationƤren als auch im ambulanten Setting mit ungünstigeren klinischen VerlƤufen sowie einer erhƶhten MorbiditƤt und MortalitƤt assoziiert (20–23). Darüber hinaus steigt das Risiko für Stürze, Infektionen und postoperative Komplikationen, wƤhrend gleichzeitig die kƶrperliche LeistungsfƤhigkeit, SelbststƤndigkeit sowie die LebensqualitƤt abnehmen (23, 24).

Bedeutung der Muskulatur

Die Muskulatur übernimmt zentrale Funktionen für Bewegung, Balance und Stabilität sowie die Unterstützung lebenswichtiger Organprozesse wie Atmung, Kreislauf und Verdauung. Darüber hinaus ist sie an metabolischen Prozessen, der interorganischen Kommunikation sowie an der Regulation des Immunsystems beteiligt (25). Insbesondere im höheren Lebensalter kommt der Skelettmuskulatur eine entscheidende Bedeutung für den Erhalt der funktionellen Kapazität und Selbstständigkeit zu (26). Sie fungiert als Speicher für Aminosäuren (Muskelprotein) und Glukose (Glykogen) und trägt damit wesentlich zur Aufrechterhaltung der Energie- und Nährstoffhomöostase bei (27, 28). Metabolischer Stress, eine unzureichende Energie- bzw. Nährstoffzufuhr sowie altersbedingte Faktoren wie anabole Resistenz, Bewegungsmangel und Muskelabbau fördern bei älteren Patient/-innen eine Dysbalance zwischen Muskelproteinsynthese und -degeneration und begünstigen so die Entstehung von Sarkopenie (17, 29).

Die Skelettmuskulatur spielt zudem eine Schlüsselrolle in der Glukosehomƶostase: Sie ist verantwortlich für etwa 80 % der insulinvermittelten postprandialen Glukoseaufnahme und -verwertung. Damit zƤhlt sie zu den bedeutendsten beeinflussbaren Faktoren im Kontext der Insulinresistenz und stellt ein zentrales therapeutisches Ziel sowohl bei T2DM als auch bei sarkopener Adipositas dar, wobei sich wesentliche pathophysiologische Mechanismen der Krankheitsbilder überschneiden (Abb. 2) (26). Die Insulinresistenz beeintrƤchtigt die Translokation der GLUT4-Transporter zur Zellmembran, wodurch die muskulƤre Glukoseaufnahme limitiert wird. Parallel dazu führt die gestƶrte Aktivierung der insulinabhƤngigen Signaltransduktion – insbesondere der IRS-PI3K-Akt-mTOR-Achse – zur Suppression der Muskelproteinsynthese, wƤhrend katabole Prozesse über den Ubiquitin-Proteasom-Weg verstƤrkt ablaufen (30). Zudem liegt bei der Sarkopenie und Insulinresistenz eine mitochondriale Dysfunktion vor, die sich in einer erhƶhten Bildung reaktiver Sauerstoffspezies, gesteigertem oxidativem Stress und einer eingeschrƤnkten ATP-Synthese Ƥussert (31). Die mit der Insulinresistenz assoziierte gesteigerte Lipolyse und erhƶhte zirkulierende Lipidkonzentrationen fƶrdern eine ektope Fettakkumulation, insbesondere in der Leber und Muskulatur. Dies geht mit der Bildung lipotoxischer Metabolite (z. B. Diacylglycerole, Ceramide) sowie erhƶhten Spiegeln proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α, IL-6 und CRP einher, die katabole Prozesse in der Skelettmuskulatur verstƤrken und gleichzeitig anabole Signalwege hemmen (32, 33).

Assessment der Muskelgesundheit und des ­Ernährungszustandes

Ein frühzeitiges Assessment der Muskelgesundheit und des ErnƤhrungszustandes ist entscheidend, um eine Verschlechterung detektieren und Interventionsmassnahmen initiieren zu kƶnnen. Die Beurteilung der Muskelgesundheit erfordert sowohl die Bestimmung der Muskelmasse als auch die Erfassung der Muskelkraft und -funktion (17). Tab. 1 zeigt die von der EWGSOP2 festgelegten Grenzwerte zur diagnostischen Einordnung der Sarkopenie. Im klinischen Alltag gelten die Dual-Rƶntgen-Absorptiometrie (DXA) und die bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) als bevorzugte Methoden zur Messung der Muskelmasse. Alternativ kƶnnen bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) eingesetzt werden (19). Im ambulanten bzw. hausƤrztlichen Setting kann die Ā­muskulƤre Gesundheit durch einfache kƶrperliche Untersuchungen, wie die Messung des Wadenumfangs in Ā­Kombination mit einer gezielten Anamnese (z. B. Schwierigkeiten beim Laufen, Aufstehen, Stürze), erfasst werden. Zudem kann der SARC-F-Fragebogen (Strength, assistance with walking, rising from a chair, climbing stairs, and falls) als Screening-Instrument eingesetzt werden (34). Zur funktionellen Beurteilung eignen sich die Messung der Gehgeschwindigkeit, der Faustschluss- oder Kniestreckkraft sowie standardisierte Tests wie der Chair-Rise-Test, der 400-Meter-Gehtest oder der Timed-Up-and-Go-Test (17).

