AusgewƤhlte Studien aus der HƤmato-Onkologie

Nilotinib mit oder ohne Cytarabin bei Philadelphia-Chromosom-positiver akuter lymphoblastischer LeukƤmie

In dieser Arbeit der französischen GRAALL Gruppe mit Schweizer Beteiligung wurde die akute lymphoblastische Leukämie des Erwachsenen mit Philadelphia Chromosom untersucht. In der GRAAPH-2014 Studie wurde Nilotinib als Tyrosinkinase Inhibitor verwendet unter gleichzeitiger Reduktion der Chemotherapie. Das Ziel war die Rate an majorer molekularer Response nach Induktion und Konsolidationstherapie. Nach 156 von 265 geplanten Patienten wurde die Randomisierung gestoppt wegen vermehrten Rückfällen im experimentellen Arm unter Weglassen von Cytosin Arabinoside während der Konsolidationstherapie.

133 (85 %) der Patienten erhielten nach Erreichen eines kompletten molekularen Ansprechens eine Stammzelltransplantation, 93 allogen und 40 autolog. Nach fast 4 Jahren betrug das Überleben 79 % (95 % CI, 70.6 %–89.3 %) mit der Standardtherapie vs. 73.4 % (95 % CI, 63.9 %–84.4 %) mit der reduzierten Therapie (P = 0.35).

Literatur
Nilotinib with or without cytarabine for Philadelphia positive acute lymphoblastic leukemia. Yves Chalandon, Philippe Rousselot, Sylvie Chevret et al. Blood. 2024 Jun 6;143(23):2363-2372.

Asciminib bei neu diagnostizierter chronischer myeloischer LeukƤmie

Asciminib ist ein BCR-ABL-Inhibitor, der an der Myristoyl-Tasche bindet und daher einen anderen Wirkmechanismus hat als andere Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI), die zur Behandlung der CML eingesetzt werden. Es handelt sich um eine Phase-3-Studie, in der neu diagnostizierte CML-Patienten randomisiert mit Asciminib oder einem vom behandelnden Arzt ausgewƤhlten TKI der ersten oder zweiten Generation (Imatinib, Nilotinib, Dasatinib, Bosutinib) behandelt wurden. Es wurden 405 Patienten randomisiert.

Ein molekulares Ansprechen nach 48 Wochen wurde in 67.7 % unter Asciminib und in 49 % in der TKI-Gruppe beobachtet (P < 0.001). Der Unterschied war grƶsser im Vergleich zu Imatinib (29.6 %) als im Vergleich zu den TKI der zweiten Generation (8.2 %). Grad III und schwerere Nebenwirkungen traten unter Asciminib seltener auf. Die Therapie wurde bei 4.5 %, 11.1 % und 9.8 % der Patienten abgebrochen.

Literatur
Asciminib in Newly Diagnosed Chronic Myeloid Leukemia. Hochhaus, J. Wang, D.-W. Kim, et al. N Engl J Med. 2024 May 31. doi: 10.1056/NEJMoa2400858. Online ahead of print.

Prof. Dr. med. Jakob Passweg

Klinik für Hämatologie
HƤmatologische Diagnostik Labormedizin
UniversitƤtsspital Basel und Blutspendezentrum beider Basel SRK
Petersgraben 4
4031 Basel

jakob.passweg@usb.ch

Journal Watch von unseren Experten

Neue Impfung für Ƥltere Risikopatienten – der erste RSV-Impfstoff

Bei Ƥlteren (≄ 65 J.) Risikopatienten muss man im Herbst neben einer jƤhrlichen Grippe-, einer evtl. erneuten angepassten Covid-19- und einer evtl. einmaligen konjugierten PCV-Pneumokokken-Impfung auch an die neue Mƶglichkeit einer vorerst einmaligen RSV-Impfung denken. Das Ziel ist die Reduktion von schweren RSV-assoziierten Atemwegserkrankungen sowie der daraus resultierenden Folgen mit Hospitalisierung und mƶglichem Tod. Es besteht eine hohe, wahrscheinlich anhaltende Wirksamkeit und eine gute VertrƤglichkeit dieses weltweit ersten RSV-Impfstoffs für Erwachsene ab 60 Jahren mit einer Grunderkrankung.

Eine jƤhrliche Influenza Impfung kann bei Ƥlteren Risikopatienten bekanntlich kardiovaskulƤre Ereignisse, wie einen akuten Myokardinfarkt oder einen Schlaganfall, verhindern und die MorbiditƤt und MortalitƤt deutlich senken. Eine PrƤvention ist sowohl bei Personen ≄ 65 Jahre als auch bei Patienten mit einer chronischen Erkrankung zu empfehlen. Diese Massnahmen sind einfach, hocheffizient und kosteneffektiv (1).

Respiratory Syncytial-Viren (RSV) verursachen weltweit hauptsƤchlich bei SƤuglingen und Kleinkindern im Winterhalbjahr ErkƤltungen, grippeartige Erkrankungen und eine Bronchiolitis. Das Virus infiziert die Zilien tragenden Epithelzellen der SchleimhƤute im Atemwegstrakt. Diese verschmelzen zu sogenannten Synzytien. Die Atemwegsinfekte führen oft zu Hospitalisationen. Dieses Virus ist aber auch bei Ƥlteren Erwachsenen aufgrund der Immunoseneszenz ein zunehmendes medizinisches Problem, mit schweren und potentiell lebensbedrohlichen Infektionen der unteren Atemwege und weiteren u.a. auch kardiovaskulƤren Komplikationen (HI, ACS, Arrhythmien nach AHA in 14–22 %). Viele Hospitalisierungen betreffen Ƥltere Menschen und Personen mit einer ImmunschwƤche. Dies sind gemƤss Paul-Ehrlich-Institut in Europa jƤhrlich ca. 250 000 Hospitalisationen, davon ca. 17 000 TodesfƤlle.

Aus diesem Grund haben verschiedene Gesundheitsbehƶrden (CDC, EuropƤische Kommission, STIKO, RKI, EKIF und BAG) und mehrere deutsche Fachgesellschaften: u. a. Pneumologie (DGP), HƤmato-Onkologie (DGHO) auch eine RSV-Impfempfehlung für Risikopersonen ausgesprochen. So lautet die Empfehlung der STIKO: Ā«Ziel der RSV-Impfempfehlung ist die Reduktion schwerer RSV-assoziierter Atemwegserkrankungen sowie der daraus resultierenden Folgen wie Hospitalisierung und Tod bei allen Personen im Alter von ≄75 Jahren sowie bei Personen im Alter von 60 bis 74 Jahren mit deutlich erhƶhtem Risiko für eine schwer verlaufende RSV-Erkrankung aufgrund einer relevant beeintrƤchtigenden Grunderkrankung sowie bei Bewohnenden in Einrichtungen der Pflege in einem Alter von 60 bis 74 JahrenĀ» (2). Die RSV-Impfung sollte mƶglichst im September/Anfang Oktober erfolgen, um bereits in der darauffolgenden RSV-Saison (Oktober-MƤrz) einen bestmƶglichen Schutz zu bieten. Zu den relevanten Grunderkrankungen gehƶren u. a.: Asthma, COPD, Herzinsuffizienz, koronare Herzerkrankung, Diabetes mellitus mit Komplikationen, chron. Niereninsuffizienz, Lebererkrankung, chron. neurologische und neuromuskulƤre Erkrankungen, hƤmato-onkologische Erkrankungen sowie eine Immundefizienz. Die KrankheitsverlƤufe sind schwerer als bei einer Influenza. RSV-Infektionen kƶnnen lediglich symptomatisch behandelt werden. Die Inkubationszeit dauert 2–8 Tage. Daher ist der neue Impfstoff von hoher Relevanz.

Auch in der Schweiz ist zurzeit der erste Impfstoff gegen RSV (ArexvyĀ®) für Personen ab einem Alter von 60 Jahren bei diesen Risikopatienten zur aktiven Immunisierung verfügbar und zugelassen (www.bag.admin.ch/rsv). Dieser enthƤlt ein rekombinantes RSV-Fusionsprotein-Antigen (RSVPreF3) aus der Lipidhülle des RSV mit einem WirkverstƤrker (AS01E). In der grossen randomisierten, Placebo-kontrollierten Zulassungsstudie bei 25 040 Patienten in 17 LƤndern wurde die Rate an RSV-bedingten Erkrankungen der unteren Atemwege bei Erwachsenen im Alter von ≄ 60 Jahren in der ersten RSV-Saison statistisch signifikant um 82.6 % gegenüber einer Placebo-Impfung reduziert. Die Wirksamkeit bezüglich eines schweren infektiƶsen Verlaufs lag bei 94.1 % gegenüber Placebo. An Nebenwirkungen: lokale Schmerzen an der Einstichstelle in 60.9 % und Müdigkeit in 33.6 % (3). Durch die Kombination des RSVPreF3-Antigens mit dem Adjuvans-System werden eine breite, antigen-spezifische zellulƤre und humorale Immunantwort und neutralisierende Antikƶrper erzeugt, die vor RSV-assoziierten Erkrankungen der unteren Atemwege schützen. So blockiert der Impfstoff die Fusion von RSV mit der Plasmamembran der humanen Wirtszelle. Ƅltere Patienten mit KomorbiditƤten sind nach einer weiteren Analyse der Zulassungsstudie sehr gut vor Pneumonien (94.6 %) und akuten resp. Infekten (81 %) geschützt (4). Eine Grippeimpfung bietet nur einen Schutz von 30–70 %, da der optimale saisonale Grippeimpfstoff jeweils nicht genau vorhergesagt werden kann.

Im Juni 2024 aktualisierte auch die CDC in den USA ihre RSV-Impfempfehlung für Ƥltere Erwachsene und empfahl, dass alle ≄ 75 Jahre und Personen im Alter von 60 bis 74 Jahren mit erhƶhtem Risiko für eine schwere RSV-Erkrankung eine Einzeldosis des RSV-Impfstoffs erhalten. Bei Erwachsenen ab 60 Jahren war die RSV-Impfung in 19 US-Bundesstaaten mit Ā­einer geringeren Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthalts mit RSV verbunden, verglichen mit keiner Impfung. Die Wirksamkeit gegen RSV-bedingte Hospitalisierungen lag bei 75 % (5).

Auch eine Ko-Administration, an anderer Körper-Lokalisation, von RSV- und quadrivalenten Grippe-Impfstoffen ist möglich (2, 6, Compendium). Auf Basis der aktuellen Datenlage kann noch keine abschliessende Aussage zur Notwendigkeit/Zeitpunkt von Wiederholungsimpfungen getroffen werden. Die Höhe der Antikörpertiter nach Einmalimpfung sorgte für eine anhaltende Schutzwirkung über mindestens zwei Wintersaisons. Dies hat eine weitere sehr aktuelle Auswertung der Daten bei Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Zulassungsstudie nach einer zweiten Saison ergeben (7).

Weitere RSV-Impfstoffe (8, 9) befinden sich nach der EKIF resp. dem BAG im Zulassungsverfahren. Zu letzteren gehören RSV-Impfstoffe für ältere Personen (Abrysvo®, mRNA-1345) sowie ein bivalenter Präfusions-F-Impfstoff für Schwangere ab der 24. Woche (Abrysvo®) zum Schutz ihrer neugeborenen Kinder. Von Swissmedic wurde letzterer soeben zugelassen. Impfungen mit Totimpfstoffen in der Schwangerschaft gelten als sicher und werden von der Ständigen Impfkommission (STIKO) bereits seit einigen Jahren zum Schutz der Mutter und ihres Ungeborenen unter anderem gegen die saisonale Influenza und Pertussis explizit empfohlen.

Eine RSV-Impfung für Säuglinge und Kleinkinder ist in Entwicklung, aber dürfte für die nächsten Jahre noch nicht zur Verfügung stehen. Im Verlauf des Oktobers 2024 soll der monoklonale Antikörper Nirsevimab (Beyfortus®) für eine passive Immunisierung von Neugeborenen und Säuglingen im Winterhalbjahr gemäss SGGG/SGP zur Verfügung stehen.

