Das Risiko von thromboembolischen Ereignissen wie unter anderem ischämischen Schlaganfällen ist bei Krebspatienten bekanntermassen signifikant erhöht. Eine paraneoplastische Gerinnungsstörung wird bei onkologischen Patienten häufig als primäre Ursache für Schlaganfälle, tiefe Venenthrombosen und Lungenembolien angesehen. Neben dieser paraneoplastischen Thrombusbildung trägt auch das Vorhandensein klassischer kardiovaskulärer Risikofaktoren, die Krebs- und Schlaganfallpatienten gemeinsam haben, erheblich zum Auftreten von Schlaganfällen bei Krebspatienten bei. Bestimmte Chemo-, Hormon- und Immuntherapien sowie Strahlentherapien im Bereich des Halses und des Gehirns erhöhen ebenso das Schlaganfallrisiko bei Krebspatienten. Es ist daher wichtig, die entsprechenden Krebspatienten mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko zu erkennen und entsprechend zu sensibilisieren.
The risk of thromboembolic events is known to be increased in cancer patients. This also applies to cerebrovascular events such as strokes. Paraneoplastic coagulopathy is often regarded as the main cause of strokes and other thromboembolic events (venous thrombosis and pulmonary embolism) in cancer patients. In addition to paraneoplastic coagulopathy, the presence of classic cardiovascular risk factors, which cancer and stroke patients have in common, also contributes significantly to the occurrence of strokes in cancer patients. Certain chemo-, hormone- and immunotherapies and radiotherapy to the neck and brain also increase the risk of stroke in cancer patients. It is therefore crucial to be able to identify and provide care for cancer patients at increased risk of stroke.
Key words: Cancer-associated stroke, Hypercoagulability, Paraneoplastic coagulopathy, Secondary prevention, Anticoagulation therapy
Fallbericht
Eine 68-jƤhrige Patientin wurde mit Verdacht auf einen Schlaganfall mit einer schweren Aphasie, einer leichtgradigen motorischen Hemiparese rechts und einer deutlichen VernachlƤssigung (Neglekt) der linken Kƶrperseite in ein Zentrumsspital eingeliefert. Einige Monate zuvor war bei der Patientin ein metastasierendes Bronchialkarzinom diagnostiziert worden. Bildgebende Untersuchungen zeigten das Vorliegen multipler zerebraler Infarkte in verschiedenen zerebralen Versorgungsgebieten, was auf eine proximal-embolische Genese schliessen liess (Abb. 1).
Die laborchemische Untersuchung zeigte eine ausgeprƤgte Gerinnungsaktivierung mit stark erhƶhten D-Dimer-Werten von 9835 µg/L (Referenzbereich <500 µg/L), die nach Ausschluss einer tiefen Beinvenenthrombose und LungenĀembolie auf das Vorliegen einer paraneoplastischen Gerinnungsstƶrung zurückgeführt wurde. Auch das C-reaktive Protein (CRP) war mit 48 mg/L (Referenzbereich <5 mg/L) signifikant erhƶht. In Abwesenheit weiterer Hinweise auf eine Infektion oder systemische Entzündung wurde dieser Anstieg ebenfalls im Kontext der zugrundeliegenden aktiven Krebserkrankung interpretiert. ZusƤtzlich wurde eine AnƤmie mit einem HƤmoglobinwert von 108 g/L (Norm: 121-154 g/L) festgestellt, die mangels Anzeichen einer akuten Blutung als chronische AnƤmie gewertet und hƶchstwahrscheinlich im Zusammenhang mit der Krebserkrankung gesehen wurde.
Im Rahmen der Ƥtiologischen AbklƤrung des Schlaganfalls konnten keine alternativen Ursachen festgestellt werden. Insbesondere fanden sich keine Hinweise auf eine kardiale Emboliequelle, welche hƤufig ein Ƥhnliches multiterritoriales Verteilungsmuster der SchlaganfƤlle aufweist. Der Schlaganfall wurde letztlich Ƥtiologisch der Krebserkrankung zugeschrieben. Als SekundƤrprƤvention wurde nach 6 Tagen eine therapeutische Antikoagulation mit niedrigmolekularem Heparin (Clexane) in voller Dosierung eingeleitet.
