Chronischer Beckenschmerz am Beispiel vom Blasenschmerzsyndrom

Wichtig bei der modernen Betrachtung von Schmerzsyndromen des Beckens ist, dass der Schmerz als Krankheitsprozess gesamthaft ins Zentrum rückt. Dies bedeutet, dass die damit verbundenen funktionellen Organveränderungen sowie die negativen Auswirkungen auf die Kognition, das Verhalten, die Sexualität und die Emotionen in die Betrachtung einbezogen werden, und das Augenmerk nicht mehr in erster Linie einer konkreten peripheren Organpathologie gilt, welche häufig nur minimal nachweisbar ist. Eine monotherapeutische, oft repetitive Therapie mit peripherem Endorganansatz (z. B. Antibiotikatherapie mit dem Fokus bakterieller Infektbehandlung) ist dabei meist zum Scheitern verurteilt, weil wichtige Aspekte des chronischen Schmerzsyndroms vernachlässigt werden. Die Zukunft wird zeigen, welche multimodalen Behandlungsstrategien die besten Resultate bringen.

An important aspect of the modern approach to pelvic pain syndromes is that the pain as a disease process takes centre stage. This means that the associated functional organ changes as well as the negative effects on cognition, behaviour, sexuality and emotions are included in the consideration, and the focus is no longer primarily on a specific peripheral organ pathology, which is often only minimally detectable. A monotherapeutic, often repetitive therapy with a peripheral end organ approach (e.g. antibiotic therapy focussing on bacterial infection treatment) is usually doomed to failure because important aspects of the chronic pain syndrome are neglected. The future will show which multimodal treatment strategies produce the best results.
Key words: Pelvic pain syndrome, bladder pain syndrome, interstitial cystitis, chronic primary pain

Einleitung

In früheren Jahren fokussierte sich die Forschung im Bereich des chronischen Beckenschmerzes vorwiegend auf periphere Endorgan-Mechanismen wie entzündliche oder infektiöse Vorgänge. Jedoch machten Grundlagenforschung und klinische Erkenntnisse klar, dass sich viele krankheitsrelevante Vorgänge im zentralen Nervensystem abspielen. Heutzutage geht man davon aus, dass bei diesen Schmerzsyndromen ein peripherer Stimulus, z. B. eine Infektion oder ein Trauma, eine Reihe von Folgeerscheinungen auslöst. Diese verselbständigen sich im Rahmen einer Modulation des Zentralnervensystems letztlich unabhängig von der primären Ursache. Neben dem Schmerz äussert sich diese Modulation im Rahmen von verschiedenen anderen sensorischen, funktionellen (z. B. Miktion oder Defäkation), verhaltensmässigen oder psychologischen Phänomenen. Solche individuell ausgeprägten Phänomene bilden dann die Basis der Diagnose eines Schmerzsyndroms (1).

Es ist wichtig, dass bei vielen dieser Schmerzsyndrome keine periphere persistierende Pathologie mehr festzustellen ist, wie z. B. Entzündung/Infektion, welche durch das Krankheitssuffix «-itis» reflektiert ist. Somit ist eine Nomenklatur, welche sich allein auf das periphere Endorgan fokussiert, unpassend und irreführend, ja gefährlich, da daraus möglicherweise falsche therapeutische Konsequenzen gezogen werden. Aus diesem Grunde wird in der neuen Terminologie, u.a. in den Guidelines der European Association of Urology (1), der chronische Beckenschmerz in spezifisch-krankheitsassoziierten Beckenschmerz mit bekannter Ätiologie sowie in die Beckenschmerzsyndrome unterteilt. Die häufigsten Schmerzsyndrome im urologischen Bereich sind das Prostataschmerzsyndrom (Prostate Pain Syndrome = PPS, früher Chronische Prostatitis) und das Blasenschmerzsyndrom (Bladder Pain Syndrome = BPS, früher interstitielle Zystitis) sowie das skrotale Schmerzsyndrom. Von einem chronischen Schmerzsyndrom gemäss ICD-11-Klassifikation spricht man ab einer Dauer von drei Monaten (2). Diese neue ICD-11 Klassifikation nimmt zum ersten Mal chronischen Schmerz als eigenständige Erkrankung auf und unterteilt diesen in chronischen primären Schmerz und sekundären Schmerz. Chronisch primärer Schmerz entspricht einem Konzept, das auf der Einsicht beruht, dass chronische Schmerzzustände als eigenständige Erkrankung anerkannt werden sollen, selbst wenn das Verständnis für die zugrunde liegende Ätiologie und Pathophysiologie fehlt. Die Beckenschmerzsyndrome entsprechen zum grossen Teil der Definition des chronisch primären Schmerzes.

Die Hintergründe des chronischen Schmerzes

Mechanismen des chronischen Beckenschmerzes können verschiedene Prozesse beinhalten, welche weitgehend bekannt sind. Einerseits sind persistierende akute Schmerzmechanismen möglich, wie diejenigen, welche mit entzündlichen Veränderungen assoziiert sind, andererseits bestehen vor allem chronische Mechanismen, welche das Zentralnervensystem involvieren.

Bei der sogenannten peripheren Sensibilisierung geht man davon aus, dass unmyelinisierte viszerale Afferenzen (Typ C-Fasern), welche normalerweise nicht (50–90 Prozent) oder wenig aktiv sind, durch verschiedene Vorgänge eine reduzierte Aktivierungsschwelle oder eine gesteigerte Antwort aufweisen. Dies geschieht über eine Änderung in Botensubstanzen oder Modifikation von Rezeptoren. Als Beispiel sei hier die vermehrte Ausschüttung von Nerve Growth Factor (NGF), Adenosintriphosphat (ATP) oder Substanz P genannt, welche über ihre spezifischen Rezeptoren für eine vermehrte Aktivierung der viszeralen Afferenzen führen (3, 4). Durch zentralen Transport z. B. des Tyrosinkinase A (TrkA)-NGF wird unter Umständen auch die Genexpression verändert. Ein anderer peripherer Mechanismus ist die Veränderung von spannungsabhängigen Ionenkanälen (z. B. Tetrodotoxin-resistant Sodium Channel, NaV1.8), welche sich abhängig vom Membranpotential öffnen oder schliessen. Als weitere Möglichkeit kann es bei einem direkten Schaden an peripheren Nerven zu einer pathologischen afferenten Aktivität mit Ausbildung von neuropathischen Schmerzen und einer nachfolgenden zentralen Sensibilisierung kommen.

Bei der zentralen Sensibilisierung sind verschiedene Mechanismen vor allem auf spinaler Ebene involviert, insbesondere Änderungen in der Proteinaktivität, Proteintranskription oder auch strukturelle Änderungen in den neuronalen Verbindungen (5). Als Beispiel sei hier der Wegfall des Magnesiumblocks des N-metyl-Aspartat-Rezeptors (NMDA) genannt, welcher auf eine erhöhte Glutamatfreisetzung aufgrund repetitiver afferenter nozizeptiver Signale folgt. Dies führt über das Einströmen von Calcium-Ionen zu einer vermehrten Depolarisation des sekundären afferenten Neurons. Weiter zentral spielt die Modulation von spinalen Signalen eine wichtige Rolle, insbesondere das periaquäduktale Grau (PAG), welches unter dem Einfluss von höheren Zentren steht, die mit Kognition und Emotion assoziiert sind. Bei der deszendierenden Inhibition sind verschiedene Transmitter involviert, wie Opioide, 5-Hydroxytryptamin und Noradrenalin. Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie haben gezeigt, dass bei der wichtigen psychischen Modulation von viszeralen Schmerzen möglicherweise mehrere neuronale Bahnen involviert sind (6).

Wechselwirkung von Schmerz und Organfunktion – Phänotypisierung

Im Rahmen der meisten Schmerzsyndrome kommt es zur sekundären Ausbildung von Störungen der Organfunktion. Dabei sind diese häufig nicht nur Funktionsänderungen des (vermutlich) in die primäre Entstehung des Schmerzes involvierten Organs, sondern auch von anderen, häufig benachbarten Organen. So ist zum Beispiel das chronische PPS häufig mit Störungen der Blasenfunktion (z. B. überaktive Blase), der Sexualität (z. B. erektile Dysfunktion), der Defäkation (z. B. Obstipation) oder der Muskulatur (z. B. überaktiver Beckenboden) assoziiert. Diese Funktionsstörungen wiederum können dann die Schmerzsymptomatik negativ beeinflussen, respektive weiter verstärken. In ihrer Gesamtheit nehmen die Funktionsstörungen bei einzelnen Patienten sehr unterschiedliche Ausprägungen an. Es wurde im Rahmen von verschiedensten randomisierten Placebo-kontrollierten Studien gezeigt, dass einzelne Monotherapien häufig über das Gesamtkollektiv aller Patienten keinen signifikanten Effekt zeigten. Aus diesem Grunde wird versucht, entsprechend der Symptomatologie die Patienten in verschiedene Phänotypen einzuteilen und die Therapie entsprechend daran zu orientieren. Dies in der Hoffnung, dass einzelne Subtypen ein besseres Ansprechen auf eine phänotypen-fokussierte Therapie haben.

Aufgrund der Relevanz wird im Folgenden als Beispiel eines chronischen Beckenschmerzes das Blasenschmerzsyndrom diskutiert.

Das Blasenschmerzsyndrom

Hintergrund

Das chronische Blasenschmerzsyndrom ist charakterisiert als das Auftreten von anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerzen, die in der Harnblasenregion wahrgenommen werden, begleitet von mindestens einem weiteren Symptom, wie z. B. einer Verschlechterung der Schmerzen durch Blasenfüllung und der Harnfrequenz am Tag und / oder in der Nacht (1). Es gibt keine nachgewiesene Infektion oder andere offensichtliche lokale Pathologie. Das Blasenschmerzsyndrom ist häufig mit negativen kognitiven, verhaltensbezogenen, sexuellen oder emotionalen Konsequenzen sowie mit Symptomen verbunden, die auf untere Harnwege und sexuelle Dysfunktion hinweisen. Synonyme für das Blasenschmerzsyndrom umfassen «interstitielle Zystitis» oder «schmerzhaftes Blasensyndrom» und sollten aktuell nicht mehr verwendet werden.

In der Literatur wird angegeben, dass ein chronisches Blasenschmerzsyndrom mit einer Prävalenz von 0,06 % bis 30 % (7–9) vorliegen kann. Es gibt eine weibliche Dominanz von etwa 10:1. Die relativen Anteile des klassischen Blasenschmerzsyndroms (Typ 3 mit sogenannten Hunner-Läsionen) und der Nicht-Läsionskrankheit sind unklar (1). Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass auch Kinder unter achtzehn Jahren betroffen sein können, obwohl die Prävalenzzahlen niedrig sind. Daher kann ein Blasenschmerzsyndrom nicht aufgrund des Alters ausgeschlossen werden (10).

Es wird angenommen, dass eine anfängliche nicht identifizierte Affektion der Blase, die zu Urothelschäden, neurogenen Entzündungen und Schmerzen führt, die Ursache für ein Blasenschmerzsyndrom ist. Bisher wurden keine Infektionen in Verbindung gebracht. Trotzdem ist eine Harnwegsinfektion im Kindes- und Jugendalter bei Patienten mit Blasenschmerzsyndrom im Erwachsenenalter signifikant häufiger. Zystoskopische und bioptische Befunde sowohl bei Blasenschmerzsyndrom mit als auch ohne Läsion zeigen Defekte in der Urothel-Glycosaminoglycan-Schicht (GAG), die submukosale Strukturen schädlichen Urinkomponenten aussetzen könnten (11–13) und eine daraus resultierende zytotoxische Wirkung haben.