Dr. med. Urs Dürst

Literatur:Ā 

  • Dürst U., Grippe und Herz, der informierte Arzt 2023, Vol. 13, Nr.10; 24-26
  • Robert Koch Institut, Epidemiologisches Bulletin 32|2024 8. August 2024
  • Papi A. et al., RSV Prefusion F Protein Vaccine in Older Adults, N Engl J Med 2023,388:595-608
  • Feldmann R.G. et al., Respiratory Syncytial Virus Prefusion F Protein Vaccine Is Efficacious in Older Adults With Underlying Medical Conditions, Clin Infect Dis 2024,78:202-209
  • Surie D. et al., Efficacy of RSV vaccine against hospitalization in adults aged 60 years and older in the US, JAMA.Ā Online 4. September 2024. doi:10.1001/jama.2024.15775
  • Blickpunkt Medizin, RSV: Wirksamer Impfschutz für Ƥltere Erwachsene, 2023 Thieme
  • Ison MG et al., Efficacy and Safety of Respiratory Syncytial Virus (RSV) Prefusion F Protein Vaccine (RSVPreF3 OA) in Older Adults Over 2 RSV Seasons, Clin Infect Dis 2024 Jun 14;78(6):1732-1744. doi: 10.1093/cid/ciae010.
  • Walsh EE. et al., Efficacy and Safety of a Bivalent RSV Prefusion F Vaccine in Older Adults, N Engl J MedĀ 2023;388:1465-1477
  • Kampmann B et al., Bivalent Prefusion F Vaccine in Pregnancy to Prevent RSV Illness in Infants, N Engl J MedĀ 2023;388:1451-1464

Längere Sonnenlichtexposition bei Schulkindern ­vermeidet Kurzsichtigkeit

Bereits im November 2022 publizierte eine Forschergruppe aus Shanghai bei 6295 Schülerinnen und Schülern im Alter von 6 bis 9 Jahren aus 24 Grundschulen in Shanghai über einen Zeitraum von 2 Jahren, dass sich das Ā­Risiko des Auftretens von Myopie bei zunehmender Zeit im Freien verringerte. Die Kinder in der Kontrollgruppe setzten ihre gewohnte Zeit im Freien fort, und jene der Testgruppe I erhielten zusƤtzliche 40 Minuten Zeit im Ā­Freien und jene der Testgruppe II 80 zusƤtzliche Minuten Zeit im Freien. Ā­ZusƤtzliche 120 bis 150 Minuten im Freien bei 5000 Lux führten zu einem Rückgang der Myopie-Neuerkrankungen um 15–24 %.

In Ostasien sind im Alter von 12–13 Jahren gegen 90 % aller Kinder kurzsichtig. Ursache ist das vermehrteĀ­ Ā­LƤngenwachstum des Augapfels, wodurch sich der Brennpunkt des Lichts vor die Retina verschiebt.

Die nun publizierte, 1-jƤhrige, prospektive, randomisierte Kohortenstudie umfasste jene Kinder im zweiten Jahr der obigen Studie, welche eine Smartwatch (am Handgelenk getragene Wearable) mindestens 6 Stunden tƤglich trugen und mindestens 90 Tage lang durchhielten. Zur AbklƤrung eines Zusammenhangs von Expositionsmustern im Freien mit Auftreten einer Myopie bei Kindern wurde die Zeit im Freien und die IntensitƤt der Sonneneinstrahlung sowie die absolute Ƅnderung der Ā­Refraktion zwischen der anfƤnglichen sphƤrischen Ƅquivalenz und der spƤteren sphƤrischen Ƅquivalenz gemessen.

Die 2976 Schülerinnen und Schüler (Alter 7.2 Jahre; 51 % MƤdchen) hielten sich durchschnittlich tƤglich 90 Minuten im Freien auf, mit einer SonnenlichtintensitƤt von 2345 Lux. Von den 12 Expositionsmustern im Freien waren nur zwei erfolgreich, wobei die Zeitdauer von mindestens 15 Minuten im Freien der wichtigste Parameter war. Nur Ā­Muster mit mindestens 15 Minuten im Freien, begleitet von nicht weniger als 2000 Lux (mƤssig heller, bewƶlkter Tag), waren mit einem geringeren Auftreten einer Myopie verbunden (für ≄ 15 Minuten und 2000–3999 Lux: –0.007 Dioptrien und für ≄ 15 Minuten und  ≄4000 Lux (Sonnenschein): –0.006 Dioptrien).

Fazit: Die Zeitdauer im Freien mit genügender Sonnenlichtexposition ist für die Entwicklung des Auges bei 6–9-jƤhrigen Kindern entscheidend. Kinder dürfen sich in den Pausen nicht im Schulhausinnern aufhalten. Allerdings reichen die üblichen Schulpausen kaum für die gewünschte Expositionszeit von > 15 Minuten mit > 2000 Lux. FreizeitaktivitƤten (am Mittwoch-Nachmittag und am Wochenende) sollten mƶglichst im Freien stattfinden. Der hohe Prozentsatz der myopen Kinder mag mit ungenügender SonnenlichtĀ­exposition zusammenhƤngen.

KD Dr. med. Marcel Weber

Literatur
Chen J. et al. Smartwatch Measures of Outdoor Exposure and Myopia in Children. JAMA Netw Open 2024 Aug 1;7(8):e2424595. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.24595. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39136948/He X. et. al. Time Outdoors in Reducing Myopia: A School-Based Cluster Randomized Trial with Objective Monitoring of Outdoor Time and Light Intensity. Ophthalmology 2022;129(11):1245-1254. doi.org/10.1016/j.ophtha.2022.06.024. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35779695/

Die Katarakt – Der graue Star

Die Katarakt ist weltweit der häufigste verhinderbare Erblindungsgrund. Ein Mensch gilt gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als blind bei einer bestkorrigierten Sehleistung von < 0.05 (1). Ausgelöst wird die Sehverschlechterung durch eine Trübung der Linse im Auge. Die Linse befindet sich im Auge direkt hinter der Iris (der Regenbogenhaut) und wird im Verlauf des Lebens zunehmend dicker und dichter. Dadurch nimmt die Durchlässigkeit von Licht von Zeit zu Zeit ab und der Seheindruck ist nicht mehr klar. Dies wird häufig als Verschlechterung des Seheindrucks bemerkt. Anders können Ablagerungen in der Linse die Streuung von Licht erhöhen, wodurch ein vermehrtes Blendeempfinden entsteht. Als therapeutische Massnahme gibt es nur die Möglichkeit die trübe Linse in einer operativen Kataraktextraktion zu entfernen und eine klare Kunstlinse zu implantieren. Die Kataraktoperation ist die am häufigsten durchgeführte Operation weltweit und ermöglicht mit speziellen Linsentechnologien durchaus auch eine anschliessende Brillenfreiheit. In erfahrenen Händen dauert die Operation rund 15 Minuten und gilt als sehr risikoarm.

Cataract is the most common preventable cause of blindness worldwide. According to the World Health Organization (WHO), a person is considered blind if their visual acuity is < 0.05 (1). The deterioration in vision is caused by a clouding of the lens in the eye. The lens is located in the eye directly behind the iris and becomes increasingly thicker and denser over the course of a person’s life. As a result, the transmission of light decreases from time to time and the visual impression is no longer clear. This is often noticed as a decrease in visual acuity. In addition, deposits in the lens can increase the scattering of light, resulting in an increased sensation of glare. The only therapeutic option available is to remove the cloudy lens in a surgical cataract extraction and implantation of a clear artificial lens. This surgery is one of the most frequently performed surgeries in the world. In experienced hands, the surgery takes around 15 minutes and is considered to be very low risk.
Key Words: Cataract, vision loss, blind, phakoemulsification

Aufbau des Auges – Was hat das Auge mit einer Kamera zu tun?

Der Aufbau des Auges wird in zwei Abschnitte, den vorderen und hinteren Abschnitt, unterteilt. Zu den vorderen Abschnitten gehören die Augenlider, die Bindehaut, die Hornhaut, die Iris sowie die Linse. Zu den hinteren Abschnitten gehören die Netzhaut, Aderhaut, der Sehnerv sowie der Glaskörper (2). Der Aufbau des Auges kann mit einem Kamerasystem verglichen werden. Dabei sind die vorderen Augenabschnitte als das Objektiv der Kamera zu werten und die hinteren Abschnitte mit dem Sensor der Kamera. Eine schlechte Fotoaufnahme mit einer Kamera kann einerseits an einem schmutzigen Objektiv liegen oder an einem defekten Sensor. Liegt das Problem am Objektiv, kann dies rasch ausgewechselt werden. Liegt das Problem allerdings am Sensor der Kamera ist die Verbesserung der Aufnahme nur bedingt möglich. So verhält es sich ebenfalls mit dem Auge. Liegt das Problem in den vorderen Abschnitten, beispielsweise der Linse im Rahmen einer Katarakt, kann diese operativ problemlos ausgetauscht werden. Liegt das Problem allerdings im hinteren Abschnitt, beispielsweise der Netzhaut im Rahmen einer Makuladegeneration, kann diese nicht ausgetauscht werden, sondern im besten Falle stabilisiert werden. Auch eine Kataraktoperation erreicht dann nicht die gewünschte Sehleistungsverbesserung.

Die klare Linse

Bei der Linse des Menschen handelt es sich um eine transparente Struktur im vorderen Augenabschnitt. Dort ist die Linse an den sogenannten Zonulafasern aufgehängt. Die Linse besteht grob aus drei Strukturen: der Linsenkapsel, einer Epithelschicht und den Linsenfasern. Die Linsenkapsel ist dabei die äusserste Struktur, gefolgt von der Epithelschicht. Die Linsenfasern bilden den Cortex (Rinde) und Nucleus (Kern) der Linse aus. Der gesamte Aufbau der Linse ist völlig frei von Blutgefässen (3). Aufgrund der Verformbarkeit der Linse in den jungen Jahren haben wir die Möglichkeit, gewisse Objekte auf mehrere Distanzen scharf sehen zu können. Dieser Vorgang nennt sich Akkommodation und beruht darauf, dass durch Zug an den Zonulafasern eine Verformung der Linse erreicht wird (4). Im Verlauf des Lebens nimmt die Akkommodationsbreite ab. Ein 10-jähriger Mensch kann bis zu 15 Dioptrien akkommodieren. Wohingegen ein 50-jähriger Mensch nur noch rund 3 Dioptrien akkommodieren kann (5). Aufgrund dieser verringerten Akkommodation benötigen normal- oder weitsichtige Personen im Alter von rund 50 Jahren häufig eine Lesebrille. Wird die Linse im Verlauf zunehmend trüber und dadurch der Seheindruck unklarer, spricht man von einer Katarakt.

Die trübe Linse – auch Katarakt

Typische Symptome einer Katarakt sind eine Abnahme der Sehleistung, verschwommener Seheindruck, reduzierter Farb- und Kontrastsinn. Die Symptomatik kann bei DƤmmerlicht oder in der Nacht verstƤrkt auftreten (6). Der Grund für die Beschwerden liegt im Rahmen einer Trübung der Linse, die Katarakt. Der grƶsste Risikofaktor für die Entstehung einer Katarakt ist das Alter. Weltweit ist die altersbedingte Katarakt für rund 80 % aller verhinderbaren Erblindungen von Menschen verantwortlich. Ausgenommen sind dabei Refraktionsfehler, welche mit einer Brille korrigierbar wƤren (1). Eine Katarakt kann jedoch auch im Rahmen eines Traumas, chronischer Entzündungen, Diabetes oder kongenital auftreten.

Operationsindikationen – wann soll operiert werden?

Bei der altersbedingen Katarakt besteht in der Regel kein Zeitdruck. Berichtet ein älterer Mensch in der allgemeinmedizinischen Sprechstunde von einer Abnahme des Seheindrucks oder vermehrtem Blendeempfinden, ist eine augenärztliche Beurteilung indiziert. Dabei kann die Diagnose einer Katarakt oder andere Ursachen für die Beschwerden festgestellt werden. Findet sich eine Abnahme der Sehleistung im Rahmen einer Katarakt, ist eine Kataraktoperation medizinisch indiziert. Eine verringerte Sehleistung ist ein modifizierbarer Risikofaktor in Bezug auf das Auftreten einer kognitiven Beeinträchtigung oder demenziellen Entwicklung, sodass eine Kataraktoperation möglicherweise das Risiko, daran zu erkranken, reduziert (7).

Im Gegenzug zur altersbedingten Katarakt steht die kongenitale Katarakt. Bei einer kongenitalen Katarakt besteht eine Trübung der Linse seit der Geburt oder dem Kleinkindesalter. Hierbei sollte eine Kataraktextraktion frühzeitig erfolgen, damit im Auge des Kleinkindes optisch klare Medien vorherrschen, da es im Kindesalter unabdingbar ist, optisch klare Medien zu haben. Dies um eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie) zu verhindern, da Kinder das Sehen nur unter optimalen Bedingungen erlernen. Wächst ein Kind mit einer Katarakt auf, wird der bestkorrigierte Seheindruck des Kindes nie das volle Potential erreichen.