Da die tägliche subkutane Injektion für die Patientin unangenehm war, entschied sie sich nach zwei Wochen, selbstständig die Antikoagulation abzusetzen. In der darauffolgenden Konsultation in der hausärztlichen Praxis wurde eine blutverdünnende Therapie mit Eliquis initiiert und diesmal konsequent fortgeführt.
Risikofaktoren für krebsassoziierte
SchlaganfƤlle
Krebsassoziierte SchlaganfƤlle werden neben allgemeinen kardiovaskulƤren Risikofaktoren auch durch spezifische Risikofaktoren beeinflusst, die sowohl mit der TumorĀerkrankung selbst als auch mit den therapeutischen Massnahmen zusammenhƤngen (Tab. 1).
Dabei treten die SchlaganfƤlle hƤufig innerhalb des ersten Monats nach der Krebsdiagnose auf, wobei das Risiko insbesondere in den ersten drei Monaten nach Diagnosestellung signifikant erhƶht ist und anschliessend wieder abnimmt (1).
HyperkoagulabilitƤt und Krebs
Bestimmte Krebserkrankungen wie Lungen-, Pankreas-, Gastrointestinal- und Ovarialkarzinome, insbesondere in lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Stadien, sind eng mit einem erhƶhten Schlaganfallrisiko verbunden. Darüber hinaus weisen vor allem histologische Adenokarzinome eine deutliche Assoziation mit thromboembolischen Ereignissen auf (2ā5). Es wird angenommen, dass alle diese spezifischen und fortgeschrittenen Krebsformen zu einer HyperkoagulabilitƤt führen, indem prothrombotische Elemente (z. B. von Willebrand-Faktor, Tissue Factor, Tumorantigene, zirkulierende Tumorzellen und entzündungsfƶrdernde Zytokine) in den Kreislauf freigesetzt werden (3,ā6,ā7).
Diese prothrombotischen Prozesse führen zu einer verstƤrkten Umwandlung von Fibrinogen in Fibrin sowie zu einer erhƶhten ThrombinaktivitƤt wodurch die Thrombusbildung begünstigt wird (4,ā8ā10). D-Dimere, Abbauprodukte von Fibrin, werden daher hƤufig als Marker für eine HyperkoagulabilitƤt verwendet und sind bei Krebspatienten mit SchlaganfƤllen deshalb oft stark erhƶht (5). Auch die mikroskopische Zusammensetzung von krebsĀassoziierten Thromben weist entsprechend oft einen hƶheren Fibringehalt auf als bei anderen Schlaganfallursachen (11). Der detaillierte Pathomechanismus der paraneoplastischen Gerinnungsstƶrungen ist jedoch insgesamt noch zu wenig verstanden und weitere Studien sind notwendig, um konkrete BehandlungsansƤtze zu entwickeln.
Krebstherapie als Risikofaktor für Schlaganfall
Krebstherapien kƶnnen das Schlaganfallrisiko erhƶhen, da sie prothrombotische Nebenwirkungen haben und die BlutgefƤsse schƤdigen kƶnnen (12ā15). Dabei ist auch bei diesem Prozess weitere Forschung zum genauen VerstƤndnis der Pathophysiologie notwendig.
1. Chemotherapie: Gewisse Chemotherapeutika (Cisplatin, Bevacizumab, Thalidomid) können eine prokoagulierende Aktivität oder Erhöhung der Blutviskosität verursachen und erhöhen daher das Risiko eines Schlaganfalls (16). Darüber hinaus sind einige Chemotherapeutika (Doxorubicin, Cyclophosphamid) direkt toxisch für das Gefässendothel, was die lokale Bildung von Thromben fördern kann.
Ebenso können die kardiotoxischen Nebenwirkungen verschiedener Chemotherapien (z.B. Anthrazykline oder Trastuzumab) durch die Entstehung einer akuten und/oder chronischen Kardiomyopathie oder Herzrhythmusstörungen zu Schlaganfällen führen (17).