Für das Assessment des ErnƤhrungszustandes stehen verschiedene validierte Screening-Tools zur Verfügung, wie z. B. das Nutritional Risk Screening 2002 (NRS) (35) oder die Kurzversion des Mini Nutritional Assessment (MNA-SF) (36), das speziell für geriatrische Patient/-innen validiert wurde. ErgƤnzend dazu hat die Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM) ein zweistufiges Diagnoseschema entwickelt, das an das Screening anschliesst und auch eine verminderte Muskelmasse als zentrales Kriterium erfasst (37).

Verlust der Muskelmasse durch GLP-1-RA

Bei Ƥlteren Patient/-innen geht eine Gewichtsreduktion hƤufig mit einem erhƶhten Verlust von Muskelmasse und damit einem erhƶhten Sarkopenie-Risiko einher (38). Ziel ist die Reduktion der Fettmasse bei gleichzeitigem Erhalt der fettfreien Masse (39). Es gibt Hinweise darauf, dass der Einsatz von GLP-1-RA im Rahmen der Gewichtsreduktion das Risiko für Sarkopenie potenziell erhƶhen kann. Die Evidenzlage ist jedoch heterogen und methodisch limitiert, da viele Studien primƤr die Gewichtsreduktion betrachten und Parameter der Muskelmasse/-funktion nur selten systematisch erfassen. Zudem wird hƤufig die VerƤnderung der fettfreien Kƶrpermasse erfasst, die vor allem aus Skelettmuskelmasse, aber auch aus Knochen- und Organmasse sowie Kƶrperwasser besteht. Ohne standardisierte Messbedingungen kƶnnen Hydratationsstatus, Ɩdeme oder kƶrperliche AktivitƤt das Ergebnis verfƤlschen (6, 24). Einige Studien berichten über eine drastische Reduktion der fettfreien Masse von 25 bis 45 % des gesamten Gewichtsverlusts (13, 40, 41). Andere Studien zeigten, dass die Abnahme der Muskelmasse unter GLP-1-RA vergleichbar mit konventionellen nicht-medikamentƶsen Gewichtsreduktionsstrategien moderat ausfiel. Zudem deuteten diese Untersuchungen auch auf eine Verbesserung des Muskel-Fett-VerhƤltnisses und eine gesteigerte MuskelqualitƤt hin, die durch eine verringerte intramuskulƤre Fettinfiltration und verbesserte metabolische Funktion der Muskulatur bedingt waren (42, 43). Ein gewisser Verlust an Muskelmasse ist im Rahmen einer Gewichtsreduktion weitgehend unvermeidbar (44). Bei konventionellen AnsƤtzen durch LebensstilƤnderungen liegt er allerdings moderat zwischen ca. 10 und 30 % des Gewichtsverlustes (45).

Nach dem Absetzen von GLP-1-RA, kommt es in der Regel zu einer relevanten Gewichtszunahme, wobei insbesondere die Fettmasse zunimmt. Im Vergleich zu konventionellen Massnahmen zur Gewichtsreduktion ist damit das Risiko für das sogenannte «Weight Cycling» erhöht, was langfristig die Entwicklung einer sarkopenen Adipositas begünstigen kann (25).

Ernährungs- und bewegungstherapeutische ­Interventionen

Bei Ƥlteren Patient/-innen ist eine ausgewogene, bedarfsgerechte ErnƤhrung mit ca. 30 kcal/kg Kƶrpergewicht/Tag und ≄ 1 g Protein/kg Kƶrpergewicht/Tag anzustreben (39). Bei Patient/-innen mit Adipositas sollte zur Berechnung des Bedarfs anstelle des Ist-Gewichts das Referenzgewicht (entsprechend einem BMI von 25 kg/m2) oder das adjustierte Gewicht herangezogen werden (adjustiertes Gewicht = Referenzgewicht + 0,33 Ɨ [Ist-Gewicht – Referenzgewicht]) (46). Bei Patient/-innen, die im Screening ein Risiko oder eine manifeste MangelernƤhrung/Sarkopenie aufweisen, kƶnnen weitere Massnahmen notwendig sein (Anreicherung der Nahrung, orale Trinknahrung, enterale/parenterale ErnƤhrung) (47).