Eine andere Indikation für eine Linsenextraktion ist ein Engwinkelglaukom. Dabei handelt es sich in der Regel um hyperope (weitsichtige) Augen. Ein hyperopes Auge ist im Vergleich zum myopen oder normalsichtigen Auge zu kurz. Im Alter können aufgrund einer Volumenzunahme der Linse die Platzverhältnisse im Auge nicht mehr ausreichen. Die Linse nimmt zu viel Platz ein und der Abfluss des Augenwassers wird blockiert. Dies kann zu einem akuten Glaukomanfall führen, wobei die Patienten/innen über starke Übelkeit, einen verschwommenen Seheindruck und Kopf- und Augenschmerzen klagen. Besteht aufgrund des blockierten Abflusssystems ein kontinuierlich erhöhter Augendruck, kann dies zu einem Engwinkelglaukom führen. Wenn der Augendruck mit einer topischen Drucktherapie nicht ausreichend gesenkt werden kann, ist eine Linsenexktraktion medizinisch indiziert, selbst wenn noch keine klinisch relevanten Trübungen der Linse vorhanden sind (8).

Eine weitere Indikation zur verfrühten Linsenextraktion ist der Wunsch nach Brillenfreiheit. Mittels eines refraktiven Linsenaustausch (Extraktion einer klaren Linse) können praktisch sämtliche Fehlsichtigkeiten korrigiert werden. Da es sich dabei jedoch um eine Extraktion der eigenen Linse handelt und damit ein Verlust der Akkommodation entsteht, wird dies frühestens im Alter von 55 Jahren empfohlen.

PrƤoperative Beratung – ein relevanter Ā­Baustein zum Erfolg

Bevor eine Kataraktoperation durchgeführt werden kann, ist eine Anamnese und genaue Klärung der Wunschvorstellungen des/r Patienten/in essenziell. Dank modernster Technik und Speziallinsen können heutzutage auf diverse Bedürfnisse und Wünsche eingegangen werden. Besteht der Wunsch nach Brillenfreiheit, erweiterte Schärfedistanzen, scharf Sehen in die Ferne oder Nähe, muss präoperativ geklärt werden.

Erster Schritt – Vorinformation der Patienten/innen bezüglich Kataraktoperation

Wird ein/e Patient/in zur Kataraktoperation zugewiesen, erhƤlt er/sie ein Aufgebot mit einem Termin sowie ein Informationsheft, wobei die Kataraktoperation sowie die unterschiedlichen Linsentypen beschrieben werden. Dies hat das Ziel, dass die Patienten/innen bereits vor dem Sprechstundentermin Informationen haben und sich somit in Ruhe Gedanken in Bezug auf die Operationstechnik und Linsenwahl machen kƶnnen (9).

Zweiter Schritt – die Ausmessung des Auges

In einem ersten Schritt erfolgen die technischen Messungen des Auges. Um die korrekte Linse auszuwählen, wird das Auge mittels einer Biometrie ausgemessen. Die simpelste Form der Biometrie berücksichtigt zwei Variablen: die Keratometrie und die Achsenlänge. Bei der Keratometrie handelt es sich um die Krümmung der Hornhautoberfläche, die Achsenlänge ist die Länge des Auges. Anhand dieser Messwerte kann mittels Formeln die Dioptrienstärke der Intraokularlinse berechnet werden. Heutzutage verwendete Formeln und Geräte berücksichtigen mehrere Parameter, als nur die Keratometrie und Achsenlänge. Häufig verwendete Biometriegeräte messen zusätzlich die Tiefe der Vorderkammer, als auch den Hornhautdurchmesser. Diese Parameter werden in anderen Formeln zusätzlich zur Berechnung der Linsenstärke implementiert, um eine genauere Vorhersage treffen zu können (10). Besteht allerdings eine ausgeprägte Katarakt, sodass der Einblick auf die Netzhaut nicht mehr gegeben ist, muss die Achsenlänge des Auges auf eine andere Weise gemessen werden. In diesem Falle ist eine Messung der Augenlänge mittels Ultraschall notwendig.

Dritter Schritt – die klinische Untersuchung und Operationsbesprechung

Während des klinischen Untersuchs werden die Augen auf weitere Erkrankungen untersucht. Besteht beispielsweise eine altersbedingte Makuladegeneration, kann selbst mit der besten Linse keine volle Sehschärfe erreicht werden. Besteht ein Verlust von Endothelzellen der Hornhaut im Rahmen einer Erkrankung oder eines Traumas, ist eine Dekompensation der Hornhaut postoperativ denkbar. Durch eine genaue klinische Untersuchung kann in einem ersten Blick die Komplexität der bevorstehenden Operation abgeschätzt werden. Werden die Pupillen beispielsweise nicht weit, wird die Operation schwieriger. Liegt eine sehr weit fortgeschrittene Katarakt vor, dann sind intraoperativ zusätzliche Schritte notwendig. All diese Informationen sind wichtig, um den/die Patienten/in ausführlich über die bevorstehende Operation aufzuklären und unrealistische Vorstellungen abzufangen. Nach Abschluss der klinischen Untersuchung und Beurteilung der technischen Messungen kann die Operation besprochen werden. Dabei ist es ausserordentlich wichtig, auf die Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen der Patienten/innen einzugehen, um eine geeignete Empfehlung einer Intraokularlinse abgeben zu können (11).

Intraokularlinsen

Im Aufbau sind sƤmtliche Intraokularlinsen Ƥhnlich und bestehen aus einer Haptik und Optik. Die Haptik dient dabei als Apparat um die Linse im Auge an die gewünschte Stelle zu implantieren und die Optik stellt das Zentrum der Linse dar. Materialien wie Silikon oder Acryl ermƶglichen die Faltung der Linse, sodass die Linse in das Auge mittels einer Injektion eingebracht werden kann. Der grosse Vorteil der Injektion besteht darin, dass nur eine kleine Inzision von 2.2 mm nƶtig ist und somit das Infektionsrisiko deutlich geringer ausfƤllt. Deutlich günstiger in der Herstellung sind harte Intraokularlinsen, welche aus Polymethylmethacrylat (PMMA) bestehen. Dieses Material ist nicht faltbar, sodass eine grƶssere Inzision nƶtig ist, um die Linse in das Auge einzubringen. Dies geht mit einem erhƶhten Infektionsrisiko einher und wird aus ƶkonomischen Gründen in Ƥrmeren LƤndern verwendet. In IndustrielƤnder werden heutzutage praktisch stets faltbare Intraokularlinsen eingesetzt (11).

Mittels moderner Speziallinsen ist es heutzutage mƶglich, diverse Wünsche von Patienten/innen zu ermƶglichen. Zu Beginn der modernen Kataraktchirurgie gab es jeweils eine EinstƤrkenlinse mit einem einzelnen Brennpunkt. Das bedeutet, der/die Patient/in konnte entscheiden, ob das Sehen ohne Brille in die Ferne oder in die NƤhe gewünscht wird. In der Regel empfiehlt man bei der Verwendung von EinstƤrkenlinsen kurzsichtige Menschen kurzsichtig (z. B. Lesemyopie), weitsichtige Menschen normalsichtig (Emmetropie) zu belassen und die Linse dementsprechend zu wƤhlen. Heutzutage gibt es allerdings dank moderner Speziallinsen mehrere weitere Korrekturmƶglichkeiten:

Die Komfortlinse, EDOF (Extended Depth Of Focus) Linse, ermƶglicht eine gute Sehleistung ohne Brille in die Ferne sowie IntermediƤrdistanz. Damit ist beispielsweise das Autofahren ohne Brille mƶglich. Die Ferne als auch das Tachometer in intermediƤrer Distanz sind damit scharf abgebildet. Zum Lesen auf einen Abstand von 30 cm wird allerdings eine Lesebrille benƶtigt.
Multifokallinsen bieten aufgrund einer Ringstruktur mehrere unterschiedliche Brennpunkte und ermƶglichen somit den Alltag ganz ohne Brille zu bewƤltigen. Dieser Linsentyp wird empfohlen, wenn der/die Patient/in den Wunsch nach Brillenfreiheit Ƥussert. Als Nebenwirkung treten hƤufig sogenannte Halo-PhƤnomene (Lichtkreise um Lichtquellen) sowie eine KontrastempfindlichkeitseinschrƤnkung von ca. 20 % auf.

Sämtliche Linsentypen können mit einer Korrektur für die Hornhautverkrümmung (torische Linse) kombiniert werden, ohne welche die gewünschten Distanzen allenfalls nicht brillenfrei gesehen werden können.

Die Indikation zur Verwendung einer Speziallinse beruht immer auf den persƶnlichen Bedürfnissen des/der Patienten/in sowie den medizinischen Grundvoraussetzungen, so sollte z. B. keine Multifokallinse bei einer Person mit altersbedingter Makuladegeneration oder Glaukom eingesetzt werden.

Einstärkenlinsen werden von der Krankenkasse übernommen wohingegen Speziallinsen (torische, Komfort- und Multifokallinsen) eine Selbstzahlerleistung darstellen.

Kataraktoperation – eine grossartige Evolution

Vor rund 200 Jahren wurde eine Kataraktoperation mittels Hinabstechen der Linse, dem sogenannten Starstich, in den Glaskƶrperraum durchgeführt. Das Auge beliess man postoperativ Aphak. Das bedeutet, dass am anatomischen Ort der Linse, keine Linse mehr vorhanden war. Der Seheindruck wurde dadurch zwar klarer. Dies war allerdings mit einer deutlichen Weitsichtigkeit von rund + 19 Dioptrien verbunden (12). In der heutigen Zeit erfolgt eine Kataraktoperation deutlich schonender und weniger invasiv. 1967 wurde die Kataraktchirurgie durch die Entwicklung der Phakoemulsifikation durch Charles Kelman revolutioniert (13). In den folgenden Jahren wurde diese Technik stets beliebter. Dabei wird die Linse mittels Ultraschallenergie zerkleinert und anschliessend abgesaugt. Nachteil an dieser Technik sind die mit sehr hohen Anschaffungskosten verbundenen GerƤte. Modernste Kataraktchirurgie erfolgt Femto-Sekunden-Laser-assistiert. Mittels eines Femto-Sekunden-Laser ist es mƶglich, eine perfekte Kapsulorhexis sowie eine Fragmentierung der Linse durchzuführen. Dank der Femto-Sekunden-Laser-assistierten Methode ist eine noch schonendere Operation mƶglich, da anschliessend weniger Ultraschallenergie zur Absaugung der Linse notwendig ist. Da die Kapsulorhexis durch den Femto-Sekunden-Laser perfekt zentriert erfolgt, ist die Zentrierung der Intraokularlinse noch genauer mƶglich im Vergleich mit der konventionellen Operationsmethode. Somit bietet die Femto-Sekunden-Laser-assistierte Kataraktoperation eine schonende und prƤzise Alternative zur konventionellen (14). Dabei ist z. B. die perfekte Zentrierung der Intraokularlinse bei der Verwendung von Premiumlinsen essentiell für das Outcome (15).

Die Kataraktoperation wird heutzutage sehr hƤufig in TropfanƤsthesie durchgeführt. In diesem Falle erfolgt die Operation in einem ersten Schritt an einem Auge. Rund eine Woche spƤter erfolgt die Operation am anderen Auge. Gelegentlich erfolgt die Operation auch in AllgemeinanƤsthesie oder RetrobulbƤranƤsthesie. Bei sƤmtlichen AnƤsthesieverfahren sowie zur Kataraktoperation kann die Antikoagulation oder Antiaggregation unverƤndert weitergeführt werden (16). In einem ersten Schritt wird das Auge steril abgedeckt. Dann erfolgen zwei bis drei Inzisionen (bis maximal 2.2 mm) in der klaren Hornhaut. Anschliessend erfolgt die kreisrunde Erƶffnung der vorderen Linsenkapsel, der sogenannten Kapsulorhexis. Bei dem modernen Femto-Sekunden-Laser-assistierten Operationsverfahren entfƤllt dieser Schritt, da dies bereits durch den Femto-Sekunden-Laser erfolgte. Mittels dem Phakostift wird die Ultaschallenergie appliziert und die Linse somit zerkleinert und gleichzeitig abgesaugt. Bei der Femto-Sekunden-Laser-assistierten Methode wurde die Linse bereits durch den Laser zerkleinert, wodurch in diesem Schritt weniger Ultraschallenergie benƶtigt wird und die Linse nur noch aspiriert wird. Anschliessend wird die zuvor genau berechnete Intraokularlinse in den leeren Kapselsack eingesetzt. Die Inzisionen werden mittels Wasser verquillt, eine Naht ist nur in sehr seltenen FƤllen notwendig (11, 17).