Diagnose

Das Blasenschmerzsyndrom sollte auf der Grundlage von Schmerzen, Druck oder Beschwerden diagnostiziert werden, die mit der Harnblase verbunden sind, begleitet von mindestens einem anderen Symptom, wie z. B. tagsüber und / oder nachts erhöhter Harnfrequenz. Zum Ausschluss anderer intravesikaler Pathologien und Klassifikation (nach ESSIC) ist eine Zystoskopie mit Hydrodistension und ggf. Biopsie indiziert (Tab. 1) (14).

Zystoskopisch zeigt das Blasenschmerzsyndrom Typ 3 gerötete Schleimhautbereiche, die häufig mit kleinen Gefässen verbunden sind, die in Richtung einer zentralen Narbe ausstrahlen und manchmal von einem kleinen Gerinnsel oder einer Fibrinablagerung bedeckt sind – die sogenannten Hunner-Läsionen (15) (Abb. 1). Die Narbe reisst mit zunehmender Blasendehnung und führt zu einem charakteristischen Bluten wie bei einem Wasserfall.

Im Kontrast dazu zeigt eine Nicht-Läsionskrankheit bei der initialen Zystoskopie eine normale Blasenschleimhaut. Die Entwicklung von Glomerulationen nach Hydrodistension wird als positives diagnostisches Zeichen angesehen. Zusätzliche Biopsien sind hilfreich bei der Sicherung der klinischen Diagnose sowie zur Unterscheidung der klassischen von den Nicht-Läsions-Krankheitstypen. Wichtige Differentialdiagnosen, die durch histologische Untersuchung ausgeschlossen werden sollen, sind Carcinoma in situ und tuberkulöse Blasenentzündung.

Therapie

Nebst den bei allen Beckenschmerztypen möglichen Therapieverfahren (Oral medikamentöse Therapien (Analgetika und Antidepressiva (Amitriptylin)), Physiotherapie und Verhaltensstrategien) spielen beim Blasenschmerzsyndrom auch Instillationen (z. B. Lokalanästhetika, Hyaluronsäure und Chondroitin-Sulphat, Heparin) eine Rolle. Die Hydrodistension der Blase mit Injektion von Botulinum Toxin Typ A kann gute Resultate beim chronischen Blasenschmerzsyndrom liefern (16). Als weiterer Eskalationsschritt steht die neuromodulative Therapie (siehe unten) zur Verfügung. Als Ultima Ratio kann die Zystektomie in ausgewählten Fällen in Betracht gezogen werden. Dieser Entscheid sollte jedoch, wenn immer möglich, nach Abwägungen sämtlicher Alternativen und im Rahmen eines multidisziplinären Boards gefällt werden.

Neuromodulation
Die Neuromodulation bei der Behandlung von Beckenschmerzen sollte von Spezialisten für Beckenschmerzmanagement in einem entsprechenden Zentrum angewendet werden. Diese Techniken werden als ergänzenden Teil eines umfassenderen Therapieplans verwendet und erfordern die kontinuierliche medizinische Anbindung. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Neuromodulation, welche folgend kurz erläutert werden.

Transkutane elektrische Nervenstimulation
Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine nicht-invasive Technik, die bei vielen Schmerzsyndromen eingesetzt wird. Die TENS stellt eine effektive, nicht-invasive Behandlungsoption für Patienten mit Beckenschmerzsyndrom dar, welche anhaltenden Nutzen bringen kann. Üblicherweise erfolgt die TENS-Instruktion tagesstationär, worauf ein Gerät zur Miete oder Kauf abgegeben wird und die Folgenutzung zu Hause geschieht.

Perkutane Tibialis-Nervenstimulation
Die perkutane Tibialis Nervenstimulation (PTNS) ist ebenfalls eine minimal-invasive Technik, die in einer ambulanten Umgebung durch entsprechend ausgebildete Therapeuten angewendet werden kann. Komplikationen sind selten und geringfügig und können zum Beispiel leichte Schmerzen an der Anwendungsstelle oder Hämatome beinhalten.

Sakrale Nervenstimulation
Die sakrale Nervenstimulation ist eine invasive Technik, die die Lokalanästhesie mit Sedierung oder Vollnarkose zur Implantation eines Geräts nach einer vorgängigen Teststimulation erfordert. Die meisten vorhandenen Studien zur sakralen Neuromodulation bei Beckenschmerzsyndrom berichteten über eine Verbesserung der Schmerzen. Diese Technik ist in ihrer Implantation und Anwendung komplex und sollte nur an entsprechenden Zentren angeboten werden. Da nicht alle Patienten einen Nutzen dieser Option haben, sollte vorgängig ausführlich die Notwendigkeit einer Teststimulationsphase besprochen werden und die Patienten aufgeklärt sein, dass, falls das Gerät bei ihnen keinen Nutzen bringt, dieses nach der Testphase wieder entfernt werden sollte.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Daniel Engeler

Klinik für Urologie
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Chronische Beckenschmerzen und hier als Beispiel das Blasenschmerzsyndrom werden zunehmend als zentralnervöse Erkrankung verstanden, bei der initiale periphere Reize (z.B. Infektionen oder Traumata) eine Modulation des Zentralnervensystems auslösen, die sich unabhängig von der ursprünglichen Ursache fortsetzt.
  • Traditionelle Bezeichnungen, die sich ausschließlich auf periphere Organe konzentrieren, können irreführend und therapeutisch schädlich sein. Die moderne Klassifikation unterscheidet zwischen spezifisch-krankheitsassoziierten Schmerzen und Beckenschmerzsyndromen ohne bekannte Ätiologie.
  • Mechanismen des chronischen Schmerzes umfassen periphere Sensibilisierung, z.B. durch geänderte Rezeptoraktivitäten, sowie zentrale Sensibilisierung, insbesondere durch strukturelle und funktionelle Veränderungen im Zentralnervensystem.
  • Die Behandlung von Beckenschmerzsyndromen erfordert einen multimodalen Ansatz, einschließlich medikamentöser Therapien, Physiotherapie und neuromodulativer Verfahren. Die Therapie sollte individuell angepasst und in spezialisierten Zentren durchgeführt werden.

1. Morschitzki H, Hartl T: Die Angst vor Krankheiten verstehen und über1. Engeler DS, Baranowski, A.P., Berghmans, B., Borovicka, J., Cottrell, A.M., Dinis-Oliveira, P., Elneil, S., Hughes, J., Messelink, E.J., de C Williams, A.C. EAU guidelines on chronic pelvic pain. Arnhem, The Netherlands: EAU Guidelines Office; 2020.
2. International classification of diseases 11th revision [Internet]. 2020. Available from: https://icd.who.int/en/.
3. Sun Y, Keay S, De Deyne PG, Chai TC. Augmented stretch activated adenosine triphosphate release from bladder uroepithelial cells in patients with interstitial cystitis. J Urol. 2001;166(5):1951-6.
4. Sculptoreanu A, Yoshimura N, de Groat WC. KW-7158 [(2S)-(+)-3,3,3-trifluoro-2-hydroxy-2-methyl-N-(5,5,10-trioxo-4,10-dihydrothieno[ 3,2-c][1]benzothiepin-9-yl)propanamide] enhances A-type K+ currents in neurons of the dorsal root ganglion of the adult rat. J Pharmacol Exp Ther. 2004;310(1):159-68.
5. McMahon SB, Jones NG. Plasticity of pain signaling: role of neurotrophic factors exemplified by acid-induced pain. J Neurobiol. 2004;61(1):72-87.
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7. Bade JJ, Rijcken B, Mensink HJ. Interstitial cystitis in The Netherlands: prevalence, diagnostic criteria and therapeutic preferences. J Urol. 1995;154(6):2035-7; discussion 7-8.
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14. van de Merwe JP, Nordling J, Bouchelouche P, Bouchelouche K, Cervigni M, Daha LK, et al. Diagnostic criteria, classification, and nomenclature for painful bladder syndrome/interstitial cystitis: an ESSIC proposal. Eur Urol. 2008;53(1):60-7.
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16. Parsons BA, Goonewardene S, Dabestani S, Pacheco-Figueiredo L, Yuan Y, Zumstein V, et al. The Benefits and Harms of Botulinum Toxin-A in the Treatment of Chronic Pelvic Pain Syndromes: A Systematic Review by the European Association of Urology Chronic Pelvic Pain Panel. Eur Urol Focus. 2021.

Osteoporose beim Mann

Die Osteoporose wird beim Mann unterschätzt. 1 auf 5 Männer besitzen ein erhöhtes Risiko für eine osteoporotische Fraktur. Der Goldstandard zur Diagnose der Osteoporose ist auch beim Mann die Messung der BMD mittels DXA. FRAX® ermittelt auch beim Mann die 10-Jahres-Probabilität einer schweren Fraktur («major fracture»). Da es noch kein Netz zur Früherkennung der männlichen Osteoporose gibt, werden die vorhandenen zur Senkung des Frakturrisikos wirksamen Medikamente beim Mann zu wenig und oft zu spät eingesetzt. Bei hohem Frakturrisiko sind die Präparate der ersten Wahl orale Bisphosphonate, die der zweiten Wahl Denosumab oder Zoledronat. Bei Patienten mit Hypogonadismus muss immer auch eine zusätzliche Testosteronsubstitution erwogen werden. Die Früherkennung ist vor allem Aufgabe der Grundversorger und der Urologen. Gynäkologen sollten in Kinderwunsch- und Menopause-Sprechstunden sowie bei sexualmedizinischen Beratungen auch an einen Hypogonadismus mit erhöhtem Osteoporoserisiko des Partners denken.

In men, osteoporosis is still underestimated. One in five men possesses an increased risk for osteoporotic fractures. Also in men, determination of BMD by DXA is still the gold standard for the diagnosis of osteoporosis. FRAX® calculates fracture probability from easily obtainable clinical risk factors also in men. Its output is the 10-year probability of a major fracture. Because there is no network for early detection of male osteoporosis, the medications available for the reduction of fragility fractures are used in man only rarely and often late. In men with a high fracture risk, the first-line preparations are oral bisphosphonates, the second-line preparations denosumab or zoledronate. In patients with hypogonadism, an additional testosterone substitution has always to be evaluated. Early detection is mainly the task of the general practitioners and the urologists. But gynaecologists should always think of the possibility of male hypogonadism with consecutive osteoporosis in the partners of their female patients consulting for infertility, menopause or sexual problems.  
Key words: Osteoporosis – Man – Hypogonadism – Therapy – Testosterone

Einleitung

Die Osteoporose ist die häufigste Knochenerkrankung. Weltweit tritt alle 3 Sekunden eine osteoporotische Fraktur ein. 2015 litten in der EU 20 Mio. Menschen darunter, davon waren 4.2 Mio. Männer. Die Osteoporose beim Mann wird immer noch stark unterschätzt, unterdiagnostiziert und untertherapiert (1–5), obwohl das Lebenszeitrisiko einer osteoporotischen Fraktur bei einem 50-jährigen Mann 13–25 % beträgt (Tab. 1). Ärzt/-innen, die Paare mit Sexualproblemen und menopausale Frauen betreuen, sollen dafür sensibilisiert sein, denn sie haben am ehesten die Gelegenheit, deren männliche Partner einer rechtzeitigen Abklärung zuzuführen. Zum Beispiel, wenn sie in Rahmen von Eheproblemen auf Symptome treffen, die mit einem männlichen Hypogonadismus vereinbar sind.
Diese Übersicht für Nichtspezialisten soll grundlegende Hinweise zu Erkennung und Abklärung bei Verdacht auf Osteoporose und zum Vorgehen bei erhöhtem Risiko für Fragilitätsfrakturen bei Männern geben.