2. Immuntherapien: Checkpoint-Inhibitoren (z. B. Pembrolizumab, Nivolumab) kƶnnen durch beschleunigte Zunahme von Atherosklerose thrombotische Ereignisse begünstigen. CAR-T Cell Therapien wurden ebenfalls mit SchlaganfƤllen assoziiert, aber der Mechanismus ist derzeit noch nicht geklƤrt (18,ā19).
3. Hormontherapien: Bei bestimmten Krebsarten, insbesondere Brust- und Prostatakrebs, werden hƤufig Hormontherapien eingesetzt. Diese Therapien (z.B. Tamoxifen, Aromatasehemmer [z. B. Anastrozol, Letrozol] und LHRH-Agonisten [z. B. Goserelin, Leuprolid]) stƶren das hormonelle Gleichgewicht und kƶnnen dadurch einen prothrombotischen Zustand induzieren.
4. Strahlentherapie: Strahlentherapie bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich kann zur direkten Schädigung der zerebralen Gefässe führen und weiterhin auch atherosklerotische Gefässveränderungen durch Entstehung von Plaques begünstigen. Beide Phänomene erhöhen langfristig das Schlaganfallrisiko.
KardiovaskulƤre Risikofaktoren bei Krebsassoziierten SchlaganfƤllen
Neben der direkten Wirkung des Tumors und seiner Therapie spielen klassische kardiovaskulƤre Risikofaktoren eine erhebliche Rolle bei der Entstehung von SchlaganfƤllen bei Krebspatienten. Patienten mit Krebs haben hƤufig eine Reihe zusƤtzlicher Ā«gemeinsamerĀ» Risikofaktoren mit Schlaganfallpatienten, die das Schlaganfallrisiko weiter erhƶhen (20,ā21). Hierbei sind vor allem HyperĀlipidƤmie, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Alkoholkonsum und Nikotinabusus aufzuführen.
Akuttherapeutische Mƶglichkeiten bei krebsassoziierten SchlaganfƤllen
Die Behandlung akuter SchlaganfƤlle bei Krebspatienten stellt eine besondere klinische Herausforderung dar, da die HyperkoagulabilitƤt und die vorliegenden kardiovaskulƤren Risikofaktoren dieser Patienten das Risiko von neuen thromboembolischen Ereignissen, Blutungen als auch von peri- und postinterventionellen Komplikationen erhƶhen kƶnnen (4,ā13).
Intravenƶse Thrombolyse
Studien haben gezeigt, dass die intravenƶse Thrombolyse bei Schlaganfallpatienten mit Krebs im Thrombolysezeitfenster sicher durchgeführt werden kann. Krebspatienten zeigten nach einer Thrombolysebehandlung eine Verbesserung der Schlaganfall-Symptome. Allerdings besteht bei diesen Patienten ein erhƶhtes Risiko für Nachblutungen, insbesondere bei metastatischen Erkrankungen oder bei fortgeschrittenem Tumorstadium (22,ā23). Dabei wurde jedoch kein Unterschied zwischen symptomatischen intrakraniellen Nachblutungen nachgewiesen (24). Zusammenfassend ist die intravenƶse Thrombolyse bei Schlaganfallpatienten mit Krebs eine sichere Behandlung, wobei jedoch aufgrund eines erhƶhten Nachblutungsrisikos eine sorgfƤltige AbwƤgung der Risiken und Nutzen erforderlich ist.
Mechanische Thrombektomie
Im Allgemeinen haben Studien gezeigt, dass die Behandlung mittels mechanischer Thrombektomie von Schlaganfallpatienten mit Krebs sicher ist. Die langfristig
verbleibenden Defizite nach einer mechanischen Thrombektomie bei Schlaganfallpatienten mit Krebs waren
jedoch schlechter als bei Patienten ohne Krebs. Dieser Unterschied scheint aber hauptsächlich auf die Krebserkrankung selbst zurückzuführen zu sein und nicht primär auf das Ergebnis der mechanischen Thrombektomie an sich (25).