Intra- und postoperative Komplikationen

Die Kataraktoperation ist die weltweit am hƤufigsten durchgeführte Operation (18). Komplikationen treten glücklicherweise nur sehr selten auf. Die am hƤufigsten auftretende intraoperative Komplikation liegt in der Ruptur der hinteren Kapsel und liegt bei rund 0.36 % aller Eingriffe (19). Eine Ruptur der hinteren Kapsel hat zur Folge, dass Linsenfragmente durch den Riss in den posterioren Pol dislozieren kƶnnen und somit die Intraokularlinse nicht wie geplant in den Kapselsack implantiert werden kann. Andererseits kann durch den Riss Glaskƶrper in die vorderen Augenabschnitte gelangen, was postoperativ mit einem hƶheren Infektionsrisiko assoziiert ist. Besteht ein solitƤrer Kapselriss, kann die Intraokularlinse in den sogenannte Sulcus, dem Raum zwischen der Linsenkapsel und der Iris, implantiert werden (11).
Die gefürchtetste Komplikation ist eine intraokulƤre Infektion mit Bakterien, die sogenannte akute Endophthalmitis. Die Rate liegt gemƤss Literatur bei circa 0.03 % und ist somit sehr selten (20). Bei einer Endophthalmitis handelt es sich in 90 % der FƤlle um eine intraokulƤre Infektion mit grampositiven Bakterien (Staphylokokken) und in 10 % der FƤlle um gramnegative Bakterien (Pseudomonaden). Um die Infektrate so tief zu halten, wird das Auge prƤoperativ mittels 5 % Povidon-Iod desinfiziert und postoperativ erfolgt die Eingabe von Cefuroxim in die Vorderkammer (11).

Eine häufige harmlose postoperative Komplikation ist eine Trübung des Kapselsackes, der sogenannte Nachstar. Dies kann mittels eines YAG-Lasers in einer Sitzung schmerzfrei behoben werden, wobei eine Eröffnung der trüben Kapsel erfolgt (21). Der Seheindruck wird durch die klaren optischen Medien wieder gebessert.

Eine Kataraktoperation dauert in geübten Händen rund 15 Minuten. Eine fachärztliche Nachsorge nach der Operation ist unabdingbar zur Überprüfung der Sehleistung sowie der Besprechung der Therapie. Postoperativ berichten die Patienten/innen häufig bereits am ersten Tag nach der Operation über eine Verbesserung des Seheindrucks sowie über eine enorme Steigerung der Lebensqualität (11, 17).

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

med. pract. Nico Gross

Assistenzarzt
Augenklinik Kantonsspital Winterthur
Brauerstrasse 15
8400 Winterthur

augenklinik@ksw.ch

PD Dr. med. Philipp BƤnninger

Chefarzt und Klinikleiter
Augenklinik Kantonsspital Winterthur
Brauerstrasse 15
8400 Winterthur

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Bei schmerzloser langsamer Sehleistungsabnahme oder Zunahme des Blendeempfindens an eine Katarakt denken und eine augenƤrztliche Vorstellung empfehlen.
  • Eine Kataraktoperation wird ambulant und am hƤufigsten in TropfanƤsthesie durchgeführt.
  • Insgesamt ist eine Kataraktoperation sehr selten mit Komplikationen assoziiert.
  • Heutzutage stehen verschiedenste Intraokularlinsen zur Ā­Verfügung, sodass auf personalisierte Sehbedürfnisse der Patienten/innen eingegangen werden kann.
  • Modernste Kataraktchirurgie erfolgt Femto-Sekunden-Laser-assistiert.

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Chronischer Beckenschmerz am Beispiel vom Blasenschmerzsyndrom

Wichtig bei der modernen Betrachtung von Schmerzsyndromen des Beckens ist, dass der Schmerz als Krankheitsprozess gesamthaft ins Zentrum rückt. Dies bedeutet, dass die damit verbundenen funktionellen OrganverƤnderungen sowie die negativen Auswirkungen auf die Kognition, das Verhalten, die SexualitƤt und die Emotionen in die Betrachtung einbezogen werden, und das Augenmerk nicht mehr in erster Linie einer konkreten peripheren Organpathologie gilt, welche hƤufig nur minimal nachweisbar ist. Eine monotherapeutische, oft repetitive Therapie mit peripherem Endorganansatz (z. B. Antibiotikatherapie mit dem Fokus bakterieller Infektbehandlung) ist dabei meist zum Scheitern verurteilt, weil wichtige Aspekte des chronischen Schmerzsyndroms vernachlƤssigt werden. Die Zukunft wird zeigen, welche multimodalen Behandlungsstrategien die besten Resultate bringen.

An important aspect of the modern approach to pelvic pain syndromes is that the pain as a disease process takes centre stage. This means that the associated functional organ changes as well as the negative effects on cognition, behaviour, sexuality and emotions are included in the consideration, and the focus is no longer primarily on a specific peripheral organ pathology, which is often only minimally detectable. A monotherapeutic, often repetitive therapy with a peripheral end organ approach (e.g. antibiotic therapy focussing on bacterial infection treatment) is usually doomed to failure because important aspects of the chronic pain syndrome are neglected. The future will show which multimodal treatment strategies produce the best results.
Key words: Pelvic pain syndrome, bladder pain syndrome, interstitial cystitis, chronic primary pain

Einleitung

In früheren Jahren fokussierte sich die Forschung im Bereich des chronischen Beckenschmerzes vorwiegend auf periphere Endorgan-Mechanismen wie entzündliche oder infektiƶse VorgƤnge. Jedoch machten Grundlagenforschung und klinische Erkenntnisse klar, dass sich viele krankheitsrelevante VorgƤnge im zentralen Nervensystem abspielen. Heutzutage geht man davon aus, dass bei diesen Schmerzsyndromen ein peripherer Stimulus, z. B. eine Infektion oder ein Trauma, eine Reihe von Folgeerscheinungen auslƶst. Diese verselbstƤndigen sich im Rahmen einer Modulation des Zentralnervensystems letztlich unabhƤngig von der primƤren Ursache. Neben dem Schmerz Ƥussert sich diese Modulation im Rahmen von verschiedenen anderen sensorischen, funktionellen (z. B. Miktion oder DefƤkation), verhaltensmƤssigen oder psychologischen PhƤnomenen. Solche individuell ausgeprƤgten PhƤnomene bilden dann die Basis der Diagnose eines Schmerzsyndroms (1).

Es ist wichtig, dass bei vielen dieser Schmerzsyndrome keine periphere persistierende Pathologie mehr festzustellen ist, wie z. B. Entzündung/Infektion, welche durch das Krankheitssuffix Ā«-itisĀ» reflektiert ist. Somit ist eine Nomenklatur, welche sich allein auf das periphere Endorgan fokussiert, unpassend und irreführend, ja gefƤhrlich, da daraus mƶglicherweise falsche therapeutische Konsequenzen gezogen werden. Aus diesem Grunde wird in der neuen Terminologie, u.a. in den Guidelines der European Association of Urology (1), der chronische Beckenschmerz in spezifisch-krankheitsassoziierten Beckenschmerz mit bekannter Ƅtiologie sowie in die Beckenschmerzsyndrome unterteilt. Die hƤufigsten Schmerzsyndrome im urologischen Bereich sind das Prostataschmerzsyndrom (Prostate Pain Syndrome = PPS, früher Chronische Prostatitis) und das Blasenschmerzsyndrom (Bladder Pain Syndrome = BPS, früher interstitielle Zystitis) sowie das skrotale Schmerzsyndrom. Von einem chronischen Schmerzsyndrom gemƤss ICD-11-Klassifikation spricht man ab einer Dauer von drei Monaten (2). Diese neue ICD-11 Klassifikation nimmt zum ersten Mal chronischen Schmerz als eigenstƤndige Erkrankung auf und unterteilt diesen in chronischen primƤren Schmerz und sekundƤren Schmerz. Chronisch primƤrer Schmerz entspricht einem Konzept, das auf der Einsicht beruht, dass chronische SchmerzzustƤnde als eigenstƤndige Erkrankung anerkannt werden sollen, selbst wenn das VerstƤndnis für die zugrunde liegende Ƅtiologie und Pathophysiologie fehlt. Die Beckenschmerzsyndrome entsprechen zum grossen Teil der Definition des chronisch primƤren Schmerzes.

Die Hintergründe des chronischen Schmerzes

Mechanismen des chronischen Beckenschmerzes können verschiedene Prozesse beinhalten, welche weitgehend bekannt sind. Einerseits sind persistierende akute Schmerzmechanismen möglich, wie diejenigen, welche mit entzündlichen Veränderungen assoziiert sind, andererseits bestehen vor allem chronische Mechanismen, welche das Zentralnervensystem involvieren.

Bei der sogenannten peripheren Sensibilisierung geht man davon aus, dass unmyelinisierte viszerale Afferenzen (Typ C-Fasern), welche normalerweise nicht (50–90 Prozent) oder wenig aktiv sind, durch verschiedene VorgƤnge eine reduzierte Aktivierungsschwelle oder eine gesteigerte Antwort aufweisen. Dies geschieht über eine Ƅnderung in Botensubstanzen oder Modifikation von Rezeptoren. Als Beispiel sei hier die vermehrte Ausschüttung von Nerve Growth Factor (NGF), Adenosintriphosphat (ATP) oder Substanz P genannt, welche über ihre spezifischen Rezeptoren für eine vermehrte Aktivierung der viszeralen Afferenzen führen (3, 4). Durch zentralen Transport z. B. des Tyrosinkinase A (TrkA)-NGF wird unter UmstƤnden auch die Genexpression verƤndert. Ein anderer peripherer Mechanismus ist die VerƤnderung von spannungsabhƤngigen IonenkanƤlen (z. B. Tetrodotoxin-resistant Sodium Channel, NaV1.8), welche sich abhƤngig vom Membranpotential ƶffnen oder schliessen. Als weitere Mƶglichkeit kann es bei einem direkten Schaden an peripheren Nerven zu einer pathologischen afferenten AktivitƤt mit Ausbildung von neuropathischen Schmerzen und einer nachfolgenden zentralen Sensibilisierung kommen.

Bei der zentralen Sensibilisierung sind verschiedene Mechanismen vor allem auf spinaler Ebene involviert, insbesondere Ƅnderungen in der ProteinaktivitƤt, Proteintranskription oder auch strukturelle Ƅnderungen in den neuronalen Verbindungen (5). Als Beispiel sei hier der Wegfall des Magnesiumblocks des N-metyl-Aspartat-Rezeptors (NMDA) genannt, welcher auf eine erhƶhte Glutamatfreisetzung aufgrund repetitiver afferenter nozizeptiver Signale folgt. Dies führt über das Einstrƶmen von Calcium-Ionen zu einer vermehrten Depolarisation des sekundƤren afferenten Neurons. Weiter zentral spielt die Modulation von spinalen Signalen eine wichtige Rolle, insbesondere das periaquƤduktale Grau (PAG), welches unter dem Einfluss von hƶheren Zentren steht, die mit Kognition und Emotion assoziiert sind. Bei der deszendierenden Inhibition sind verschiedene Transmitter involviert, wie Opioide, 5-Hydroxytryptamin und Noradrenalin. Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie haben gezeigt, dass bei der wichtigen psychischen Modulation von viszeralen Schmerzen mƶglicherweise mehrere neuronale Bahnen involviert sind (6).

Wechselwirkung von Schmerz und Organfunktion – PhƤnotypisierung

Im Rahmen der meisten Schmerzsyndrome kommt es zur sekundƤren Ausbildung von Stƶrungen der Organfunktion. Dabei sind diese hƤufig nicht nur FunktionsƤnderungen des (vermutlich) in die primƤre Entstehung des Schmerzes involvierten Organs, sondern auch von anderen, hƤufig benachbarten Organen. So ist zum Beispiel das chronische PPS hƤufig mit Stƶrungen der Blasenfunktion (z. B. überaktive Blase), der SexualitƤt (z. B. erektile Dysfunktion), der DefƤkation (z. B. Obstipation) oder der Muskulatur (z. B. überaktiver Beckenboden) assoziiert. Diese Funktionsstƶrungen wiederum kƶnnen dann die Schmerzsymptomatik negativ beeinflussen, respektive weiter verstƤrken. In ihrer Gesamtheit nehmen die Funktionsstƶrungen bei einzelnen Patienten sehr unterschiedliche AusprƤgungen an. Es wurde im Rahmen von verschiedensten randomisierten Placebo-kontrollierten Studien gezeigt, dass einzelne Monotherapien hƤufig über das Gesamtkollektiv aller Patienten keinen signifikanten Effekt zeigten. Aus diesem Grunde wird versucht, entsprechend der Symptomatologie die Patienten in verschiedene PhƤnotypen einzuteilen und die Therapie entsprechend daran zu orientieren. Dies in der Hoffnung, dass einzelne Subtypen ein besseres Ansprechen auf eine phƤnotypen-fokussierte Therapie haben.