Beim Mann steigt das Frakturrisiko erst ab dem Alter von 75 Jahren signifikant an, also rund 10 Jahre später als bei Frauen. Männer besitzen dickere Knochen mit massiveren Strukturen. Ihre Peak Bone Mass (PMB; maximale erreichte Knochenmasse) ist grösser als diejenige der Frau. Beide Vorteile senken das Risiko einer Fragilitätsfraktur. Zudem erfolgt die Abnahme der Konzentration der Sexualsteroide und damit die Veränderungen im Knochenstoffwechsel langsamer und gleichmässiger. Der Mann kennt keinen der Menopause vergleichbaren abrupten Funktionsabfall der Gonadenachse mit konsekutiver rascher Abnahme der Bone Mineral Density (BMD).

1 auf 3 Frauen und 1 auf 5 Männer besitzen ein erhöhtes Risiko für eine osteoporotische Fraktur. 68 % betreffen Frauen, 22 % Männer. Die Prävalenz von Vorderarmfrakturen ist bei Frauen im Alter von 50 Jahren ungefähr viermal höher als bei Männern (0.4 % versus 0.1 % der Risikopopulation) mit einer Risiko-Ratio von 4.5 zwischen den Geschlechtern (6).

Die Häufigkeit einer Schenkelhalsfraktur ist mit 70 % bei Frauen grösser als bei Männern mit 30 % (6), allerdings vermindert sich dieser Unterschied mit zunehmendem Alter. In der Dubbo Osteoporosis Epidemiology Study (7) lag bei Schenkelhalsfrakturen das Verhältnis der Inzidenzrate zwischen Männern und Frauen im Alter von 60–69 Jahren bei 1 : 4.5 (95 % CI 1.3–15.7), im Alter von 70–79 Jahren bei 1 : 1.5 (95 % CI 0.9–2.5), und im Alter ≥ 80 Jahren bei 1:1.19 (95 % CI 1.2–2.8).

Andererseits haben Männer nach Schenkelhalsfrakturen eine höhere Mortalität als Frauen (8, 9), vermutlich wegen einer erhöhte Ko-Morbidität und einer höheren Infektionsrate. Bei hospitalisierten älteren Patienten (≥ 60 Jahre alt) betrug die Mortalität nach einer Schenkelhalsfraktur bei Männern 10.2 % gegenüber 4.7 % bei Frauen, die 1-Jahresmortalität 37.5 % bei Männern gegenüber 28.2 % bei Frauen (mediane Aufenthaltsdauer der Überlebenden 8 Tage [interquartiler Bereich 6–13 Tage]). Das erhöhte männliche Risiko kann für mehr als 10 Jahre fortbestehen.

Osteoporose als Folge von ­Hypogonadismus

Der männliche Hypogonadismus mit seiner Abnahme der Testosteronproduktion hat eine Erhöhung des Knochenstoffwechsels zur Folge. Dies führt wiederum über den vermehrtem Knochenabbau zu einem erhöhten Frakturrisiko (10, 11). Doch hat auch beim Mann nicht nur Testosteron, sondern auch Östradiol einen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel (12). Östradiol wird aus Testosteron aromatisiert und korreliert mit diesem direkt. Den hauptsächlichen protektiven Effekt auf den Knochen scheint Östradiol zu besitzen. Jede Abnahme des Testosterons führt somit auch zu einer Senkung von Östradiol und damit zu einer Schwächung seines protektiven Effekts bei beschleunigtem Knochenabbau (10–11).

Das Erkennen eines Hypogonadismus ist beim Mann nicht immer offensichtlich. Die Diagnose folgt oftmals einer Vielzahl von klinischen Zeichen (Tab. 2), die jeweils einzeln oder in Kombination auftreten, aber zum Teil auch fehlen können (13). Für das Erkennen eines Hypogonadismus im Rahmen einer Osteoporoseabklärung ist die Beurteilung der klinischen Bedeutung der jeweiligen Symptome zentral (z.B. Rückenschmerzen oder Kyphose).

Eine Subgruppe des Hypogonadismus stellt die iatrogene Gonadensuppression dar, insbesondere bei Männern mit Prostatakarzinom (14–16). Früher die Kastration, heute die in der Regel medikamentöse Testosteronsuppression induziert gezielt einen supraphysiologischen Testosteronabfall auf das Kastrationsniveau. Ein solcher rapider und subtotaler Testosteronverlust führt zu einem Verlust an Knochendichte im peripheren und zentralen Skelett und zu erhöhter Frakturneigung. Aufgrund der Schwere des induzierten Hypogonadismus bedürfen betroffene Männer eines besonderen Augenmerks hinsichtlich der Einleitung einer Osteoporose-Prophylaxe oder -Therapie im Rahmen regelmässiger Nachsorgeuntersuchungen (16).

Die gleiche Problematik besteht bei der Suppression der Gonadenachse im Rahmen der Gender-Medizin.

Erkennung und Diagnose der Osteoporose beim Mann

Klinische Untersuchung

Zuerst müssen in einer gezielten Anamnese die Risikofaktoren für Osteoporose und Fragilitätsfrakturen herausgearbeitet werden (Tab. 3). Die klassischen Zeichen und Symptome einer Osteoporose sind in (Tab. 4) zusammengefasst.

Osteodensitometrie mittels DXA

Während die konventionelle Radiologie zur Frakturerkennung dient, bleibt die Knochendichtemessung mittels DXA auch beim Mann der Goldstandard zur Diagnose einer Osteoporose (Tab. 5). Die BMD erlaubt es, die Osteoporose zu definieren, aber sie ist nur einer der Risikofaktoren für eine Fragilitätsfraktur. Sie gilt als spezifischer Marker für ein hohes Frakturrisiko, doch ist ihre Sensitivität gering. Personen mit einer niedrigen BMD besitzen individuell ein hohes Frakturrisiko. Allerdings tritt die Mehrzahl aller Frakturen in einer Population mit einem T-Score oberhalb der Schwelle von −2.5 ein (17). Diese Population besitzt individuell betrachtet ein niedrigeres Frakturrisiko, aber sie schliesst viel mehr Personen ein als die osteoporotische Gruppe mit einem T-Score von <2.5.

FRAX®

FRAX® ist ein erstmals 2008 publizierter Computer-basierter Algorithmus (18, 19). Er ist auf den Einsatz in der ärztlichen Grundversorgung ausgerichtet und berechnet bei Männern und Frauen die Probabilität einer Fraktur über einfach erhältliche klinische Risikofaktoren. FRAX® ermittelt die 10-Jahres-Probabilität einer schweren Fraktur (= major fracture; Schenkelhals, Wirbelsäule (klinisch), Oberarm, Handgelenk). Die Wahrscheinlichkeit berechnet sich aus dem Risiko für Fraktur und Tod in Bezug auf Alter, BMI und einfache dichotome Risikofaktoren wie frühere Fragilitätsfrakturen, Anamnese von Schenkelhalsfrakturen bei den Eltern, aktuelles Zigarettenrauchen, Langzeitanwendung von Glucocorticoiden, rheumatoider Arthritis, anderer Ursachen einer sekundären Osteoporose und Alkohol-Abusus.
Optional kann die BMD am Schenkelhals bei der Berechnung von FRAX® eingeschlossen werden. Dadurch wird die Voraussage des Frakturrisikos verbessert.

Laboruntersuchungen

Laboruntersuchungen werden vor allem zur Abklärung einer sekundären Osteoporose benötigt und sind nicht Thema dieser Übersicht.

Prävention und Therapie

Allg. Prävention: ausgewogenen Ernährung, ­Supplemente (20)

Bei Männern mit Osteoporose ist eine ausgewogene Ernährung ein absolutes «must». Für beide Geschlechter dürfen die gleichen Richtlinien verwendet werden.

Wichtig ist eine adäquate Eiweisszufuhr. Bei Risikopatienten scheint ein höherer Proteinkonsum als die übliche für Gesunde empfohlene tägliche Menge die Knochenqualität zu verbessern (21, 22).

Als Grundregel sollten pro Tag 800–1200 mg Calzium über die normale Ernährung aufgenommen werden. Die Gabe eines Calzium-Supplements muss dann erwogen werden, wenn die tägliche Aufnahme unter 800 mg liegt. Eine Supplementation mit Vit D (in der Regel 800 IU) macht für jüngere Männer nur bei erhöhtem Frakturrisiko oder zu niedrigen Vitamin D Spiegel Sinn. Hingegen sollten Männer über 65 Jahren generell Supplemente von Calcium und Vit D erhalten (5, 17) (starke Empfehlung nach 17).

Sturzprävention

Eine neue systematische Übersicht (23) zur Evidenz des Nutzens von körperlichem Training zur Sturzprophylaxe kommt unter Einbezug einer Cochrane Analyse (24) zum Schluss, dass Training das Sturzrisiko um 23 % senkt.

Der Effekt von Stürzen auf das Frakturrisiko ist in FRAX®-plus als Option zur Verbesserung der 10-Jahres Wahrscheinlichkeit einer Fraktur aufgenommen worden (17). In FRAX®-plus wird die Anzahl der eingetretenen Stürze im letzten Jahr angegeben (0, 1, 2 und 3 oder mehr Stürze).

Interventionsschwelle

Beim Mann liegen deutlich weniger Daten zur Berechnung und Definition der Interventionsschwelle für eine Therapie vor als bei der Frau. Die Endocrine Society empfiehlt bei Männern mit hohem Frakturrisiko, eine Behandlung vor allem unter folgenden Voraussetzungen einzuleiten (25):
– Anamnese einer Fragilitätsfraktur von Schenkelhals oder Wirbelsäule
– (Europa) BMD ≤ 2.5 Standardabweichungen unter dem Mittelwert für normale junge weisse Männer (benützen von weissen jungen Männern als Referenzpopulation)
– (USA) solche mit einer BMD innerhalb des osteopenischen Bereichs und einem 20 % 10-Jahresrisikos einer schweren osteoporotischen Fraktur oder einem 10 % Risiko einer Schenkelhalsfraktur.

Die heute verfügbare Evidenz stützt den Gebrauch einer gemeinsamen Interventionsschwelle (T-Score-Schwellenwert) und die Verwendung des weiblichen NHANES Referenz-Bereichs auch für Männer (17, 25). Die in der Schweiz für Männer zu empfehlende Interventionsschwelle zeigt (Abb. 1).

Medikamentöse Therapie

Die erste Wahl zur Behandlung der Osteoporose ist bei Männern mit erhöhtem Frakturrisiko und überschrittener Interventionsschwelle (Abb. 1) die medikamentöse Therapie. Das gleiche gilt für alle Männer mit einer vorbestehenden Fragilitätsfraktur (starke Empfehlung, nach 17). Die Palette der zur Verfügung stehenden Präparate ist die gleiche wie bei der Frau: die Antiresorptiva Bisphosphonate, Denosumab, Romosozumab, und die Anabolica Teriparatid und Abaloparatid. Die Präparate der ersten Wahl bei Männern mit hohem Frakturrisiko sind orale Bisphosphonate (Alendronat oder Risedronat) (starke Empfehlung, 17), zu denjenigen der zweiten Wahl gehören Denosumab oder Zoledronat (starke Empfehlung, 17). Gestützt auf die verfügbaren BMD-Daten gilt Abaloparatid international als Therapie der ersten Wahl für Männer mit Osteoporose und einem sehr hohen osteoporotischen Frakturrisiko (schwache Empfehlung, 17). In der Schweiz ist Abaloparatid seit dem 07.03.2024 zugelassen, doch erst für die postmenopausale Frau. (Abb. 2) zeigt die Wirksamkeit der verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten nach dem Modell von Fuggle et al. (17).

Männern mit sehr hohem Frakturrisiko muss eine sequentielle Behandlung (27) empfohlen werden. Diese wird mit einem knochenbildenden Präparat begonnen, gefolgt von einer antiresorptiven Substanz (starke Empfehlung nach 17).

Die Durchführung der medikamentösen Therapie gehört auch beim Mann in die Hände des Spezialisten. Zur Sicherstellung einer wirksamen Senkung des Frakturrisikos soll auch bei hypogonaden Männern eine medikamentöse Osteoporosetherapie eingesetzt werden, unabhängig von einer Testosteron-Substitution (17).