Eine individualisierte Nutzen-Risiko-Abwägung therapeutischer Massnahmen zur Gewichtsreduktion unter Berücksichtigung von Komorbiditäten und der Gesamtprognose ist essenziell. Wird eine Gewichtsreduktion als sinnvoll erachtet, sollte eine moderate Reduktion der Energiezufuhr um maximal 500 kcal pro Tag angestrebt werden, mit dem Ziel einer schrittweisen Gewichtsabnahme von etwa 0,25 bis 1 kg pro Woche (39). Eine Anbindung an eine:n gesetzlich anerkannte:n Ernährungsberater:in ist empfehlenswert.

Um die Muskelmasse und -funktion bestmöglich zu erhalten, ist ein kombinierter Therapieansatz aus ernährungs- und bewegungstherapeutischen Interventionen von zentraler Bedeutung (44, 48). Im Rahmen einer Behandlung mit GLP-1-RA kommt es häufig zu einer sehr starken Reduktion des Appetits, sodass die errechneten Ziele für Protein und Energie nicht erreicht werden. Dies ist bis zu einem gewissen Grad zu tolerieren, um die Gewichtsziele für die Kostendeckung durch die Krankenkassen zu sichern. Bei übermässigem Gewichtsverlust und erhöhtem Sarkopenierisiko sind Anpassungen der Therapie erforderlich, insbesondere hinsichtlich der Dosierung des GLP-1-RA, der Mahlzeitenzusammensetzung, der Portionsgrössen, des Mahlzeitenrhythmus sowie der körperlichen Aktivität.

Der Einfluss von körperlicher Aktivität auf den Gewichtsverlust ist gering, unabhängig von der Modalität (Krafttraining oder Ausdauertraining). Jedoch kann mit einem gezielten Training der Muskelabbau reduziert oder verhindert werden. Die körperliche Aktivität verbessert zudem die muskuläre Glukoseaufnahme, Inflammation und Insulinresistenz, welche mit Sarkopenie und T2DM einhergehen (49, 50). Ideal ist ein individuell adaptiertes Kraft- bzw. Resistenztraining, ergänzt durch Ausdauer-, Balance- und Flexibilitätsübungen zur Förderung von Funktionalität und kardiovaskulärer Gesundheit und unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen der Patient/-innen zeitgleich zum Behandlungsbeginn mit einem GLP-1-RA (18, 51, 52).

Valerie Haller 1
Dr. troph Carla Wunderle, PhD 1
Dr. med. Annic Baumgartner 1
Prof. Dr med. Philipp Schuetz, MD, MPH 1, 2
1 Medizinische UniversitƤtsklinik, Kantonsspital Aarau, Tellstrasse 25, CH-5001 Aarau, Switzerland
2 University of Basel, Switzerland, Klingelbergstrasse 61, 4056 Basel, Switzerland

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Valerie Haller

Medizinische UniversitƤtsklinik, Kantonsspital Aarau
Tellstrasse 25
CH-5001 Aarau, Switzerland

Dr. troph Carla Wunderle, PhD

Medizinische UniversitƤtsklinik, Kantonsspital Aarau
Tellstrasse 25
CH-5001 Aarau, Switzerland

Prof. Dr med. Philipp Schütz, MD, MPH

– Medizinische UniversitƤtsklinik, Kantonsspital Aarau
Tellstrasse 25, CH-5001 Aarau, Switzerland
– Medizinische FakultƤt und Departement
klinische Forschung (DKF), UniversitƤtsspital Basel
Spitalstrasse 8/12, 4031 Basel

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • GLP-1-RA sind ein neuer, wichtiger Baustein der multimodalen Therapie zur Gewichtsreduktion.
  • Sie kƶnnen insbesondere bei Ƥlteren Patient/-innen das Risiko für Sarkopenie erhƶhen.
  • Die Muskulatur ist für die funktionelle und metabolische Gesundheit essenziell.
  • Entscheidend sind ein frühzeitiges Assessment des ErnƤhrungsstatus und der Muskelgesundheit sowie eine interdisziplinƤre Therapie aus Medikation, ErnƤhrung und Bewegung.

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