Aufgrund der Relevanz wird im Folgenden als Beispiel eines chronischen Beckenschmerzes das Blasenschmerzsyndrom diskutiert.

Das Blasenschmerzsyndrom

Hintergrund

Das chronische Blasenschmerzsyndrom ist charakterisiert als das Auftreten von anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerzen, die in der Harnblasenregion wahrgenommen werden, begleitet von mindestens einem weiteren Symptom, wie z. B. einer Verschlechterung der Schmerzen durch Blasenfüllung und der Harnfrequenz am Tag und / oder in der Nacht (1). Es gibt keine nachgewiesene Infektion oder andere offensichtliche lokale Pathologie. Das Blasenschmerzsyndrom ist hƤufig mit negativen kognitiven, verhaltensbezogenen, sexuellen oder emotionalen Konsequenzen sowie mit Symptomen verbunden, die auf untere Harnwege und sexuelle Dysfunktion hinweisen. Synonyme für das Blasenschmerzsyndrom umfassen Ā«interstitielle ZystitisĀ» oder Ā«schmerzhaftes BlasensyndromĀ» und sollten aktuell nicht mehr verwendet werden.

In der Literatur wird angegeben, dass ein chronisches Blasenschmerzsyndrom mit einer PrƤvalenz von 0,06 % bis 30 % (7–9) vorliegen kann. Es gibt eine weibliche Dominanz von etwa 10:1. Die relativen Anteile des klassischen Blasenschmerzsyndroms (Typ 3 mit sogenannten Hunner-LƤsionen) und der Nicht-LƤsionskrankheit sind unklar (1). Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass auch Kinder unter achtzehn Jahren betroffen sein kƶnnen, obwohl die PrƤvalenzzahlen niedrig sind. Daher kann ein Blasenschmerzsyndrom nicht aufgrund des Alters ausgeschlossen werden (10).

Es wird angenommen, dass eine anfƤngliche nicht identifizierte Affektion der Blase, die zu UrothelschƤden, neurogenen Entzündungen und Schmerzen führt, die Ursache für ein Blasenschmerzsyndrom ist. Bisher wurden keine Infektionen in Verbindung gebracht. Trotzdem ist eine Harnwegsinfektion im Kindes- und Jugendalter bei Patienten mit Blasenschmerzsyndrom im Erwachsenenalter signifikant hƤufiger. Zystoskopische und bioptische Befunde sowohl bei Blasenschmerzsyndrom mit als auch ohne LƤsion zeigen Defekte in der Urothel-Glycosaminoglycan-Schicht (GAG), die submukosale Strukturen schƤdlichen Urinkomponenten aussetzen kƶnnten (11–13) und eine daraus resultierende zytotoxische Wirkung haben.

Diagnose

Das Blasenschmerzsyndrom sollte auf der Grundlage von Schmerzen, Druck oder Beschwerden diagnostiziert werden, die mit der Harnblase verbunden sind, begleitet von mindestens einem anderen Symptom, wie z. B. tagsüber und / oder nachts erhƶhter Harnfrequenz. Zum Ausschluss anderer intravesikaler Pathologien und Klassifikation (nach ESSIC) ist eine Zystoskopie mit Hydrodistension und ggf. Biopsie indiziert (Tab. 1) (14).

Zystoskopisch zeigt das Blasenschmerzsyndrom Typ 3 gerƶtete Schleimhautbereiche, die hƤufig mit kleinen GefƤssen verbunden sind, die in Richtung einer zentralen Narbe ausstrahlen und manchmal von einem kleinen Gerinnsel oder einer Fibrinablagerung bedeckt sind – die sogenannten Hunner-LƤsionen (15) (Abb. 1). Die Narbe reisst mit zunehmender Blasendehnung und führt zu einem charakteristischen Bluten wie bei einem Wasserfall.

Im Kontrast dazu zeigt eine Nicht-Läsionskrankheit bei der initialen Zystoskopie eine normale Blasenschleimhaut. Die Entwicklung von Glomerulationen nach Hydrodistension wird als positives diagnostisches Zeichen angesehen. Zusätzliche Biopsien sind hilfreich bei der Sicherung der klinischen Diagnose sowie zur Unterscheidung der klassischen von den Nicht-Läsions-Krankheitstypen. Wichtige Differentialdiagnosen, die durch histologische Untersuchung ausgeschlossen werden sollen, sind Carcinoma in situ und tuberkulöse Blasenentzündung.

Therapie

Nebst den bei allen Beckenschmerztypen mƶglichen Therapieverfahren (Oral medikamentƶse Therapien (Analgetika und Antidepressiva (Amitriptylin)), Physiotherapie und Verhaltensstrategien) spielen beim Blasenschmerzsyndrom auch Instillationen (z. B. LokalanƤsthetika, HyaluronsƤure und Chondroitin-Sulphat, Heparin) eine Rolle. Die Hydrodistension der Blase mit Injektion von Botulinum Toxin Typ A kann gute Resultate beim chronischen Blasenschmerzsyndrom liefern (16). Als weiterer Eskalationsschritt steht die neuromodulative Therapie (siehe unten) zur Verfügung. Als Ultima Ratio kann die Zystektomie in ausgewƤhlten FƤllen in Betracht gezogen werden. Dieser Entscheid sollte jedoch, wenn immer mƶglich, nach AbwƤgungen sƤmtlicher Alternativen und im Rahmen eines multidisziplinƤren Boards gefƤllt werden.

Neuromodulation
Die Neuromodulation bei der Behandlung von Beckenschmerzen sollte von Spezialisten für Beckenschmerzmanagement in einem entsprechenden Zentrum angewendet werden. Diese Techniken werden als ergänzenden Teil eines umfassenderen Therapieplans verwendet und erfordern die kontinuierliche medizinische Anbindung. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Neuromodulation, welche folgend kurz erläutert werden.

Transkutane elektrische Nervenstimulation
Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine nicht-invasive Technik, die bei vielen Schmerzsyndromen eingesetzt wird. Die TENS stellt eine effektive, nicht-invasive Behandlungsoption für Patienten mit Beckenschmerzsyndrom dar, welche anhaltenden Nutzen bringen kann. Üblicherweise erfolgt die TENS-Instruktion tagesstationär, worauf ein Gerät zur Miete oder Kauf abgegeben wird und die Folgenutzung zu Hause geschieht.

Perkutane Tibialis-Nervenstimulation
Die perkutane Tibialis Nervenstimulation (PTNS) ist ebenfalls eine minimal-invasive Technik, die in einer ambulanten Umgebung durch entsprechend ausgebildete Therapeuten angewendet werden kann. Komplikationen sind selten und geringfügig und können zum Beispiel leichte Schmerzen an der Anwendungsstelle oder Hämatome beinhalten.

Sakrale Nervenstimulation
Die sakrale Nervenstimulation ist eine invasive Technik, die die Lokalanästhesie mit Sedierung oder Vollnarkose zur Implantation eines Geräts nach einer vorgängigen Teststimulation erfordert. Die meisten vorhandenen Studien zur sakralen Neuromodulation bei Beckenschmerzsyndrom berichteten über eine Verbesserung der Schmerzen. Diese Technik ist in ihrer Implantation und Anwendung komplex und sollte nur an entsprechenden Zentren angeboten werden. Da nicht alle Patienten einen Nutzen dieser Option haben, sollte vorgängig ausführlich die Notwendigkeit einer Teststimulationsphase besprochen werden und die Patienten aufgeklärt sein, dass, falls das Gerät bei ihnen keinen Nutzen bringt, dieses nach der Testphase wieder entfernt werden sollte.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Daniel Engeler

Klinik für Urologie
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Chronische Beckenschmerzen und hier als Beispiel das Blasenschmerzsyndrom werden zunehmend als zentralnervƶse Erkrankung verstanden, bei der initiale periphere Reize (z.B. Infektionen oder Traumata) eine Modulation des Zentralnervensystems auslƶsen, die sich unabhƤngig von der ursprünglichen Ursache fortsetzt.
  • Traditionelle Bezeichnungen, die sich ausschließlich auf periphere Organe konzentrieren, kƶnnen irreführend und therapeutisch schƤdlich sein. Die moderne Klassifikation unterscheidet zwischen spezifisch-krankheitsassoziierten Schmerzen und Beckenschmerzsyndromen ohne bekannte Ƅtiologie.
  • Mechanismen des chronischen Schmerzes umfassen periphere Sensibilisierung, z.B. durch geƤnderte RezeptoraktivitƤten, sowie zentrale Sensibilisierung, insbesondere durch strukturelle und funktionelle VerƤnderungen im Zentralnervensystem.
  • Die Behandlung von Beckenschmerzsyndromen erfordert einen multimodalen Ansatz, einschließlich medikamentƶser Therapien, Physiotherapie und neuromodulativer Verfahren. Die Therapie sollte individuell angepasst und in spezialisierten Zentren durchgeführt werden.

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Osteoporose beim Mann

Die Osteoporose wird beim Mann unterschätzt. 1 auf 5 Männer besitzen ein erhöhtes Risiko für eine osteoporotische Fraktur. Der Goldstandard zur Diagnose der Osteoporose ist auch beim Mann die Messung der BMD mittels DXA. FRAX® ermittelt auch beim Mann die 10-Jahres-Probabilität einer schweren Fraktur («major fracture»). Da es noch kein Netz zur Früherkennung der männlichen Osteoporose gibt, werden die vorhandenen zur Senkung des Frakturrisikos wirksamen Medikamente beim Mann zu wenig und oft zu spät eingesetzt. Bei hohem Frakturrisiko sind die Präparate der ersten Wahl orale Bisphosphonate, die der zweiten Wahl Denosumab oder Zoledronat. Bei Patienten mit Hypogonadismus muss immer auch eine zusätzliche Testosteronsubstitution erwogen werden. Die Früherkennung ist vor allem Aufgabe der Grundversorger und der Urologen. Gynäkologen sollten in Kinderwunsch- und Menopause-Sprechstunden sowie bei sexualmedizinischen Beratungen auch an einen Hypogonadismus mit erhöhtem Osteoporoserisiko des Partners denken.

In men, osteoporosis is still underestimated. One in five men possesses an increased risk for osteoporotic fractures. Also in men, determination of BMD by DXA is still the gold standard for the diagnosis of osteoporosis. FRAXĀ® calculates fracture probability from easily obtainable clinical risk factors also in men. Its output is the 10-year probability of a major fracture. Because there is no network for early detection of male osteoporosis, the medications available for the reduction of fragility fractures are used in man only rarely and often late. In men with a high fracture risk, the first-line preparations are oral bisphosphonates, the second-line preparations denosumab or zoledronate. In patients with hypogonadism, an additional testosterone substitution has always to be evaluated. Early detection is mainly the task of the general practitioners and the urologists. But gynaecologists should always think of the possibility of male hypogonadism with consecutive osteoporosis in the partners of their female patients consulting for infertility, menopause or sexual problems. Ā 
Key words: Osteoporosis – Man – Hypogonadism – Therapy – Testosterone

Einleitung

Die Osteoporose ist die hƤufigste Knochenerkrankung. Weltweit tritt alle 3 Sekunden eine osteoporotische Fraktur ein. 2015 litten in der EU 20 Mio. Menschen darunter, davon waren 4.2 Mio. MƤnner. Die Osteoporose beim Mann wird immer noch stark unterschƤtzt, unterdiagnostiziert und untertherapiert (1–5), obwohl das Lebenszeitrisiko einer osteoporotischen Fraktur bei einem 50-jƤhrigen Mann 13–25 % betrƤgt (Tab. 1). Ƅrzt/-innen, die Paare mit Sexualproblemen und menopausale Frauen betreuen, sollen dafür sensibilisiert sein, denn sie haben am ehesten die Gelegenheit, deren mƤnnliche Partner einer rechtzeitigen AbklƤrung zuzuführen. Zum Beispiel, wenn sie in Rahmen von Eheproblemen auf Symptome treffen, die mit einem mƤnnlichen Hypogonadismus vereinbar sind.
Diese Übersicht für Nichtspezialisten soll grundlegende Hinweise zu Erkennung und Abklärung bei Verdacht auf Osteoporose und zum Vorgehen bei erhöhtem Risiko für Fragilitätsfrakturen bei Männern geben.