Substitution mit Testosteron

Der Nutzen einer Testosteronsubstitution auf das Skelett wird kontrovers diskutiert (114). Frakturdaten fehlen. Eine positive Wirkung ist bisher bei einer hypogonaden Population einzig auf die BMD der LWS und des Schenkelhalses erwiesen (28–30).

Doch ist eine zur medikamentösen Therapie zusätzliche Testosteronsubstitution bei Hypogonadismus indiziert. Der Entscheid muss unter Einbezug eines Endokrinologen ganzheitlich gefällt werden. Zu den Entscheidungskriterien gehören die Symptome des männlichen ­Hypogonadismus inklusive Sexualfunktion, das kardiovaskuläre System und der freie oder totale Testosteronwert im Serum.
Bisher wurde beim älteren Mann unter einer physiologisch dosierten Testosterongabe kein Anstieg des kontrovers diskutierten kardiovaskulären Risikos nachgewiesen (31). Die bisherigen RCTs weisen trotz zu geringer Power auf den gleichen Schluss hin. Eine klare Antwort zum kardiovaskulären Risiko könnte die noch laufende TRAVERSE-­Studie geben, in der bei Männern mit hypogonaden Symptomen, niedrigen Serum-Testosteronwerten und hohem kardiovaskulärem Risiko Testosteron gegen Placebo getestet wurde (31, 32). Der primäre Endpunkt der TRAVERSE-Studie ist die kardiovaskuläre Sicherheit.

Schlussfolgerung

Die Osteoporose ist beim Mann unterschätzt und bleibt ein medizinisches und gesundheitspolitisches Sorgenkind. Da es noch kein Netz zur Früherkennung der männlichen Osteoporose gibt, werden die vorhandenen zur Senkung des Frakturrisikos wirksamen Medikamente beim Mann zu wenig und oft zu spät eingesetzt. Der Goldstandard zur Diagnose der Osteoporose ist auch beim Mann die Messung der BMD mittels DXA. Die First-Line Präparate sind bei hohem Frakturrisiko orale Bisphosphonate, die Second-Line-Präparate Denosumab oder Zoledronat. Bei hypogonaden Patienten muss gleichzeitig eine Testosteronsubstitution erwogen werden.

Die Früherkennung ist Aufgabe der Grundversorger und der Urologen. Gynäkologen sollten in Kinderwunsch- und Menopause-Sprechstunden sowie bei einer sexualmedizinischen Beratung beim männlichen Partner vermehrt an einen Hypogonadismus mit erhöhtem Osteoporoserisiko denken.

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PD Dr. med. Frédéric D. Birkhäuser

– Urologie St. Anna
St. Anna-Strasse 32
6006 Luzern
– Senior Consultant
Klinik für Urologie
Universitätsspital Basel

frederic.birkhaeuser@hin.ch

Prof. em. Dr. med. Martin Birkhäuser

Gartenstrasse 67
4052 Basel

martin.birkhaeuser@bluewin.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Osteoporose wird beim Mann unterschätzt. 2015 litten in der EU 20 Mio. Menschen an Osteoporose, davon waren 4.2 Mio. Männer.
  • Gesunde Ernährung mit genügend Proteinen und Ca ist essentiell.
  • Männer über 65 Jahren sollten generell Supplemente von Calcium und Vitamin D erhalten. Sturzprophylaxe empfehlen!
  • Die Knochendichtemessung mittels DXA ist auch beim Mann der Goldstandard zur Diagnose einer Osteoporose.
  • FRAX® eignet sich auch beim Mann zur Ermittlung des 10-Jahres-Frakturrisikos. Die Evidenz stützt eine gemeinsame Interventionsschwelle für Frau und Mann.
  • Wird die Interventionsschwelle überschritten oder liegt eine vorbestehende Fragilitätsfraktur vor, so muss eine medikamentöse Therapie eingeleitet werden.
  • Bei Hypogonadismus und niedrigen Serum-Testosteronwerten muss unabhängig von der medikamentösen Osteoporosetherapie eine Testosteron-Substitution erwogen werden.

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Hämochromatose, Diagnose und Behandlung

Die Hämochromatose ist eine rezessive genetische Erkrankung mit variabler Penetranz, welche zu einer erhöhten Eisenaufnahme aus dem Darm führt. Als Folge kommt es zu einer Eisenüberladung verschiedener Organe, hauptsächlich in der Leber. Zum Suchen einer Eisenüberladung ist die Messung des Ferritinspiegels und der Transferrinsättigung in nüchternem Zustand der erste diagnostische Schritt. Die genetischen Mutationen, die der Krankheit zugrunde liegen, sind vielfältig und je nach ethnischer Gruppe unterschiedlich häufig. Die Therapie durch Aderlässe ist sehr wirksam und sollte nicht durch das Abwarten des Ergebnisses der genetischen ­Analysen verzögert werden. Eine neue Klassifizierung der Krankheit trägt zur besseren Erfassung der genetischen Komplexität bei und erleichtert dem Grundversorger die Betreuung betroffener Patienten.

Haemochromatosis is a recessive genetic disease with variable penetrance, which leads to increased iron absorption from the intestine. This results in iron overload in various organs, mainly in the liver. The first diagnostic step in the search for iron overload is to measure the ferritin level and transferrin saturation in a fasting state. The genetic mutations underlying the disease are diverse and vary in frequency depending on the ethnic group. Treatment by phlebotomy is very effective and should not be delayed by waiting for the results of genetic analysis. A new classification of the disease contributes to a better understanding of the genetic complexity and makes it easier for primary care providers to care for affected patients.
Key words: Haemochromatosis , genetic disease, iron overload

Einleitung und Übersicht

Die Hämochromatose ist eine genetische Erkrankung, die zu einer Störung der Eisenhomöostase mit einer Eisenüberladung im Gewebe führt. Die Krankheit wird durch Mutationen in mindestens fünf Genen verursacht. Dazu gehören sowohl HFE- als auch nicht-HFE-Gene (1). Diese vererbbaren Mutationen beeinträchtigen die Funktion von Hepcidin. Als zentraler Regulator der Eisenhomöostase kontrolliert Hepcidin die Eisenaufnahme im Darm und die Eisenfreisetzung aus Makrophagen durch die Interaktion mit dem Eisen-Exporter Ferroportin (2–4).

Die Penetranz der Mutationen, insbesondere der häufigen HFE-Mutationen, ist sehr variabel und das Vorliegen einer Mutation führt nicht zwangsläufig zu einer Eisenüberladung. Deshalb basiert die Diagnose der Hämochromatose auf phänotypischen Merkmalen, die durch biochemische und radiologische Befunde unterstützt werden. Die genetischen Tests erlauben aber eine präzise molekulare Charakterisierung.

Diagnostik der Hämochromatose

Bei der Anamnese und der klinischen Untersuchung sollte nach hepatischen und extrahepatischen Manifestationen der Eisenüberladung gesucht werden. Zu diesen gehören Müdigkeit, Anzeichen einer Leberzirrhose, endokrinologische Komplikationen (Diabetes, Hypothyreose, Nebenniereninsuffizienz sowie sexuelle oder reproduktive Störungen), kardiologische Komplikationen (darunter Arrhythmien und Herzinsuffizienz), muskuloskelettale Beschwerden (Arthralgien oder Frakturen im Rahmen einer möglichen sekundären Osteoporose) sowie Hyperpigmentierung der Haut. Arthralgien werden einer Studie zufolge von etwa 85 % der Patienten angegeben, vor allem in den Sprunggelenken, Hüften, Händen (typischerweise im zweiten und dritten Metakarpophalangealgelenk) und Handgelenken (5). Die Hämochromatose-Arthropathie präsentiert sich klinisch ähnlich wie eine Arthrose, tritt jedoch bereits bei deutlich jüngeren Patienten auf und ist durch zahlreiche Osteophyten und einen raschen Knorpelverlust gekennzeichnet (5).

Die Eisenüberladung, Transferrinsättigung > 50 % und Ferritin > 300 µg/L bei Männern beziehungsweise > 45 % und > 200 µg/L bei Frauen, sollte primär durch die Messung der Transferrinsättigung gesucht werden, die die erste biochemische Manifestation der Erkrankung darstellt. Transferrin, ein Glykoprotein, ist für den Transport von Eisen in die extrazelluläre Umgebung verantwortlich. Der Wert der Transferrinsättigung unterliegt zirkadianen Schwankungen, daher sollte die Blutentnahme morgens erfolgen. Nüchternheit scheint die diagnostische Aussagekraft nicht zu verbessern (6). Des Weiteren ist zu beachten, dass Alkoholkonsum den Wert der Transferrinsättigung erhöhen kann (7). Ausserdem bleibt der Wert der Transferrinsättigung, selbst nach wirksamer Aderlass-Therapie, tendenziell hoch (1).
Ferritin ist der intrazelluläre Eisenspeicher. Eine Hyperferritinämie ist jedoch nicht spezifisch für die Hämochromatose, sondern kann auch bei systemischer Entzündungen, metabolischem Syndromen, akuter oder chronischer Hepatopathie (inklusiv viraler Hepatitis) und Alkoholkonsum auftreten (8, 9). Bei den oben beschriebenen Krankheiten kann die Hyperferritinämie gelegentlich auch auf eine Eisenüberladung hinweisen, dort gibt es aber keine Evidenz für den Nutzen einer Phlebotomie (10). Bei Hepatitis C und Alkoholkonsum kann eine erworbene Suppression des Hepcidins eine Rolle spielen (11).

Ein isoliert erhöhtes Ferritin korreliert in weniger als 10 % der Fälle mit einer tatsächlichen Eisenüberladung (12), weshalb alternative Ursachen einer Hyperferritinämie ausgeschlossen werden sollten, damit unnötige genetische Tests vermieden werden (13). Die Bestimmung von Hepcidin wird aufgrund variierender Werte je nach eingesetztem Assay und fehlendem internationalen Standard nicht empfohlen (14).

Vor der Diagnosestellung einer Hämochromatose sollte eine Anämie mit sekundärer Eisenüberladung ausgeschlossen werden, da diese Erkrankungen unterschiedliche Ursachen und dementsprechend andere Behandlungsansätze haben. Nicht-transfusionsabhängige Anämien führen aufgrund der ineffizienten Erythropoese zu einer erhöhten Produktion von Erythroferron in den Erythroblasten. Erythroferron führt dann zu Reduktion der Hepcidin Produktion in der Leber (15–17). Transfusionsabhängigen Anämien führen durch repetitive Erythrozyten-Transfusionen zu einer Eisenüberladung (18). Aderlässe sind bei diesen Anämien aufgrund der begleitenden Anämie nicht angezeigt.

Die Bestimmung der Eisenüberladung durch serologische Bestimmung des Eisenstatus ist oft nicht ausreichend spezifisch. Früher war die Leberbiopsie der Goldstandard. Heute wird jedoch die nicht-invasive Bestimmung des Lebereisengehalts mittels MRT bevorzugt, wobei es verschiedene Protokolle ohne internationalen Konsens gibt (10). Bei Patienten mit erhöhten Eisenindizes und Homozygotie für C282Y kann die Diagnose Hämochromatose gestellt werden, ohne dass eine MRT erforderlich ist. Eine Leber-MRT kann jedoch Aufschluss über den Schweregrad der Eisenüberladung geben. Bei Patienten mit anderen Mutationen oder zusätzlichen Risikofaktoren kann eine nicht-invasive Eisenmessung mittels MRT hilfreich sein, um die Notwendigkeit einer Behandlung besser einzuschätzen.