PrƤvention von krebsassoziierten SchlaganfƤllen
PrimƤre PrƤvention bei Krebspatienten zur Vermeidung von SchlaganfƤllen ist derzeit nicht indiziert (26,ā27). Eine kürzlich verƶffentlichte Literaturübersicht und eine Metaanalyse zeigten keine Reduktion der arteriellen Thrombosen (einschliesslich SchlaganfƤlle) bei Krebspatienten unter systemischer Therapie, die zur PrimƤrprƤvention mit Antikoagulanzien behandelt wurden. Thrombozytenaggregationshemmer spielen eine Rolle bei der PrimƤrprƤvention von arteriellen Thrombosen bei myeloĀproliferativen Erkrankungen, werden aber nicht generell zur PrimƤrprƤvention von SchlaganfƤllen empfohlen.
SekundƤrprƤvention von krebsassoziierten SchlaganfƤllen
Post-hoc-Analysen von randomisierten klinischen Studien haben ergeben, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) und Aspirin in der SekundƤrprƤvention bei Schlaganfallpatienten mit Krebs gibt (28). Aufgrund der jeweiligen Studiengestaltung sind diese Ergebnisse allerdings nicht ausreichend, um evidenzbasierte Empfehlungen zur SekundƤrprƤvention abzugeben.
Aktuell werden basierend auf der Annahme ihrer Wirksamkeit auf die paraneoplastische HyperkoagulabilitƤt bei Krebspatienten zumeist DOAKs nach krebsassoziiertem Schlaganfall als SekundƤrprƤvention eingesetzt. Eine Studie hat gezeigt, dass eine Senkung des D-Dimer-Spiegels durch Antikoagulanzien mit einer reduzierten 1-Jahres-MortalitƤt verbunden ist, was diese Hypothese unterstützt (29,ā30).
Die Langzeitdurchführung einer Antikoagulation mit niedermolekularem Heparin hingegen wurde aufgrund der unzureichenden Patienten-Compliance infrage gestellt (31). Die Anwendung von DOAKs gilt als sicher, erfordert jedoch weitere Evidenz (32). Generell ist bei der Wahl der Sekundärprävention das spezifische Blutungsrisiko des individuellen Patienten zu berücksichtigen (33).
Ebenso kommt auch der Behandlung von generellen kardiovaskulƤren Risikofaktoren eine wichtige Bedeutung zu, um das Schlaganfallrisiko insgesamt zu reduzieren.
Fazit für die ärztliche Praxis
Krebsassoziierte SchlaganfƤlle sind eine erhebliche Herausforderung in der klinischen Praxis, insbesondere aufgrund der komplexen Wechselwirkungen zwischen Krebserkrankungen und thromboembolischen Ereignissen.
Dabei werden krebsassoziierte Schlaganfälle neben gemeinsamen kardiovaskulären Risikofaktoren auch durch spezifische krebsbedingte Einflüsse verursacht. Besonders Patienten mit fortgeschrittenen oder metastasierten Tumoren weisen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko auf. Das Schlaganfallrisiko ist hierbei insbesondere in den ersten Monaten nach der Krebsdiagnose erhöht.
Zudem können bestimmte Krebsbehandlungen prothrombotische Zustände begünstigen. Hinsichtlich der Akutbehandlung gelten sowohl die intravenöse Thrombolyse als auch die mechanische Thrombektomie bei Krebspatienten als sicher durchführbar. Entsprechend ist eine schnelle notfallmässige Vorstellung auf einer Notfallstation beim Auftreten von Schlaganfallsymptomen von entscheidender Bedeutung.
Eine PrimƤrprophylaxe von krebsassoziierten SchlaganfƤllen ist aktuell nicht indiziert.
Die Wahl der SekundƤrprophylaxe in Abwesenheit klarer Richtlinien bleibt oft in der Entscheidung des behandelnden Arztes. WƤhrend DOAKs bei vielen Patienten aufgrund der zugrundeliegenden Hyperkoagulation bevorzugt werden, zeigen aktuelle Studien keine klare Ćberlegenheit gegenüber Thrombozytenaggregationshemmer.
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Universitätsklinik für Neurologie
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