Beim Mann steigt das Frakturrisiko erst ab dem Alter von 75 Jahren signifikant an, also rund 10 Jahre spƤter als bei Frauen. MƤnner besitzen dickere Knochen mit massiveren Strukturen. Ihre Peak Bone Mass (PMB; maximale erreichte Knochenmasse) ist grƶsser als diejenige der Frau. Beide Vorteile senken das Risiko einer FragilitƤtsfraktur. Zudem erfolgt die Abnahme der Konzentration der Sexualsteroide und damit die VerƤnderungen im Knochenstoffwechsel langsamer und gleichmƤssiger. Der Mann kennt keinen der Menopause vergleichbaren abrupten Funktionsabfall der Gonadenachse mit konsekutiver rascher Abnahme der Bone Mineral Density (BMD).

1 auf 3 Frauen und 1 auf 5 MƤnner besitzen ein erhƶhtes Risiko für eine osteoporotische Fraktur. 68 % betreffen Frauen, 22 % MƤnner. Die PrƤvalenz von Vorderarmfrakturen ist bei Frauen im Alter von 50 Jahren ungefƤhr viermal hƶher als bei MƤnnern (0.4 % versus 0.1 % der Risikopopulation) mit einer Risiko-Ratio von 4.5 zwischen den Geschlechtern (6).

Die HƤufigkeit einer Schenkelhalsfraktur ist mit 70 % bei Frauen grƶsser als bei MƤnnern mit 30 % (6), allerdings vermindert sich dieser Unterschied mit zunehmendem Alter. In der Dubbo Osteoporosis Epidemiology Study (7) lag bei Schenkelhalsfrakturen das VerhƤltnis der Inzidenzrate zwischen MƤnnern und Frauen im Alter von 60–69 Jahren bei 1 : 4.5 (95 % CI 1.3–15.7), im Alter von 70–79 Jahren bei 1 : 1.5 (95 % CI 0.9–2.5), und im Alter ≄ 80 Jahren bei 1:1.19 (95 % CI 1.2–2.8).

Andererseits haben MƤnner nach Schenkelhalsfrakturen eine hƶhere MortalitƤt als Frauen (8, 9), vermutlich wegen einer erhƶhte Ko-MorbiditƤt und einer hƶheren Infektionsrate. Bei hospitalisierten Ƥlteren Patienten (≄ 60 Jahre alt) betrug die MortalitƤt nach einer Schenkelhalsfraktur bei MƤnnern 10.2 % gegenüber 4.7 % bei Frauen, die 1-JahresmortalitƤt 37.5 % bei MƤnnern gegenüber 28.2 % bei Frauen (mediane Aufenthaltsdauer der Überlebenden 8 Tage [interquartiler Bereich 6–13 Tage]). Das erhƶhte mƤnnliche Risiko kann für mehr als 10 Jahre fortbestehen.

Osteoporose als Folge von Ā­Hypogonadismus

Der mƤnnliche Hypogonadismus mit seiner Abnahme der Testosteronproduktion hat eine Erhƶhung des Knochenstoffwechsels zur Folge. Dies führt wiederum über den vermehrtem Knochenabbau zu einem erhƶhten Frakturrisiko (10, 11). Doch hat auch beim Mann nicht nur Testosteron, sondern auch Ɩstradiol einen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel (12). Ɩstradiol wird aus Testosteron aromatisiert und korreliert mit diesem direkt. Den hauptsƤchlichen protektiven Effekt auf den Knochen scheint Ɩstradiol zu besitzen. Jede Abnahme des Testosterons führt somit auch zu einer Senkung von Ɩstradiol und damit zu einer SchwƤchung seines protektiven Effekts bei beschleunigtem Knochenabbau (10–11).

Das Erkennen eines Hypogonadismus ist beim Mann nicht immer offensichtlich. Die Diagnose folgt oftmals einer Vielzahl von klinischen Zeichen (Tab. 2), die jeweils einzeln oder in Kombination auftreten, aber zum Teil auch fehlen können (13). Für das Erkennen eines Hypogonadismus im Rahmen einer Osteoporoseabklärung ist die Beurteilung der klinischen Bedeutung der jeweiligen Symptome zentral (z.B. Rückenschmerzen oder Kyphose).

Eine Subgruppe des Hypogonadismus stellt die iatrogene Gonadensuppression dar, insbesondere bei MƤnnern mit Prostatakarzinom (14–16). Früher die Kastration, heute die in der Regel medikamentƶse Testosteronsuppression induziert gezielt einen supraphysiologischen Testosteronabfall auf das Kastrationsniveau. Ein solcher rapider und subtotaler Testosteronverlust führt zu einem Verlust an Knochendichte im peripheren und zentralen Skelett und zu erhƶhter Frakturneigung. Aufgrund der Schwere des induzierten Hypogonadismus bedürfen betroffene MƤnner eines besonderen Augenmerks hinsichtlich der Einleitung einer Osteoporose-Prophylaxe oder -Therapie im Rahmen regelmƤssiger Nachsorgeuntersuchungen (16).

Die gleiche Problematik besteht bei der Suppression der Gonadenachse im Rahmen der Gender-Medizin.

Erkennung und Diagnose der Osteoporose beim Mann

Klinische Untersuchung

Zuerst müssen in einer gezielten Anamnese die Risikofaktoren für Osteoporose und Fragilitätsfrakturen herausgearbeitet werden (Tab. 3). Die klassischen Zeichen und Symptome einer Osteoporose sind in (Tab. 4) zusammengefasst.

Osteodensitometrie mittels DXA

WƤhrend die konventionelle Radiologie zur Frakturerkennung dient, bleibt die Knochendichtemessung mittels DXA auch beim Mann der Goldstandard zur Diagnose einer Osteoporose (Tab. 5). Die BMD erlaubt es, die Osteoporose zu definieren, aber sie ist nur einer der Risikofaktoren für eine FragilitƤtsfraktur. Sie gilt als spezifischer Marker für ein hohes Frakturrisiko, doch ist ihre SensitivitƤt gering. Personen mit einer niedrigen BMD besitzen individuell ein hohes Frakturrisiko. Allerdings tritt die Mehrzahl aller Frakturen in einer Population mit einem T-Score oberhalb der Schwelle von āˆ’2.5 ein (17). Diese Population besitzt individuell betrachtet ein niedrigeres Frakturrisiko, aber sie schliesst viel mehr Personen ein als die osteoporotische Gruppe mit einem T-Score von <2.5.

FRAXĀ®

FRAX® ist ein erstmals 2008 publizierter Computer-basierter Algorithmus (18, 19). Er ist auf den Einsatz in der ärztlichen Grundversorgung ausgerichtet und berechnet bei Männern und Frauen die Probabilität einer Fraktur über einfach erhältliche klinische Risikofaktoren. FRAX® ermittelt die 10-Jahres-Probabilität einer schweren Fraktur (= major fracture; Schenkelhals, Wirbelsäule (klinisch), Oberarm, Handgelenk). Die Wahrscheinlichkeit berechnet sich aus dem Risiko für Fraktur und Tod in Bezug auf Alter, BMI und einfache dichotome Risikofaktoren wie frühere Fragilitätsfrakturen, Anamnese von Schenkelhalsfrakturen bei den Eltern, aktuelles Zigarettenrauchen, Langzeitanwendung von Glucocorticoiden, rheumatoider Arthritis, anderer Ursachen einer sekundären Osteoporose und Alkohol-Abusus.
Optional kann die BMD am Schenkelhals bei der Berechnung von FRAXĀ® eingeschlossen werden. Dadurch wird die Voraussage des Frakturrisikos verbessert.

Laboruntersuchungen

Laboruntersuchungen werden vor allem zur Abklärung einer sekundären Osteoporose benötigt und sind nicht Thema dieser Übersicht.

PrƤvention und Therapie

Allg. Prävention: ausgewogenen Ernährung, ­Supplemente (20)

Bei Männern mit Osteoporose ist eine ausgewogene Ernährung ein absolutes «must». Für beide Geschlechter dürfen die gleichen Richtlinien verwendet werden.

Wichtig ist eine adäquate Eiweisszufuhr. Bei Risikopatienten scheint ein höherer Proteinkonsum als die übliche für Gesunde empfohlene tägliche Menge die Knochenqualität zu verbessern (21, 22).

Als Grundregel sollten pro Tag 800–1200 mg Calzium über die normale ErnƤhrung aufgenommen werden. Die Gabe eines Calzium-Supplements muss dann erwogen werden, wenn die tƤgliche Aufnahme unter 800 mg liegt. Eine Supplementation mit Vit D (in der Regel 800 IU) macht für jüngere MƤnner nur bei erhƶhtem Frakturrisiko oder zu niedrigen Vitamin D Spiegel Sinn. Hingegen sollten MƤnner über 65 Jahren generell Supplemente von Calcium und Vit D erhalten (5, 17) (starke Empfehlung nach 17).

SturzprƤvention

Eine neue systematische Übersicht (23) zur Evidenz des Nutzens von kƶrperlichem Training zur Sturzprophylaxe kommt unter Einbezug einer Cochrane Analyse (24) zum Schluss, dass Training das Sturzrisiko um 23 % senkt.

Der Effekt von Stürzen auf das Frakturrisiko ist in FRAX®-plus als Option zur Verbesserung der 10-Jahres Wahrscheinlichkeit einer Fraktur aufgenommen worden (17). In FRAX®-plus wird die Anzahl der eingetretenen Stürze im letzten Jahr angegeben (0, 1, 2 und 3 oder mehr Stürze).

Interventionsschwelle

Beim Mann liegen deutlich weniger Daten zur Berechnung und Definition der Interventionsschwelle für eine Therapie vor als bei der Frau. Die Endocrine Society empfiehlt bei Männern mit hohem Frakturrisiko, eine Behandlung vor allem unter folgenden Voraussetzungen einzuleiten (25):
– Anamnese einer FragilitƤtsfraktur von Schenkelhals oder WirbelsƤule
– (Europa) BMD ≤ 2.5 Standardabweichungen unter dem Mittelwert für normale junge weisse MƤnner (benützen von weissen jungen MƤnnern als Referenzpopulation)
– (USA) solche mit einer BMD innerhalb des osteopenischen Bereichs und einem 20 % 10-Jahresrisikos einer schweren osteoporotischen Fraktur oder einem 10 % Risiko einer Schenkelhalsfraktur.

Die heute verfügbare Evidenz stützt den Gebrauch einer gemeinsamen Interventionsschwelle (T-Score-Schwellenwert) und die Verwendung des weiblichen NHANES Referenz-Bereichs auch für MƤnner (17, 25). Die in der Schweiz für MƤnner zu empfehlende Interventionsschwelle zeigt (Abb. 1).

Medikamentƶse Therapie

Die erste Wahl zur Behandlung der Osteoporose ist bei MƤnnern mit erhƶhtem Frakturrisiko und überschrittener Interventionsschwelle (Abb. 1) die medikamentƶse Therapie. Das gleiche gilt für alle MƤnner mit einer vorbestehenden FragilitƤtsfraktur (starke Empfehlung, nach 17). Die Palette der zur Verfügung stehenden PrƤparate ist die gleiche wie bei der Frau: die Antiresorptiva Bisphosphonate, Denosumab, Romosozumab, und die Anabolica Teriparatid und Abaloparatid. Die PrƤparate der ersten Wahl bei MƤnnern mit hohem Frakturrisiko sind orale Bisphosphonate (Alendronat oder Risedronat) (starke Empfehlung, 17), zu denjenigen der zweiten Wahl gehƶren Denosumab oder Zoledronat (starke Empfehlung, 17). Gestützt auf die verfügbaren BMD-Daten gilt Abaloparatid international als Therapie der ersten Wahl für MƤnner mit Osteoporose und einem sehr hohen osteoporotischen Frakturrisiko (schwache Empfehlung, 17). In der Schweiz ist Abaloparatid seit dem 07.03.2024 zugelassen, doch erst für die postmenopausale Frau. (Abb. 2) zeigt die Wirksamkeit der verschiedenen therapeutischen Mƶglichkeiten nach dem Modell von Fuggle et al. (17).

MƤnnern mit sehr hohem Frakturrisiko muss eine sequentielle Behandlung (27) empfohlen werden. Diese wird mit einem knochenbildenden PrƤparat begonnen, gefolgt von einer antiresorptiven Substanz (starke Empfehlung nach 17).

Die Durchführung der medikamentösen Therapie gehört auch beim Mann in die Hände des Spezialisten. Zur Sicherstellung einer wirksamen Senkung des Frakturrisikos soll auch bei hypogonaden Männern eine medikamentöse Osteoporosetherapie eingesetzt werden, unabhängig von einer Testosteron-Substitution (17).