Genetische Varianten und neue Klassifikation

In der Vergangenheit wurde angenommen, dass die Hämochromatose hauptsächlich durch Mutationen im HFE-Gen (insbesondere die Variante C282Y) verursacht wird. Diese Mutation, die in der nordeuropäischen Bevölkerung weit verbreitet ist (19, 20), kommt jedoch in grossen Teilen der Welt, beispielsweise in afrikanischen, asiatischen und indischen Ländern, selten vor oder wurde bisher nicht nachgewiesen (1).

Die Heterogenität und Komplexität der genetischen Defekte, welche die Hämochromatose begünstigen, sowie die fortschreitende Erkennung dieser Defekte dank der Next-Generation-Sequencing (NGS)-Techniken, haben in den letzten Jahren zu einer neuen Klassifikation der Hämochromatose geführt. Diese Klassifikation wurde 2021 von einer Arbeitsgruppe der International Society for the Study of Iron in Biology and Medicine (BIOIRON Society) entwickelt. Diese zielt darauf ab, die genetische Komplexität besser zu berücksichtigen und die Diagnose und Behandlung von Patienten mit Eisenstoffwechselstörungen für Grundversorger zu vereinfachen und somit nicht zu verzögern. Die neue Klassifikation unterscheidet zwischen HFE-assoziierten und nicht-HFE-assoziierten Mutationen sowie di-genetischen oder nicht-molekular definierten Mutationen (Tab. 1).

HFE-Mutationen

Bei den HFE-bezogenen Mutationen ist die homozygote C282Y Mutation am häufigsten. Diese tritt bei etwa 80 % der europäischen Patienten mit diagnostizierter Hämochromatose auf (21), wobei die Prävalenz von Nord- nach Südeuropa abnimmt. Die Penetranz der Krankheit ist selbst bei Patienten mit klassischer Homozygotie für C282Y sehr unterschiedlich und schwer zu prognostizieren. Das Auftreten einer klinisch relevanten Eisenüberladung wird von mehreren Umweltfaktoren-, Lebensstil- und wahrscheinlichen genetischen Kofaktoren beeinflusst. Daher wird die Hämochromatose nicht als monogenetische Krankheit angesehen (22). Die Penetranz der Erkrankung mit Eisenüberladung und Organschäden beträgt bei homozygoter C282Y-Mutation weniger als 50 % bei Männern und ist bei Frauen aufgrund der protektiven Wirkung der Menstruation noch tiefer. Die biochemische Penetranz (erhöhte Serumeisenmarker) ist jedoch höher (23, 24). Genetische Analysen sollten daher niemals vor einer phänotypischen Evaluation erfolgen, da sie allein nicht für die Diagnose der Hämochromatose ausreichen (10). Der Nachweis einer C282Y-Homozygotie zusammen mit erhöhten Serum-Eisenwerten (Ferritin- und Transferrin-Sättigung) sind jedoch ausreichend, um die Diagnose einer Hämochromatose zu stellen.

Die H63D-Mutation ist weit verbreitet und kann eine leichte Eisenüberladung begünstigen, aber weder die Homozygotie H63D noch die kombinierte Heterozygotie C282Y und H63D sind ausreichend für die Entwicklung einer Hämochromatose (25,26). Experten sind daher der Meinung, dass die Untersuchung der H63D-Variante im Diagnoseprozess der Hämochromatose nicht angezeigt ist (10). Im Falle einer relevanten Eisenüberladung mit Nachweis dieser Mutationen muss nach anderen begünstigenden Kofaktoren oder anderen selteneren genetischen nicht-HFE-Mutationen gesucht werden (25, 26).

Nicht-HFE-Mutationen

Zu den nicht-HFE-assoziierten Varianten gehören Mutationen in den Genen TFR2 (Transferrinrezeptor), SLC40A1 (Ferroportin), HAMP (Hepcidin) oder HJV (Hämojuvenil), wobei die beiden letzteren schweren Phänotypen mit früher kardialer und endokriner Beteiligung verursachen. Bei kaukasischen Patienten mit bestätigter Eisenüberladung ohne Nachweis einer HFE-Mutation, bei sehr jungen Patienten oder bei PatienteSchliesslich existieren di-genetische Formen mit Mutationen in zwei am Eisenstoffwechsel beteiligten Genen (sowohl HFE- als auch nicht-HFE-bezogen) und molekulargenetisch nicht definierten Formen. Bei Patienten mit Homozygotie für C282Y und einer schweren Form der Krankheit mit frühem Beginn sollte deshalb nach di-genetischen Mutationen gesucht werden. Bei Betroffenen, bei welchen klinisch eine Hämochromatose vorliegt, ohne dass Kofaktoren oder eine C282Y-Homozygotie nachgewiesen werden können – dies schliesst auch Patienten mit C282Y/H63D-Heterozygotie oder H63D-Homozygotie ein – muss die Diagnose einer molekular nicht definierten Hämochromatose in Betracht gezogen werden und eine Therapie eingeleitet werden (1). n nicht-kaukasischer Herkunft sollte nach Mutationen in diesen Genen gesucht werden (27).

Schliesslich existieren di-genetische Formen mit Mutationen in zwei am Eisenstoffwechsel beteiligten Genen (sowohl HFE- als auch nicht-HFE-bezogen) und molekulargenetisch nicht definierten Formen. Bei Patienten mit Homozygotie für C282Y und einer schweren Form der Krankheit mit frühem Beginn sollte deshalb nach di-genetischen Mutationen gesucht werden. Bei Betroffenen, bei welchen klinisch eine Hämochromatose vorliegt, ohne dass Kofaktoren oder eine C282Y-Homozygotie nachgewiesen werden können – dies schliesst auch Patienten mit C282Y/H63D-Heterozygotie oder H63D-Homozygotie ein – muss die Diagnose einer molekular nicht definierten Hämochromatose in Betracht gezogen werden und eine Therapie eingeleitet werden (1).

Ferroportin Mutationen

Mutationen im Ferroportin (SLC40A1) Gen sind explizit erwähnenswert, da diese sich sowohl klinisch als auch pathophysiologisch von der Hämochromatose unterscheiden (28, 29). Mutationen im SLC40A1 Gen können zu einem Funktionsverlust des membranständigen Eisentransporters führen (loss-of-function). Aufgrund Unfähigkeit des Exports von intrazellulärem Eisen führt dies hauptsächlich zu einer Eisenüberladung in der Milz und in viel geringerem Ausmass in der Leber. Der Grund liegt darin, dass hauptsächlich die Makrophagen der Milz am Abbau gealterter Erythrozyten beteiligt sind. So kommt es zu einer intrazellulären Eisenüberladung der Makrophagen in der Milz. Obwohl die Ferritinwerte bei dieser Erkrankung oft sehr hoch sind, findet sich meist eine normale oder sogar erniedrigte Transferrinsättigung und eine Therapie mit Aderlässen führt häufig zur Entwicklung einer Anämie (1). Die genetische Transmission dieser Mutationen ist, im Gegensatz zur Hämochromatose, autosomal dominant. Bei den wesentlich selteneren Mutationen mit erhöhter Aktivität des Ferroportin aufgrund einer Resistenz gegenüber der negativen Regulation durch Hepcidin (Hepcidin-Resistenz, gain-of-function) kommt es zu einer ungebremsten Absorption von Eisen im Duodenum trotz adäquat hochregulierten Hepcidin. Die Hepcidin-Resistenz führt schlussendlich zu einem klinischen Bild, welches mit jenem der HFE-assoziierten Hämochromatose identisch ist (30).

Sekundäre Organschädigungen

Ist die Diagnose einer Hämochromatose gestellt (Abb. 1), sollten sich alle Betroffenen einem nicht-invasiven Screening auf Leberfibrose mittels Leberelastographie oder des FIB-4-Serologiescores unterziehen. Allerdings existieren aktuell keine evidenzbasierten Empfehlungen für den Grenzwert zum Nachweis einer fortgeschrittenen Fibrose bei Patienten mit Hämochromatose. Die Grenzwerte könnten bei diesen Patienten niedriger sein als bei einer chronischen viralen Hepatitis, alkoholischen oder metabolischen Hepatopathie (31). Bei einem Ferritinwert von < 1000 µg/L ist das Risiko einer schweren Leberfibrose jedoch vernachlässigbar (32, 33). Das Risiko eines hepatozellulären Karzinoms bei Patienten mit Hämochromatose liegt bei 10–30 % und tritt fast ausschliesslich bei Patienten mit einer Zirrhose auf (34, 35). Bei Leberzirrhose ist daher ein halbjähriges Screening mittels Leberultraschall angezeigt (10). Die Messung von Alpha-Fetoprotein kann zusätzlich zu diesem Screening erfolgen (10).

Bei Patienten mit schwerer Eisenüberladung, bei jungen Betroffenen und insbesondere bei Patienten mit Mutationen in den HJV- und HAMP-Genen ist auch eine kardiale Untersuchung mit EKG, Echokardiographie und kardialer MRT angezeigt. Bei klinischem Verdacht auf hormonelle Störungen sollten das Vorliegen von Diabetes, den Sexualhormonstatus sowie die Schilddrüsen-, Nebenschilddrüsen- und Nebennierenfunktion bestimmt werden.

Das Screening von Familienangehörigen beschränkt sich auf serologische Bestimmung des Eisenstatus mit Beginn im erwachsenen Alter. Ein genetisches Screening ist bei HFE-Mutationen aufgrund der variablen Penetranz nicht angebracht. Bei nicht-HFE-Mutationen oder molekular nicht definierten Mutationen sollte jedoch ein gezieltes genetisches bzw. phänotypisches Screening durchgeführt werden (10).

Die Behandlung der Hämochromatose

Die Behandlung der Hämochromatose besteht aus Aderlässen von etwa 400–500 ml, die in der Induktionsphase wöchentlich oder alle zwei Wochen durchgeführt werden, bis ein Ferritinwert von 50 µg/L erreicht ist (dies sollte nach zirka vier Aderlässen überprüft werden) (10). Es folgt eine Erhaltungsphase, in der das Ferritin zwischen 50–100 µg/L gehalten wird, mit Aderlässen (oder auch Blutspenden) alle ein bis vier Monate und Ferritinkontrollen alle sechs Monate. Der Hämoglobinwert ist vor jedem Aderlass zu überprüfen. Bei Werten unter 110 g/L sind die Aderlässe auszusetzen. Wichtig ist auch, die Folsäure und Vitamin B12 Spiegel bei diesen Patienten regelmässig zu überprüfen (10). Phlebotomien haben einen positiven Effekt auf die Müdigkeit, die Leberfibrose (auch in fortgeschrittenen Stadien) und das Überleben von Patienten mit Hämochromatose (36). Die Arthropathie zeigt ein deutlich geringeres Ansprechen und kann auch während der Erhaltungsphase auftreten (10).

Die Chelation mit oralem Deferasirox kann als Zweitlinientherapie bei Patienten mit schwierigem venösen Zugang, Nadelphobie, begleitender Anämie oder schwerer kardialer Eisenüberladung eingesetzt werden (10). Die Evidenz für diese Therapie ist jedoch begrenzt; sie ist bei fortgeschrittener Hepatopathie kontraindiziert und kann Nierenversagen und gastrointestinale Störungen als Nebenwirkungen verursachen (10). Eine relevante Entleerung der Eisenspeicher kann damit nicht erreicht werden, weshalb diese Therapie die Aderlässe in der Induktionsphase nicht ersetzen kann.

Bei der Diagnose Hämochromatose sollten alle Betroffenen, insbesondere solche mit begleitendem metabolischem Syndrom oder übermässigem Alkoholkonsum, eine angemessene Beratung zur dauerhaften Veränderung von Lebensstil und Essgewohnheiten erhalten, auch um unnötige Diäten auf eigene Initiative zu vermeiden. Es ist zu empfehlen, eisenhaltige Nahrungsergänzungsmittel abzusetzen, während über die Reduzierung des Verzehrs von Vitamin C und rotem Fleisch nur ein geringer Konsens besteht (10).