Substitution mit Testosteron

Der Nutzen einer Testosteronsubstitution auf das Skelett wird kontrovers diskutiert (114). Frakturdaten fehlen. Eine positive Wirkung ist bisher bei einer hypogonaden Population einzig auf die BMD der LWS und des Schenkelhalses erwiesen (28–30).

Doch ist eine zur medikamentösen Therapie zusätzliche Testosteronsubstitution bei Hypogonadismus indiziert. Der Entscheid muss unter Einbezug eines Endokrinologen ganzheitlich gefällt werden. Zu den Entscheidungskriterien gehören die Symptome des männlichen ­Hypogonadismus inklusive Sexualfunktion, das kardiovaskuläre System und der freie oder totale Testosteronwert im Serum.
Bisher wurde beim älteren Mann unter einer physiologisch dosierten Testosterongabe kein Anstieg des kontrovers diskutierten kardiovaskulären Risikos nachgewiesen (31). Die bisherigen RCTs weisen trotz zu geringer Power auf den gleichen Schluss hin. Eine klare Antwort zum kardiovaskulären Risiko könnte die noch laufende TRAVERSE-­Studie geben, in der bei Männern mit hypogonaden Symptomen, niedrigen Serum-Testosteronwerten und hohem kardiovaskulärem Risiko Testosteron gegen Placebo getestet wurde (31, 32). Der primäre Endpunkt der TRAVERSE-Studie ist die kardiovaskuläre Sicherheit.

Schlussfolgerung

Die Osteoporose ist beim Mann unterschätzt und bleibt ein medizinisches und gesundheitspolitisches Sorgenkind. Da es noch kein Netz zur Früherkennung der männlichen Osteoporose gibt, werden die vorhandenen zur Senkung des Frakturrisikos wirksamen Medikamente beim Mann zu wenig und oft zu spät eingesetzt. Der Goldstandard zur Diagnose der Osteoporose ist auch beim Mann die Messung der BMD mittels DXA. Die First-Line Präparate sind bei hohem Frakturrisiko orale Bisphosphonate, die Second-Line-Präparate Denosumab oder Zoledronat. Bei hypogonaden Patienten muss gleichzeitig eine Testosteronsubstitution erwogen werden.

Die Früherkennung ist Aufgabe der Grundversorger und der Urologen. Gynäkologen sollten in Kinderwunsch- und Menopause-Sprechstunden sowie bei einer sexualmedizinischen Beratung beim männlichen Partner vermehrt an einen Hypogonadismus mit erhöhtem Osteoporoserisiko denken.

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PD Dr. med. FrƩdƩric D. BirkhƤuser

– Urologie St. Anna
St. Anna-Strasse 32
6006 Luzern
– Senior Consultant
Klinik für Urologie
UniversitƤtsspital Basel

frederic.birkhaeuser@hin.ch

Prof. em. Dr. med. Martin BirkhƤuser

Gartenstrasse 67
4052 Basel

martin.birkhaeuser@bluewin.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Osteoporose wird beim Mann unterschƤtzt. 2015 litten in der EU 20 Mio. Menschen an Osteoporose, davon waren 4.2 Mio. MƤnner.
  • Gesunde ErnƤhrung mit genügend Proteinen und Ca ist essentiell.
  • MƤnner über 65 Jahren sollten generell Supplemente von Calcium und Vitamin D erhalten. Sturzprophylaxe empfehlen!
  • Die Knochendichtemessung mittels DXA ist auch beim Mann der Goldstandard zur Diagnose einer Osteoporose.
  • FRAXĀ® eignet sich auch beim Mann zur Ermittlung des 10-Jahres-Frakturrisikos. Die Evidenz stützt eine gemeinsame Interventionsschwelle für Frau und Mann.
  • Wird die Interventionsschwelle überschritten oder liegt eine vorbestehende FragilitƤtsfraktur vor, so muss eine medikamentƶse Therapie eingeleitet werden.
  • Bei Hypogonadismus und niedrigen Serum-Testosteronwerten muss unabhƤngig von der medikamentƶsen Osteoporosetherapie eine Testosteron-Substitution erwogen werden.

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HƤmochromatose, Diagnose und Behandlung

Die Hämochromatose ist eine rezessive genetische Erkrankung mit variabler Penetranz, welche zu einer erhöhten Eisenaufnahme aus dem Darm führt. Als Folge kommt es zu einer Eisenüberladung verschiedener Organe, hauptsächlich in der Leber. Zum Suchen einer Eisenüberladung ist die Messung des Ferritinspiegels und der Transferrinsättigung in nüchternem Zustand der erste diagnostische Schritt. Die genetischen Mutationen, die der Krankheit zugrunde liegen, sind vielfältig und je nach ethnischer Gruppe unterschiedlich häufig. Die Therapie durch Aderlässe ist sehr wirksam und sollte nicht durch das Abwarten des Ergebnisses der genetischen ­Analysen verzögert werden. Eine neue Klassifizierung der Krankheit trägt zur besseren Erfassung der genetischen Komplexität bei und erleichtert dem Grundversorger die Betreuung betroffener Patienten.

Haemochromatosis is a recessive genetic disease with variable penetrance, which leads to increased iron absorption from the intestine. This results in iron overload in various organs, mainly in the liver. The first diagnostic step in the search for iron overload is to measure the ferritin level and transferrin saturation in a fasting state. The genetic mutations underlying the disease are diverse and vary in frequency depending on the ethnic group. Treatment by phlebotomy is very effective and should not be delayed by waiting for the results of genetic analysis. A new classification of the disease contributes to a better understanding of the genetic complexity and makes it easier for primary care providers to care for affected patients.
Key words: Haemochromatosis , genetic disease, iron overload

Einleitung und Übersicht

Die HƤmochromatose ist eine genetische Erkrankung, die zu einer Stƶrung der Eisenhomƶostase mit einer Eisenüberladung im Gewebe führt. Die Krankheit wird durch Mutationen in mindestens fünf Genen verursacht. Dazu gehƶren sowohl HFE- als auch nicht-HFE-Gene (1). Diese vererbbaren Mutationen beeintrƤchtigen die Funktion von Hepcidin. Als zentraler Regulator der Eisenhomƶostase kontrolliert Hepcidin die Eisenaufnahme im Darm und die Eisenfreisetzung aus Makrophagen durch die Interaktion mit dem Eisen-Exporter Ferroportin (2–4).

Die Penetranz der Mutationen, insbesondere der häufigen HFE-Mutationen, ist sehr variabel und das Vorliegen einer Mutation führt nicht zwangsläufig zu einer Eisenüberladung. Deshalb basiert die Diagnose der Hämochromatose auf phänotypischen Merkmalen, die durch biochemische und radiologische Befunde unterstützt werden. Die genetischen Tests erlauben aber eine präzise molekulare Charakterisierung.

Diagnostik der HƤmochromatose

Bei der Anamnese und der klinischen Untersuchung sollte nach hepatischen und extrahepatischen Manifestationen der Eisenüberladung gesucht werden. Zu diesen gehƶren Müdigkeit, Anzeichen einer Leberzirrhose, endokrinologische Komplikationen (Diabetes, Hypothyreose, Nebenniereninsuffizienz sowie sexuelle oder reproduktive Stƶrungen), kardiologische Komplikationen (darunter Arrhythmien und Herzinsuffizienz), muskuloskelettale Beschwerden (Arthralgien oder Frakturen im Rahmen einer mƶglichen sekundƤren Osteoporose) sowie Hyperpigmentierung der Haut. Arthralgien werden einer Studie zufolge von etwa 85 % der Patienten angegeben, vor allem in den Sprunggelenken, Hüften, HƤnden (typischerweise im zweiten und dritten Metakarpophalangealgelenk) und Handgelenken (5). Die HƤmochromatose-Arthropathie prƤsentiert sich klinisch Ƥhnlich wie eine Arthrose, tritt jedoch bereits bei deutlich jüngeren Patienten auf und ist durch zahlreiche Osteophyten und einen raschen Knorpelverlust gekennzeichnet (5).

Die Eisenüberladung, TransferrinsƤttigung > 50 % und Ferritin > 300 µg/L bei MƤnnern beziehungsweise > 45 % und > 200 µg/L bei Frauen, sollte primƤr durch die Messung der TransferrinsƤttigung gesucht werden, die die erste biochemische Manifestation der Erkrankung darstellt. Transferrin, ein Glykoprotein, ist für den Transport von Eisen in die extrazellulƤre Umgebung verantwortlich. Der Wert der TransferrinsƤttigung unterliegt zirkadianen Schwankungen, daher sollte die Blutentnahme morgens erfolgen. Nüchternheit scheint die diagnostische Aussagekraft nicht zu verbessern (6). Des Weiteren ist zu beachten, dass Alkoholkonsum den Wert der TransferrinsƤttigung erhƶhen kann (7). Ausserdem bleibt der Wert der TransferrinsƤttigung, selbst nach wirksamer Aderlass-Therapie, tendenziell hoch (1).
Ferritin ist der intrazelluläre Eisenspeicher. Eine Hyperferritinämie ist jedoch nicht spezifisch für die Hämochromatose, sondern kann auch bei systemischer Entzündungen, metabolischem Syndromen, akuter oder chronischer Hepatopathie (inklusiv viraler Hepatitis) und Alkoholkonsum auftreten (8, 9). Bei den oben beschriebenen Krankheiten kann die Hyperferritinämie gelegentlich auch auf eine Eisenüberladung hinweisen, dort gibt es aber keine Evidenz für den Nutzen einer Phlebotomie (10). Bei Hepatitis C und Alkoholkonsum kann eine erworbene Suppression des Hepcidins eine Rolle spielen (11).

Ein isoliert erhƶhtes Ferritin korreliert in weniger als 10 % der FƤlle mit einer tatsƤchlichen Eisenüberladung (12), weshalb alternative Ursachen einer HyperferritinƤmie ausgeschlossen werden sollten, damit unnƶtige genetische Tests vermieden werden (13). Die Bestimmung von Hepcidin wird aufgrund variierender Werte je nach eingesetztem Assay und fehlendem internationalen Standard nicht empfohlen (14).

Vor der Diagnosestellung einer HƤmochromatose sollte eine AnƤmie mit sekundƤrer Eisenüberladung ausgeschlossen werden, da diese Erkrankungen unterschiedliche Ursachen und dementsprechend andere BehandlungsansƤtze haben. Nicht-transfusionsabhƤngige AnƤmien führen aufgrund der ineffizienten Erythropoese zu einer erhƶhten Produktion von Erythroferron in den Erythroblasten. Erythroferron führt dann zu Reduktion der Hepcidin Produktion in der Leber (15–17). TransfusionsabhƤngigen AnƤmien führen durch repetitive Erythrozyten-Transfusionen zu einer Eisenüberladung (18). AderlƤsse sind bei diesen AnƤmien aufgrund der begleitenden AnƤmie nicht angezeigt.

Die Bestimmung der Eisenüberladung durch serologische Bestimmung des Eisenstatus ist oft nicht ausreichend spezifisch. Früher war die Leberbiopsie der Goldstandard. Heute wird jedoch die nicht-invasive Bestimmung des Lebereisengehalts mittels MRT bevorzugt, wobei es verschiedene Protokolle ohne internationalen Konsens gibt (10). Bei Patienten mit erhöhten Eisenindizes und Homozygotie für C282Y kann die Diagnose Hämochromatose gestellt werden, ohne dass eine MRT erforderlich ist. Eine Leber-MRT kann jedoch Aufschluss über den Schweregrad der Eisenüberladung geben. Bei Patienten mit anderen Mutationen oder zusätzlichen Risikofaktoren kann eine nicht-invasive Eisenmessung mittels MRT hilfreich sein, um die Notwendigkeit einer Behandlung besser einzuschätzen.

Genetische Varianten und neue Klassifikation

In der Vergangenheit wurde angenommen, dass die HƤmochromatose hauptsƤchlich durch Mutationen im HFE-Gen (insbesondere die Variante C282Y) verursacht wird. Diese Mutation, die in der nordeuropƤischen Bevƶlkerung weit verbreitet ist (19, 20), kommt jedoch in grossen Teilen der Welt, beispielsweise in afrikanischen, asiatischen und indischen LƤndern, selten vor oder wurde bisher nicht nachgewiesen (1).