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Dipl. Ärztin Federica Foglia

Hämochromatose Sprechstunde
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Dr. sc. nat. Raphael Buzzi

Hämochromatose Sprechstunde
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Prof. Dr. med. Florence Vallelian

Rare disease Sprechstunde
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Die Autorenschaft hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Hämochromatose wird durch verschiedene HFE- und nicht-HFE-bedingte Mutationen verursacht. Ihre Prävalenz variiert je nach Ethnie und die Penetranz der Krankheit ist unterschiedlich.
  • Die Diagnose basiert in erster Linie auf dem Nachweis einer Eisenüberladung. Die Bestimmung der Transferrinsättigung, des Ferritinspiegels und ein Blutbild sind die ersten diagnostischen Schritte.
  • Die indirekte Bestimmung des Eisengehalts in der Leber mittels Magnetresonanztomographie ermöglicht es, die Leberbiopsie weitgehend zu ersetzen.
  • Die Homozygotie H63D und die kombinierte Heterozygotie H63D und C282Y sind nicht diagnostisch für das Vorliegen einer Hämochromatose.

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Adipositas bei Kindern und Jugendlichen

Häufigkeit und Ausmass von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen hat auch in der Schweiz über die letzten Jahrzehnte hinweg stark zugenommen. Der Haus- oder Kinderarzt ist in der Regel die erste Anlaufstelle für Familien. Er kann das Übergewicht rechtzeitig erkennen und frühzeitig eine geeignete Therapie einleiten. Die Ursachen des Übergewichts sind äusserst komplex und individuell unterschiedlich. Neben einer gestörten Energiebalance spielen genetische und soziale Faktoren eine wichtige Rolle. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sowohl das Übergewicht, als auch die Begleiterkrankungen bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Das Ziel der Behandlung von Kindern und Jugendlichen besteht darin, das Gewicht zu kontrollieren und die Fettmasse langfristig zu verringern und dabei sicherzustellen, dass Wachstum und Entwicklung normal ablaufen.

The frequency and extent of overweight and obesity in children and adolescents have also increased significantly in Switzerland over the last few decades. The family doctor or pediatrician is usually the first point of contact for families who can identify obesity in good time and initiate appropriate treatment at an early stage. The causes of obesity are extremely complex and vary from person to person. In addition to a disturbed energy balance, genetic and social factors play an important role. There is a high probability that both the obesity and the accompanying illnesses will persist into adulthood. The aim of treating children and adolescents is to control weight and reduce fat mass in the long term, while ensuring that growth and development proceed normally.
Key words: Childhood obesity, obesity in adolescents, adiposity comorbidities, weight management, childhood obesity treatment, bariatric.

Hintergrund

In der Schweiz ist rund jedes sechste Schulkind übergewichtig oder adipös. Seit dem Jahr 2005/06 wertet Gesundheitsförderung Schweiz die Angaben der schulärztlichen Dienste zum Body-Mass-Index (BMI) von Schülerinnen und Schülern aus den Städten Basel, Bern und Zürich für das jährliche BMI-Monitoring aus. Die Auswertung der neuesten Daten zeigt, dass im Schuljahr 2020/21 über alle Schulstufen betrachtet 17.4 % der Schülerinnen und Schüler übergewichtig, davon 4.8 % adipös gemessen am BMI waren. Der Vergleich mit früheren Jahren zeigt allerdings, dass der Anteil übergewichtiger Schulkinder in den letzten Jahren stabil bleibt.

Die Häufigkeit von Übergewicht nimmt laut der Daten von Gesundheitsförderung Schweiz bei Kindern und Jugendlichen mit dem Alter zu: so waren im Schuljahr 2020/21 ein Viertel der Jugendlichen in der Oberstufe übergewichtig oder adipös, während im Kindergarten nur jedes 8. Kind von Übergewicht betroffen war (1).

Bis vor einigen Jahren wurde Adipositas lediglich als Risikofaktor für Folgeerkrankungen verstanden, mittlerweile ist sie als chronische Krankheit anerkannt (Abb. 1).

Wer ist zu dick?

Eine Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse pathologisch erhöht ist. Der BMI, definiert als Quotient aus dem gemessenen Körpergewicht in kg und dem Quadrat der in m gemessenen Körpergrösse, stellt ein akzeptables indirektes Mass für die Gesamt-Körper-Fett-Masse dar und wird auch bei Kindern zur Definition von Übergewicht und Adipositas empfohlen. Anders als bei Erwachsenen, bei denen die epidemiologische Definition von Übergewicht und Adipositas durch feste Grenzwerte bestimmt ist, die jeweils auf ein erhöhtes Gesundheitsrisiko hinweisen (Adipositas: BMI > 30 kg/m2, Übergewicht: BMI > 25 kg/m2), sind die Grenzwerte bei Kindern und Jugendlichen aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung altersabhängig. Übergewicht besteht bei einem BMI oberhalb der 90. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentile; die Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist durch einen BMI oberhalb der 97. Perzentile definiert. In der Schweiz werden für die Definition der Adipositas im Kindes- und Jugendalter die deutschen Referenzkurven Kromeyer-Hauschild (2) verwendet. (Tab. 1) (Abb. 2)

Da der BMI nicht nur die Fettmasse sondern die gesamte Körpermasse bestimmt, ist er v. a. im Kindes- und Jugendalter in bestimmten Situationen (puberale Mädchen, Sportler mit viel Muskelmasse, bei Klein- oder Grosswuchs und endokrinen Erkrankungen) nur wenig aussagekräftig. In diesen Fällen ist es angebracht, die Erhöhung der Fettmasse mit alternativen Methoden nachzuweisen, wie z. B. mittels DEXA oder Bioimpedanzanalyse (BIA) (4). Auch die Messung von Taillen- und Hüftumfang sowie die Messung der Hautfaltendicken (5) können zur Beurteilung des individuellen Gesundheitsrisikos verwendet werden (6) (Abb. 3).

Gewichtsassoziierte Komorbiditäten

Ein erhöhter Body-Mass-Index ist ein wichtiger Risikofaktor für nicht übertragbare Krankheiten wie Krebs, Typ-2-Diabetes mellitus, Schlafapnoe sowie Leber- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und geht auch im Kindes- und Jugendalter mit einem erhöhten Morbiditätsrisiko einher (5).

Viele Kinder und Jugendliche mit Adipositas weisen bereits ein oder mehrere kardio-metabolische Risikofaktoren auf, zum Beispiel eine Dyslipidämie, gestörte Glukosetoleranz beziehungsweise Typ-2-Diabetes oder eine Hyperurikämie. Die Anzahl der gewichtsassoziierten Komorbiditäten steigt mit dem Ausmass der Adipositas. Studien haben gezeigt, dass Blutdruck und Ruhepuls mit zunehmendem BMI signifikant ansteigen. Es kann zu einer Beschleunigung von Längenwachstum und Skelettreife kommen, die Pubertät kann vorzeitig einsetzen. Ein nicht unwesentlicher Teil der Betroffenen zeigt bereits deutliche Transaminasenerhöhungen sowie sonografisch eine Steatosis hepatis im Rahmen einer metabolisch-dysfunktionellen steatotischen Lebererkrankung (MASLD; früher nicht-alkoholische Fettlebererkrankung = NAFLD). Ein Genu valgum zeigt sich bei ungefähr 55 % der Kinder mit Adipositas und führt zu Knieschmerzen und begünstigt Arthrosebeschwerden (7).

Besonders schlimm aber ist für die betroffenen Kinder die Stigmatisierung. Sie werden oft gemobbt, haben wenig Selbstvertrauen, sind sozial schlechter integriert. Dies ist häufig mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen, Schlafstörungen und Essstörungen verbunden (8).

Pathogenese der Adipositas

Die Ursache der Adipositas ist multifaktoriell. Neben der gestörten Balance zwischen Energieverbrauch und Energieaufnahme spielen genetische und soziale Faktoren eine wichtige Rolle. Es wird geschätzt, dass der Einfluss der genetischen Veranlagung auf das Körpergewicht ca. 40 %–70 % beträgt (9–11).

Ungünstiges Essverhalten mit ständiger Verfügbarkeit von Süßigkeiten, Fast Food und Softdrinks, mangelnde Bewegung und erhöhter Medienkonsum sind weitere Faktoren, die für den Energiestoffwechsel eine erhebliche Rolle spielen. Aber auch sozioökonomische und soziokulturelle Faktoren wie Migrationshintergrund, Sozialstatus sowie die Prägung durch das soziale und kulturelle Umfeld beeinflussen die Entstehung von Übergewicht und Adipositas. So haben z. B. Kinder, deren Eltern rauchen, ein um 30 Prozent erhöhtes Risiko übergewichtig zu werden (11, 12).

Manche Medikamente wie Glucocorticosteroide («Kortison») und bestimmte Antidepressiva können die Gewichtszunahme beeinflussen und zu Übergewicht führen. ­Endokrinologische Grunderkrankungen der hormonproduzierenden Drüsen, wie beispielsweise eine Schilddrüsenunterfunktion, Cushing Syndrom oder auch Erkrankungen der Hirnanhangdrüse sind bei circa einem Prozent der adipösen Kinder als Ursache zu nennen. An dieser Stelle sei auch auf einige seltene monogenetische Formen der Adipositas hingewiesen, wie z. B. Leptin-Defizienz, Leptin-Rezeptor Defekte oder Mutationen/Polymorphismen des Melanocorticoidsystems, welche durch eine rapide postpartale Gewichtszunahme mit ausgeprägter Hyperphagie charakterisiert sind und sich zum Teil bereits heute gezielt behandeln lassen. Ebenso wichtig ist das Erkennen einer Adipositas im Rahmen von syndromalen Erkrankungen, wie beispielweise das Prader-Willi oder Bardet-Biedl-Syndrom.

Verlauf

Übergewicht wächst sich leider nicht aus. Pädiatrische Adipositas- und populationsbasierte Studien zeigen, dass das Übergewicht sich in den seltensten Fällen spontan «auswächst» und die erfolgte Gewichtszunahme vom 7. Lebensjahr an bis ins Erwachsenenalter meist beibehalten wird. Je älter (> 11–12 J.) und je adipöser die Kinder sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsene unter einer Adipositas zu leiden (66 bzw. 77 %). Epidemiologische Daten zeigen zudem, dass Kinder, welche zwischen dem 2. und dem 6. Lebensjahr schnell an Gewicht zunehmen, meist eine persistierende Adipositas entwickeln, so dass diese Alterspanne offensichtlich eine besonders vulnerable Lebensphase darstellt (13). Wenn mindestens ein Elternteil adipös ist, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines übergewichtigen Kindes um ca. 30 % gegenüber einem Kind normalgewichtiger Eltern, bis ins Erwachsenenalter adipös zu bleiben (14).

Diagnostik von Grund- und Folgeerkrankungen der Adipositas

Um wirksame Massnahmen rechtzeitig einleiten zu können, ist es wichtig, das Übergewicht rechtzeitig zu erkennen und als gesundheitliches Problem ernst zu nehmen. Bei wertschätzender Grundhaltung sollte das Übergewicht im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen von Haus- oder Kinderärzten immer angesprochen werden. Oft erkennen die Eltern weder das eigene Übergewicht noch das des Kindes.

Die Indikationen für Diagnostik und Therapie sind dem Ausmass und Verlauf des Übergewichtes und den anamnestischen Risiken entsprechend gestaffelt. Eine gründliche medizinische Untersuchung und Blutentnahme zur Labordiagnostik ist bei allen Kindern mit einem BMI über P. 97 indiziert. Bei Übergewicht (BMI > P. 90 < P. 97) ist eine medizinische Diagnostik angeraten, wenn die Familienanamnese bei Verwandten 1. oder 2. Grades positiv für Adipositas oder Begleiterkrankungen (Typ-2-Diabetes, frühe atherosklerotische Erkrankungen, arterieller Hypertonus, Hypercholesterinämie) ist, eine gewichtsassoziierte Komorbidität vorliegt und/oder Risikofaktoren, wie Erhöhung von Gesamtcholesterin, Glucose oder Blutdruck u. a. beim Kind bekannt sind. Aber auch bei auffallend starkem BMI-Anstieg (z. B. > 3 kg/m2 pro Jahr) sollte eine umfassende Abklärung von kardiometabolischen Risikofaktoren oder gewichtsassoziierten Komorbiditäten erfolgen (Tab. 2) (15).

Therapie von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen

Das primäre Anliegen einer pädiatrischen Adipositastherapie ist nicht, das Körpergewicht zu senken, sondern eine langfristige Verbesserung des Gesundheitszustandes zu erreichen. Kinder im Wachstum weisen eine normale Gewichtszunahme von 3–4 kg pro Jahr auf. Ziel sollte sein, die Gewichtszunahme zu verlangsamen und unterhalb dieser Spanne zu halten, jedoch nicht das Gewicht zu reduzieren.
Eine Therapie ist immer indiziert bei Adipositas (BMI > 97. Perzentile, Taillenumfang oder Fettmasse über P. 97 respektive +2 SD) oder bei Übergewicht (BMI zwischen 90. und 97. Perzentile) und dem Vorliegen mindestens einer der folgenden Krankheiten, deren Prognose sich durch das Übergewicht verschlechtert oder die eine Folge des Übergewichts ist: Arterielle Hypertonie, Typ-2-Diabetes mellitus, gestörte Glukosetoleranz, endokrine Störungen, Syndrom der polyzystischen Ovarien, orthopädische Erkrankungen, metabolisch-dysfunktionelle steatotische Lebererkrankung, respiratorische Erkrankungen, Glomerulopathie oder Essstörungen in psychiatrischer Behandlung.

Strukturierte pädiatrischen Adipositastherapie

Seit Anfang 2014 können Kinder und Jugendliche gemäss der strukturierten pädiatrischen Adipositastherapie in der Schweiz umfassend behandelt werden (16). Wenn die Indikation für eine Therapie gegeben ist, können die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aus der Pädiatrie oder der Hausarztmedizin 6 Monate lang neben den eigenen Konsultationen die multiprofessionelle strukturierte ­Individualtherapie (MSIT) verordnen (max. 6 mal Er­nährungsberatung, 2 mal Physiotherapie). Wenn nach 6 Monaten der BMI o. a. Parameter oder die psychische/somatische Komorbidität zugenommen haben, soll der Patient an ein multiprofessionelles Gruppenprogramm (MGP) oder eine/n Adipositasspezialist/in für Kinder und Jugendliche überwiesen werden. Die Interventionen umfassen Massnahmen zur Verhaltensänderung in Bezug auf gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, seelisches Wohlbefinden und Bildschirmarbeit. Die Programme beziehen Eltern und Kinder (getrennt und/oder gemeinsam) ein und können in Gruppen-, Einzel- oder Familiensitzungen durchgeführt werden.

Bariatrische Chirurgie

Als Therapie der ersten Wahl gelten konservative Behandlungen (Lebensstil-Interventionen), die multimodal und strukturiert durchgeführt werden müssen. Wenn jedoch die konservativen Therapiemöglichkeiten über 2 Jahre erfolglos ausgeschöpft sind, stellen operative Verfahren in zunehmendem Maße eine effektive Therapieoption auch für Jugendliche mit morbider Adipositas dar. Zu betonen ist, dass die bariatrischen Operationsverfahren nicht über eine mechanische Einschränkung der Nahrungszufuhr und Verminderung der Makronährstoffresorption wirken, sondern über komplexe neuroendokrine Wirkmechanismen, die Hunger- und Appetitregulation beeinflussen. Die Indikationsprüfung für eine bariatrische Operation muss nach den Richtlinien zur operativen Behandlung von Übergewicht der SMOB an einem SMOB anerkannten bariatrischen Referenzzentrum (www.smob.ch) in Zusammenarbeit mit einem zertifizierten pädiatrischen Adipositas-Referenzzentrum vorgenommen werden (Tab. 3).

Prospektive Studien haben bislang mittel- bis langfristige Ergebnisse nach bariatrischen Operationen untersucht. Eine Metaanalyse, die 29 Kohortenstudien mit kumulativ 4970 Patienten einschloss, zeigte eine durchschnittliche Reduktion des BMI um 13.1 kg/m2 sowie hohe Remissionsraten von vorbestehenden Komorbiditäten wie Typ-2-Diabetes mellitus (90 %), Dyslipidämie (77 %), arterielle Hypertension (81 %), Schlafapnoe (81 %), und Asthma (92.5 %) (18). Weitere Daten zeigen 8 Jahre nach Roux-en-Y Magenbypass Operation einen Gewichtsverlust von 29 %, entsprechend einer BMI-Reduktion von 16.9 kg/m2 (19). Nach einer Sleeve-Gastrektomie betrug die mittlere BMI-Reduktion nach 7 Jahren rund 16.3 kg/m2.

Neben den operationsassoziierten Risiken wie kardiorespiratorische Probleme, tiefe Beinvenenthrombose mit ggf. nachfolgender Lungenembolie, Anastomoseninsuffizienzen und Wundheilungsstörungen sind v. a. die längerfristigen Komplikationen wie gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, GERD), Mikronährstoffmängel (Eisen, Vitamin B1, Vitamin B12, Vitamin D, Folsäure, Zink), Elektrolytverschiebungen mit Dehydratation bis hin zur Reduktion der Knochendichte zu beachten (20–22). Eine systematische Nachsorge ist daher obligat.

Medikamentöse Therapie

Wenn eine multiprofessionelle Therapie nicht ausreichend wirksam ist, steht für Kinder und Jugendliche mit Adipositas ab 12 Jahren eine medikamentöse Therapie mit den Glucagon-like Peptid-1 (GLP-1) Rezeptorantagonisten Liraglutid (Saxenda®) und Semaglutid (Wegovy®) zur Gewichtsreduktion zur Verfügung. Das Medikament kann bei einem Körpergewicht ≥ 60 kg und einer Adipositas gemäss den dafür international akzeptierten Grenzwerten (entspricht einem BMI ≥ 30 kg/m2 bei Erwachsenen) in Ergänzung zu gesunder Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität eingesetzt werden.

GLP-1-Rezeptoragonisten wirken auf verschiedenen Wegen in den zentralnervösen Zentren der Hunger- und Appetitregulation. Das Hungergefühl wird reduziert, das Sättigungsempfinden erhöht sowie das Verlangen nach Nahrung reduziert. Wie die Zulassungsstudien zeigten, reduziert eine Behandlung mit Liraglutid nach 56 Wochen das Körpergewicht um durchschnittlich 5 % (23), während Semaglutid das Körpergewicht um durchschnittlich rund 16 % nach 68 Behandlungswochen reduziert (24). Die häufigsten Nebenwirkungen von Liraglutid sind gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen und Obstipation, weshalb etwa 10 % der behandelten Jugendlichen die Therapie nicht tolerieren und daher beenden müssen.

Prävention von Übergewicht und Adipositas durch den Hausarzt

Aktuelle Studien fokussieren zunehmend auf die Wichtigkeit und Effektivität der früh einsetzenden Förderung eines gesunden Körpergewichts im Kindes- und Jugendalter. Die Vermittlung einer gesundheitsförderlichen Lebensweise sollte so früh wie möglich im Leben ansetzen und die Familien, Kinder und Jugendlichen in ihren Lebenswelten erreichen. Hausärztliche sowie pädiatrische Praxen sind in der Regel erste Ansprechpartner der Familien im Hinblick auf die Betreuung von gesundheitlichen Problemen und spielen daher im Kontext von Übergewichts- und Adipositas-Prävention eine entscheidende Rolle. Im engen und wiederkehrenden Kontakt mit Kindern und Familie sollte die Förderung eines körperlich aktiven Lebensstils sowie die Verbesserung der Auswahl an energiearmen und gleichzeitig nährstoffdichten Nahrungsmitteln (zum Beispiel Obst, Gemüse und Salat) und die Anpassung der Portionsgrössen immer thematisiert werden.

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Dr. med. Katrin Heldt

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Päd. Endokrinologie und Diabetologie
Interdisziplinärer Schwerpunkt Psychosomatische und
Psychosoziale Medizin (SAPPM)
Stoffwechselzentrum St. Gallen
friendlyDocs AG
Lerchentalstrasse 21
9016 St. Gallen

Prof. Dr. med. Bernd Schultes

Stoffwechselzentrum St. Gallen, friendlyDocs AG
Lerchentalstrasse 21
9016 St. Gallen

stoffwechselzentrum@friendlydocs.ch

Bernd Schultes ist Vize-Präsident der SMOB. Er erhält Vortrags­honorare und Beratungshonorare von Novo Nordisk und Eli Lilly, sowie finanzielle Forschungsunterstützung durch Novo Nordisk.

  • Bei Kindern und Jugendlichen wird Übergewicht und Adipositas altersabhängig anhand von BMI-Perzentilen definiert.
  • Im Rahmen der Primärversorgung sollte immer gezielt auf das Vorliegen von Übergewicht untersucht und bei Vorliegen das Thema in einer respektvollen Weise angesprochen
    werden.
  • Bei Vorliegen von Übergewicht sollte eine Basisdiagnostik erfolgen und eine strukturierte Therapie angeboten werden.
  • Multiprofessionelle strukturierte Therapieprogramme werden in der Schweiz bei gegebener Indikation seitens der Krankenkasse finanziert und sollten betroffenen Kindern und Jugendlichen angeboten werden.
  • Die bariatrische Chirurgie kann bei Jugendlichen mit extremer Adipositas hilfreich sein, wobei die Indikation differenziert und interdisziplinär gemäss den SMOB-Richtlinien gestellt und eine strukturierte Nachsorge sichergestellt werden muss.
  • Mit Liraglutid und Semaglutid stehen zwei GLP-1 Rezeptoragonisten zu Verfügung, welche zur Gewichtsregulation ab einem Alter von 12 Jahren eingesetzt werden können.

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ESMO 2024: Neue Daten zum Melanom

Prof. Roger von Moos, Direktor Tumor- und Forschungszentrum, Kantonsspital Graubünden, Chur und Chefredaktor bei info@ONCO-SUISSE kommentiert neue Daten zum Melanom.

Eleonore E. Droux, Verlegerin des Aerzteverlag medinfo AG, und Prof. Dr. med. Roger von Moos, Chefredaktor der info@onco-suisse, waren live am ESMO in Barcelona, um für unsere Kongress-Zeitung über die aktuellen Ergebnisse zu berichten.

Daten zum neoadjuvanten Setting

 

Daten zum metastasierten Melanom

 

Non-CF-Bronchiektasen – Ursachen, Abklärung, Therapie

Eine Bronchiektasen-Erkrankung liegt vor bei chronisch produktivem Husten, Atemnot oder einer Vorgeschichte mit Exacerbationen im Zusammenhang mit dem Nachweis von Bronchiektasen im CT-Thorax. Die Prävalenz von Bronchiektasen nimmt seit einigen Jahren zu, so dass diese Patienten nicht mehr nur von Pneumologen betreut werden. Kenntnisse über zugrundeliegende Erkrankungen, die therapeutischen Möglichkeiten und potentielle Komplikationen gehören unterdessen in das Repertoire von Grundversorger/-innen. Es werden CF-Bronchiektasen (Bronchiektasen bei Patienten mit zystischer Fibrose) und Non-CF-Bronchiektasen unterschieden. Weiter gibt es Traktionsbronchiektasen, welche im Zusammenhang mit fibrotischen Lungenparenchym­veränderungen auftreten, klinisch aber ohne Relevanz sind. In diesem Artikel wird nur auf die Non-CF-Bronchiektasen eingegangen.