Die HeterogenitƤt und KomplexitƤt der genetischen Defekte, welche die HƤmochromatose begünstigen, sowie die fortschreitende Erkennung dieser Defekte dank der Next-Generation-Sequencing (NGS)-Techniken, haben in den letzten Jahren zu einer neuen Klassifikation der HƤmochromatose geführt. Diese Klassifikation wurde 2021 von einer Arbeitsgruppe der International Society for the Study of Iron in Biology and Medicine (BIOIRON Society) entwickelt. Diese zielt darauf ab, die genetische KomplexitƤt besser zu berücksichtigen und die Diagnose und Behandlung von Patienten mit Eisenstoffwechselstƶrungen für Grundversorger zu vereinfachen und somit nicht zu verzƶgern. Die neue Klassifikation unterscheidet zwischen HFE-assoziierten und nicht-HFE-assoziierten Mutationen sowie di-genetischen oder nicht-molekular definierten Mutationen (Tab. 1).

HFE-Mutationen

Bei den HFE-bezogenen Mutationen ist die homozygote C282Y Mutation am hƤufigsten. Diese tritt bei etwa 80 % der europƤischen Patienten mit diagnostizierter HƤmochromatose auf (21), wobei die PrƤvalenz von Nord- nach Südeuropa abnimmt. Die Penetranz der Krankheit ist selbst bei Patienten mit klassischer Homozygotie für C282Y sehr unterschiedlich und schwer zu prognostizieren. Das Auftreten einer klinisch relevanten Eisenüberladung wird von mehreren Umweltfaktoren-, Lebensstil- und wahrscheinlichen genetischen Kofaktoren beeinflusst. Daher wird die HƤmochromatose nicht als monogenetische Krankheit angesehen (22). Die Penetranz der Erkrankung mit Eisenüberladung und OrganschƤden betrƤgt bei homozygoter C282Y-Mutation weniger als 50 % bei MƤnnern und ist bei Frauen aufgrund der protektiven Wirkung der Menstruation noch tiefer. Die biochemische Penetranz (erhƶhte Serumeisenmarker) ist jedoch hƶher (23, 24). Genetische Analysen sollten daher niemals vor einer phƤnotypischen Evaluation erfolgen, da sie allein nicht für die Diagnose der HƤmochromatose ausreichen (10). Der Nachweis einer C282Y-Homozygotie zusammen mit erhƶhten Serum-Eisenwerten (Ferritin- und Transferrin-SƤttigung) sind jedoch ausreichend, um die Diagnose einer HƤmochromatose zu stellen.

Die H63D-Mutation ist weit verbreitet und kann eine leichte Eisenüberladung begünstigen, aber weder die Homozygotie H63D noch die kombinierte Heterozygotie C282Y und H63D sind ausreichend für die Entwicklung einer HƤmochromatose (25,26). Experten sind daher der Meinung, dass die Untersuchung der H63D-Variante im Diagnoseprozess der HƤmochromatose nicht angezeigt ist (10). Im Falle einer relevanten Eisenüberladung mit Nachweis dieser Mutationen muss nach anderen begünstigenden Kofaktoren oder anderen selteneren genetischen nicht-HFE-Mutationen gesucht werden (25, 26).

Nicht-HFE-Mutationen

Zu den nicht-HFE-assoziierten Varianten gehƶren Mutationen in den Genen TFR2 (Transferrinrezeptor), SLC40A1 (Ferroportin), HAMP (Hepcidin) oder HJV (HƤmojuvenil), wobei die beiden letzteren schweren PhƤnotypen mit früher kardialer und endokriner Beteiligung verursachen. Bei kaukasischen Patienten mit bestƤtigter Eisenüberladung ohne Nachweis einer HFE-Mutation, bei sehr jungen Patienten oder bei PatienteSchliesslich existieren di-genetische Formen mit Mutationen in zwei am Eisenstoffwechsel beteiligten Genen (sowohl HFE- als auch nicht-HFE-bezogen) und molekulargenetisch nicht definierten Formen. Bei Patienten mit Homozygotie für C282Y und einer schweren Form der Krankheit mit frühem Beginn sollte deshalb nach di-genetischen Mutationen gesucht werden. Bei Betroffenen, bei welchen klinisch eine HƤmochromatose vorliegt, ohne dass Kofaktoren oder eine C282Y-Homozygotie nachgewiesen werden kƶnnen – dies schliesst auch Patienten mit C282Y/H63D-Heterozygotie oder H63D-Homozygotie ein – muss die Diagnose einer molekular nicht definierten HƤmochromatose in Betracht gezogen werden und eine Therapie eingeleitet werden (1). n nicht-kaukasischer Herkunft sollte nach Mutationen in diesen Genen gesucht werden (27).

Schliesslich existieren di-genetische Formen mit Mutationen in zwei am Eisenstoffwechsel beteiligten Genen (sowohl HFE- als auch nicht-HFE-bezogen) und molekulargenetisch nicht definierten Formen. Bei Patienten mit Homozygotie für C282Y und einer schweren Form der Krankheit mit frühem Beginn sollte deshalb nach di-genetischen Mutationen gesucht werden. Bei Betroffenen, bei welchen klinisch eine HƤmochromatose vorliegt, ohne dass Kofaktoren oder eine C282Y-Homozygotie nachgewiesen werden kƶnnen – dies schliesst auch Patienten mit C282Y/H63D-Heterozygotie oder H63D-Homozygotie ein – muss die Diagnose einer molekular nicht definierten HƤmochromatose in Betracht gezogen werden und eine Therapie eingeleitet werden (1).

Ferroportin Mutationen

Mutationen im Ferroportin (SLC40A1) Gen sind explizit erwƤhnenswert, da diese sich sowohl klinisch als auch pathophysiologisch von der HƤmochromatose unterscheiden (28, 29). Mutationen im SLC40A1 Gen kƶnnen zu einem Funktionsverlust des membranstƤndigen Eisentransporters führen (loss-of-function). Aufgrund UnfƤhigkeit des Exports von intrazellulƤrem Eisen führt dies hauptsƤchlich zu einer Eisenüberladung in der Milz und in viel geringerem Ausmass in der Leber. Der Grund liegt darin, dass hauptsƤchlich die Makrophagen der Milz am Abbau gealterter Erythrozyten beteiligt sind. So kommt es zu einer intrazellulƤren Eisenüberladung der Makrophagen in der Milz. Obwohl die Ferritinwerte bei dieser Erkrankung oft sehr hoch sind, findet sich meist eine normale oder sogar erniedrigte TransferrinsƤttigung und eine Therapie mit AderlƤssen führt hƤufig zur Entwicklung einer AnƤmie (1). Die genetische Transmission dieser Mutationen ist, im Gegensatz zur HƤmochromatose, autosomal dominant. Bei den wesentlich selteneren Mutationen mit erhƶhter AktivitƤt des Ferroportin aufgrund einer Resistenz gegenüber der negativen Regulation durch Hepcidin (Hepcidin-Resistenz, gain-of-function) kommt es zu einer ungebremsten Absorption von Eisen im Duodenum trotz adƤquat hochregulierten Hepcidin. Die Hepcidin-Resistenz führt schlussendlich zu einem klinischen Bild, welches mit jenem der HFE-assoziierten HƤmochromatose identisch ist (30).

SekundƤre OrganschƤdigungen

Ist die Diagnose einer HƤmochromatose gestellt (Abb. 1), sollten sich alle Betroffenen einem nicht-invasiven Screening auf Leberfibrose mittels Leberelastographie oder des FIB-4-Serologiescores unterziehen. Allerdings existieren aktuell keine evidenzbasierten Empfehlungen für den Grenzwert zum Nachweis einer fortgeschrittenen Fibrose bei Patienten mit HƤmochromatose. Die Grenzwerte kƶnnten bei diesen Patienten niedriger sein als bei einer chronischen viralen Hepatitis, alkoholischen oder metabolischen Hepatopathie (31). Bei einem Ferritinwert von < 1000 µg/L ist das Risiko einer schweren Leberfibrose jedoch vernachlƤssigbar (32, 33). Das Risiko eines hepatozellulƤren Karzinoms bei Patienten mit HƤmochromatose liegt bei 10–30 % und tritt fast ausschliesslich bei Patienten mit einer Zirrhose auf (34, 35). Bei Leberzirrhose ist daher ein halbjƤhriges Screening mittels Leberultraschall angezeigt (10). Die Messung von Alpha-Fetoprotein kann zusƤtzlich zu diesem Screening erfolgen (10).

Bei Patienten mit schwerer Eisenüberladung, bei jungen Betroffenen und insbesondere bei Patienten mit Mutationen in den HJV- und HAMP-Genen ist auch eine kardiale Untersuchung mit EKG, Echokardiographie und kardialer MRT angezeigt. Bei klinischem Verdacht auf hormonelle Störungen sollten das Vorliegen von Diabetes, den Sexualhormonstatus sowie die Schilddrüsen-, Nebenschilddrüsen- und Nebennierenfunktion bestimmt werden.

Das Screening von Familienangehörigen beschränkt sich auf serologische Bestimmung des Eisenstatus mit Beginn im erwachsenen Alter. Ein genetisches Screening ist bei HFE-Mutationen aufgrund der variablen Penetranz nicht angebracht. Bei nicht-HFE-Mutationen oder molekular nicht definierten Mutationen sollte jedoch ein gezieltes genetisches bzw. phänotypisches Screening durchgeführt werden (10).

Die Behandlung der HƤmochromatose

Die Behandlung der HƤmochromatose besteht aus AderlƤssen von etwa 400–500 ml, die in der Induktionsphase wƶchentlich oder alle zwei Wochen durchgeführt werden, bis ein Ferritinwert von 50 µg/L erreicht ist (dies sollte nach zirka vier AderlƤssen überprüft werden) (10). Es folgt eine Erhaltungsphase, in der das Ferritin zwischen 50–100 µg/L gehalten wird, mit AderlƤssen (oder auch Blutspenden) alle ein bis vier Monate und Ferritinkontrollen alle sechs Monate. Der HƤmoglobinwert ist vor jedem Aderlass zu überprüfen. Bei Werten unter 110 g/L sind die AderlƤsse auszusetzen. Wichtig ist auch, die FolsƤure und Vitamin B12 Spiegel bei diesen Patienten regelmƤssig zu überprüfen (10). Phlebotomien haben einen positiven Effekt auf die Müdigkeit, die Leberfibrose (auch in fortgeschrittenen Stadien) und das Überleben von Patienten mit HƤmochromatose (36). Die Arthropathie zeigt ein deutlich geringeres Ansprechen und kann auch wƤhrend der Erhaltungsphase auftreten (10).

Die Chelation mit oralem Deferasirox kann als Zweitlinientherapie bei Patienten mit schwierigem venösen Zugang, Nadelphobie, begleitender Anämie oder schwerer kardialer Eisenüberladung eingesetzt werden (10). Die Evidenz für diese Therapie ist jedoch begrenzt; sie ist bei fortgeschrittener Hepatopathie kontraindiziert und kann Nierenversagen und gastrointestinale Störungen als Nebenwirkungen verursachen (10). Eine relevante Entleerung der Eisenspeicher kann damit nicht erreicht werden, weshalb diese Therapie die Aderlässe in der Induktionsphase nicht ersetzen kann.

Bei der Diagnose Hämochromatose sollten alle Betroffenen, insbesondere solche mit begleitendem metabolischem Syndrom oder übermässigem Alkoholkonsum, eine angemessene Beratung zur dauerhaften Veränderung von Lebensstil und Essgewohnheiten erhalten, auch um unnötige Diäten auf eigene Initiative zu vermeiden. Es ist zu empfehlen, eisenhaltige Nahrungsergänzungsmittel abzusetzen, während über die Reduzierung des Verzehrs von Vitamin C und rotem Fleisch nur ein geringer Konsens besteht (10).

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dipl. Ƅrztin Federica Foglia

HƤmochromatose Sprechstunde
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Dr. sc. nat. Raphael Buzzi

HƤmochromatose Sprechstunde
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Prof. Dr. med. Florence Vallelian

Rare disease Sprechstunde
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Die Autorenschaft hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die HƤmochromatose wird durch verschiedene HFE- und nicht-HFE-bedingte Mutationen verursacht. Ihre PrƤvalenz variiert je nach Ethnie und die Penetranz der Krankheit ist unterschiedlich.
  • Die Diagnose basiert in erster Linie auf dem Nachweis einer Eisenüberladung. Die Bestimmung der TransferrinsƤttigung, des Ferritinspiegels und ein Blutbild sind die ersten diagnostischen Schritte.
  • Die indirekte Bestimmung des Eisengehalts in der Leber mittels Magnetresonanztomographie ermƶglicht es, die Leberbiopsie weitgehend zu ersetzen.
  • Die Homozygotie H63D und die kombinierte Heterozygotie H63D und C282Y sind nicht diagnostisch für das Vorliegen einer HƤmochromatose.

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