A diagnosis of bronchiectasis is considered in patients with chronic productive cough, shortness of breath, and a history of exacerbations along with the detection of bronchiectasis on a chest CT scan. The prevalence of bronchiectasis has been increasing, meaning that these patients are no longer only treated by pulmonologists. Knowledge about the underlying conditions, therapeutic options, and potential complications has become essential for general practitioners too. There are CF (cystic fibrosis) bronchiectasis and non-CF bronchiectasis. Additionally, there are traction bronchiectasis, which occur in the context of fibrotic changes in the lung parenchyma but are clinically irrelevant. This article focuses only on non-CF bronchiectasis.
Key words: Non-CF Bronchiectasis, Etiology, Mucociliary Clearance, Exacerbations, Secretion Management, Therapeutic Approaches

Einleitung

Non-CF-Bronchiektasen können als alleinstehendes Krankheitsbild oder im Rahmen einer Grunderkrankung auftreten. Die Entstehung wird als Folge einer Wechselwirkung zwischen gestörter mukoziliärer Clearance, Infekt, Entzündung und destruierter Bronchialwand gesehen. Es entsteht ein Teufelskreis, welcher zur Erkrankung führt (1). Die Prävalenz in Europa liegt je nach untersuchter Population zwischen 67 und 500 Patienten pro 100 000 Einwohner.

Ursachen der Bronchiektasen

Am häufigsten sind postinfektiöse Bronchiektasen. Bronchiektasen können auch im Zusammenhang mit COPD oder Asthma auftreten und den Krankheitsverlauf komplizieren. COPD-Patienten mit Bronchiektasen haben beispielsweise häufiger Exacerbationen. Eine Immunsuppression oder aber eine überschiessende Immunreaktion (z. B. Autoimmunerkrankungen oder allergische bronchopulmonale Aspergillose (ABPA)) können ebenfalls zu Bronchiektasen führen. Bei rund einem Drittel der Bronchiektasien bleibt die Ursache auch nach einer systematischen Abklärung offen. Sie fallen in die Gruppe der idiopathischen (oder kryptogenen) Bronchiektasen. Eine umfassende Zusammenstellung der Ursachen entnehmen Sie der Tab. 1.

Bronchiektasen-Erkrankung

Die typischen Symptome von Bronchiektasen sind ein produktiver Husten (chronisch oder nur intermittierend) und Dyspnoe. Oft haben Patienten eine Vorgeschichte mit Exacerbationen oder Haemoptoe. Vor allem im Zusammenhang mit Exacerbationen bestehen eine Malaise und ein Gewichtsverlust, selten Thoraxschmerzen. Das Ausmass der Beschwerden variiert stark, oft ist die Lebensqualität aber in relevantem Masse eingeschränkt.

Die radiologische Definition von Bronchiektasen im CT-Thorax ist in der Tab. 2 aufgeführt. Nur wenn Bronchiektasen von typischen Symptomen begleitet werden, liegt eine Bronchiektasen-Erkrankung vor. Ein Zufallsbefund im CT-Thorax ohne Beschwerden und ohne Vorgeschichte mit Exacerbationen hat klinisch keine Relevanz und muss in der Regel nicht abgeklärt werden.

Abklärungen

Die Abklärung von Bronchiektasien hat zum Ziel, eine behandelbare Ursache («treatable traits») zu finden und /oder häufige Komorbiditäten zu identifizieren. Siehe dazu Tab. 3. Die Komorbiditäten müssen nicht zwingend die Ursache der Bronchiektasen darstellen, sie verstärken aber die Symptome und komplizieren den Verlauf.

Die Basisdiagnostik besteht aus Laboruntersuchungen, Sputumanalyse und einer Lungenfunktion. Je nach der klinischen Einschätzung folgen weitere Spezialuntersuchungen. Vergleiche hierzu Abb. 1. Es sei auch auf ausführliche Guidelines hingewiesen, z. B. die soeben aktualisierte Leitlinie der DGP (2).

Therapie

Die Ziele der Therapie sind die Symptomkontrolle, der Erhalt der Lungenfunktion und das Verhindern von Komplikationen. Bisher gibt es keine zugelassene spezifische Therapie für Non-CF-Bronchiektasen. Alle hier angegebenen Therapien entsprechen einem Off-Label-Use.
Am Anfang steht die Behandlung der Grunderkrankung, falls eine solche gefunden werden konnte. Die Eckpfeiler der Behandlung der Bronchiektasen bestehen aus:
1. Allgemeinmassnahmen wie Impfungen, Rauchstopp, körperliche Aktivität und pulmonale Rehabilitation,
2. dem Sekretmanagement und
3. der Kontrolle der Entzündung und Infektion. Siehe auch die Abb 1.

Das Sekretmanagement hat zum Ziel, die mukoziliäre Clearance zu verbessern. Dies geschiet mit regelmässiger Inhalation von hochprozentiger NaCl-Lösung und anschliessendem Abhusten des gelösten Sekretes (Autodrainage). Eine effiziente Autodrainage kann bei einer spezialisierten Physiotherapie erlernt werden. Der zeitliche Aufwand für das Sekretmanagement ist beträchtlich.

Exacerbation

Eine Exacerbation liegt vor, wenn der Husten und die Dyspnoe zunehmen, das Sputum putrider wird oder zusätzlich eine Haemoptoe vorliegt. Die Präsentation kann sehr unterschiedlich sein, oft sind Malaise und Gewichtsverlust assoziiert.

Exacerbationen nehmen eine besondere Stellung ein und sind charakteristisch für die Bronchiektasen-Erkrankung. Sie beeinflussen die Lebensqualität, den Verlauf der Lungenfunktion, den Bedarf an medizinischen Ressourcen und die Prognose. Eine Exacerbation wird mit Antibiotika während 10–14 Tagen behandelt. Die Antibiotikawahl stützt sich auf die letzte verfügbare Sputummikrobiologie. Falls keine vorliegt, erfolgt die Therapie empirisch. Die häufigsten Keime sind Haemophilus influenzae, Enterobacterioceae, Staphylococcus aureus, Pneumokokken oder aber Pseudomonas aeruginosa und auch Viren. Mit zunehmendem Antibiotikabedarf steigen die Resistenzen, eine orale Antibiotikatherapie ist dann nicht mehr möglich.

Ein Phänotyp ist der «frequent exacerbator». Diese Patienten haben pro Jahr mindestens zwei behandlungsbedürftige Exacerbationen oder eine Exacerbation mit Hospitalisationspflicht. Es sind die Patienten mit dem schwersten Krankheitsverlauf. Sie qualifizieren für eine langdauernde Immunmodulation mit Azithromycin oder aber eine inhalative Antibiotikatherapie über mehrere Monate, gelegentlich gar unbefristet. Die Reduktion der Exacerbationen durch diese zwei Massnahmen ist signifikanter bei chronischer Infektion mit Pseudomonas aeruginosa.

Beim Erstnachweis von Pseudomonas aeruginosa ist eine Eradikationstherapie empfohlen. Es gibt verschiedene Kombinationsmöglichkeiten aus oralen, intravenösen und inhalativen Antibiotika, siehe hierzu die Empfehlungen der European Respiratory Society (ERS) (3). Die Erfolgschance einer anhaltenden Eradikation nach 12 Monaten liegen um 50 %.

Etwas komplexer wird die Behandlung bei multiresistenten Keimen oder Keimen mit einem anspruchsvollen Therapieschema, wie es bei nichttuberkulösen Mykobakterien der Fall ist. Diese Patienten gehören in eine spezialisierte Sprechstunde.

Bei fehlendem Ansprechen auf die Antibiotikatherapie muss differentialdiagnostisch an neue Resistenzen, neue Keime wie NTM, eine fehlende Therapieadhärenz, an Komplikationen wie ein Empyem oder an eine alternative Diagnose wie z. B. an eine ABPA gedacht werden.
Es ist wichtig, die Patienten über das Krankheitsbild mit chronischem Verlauf aufzuklären und die Therapieansätze zu erläutern. Ein Krankheitsverständnis verbessert die Therapieadhärenz auch langfristig. Es ist zudem wichtig, dass Patienten eine Exacerbation erkennen und sich rechtzeitig ärztlich vorstellen.

Komplikationen

Die häufigsten Komplikationen sind Haemoptoe, Lungenabszess, Pleuraempyem, Pneumothorax, eine ventilatorische Insuffizienz oder ein Cor pulmonale. Nur in ausgewählten Situationen hat ein operatives Vorgehen oder eine Lungentransplantation einen Stellenwert.

Ausblick

Die Prävalenz wird weiter steigen. Umso wichtiger ist es, dass die Patienten früh erkannt werden und eine Basistherapie erhalten. Es gibt mehrere europäische Kohorten mit Non-CF-Bronchiektasen, welche neue Erkenntnisse und Therapieansätze liefern werden. Es zeichnet sich ab, dass der eosinophile Endotyp auch bei Non-CF-Patienten eine gewisse Relevanz hat; Studien mit spezifischen Antikörpertherapien wie Mepolizumab und Benralizumab sind unterwegs. Aber auch die neutrophile Entzündungskaskade ist ein neuer Angriffspunkt: Brensocatib, ein oraler Antikörper gegen die neutrophile Elastase, dürfte bald die Zulassung erhalten bei Non-CF-Bronchiektasen. Studien zeigten eine signifikante Reduktion von Exacerbationen (4). Es wäre das erste zugelassene spezifische Medikament für Non-CF-Bronchiektasen.

Abkürzungen
ABPA: allergische bronchopulmonale Aspergillose (endobronchiale Hypersensibilisierung auf Aspergillen)
CF: Cystische Fibrose
NTM: nichttuberkulöse Mykobkterien
PCD: primäre Ziliendysfunktion

Copyright Aerzteverlag medinfo A

KD Dr. med. Urs Bürgi

Chefarzt Pneumologie / Schlafmedizin
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Die Bedeutung von Non-CF-Bronchiektasen in der Grundversorgung nimmt zu. Die Abklärung einer möglichen Ursache beinhaltet die Bestimmung von Immunglobulinen, HIV, Alpha-1-Antitrypsin, Rheumaserologien und eine Sputumuntersuchung. Die Therapieziele sind die Symptomkontrolle, der Erhalt der Lungenfunktion und das Verhindern von Komplikationen wie Infektektexacerbationen und Haemoptoe. Dies wird erreicht mit der Behandlung der Grunderkrankung, der Sekretdrainage und einem gezielten Einsatz von Antibiotika. Neuere Therapieansätze, welche auf die neutrophile und eosinophile Entzündungskaskade abzielen, sind in greifbarer Nähe.

1. O’Donnell. Bronchiectasis – A Clinical Review. NEJM 2022;387:533-45
2. S2k-Leitlinie Management erwachsener Patientinnen und Patienten mit Bronchiektasen-Erkrankung. Version 1.2 – Mai 2024. AWMF Online
3. Polverino. European Respiratory Society guidelines for the management of adult bronchiectasis. Eur Respir J. 2017 Sep 9;50(3):1700629.
4. Chalmers. Dipeptidyl peptidase 1 inhibition as a potential therapeutic approach in neutrophil-mediated inflammatory disease. Front Immunol. 2023 Dec 14:14:1239151.
5. Aliberti. Criteria and definitions for the radiological and clinical diagnosis of bronchiectasis in adults for use in clinical trials: international consensus recommendations. Lancet Respir Med. 2022 Mar;10(3):298-306.
6. Quellhorst L, Barten-Neiner G, de Roux A et al. Psychometric Validation of the German Translation of the Quality of Life Questionnaire-Bronchiectasis (QOL-B)-Data from the German Bronchiectasis Registry PROGNOSIS. J Clin Med 2022; 11
7. Pasteur MC. Pasteur. An Investigation into Causative Factors in Patients with Bronchiectasis. Am J Crit Care Med 2000 Oct;162(4 Pt 1):1277-84.